2. Der Student und der Klosterbruder oder: Wie Luther Frieden sucht.

Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir.

Psalm 42, 2.

Lutherhaus in Eisenach

Lutherhaus in Eisenach.

N

Nicht ohne Wehmut ist Luther aus dem Cotta'schen Hause geschieden. Wie viel Liebe hatte er dort gefunden! Wollte er aber seinem Ziele weiter zustreben, so mußte er die Eisenacher Georgsschule mit der Universität vertauschen. Das benachbarte Erfurt hatte eine berühmte Hochschule. Im Jahre 1501 trat Luther in die Schar der Erfurter Studenten ein. Was aber die meisten Universitätslehrer trieben und lehrten, wollte dem jungen Studenten nicht sonderlich behagen. Seine Seele brauchte Speise. Solche reichte ihm niemand dar. Trotzdem studierte und lernte Luther fleißiger als die meisten seiner Kameraden und hielt sich getreulich an seinen Spruch »Fleißig gebetet ist über die Hälfte studiert.« Aber recht froh ist er dabei nicht geworden. Oft wurde seine Seele von einem tiefen Weh und einem schmerzlichen Sehnen ergriffen. Sein Herz suchte etwas und er konnte sich selbst nicht sagen, was dies wäre. Später ist's ihm immer deutlicher geworden: es war das Verlangen nach einem gnädigen Gott, die Sehnsucht nach Seelenfrieden. Er konnte ihn erst finden, als er in der Heiligen Schrift studiert und seinen Heiland gefunden hatte. Jenes ungestillte Sehnen und dazu die rastlose Arbeit warfen den Jüngling aufs Krankenlager. Damals hat ihn ein ehrwürdiger Greis mit den prophetischen Worten aufgerichtet: »Seid getrost! Ihr werdet dieses Lagers nicht sterben, sondern unser Herr Gott wird noch einen großen Mann aus euch machen, der viele Leute trösten wird. Denn wen Gott lieb hat, dem legt er zeitlich das heilige Kreuz auf, in welchem geduldige Leute viel lernen!«

Erfurt.
Erfurt.

Einen ganz besonderen Freudentag hat aber Gott in jener Zeit dem jungen Luther beschert. Das war der Tag, an dem er ihn in der Universitätsbibliothek eine ganze lateinische Bibel finden ließ. »Da vermerkt er mit großem Verwundern, daß viel mehr Texte, Episteln und Evangelien darin wären, denn man pflegt in den gewöhnlichen Predigtbüchern und auf den Kanzeln auszulegen. Wie er im Alten Testament sich umsieht, kommt er über Samuelis und seiner Mutter Hanna Geschichte. Die durchliest er eilend mit herzlicher Lust und Freude, und, weil ihm das alles neu war, fängt er an von Grund seines Herzens zu wünschen, unser getreuer Gott wolle ihm dermaleinst auch ein solch eigen Buch bescheren.«

Schon war Luther »Magister« geworden. Das war eine hohe Gelehrtenwürde, die die Universität nur fleißigen und tüchtigen Leuten verlieh. Der Vater Luther war so erfreut und so stolz auf seinen Sohn, daß er ihn jetzt nicht mehr »Du«, sondern »Ihr« nannte. Er sah schon seinen Martin in Amt und Würden, etwa als den hochangesehenen, rechtsgelehrten Rat des Landesherrn.

Es sollte aber ganz anders kommen, als der Vater dachte. Einst reiste Martin in Begleitung eines Freundes in die Heimat. Nicht weit von Erfurt stieß er sich bei einem Fehltritt die Waffe, die er nach Studentensitte an der Seite trug, tief in den Schenkel. Das Blut konnte kaum gestillt werden. Der Jüngling mußte ans Sterben denken. Wie, wenn er plötzlich vor Gottes Richterstuhl gerufen würde! Tiefe Wehmut und ernste Todesgedanken weckte in seiner Seele auch der plötzliche Tod eines seiner Freunde. Endlich — es war im Sommer 1505 — wurde er auf dem Wege von Mansfeld nach Erfurt von einem furchtbaren Gewitter überrascht. Es war ihm, als sähe er im Blitz den Schrecken des jüngsten Gerichts und hörte im Donner die Stimme des zornigen Weltenrichters. In der Todesangst rang sich von Luthers Lippen das Gebet und Gelübde: »Hilf, liebe heilige Anna, ich will ein Mönch werden!« Das Gelübde war gethan. Der Entschluß war gefaßt. Im Kloster hoffte Luther zu finden, wonach seine Seele hungerte und dürstete: Frieden mit seinem Gott!

Im Juli 1505 schlossen sich hinter dem jungen Magister die Pforten des Augustinerklosters zu Erfurt. Nicht nur die Freunde trauerten um ihn. Für den Vater war es ein schwerer Schlag. »Da ich ein Mönch ward,« erzählt Luther, »war mein Vater übel zufrieden und wollte mir's nicht gestatten und sagte mir alle Gunst und väterlichen Willen gar ab.« Freundliche Aufnahme fand Luther im Kloster nicht. Gerade weil er so ernst und gelehrt und mit dem Magistertitel geschmückt war, lud man ihm die allerniedrigsten Arbeiten auf. Wenn er gern still in seiner Zelle über den Büchern gesessen hätte, jagte man ihn hinaus. »Mit dem Sack durch die Stadt!« hieß es. »Mit Betteln und nicht mit Studieren macht man das Kloster reich!« Daß aber einer ihrer Magister im Mönchskittel mit dem Bettelsack auf der Schulter durch Erfurts Straßen zog, rechnete sich die Universität zur Schmach. Sie wandte sich deshalb an Johann Staupitz, der allen Augustinerklöstern in Thüringen und Meißen vorstand. Dessen Fürsprache hatte es Luther zu danken, daß man ihm hinfort alle niedrigen Arbeiten und das Bettelngehen abnahm. Nun konnte er ungestört in seiner Zelle studieren. Das liebste Buch aber war ihm die Heilige Schrift. »Da ward ich,« sagt er selbst, »darinnen also bekannt, daß ich wußte, wo ein jeglicher Spruch stand und zu finden war, wenn davon geredet wurde.«

Wie jeder anderer Mönch, so mußte auch Luther ein Probejahr durchmachen. Erst dann wurde er für immer Mönch und legte sein Gelübde ab. Man hat gewiß damals keinen zweiten gefunden, der es mit seinen Gelübden so genau nahm, wie unser Luther. »Wahr ist's,« bekennt er selbst, »ein frommer Mönch bin ich gewesen und habe so streng meinen Orden gehalten, daß ich's nicht sagen kann. Ist je ein Mönch gen Himmel gekommen durch Möncherei, so wollte ich hineingekommen sein.«

Ein großer Ehrentag war's für Luther, als man ihn zum Priester weihte. Da füllte sich das Kloster mit Gästen. Auch Vater Luther, dessen Arbeit Gott in den letzten Jahren reich gesegnet hatte, kam »mit zwanzig Pferden geritten«. Aber vergessen hatte er es doch nicht, daß sein Martin wider den väterlichen Willen ins Kloster gegangen war. Als an jenem Tage der Sohn frug: »Lieber Vater, warum habt ihr euch so hart dawidergesetzt und waret also zornig, daß ihr mich nicht gerne einen Mönch wolltet werden lassen?« antwortete Vater Luther mit vernehmlicher Stimme, daß es auch die Nachbarn hörten: »Ihr Gelehrten habt ihr nicht gelesen in der Heiligen Schrift, daß man Vater und Mutter ehren soll?« Später hat's Luther eingesehen, daß der Vater ganz recht hatte.

Johann Staupitz
Johann Staupitz.

Aber es ist doch auch Gottes Fügung gewesen, daß Luther das Klosterleben von Grund aus kennen lernte. Mitten im Mönchtum sollte er es erfahren, daß römische Werke nicht zum Frieden führen können. Im Kloster wollte Gott ihn von dem Wahn befreien, daß der Mensch durch seine guten Werke gerecht zu werden vermöge. Luther sollte in die tiefste Unzufriedenheit mit sich selbst geführt werden, sollte hungern und dürsten lernen nach Gerechtigkeit und den Seufzer verstehen: »Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?« (Röm. 7, 24). Nur einer, der das gelernt hatte, konnte mit solcher Freude seinen Heiland ergreifen, wie es Luther gethan hat.

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