In der Nähe des Elviratores stand das Gebäude des Inquisitionskerkers. Ringsumher leuchtete es vom buntgesprenkelten Grün der Frühlingsgärten. Aber von der lodernden Pracht Gottes fiel kein Schimmer in die Düsterheit des Gefängnisses. Geruch wie von verfaultem Stroh, dunkle Gänge, sonnenlose, kleinfenstrige Zimmer, Mauern, aus denen es feucht hervorquillt, tappende Schritte der Wachen, eintönig und schwer, Gefluche aus irgendeinem Kerkerloch — so sieht der Ort aus, wo jetzt ein Königskind schmachtet. Das Zimmer der Doña Maria de Calabreña war freilich reiner und heller als die andern, aber außer einem einfachen Lager, einem Stuhl und einem Tisch war nichts vorhanden. Wenn Maria den Tag verweint hatte, schreckte sie am Abend der wehklagende Gesang ihrer Sklavin Saffana auf, die schmerzerfüllt in der Straße vor dem Gefängnis umherlief und um ihre Herrin schluchzte. Dann hörte Maria, wie Soldaten die Getreue vertrieben.
Trotz der guten Behandlung und Verpflegung zerbrach die Verzweiflung ihren Körper, der schmäler und magerer wurde. Sie getraute sich nicht, nach mohammedanischer Art zu beten, obwohl sie nach der alten Weise lechzte, die ihr Leben einst freundlich behütet hatte.
Umsonst fragte sie nach dem Schicksal Don Pedros de Solar. Und sie fragte bei Gott an, was sie denn mit ihrer übergroßen Liebe verschuldet, um so leiden zu müssen. Es blieb still in der unsichtbaren Höhe. Und da hatte sie Mühe, ihre Sinne zu bewahren.
Ein dunkler Abend nach einem hilflos verjammerten Tag. Schweißgequält liegt Doña Maria auf dem Lager. Sie versucht sich wieder Gott zu nähern. „Vor deinem Willen ist meine Einfalt ein schwaches, krankes Ding. Reiche mir den Wein der Erquickung, laß deine Engel ins Horn stoßen, daß sie die schrecken, die an ihm und mir sündigen.“ Von Wahnvorstellungen gepackt, warf sie den Kopf empor. „Ich sehe Schilde, funkelnde Schwerter — Gottes goldne Engel steigen herab — Engel — Engel —“
Da knarrte die Tür. Vor der Gefangenen stand der Vikar Pater Leon. Marias Verzückung verlosch wie die Flamme unter dem Wassersturz. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie den Herrn über ihr Schicksal an.
„Die barmherzige Kirche schickt Euch den Friedensgruß des Apostels. Ängstigt Euch nicht, Doña Maria.“ Er setzte sich zu ihr auf den Rand des Bettes. „Wollt Ihr nicht beichten?“
Wie gelähmt saß sie da, alles Denken in ihr mußte erst in Fluß kommen.
„Ob Ihr beichten wollt?“
„Mann — o Mann Gottes — was hab’ ich denn begangen?“ quälte sie ihr Leid heraus.
„Mein Amt ist schwer, Doña Maria. Der Inquisitor lebt von seinem glaubenstreuen Herzen. Ich mußte so handeln nach Euern ketzerischen Worten, die wie Gift von Eurem Munde tropften. Noch ist die Anklage nicht aufgesetzt. Bittet Euern guten Engel, daß er Euer Gewissen stärke und Euch ruhevoll in die Arme der Kirche zurückführe.“ Und er berührte ihre verschluchzte Schönheit mit seinen versuchenden Blicken, unter denen sie zusammenzuckte. Schwer ging sein Atem. Der natürliche Wohlgeruch ihrer Haare schlug in seine Sinne, und die Angst, die in ihrem zarten Busen furchtbare Wellen warf, machte sie ihm noch begehrenswerter. Dieses Alleinsein mit ihr brach seine Vorsätze der Gerechtigkeit entzwei. Über Schläfe und Ohr hingen ihr die verwirrten Strähnen herab, und immer wieder durchschauerte Leon der Duft von Fleisch und Sünde, der von ihrer goldbraunen Haut ausging. In dieser Mönchsbrust fieberte die auf den Sprung gestellte Leidenschaft. Nur ein Rest von anerzogener Geistlichkeit hemmte noch das Tier in ihm. Zudem war er vor zwei Tagen in den Armen der bezwungenen Leonore de Uceda gelegen, die ihr Wort eingelöst. Sie hatten zusammen ein Liebesmahl gefeiert, das keinem christlichen Agape geglichen hatte. Noch schlugen die Wogen der durchtaumelten Stunden an sein Herz, und er mußte erst darin Raum schaffen für den neuen Reiz der Sinne. Hier empfand er eine Gegensätzlichkeit kostbarster Art. Nach dem goldnen Blond des verküßten Hauptes lockte dieses nachtschwarze Haar mit ganz anderer Gewalt. Es erschien ihm wie ein magisches Netz, von dämonischen Kräften gewebt und bestimmt, ihn in Versuchung zu führen. Aber er gab sich nicht die Mühe, schon dem Gedanken dieser Versuchung zu widerstehen. Sammelnd ließ er die Blicke über die Schönheiten ihres Körpers gleiten.
„Wenn ich unwissentlich Böses begangen, wenn ich gestrauchelt im neuen Glauben, so verzeiht mir doch!“ klang ihr rührendes Bitten in seine verruchten Gedanken. „Der König hat doch befohlen, uns Moriskos zu schonen —“
„Und hat diese Schonung selbst nur ungern geübt. Er hat in Malaga die Moriskos, die in ihren alten Glauben zurückgefallen waren, verbrennen lassen.“
Sie schrak zusammen. „Das — könnte er — wieder tun?“
Der Mönch zuckte die Achseln. „Der Mauren Halsstarrigkeit enthebt ihn der Milde.“ Sein Blick pfeilte auf ihren Fuß.
Sie bemerkte es, und von Grausen gepackt, schob sie unwillkürlich ihren Leib etwas von ihm weg. „Was habt Ihr — mit dem Grafen — gemacht? Habt Erbarmen mit mir — Ihr müßt es wissen. Was ist sein Schicksal?“
„Bewundernswerte Liebe, die nicht nach dem eignen Schicksal fragt. Ich sehe, Ihr leidet mit ihm, wie er mit Euch.“
„Er fragte nach mir?“ loderte sie auf.
Der Vikar nickte. „Und band Euch sein Schicksal auf die Seele. Ihr könnt es erleichtern. Zum erstenmal breche ich das Verbot der Inquisition, indem ich Euch Nachricht von ihm gebe. Er dauert mich wie Ihr.“
„So ändert unser Schicksal.“
„Das wird schwer sein, ohne das heilige Offizium bloßzustellen. Es irrt nicht gern vor der Öffentlichkeit.“
„Und deshalb, Priester — müssen wir — unschuldig leiden?“ Sie warf mit aufgerissenen Augen ihr Entsetzen vor ihn hin.
„Ihr leidet nicht unschuldig. Eure Seele ist vom alten Glauben verpestet, Eure Worte damals waren wucherndes Unkraut in der reinen christlichen Saat, die ich in Euer Herz gelegt hatte.“
„O Herr und deine Engel! Alles, alles nehme ich zurück, wiewohl ich ja gar nicht weiß, was ich gesagt habe.“
„Man wird es Euch beim Verhör vorhalten. Aber — es treibt mich noch ein anderes zu Euch, Doña Maria.“ Sein Ton wurde gedämpft. „Ihr habt in meinen Händen ein leeres Blatt Papier zurückgelassen, das von einem Schatz Eures Vaters sprechen soll.“
„Ihr habt es mir genommen, als ich ohnmächtig von Euch geschleppt wurde.“
„Damit es nicht Unheil in fremden Händen anrichte. Sagt mir den Schlüssel zu dem Geheimnis.“
„Bis Don Pedro de Solar und ich frei sind.“
„Ihr habt leider kein Recht mehr, solche Bedingungen zu stellen.“
„So erfahrt Ihr nichts,“ sagte sie hart.
„Das tut mir um Euretwillen leid. Auch stünde es in diesem Falle schlecht um den Grafen de Mora.“
„Warum ihn büßen lassen, was ich verschulde?“ jammerte sie auf.
„Er wird um das Geheimnis wissen —“
„Er weiß nichts,“ beschwor sie in namenloser Angst.
„Wir haben Mittel, ihn zum Sprechen zu bringen. Wollt Ihr ihn leiden sehen, wiewohl Ihr helfen könntet?“
„Ihr wollt ihn —? Ha! Adhab! Die Folter?!“ Der Entsetzensschrei jagte wie ein Sturmstoß aus ihrem Innern. Und dann quollen die Tränen wie glühende Lava aus ihren Augen.
Unerbittlich peinigte der Mönch. „Und Ihr werdet dabeistehen müssen, und seine Qual wird Euch das Herz zerreißen.“
„Er kann doch nichts gestehen, weil er nichts weiß,“ wimmerte sie.
„Er wird nicht lange widerstehen können.“
Doña Maria wand ihren Leib in Qualen. „Und wenn ich Euch das Geheimnis verrate, ist er — frei?“
„Das hängt noch von manch anderm ab. Die Inquisition irrt nicht gern, sagte ich. Man müßte mühevoll neue Gründe suchen, ihn zu entlasten.“
„Ihr habt Gründe gefunden, ihn schuldig zu machen, Ihr werdet Gründe finden, ihn wieder schuldlos zu sehen. Wollt Ihr meines Vaters Schatz haben? So müßt Ihr mir denn bei Gottes Dreieinigkeit versprechen, ihn und mich freizugeben. Wir kehren Spanien den Rücken, ziehen übers Meer, um Euch nicht mehr zur Last zu fallen.“
„Der Wille der Inquisition ist eine Macht, die auch auf Entfernungen zu wirken vermag.“
„O gräßliche Macht der Christenliebe!“ rief Maria verzweifelt aus.
„Sie scheint nur gräßlich, doch sie behütet den Friedfertigen vor den Tücken des Ungläubigen.“
„Bei dem Erbarmer, der uns alle richten wird — helft mir, guter, lieber Pater — versperrt uns nicht die Pforten der Seligkeit.“ Sie schluchzte ihre Qual in seine Hände hinein, so daß ihr gebeugter Nacken, von den schwarzen Locken umringelt, vor seinen saugenden Blicken lag.
„Euch und ihm kann geholfen werden,“ sagte der Mönch leise, von den Schauern der selbstgenährten Hoffnung bewegt.
Ihre tränenverglänzten Augen lechzten nach seinen Lippen, von denen das erlösende Wort kommen sollte.
„Hört. Morgen wird er in die Folter gelegt.“
„Herr über den Sternen!“ Mit einem langgezogenen Wehlaut sank ihr Haupt auf die Brust.
„Nur blutenden Herzens legt ihm die Inquisition die Qual auf. Man schleppt ihn von Marter zu Marter. Man wird seine schönen Glieder strecken auf der Escalera und ihm die Toca, den wassergefüllten Knebel, in den Mund stecken. Er kann sich glücklich schätzen, so zu leiden, denn es sind die Passionswerkzeuge des Herrn, unter denen er seufzt.“
„Henker — das alles — um Christi willen?“
„Die Garrucha wird ihm die Gelenke zerbrechen —“
Da warf Maria ihren Leib an seine Brust. „Teufel — was soll ich dir geben, um ihn zu retten? Das Gold des Tibar? Den Phönix von Damaskus? Soll ich dir den Atlas durchwühlen, daß deine Hände satt werden?“
Mit bebenden Händen hielt der Dominikaner ihren Kopf, das herrliche Beutestück seiner Jagdkunst. Er sah in ihm des Teufels Versucherstück, dem seine Verderbtheit doch nicht mehr widerstehen konnte. Pflicht, Mitleid, Priesterhoheit und Menschlichkeit versanken in den Abgrund der Verruchtheit. Sein keuchender Atem jagte wie Glutwind über ihre angstgespannten Augen hin, und seine Knie bohrten sich in wühlender Wollust in ihre zitternden Schenkel. „O speise mich Hungernden und labe mich Dürstenden,“ würgte er stöhnend heraus — „mit diesem deinem Leib speise und labe mich! Engel werden Wache halten bei dem Brautbett der Liebe!“
„Rasender — wenn ich schreie!“ lohte ihre Angst auf.
„Dann bringt dich die Wache als tobsüchtig in einen strengern Kerker.“
„O welche Mutter gebar dich, Teufel? Welcher Auswurf zeugte dich? Ich schreie mich unter deinen Griffen zu Tod.“
Er hielt ihre Hände fest. „Ich flehe zu dir, ich, hörst du, schöne Gazelle, ich, der Inquisitor von Granada — mit jedem deiner Angstblicke wirfst du eine feurige Lohe in mein Gebein!“ Er schleuderte seinen Leib vor ihre Knie hin und zuckte mit den Händen nach ihren Gliedern. „O stärke mich Ausgestoßenen von der Tafel mit den Wonnen deiner Schönheit, gib mir die Brosamen deines Reichtums, den ein anderer genoß, laß mich nur nippen an dem Becher, der für den andern überquillt — o diese Augen, erfüllt von dem Glanz trunkener Liebesnächte — diese Lippen, hergeschenkt in Küssen der Wollust, blutend von der Hingabe an ihn — reich’ mir den letzten Rest, den deine Seele aufzubringen vermag, oder fülle sie mit neuer Gier und brennenden Wünschen — sieh, ich will deinetwegen alles von mir werfen, was priesterliches Gebot in mir zur unerträglichen Last aufgehäuft hat, ich weiß Mittel, dir zu dienen und dein Herz mit Freude zu erfüllen, ich will mich kreuzigen lassen von dir, wenn es deine wilden Wünsche begehren —“
„O Mensch — Tier — Sohn der Nacht und der Verdammnis — wofür hältst du mich?“ In ihrem Auge starrte das Grauen.
„Du sollst die süßeste Nonne werden und auf den Pfühl höchster Wonnen steigen. In den wilden Bergen von Monserrat zwischen den steinernen Wächtern der Felsen liegt ein Kloster, wo ich Aufnahme finden kann. Es ist kein Grab, in das ich steige. In der Nähe des heiligen Retiro liegen die einsamen Nonnenzellen der Büßerinnen in Fels gehauen. Neben dir starrt der Totenkopf, das Sinnbild der Buße, und dein Geist atmet Gottes Odem; aber auch mir bist du nahe in deiner schönen Menschlichkeit, ich besuche dich täglich, deines Herzens heimliche Beichte zu hören, und schmücke dich heimlich mit Rosen, den Sinnbildern der Liebe, und kommt die Nacht, dann trage ich dich vor den Altar Gottes und beschwöre das Vermählungswunder herab im Wehen des Herrn. So wie der Busch auf Horeb in Flammen stand und doch unverletzt blieb, so wird auch deine Reinheit in den Flammen der Priesterliebe unverletzt bleiben.“
Seine glühenden Worte fielen auf ihr wundgepeitschtes Herz wie brennende Pfeile. „Satan — fürchtest du denn nicht meinen anklagenden Schrei vor dem heiligen Tribunal?“
Leon malmte unverständliche Worte zwischen den Lippen. Sein Blick wich schief in eine Ecke aus. Dann sammelte er seine zerstückelten Gedanken. „Man wird dich für wahnsinnig halten — Weib, du kennst unsre Unfehlbarkeit nicht. Beuge dich vor ihr, sonst brichst du zusammen. Ein Wimpernzucken von mir wirft dich in das dunkelste Gelaß, wo deinen Geist der Wahnsinn zerstückelt.“
Das Entsetzen rollte ihren Leib zusammen. Finstre Flügel schlugen um sie, und sie fühlte den dampfenden Hauch des Peinigers über ihren Nacken wehen. „Ich — will — dir — meinen Leib — morgen — geben —“
„Morgen liegt Don Pedro de Solar auf der Folter — hab keine Angst — die Wache hält am fernen Ende des Korridors —“
„Und wenn ich dir alles gebe — ist Don Pedro — frei?“
Der Mönch nickte schwer mit geschlossenen Wimpern. Hinter der hohen Stirnwand lauerte schon die Tücke. Er griff in sein Kleid, und in seinen Fingern raschelte Pergament. „Hier trage ich den Freibrief für dich. Dein Wille gibt dir die Freiheit. Mit diesem Brief kannst du unbehindert die Wachen passieren.“ Sein Atem keuchte ganz nahe an ihr.
Reija überlief es wie heißer Wüstenwind. Freiheit! Ihr Auge loderte auf. „Gib mir den Brief!“
„Bis dein Leben und Lieben mein ist!“
Sein Gesicht war von Leidenschaft zerrissen, die Finger zuckten, keuchend wand er seinen Leib vor ihr und flehte mit unartikulierten Worten, in denen die bis zum Sieden gesteigerte Brunst röchelte, um Erhörung. Sein Mund fieberte nach dem Salz ihrer Tränen. „Gib — gib — sonst fordere ich deine nackte Schönheit anders vor meine Blicke! Willst du dich sehen im Sanbenito mit der Coroza auf dem Kopf, den Strick um die Hüften, hinter dem grünen Kreuz zur Verdammungsstätte wanken? Willst du dich stehen sehen am Pfahl gebunden auf dem Quemadero als Herege condenado, zu deinen Füßen das Holz geschichtet?“
Ihre Qual wimmerte aus der geschnürten Brust.
„Und doch entginge mir der Anblick deiner herrlichen Blöße nicht, denn ich müßte dich vorher auf die Escalera spannen lassen —“
„Würger — mich foltern lassen — eine Königstochter?“
„Weltwürden sinken in den Staub vor unsrer Macht. Und wolltest du deinen Leib auch in den Mantel deines Haares hüllen wie jene heilige Agnes, die Henkersknechte würden diesen Mantel versengen, bis deine Brüste vor uns dampfen.“
Maria perlte der Schweiß von der Stirn, aber sie spürte, wie die Verzweiflung Kräfte in ihr auszulösen begann.
Noch glaubte der Dominikaner seelische Gewalt über sie zu haben. „Du zögerst noch? Glaubst noch zu entkommen? Wir jagen dich in verwirrende Fragen, in Widersprüche, denen du nicht gewachsen bist, und dann bleibt nichts übrig als die Folter — gemeine Augen werden sich an deiner entkleideten Schönheit weiden — oh, es ist nicht auszudenken, Perle meines Herzens —.“ Er würgte seine Tierheit heraus, jeder menschliche Gedanke zerbrach. Er hörte nicht das Zähneklappern und Heulen der Hölle, er sah nicht, wie sich in dem gepeinigten Weibe, das er schon sein wähnte, die Kraft zur Rächerin und Richterin gebar. Mit dem trunknen Gang des Brünstigen näherte er sich ihr. „Der Löwe — der die heilige Martina zerreißen sollte — küßte ihr die Füße — laß mich die deinen küssen — komm — komm — das Eis deiner Tugend soll das Feuer meiner Leidenschaft schmelzen — Delila!“
In dem heftigen Ringen um ihren Besitz hatte sich sein Kuttenstrick gelöst und flatterte nun mit einem Ende zu Füßen der Gemarterten hin.
Da weiten sich ihre Augen — gräßliche Gedanken springen sie wie Hyänen an — in ihr wächst es empor, steigt zum Herzen, zum Hirn — wie Skorpionenstiche brennen die Küsse auf ihrer Haut — da wird ihr Fuß zur Waffe, er hebt sich empor — schleudert sich auf die Natter — „Delila über dir!“
Leon taumelt — fällt — und wie zwei lechzende Flammen greifen Reijas Arme nach dem Strick — werfen ihn um den Hals des stöhnenden Tiers — mit geschlossenen Augen zieht sie würgend die Schnur zusammen. Ein grauenhaftes Gurgeln, das ihre Ohren zu zerreißen droht — „Meduse — Me—du—se —“ Dann Stille — herzmarternde Stille. Endlos rinnt die Zeit durch die Pulse der Würgerin ... Gelenke und Muskeln beginnen zu schmerzen — die Stille geht in ein Sausen über, das ihre Hirndecke zersprengen will — ihr ist, als zöge jemand an ihrem eigenen Hals ein Tau zusammen —
Da öffnet sie die Augen. Im matten Lichtgerinsel der Kerze sieht sie das Untier verendet liegen. Ihre Gedanken dehnen sich. Ist das nicht Iblis, der Höllengeist? Funken wirbeln vor ihren Pupillen — sie greift langsam nach dem Körper — sein Gesicht ist verzerrt, um den wollüstigen Mund geifert noch der Schaum, die Nase ist spitzer denn sonst, die Augen sind gläsern starr — der Anblick schauert in ihr Gebein. Da steigt es groß in ihr auf: Zittre nicht — du hast einen Wolf getötet. Was du sprichst, hallt in einen toten Leib — du darfst sagen, wie du ihn gehaßt und gefürchtet, und er wird mit keiner Wimper mehr zucken. Seine Seele flattert dunkelwärts den Riesenschatten Sukuums entgegen — der Scheitan reißt ihm die Glieder ab — er war ein Fethin, ein Verführer — ich habe mich gegen die Pranke der Hyäne gewehrt. Er zerbarst wie der Drache Daniels an seinem Gift.
Sie wirft trotzig den Kopf in den Nacken zurück, als wollte sie die Angst damit verjagen. Nun werden sich seine gierigen Hände mit Erde füllen und Granada — nein, die Welt ist von Iblis, dem irdischen Teufel, erlöst. Ihre Rachegedanken liegen wie in einem stillen Gebet erstarrt.
Da reißt sie ihren Leib empor. Im nächsten Augenblick können sie sie greifen. Vor ihren Augen zucken blutige Martern auf — die heilige Agatha mit den abgeschnittnen Brüsten — oh, wenn christlicher Haß auf ihre blühende Schönheit spränge! Sie schreckt empor. Auf ihrer Zunge liegt salzigwarmer Blutgeschmack, den sie ausspeien muß. Noch ein kurzes Munadschat jagt sie himmelwärts. Handeln, handeln! schreit der gute Gott in ihr. Ich werde ihnen sagen, er wollte mich schänden, und ich habe ihn erwürgt. Wer wird mir glauben? Man wird dem Toten mehr glauben als der Lebendigen.
Sie läuft zur Tür und lauscht hinaus. Draußen unheimliche, eingefrorene Stille, die den Atem erstickt. Kein Schritt der Wache.
Da flüstert ihr Gottes Engel zu: Den Freibrief! Der Gedanke reißt sie zu Boden, dicht an die Seite des toten Menschenklumpens. Sie zerrt das rettende Papier aus seiner Kutte, und ihre Augen glühen die spanischen Buchstaben an. Freiheit! Freiheit! Sie steht mit wildjagenden Brüsten da und horcht in das schwüle Nichts. Ihr ist, als stünde sie in einem Grab. Sie legt zitternd dem Toten die Hände auf der Brust zusammen, langsam, ganz langsam, als fürchtete sie sich, die steifen Finger zu zerbrechen. Nun schreitet sie zur Tür, ihre Haltung strafft sich mählich, ihr Körper wächst — sie öffnet die Tür, versperrt sie hinter sich und taucht in das Halbdunkel des Korridors.
Aus einem trübselig erleuchteten Winkel eilt der Wächter herbei. Reija weist ihm furchtlos den Freibrief.
Der Soldat prüft Siegel und Unterschrift und nickt. „Don Leon?“ fragt er kurz.
„Betet für mich in meiner Zelle und will nicht gestört werden.“
Bedächtig nickt der Wärter und tappt schwerschrittig nach der Tür. Unterdessen steigt Reija mit gezwungener Gemessenheit die nächste Treppe hinab, an einzelnen Wachen vorbei, denen sie das Entlassungsdokument zeigt. Man läßt sie unbehelligt durch. Im Schein trüber Öllampen liegt der Kerkerhof vor ihr. Wieder Wachen. Da vorn ein Tor. Die letzten zwei Posten lassen sie unbedenklich passieren. Reijas Herz rast in wildem, zerstörtem Takt, und bleierne Gewichte zerren daran. Sie kann es nicht fassen, daß sie auf einmal auf der Straße steht. Vor ihr starren die bekannten Mauern des Elvirators. Hinter ihr liegt das Haus des Grauens, über ihr ein sternfunkelnder Nachthimmel. Wie eine sturmgefegte Flamme rast sie zwischen graubleichen Mauern dahin, bis sie Blei in den Sehnen spürt. Da taumelt sie einem Kastanienbaum zu, dessen Stamm ihre Arme umklammern. Ihre Kehle dampft von erstickender Hitze, jede Fiber droht zu zerreißen. Das unheimliche Gehäuse der Nacht ist menschenleer. Über den Gräsern weht Verwesungshauch, schaurig flüstert der Wind in gespenstischen Aloestauden. Eine Katze schießt kreischend aus einem Gesträuch — Reija glaubt vor Schreck zu vergehen, überall narren sie Dämone und Dschinnen. Eisenschwer hebt sie nun Fuß für Fuß vorwärts, in ihrem Hirn tobt nur ein Gedanke: nach dem Alkazar! Saffana wecken! Das Roß satteln — fliehen! Jeder Atemzug bereitet ihr körperlichen Schmerz, jedes Schlagen des Herzens ist von Angst durchstürmt, und so wankt sie bergan durch dunkle Gassen nach dem Mauerschatten des Albaycin. Die kreisenden Gestirne über ihr bringen sanftere Schwingungen in ihr Hirn.
Stumm liegen die engen Steilgassen des Maurenviertels vor ihr. Aus irgendeinem Winkel stöhnt Leid, aus geheimnisvollem Dunkel löst es sich los und stürmt über sie. Sie steht und starrt in ein Nichts. Lauert da drüben in der Ecke nicht ein Tier? Greift nicht aus der Finsternis eine gräßliche Kralle nach ihr? Sie liegt in den Gespinsten ihrer erhitzten Phantasie. Segen des Lichtes, wo bist du? Sie tappt sich weiter von Haus zu Haus, stolpert unzählige Male, schleppt sich wieder vorwärts — da tauchen die Zinnen der Alcazaba auf — sie ist am Ziel — wie ein totgehetztes Wild schlägt sie vor dem Tor zu Boden — hinter ihrer Stirn braut die Angst gespenstische Schatten der Verfolger zusammen, geißelnde Hiebe fallen auf ihren Rücken — sie hat noch die Kraft, mit den Fäusten gegen die eisernen Torflügel zu donnern, dann schwindet die Besinnung. Wie von einem Sturmstoß niedergefegt, liegt sie da. In ihrem Ohr schlagen Donnerkeulen des Himmels nieder.
Malik Ben Hossaim, des Imams todgetreuer Diener, öffnet — erschrickt — er will den ohnmächtigen Frauenleib aufrütteln — da starrt er in das schwarze Gewoge des entfesselten Frauenhaars, das über die Schulter stürzt. Er schreit in das schweißnasse Gesicht: „Allah akbar! Werda!“ Und Tränen rinnen über die ledrige Haut. Er trägt den flaumweichen Körper auf den Armen ins Haus, hinauf in das Frauengemach, wo Saffana aus dem Schlaf torkelt und mit einem Wahnsinnsschrei die geliebte Herrin an die Brust bettet. Wasser, Balsam, Salben, Öle bringen das halberlöschte Leben zu sich. Schreckerfüllte Augen starren auf die liebkosende Hand. „Rosse! Schafft Rosse!“ stöhnt es sich heraus.
Saffana kreischt auf. „Werda! Dein Leib ist matt wie eine Fliege — wie bist du heraus?“
Reijas Brust ist von heißem Schluchzen zerrissen. Dann wirft sie der Sklavin stoßweise das Geschehene hin. Diese reißt die Augen auf. Die Gefahr macht sie wissend. Wenn der Morgen naht, ist das Verbrechen entdeckt. „Wo sollen wir hin?“
„In die Höhle von Cañor.“ Reijas Brust belebt sich. „Malik und du — rafft alles Geld zusammen — ein paar Geschmeide —“
In ein paar Augenblicken ist alles bereit. Drei Pferde stampfen im Sahat unter verblassenden Sternen den Kies. Von Rosenhauch durchwürzte Morgenluft weht um die Stirnen der Fluchtbereiten. Saffana spielt die Herrin, auf ihrer Brust leuchtet das Christenkreuz in Opalen. Reija trägt einen Gelehrtenburnus über ihrer Seide, das Haar vom roten, turbanähnlichen Tuch umhüllt. So sitzen sie auf. Vor ihnen reitet sichernd und scharfäugig der aschgraue Haushüter Malik Ben Hossaim, gewillt, jeden Widerstand einer spanischen Wache mit dem maurischen Schwert zu brechen. Die Frühschauer frösteln durch die Frauenleiber. Das Tor knarrt, und vor ihnen bleichen die Häuser der Dämmerung entgegen. Da und dort huscht ein Menschenschatten über klirrende Scherben, hält im Fliehen inne, bestaunt die Reiter und schießt dann wie ein Fisch in ein Winkelwerk hinein. Dann wieder schauert das Geheul eines Wachhundes in das Mark der Fliehenden. Und wieder ein dumpfhallender Tritt, als schritte jemand durch einen Torweg. Ein heiserer Hahnenschrei, der den Morgen erwittert.
Über der Sierra Nevada liegt ein fahler, ungewisser Schein, aus dem sich die Frühe gebären soll. An bestaubten Gartenmauern geht es vorbei, hinein in dunklere Gassen, die mit dem Geruch von Öl, Henna, Knoblauch und Orangen vollgesogen sind, dann hebt sich der Alhambrahügel aus dem Halblicht, und der Schatten des Mühlentors geistert vor den Pferden. Dort verneigen sich die Wachen vor dem Kreuz an Saffanas Brust und öffnen die Flügel. Im blassen Grau dämmernder Frühe liegt die Stadt maurischen Heimwehs hinter den Gehetzten.
Reija läßt die Rosse in der schweigenden Einsamkeit halten und blickt zurück. In einer Stunde vielleicht wird der Mordschrei diese Gassen füllen, und man wird hinter ihr herrasen. Vorwärts also! Die Pferde jagen in gestrecktem Galopp wie die Tiere der Hedschra, als trügen sie die prophetentreuen Gefährten. Da drüben — gelblichrotes Gestein — der Hügel von Padul breit hingelagert. Noch einmal halten die Rosse — es ist die Stelle, wo Boabdil über sein verlorenes Granada weinte. Hier schluchzt auch sein Kind sein Leid aus. Aber die Tränen gelten dem Geliebten, der hinter den Mauern furchtbaren Tagen der Qual entgegentrauert. Ob er erfahren wird, was geschehen? Ob dieser Priestermord sein Schicksal ändern wird? Ist dieser Tod zugleich der Tod der Inquisition? Das Tribunal hat Hydraköpfe, und ihr entsetzliches Wesen ist unabhängig von dem Leben eines Menschen. Wie viele Inquisitoren steinigte die Menge! Namen schwirren auf — die Dominikaner Planedis, Castelnau, Cadirete, Arbues — was half der Mord dieser glaubenstollen Gehirne? Die Inquisition lebt!
Aber Reijas Herz stärkt sich in dieser Morgenfrühe auf der Höhe zwischen der Stadt und dem Hochgebirge. Ein Gedanke wandelt sich zum Schwur: Ich muß ihn retten! Und sie wirft sich auf die durch Leid geheiligte Erde nieder, mit dem Antlitz nach Mekka. Ihr ist, als sänke die Schwere der Welt vor ihren Augen, und sie fühlte sich auf Flügelschlägen der Gottheit emporgetragen. Verzückt steigt sie aufs Pferd und jagt, daß der Burnus um die Flanken des Tieres flattert, allen voran wie ein führender Engel Gottes. Sie preßt die Schenkel an das Pferd, daß die Muskeln schmerzen, und bald schäumt dem edlen Tier der Geifer ums Maul. Reijas Augen erschauen im Morgendämmer schon die durch Maurennot geheiligten Felsenwälle der Alpujarras. Wie hinter Nebeln die silberne Sonne zittert und den leuchtenden Tag kündet, so schimmert hinter den Morgendünsten der Felsgrat der Loma de Veleta, eine Fata Morgana der Hoffnung. Dort hoch oben, vielleicht schon erstrahlend im rosigen Licht, liegt ihr Ziel: die Höhle von Cañor.
Vor ihnen Goldglut, in die die schweißtriefenden Rosse stürzen. Durch weißgebrannten Staub zwischen Gärten und Feldern geht’s dahin, und die abgearbeiteten Lungen der Pferde dampfen und keuchen. Da und dort abseits der Straße ein Dorf, ein krenelierter Turm, dann wieder kahle, gluttrinkende Höhen. Hundegekläff schreckt Tier und Mensch auf. Die Stirnen der Flüchtenden kämpfen gegen den Heißwind, oft stockt der Atem, Reijas Herz spannt sich in Angst, wenn ab und zu aus den Häusern die neugierigen Gesichter stürzen, um der seltsamen Jagd nachzugaffen. Die Möglichkeit des Verrats schlägt in ihr Gemüt und wirft es in Bängnis. Dann verkrallen sich wieder ihre Gedanken in das einförmige Getön des trabenden Hufschlags. Aus den Bergen fällt ein Schuß, den vielleicht der Hunger oder der Haß getan. Rasender wird der Schrecklauf der Rosse. Reija hängt nur mehr wie ein hingewehtes Blatt am Hals ihres Pferdes. Sie spürt Funken in ihrem Leib sprühen, die nach ihrem Herzen zielen, als wollten sie es verbrennen.
An den Talwänden Hürden und Herden, Felder und Ölbäume. Dann ansteigender, bestaubter Weg — durch die blühende Gartenpracht von Lanjaron, die Kornkammer der Mauren, schleppen sich die todmüden Pferde — jetzt — o seid gegrüßt, ihr Hänge der Loma de Veleta! Ihr Maurendörfer Haus an Haus — Cañor da oben! Reija hat noch die Kraft, den Jubelruf in sich zu hören — dann bringt sie mit schwachem Zügelruck das Tier zum Stehen — die Sinne schwinden ihr — sie fällt in die starken Arme Maliks herab, der ihren Leib unter einem Olivenbaum in das staubgraue Gras gleiten läßt. Unter der armen, leidverfolgten Stirn beginnt ein wilder Traum zu jagen.