icht nur von Wittenberg zogen die Gedanken des Evangeliums in die Welt hinaus. Fast gleichzeitig begann sein Licht in der Schweiz zu leuchten. Es ist Gottes Wille gewesen, daß neben die evangelisch-»lutherische« die evangelisch-»reformierte« Kirche trat. Man hat schon in der Reformationszeit versucht, die beiden zu vereinen. Vielleicht wäre Eine große evangelische Kirche mächtiger gewesen. Die beiden Kirchen sind wie zwei Schwestern. Jede hat ihre Eigentümlichkeiten. Aber es ist Ein Geist, der beide beseelt: der Geist des Glaubens, der allein auf Gottes Wort sich gründet, und der Liebe, die in der Kraft des göttlichen Wortes dient und wirkt. Sind Luther und Melanchthon die Väter unserer Kirche, so sind Zwingli und Calvin als die Väter der reformierten Kirche zu bezeichnen. Von beiden soll in diesem Abschnitt erzählt werden.
So euch der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei.
Joh. 8, 36.
ie mannigfaltig führt Gott die Menschen, auch die, die er zu Rüstzeugen für ein und dasselbe große Werk bestimmt hat. Auf ganz verschiedenem Boden sind Luther und Melanchthon erwachsen, verschieden war ihre Eigenart, und doch hat sie Gott nebeneinander gestellt und durch sie das Werk der Reformation hinausgeführt. Und wieder ganz verschieden von diesen beiden der Reformator der deutschen Schweiz, Huldreich (Ulrich) Zwingli. In den Bergen der Schweiz weht eine andre Luft als droben nach dem Norden zu. Der Sohn der Berge fühlt sich freier. Darum war es dort der römischen Kirche nicht gelungen, die Leute in so feste Bande zu schlagen, wie es bei uns geschehen war. So kam es auch, daß man sich in der Schweiz leichter und rascher aus dem festen Gefüge des Papsttums löste.
Huldreich Zwingli ist nur wenige Wochen jünger als unser Luther. Er wurde am 1. Januar 1484 zu Wildenhus, einem Bergorte zwischen dem Säntis und den Kuhfirsten geboren. Der Vater, der Ammann von Wildenhus, war wohlhabend genug, um seinem Sohne, dem dritten unter acht Kindern, eine tüchtige Erziehung und Schulbildung geben lassen zu können. In Basel, Bern und Wien hat Huldreich fleißig studiert. Einer seiner Lehrer in Basel sprach es schon damals offen aus, daß Ablaß weiter nichts als Lug und Trug sei. Frühzeitig fühlte sich Zwingli zur Heiligen Schrift hingezogen. Die Beschäftigung mit ihr war ihm die höchste Freude.
Zu der Zeit, als Luther noch im Erfurter Kloster weilte, trat Zwingli, erst 22 Jahre alt, das Amt eines Pfarrers zu Glarus an. Die Pfarrei Glarus umfaßte etwa den dritten Teil des gesamten Kantons. Es war also ein großes Amt, das dem jungen Pfarrer anvertraut wurde. Dabei vergaß aber Zwingli auch das Wort des Herrn nicht: Weide meine Lämmer! Mit besonderer Hingabe nahm er sich der Jugend an. Fleißig studierte er mit den Jünglingen. Sein liebstes Buch aber blieb die Heilige Schrift. Während Luther in Erfurt mit unbeschreiblicher Freude und rastlosem Eifer das Buch der Bücher durchstudierte, saß Zwingli vor seiner Bibel, schrieb sich die Erklärungen der besten Ausleger an den Rand und lernte das Neue Testament von Anfang bis zu Ende fast auswendig. Auch ihm wurde es klar, daß die Heilige Schrift allein die Quelle des Glaubens und die Richtschnur des Lebens sein dürfe. »Du mußt die Meinung Gottes,« sprach er zu sich selbst, »lauter aus seinem eigenen, einfältigen Worte lernen.«
Wie Luther sein deutsches Volk, so hatte Zwingli sein Schweizervolk von Herzen lieb. Und es war gewiß recht von ihm, daß er es auch in Kriegszeiten nicht verließ, sondern als Feldprediger seine Männer von Glarus mit nach Italien begleitete. Luther hat den Finger auf manche Wunde im deutschen Volksleben gelegt. Auch bei den Schweizern war nicht alles, wie es sein sollte. Zwingli hat offen getadelt und mutig bekämpft, was zu tadeln und zu bekämpfen war. So vor allem das sogenannte Reislaufen. Die kräftigen Schweizer pflegten nämlich für Geld Kriegsdienste zu nehmen. Das nannte man Reislaufen. Das brachte allerdings viel Geld in das sonst arme Land. Auch ließen sich vornehme, einflußreiche Leute ein Jahrgeld dafür bezahlen, daß sie junge Leute für fremde Heere anwarben oder solche Werbungen im Lande duldeten. Da kam es aber vor, daß sich Schweizer Jünglinge und Männer in feindlichen Heeren einander gegenüber standen. Und mancher kam heim nicht nur mit ausländischem Gelde, sondern auch mit ausländischen Lastern. Dieses Unwesen hat Zwingli ernstlich bekämpft und sich nicht viel um die Feindschaft derer bekümmert, die vom Reislaufen ihren Vorteil hatten.
Gott hatte Zwingli zum Reformator der Kirche seines Vaterlandes bestimmt. Darum führte er ihn ganz ähnlich wie Luther so, daß er die Schäden der Kirche in ihrer Tiefe kennen lernte. Im Jahre 1516 folgte Zwingli zum Schmerz seiner Glarner Gemeinde einem Rufe als Prediger nach dem Wallfahrtsort Einsiedeln. Dort drängten sich die Leute vor einem wunderthätigen Marienbild. Zwingli predigte, daß Christus allein unser Mittler sei, und am Michaelisfeste 1517 — also wenige Wochen vor den 95 Thesen Luthers — haben in Einsiedeln viele Leute das Geld, das sie für den Ablaß mitgebracht hatten, den Armen gegeben.
Auch die Schweiz hat ihren Tetzel gehabt. Er hieß Samson. Mit ihm bekam es Zwingli in Zürich zu thun. Dort wirkte der Reformator seit Neujahr 1519. Seinem entschiedenen Widerspruch war es zu danken, daß dem frechen Samson, der gegen 120000 Dukaten den Schweizern abgenommen haben soll, Zürichs Thore verschlossen blieben. In seinen Thesen hat Luther »das allerheiligste Evangelium« für den »wahren Schatz der Kirche« erklärt. Zwingli ist derselben Meinung gewesen. Er begann seine Thätigkeit in Zürich mit Predigten über das Matthäus-Evangelium. Gottes Wort weckte ein neues Leben in Zürich. Tausende sammelten sich unter der Kanzel dieses »rechten Predigers der Wahrheit«, wie man Zwingli nannte. Dieser aber ging Schritt für Schritt vorwärts und verwarf einen römischen Mißbrauch nach dem andern als unevangelisch.
Mit einem Schlage ist freilich nirgends die Reformation durchgeführt worden, auch in der freien Schweiz nicht. Die römisch Gesinnten suchten sich so lange als möglich zu behaupten. So war es auch in Zürich. Insonderheit widersetzte sich der Bischof von Konstanz, zu dessen Sprengel Zürich gehörte, mit aller Macht den Neuerungen Zwinglis.
Eine Disputation sollte öffentlich an den Tag bringen, auf wessen Seite die Wahrheit war. Im Januar 1523 wurde eine solche in Zürich abgehalten. Zwingli siegte. Nun ging es freilich auch so zu wie in Wittenberg und anderen Städten Deutschlands. Man beseitigte gewaltsam alles, was an die römischen Gottesdienste erinnerte. Man riß die Heiligenbilder herunter und zerhackte die Crucifixe. Zwar wurden die Bilderstürmer auf zwei Jahre verbannt. Aber es blieb dabei: Bilder sollten als der Heiligen Schrift zuwider (2. Mos. 20, 4) nicht in den Kirchen geduldet werden.
Schon darin zeigt sich ein wichtiger Unterschied in der Lehre Zwinglis und Luthers. Was nicht wider die Schrift ist, sagte Luther, kann geduldet werden. Was nicht aus der Schrift bestätigt werden werden kann, muß beseitigt werden, sagte Zwingli. Aber ein tieferer und verhängnisvollerer Unterschied trat in der Abendmahlslehre beider zu Tage. Luther lehrte die Gegenwart des Leibes und Blutes Christi in Brot und Wein beim Genusse des heiligen Abendmahls (vergl. das erste Fragstück des fünften Hauptstücks). Zwingli verstand unter Brot und Wein nur Sinnbilder des Leibes und Blutes Christi und lehrte nicht eine leibliche, sondern nur eine geistige Gegenwart des Herrn in seinem Mahle. Es brach darüber ein heftiger, nicht ohne Leidenschaft geführter Streit zwischen beiden Männern aus. Auch auf dem Religionsgespräch zu Marburg im Jahre 1519, an dem Zwingli teilnahm, kam es zu keiner Einigung. Es ist tief zu bedauern, daß gerade das Liebesmahl des Heilands der Gegenstand des Streites und der Entzweiung geworden ist. Welch eine Macht wäre das protestantische Deutschland, einig mit den Schweizern, gewesen!
Aber auch nicht alle Schweizer Kantone nahmen das Evangelium an. In den fünf Urkantonen Schwyz, Uri, Zug, Unterwalden und Luzern behielten die Römischen die Oberhand und unterdrückten alle evangelische Regungen mit Gewalt. Es kam schließlich zwischen den katholischen und evangelischen Kantonen zu blutigem Kriege. Zwingli zog selbst mit in den Kampf. »Ich will in Gottes Namen,« sprach er, »hin zu den biederen Leuten und mit ihnen sterben oder sie retten helfen.« In der Schlacht bei Kappel am 11. Oktober 1531 hat er den Tod gefunden. Über seinem Leichnam hielten die Feinde noch Gericht. Man mißhandelte, vierteilte und verbrannte ihn. Die Reformation haben sie aber damit aus der Schweiz nicht tilgen können, wenn sie auch hinfort vielfach ihre Stammesgenossen zwangen, zum alten Glauben zurückzukehren. Als Luther die Nachricht von Zwinglis Tode erhielt, hat er, wie er selbst erzählt, die ganze Nacht vor Weinen nicht schlafen können.
Zweier Männer soll hier noch gedacht werden, eines treuen Freundes und eines berühmten Schülers Zwinglis. Der treue Freund hieß Johann Ökolampadius, der Schüler, der zugleich Zwinglis Nachfolger in seinem Züricher Amte gewesen ist, Heinrich Bullinger.
Johann Ökolampadius stammte aus der schwäbischen Stadt Weinsberg, wo er im Jahre 1492 geboren wurde. In Heidelberg hat er fleißig studiert, auch andere Universitäten besucht. Daß der Kurfürst Philipp von der Pfalz ihm die Erziehung seiner Söhne anvertraute, war gewiß das beste Zeugnis für seine Tüchtigkeit. Eine Zeitlang ist er Pfarrer in seiner Vaterstadt Weinsberg, dann Domprediger in Basel gewesen. Im Jahre 1518 finden wir ihn als Prediger in Augsburg. Dann ging er in ein Kloster nicht weit von dieser Stadt. Da hat er in stiller Zurückgezogenheit eifrig sich mit Gottes Wort beschäftigt. Die Überzeugung, daß Klosterleben und evangelische Wahrheit sich nicht mit einander vertragen, nötigten ihn bald, die Mönchskutte wieder auszuziehen. Er trat als evangelischer Schloßprediger in den Dienst des bekannten Ritters Franz von Sickingen auf der Ebernburg bei Mainz. So ist der Mann viel umhergezogen, bis Gott ihn an die Stätte führte, wo er die wichtigste Aufgabe seines Lebens erfüllen sollte. Das war die Stadt Basel. Hier hat er als Prediger und Universitätslehrer treulich bis an seinen Tod gewirkt. Die Geschichte hat ihm den Ehrennamen des »Reformators von Basel« gegeben. Nur wenige Wochen überlebte er den Tod seines Freundes Zwingli. Er starb am 24. November 1531.
Ein Sohn der Schweizer Berge wie Zwingli war Heinrich Bullinger, am 18. August 1504 in Bremgarten im Kanton Aargau geboren. Während seiner Studienjahre in Köln las der außerordentlich begabte Jüngling fleißig Luthers und Melanchthons Schriften, die ihn an die Bibel, als die alleinige Quelle der göttlichen Wahrheit wiesen. Von aufrichtiger Begeisterung für die reine Lehre des Evangeliums erfüllt, wurde der 21jährige Magister Bullinger Lehrer an der Klosterschule zu Kappel. Viele nahmen hier sein Wort mit Freuden auf, andere haßten ihn als einen Feind der römischen Kirche. Schon damals kam Bullinger mit Zwingli zusammen und sprach sich über das aus, was seine Seele bewegte. Bald aber durfte er auf einige Monate nach Zürich gehen, um andächtig zu Zwinglis Füßen zu sitzen. Seiner Vaterstadt Bremgarten, die ihn dann als ihren Pfarrer berief, hat er das Beste gebracht, das lautere Evangelium. Nach der Schlacht bei Kappel mußte er fliehen. Er wandte sich nach Zürich, wo er halb zum Nachfolger Zwinglis gewählt wurde. Aber seine segensreiche reformatorische Thätigkeit beschränkte sich nicht auf diese Stadt. Selbst Könige und Fürsten haben seinen weisen Rat geschätzt und gesucht. Nachdem er fast ein halbes Jahrhundert der Züricher Gemeinde gedient und »sich durch seinen eisernen Fleiß, seinen nüchternen, praktischen Sinn, durch seine tiefe Einsicht, seine Treue an der evangelischen Wahrheit um die Befestigung der Reformation hoch verdient gemacht hatte«, ging er am 17. September 1575 zur ewigen Ruhe ein.
Ich, auf mein Gewissen vertrauend, fürchte keinen Angriff; denn was können sie Schlimmeres bereiten als den Tod.
Calvin.
uch der französischen Schweiz sandte Gott ihren Reformator. Das war Johann Calvin, der Sohn eines französischen Vaters und einer deutschen Mutter, am 10. Juli 1509 zu Noyon in der Pikardie geboren. In dem ernsten Knaben sahen die Eltern frühzeitig den zukünftigen Gottesgelehrten. Aber auf mancherlei Umwegen führte Gott das erwählte Rüstzeug in die Arbeit in seinem Weinberge. Nach dem Wunsche des Vaters, dem die Laufbahn eines Rechtsgelehrten glänzender und vorteilhafter als die eines Dieners der Kirche erschien, widmete sich Calvin dem Studium der Rechtswissenschaft. Aber sein Geist fand in der juristischen Gelehrsamkeit keine Befriedigung und sein Herz in der Religion der Väter keinen Frieden. Calvin wandte sich nach dem Tode seines Vaters nach Paris und studierte dort mit rastlosem Fleiße die Heilige Schrift.
Heiße Kämpfe hatte er zu bestehen. In diese Zeit fiel seine innere Umwandlung. Sie erschien ihm selbst wie ein Wunder Gottes an seiner Seele. Rasch und gewaltig, wie Calvin selbst erzählt, vollzog sie sich. Seitdem stand er oft lehrend im Kreise seiner evangelischen Freunde zu Paris. Er pflegte seine Predigten zu schließen mit dem Spruche: Ist Gott mit uns, wer mag wider uns sein? (Röm. 8, 31).
Bald sollte Calvin den Trost, den der Gläubige aus diesem Spruche gewinnt, recht nötig brauchen. Blutige Verfolgungen brachen über die Evangelischen Frankreichs herein. In Paris haben deren sechs die Treue zu ihrem Heiland mit dem Feuertod besiegelt. Calvin fand in Basel eine Zuflucht. Dort hat er sein berühmtestes Werk, eine Verteidigung seiner Lehre, geschrieben.
Gern hätte Calvin die Stille aufgesucht und sich für immer gelehrten Arbeiten gewidmet. Gott hatte aber mit ihm anderes vor. Im Jahre 1536 kam Calvin nach Genf. Hier hatte vor kurzem die Reformation ihren Einzug gehalten. Aber Volkssache war sie noch nicht. Die äußerlich angenommene Reformation nun auch in die Herzen zu pflanzen, das war die große Aufgabe, vor der Wilhelm Farel, Genfs Reformator, stand. In der Hoffnung, unerkannt zu bleiben, hatte Calvin nur eine Nacht in Genf zubringen wollen. Aber Farel erfuhr doch von seiner Ankunft. Es war ihm, als riefe eine Stimme von oben her: Dieser soll dein Gehilfe werden! Aber Calvin lehnte seine Bitte, in Genf zu bleiben, beharrlich ab, bis Farel ihn bedrohte: »Nun so verkündige ich dir im Namen des Allmächtigen, daß Gottes Fluch auf dir ruhen wird, da du nicht Christi, sondern deine eigene Ehre suchst!« Diese Worte machten einen solchen Eindruck auf Calvin, daß er seinen Widerstand aufgab und in Genf blieb. Er hat treulich gearbeitet, fleißig die Heilige Schrift im Dom zu St. Peter ausgelegt, aber auch Farel in Predigt und Seelsorge, wie in dem Werke der Befestigung der Reformation wacker unterstützt.
Es sollte aber noch zu einem bitteren Kampfe kommen. Die Genfer wünschten nicht die Herrschaft der Kirche, während die Prediger die volle Unabhängigkeit von der Staatsgewalt forderten. Zu Ostern 1538 erklärten die Prediger, unter ihnen auch Calvin, sie würden hinfort den Genfern nicht mehr das Abendmahl reichen. Die Ausweisung der Prediger war die Antwort der Bürgerschaft. Calvin wandte sich nach Straßburg, wo ihn Straßburgs edler Reformator, Martin Butzer, festzuhalten wußte. Von hier aus trat Calvin in enge Beziehungen zu den deutschen Evangelischen, insbesondere auch zu Melanchthon. Gern hätte er eine Vereinigung der Lutherischen und Reformierten herbeigeführt. Seine Abendmahlslehre steht in der Mitte zwischen der Zwinglis und Luthers. Er lehrte: Der gläubige Kommunikant empfängt den verherrlichten Leib Christi.
Die Genfer hätten es wohl im Jahre 1538 nicht geglaubt, wenn ihnen jemand gesagt hätte: Nach ein paar Jahren werdet ihr eben diesen Johann Calvin, den ihr jetzt vertreibt, inständigst bitten zurückzukehren. Das geschah im Jahre 1541. Nach langem Bitten ließ sich Calvin zur Rückkehr bewegen. Mit Freuden wurde er in Genf wieder aufgenommen. Sofort ging er daran, die Kirche in feste Ordnungen zu kleiden. Sein Streben, strengste Sittenzucht zu üben, fand freilich bei allen denen lebhaften Widerstand, die weder von dem Ernst des christlichen Glaubens noch der Strenge des christlichen Lebens etwas wissen wollten. Mit strengsten Strafen ging man gegen offenbare Sünder vor. So wurde zum Beispiel ein Kind enthauptet, weil es Vater und Mutter geschlagen hatte. Da zeigt sich freilich mehr der Geist alttestamentlicher, verurteilender Gesetzesstrenge, als neutestamentlicher, erziehender Liebe. Das tritt insbesondere in dem Verfahren gegen den Gotteslästerer Servede hervor, der seinen Frevel auf dem Scheiterhaufen büßen mußte.
Die Stadt Genf wurde weithin gerühmt als eine Musterschule christlichen Lebens. Tausende, die um ihres evangelischen Glaubens willen vertrieben worden waren, fanden in Genf eine neue Heimat, Engländer, Italiener, Spanier, insbesondere Franzosen.
Calvin starb am 27. Mai 1564. Kein Grabstein zeigt die Stätte an, da man ihn begrub. Er hatte es ausdrücklich so gewünscht. Sein Name aber steht auf alle Zeiten im Buche der Geschichte als der eines selbstlosen und treuen Bekenners Christi und eines rastlosen, rührigen Arbeiters in seinem Weinberge.
Die Asche will nicht lassen ab,
Sie stäubt in allen Landen.
Luther.
n der Nacht vor Allerheiligen (1. November) 1517, also in der Nacht, nachdem Luther seine Thesen angeschlagen hatte, soll Kurfürst Friedrich der Weise auf seinem Schlosse Schweinitz einen merkwürdigen Traum gehabt haben. Er sah, wie ein Mönch, den Gott im Geleite aller Heiligen zu ihm geschickt hatte, mit seiner Erlaubnis etwas an die Schloßkirche zu Wittenberg schrieb: »Der Mönch machte so große Schrift, daß ich sie hier zu Schweinitz erkennen konnte. Er führte auch so eine lange Feder, daß sie bis gen Rom reichte und einen Löwen, der zu Rom lag (der Papst hieß Leo d. h. auf deutsch: Löwe) mit dem Sturz in ein Ohr stach, daß der Sturz wieder zum andern Ohr herausging, und streckte sich die Feder ferner bis an der päpstlichen Heiligkeit dreifache Krone und stieß so stark daran, daß sie begann zu wackeln und wollte ihrer Heiligkeit vom Haupte fallen. — — Bald hernach kommt ein Geschrei aus, es wären aus der langen Mönchsfeder unzählig viel andere Schreibfedern hier zu Wittenberg gewachsen, und sei mit Lust anzusehen, wie sich viel gelehrte Leute darum reißen, und meinen einesteils, diese neuen, jungen Federn werden mit der Zeit auch so groß und lang werden, wie dieselbe Mönchsfeder, und es werde gewiß etwas Sonderliches auf diesen Mönch und seine Feder folgen.«
Mag dieser Traum wahr sein oder nicht, jedenfalls ist das wahr, was er sagen will: Die gewaltigen Folgen der Thesen Luthers und seines gesamten Wirkens. Wie hatte sich doch der Papst geirrt, als er die Sache, die Luther angefangen hatte, für ein bloßes Mönchsgezänk erklärte! Erst zwei Jahrzehnte waren seit Luthers Thesenanschlag dahingegangen, als nur noch einige wenige deutsche Fürsten übrig waren, die meinten, dem Evangelium und der Wahrheit trotzen zu können. Die Herzöge von Bayern, Georg von Sachsen, Heinrich von Wolfenbüttel und die Erzbischöfe von Mainz und Salzburg schlossen im Jahre 1538 zu Nürnberg einen »heiligen Bund« »für die Herrschaft oder doch für die Rettung des Katholizismus in Deutschland.« Das war der Rest der katholischen Fürsten in deutschen Landen. So rasch war das Evangelium von Stadt zu Stadt, von Land zu Land gezogen, getragen von Luthers Schriften, von seiner deutschen Bibel, von seinem deutschen Katechismus und dem deutschen evangelischen Kirchenlied, verbreitet von den Studenten, die in Wittenberg zu den Füßen der Reformatoren gesessen, und von den Kaufleuten, die auf ihren Reisen Gelegenheit hatten, evangelische Predigten zu hören.
Und noch ehe Luther starb, war auch im Herzogtum Sachsen und im Lande Heinrichs von Wolfenbüttel dem Evangelium eine freie Bahn geöffnet. Herzog Heinrich führte nach seines Bruders Georg Tode (1539) rasch die Reformation in dem ihm zugefallenen Landesteile ein. Der Herzog von Wolfenbüttel war auf seinem Zuge gegen Goslar von hessischen und sächsischen Truppen gefangen genommen worden (1542). Sein Land kam an seine Söhne und erfreute sich nunmehr gleichfalls der lauteren Predigt des Evangeliums.
So war ganz Norddeutschland evangelisch geworden. Nicht viel anders war es im Süden. Württemberg bekannte sich seit 1534 zur Reformation. In der Oberpfalz hatte schon frühzeitig das Evangelium den Sieg davongetragen und in der Kurpfalz wurde 1546 die Reformation eingeführt. Auch Bayern wäre seinen Nachbarn gefolgt, wenn nicht seine Herzöge, durch ihre Verbindung mit den Habsburgern genötigt, der Ausbreitung der Reformation nach Kräften gewehrt hätten. Es gelang ihnen zwar, äußerlich die Herrschaft der römischen Kirche aufrecht zu erhalten. Aber die Reichsstädte in Bayern bekannten sich zu dem Evangelium und wurden und blieben für weite Kreise Mittelpunkte der reformatorischen Bewegung. Selbst in den Bistümern Würzburg, Bamberg und Augsburg waren die Protestanten in der Mehrzahl.
ie in England der Geist Wiclefs, so war in Böhmen der Geist Huß' lebendig geblieben. Trotz vieler Bedrängnisse bestanden Anfang des 16. Jahrhunderts ungefähr 400 Gemeinden böhmischer und mährischer Brüder.
Der Boden für die Reformation war gut bereitet. Kein Wunder, wenn sie sich rasch ausbreitete. Dank der Duldung, die dem Protestantismus widerfuhr, und Dank der Freiheit, die auf religiösem Gebiete den Landständen gewährt wurde, bekannte sich im Erzherzogtum Oesterreich bald wohl der überwiegende Teil des Volkes zum Evangelium. Nach Ungarn hatten viele in Wittenberg studierende Landeskinder die Reformation mitgebracht. Obgleich vom Reichstag als Ketzerei gebrandmarkt und mit Feuer bedroht, dehnte sie sich rasch aus. Die Königin Maria selbst war ihr von Herzen zugethan. Nach der Schlacht bei Mohacz (1526) und dem Tode König Ludwigs errang sich Ferdinand von Oesterreich mit dem Schwerte in der Hand gegen eine Partei, die dem Luthertum den Tod geschworen hatte, die ungarische Königskrone. Er ließ dem Protestantismus Duldung widerfahren. Die Folge davon war, daß insonderheit der ungarische Adel sich bald zur Reformation bekannte. Während die Magyaren dem reformierten Bekenntnis anhingen, erklärten sich die Slaven und die Deutschen für das Luthertum. Auch im benachbarten Siebenbürgen erlangte der Protestantismus die Herrschaft. Einmütig mit ihren Pfarrern traten ganze Gemeinden aus der römischen Kirche aus. Johann Honterus, von dem Luther sagte: »Das ist wahrlich ein Apostel, den der Herr dem Ungarlande erweckt hat«, wurde der Reformator Siebenbürgens. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts waren Protestanten und Katholiken in den habsburgischen Landen ungefähr gleich an Zahl.
n den Niederlanden hatten die frommen »Brüder des gemeinsamen Lebens«, die fleißig die Heilige Schrift lasen und den evangelischen Rest in der Lehre der katholischen Kirche hervorhoben und pflegten, der Reformation vorgearbeitet. Von Johann Wessel, der unter jenen Brüdern aufgewachsen war, bekannte Luther: »Wenn ich den Wessel zuvor gelesen, so ließen meine Widersacher sich dünken, Luther hätte alles von Wessel genommen, also stimmte unser beider Geist überein.« Luthers Schriften fanden rasch Verbreitung. Zahlreiche Beziehungen zu Frankreich und zur Schweiz führten aber später dazu, daß die reformierte Lehrauffassung die herrschende wurde.
Frühzeitig begann in den Niederlanden infolge ihrer Zugehörigkeit zu Spanien die blutige Verfolgung der Evangelischen. Hier haben die ersten Märtyrer (s. oben S. 45) den Scheiterhaufen bestiegen. Unter Karl V. und Philipp II. sind viele Hunderte evangelischer Niederländer im Kerker, auf dem Scheiterhaufen oder dem Blutgerüst gestorben.
Herzog Alba sollte mit Heeresgewalt die Niederlande dem Katholizismus zurückerobern (1567). Während seiner sechsjährigen Thätigkeit hat er 18000 Menschen hinrichten lassen. Endlich erhob sich das arme, geknechtete Volk einmütig unter Wilhelm von Oranien. Obgleich die südlichen katholischen Provinzen sich von den übrigen trennten, gelang es doch den nördlichen evangelischen Landesteilen sich endlich nach langem, heißen und blutigen Krieg die bürgerliche und religiöse Freiheit zu erobern (1609).