Sechsunddreißigstes Kapitel

Durch den dunklen Gang des Inquisitionsgefängnisses schreitet eine Frauengestalt inmitten zweier Wachsoldaten. Vor einer Tür wo ein stämmiger Lanzenknecht breitbeinig Wache hält, bleiben die Wächter stehen. „Hier ist die Zelle.“

„Ausweis?“ fragte der Lanzenmann.

Einer der Begleiter weist ein Papier vor. „Königliche Vollmacht.“

Da läßt der Wächter die Schlüssel knarren — Leonore de Uceda tritt allein in die Zelle des Grafen de Mora. Hinter ihr schlägt die Tür zu, mit einem Donner, als schlösse sich für immer das Höllentor.

Das Ruhebett des Gefangenen umschimmert ein Öllichtschein. Der Graf schrickt zusammen. Dann starrt er die Frau an, die wie aus einem Gaukelbild heraustritt, von dämonischen Mächten erzeugt. Seine gemarterten Füße versagen den Dienst; man hat seine Glieder auf der Garrucha, dem Wippgalgen, gestreckt und ihm auf der Leiter eine Stunde lang den Wasserknebel in den Mund gedrückt. Sein Auge hat einen irren, gläsernen Glanz, das Haar klebt verwahrlost auf der schweißnassen Stirn, der Bart wildert um das Kinn, Schläfen und Wangen sind eingefallen, Arme und Beine steif wie Puppenhölzer, der Adonis der andalusischen Ritterschaft gleicht einem Menschenwrack, das kaum imstande ist, einen Schatten zu erzeugen. Um seine Lippen fiebert ein leiser Schreck, er will reden und kann nicht. Doña Leonore erschauert vor dem Verfall ihres Opfers, dessen Herz einst ihr liebendes Verlangen umsponnen. Sie wagt kaum einen Schritt an die Zerbrechlichkeit heran. Reuetränen jagen in ihr Auge und sie muß an sich halten, um nicht laut aufzuschluchzen. In ihre Seele klingt ein Grabgeläute: zu spät!

Der Gemarterte hat immer noch die Kraft, den Stärkern zu spielen. Wie zerbrochenes Glas splittert die Stimme: „Was — will — dieser Schritt — hier?“

„Graf de Mora — ich fand den Weg zu Euch,“ sagte sie leise, als fürchtete sie das Tönen ihres Herzens.

„Wer — gab Euch — ihn frei?“ Die stumpfen Blicke beleben sich unter der Erkenntnis, daß kein Traumbild ihn äfft.

„Die königliche Gnade öffnet mir Wege, die sonst ungangbar sind. Mein Herz trieb mich zu Euch, Don Pedro.“

„Dasselbe Herz, das ich einst gekränkt?“ Er erhob die tiefgehöhlten Augen.

Um ihren Busen lag ein Schraubstock, unter dessen Druck die Gefühle der Selbstanklage, Reue und des Schuldbewußtseins aufzuschreien drohten.

„Hat Euch — der König — geschickt? Will er mir — Gnade — schenken?“

Leonore schüttelte das Haupt. „Spanische Herrscher sind Puppen, wenn Priester die Lenker sind.“

„Die Lenker sind zum Henker geworden. Bringt Ihr Gnade — von — Ximenes?“

Wieder verneinte Leonore stumm. „Wo die Inquisition ihre Siegel hinlegt, erstirbt das Wort Gnade. Wißt Ihr, was geschehen?“

„Die Geheimnisse fliegen an einer dunklen, stummen Wand vorbei.“

Ihr Auge sammelt die Wundmale seiner Qual am Leibe. „Warum — habt Ihr — das Unselige getan?“

Wie unter dem Druck einer neuen Marter wand sich seine Seele. „Ich hab’ doch nichts getan. Tag und Nacht sind qualdurchtränkt von den Gedanken über meine unbekannte Schuld. Ich liebe eine Maurin, die Christin geworden — das ist alles. Es ist ein Spinngewebe, das zerreißen muß, wenn die Gerechtigkeit daran rüttelt.“

„Das — könnte — wahr sein.“ Die Schwere des gepeinigten Gewissens zerstückelte jeden Satz.

„Was wollt Ihr von mir?“ Seine leeren Augen suchen wie irr in die Seele der blonden Frau hinab. „Gebt Ihr mir Helle auf dem Nachtweg in die Ewigkeit?“

„Ich will — Vergebung — von Euch,“ rang es sich aus ihrer Brust.

Ein großes Staunen antwortet ihr. Und nun schluchzt sie ihre Reue heraus. „Ich bin bejammernswert. Meine Zwillingsschwester ist das Unglück, das so oft die Genossin der Schönheit ist.“

„Doña Leonore — Ihr häuft Rätsel auf die meinen — helft sie mir lösen. Was ist in den letzten Tagen geschehen? Ich wurde nicht klug aus den Fragen des Inquisitors — ich kenne auch nicht den Namen meines neuen Henkers — wo ist Leon?“

„Euer neuer Richter ist Lucero aus Cordoba.“

Da überlief Entsetzen das Angesicht des Inquisiten. „Lucero?! Das ist Vernichtung bis ins letzte Glied. Wo ist Leon?“

Leonore würgte an der Antwort. „So brach sich wirklich an diesen Mauern das Entsetzliche? Leon ist tot. Erwürgt von Eurer Moriska.“

Des Gefangenen Hände schlagen in die Luft. Eine blutrote Sonne blendet sein Auge. Und wie ein tosender Donner stürzt die Angst um die Geliebte aus seinem Innern. „Sie — ist — gerettet?“

„Geflohen!“

Ein unartikulierter, gurgelnder, nach Luft ringender Schrei — wie Fleisch gewordene Flammen züngeln seine Arme am Leib auf und ab. Irre Worte brechen sich aus seinem Hirn.

Doña Leonore erzählt bebend, von Reue und Eifersucht zerrissen, und der Graf fängt jedes Wort wie ein Verhungernder auf, während sich seine Stirn mit dem Schweiß der Erregung bedeckt. Ihm ist mählich, als spürte er auf seinen vertrockneten Gaumen sinnbetörenden, kostbaren Wein tropfen. „Reija — geflohen! Oh, barmherziger Engel!“

„Ihr — liebt sie — noch immer?“ stöhnt qualvolle Eifersucht aus ihrer Kehle.

„Wer kann aufhören, Gottes allerschönstes Erdengeschenk zu lieben?“

„Auch wenn dieses Geschenk sich mit Verrat befleckt hat?“

„Bei den ehernen Himmeln! Weib — wer blies dir das ein?“ Er starrt sie an.

Ihre siedenden Gefühle drohen überzugehen. Wie giftiger Brodem steigt es aus ihrer Sünderbrust: „Verriet sie dich nicht? Beschuldigte sie dich nicht auch der Ketzerei? Sah ich nicht selbst in Leons Händen das Protokoll, ihre Aussagen von beweisender Kraft? Klagten sie nicht dein wankendes Christentum an?“

Grauen und Verzweiflung durchrasen sein Hirn. „Reija — Reija — mich verraten? Speit die Hölle ihr Entsetzen aus? Reija — mich verraten? Laß Berge wie Löwen über die Landschaft jagen, unseliges Weib, laß Spanien in den Schlünden des Meeres versinken und die Welt aus den Polen gleiten, und ich will die Mär glauben — den Verrat Reijas glaub’ ich dir nicht. Oh, ich höre sie, die verruchten Peiniger, höre, wie Leon die herzquälenden, sinnverwirrenden Fragen aus dem Gehirn schüttelt, wie er dem Verhör Wendungen gibt, die seiner Schurkerei dienen, wie er das halb zu Tod gehetzte Wild in das Labyrinth seiner Gedanken führt und darin herumwirbelt bis die gewollte Antwort von den armen, geängstigten Lippen schnellt. Andeutungen werden Gewißheiten, Möglichkeiten Wirklichkeiten, Zweifel Wahrheit — oh, der Wille des Haßverwirrten lenkte das eingeschüchterte Herz und es ging über von Liebe zu mir, die zum Anstoß meiner Beschuldigung führte. Alle Teufel waren Beistand und sie verstrickten die Unschuld in ihr Netz — über ihren zarten Leib floß die Dunkelheit des Henkers zusammen — Doña Leonore — wie muß sie gelitten haben — sie, vor der der Windhauch in Ehrfurcht verging, wenn sie durch Gärten schritt. Oh, daß ich das Große, Erhabene ausdenken könnte: da kommt Gottes Engel und gibt den zarten Händen Würgerkraft, schafft aus den Fingern einen Eisenring, der sich in den Hals des Bluthunds preßt! In diesem Augenblick haben die Sterne in ihrem Lauf innegehalten, denn Gottes Wille bediente sich eines Königskindes, die Welt von einem Ungeheuer zu befreien. Sie hatte mehr Stärke als ich, mein Gedanke flog nicht zu den furchtbaren Rachehöhen, wo der Tod sein Entsetzen schwingt, und doch stand ich vor dem Verruchten und würgte ihn nicht ins Grab. Weib — Weib — letze meiner Seele Hunger mit der Freudenbotschaft: die Inquisition bricht zusammen, das Volk schreit auf, der Priestertod heißt ihm Erlösung! Die Granden sammeln sich zum Sturm gegen Ximenes, ihre zerbrochene Ehre ringt sich aus dem Staub, sie scharen sich um Isabella und Fernando, die geheiligten Häupter aus den Polypenarmen zu befreien — die Drachen der Inquisition Deza, Lucero — sie krümmen ihre Leiber im Fraß des eigenen Giftes! O sag’: es ist! Es ist?! — — Du schweigst? Deine Augen trauern hinter Floren — deine Blicke schreien: nein!! So triumphieren die Geister des Wahns und des Hasses?“

„Ungebrochen ihre Kraft — König und Königin ohnmächtig — die rebellischen Granden sind gefangen — nach Toledo geführt —“

„Himmel und Erde!“ brüllt der Graf auf.

„— Osuna, Orgaz, Ureña, Paredes, Beltra de Cueva — und dein Freund Hernando —“

„Hernando!“ Die Übergewalt des Schmerzes wirft den Grafen wie einen Stock hin.

„Durch dein Schicksal beflügelt, führte er ihren Geist zu den Waffen heimlicher Empörung, versammelte sie nächtens in Santa Fé — dort überraschten sie die Schergen des Ximenes — der weltliche Rat wird ihr Schicksal bestimmen, wenn nicht die Cortes ein Machtwort sprechen.“

Don Pedro keuchte sich aus der Ohnmacht der Sinne. „Spanien — wimmernd in Ketten — der Geist der Besten — hört den Freiheitstraum verrauschen — sinkt in Nacht zurück, aus der er kam.“ Ein Schluchzen durchrüttelte seine Schultern. „Hernando! Hernando! Dein warmquellendes Lachen — zerbrochen durch das Schicksal des Freundes — so werden sie dich peinigen wie mich — bis du mürbe geworden — Leonore — sag’ — du bist der einzige Bote aus der lichten Welt — sag’ — was beschließt man über mich?“

Sie senkte scheu den Blick. „Es ist schon über dich beschlossen. Und — morgen — wird man es dir — verkünden.“

Seine Augen wurden groß. Wortlos tastete sein Arm nach ihrer Hand.

Ein furchtbares Schweigen gab ihm Antwort.

„De vehementi —? Relaxierung?“ tönte es leise von seinen Lippen.

Wieder sank ihr Haupt auf die Brust.

Seine Glieder fielen in Erstarrung. Der Gedanken Müdigkeit faßte das Bild nicht mehr, das für einen Augenblick aus dem leeren Raum stieg: Um seinen Leib aufzuckende Flammen des Scheiterhaufens! Seine Sinne waren halb gelähmt, für das Kreisen des Lebens erstorben. Stumpf blickte sein Auge ins Dunkel.

Da schlug es wie rasend geschwungene Glocken an sein Ohr: „Pedro — ich habe die Macht, dich zu befreien.“

Des Grafen verstörte Augen verschlangen die blühende Frau, die plötzlich zu seinen Füßen lag, die Hände emporgerungen, das Kleid geöffnet, als wollte sie mit dem Glanz ihrer Brüste die Augen des Unseligen blenden. Seine Gedanken begannen wieder zu fließen, seine Hände griffen in die trüb erhellte Leere.

Wieder raste die Glocke: „Ich habe Freunde unter den Wächtern des Hauses, Geld und Augen bestechen. Gib mir dein Herz, reiße die fremde Liebe aus deiner Brust — Pferde stehen bereit, wir jagen über Berge nach Asturien, ein Schiff bringt uns in die Bretagne. Was starrst du graß? Dein Auge ist Entsetzen — weg von dir schattet der Todesengel und vor dir öffnet die Liebe des Lebens rosenumranktes Tor. Ich kämpfe um dein Leben, ich wage mein eigenes für deines — alles liegt zerbrochen in mir, wenn du dieses letzte Rasen meines Herzens mit einem kalten Lächeln belohnst — Pedro, Pedro, — Geliebter! Einen Tautropfen von Liebe in mein Herz! Liebe mich! Du liebst mich doch? Ich bin deine Leonore — sag’ es leise, leise, daß es wie aus fernen Himmeln klingt: ich liebe dich!“

Da öffnen sich die erstarrten Lippen des Unglücklichen und langsam bröckelt es sich ab: „Liebst du — mich — wirklich — Doña Leonore?“

„Meine Liebe bricht Ketten und tötet, was sich uns entgegenstellt, sie schafft Paradiese und löst die Hölle in leuchtende Himmel auf.“

„So wird sie auch ihre höchste Kraft entfalten können: sie wird — entsagen.“

Wie unter Blitzeswucht taumelt sie zurück. Nebel verdunkeln ihren Blick, vor ihr gähnte abermals ein Nichts.

Don Pedro de Solar hob mit bebenden Händen ihren Kopf empor und sah in die erloschnen Augen. „Ich liebe Reija — hörst du es, Weib? Schaff’ mir Pferd und Schiff — mein Herz wird mein Mädchen zu finden wissen.“

Da riß sie ihre Eifersucht aus der Lähmung. „Bist du wahnsinnig, Pedro? Oh, wie schlecht kennst du das weibliche Herz! Laß sie fahren — und ich rette dich.“

„Dann habt Ihr Zeit verloren, Doña Leonore, die Ihr besser für eine Königslaune hättet verwenden können.“

Die Schmach durchstach ihr Herz. Sie warf sich von den Knien empor. „So willst du sterben, Don Pedro?“

„Der Verrat an meiner Liebe würde meine Freiheit mit tausend Flüchen segnen.“

Da verbrannten im Nu Liebe und Mitleid in ihrem Herzen wie unter einem aufzuckenden Feuerstrahl. Ihre Haltung straffte sich, in ihren Zügen malte die Hölle wilde Verzerrung. „So stirb an den Küssen deiner Maurin! Geh in dein Verderben, das ich dir mitbereitete!“

Das Wort sprang raubtiergleich an seine Kehle. Er zitterte an allen Gliedern.

„Ich wollte dir Gottes Engel sein, aber deine Verachtung machte einen Teufel aus mir, und aus der Hölle nahm ich mein Rezept — Leon hat es bereitet.“ Der Schweiß dampfte aus ihrem Leib, ihre Lippen fieberten. „Ich war es, die dir den Weg zum Brandpfahl bereitete, meine Aussagen vor dem heiligen Tribunal kreuzigten dein Christentum, beluden dich mit Ketzerei und nahmen dir die ritterliche Ehre. Wehrlos warst du mir ausgeliefert, und so riß ich dich aus den Himmeln deiner Liebe in die Hölle meines Hasses.“

Mit Augen, die das Entsetzen verglaste, saß der Graf auf dem Bettrand und horchte auf das Klappern der gifterfüllten Natter. Seine Glieder durchrieselte der Abscheu vor der Orgie dieser Grausamkeit, die Finger verkrampften sich zuckend ineinander, ein Feuer durchzüngelte seine Brust, und es schien einen fürchterlichen Brand in ihm anzufachen, dessen Rasen das Weib vor ihm verzehren mußte. Er wollte wie ein käfigbefreiter Parder aufspringen — aber die gefolterten Beine knickten ein, elend und hilflos, untauglich zum Werk der Vergeltung, klappte der Elendshaufe Mensch zusammen und lag so, ein neuerlich Besiegter, vor dem blutsaugenden Vampir. Ein leises Wimmern, aus dem die Klage um die verlorene Würde der Menschheit stöhnte, brach sich von seinen Lippen.

Die Wache trat ein. „Die Zeit ist um.“

Mit einem Blick gesättigten Hasses, den Körper hochgestreckt, verließ Doña Leonore de Uceda die Zelle. Kein Mitleid klopfte mehr an ihr Herz. Priester mordeten um des verzerrten Glaubens, sie um ihrer versengten Liebe willen. Bei diesem Opfer hatten sich beide Henker die Hände gereicht. Und Don Pedro de Solar fühlte mitten im Toben der Verzweiflung: aus diesen Fangarmen der Hölle gab es kein Entrinnen mehr. Grausig wie ein gespenstischer Spuk stiegen vor seinem Auge die Rauchsäulen des Ketzerfeuers empor. Aus der grauenhaft gepreßten Stille sprang plötzlich ein furchtbarer Schrei.