Ich habe nun den Grund gefunden, Der meinen Anker ewig hält. Wo anders als in Jesu Wunden? Da lag er vor der Zeit der Welt, Der Grund, der unbeweglich steht, Wenn Erd und Himmel untergeht.
J. A. Rothe.
m Jahre 1502 hatte Kurfürst Friedrich der Weise die Universität Wittenberg gegründet. Die Hochschule sollte ein Kleinod des Sachsenlandes werden. Dazu brauchte sie vor allem tüchtige und fromme Lehrer. Johann Staupitz hat bei der Berufung solcher Leute seinem Landesherrn manchen guten Rat gegeben, er beste Rat aber war der, daß er ihm empfahl, den jungen Magister Martin Luther von Erfurt nach Wittenberg zu holen. Im Herbst 1508 siedelte denn auch Luther aus dem Erfurter in das Wittenberger Augustinerkloster über.
Gern hätte der neue Professor im Mönchsgewande gleich von Anfang an die Heilige Schrift seinen Vorlesungen zu Grunde gelegt. Aber weil er dazu nach der Ordnung der Universität noch kein Recht hatte, wurde er beauftragt, die Studenten in die mittelalterliche Weltweisheit einzuführen. Dabei ist er selbst in der wichtigen Erkenntnis bestärkt worden, daß auch die Weisheit der Welt nicht den Weg zur Seligkeit zeigen kann.
Schon das Jahr darauf ist Luther — wie das zuging, wissen wir nicht — wieder ins Erfurter Kloster versetzt worden. Er hat aber auch in Erfurt seine Lehrthätigkeit an der Hochschule fortgesetzt. Wie fleißig er in den Werken des alten Kirchenvaters Augustin und in den Schriften der Kirchenlehrer des Mittelalters studiert hat, kann man in den stattlichen Bänden sehen, die die Stadt Zwickau aufbewahrt. Da hat er mit seiner feinen, aber festen Schrift die eigenen Gedanken an den Rand geschrieben.
Von Erfurt ist Luther aber wieder nach Wittenberg zurückgekehrt, freilich auf einem großen Umwege, nämlich über Rom. In seinem Lebensgang ist das aber kein Umweg gewesen. Im Kloster hatte ihn Gott gelehrt: »Die Werke helfen nimmermehr, sie mögen nicht behüten.« Die Weisheit der Welt hatte er als Finsternis erkannt. In Rom sollte er erfahren, daß auch am »allerheiligsten« Ort in der Nähe des »heiligen« Vaters die Seele keinen Frieden finden kann. Das waren die Wege, die Gott mit unserem Luther ging, um ihn zu der Erkenntnis zu führen: Die Heilige Schrift allein zeigt den Weg zur Seligkeit. Der einzige Weg zur Seligkeit ist Jesus Christus. Ihn ergreift allein der Glaube.
Älteste Handschrift Luthers (1509; aus einem Bande der Zwickauer Ratsschulbibliothek).
(Moritur beatus Augustinus Anno domini 433. Et nunc scilicet 1509. fuit mortuus ad 1076. annos d. h. Es stirbt der selige Augustinus im Jahre des Herrn 433 und ist jetzt, nämlich 1509 gegen 1076 Jahre tot).
Wie aber kam Luther nach Rom und was hat er in Rom erlebt? Johann Staupitz war der Meinung, daß in den Augustinerklöstern Deutschlands mancherlei anders werden mußte. Mit seinen Besserungsvorschlägen waren aber nicht alle Klöster einverstanden. Da sollte der Papst selbst die Entscheidung treffen und ein Machtwort sprechen. Ein Wittenberger Doktor der Theologie, der früher selbst einem Augustinerkloster vorgestanden hatte, wurde beauftragt, nach Rom zu reisen und dem Papst die Angelegenheit zu unterbreiten. Luther sollte sein Begleiter sein. Durch Thüringen, Bayern, Schwaben, Vorarlberg und Graubünden zogen die beiden im Spätherbst des Jahres 1511 nach Mailand, von da über Florenz nach Rom. Wenn heutzutage jemand nach Italien reist, bewundert er die schneebedeckten Bergriesen, welche die deutschen von den welschen Landen trennen, erquickt sich dann an der Lieblichkeit der fruchtbaren italienischen Ebene und bewundert Schritt für Schritt die Denkmäler des grauen Altertums, die prächtigen Kirchen
und die reichen Kunstschätze. Luther reiste mit anderen Gedanken. Sein ganzes Sinnen war auf das Seelenheil gerichtet. Ob er nicht dessen in der Hauptstadt der Christenheit würde gewiß werden können? Als Luther Rom zum ersten Male schaute, sank er in die Kniee, erhob die Hände und sprach: »Sei mir gegrüßt, du heiliges Rom, dreimal heilig von der Märtyrer Blut, das da vergossen ward!« Bei den Augustinern fand er mit seinem Gefährten Aufnahme. Diesem lag die Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten ob. Luther hatte Zeit, sich in der Stadt umzusehen. Da lief er, wie er selbst erzählt, durch alle Kirchen, betete, beichtete und las an manchem Altar die Messe. Er hatte gedacht, in Rom müßten alle Leute recht fromm, die Priester aber ganz besonders heilig sein. Zu seiner tiefen Betrübnis aber mußte er wahrnehmen, daß das in Italien gebräuchliche Sprichwort: »Je näher Rom, je ärger Christ!« die Wahrheit redete. Wenn nun Rom mit seinen reichen Gnadenschätzen wirklich einer Seele zur Frömmigkeit und zum Frieden sollte helfen können, mußte es da in der »heiligen« Stadt nicht ganz anders aussehen? So wurde gerade in Rom Luther von dem Gedanken gequält, daß alle von der Kirche angepriesenen Gnadenmittel ihm nicht geben konnten, was er mit der ganzen Inbrunst seiner nach Gott verlangenden Seele suchte.
In Rom zeigt man noch heute, wie damals die Treppe, die einst vor dem Richthause des Pilatus zu Jerusalem gestanden haben soll. Luther rutschte ihre 28 Stufen auf den Knien hinauf, weil solch »frommem« Werke reiche Ablaßgnade verhießen war. Während er's aber that, mußte er an ein Wort denken, daß ihm auf der ganzen Romreise durch die Seele klang: »Der Gerechte wird seines Glaubens leben« (Habakuk 2, 4). Stimmte zu diesem Worte der Heiligen Schrift, was die Kirche von dem Friede suchenden Christen forderte? War es nicht die Pflicht eines Jeden, der seine Kirche lieb hatte, ihre Lehre und ihr Leben wieder mit der Heiligen Schrift in Einklang zu bringen? Mit solchen Gedanken mag Luther heimgekehrt sein. Im Frühjahr 1512 finden wir ihn wieder in Wittenberg.
Noch lag für ihn ein Schleier über der Heiligen Schrift. Wer Gottes Wort verstehen will, der muß die Eine große Wahrheit erfaßt haben: Gott ist die Liebe. Die Liebe Gottes in Jesu Christo geoffenbart, ist das Licht, das die Bibel durchflutet. Bisher hatte die Furcht vor Gottes Zorn und Christi strengem Gericht Luthers Herz erfüllt. Er hatte gemeint, alles thun zu müssen, was er nur thun konnte, um Gottes Zorn zu besänftigen und Christi Erbarmen zu verdienen. Da war es Johann Staupitz, der ihn Gott anders erkennen lehrte: Gott ist nicht ein Gott des Zorns, sondern Gott ist die Liebe. Christus ist nicht der zürnende Richter, sondern unser Heiland und Erlöser. Nicht unsere Werke vermögen etwas, sondern die Liebe Gottes, die in uns wohnt. Jetzt erst erschloß sich Luthers suchender Seele die Heilige Schrift in ihrer ganzen Herrlichkeit. Jetzt erquickte sich sein Herz an den köstlichen Sprüchen, wie: »Ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß er sich bekehre und lebe« (Hesek. 33, 11); »Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten« (Ps. 51, 19). Und als Luther die berühmte Stelle des Römerbriefes (3, 21. 22): »Nun aber ist ohne Zuthun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, geoffenbart und bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesum Christ zu Allen und auf Alle, die da glauben« verstehen lernte, daß da »nicht die Gerechtigkeit des Menschen oder des eigenen Willens gemeint ist, sondern die Gerechtigkeit Gottes, aber nicht die, durch welche Gott gerecht ist, sondern die, mit der er den Menschen bekleidet, wenn er den Gottlosen rechtfertigt«, da war's ihm wie heller lichter Tag, da hatte er den Frieden gefunden und bekannte jubelnd: »Das Leben muß aus dem Glauben herkommen! Da wurde mir die ganze Heilige Schrift und der Himmel selbst aufgethan!«
»Gezwungen und getrieben ohne seinen Dank« wurde Luther im Oktober 1512 zum Doktor der Theologie ernannt. Der Kurfürst Friedrich der Weise hat die Kosten bezahlt. Nun galt Luthers ganze Thätigkeit der Heiligen Schrift. Nur ihr lebte er fortan. Was dem Tier die Weide, dem Menschen das Haus, dem Vogel das Nest, der Gemse der Fels, dem Fische der Strom ist, das ist die Heilige Schrift den gläubigen Seelen, lautete sein schönes Bekenntnis. Die Heilige Schrift legte er den Studenten aus. Ihr Verständnis erschloß er den Klosterbrüdern. Jede seiner Predigten wurde ein freudiges Zeugnis des Friedens, den er in Gottes Wort gefunden hatte, eine ernste Mahnung zu aufrichtiger Buße und eine freundliche Einladung: Kommt zu Jesu! Er sollte nun die Mauern niederreißen, die die Kirche des Mittelalters zwischen der Menschenseele und ihrem Gott aufgerichtet hatte. Er war dazu berufen, auf Grund der Heiligen Schrift der Christenheit den zu zeigen, der da spricht: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, Niemand kommt zum Vater, denn durch mich« (Joh. 14, 6).