4. Der Norden Europas.

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Wie anderwärts, so setzten auch in Dänemark die Bischöfe der Einführung der Reformation nachhaltigen Widerstand entgegen. Es war ihnen gelungen, König Christian II., der dem Evangelium zugethan war, zu stürzen. An seiner Stelle ward Friedrich von Holstein zum König erhoben. Wenn aber die römische Partei gemeint hatte, an dem neuen Herrscher einen Schirmherrn des Papsttums zu haben, so war sie in großem Irrtum gewesen. Immer mehr breitete sich die Reformation im Volke aus. Der Reichstag zu Odense (1527) erkannte den Evangelischen gleiche Rechte mit den Katholischen zu. Als Christian III. im Jahre 1536 den Thron bestieg, war das Ende des Katholizismus in Dänemark gekommen. Bugenhagen wurde aus Wittenberg ins Land gerufen, den König zu krönen und die evangelische Kirche Dänemarks zu ordnen. In dem unter Dänemarks König stehenden Norwegen führte ein Beschluß der Volksgemeinde die Reformation ein. Auch Island nahm das lautere Evangelium an.

Merkwürdig ist es, wie Schweden zur Reformation kam. In dem Lande, das später so zäh am Evangelium festhielt, dessen König der Retter der Glaubensfreiheit für die Welt werden sollte, hat man zunächst aus äußeren Beweggründen den Katholizismus beseitigt. Gustav Wasa, der dem Meuchelmord in Stockholm entronnen war, hatte sich an die Spitze des Schwedenvolkes gestellt, um es von dem Joche der dänischen Herrschaft zu befreien. Zu dem Kampfe brauchte er Geld. Er gewann es, ohne dem Volke eine Last aufzulegen, indem er Kirchen und Klöstern ihre reichen Stiftungen abnahm. Mit dem äußeren Besitze waren aber auch Macht und Einfluß der römischen Kirche gebrochen und ungehindert hielt die Reformation ihren Einzug. Den Versuch, den Gustav Wasa's Sohn, Johann III., machte, dem Katholizismus wider zu seiner Macht zu verhelfen, vereitelte eine Volkserhebung. Johanns Nachfolger aber, Sigismund, mußte seine Neigung zur römischen Kirche mit der Krone bezahlen, die das Volk dem protestantischen Karl IX., dem Vater Gustav Adolfs, aufs Haupt setzte. Man sieht: rasch ist die Reformation eine Herzenssache geworden, die dem Schwedenvolke um keinen Preis feil ist.

Zum Norden gehörte auch das Polenreich, das sich zwischen Deutschland und Rußland einschob. Die Anfänge der evangelischen Bewegung in Polen knüpften sich an den Namen des edlen Johann von Lasko, der sein Amt als Propst zu Gnesen um seiner evangelischen Überzeugung willen aufgab und infolge dessen Polen verlassen mußte (1536). Zahlreiche Polen studierten in Wittenberg und brachten das Evangelium und Begeisterung für die Reformation mit in die Heimat. Viele aus Österreich vertriebene Evangelische zogen nach Polen. So fand die Reformation ausgedehnte Verbreitung. Leider hat sie in Polen keine bleibende Stätte gehabt, während sie in Kurland, Livland und Estland bis auf die Gegenwart unter manchen heißen Kämpfen sich behauptet hat.

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5. Großbritannien und Irland.

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I  n England war der Geist Wiclefs lebendig geblieben. Zwei edle Männer reichten dem Volke die Heilige Schrift in der Muttersprache. Sie empfingen ihren Lohn durch den Henker. König Heinrich VIII. von England sagte sich vom Papste los und erklärte sich selbst zum Haupte der englischen Kirche, nicht etwa, weil sein Herz sich dem Evangelium zugeneigt hätte, sondern weil der Papst sich weigerte, des Königs Ehe mit Anna Boleyn für giltig zu erklären. Heinrich war weit davon entfernt, der Reformation Luthers sein Land zu öffnen, obgleich die Anhänger der lauteren evangelischen Lehre auch in England stetig an Zahl wuchsen. Nach Heinrichs Tode gewann der Protestantismus dort die Oberhand. Mit allen Mitteln suchte die Königin Maria die Reformation auszurotten und das Land dem Papste zurückzugewinnen. Da ist viel Blut vergossen worden und Tausende verließen um ihres Glaubens willen die Heimat. Aber gerade in der Verfolgung, den evangelischen Glauben verteidigend, Gut und Blut für die Überzeugung einsetzend, lernte Englands Volk das Gut der Reformation höher schätzen und schloß es tiefer in Herz und Gemüt. Ganz andere Zeiten kamen für England mit der Regierung Elisabeths, der Nachfolgerin Marias. Mit der Gewalt des Schwertes trat sie jedem entgegen, der England wieder katholisch machen wollte. Die Reformation siegte. Von mancherlei Äußerem aber in den prunkenden Formen des Katholizismus hat sich die englische Kirche, die »bischöflische Staatskirche« nicht getrennt. Die Folge davon war, daß gegen diese »Staatskirche« sich viele Stimmen erhoben, die auch jene Formen beseitigt wissen wollten. So ist die evangelische Kirche Englands zersplittert geblieben.

Die Habsucht der protestantischen Engländer, die die irischen Katholiken ihres Besitzes zu berauben suchten, machte den Irländern den Protestantismus verhaßt und verhinderte trotz der Gewalt den Einzug der Reformation in Irland.

Auch in Schottland hat der erste Prediger des Evangeliums, Patrik Hamilton, sein Leben für die Wahrheit gelassen. Aber nach blutigen Kämpfen trug doch der Protestantismus den Sieg davon. John Knox, der Freund und Anhänger Calvins, gab der schottischen Kirche das Gepräge. Alles, was an den katholischen Gottesdienst und das Papsttum erinnerte, wurde hier — ganz im Gegensatz gegen die Kirche Englands — beseitigt.

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6. Frankreich.

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Wie anderwärts, so hat auch in Frankreich die Heilige Schrift in der Muttersprache neues Leben geweckt. Faber Stapulensis legte fast zu derselben Zeit, da Luther uns die deutsche Bibel schenkte, die französische Bibel in die Hand seines Volkes. Er stellte unumwunden die Heilige Schrift als die einzige Glaubensregel hin und räumte jedem Christen das Recht ein, seinen Glauben nach dieser Regel zu prüfen. Auch bekannte er sich zu dem reformatorischen Grundsatz der Rechtfertigung allein aus dem Glauben. Fabers Freund, Gerhard Roussel, predigte in echt evangelischer Weise auf Grund des göttlichen Wortes und wurde durch sein christliches Leben in opferwilliger Liebe für viele ein edles Vorbild. Äußerlich hat er sich nicht von der römischen Kirche getrennt. Diese aber sah ihn als Ketzer an. Katholische Fanatiker haben die Kanzel zerschlagen, auf der er predigte. Roussel starb bald darauf an den schweren Verletzungen (1550).

König Franz I. erkannte wohl, daß die Wahrheit auf Seiten des Protestantismus war. Aber ihm fehlte der sittliche Ernst und der Mut des Glaubens, seiner Überzeugung Folge zu geben. Er ließ es zu, daß das Bekenntnis zum Protestantismus als bürgerliches Verbrechen und Hochverrat gebrandmarkt wurde, und konnte mit eigenen Augen der Verbrennung evangelischer Glaubenszeugen zuschauen. Das Evangelium hatte jedoch bereits zu weit und zu tief Boden gefunden, als daß es mit Feuer und Schwert hätte ausgerottet werden können. Eine katholische und eine protestantische Partei — man nannte im Süden des Landes die Protestanten Hugenotten — standen sich gegenüber. Im Jahre 1562 wurde den Hugenotten Religionsfreiheit gewährt. Vielleicht hätten nunmehr Katholiken und Protestanten im Frieden nebeneinander gewohnt, wenn nicht eines der Häupter der katholischen Partei durch den Meuchelmord einer zum feierlichen Gottesdienst versammelten, wehrlosen Gemeinde von neuem den Kampf heraufbeschworen hätte. Ein langer Religions- und Bürgerkrieg endete mit dem Frieden von St. Germain (1570), der von neuem den Hugenotten die Freiheit ihres Bekenntnisses gewährleistete. Aber die furchtbare Bartholomäusnacht (24./25. August 1572), die Pariser Bluthochzeit, entfachte von neuem den Krieg, bis endlich das Edikt von Nantes (1598) den standhaften Hugenotten unter mancherlei Beschränkungen die Freiheit ihrer Religionsübung zusicherte. Heinrich IV., der dieses Edikt unterzeichnet hatte, fiel im Jahre 1610 einem fanatischen Meuchelmörder zum Opfer. Es blieb ihm unvergessen, daß er die königliche Macht nicht zur gänzlichen Ausrottung des Protestantismus in Frankreich benutzt hatte.

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7. Italien und Spanien.

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Luther ist selbst in Italien und in Rom gewesen. Als er zum ersten Male die Stadt schaute, sank er in die Knie und sprach: Sei gegrüßt, du heiliges Rom! In Rom hat er freilich Worte gehört, wie: Ist eine Hölle, so ist Rom darauf gebaut. Das das Wort viel Wahres enthielt, lernte er bald an dem sittenlosen Leben in Rom und an der Leichtfertigkeit der Priester in der Stadt des Papsttums kennen. Nirgends in der ganzen christlichen Welt herrschte solcher Unglaube und so finsterer, an das Heidentum grenzender Aberglaube. Kein Wunder, daß sich vielfach die Gebildeten von einer solchen Kirche abgestoßen fühlten. Frühzeitig fanden Schriften der Reformatoren, allerdings nicht unter ihrem Namen, in Italien Verbreitung. Ein italienischer Priester hat Luthers Auslegung des Vaterunsers gelesen und gesagt: »Selig sind die Hände, die dies Buch geschrieben, selig sind die Augen, die es lesen, und selig sind die Herzen, die es also beten werden.« Die Evangelischen im Venetianischen haben mit Luther im Briefwechsel gestanden.

Papst Paul III. war eine Zeit lang von evangelisch gesinnten Männern umgeben und scheint einst selbst an eine Reformation in Italien gedacht zu haben. Aber er ließ sich von den Feinden der Reformation dazu bewegen, mit aller Gewalt den Protestantismus in Italien auszurotten. Das ist in der furchtbarsten Weise geschehen. »In Venedig pflegte die Inquisition — diese stöberte die Evangelischen auf und verurteilte sie — die Beschuldigten um Mitternacht auszuschiffen. Draußen in den Lagunen wurden sie auf ein Brett zwischen zwei Gondeln gebunden; die fuhren auseinander und die See begrub schweigend ihr Opfer. In Calabrien wurden um diese Zeit Waldenser gejagt und geschlachtet wie wilde Tiere. In einem Hause wurden hier etwa 50 gefangen gehalten, der Henker holte einen nach dem andern heraus und schnitt ihm die Kehle ab. In Rom erfreute man sich am Schauspiel der feierlichen Verurteilung vor der Minervakirche und an der Verbrennung der insgeheim schon Erdrosselten.« Am Ende des 16. Jahrhunderts gab es keine Protestanten in Italien mehr.

Ähnlich ist es in Spanien gewesen. Viel mehr als in Italien ist hier auch das Volk vom Evangelium berührt gewesen. Das lag an der Verbindung Spaniens mit den evangelischen Niederlanden und mit Deutschland. Die Begleiter Karls V. hatten bei ihren Reisen in Deutschland reichlich Gelegenheit gehabt das Evangelium kennen und schätzen zu lernen. An vielen Orten hatten sich insgeheim evangelische Gemeinden gebildet, die in der Stille ihre Gottesdienste abhielten. Fleißig wurde die Heilige Schrift gelesen. Es schien um die Mitte des Jahrhunderts, als sollte der Protestantismus das Übergewicht erhalten. Aber auch in Spanien gelang es der unheimlichen Macht der Inquisition, den Protestantismus völlig auszurotten. Die »Autodafés« sind einer der furchtbarsten Schandflecke der Menschheit, insbesondere der christlichen Kirche. Da führte man »die Verurteilten im Sanbenito, der gelben Kutte, bemalt mit roten Flammen und schwarzen Teufeln einher; wo ein kühnes Wort zu fürchten war, trugen sie Maulkörbe.« 31912 Menschen sollen der Inquisition seit ihrem Anfange zum Opfer gefallen sein, bis Napoleon ihr im Jahre 1808 ein Ende machte. Schon im Jahre 1570 konnte sich Spanien rühmen, frei von der protestantischen Ketzerei zu sein. Papst Pius IX. aber hat eines der verruchtesten Scheusale unter den spanischen Inquisitoren, Peter Arbues, zum Danke für die der Reinheit der Kirche geleisteten Dienste im Jahre 1867 unter die Heiligen erhoben. Gott bewahre die Christenheit auf alle Zeit vor solchen teuflischen Männern!


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