Zweiundzwanzigstes Kapitel

Nach ein paar Herzschlägen der Schadenfreude eilte Doña Leonore, als erinnerte sie sich einer frommen Pflicht, vor den kleinen Hausaltar hin, warf sich dort auf die Knie und schien in Andacht versunken.

Der Vikar wäre nicht der geschulte Weltmann in der Kutte gewesen, wenn er in der Überrumpelung seines Gemütes steckengeblieben wäre. Bald begann die kniende lebendige Statue seine Sinne zu beschäftigen. Üppige schwere Goldflechten, in einem blauseidenen Netz gefangen, senkten sich auf den bräunlichen Nacken, die Rückenlinie der Knienden fiel in einer herrlichen Biegung nach den Füßen hinab, und in der ganzen Gestalt rauschte das erregte Leben. Wiewohl der Pater wußte, daß ihr Gebet sammlungslos war, wollte er doch kein störendes Willkommwort hineinwerfen.

Endlich erhob sie sich und warf ihre Erscheinung ins Licht. „Ich bin da,“ sagte sie mit ihrer bestrickenden Wohllaune. „Euer Ehrwürden haben doch nach mir verlangt.“

Der dunkelgrüne Taft mit der silbernen Stickerei schimmerte wie eine Schlangenhaut an ihrem ebenmäßig geformten Leib. Der rote Mantel darüber, mit rosafarbenem Felbel gefüttert, legte die Farbe der Liebe in ihr Wesen, und um Hals und Arme gleißte der irdische Reichtum in Form goldener Reifen. Mit dem Lächeln der Siegerin sahen die zwei schön gebetteten Samtaugen unter dem Schutz seidener Wimpern auf den betroffenen Mönch.

Dieser rückte verlegen mit den Schultern hin und her. Wenn diese ein paar Augenblicke früher gekommen wäre! Ihr wildjagendes Herz hätte allerlei Argwohn zusammengebraut. „Wohl verlangte ich nach Euch. Aber zu so später Stunde —?“

„Als ob es für den Mann, der gewohnt ist, stündlich eine neue Seele einzufangen, auf die Stunde ankäme, in der sich ihm ein Herz ergibt.“

Der Mönch entsann sich eines alten Spruches: Wenn ein Weib lächelnd zu dir kommt, wende dich ab, wenn du nicht willst, daß deine Rechtlichkeit in ihrem Lächeln ertrinke.

„Ihr wolltet nach den Teppichen in Santa Clara fragen. Ich bringe Euch die Antwort selbst. In zwei Monaten werden die Teppiche in der Capilla Real hängen. Ich habe darüber dem König geschrieben.“

„Ihr — schreibt dem König?“ fragte der Vikar verwundert. „Ich dachte —“

Sie senkte die schwarzen Wimpern. „Daß alles vorbei wäre? Es wird vielleicht wieder seinen Anfang nehmen, ohne daß ein gewisser Pater die Hände dabei im Spiel zu haben braucht. Beim erstenmal braucht man geistliche Hilfe, um sein Gewissen zu beruhigen. Das zweitemal handelt man freier.“

„Und vergißt so den Dank, den man — aber im Ernst, ich dachte, daß nun Graf Nuñez de Castro der glückliche Besitzer dieses Herzens —“

„Ach, seine nächtliche Musik wirkt einschläfernd,“ sagte Doña Leonore gelangweilt. „Und bei Tag droht er mich mit gezierten Reden auszuhungern.“ Sie sah sich lauernd um. „Es ist doch kein Frauenkleid in der Nähe? Der Beichtstuhl ist sorgfältig verhüllt. Ganz wie einst.“ Sie lüftete den Vorhang. „Ihr erlaubt einer alten Freundin die Kühnheit, die hier mehr als einmal die Sorgen ihrer Seele und — ihres Herzens abgeladen. Wie lang ist das her? Wartet — nun wird es sich bejähren, daß ich das letztemal —“

„Ihr seid in Atem,“ sagte Leon mit zusammengewürgter Kehle. „Die alten Erinnerungen zu so ungewöhnlicher Stunde —“

„Auch ich möchte so gern alles begraben wissen — aber der Ort, wo der Rausch sich zum letztenmal ausgetobt, stimmt nicht zur Totengräberarbeit. Man durchwühlt sein Herz, ob nicht noch ein Restchen Leben in der Leiche seines Glücks ist.“ Sie schmeichelte selbstgefällig ihre Glieder in einen schweren Stuhl. „Warum habt Ihr eigentlich damals dem König den Sieg über mich so leicht gemacht? Dem Sieger so willig den Platz geräumt?“

„Doña Leonore — dies alles — jetzt —?“ Pater Leon saß an dem Betpult, wo früher Maria de Calabreña gekniet hatte. „Es ist doch alles vorbei, seit der König mir den Schatz genommen.“

„Genommen? Ihr verwechselt die Begriffe.“ Die lilienweißen Zähne malmten die Worte in Unmut. „Gesteh doch, amigo, in diesem Beichtstuhl lag damals schon ein anderes Geschöpf deiner Freude — Ena de Isla —, ach, deine Augen trüben sich in der Nachtrauer um die schöne, früh gestorbene Jungfrau. Hättest du ihr frühes Ende geahnt, du hättest mich vielleicht gar in Gnaden wieder aufgenommen, wenn ich auch mittlerweile in einem Königsbett gelegen bin. Dein Schweigen setzt das Siegel unter mein Wort. Du hast Ena de Isla geliebt — und wer — wer“ — sie spannte mit den Augen den Bogen nach ihm — „wer ist jetzt an der Reihe?“

Der Vikar riß den Oberleib zurück. „Leonore! Es ist wahr, Ena war mir ein herber Verlust, aber es war schmerzvoller, eine Leonore de Uceda an einen König zu verlieren. Diesem Grab winkt keine Auferstehung.“

„Und doch habt Ihr mich selbst begraben.“

„Ich wollte dem König dienen, weil sich alle seine Fibern nach Eurer Schönheit spannten.“

„Haha!“ lachte sie schrill. „Dein Herz war nicht immer ein Altar Gottes. Du großer Sünder in Liebe! Berechnung war der Vater deines Gefühls. Meine Erhöhung sollte Euch zum königlichen Beichtvater erheben. Und als Ihr Euch getäuscht saht, ließet Ihr den König und — mich fahren. Du hast pfundweise Ehrgeiz in deine Liebe verflochten. Und ich Törin malte mir so schön das Vergnügen aus, in einer einzigen Nacht aus den Armen des Königs in die seines Beichtvaters zu schlüpfen. Vorbei, vorbei! Soll ich mein Herz noch mehr aus dem Mund treten lassen?“ Sie zog in Qual die Schultern zusammen.

Nun fand der Priester den alten vertrauten Ton wieder. „Leonore — du zerstichst mein Herz. Höre das eine: Als ich vernahm, daß dich der König freigeben wolle, hüpfte mein Herz wie ein Lämmlein. Und nun — der König wird dich wieder aufnehmen.“

„Und wenn ich dieser Laune nicht gehorchen will? Herrscherrechte haben beim Körper des Weibes ihre Grenzen.“

„Solche Launen straft der König mit Landesverweisung,“ sagte Leon warnend.

„Wenn ich wüßte, daß ein gewisser Mann die Verbannung mit mir teilen würde, so würde ich sie ertragen.“ Ihre halb geöffneten Finger spielten unruhig in der Luft. Die Möglichkeit der Wiederkehr frohbeschwingter Tage und Nächte machte das Mönchsherz taumeln. „Leonore — was weckst du Hoffnungen in mir —?“

„Oh — ich will verdient werden, Don Juan de Leon.“ Sie rückte schnell aus dem glühenden Bereich seiner Hände. „Ich fiel dir einmal zu leicht in den Schoß. Ich möchte ein zweites Mal die Gewißheit haben, daß ich dir nicht wieder herausfalle. Und darum bitte ich um eine Paktschließung.“ Sie stand auf und warf scheue Blicke nach der heiligen Jungfrau. Ihre religiöse Furcht, echt spanisch auferzogen, begann in ihr zu rumoren.

Der Vikar half ihr auf seine Weise. „Wir können hier leicht überrascht werden. Auch gibt es Eide, die gehalten werden müssen und die doch den Altar scheuen.“

Leonore de Uceda erschauerte. „Wo sollen wir also —?“

„Ich wüßte einen Ort —,“ der Dominikaner senkte den Kopf, die kleine Tonsur lag wie ein Möndlein im Kerzenlicht.

Die Schöne verstand ihn. Ihre Augen suchten die geheime Tür, die nach dem Cuarto de Machuca, einem Turmzimmer, führte, wo die eigentliche Wohnung des Dominikaners lag. „Ich will nicht,“ sagte sie fest und leise. „Ihr habt dort Ambra —“ Aber in den bläulichweißen Ovalen funkelten erregt die sinnlichen Augen. „Nein, wir wollen zuerst ehrlich handeln. Du weißt noch nicht, was mich hierherführt. Ist es wahr, daß du zum Inquisitor von Granada ernannt wurdest?“

Er sah betroffen. „Was soll das —?“

„Das Amt kann dir helfen, dir die Eroberung meines Herzens zu erleichtern.“ Sie knetete unruhig das herabtropfende Wachs einer Kerze zwischen den Fingern.

Der Vikar ging nach der Tür und horchte hinaus. Die nächtliche Stille drückte wie Blei auf sein Gemüt. Alle seine Fibern waren gespannt. „Sprich frei!“

„König Fernando hat mich auszeichnen wollen,“ schleuderte Doña Leonore ihren Grimm von sich. „Es winkte mir ein klingender Name. Ich sollte mit einem Mann vermählt werden, den nicht nur der Verstand wählte, nein, dem auch mein Herz seit einiger Zeit insgeheim entgegenschlug. Stattliche Männlichkeit, ein tadelloser Charakter, eine fast tempelherrenartige Gesinnung gegenüber den Frauen — unter solchen Sternen hoffte ich eine Läuterung meiner eigenen Verworfenheit.“

„Ich sehe es kommen,“ lächelte der Pater unzart.

Der Fächer der schönen Frau zitterte über der Wange. „Weh dem Weib, das sich, verschmäht von dem Heißbegehrten, nur mit Wünschen begnügen muß. Ich habe mit den Augen um ihn geworben, mit der ganzen Koketterie meines Wesens um seine Standhaftigkeit gerungen, ich habe mit überströmenden Worten der Liebe um sein Herz gekämpft. Die Antwort schmeckte bitter wie Wermut. Mit dem Panzer ewiger Keuschheit umhüllte sich der Prahlende, mit der Miene des Kostverächters warf er meine Liebe von sich, ohne auch nur daran zu nippen. Hörst du, Juan? Eine Uceda wegwerfen wie eine unnütze Schale, deren Trank man nicht benötigt. Dominikaner! Von vornherein wegwerfen und keine Träne nach ihr weinen! Alles unter dem Vorwand klösterlicher Tugend! Ein Mann, ein Ritter, ein Hauptmann des Königs!“

„Ah! Die Sonne taucht aus Wolken!“ fuhr der Mönch auf. „Es ist Don Pedro de Solar Graf von Mora.“

„Daß dir der Name Flammen ins Herz würfe, die für meine Rache glühten!“ schlug es wie eine böse Lohe in ihr auf. „Und ich mußte an dem Eis seines Herzens abgleiten! Soll ich die Spottgeburt einer Dulderin sein, ich, die Malagueña, die Geliebte eines Königs? Die geträumt hatte, mit einem Augenzwinkern Throne erzittern zu machen? Siehst du, Juan, ich hätte die beleidigende Abweisung erduldet, wenn ihre Beweggründe wahrhaftig die unselige Unverletztheit seiner Tugend gewesen wären. Und fast schien es so. Aber dann ließ ich meine Spione hinter dem täglichen Gang seiner Füße schleichen, ließ sein Treiben beobachten und von bezahlten Leisetretern jeden Seufzer seiner schönen Augen auf der Straße auffangen, und dann — o über den Tag! Mit diesen meinen Blicken riß ich ihm das Geheimnis aus der Brust. Der Himmel muß oft eine merkwürdige Wollust haben, das Herz einer Frau in Qual erzittern zu machen! Die beleidigte Liebe hat scharfe Augen, und diese sahen — o Priester, weißt du es noch nicht? Damals vor deinen Füßen geschah es — die Maurin mit dem Koran —“

„Wirf deine schönen Funken in den Brand!“ freute sich der Vikar unverhohlen.

„Eine Maurin!“ pfeilte der Hohn von dem schönen Mund. „Dunkelleibig, zart und glatt. Darin hat er sich verbissen!“

„Ich sehe ihn noch, wie er in hellem Zorn den Degen zwischen mich und sie — oh, sie ist gewachsen wie eine Spindel aus der Guadarrama.“

Sie zischte vor Zorn über die Kränkung. „Eine Maurin, in Gottes Namen! Eine, deren Wollust für die kurze Dauer einer Fastnacht beglückt, die nicht mehr die Anmut des Errötens kennt, wenn sie halb ihre Kleider wegwirft! Eine Schwärmerei für die arabische Seltsamkeit, sei’s denn! Aber Liebe, herzaufwühlende Liebe? Dieses Schauspiel den Spaniern? Und den Spanierinnen? Wenn Christenritter einst Maurinnen ins Ehebett nahmen, geschah es um Länder, Burgen, Grenzen. Aber aus Liebe? Wie soll ich nicht das Opfer meiner Eifersucht werden, wenn ich stückweise Proben seiner zerfallenden Keuschheit zu kosten bekomme? Er führte sie zur Taufe, seine Augen verschlangen sie, die Lippen, die mir Worte des schmerzlichen Abschieds logen, brannten nach ihr — ich sah es mit diesen meinen Augen —“

Der Vikar runzelte die Stirn. „Der Eifer wird zum Vulkan, aber man muß gestehen, er sprüht um einen liebenswerten Gegenstand. Aber Liebe, sagst du?“

Sie fuhr hoch. „Liebe!! Seine Blicke sprachen Liebe! Soll ich sie beide im mondlichen Garten im zärtlichsten Geflüster belauschen? Meine Eifersucht würde vorschnell der Verräter sein. Oh, wie er mich behandelte! Vor meinen Damen, von oben herab! Vor den Damen, die sonst nur Zeugen der schmeichelnden Verehrung kastilischer Granden waren — mich wegzuwerfen — vor diesen Damen!“ Ihre frauliche Empörung machte sie fast ersticken. Dann raffte sie ihre Glieder zusammen und ihre Augen stielten sich. „Sie ist eine Cava — so heißen sie ihre Hexenweiber — ach, Juan — räche mich!“

Ihre Glut brannte in sein Herz. „Was — willst — du?“

„Nicht ihn verderben, aber sie, die Rivalin, die nach ihm dürstet. Sie wird meines Elends vor ihrem alten Gott spotten. Glaubst du wirklich, daß sie ihren Propheten vergessen kann? Daß sich nicht heimlich in den Rosenkranz der Jungfrau ihre verfluchten Suren hineinschleichen? Oh, du kennst die Hartnäckigkeit der Maurinnen nicht! Zu denken, daß sie mir die Lust gönnt, meinen Verlust über einen andern Liebhaber zu verschmerzen! Ihr aufgeopfert werden! Ich tauge nicht zum Liebesleid, das frommen Seelen so gut steht. Mir steht Wiedervergeltung besser, und auf meiner Stirn glüht Vanganza, die Rache! Drum höre, Don Juan — Maria de Calabreña ist Neuchristin. Es wird dir leicht sein, ihr eine Falle zu stellen, ihr einen Rückfall nachzuweisen, sie als Abtrünnige hinzustellen, und sind keine Beweise da, erfindet man welche. Wozu habt ihr eure Familiares, die bestochenen Schergen? Wozu das heimliche Verfahren und die peinlichen Fragen, das Kreuzverhör und die Tortur? Man raunt, man sagt, man flüstert, nennt das Kind nicht beim rechten Namen, deutet an, spricht von Gerüchten, webt ein Netz von Verdächtigungen zusammen. Ei, die kleinen Werkzeuge der üblen Nachrede, sind sie dir unbekannt? Man munkelt und dreht Worte hin und her, bis sie ihren Inhalt verändern. Worte sind Würmer, sie zernagen heimlich die Frucht. Es ist ja so leicht, eine Maurin schuldig zu machen. Sie spielt maurische Lieder, badet sich zu oft, tanzt die Zambrah — ach, welche Waffen hast du in der Hand, die unschuldigste Seele schuldig zu machen! Mann der entsetzlichen Macht, gebrauche sie, und dir winkt köstlicher Lohn!“

Der Mönch erschauerte. „Unselige! Sie fälschlich des Abfalls zeihen? Wie soll ich vor dem Thron Gottes stehen?“

„Mit der Verzeihung der Liebenden im Herzen! Dann wird Gott mit sich reden lassen.“ Sie ward ihres Frevels nicht einmal inne. „Es würde wie Bethesdaflut über mich fließen, wenn ich hörte, daß sie aufgehört hat, sein alles zu sein. Ich kann ihn nicht an ihrer Seite sehen, kann nicht, kann nicht. Juan — hilf, hilf — du kennst den Preis!“ Sie zwang die Lippen aufeinander und schloß die Wimpern.

Leons Gesicht verzerrte sich im Kampf zwischen Gier und Rechtlichkeit. „Weib, du forderst Furchtbares — zu deinem zerbrochenen Herzen ein zweites, drittes, viertes — o Himmel und Hölle!“

Der berauschende Geruch ihres Leibes warf Glut und Brand in seine Sinne, als sie jetzt dicht an ihn herantrat. „Du wehrst dich, Juan — aber du wirst dich nicht wehren, wenn du an die Nächte denkst in Cordoba —“

„Eva — Eva! Du stehst an den Pforten des Teufels!“

„Und doch will ich dir den Himmel erschließen — und mich dann reuevoll in Dornen wälzen wie die heilige Passidea von Siena.“

„Und ich soll zum Judas werden — soll sie foltern — den schönen Leib? Oh, sie darf ihre Sichel an den Sonnenstrahl hängen und Wasser im Sieb tragen — so rein ist dieses Weib — und ich soll —?“

Ihre Augen schossen Pfeile der Wollust ab, und die blutroten Lippen ließen die Zähne wie drohende Waffen spielen. Der Strom ihrer Leidenschaft trat aus den Ufern. „Mönch — du wirst mich rächen! Sag’ — wie war das mit deinem Ordensgründer? Seine Mutter träumte, daß sie einen Hund mit einer Fackel im Maul gebären sollte.“

„Ja — man deutete es als die Treue und die Erleuchtung.“

„Das Volk weiß es anders. Die Hunde sind die Dominikaner, denn sie beißen scharf, und mit der Fackel entzünden sie die Scheiterhaufen. Übe dein rächendes Amt! Räche mich, und dieser Leib — ist wieder dein!“ Ihr Haupt schlug an seine Brust, und das zerstörte Haar, das die Netze gesprengt hatte, duftete in seine Zerschlagenheit.

Da schnellten seine Hände nach dem Feuergewoge ihrer Brüste. „Wehe — wehe! Der Taumelbecher in der Hand der babylonischen Hure! In seiner Hefe sitzt der Tod! Das Judasrad der Hölle über mich! Jonas! Hiob! Menschen der Not! Eure Gebete her! Du hast mich mit Wogen umgeben, o Herr — ich versinke —“

Sein ganzer Mensch wollte grausig lichterloh verbrennen — da taumelte er aus der Wollust. Seine Blicke hatten den Gekreuzigten getroffen. Er riß den in Rache und Lust glühenden Frauenkörper aus der heiligen Nähe der Gottheit, schleifte ihn, daß die Seide rauschte, durch die geheime Tür in den dunklen Gang, der in die Cuarto de Machuca führte. Und hier, von Finsternis und Stille behütet, schlugen die höllischen Flammen aufs neue auf.

Aber Leonore wand sich aus den Polypenarmen seiner tierischen Brunst. „Nimmer — Hyäne! Ich beiße dir die Finger ab — du sollst den Preis nicht früher haben, bis — bis — das Lamm geschlachtet vor mir liegt. Schwöre!“

Er krümmte sich wie ein Wurm vor ihr. „Entsetzliche! Meine Taten — eingegriffelt — im Buch der Siegel — am Jüngsten Gericht —“

„Schwöre!“ tönte die unerbittliche Stimme. Und der Feuerhauch des Vampirs raste über den Scheitel des Mönches.

Da winselte er es in ihre Hand wie ein geschlagenes Tier: „Ich — schwöre —“

Sie jauchzte in Rachelust. „Ah! Vaya! Bruder Nimmersatt — so lieb ich dich!“ Sie biß ihre Zähne in seine Lippen, daß er aufschrie. Dann warf sie seinen Kopf von ihrem Busen weg. Und ein Dräuen tönte dumpf an sein Ohr: „Eins darfst du nimmer fordern. Ich muß den andern auch haben. Dich und ihn! Er ist so schön! Verschwenderisch hat ihn die schenkende Natur mit den Gaben des Körpers und der Seele bedacht, und das Atmen an seinem Munde muß Verzückung sein. Aber ich bin ja so reich an Liebe und Wollust, und was für dich bleibt, ist nicht ein kärglicher Rest brünstigen Gewährens, sondern ein in seinen Armen gelerntes kostbares Verschenken. Hab’ Geduld und zähme bis dahin deine Sinne.“ Sie drückte sanft seinen verkämpften Leib an die Wand. Dann stieß sie die Tür zur Mosala auf. Der Kerzenschein brachte den Besessenen zur Vernunft. In wunderbarer Reinheit erstrahlte das Antlitz der Virgen, der heiligen Jungfrau, über dem Altar.

Leon keuchte schweißnaß dorthin und warf sich in ein verzweifeltes Gebet, doch zwischen den Sätzen hörte er die Posaune des Weltgerichts dröhnen. Vor seinen Augen verschloß ihm Gottes Seraph die Pforte des Paradieses. Weit gähnte der von Lohen erfüllte Abgrund der Hölle. Er rieb sich die Augen — Leonore de Uceda war nicht mehr da. Sie mußte weggeschlichen sein, während er in Gebetwogen mit Gott und dem Satan rang. Lilith bist du! sann er in das Dunkel der Tür. Lilith mußte Männer verderben — du auch! Und er hüllte ihre Gestalt in die scharlachnen Gewänder der Hölle. Ich soll Helfer sein auf ihrem Racheweg? Ist der Preis hoch genug? Seine kalten Augen stachen ins Leere. Überlege, Juan! Wenn du durch die Waffen der List zwei Opfer —

Von Grausen gepackt, schleppte er seinen Leib vom Altar weg. Plötzlich fuhr wie ein Blitz das Augustinuswort in seine Aufgewühltheit: Ein Augenblick der Lust schafft eine Ewigkeit an Pein. Sein ganzes menschliches Gefüge klaffte. Ist nicht der Teufel gerade nach dem Heiligsten auf der Jagd? Ei, Antoniusqualen bleiben keinem Priester erspart.

Auf dem Tisch lagen Inquisitionsakten. Seine Einbildungskraft zauberte ihm eine Anklageschrift vor seine Blicke, und sein Geist schrieb mit Glutbuchstaben einen Namen aufs Papier: Maria de Calabreña.

Ein kalter Schauer durchrieselte sein Mark. „Niemals, du Untier!“ wimmerte er in sich hinein. Zerbrich an dir selbst, mordende Wollust! Ich töte diesen Engel nicht. Und er, der Beichtiger, sehnte sich nach der Wiedertaufe in Christi reinem Geist und nach dem Sünderstuhl, um zu bereuen.

Aber allmählich beruhigte sich sein aufgeregtes Blut. Neuerlich schlichen des Teufels Lockungen an sein Hirn heran. Noch wehte der Duft ihres Leibes in dem Raum. Bist du ein Holzklotz? schrie er seinen reuigen Menschen an. Ob doch alle, die wie ich mit loderndem Leib an den Käfigstangen schütteln, das Beben des Blutes so beschwichtigen wie ich? Habe ich die Weihen deshalb erhalten, um ein Leben lang im Kampf mit meinem Gewissen zu liegen? Warum hat mir Gott das Tier im Leib gegeben? Nur daß ich es verleugne? Daß ich es töte? Du sollst nicht töten! So will ich auch das Tier in mir nicht töten. Mit dieser spitzbübischen Kasuistik schwang er seinen Geist in unsündige Regionen. Sein Glaube an die Erdgebundenheit des Priesters lehnte sich gegen das Aszetentum auf, er fühlte sich im Recht des Stärkeren, und beinahe hätte er in der Geistlichkeit und Wohlanständigkeit die Falle des Teufels erblickt. Er fluchte nicht mehr dem Adam in sich. Er war ja doch als Mensch Gottes Kreatur. Er hatte einen Atem, also mußte er Luft schöpfen, ein Auge, so mußte er Weltschönheit schauen, einen Mund, also mußte er essen und sprechen, und jedes Organ mußte in gottgewollter Bestimmung erhalten werden. Zeugung aber ist Schöpfung! Wie konnte die Kirche sich darum herumschleichen? Wie Ausnahmsmenschen großzüchten, die das eherne Gesetz schändeten? Mußte das Weib vom Priester verachtet werden, wiewohl es den Liebesgedanken Gottes auf der Stirn trug? Was so glühend nach neuem schöpferischen Leben rang, sollte von dem großen Schöpfer verdammt sein? Hier irrte die Kirche! Das hämmerte nun wie ein Wille Gottes in den Pulsen des Dominikaners. Und so warf er den letzten Trumpf hin: Auch das Fleisch ihres Leibes ist kostbare Gottesfrucht — genieße sie!

Er atmete auf. So aber gefiel er dem Teufelchen, das schon in einem Winkel lauerte.

Der Mond stand hoch vor dem Fenster. In seinem bleichen Licht lag ruhevoll das sterbende Granada. Der Vikar verspürte Lust, einen nächtlichen Gang durch die Höfe der Alhambra zu machen. Jeder Schritt an den Wachen vorbei geschah ohne Argwohn. So schritt er denn durch die Adventnacht an der Pracht versunkener Maurengröße vorbei, hörte das Plätschern der Brunnen und sah das Mondlicht im springenden Strahl wie einen Irrwisch tanzen. Und plötzlich stand er vor dem Turm der Cautiva. Dort schlief sie wohl jetzt — die schöne —

Wieder brandete eine feurige Welle an sein Herz. O was war das nur? Rannte alles, was Weib hieß, heute Sturm gegen sein Inneres? Nein, tausendmal nein! Hier wollte er sich vor des Adams irdischer Not bewahren, hier brauchte er keine Blutwallung in wollüstig durchträumten Nächten zu unterdrücken und kein Büßergewand würde ihn hier in Knechtschaft schlagen. Er brauchte nicht Verräter an seinem Gott zu sein. Lang sann er zu dem Ajimezfenster hinauf, hinter dem jetzt vielleicht ein keuscher Traum um eine holde Stirn spielte. Mit einem jähen Ruck wandte er sich vom Turm weg. Schritt dann im silberwogenden Licht nach dem Generalife, wo sich geisterhaft die Zypresse aus der Gartenpracht erhob, die einst der sündigen Liebe einer maurischen Königin Schutz gab. Der Mönch konnte nicht weiterwandeln. Überall warf ihm eine dämonische Macht Bilder der Sünde entgegen. Von Belialsschatten verfolgt, taumelte er heim.

In der Mosala warf er das Hemd ab, damit die härene Kutte seinen Leib zersteche. Er wollte prickelnde Qualen leiden. Dann griff er nach einem Büchlein, das ihm die Mutter geschenkt: die Marienklage des Gonzalo de Berceo von San Millan. In das mystische Verzücken und in die übersinnlichen Gesichte warf er seinen verstöhnten Geist. Er rief Maria, die heilige Jungfrau, an und dachte mit aufgewühlten Sinnen an die andere Maria. Und mit hetzendem Atem griff er nach der klingenden Blütenpracht des Salomonischen Hochliedes.