8. Einig und stark.

Wir sind bereit, Friede zu halten und Liebe zu üben gegen alle, wofern sie uns die Lehre des Glaubens rein und unverletzt lassen.

Luther.

U

Uneinigkeit ist ein alter Erbfehler des deutschen Volkes. Es hat ihn oft schwer genug büßen müssen. Vielfach hat erst der vor den Thoren stehende Feind die deutschen Stämme veranlaßt, sich die Bruderhand zu reichen.

Angesichts der Feindschaft des Kaisers und der Römischen schlossen am 29. März 1531 die evangelischen Stände zu Schmalkalden einen Bund auf sechs Jahre. Der Kurfürst von Sachsen und der Landgraf Philipp von Hessen sollten die Oberhauptleute sein. Hätten sich damals nicht die Türken wieder gerührt, so wär's wohl zum Kriege gekommen. Statt dessen ward nun zwischen dem Kaiser und den Evangelischen im Sommer 1532 zu Nürnberg ein Religionsfriede geschlossen. Es sollte zunächst alles bleiben, wie es war. Auch durfte weder der Kaiser die Protestanten noch die Protestanten den Kaiser angreifen.

Bald nach diesem Friedensschluß erlitt der schmalkaldische Bund einen schmerzlichen Verlust. Am 15. August hatte Kurfürst Johann den Beständigen von Sachsen auf dem Schlosse Schweinitz ein Schlagfluß getroffen. Am nächsten Morgen früh 10 Uhr standen Luther und Melanchthon am Sterbebette des edlen Fürsten, der zu Speyer, Augsburg und Schmalkalden fest, entschieden und beständig für die evangelische Sache eingetreten war. Am Sonntag darauf bestattete man ihn neben seinem Bruder, Friedrich dem Weisen, in der Schloßkirche zu Wittenberg. Luther hielt die Leichenpredigt. Johann Friedrich, des Heimgegangenen Sohn, übernahm das Regiment.

Insbesondere Melanchthon und die süddeutschen Gottesgelehrten, allen voran Martin Butzer in Straßburg, hatten den dringenden Wunsch, alle Evangelischen Deutschlands und der Schweiz möchten sich aufs engste verbinden. Von solchen Einigungsplänen war Luther kein Freund. Er fürchtete, daß dabei die reine Lehre, insbesondere vom heiligen Abendmahl, leiden werde. Auf keinen Fall wollte er seine feste Gewißheit, daß im heiligen Abendmahle Christus selbst gegenwärtig sei und sich allen Abendmahlsgästen mitteile, preisgeben. Als Geistesverwandte aber der Süddeutschen und der Schweizer, insbesondere Zwinglis, erschienen ihm die Wiedertäufer, die gerade damals viel von sich reden machten. Die entsetzlichste Verzerrung evangelischer Freiheit und die abscheulichste Verkehrung derselben in fleischliche Zügellosigkeit hat im Jahre 1534 zu Münster stattgefunden. Man müsse an der Wand greifen, sagte Luther, daß der Teufel dort leibhaftig haushalte. Am 25. Juni 1535 ward die Stadt in blutigem Kampfe den »Heiligen« abgenommen. Erst als die Süddeutschen sich in ihrer Abendmahlslehre derjenigen Luthers eng näherten, ließ sich dieser zu weiteren Verhandlungen herbei. Im Mai 1536 war eine große Zahl Gottesgelehrter aus Straßburg, Augsburg, Ulm, Memmingen, Frankfurt, Konstanz und anderen Städten in Wittenberg versammelt. Da wurde die Einigkeit hergestellt. Es war ein großer Augenblick, und man begreift's, daß den Anwesenden die Thränen ins Auge traten, als Luther mit freudig bewegter Stimme erklärte: »Weil es denn so steht, so sind wir eins, erkennen und nehmen euch an als unsere lieben Brüder im Herrn.«

Im Nürnberger Religionsfrieden war Waffenstillstand beschlossen worden, bis einmal auf einer Kirchenversammlung die Streitigkeiten zwischen den Evangelischen und Römischen entschieden worden wären. Das wäre natürlich für einen Papst ein großer Triumph gewesen, wenn's ihm gelungen wäre, die abtrünnigen Protestanten in den Schoß der sogenannten »allein selig machenden« Kirche zurückzuführen. Papst Paul III., der seit dem Jahre 1534 auf dem römischen Stuhle saß, hoffte sich diesen Ruhm zu erwerben. Schlau sind die Päpste meistens gewesen, Paul III. aber war es besonders. Er plante eine Kirchenversammlung, bedauerte aber, dieselbe nicht, wie es die Evangelischen wollten, in Deutschland, sondern nur in Italien abhalten zu können. Mantua wurde dazu bestimmt. Die schmalkaldischen Bundesgenossen ließen jedoch dem päpstlichen Gesandten erklären: erstens würde hoffentlich der Kaiser nicht zugeben, daß das Konzil auf anderem als deutschem Gebiet gehalten würde, und zweitens könne nur die Heilige Schrift, aber nicht ein Konzil in Glaubenssachen entscheiden.

Der Papst kümmerte sich jetzt nicht weiter um die Protestanten, sondern schrieb einfach für das Jahr 1537 eine Kirchenversammlung nach Mantua aus. Man beriet auf protestantischer Seite viel hin und her, was zu thun sei. Schließlich einigten sich die Glieder des evangelischen Bundes dahin, im Februar 1537 in Schmalkalden zusammenzukommen. Dort sollte beschlossen werden, was auf dem Konzil »aufs äußerste zu verteidigen« sei. Von vornherein erstrebte man volle Einmütigkeit. Luther hatte den Auftrag aufzusetzen, was der Versammlung vorgelegt werden sollte. Er sollte aufzeichnen, »worauf er in allen Artikeln, die er bisher gelehrt, gepredigt und geschrieben, auf einem Konzil, auch in seinem letzten Abschied von dieser Welt vor Gottes allmächtigem Gericht gedächte zu beruhen und zu bleiben und darinnen ohne Verletzung göttlicher Majestät, es betreffe gleich Leib oder Gut, Frieden oder Unfrieden, nicht zu weichen.«

Das that Luther in den sogenannten »Schmalkaldischen Artikeln«, die ebenso wie die Augsburgische Konfession, die Apologie und die beiden Katechismen zu den Bekenntnisschriften unserer Kirche gehören. Die »Schmalkaldischen Artikel« zerfallen in drei Teile. Im ersten handelt Luther »von den hohen Artikeln der göttlichen Majestät«. Über dieselben bestand keine Meinungsverschiedenheit. Desto mehr aber über das, was der zweite Teil besagt. Hier stellt Luther den Satz von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben in den Vordergrund. »Von diesem Artikel kann man nichts weichen oder nachgeben, es falle Himmel und Erde, oder was nicht bleiben will. Und auf diesem Artikel steht alles, das wir wider den Papst, Teufel und Welt lehren und leben. Darum müssen wir des gar gewiß sein und nicht zweifeln, sonst ist es alles verloren und behält Papst und Teufel und alles wider uns den Sieg und Recht.« Im zweiten Artikel wird die Schriftwidrigkeit der Messe nachgewiesen. Im dritten fordert Luther, die Klöster sollen dazu verwendet werden, »daß man Pfarrer, Prediger und andere Kirchendiener haben möge, auch sonst nötige Personen zu weltlichem Regiment in Städten und Ländern, auch wohlerzogene Jungfrauen zu Hausmüttern und Haushälterinnen.« Vielfach ist Luthers Rat befolgt worden, z. B. bei der Gründung der Fürstenschulen zu Meißen, Grimma und Schulpforta. Der vierte Artikel weist nach, daß der Papst nicht aus Gottes Wort und nach göttlicher Einsetzung das Haupt der Christenheit ist. »An diesen vier Artikeln,« meinte Luther, »werden sie genugsam zu verdammen haben im Konzil.« Er fügt deshalb noch einen dritten Teil hinzu mit einer Reihe von nicht gerade grundsätzlichen Artikeln, über die vielleicht eine Verständigung erzielt werden könnte. Eine Nachgiebigkeit auf dem Boden der reformatorischen Grundsätze hielt Luther bei den Römischen für ausgeschlossen. Er wußte genau: Entweder bleibt der Papst Papst — dann läßt er das Evangelium nicht zu — oder er läßt das Evangelium zu — dann hört er auf Papst zu sein. Darum betete Luther: »Ach lieber Herr Jesu Christe, halt du selber Konzil und erlöse die Deinen durch deine herrliche Zukunft. Es ist mit dem Papst und den Seinen verloren; sie wollen dein nicht. So hilf du uns Armen und Elenden, die wir zu dir seufzen und dich suchen mit Ernst, nach der Gnade, die du uns gegeben hast, durch deinen heiligen Geist, der mit dir und dem Vater lebet und regieret, ewiglich gelobet. Amen.«

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9. Ein Tag im Hause Luthers.

Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht.

Goethe.

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Wer einmal nach Eisenach kommt, wird ganz gewiß nicht versäumen, auf die Wartburg zu wandern und sich das Zimmer zeigen zu lassen, in dem einst unser Luther als Junker Jörg gewohnt und das Neue Testament übersetzt hat. Und wer einmal nach Wittenberg kommt, der wird nicht versäumen, das Haus Luthers zu besuchen. Es ist das alte Augustinerkloster. Der Kurfürst hat es einst dem Reformator geschenkt. Man hat recht daran gethan, daß man in diesem Hause möglichst wenig geändert hat. Das sieht man vor allem an dem großen Wohnzimmer. Ganz wie es einst zu Luthers Lebzeiten war, ist's geblieben. Dort der mächtige Kachelofen — da mag manchmal Muhme Lene sich gewärmt haben! Dort der große Familientisch, da haben sie sich zu Mittag und Abend zu fröhlicher Mahlzeit versammelt. Dort die tiefe Fensternische mit dem Lehnstuhl — da hat Käthe Luther oft gearbeitet und mitunter durchs Fenster nach den spielenden Kindern geschaut. Ist's nicht, als müßte Luther selbst aus seiner Studierstube hereintreten?

Lutherhaus in Wittenberg
Lutherhaus in Wittenberg.

So versetzen wir uns denn einmal um Jahrhunderte zurück, kehren ein in Luthers Hause und wollen einen Tag lang stille Beobachter und Zuhörer sein! Es ist am frühen Morgen. Schon füllt sich das Wohnzimmer. Wer sind alle, die da kommen? Dort die ehrwürdige Muhme Lene, Frau Luthers Tante, die einst auch Nonne im Kloster zu Nimbschen gewesen war und nun hier eine freundliche Unterkunft gefunden hatte, und mit ihr die älteren Kinder des Hauses, Hans und Lenchen. Dort mehrere Studenten und ein vertriebener evangelischer Prediger, dem der gastfreie Hausherr Herberge gewährt hat. Dort die Dienstboten, die Luther immer zu seiner Familie rechnete, allerdings mit der Forderung, daß sie wie die Kinder des Hauses Zucht sich unterwürfen. Und nun treten mit freundlichem Gruße Hausvater und Hausmutter ein, mit ihnen die drei jüngsten Kinder, Martin, Paul und Margarethe. In früher Morgenstunde ist die Hausgemeinde zum Gottesdienst versammelt — wahrlich ein schönes Bild! Wenn's doch so in allen Häusern wäre! Dann erst geht's an die Arbeit: die Hausfrau mit den Dienstboten in die Zimmer und Küche und Keller, in den Garten und in den Stall! Es gab viel zu thun in diesem Hause! Der Hausvater und die Studenten nehmen ihre Bücher und eilen in die Vorlesungen.

Lutherstube in Wittenberg
Lutherstube in Wittenberg.

Es ist schon ein gut Stück Tagesarbeit gethan, als um zehn Uhr — so war es damals Brauch — zum Mittagessen gerufen wurde. Von seinen Vorlesungen war Luther in die Stadtkirche gegangen, um bei der feierlichen Weihe einiger junger Prediger gegenwärtig zu sein. Dann hat er fleißig an seinem Schreibtisch gearbeitet, — morgen soll er auf Wunsch des Kurfürsten vor dessen Gästen in der Schloßkirche predigen —, hat mehrere Briefe geschrieben und ist trotz seiner vielen Arbeiten nicht böse gewesen, als Freund Melanchthon kam, um etwas zu fragen, als einige Fremde vorsprachen, die ihn nur einmal sehen wollten, und als eins der jüngsten Kinder anfing, sich neben dem Schreibtisch eine Spielecke einzurichten und dem Vater etwas laut Gesellschaft zu leisten.

Luthers Familie
Luthers Familie.

Nicht nur die Hausbewohner stellten sich an Luthers Tische ein. Mancher arme Student fand da ein Plätzchen. Fremde Gäste, die Luther besuchten, mußten auch an der Mittagsmahlzeit teilnehmen. Da war's ein großer Kreis, für den die wackere Hausfrau zu sorgen hatte, und es mag ihr sehr willkommen gewesen sein, wenn eine dankbare Stadt, der Luther einen wichtigen Dienst geleistet hatte, oder ein reicher Freund einmal ein Stück Wildbret in die Küche oder ein Faß Wein in den Keller schickte. Daß man sich in Luthers Hause nicht ohne Tischgebet zum Essen setzte, versteht sich von selbst. Eins der Kinder mußte es sprechen. Bald begann dann eine fröhliche Unterhaltung, wie sie Luther bei Tische liebte. War ein fremder Gast aus fernen Landen zugegen, der mußte von seiner Heimat erzählen. Auch manch ernstes Gespräch ist da geführt worden. Was unser Luther redete, war von Wichtigkeit. Drum haben's die »Tischgesellen« sich wohl gemerkt, auch manches gleich bei Tische aufgeschrieben. Wir haben ein paar Bände solcher »Tischreden« Luthers, in denen es auch an manchem heiteren Wort nicht fehlt.

Nach des Tages Arbeit fand man sich zum Abendbrot wieder zusammen. Dann geht es hinaus in den wohlgepflegten Garten, wo Luther sich an der Schönheit der Blumen und am Gesang der Vögel erfreut, Käthe aber mit Stolz das prächtig gedeihende Gemüse betrachtet. Statt zum Kegelschieben oder einem anderen Spiel im Freien, wie sonst oft, fordert Luther heute die jungen Leute auf, noch ein Stündchen in sein Studierzimmer zu kommen und mit ihm eine »Hausmusika« zu veranstalten. Ein Krug frisches Bier, von der tüchtigen und fleißigen Käthe selbst gebraut, erquickt die Sänger. Kaum aber ist die Sonne untergegangen, so sammelt man sich noch einmal im Wohnzimmer zur gemeinsamen Abendandacht. Die Kleinen und Kleinsten gehen zur Ruhe. In dem Turmzimmer aber, dessen Fenster nach der Elbe hinausblickt, ist noch lange Licht. Dort sitzt der fleißige Luther über der Bibel. Morgen wollen die Freunde Melanchthon, Bugenhagen, Cruciger, Rörer und andere kommen, um mit ihm an der Übersetzung einer besonders schwierigen Stelle des Alten Testaments zu arbeiten. Mitternacht ist's geworden. Von St. Marien und von der Schloßkirche bringen die Glocken dem neuen Tag den ersten Gruß. Luther tritt ans offene Fenster, schaut nach dem sternenbedeckten Himmel, faltet die Hände zum Gebet und spricht seinen Abendsegen.

So friedlich und freundlich wie heute ist's freilich nicht immer in Luthers Hause gewesen. Auch Kummer und Sorge, Krankheit und Tod haben dort ihren Einzug gehalten, und die beiden Eltern haben wie andere Christenleute ihr Kreuz zu tragen gehabt. Der trübste Tag in Luthers Hause ist wohl der gewesen, da das dreizehnjährige Lenchen starb. Aber Luther, der so manchen Trauernden zu trösten gewußt hat, trauerte auch selbst nicht ohne Trost. Bei den »Heiligen im Himmel« suchte er hinfort das tote Kind, dessen er auf Erden nach Gottes Rat nur kurze Zeit sich hatte freuen sollen.

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10. Luthers Freunde.

Ein treuer Freund ist ein Trost des Lebens; wer Gott fürchtet, der kriegt solchen Freund.

Sirach 6, 16.

W

Das wäre eine lange Reihe, wollte man sie alle aufzählen, die zu Luthers Freundeskreis gehörten — und wie viele treue Freunde mag er hin und her in Stadt und Land gehabt haben, deren Namen wir gar nicht kennen! Nur von solchen Freunden, die unserm Luther am nächsten standen und von denen der liebe Leser gewiß schon etwas gehört hat, soll hier kurz die Rede sein!

3 Personen
Friedrich der Weise, Johann der Beständige, Johann Friedrich der Großmütige.

Da nennen wir zuerst den wackeren Kurfürst Friedrich den Weisen von Sachsen. Ihm hatte Luther viel zu danken. Immer hielt er über seinem Wittenberger Professor seine schützende Hand. Er verhinderte es, daß man Luther nach Rom brachte. Er weigerte sich, gegen den gebannten Luther etwas zu thun. Statt dessen brachte er den Geächteten auf der Wartburg in Sicherheit. Und wie dankbar ist Luther für das alles seinem Kurfürsten gewesen! Er hat's ihm nicht nur in den Trauerpredigten gedankt, die er nach des Landesherrn Abscheiden hielt, sondern sein Leben lang hat er die besonderen Tugenden Friedrichs des Weisen gerühmt, »neben seiner Weisheit und Vorsicht namentlich seine Milde gegen seine Unterthanen, seine Liebe zur Gerechtigkeit, seinen Haß gegen alle Lüge«. Zu Luthers treuesten Freunden haben auch Friedrichs des Weisen Nachfolger gehört, Johann der Beständige, der sich oft in der Kirche Luthers Predigten nachschrieb, und Johann Friedrich der Großmütige, der selten nach Wittenberg kam, ohne sich von Luther in der Schloßkirche eine Predigt halten zu lassen.

Justus Jonas.
Justus Jonas.

Der liebe Leser kennt gewiß ein Bild, das Luther in seiner Familie zeigt. Da ist wohl auch ein Mann zu finden, der mit Luther so befreundet war, daß man ihn mit zur Familie rechnete: Philipp Melanchthon! Wer ein treues deutsches Freundespaar nennen soll, der wird wohl zuerst an die beiden denken, an Luther und Melanchthon. Verschiedene Leute sind die beiden freilich gewesen: Luther unbeugsam, rücksichtslos, wenn sich's um die Wahrheit handelte, geradezu in seiner Rede — Melanchthon friedesuchend, vermittelnd, fein und liebenswürdig; Luther mit Entschiedenheit den tiefen Graben zeigend, der die Evangelischen von der römischen Kirche trennt, — Melanchthon in Liebe und Versöhnlichkeit eine Brücke suchend, die über den Graben führt. Aber so verschieden die beiden Männer waren, eins sind sie doch gewesen im Glauben und in der Liebe, in der Zartheit ihres Gewissens und in der Treue. Es war auch eine Fügung Gottes, daß die beiden Freunde in ihrer Verschiedenheit sich ergänzten. Das haben sie selbst bald gefühlt, seit sie nebeneinander in Wittenberg wirkten. Im Sommer 1518 war Melanchthon als Lehrer des Griechischen dahin berufen worden, und schon nach wenigen Monaten schrieb Luther: »Ich habe an Melanchthon meinen vertrautesten Freund« und Melanchthon bekennt: »Ich möchte lieber sterben als von diesem Manne mich trennen müssen!« Und wie es nur rechte Freunde können, haben die beiden Freud' und Leid miteinander geteilt, miteinander gearbeitet und geduldet, gekämpft, gehofft und gebetet. Eine Geschichte aus dem Leben beider mag das noch besonders zeigen. Im Jahre 1540 war Melanchthon auf einer Reise schwer erkrankt. In Weimar brach er zusammen. Als Luther von der Krankheit hörte, suchte er den Freund durch einen herzlichen Trostbrief aufzurichten. Umsonst — die Krankheit nahm bedenklich zu, so daß der Kurfürst einen Arzt und mit ihm Luther und Justus Jonas nach Weimar schickte. »Behüt Gott! Wie hat mir der Teufel dies Werkzeug geschändet!« rief entsetzt Luther, als er den Freund fand, »die Augen wie gebrochen, das Gehör vergangen, die Sprache entfallen.« Dann ging er ans Fenster, sank in die Knie und unter heißen Thränen mit der ganzen Macht seines Glaubens betete er zu Gott, den Freund aus dem Tode zu erretten. Darauf tritt er ans Lager, faßt Melanchthon an beiden Händen und spricht: »Sei gutes Muts, Philipp, Du wirst nicht sterben — — vertraue dem Herrn, der töten und wieder lebendig machen, verletzen und verbinden, schlagen und heilen kann!« Im Gebete hatte Luther den Weg zum Herzen und zur Hilfe Gottes, in seinem Zuspruch den Weg zum Herzen des Freundes gefunden. Wohl war es Melanchthon, als wäre seine Seele schon auf der Heimfahrt begriffen. »Halte mich um Gotteswillen,« rief er, »nicht länger auf! Ich bin jetzt auf einer guten Fahrt, lasse mich hinziehen! Es kann mir nichts Besseres widerfahren.« Bestimmt erwiderte Luther: »Mit nichten! Du mußt unserm Herrn noch weiter dienen!« Dann holte er zu essen und zwang den Kranken, in dem der Wille zum Leben wieder zu erwachen begann: »Hörst du, Philipp! Kurzum, du mußt mir essen oder ich thue dich in den Bann!« Und Melanchthon aß und als er dann, wie verwundert darüber, daß er noch lebe, im Zimmer sich umschaute, sah er mit großen Buchstaben von treuer Freundeshand die Worte des 118. Psalm an der Wand geschrieben: »Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herren Werk verkündigen.« So hat Luther seinen Melanchthon aus dem Tode herausgebetet. Ja, die Heilige Schrift hat recht: »Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist!« (Jak. 5, 16).

Der Weinberg des Herrn
»Der Weinberg des Herrn« (von Lukas Kranach). — (Verlag d. Buchh. d. Diakonissen-Anst. Kaiserswert). Dieses Bild stellt Luther und seine Freunde bei ihrer Arbeit im Reiche Gottes dar.

Melanchthon hat seinen Freund Luther um vierzehn Jahre überlebt. Das sind, wie wir noch hören werden, schwere Jahre gewesen. Wie oft mag Melanchthon geseufzt haben: Stünde mir doch noch Luther zur Seite! Die im Leben eins waren, ruhen nun neben einander in der Schloßkirche zu Wittenberg. Manches Denkmal aber hat die beiden Freunde in lebendigem Bilde vereint. Sie stehen beide auf dem Wittenberger Marktplatz, über den sie wohl oft miteinander geschritten sind. Neben Luther steht Melanchthon auf dem Reformationsdenkmal zu Leipzig.

Von anderen guten Freunden unseres D. Martin Luther seien noch genannt der Altenburger Superintendent Georg Spalatin, der Wittenberger Stadtpfarrer Johann Bugenhagen, der berühmte Maler Lukas Kranach, der Nürnberger Dichter Hans Sachs, die Mitarbeiter an der Bibelübersetzung Nikolaus Amsdorf, Kaspar Cruciger und Justus Jonas, die Prediger Nikolaus Hausmann in Zwickau, Veit Dietrich und Wenceslaus Link in Nürnberg, Friedrich Mykonius in Gotha, der spätere Wittenberger Generalsuperintendent Paul Eber, endlich der kursächsische Kanzler Gregor Brück.

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11. Luthers seliger Heimgang.

Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.

Off. Joh. 2, 10.

W

Wenn in des Jahres Lauf der Tag wiederkehrt, da einst Vater oder Mutter starb, legt es sich über das Haus wie stille Trauer. Die Kinder ziehen hinaus zum Grabe, es zu schmücken mit dem Kranze wehmütigen und dankbaren Gedenkens. Des Vaters treue Sorge und der Mutter hingebende Liebe steht an solchem Tage wieder lebendig vor der Seele und aus der Trauer um die Heimgegangenen erhebt sich das heilige Gelübte, in ihren Fußtapfen zu wandeln, ihrem Namen Ehre zu machen und treulich ihre Mahnungen zu erfüllen.

Luthers eigenhändige Unterschrift eines Briefes
(Luthers eigenhändige Unterschrift eines nach Zwickau gerichteten Briefes).

Eisleben
Eisleben.

Wie ein Vater ist D. Martin Luther der ganzen evangelischen Christenheit gewesen. Mit stiller Trauer und heiligen Gelübden soll sie immerdar den 18. Februar begehen. An diesem Tage im Jahre 1546 ist Luther geschieden. Es war Gottes Fügung, daß er einem Friedenswerke dienend — er sollte die Grafen von Mansfeld untereinander versöhnen — zum ewigen Frieden einging in derselben Stadt, in der er einst die Augen zu einem Leben in mutigem Kampfe aufgeschlagen hatte. Es war Luthers Freude, daß ihm sein Friedenswerk gelang und die Grafen sich die Hand zur Versöhnung reichten. Am 14. Februar — es war der 6. Sonntag nach Epiphaniä — hat er zum letzten Male in Eisleben gepredigt. Er, der so viele hundert Mal auf der Kanzel gestanden hatte, hielt seine letzte Predigt dort wo er einst die heilige Taufe empfangen hatte. Zwei Tage später begannen seine Kräfte sichtlich abzunehmen. In den ersten Morgenstunden des 18. Februar hat er seine Seele ausgehaucht. Sein letztes Gebet hat gelautet: »O mein himmlischer Vater, ein Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi, du Gott alles Trostes, ich danke dir, daß du mir deinen lieben Sohn Jesum Christum geoffenbaret hast, an den ich glaube, den ich gepredigt und bekannt habe, welchen der leidige Papst und alle Gottlosen schänden, verfolgen und lästern. Ich bitte dich, mein Herr Jesu Christe, laß dir mein Seelchen befohlen sein! O himmlischer Vater, ob ich schon diesen Leib lassen und aus diesem Leben hinweggerissen werden muß, so weiß ich doch gewiß, daß ich ewig bei dir bleiben und aus deinen Händen mich niemand reißen kann!« Luthers letztes Wort war ein freudig bekennendes »Ja!« auf die Frage der Freunde: »Ehrwürdiger Vater, wollet ihr auf Christum und die Lehre, wie ihr gepredigt, beständig bleiben?« Dann schlummerte er in Frieden ein.

Auf Wunsch des Kurfürsten wurde die Leiche nach Wittenberg gebracht. Es war am Montag darauf, am 22. Februar. Am Elsterthor zu Wittenberg hatte sich die Universität, der Rat und die Bürgerschaft versammelt. Gegen neun Uhr fingen die Glocken an zu läuten. Sie grüßten den ernsten Zug, der Luthers Leiche nach Wittenberg geleitete. Wer da hinter dem Sarge Luthers Witwe fahren und dahinter die drei Söhne schreiten sah, dem mußte die Thräne ins Auge treten. An Luthers und Melanchthons Wohnhaus vorbei ging's nach der Schloßkirche. Dort sprachen Bugenhagen und Melanchthon. Es war ihnen schwer, den Schmerz, der die Stimme erzittern machte, zu beherrschen. Nahe der Kanzel senkte man den Sarg ins Grab.

Schloßkirche zu Wittenberg
Schloßkirche zu Wittenberg.

Durch die ganze evangelische Welt ging ein tiefes Trauern und in die Trauer mischte sich die bange Sorge um die Zukunft. Viel Trübes und Schmerzliches sollte sie bringen. Aber der Glaube sah von jeher aus allen Stürmen und Kämpfen siegreich das Evangelium hervorgehen. Als Friedrich Mykonius in Gotha die Nachricht von Luthers Tode erhielt, schrieb er an den Kurfürsten von Sachsen: »Dieser D. Luther ist gar nicht gestorben, wird und kann nicht sterben, sondern wird nun allererst recht leben!« Luthers Wahlspruch lautete: »Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werk verkündigen« (Psalm 118, 17). Dieser Wahlspruch ist eine Weissagung geworden und die Weissagung hat sich erfüllt. Luther lebt fort in dem dankbaren Gedächtnis der evangelischen Kirche. Niemals soll es unter uns vergessen sein, was wir dem teuren Gottesmann zu verdanken haben! Wir wollen festhalten an dem lauteren Gotteswort, das durch Luther wieder ans Licht gebracht, uns befreit hat aus der Finsternis des Papsttums und Jesum Christum als unsern alleinigen Heiland und alleinigen Trost im Leben und im Sterben zeigt! Mag die Kirche des Papstes die erhabene Gestalt und die göttliche Lehre Luthers hassen, verunglimpfen und verfolgen, wie sie will, es wird dabei bleiben:

Gottes Wort, Lutheri Lehr
Vergehen nun und nimmermehr!


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