4. Kampf und Sieg.

a) Der Ablaßhandel.

Ihr habt den Weinberg verderbet, und der Raub von den Armen ist in eurem Hause.

Jes. 3, 14


j

J  e glücklicher sich Luther fühlte, seit er innerlich frei geworden war im Glauben an seinen Heiland, um so schmerzlicher empfand er's, daß es die Kirche versäumte, gewissenhaft die Leute zu lehren: »Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein andrer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden« (Apostelg. 4, 12). Das hätte doch auf allen Kanzeln gepredigt werden müssen. Das hätten die Lehrer den Kindern ins Herz prägen sollen. Vor allem hätten die Priester den Leuten, die im Beichtstuhl ihre Sünden bekannten und Vergebung begehrten, sagen müssen: Glaubt an den Herrn Jesus, so habt ihr Vergebung der Sünden! Davon war nichts zu hören! Der Papst benutzte vielmehr das Verlangen der Christen nach dem Seelenheil, um seine Kassen zu füllen.

Johann Tetzel
Johann Tetzel.

Zu diesem Zwecke hatte man im Laufe der Zeit folgende Irrlehre ausgebildet: Nur der Priester kann dem Christen Vergebung der Sünden zusprechen. Er spricht sie dem zu, der Schmerz über seine Sünden empfindet und seine Sünden bekennt. Damit ist der Christ vom ewigen Tod befreit, aber die zeitlichen Strafen im irdischen Leben und im »Fegefeuer« bleiben noch bestehen. Diese Strafen behauptete nun die Kirche für diejenigen mildern zu können, die gewisse Büßungen oder Leistungen nach ihrer Anordnung auf sich nähmen. Diesen Erlaß oder Nachlaß der zeitlichen Sündenstrafen nannte man Ablaß. Man konnte ihn erlangen, wenn man gegen die Türken in den Krieg zog, wenn man eine Wallfahrt nach Palästina unternahm, wenn man die Pilatustreppe in Rom hinaufrutschte, wenn man eine bestimmte Anzahl Vaterunser betete und dergleichen mehr. Je mehr aber der Papst und seine Bischöfe Geld brauchten, um so mehr wurde den Leuten — angeblich »aus rücksichtsvoller Milde der Mutter Kirche« — die Möglichkeit gegeben, derartige Leistungen mit Geld abzulösen. Und um den Leuten solchen Ablaß als recht verlockend erscheinen zu lassen, pries man jetzt geradezu Vergebung der Sünden um Geld an. Frug aber jemand: Wer leistet denn nun jene Büßungen und »guten Werke« für mich? so antwortete man: Christus hat ja in seinem Leben viel mehr gute Werke gethan, als zur Tilgung der Sündenschuld der Menschheit nötig waren, und die Heiligen haben auch viel mehr gute Werke gethan, als Gottes Gesetz von ihnen forderte. So sind eine Menge überflüssiger guter Werke vorhanden. Das ist ein unermeßlicher Schatz der Kirche, aus dem sie ihren schwächeren Gliedern spenden und mitteilen kann. Wer Ablaß kauft, bekommt davon etwas. Ja, man kann auch zu Gunsten der armen Seelen im Fegefeuer Ablaß kaufen. Denn: »sobald der Groschen im Kasten klingt«, erklärte der Erzbischof von Mainz selbst, »fährt die Seele aus dem Fegefeuer zum Himmel auf.«

Welch' entsetzliche Verirrung ist das gewesen! Und wie frech priesen die Ablaßkrämer des Papstes reiche Gnade an! Luther sollte davon im eigenen Beichtstuhl zu hören bekommen. Als er den Beichtenden sagte, sie könnten Vergebung der Sünden nur erlangen, wenn sie dieselben ernstlich bereuten und Besserung gelobten, zeigten sie ihm ihren Ablaßzettel und sagten, da wäre ihnen schon Vergebung der Sünden schwarz auf weiß zugesichert, Buße und Besserung hätten sie also gar nicht nötig.

Schon seit einigen Jahren zog nämlich in Deutschland, auch in unserm Sachsen, der berüchtigte Ablaßkrämer Johann Tetzel umher. Er vertrieb den Ablaß für die Kasse des Kurfürsten Albrecht von Mainz, der zugleich Erzbischof von Magdeburg war und verstand das Geschäft des Ablaßhandels ganz vorzüglich.

Albrecht von Mainz brauchte viel Geld. Das Erzbistum hatte er teuer bezahlen und deshalb eine große Summe bei den reichen Fuggers in Augsburg borgen müssen. Zwar konnte der Papst sagen, daß er ihm nicht das Erzbistum verkauft hätte, sondern nur das erzbischöfliche Pallium. Das war ein schmaler, weißer, mit Kreuzen besetzter Kragen, dessen Wert Luther auf »etwa einen Groschen« schätzte. Der Papst ließ sich aber dafür 30000 Gulden bezahlen. Der Ablaßhandel sollte nun die Schuld decken. Die eine Hälfte des Ertrags bekam der Papst, der angeblich für den Neubau der Peterskirche das Geld verwenden wollte, die andere Hälfte steckten die Fuggers ein. Daß aber die Deutschen eifrig kauften und gut bezahlten, dafür sorgte Johann Tetzel.

Das war ein großer Festtag, wenn er mit seinem Kram in einer Stadt Einzug hielt. Rat und Bürgerschaft, Geistlichkeit und Schüler erwarteten den hohen »Himmelsgast« vor den Thoren, um ihn mit Fahnen und brennenden Kerzen unter Glockengeläute in die Stadt zu führen. Ein breites, rotes Kreuz mit des Papstes Wappen und ein sammetnes Kissen mit des Papstes pergamentenem Ablaßbriefe trug man Tetzel voran. So ging es bis zur Kirche. Am Hauptaltar wurde der Ablaßkasten niedergelegt und das Kreuz aufgerichtet. Da gab es ein Leben die kommenden Tage. Von weither zogen die Leute herbei, um Ablaß zu lösen, den Tetzel und seine Gehilfen beredten Mundes anzupreisen wußten: »Nie wird wieder Sündenvergebung und ewiges Leben zu einem so geringen Preise erlangt werden können. Auch ist keine Hoffnung vorhanden, daß, so lange die Welt steht, eine solche Freigebigkeit des römischen Stuhls für Deutschland wiederkehrt. Es mag jedermann des Heils seiner eigenen Seele und der Seelen seiner Verstorbenen wahrnehmen! Jetzt ist der Tag des Heils, jetzt ist die angenehme Zeit! Versäume niemand seiner Seele Seligkeit!« Da wanderte manch schönes Guldenstück in Tetzels Ablaßkasten. Friede in Herz und Gewissen war dem Volke mehr wert, als Gold und Silber. Niemals ist schändlicherer Betrug geübt worden, als in jenem Ablaßhandel.

Im Herbste des Jahres 1517 kam Tetzel in die Nähe von Wittenberg. Viele ernste Christen waren entsetzt über den schmählichen, Gottesfurcht, Frömmigkeit und Zucht untergrabenden Handel. Da ließ es Luther keine Ruhe mehr. Herz und Gewissen drängten ihn, dagegen seine Stimme zu erheben. Er that es in seinen berühmten »95 Thesen.«

b) Luther schlägt die 95 Thesen an.

Wir können nichts wider die Wahrheit sondern für die Wahrheit.

2. Cor. 13, 8.

Am 1. November, dem Allerheiligentage, feierte die Schloßkirche zu Wittenberg ihre Kirchweih. Das war ein großer Festtag, zu dem viel Volks, auch viele Priester und Mönche nach Wittenberg kamen. Die Universität wollte solchen Tag in ihrer Weise mitfeiern. Ein gelehrter Professor stellte Thesen, d. i. einzelne Sätze, auf und lud andere gelehrte Leute ein, über dieselben in feierlicher Versammlung mit ihm zu disputieren. Am Tag vor Allerheiligen — am 31. Oktober — 1517, einem Sonnabend — es soll Mittag 12 Uhr gewesen sein, schlug Luther 95 solche Thesen an die Thür der Schloßkirche zu Wittenberg an. Dort waren schon manchmal derartige Streitsätze angeschlagen worden, ohne daß man lange davon gesprochen hätte. Luthers 95 Thesen sind noch nicht vergessen. An jedem Reformationsfest wird ihrer gedacht. Die Thür, an die Luthers Hand sie einst geschlagen, ist nicht mehr vorhanden. Eine eherne Pforte steht an ihrer Stelle und darauf sind jene Streitsätze, in Erz gegossen, zu lesen.

Luther hat seine Thesen in lateinischer Sprache abgefaßt. Sie waren nicht für das Volk bestimmt. Die Gelehrten sollten sich aussprechen über das von Luther Gesagte. Die Überschrift und die wichtigsten jener 95 Sätze lauten auf Deutsch also:

»Aus Liebe zur Wahrheit und aus Verlangen, sie an den Tag zu bringen, soll über nachfolgende Sätze zu Wittenberg disputiert werden unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Vaters Martin Luther, der freien Künste und der h. Theologie Magister, der letzteren auch ordentlichen Lehrers daselbst. Er bittet daher, daß die, welche nicht mündlich in persönlicher Anwesenheit mit uns sich unterreden können, es abwesend auf schriftlichem Wege thun wollen. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi. Amen.«

1. These: »Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: »Thut Buße!« (Matth. 4, 17) hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.«

32. These: »Wer durch Ablaßbriefe meint seiner Seligkeit gewiß zu sein, der wird ewiglich verdammt sein samt seinen Lehrmeistern.«

33. These: »Nimm dich wohl in Acht vor denen, die da sagen, der Ablaß des Papstes sei jene unschätzbare Gabe Gottes, durch welche der Mensch Gott versöhnt werde.«

36. These: »Jeglicher Christ hat, wenn er in aufrichtiger Reue steht, vollkommenen Erlaß von Strafe und Schuld, die ihm auch ohne Ablaßbriefe gebührt.«

37. These: »Jeder wahre Christ, ob lebend oder tot, hat Anteil an allen geistlichen Gütern Christi und der Kirche. Gott hat ihm diesen auch ohne Ablaßbriefe gegeben.«

43. These: »Man lehre die Christen, daß, wer dem Armen giebt oder dem Bedürftigen leiht, besser thut, als wenn er Ablaß lösen wollte.«

45. These: »Man lehre die Christen, daß, wenn er einen Bedürftigen sieht und des ungeachtet sein Geld für Ablaß hingiebt, nicht Papstes Ablaß, wohl aber Gottes Zorn damit erwirbt.«

46. These: »Man lehre die Christen, daß, wenn sie nicht überflüssiges Gut reichlich besitzen, sie verpflichtet sind, das, was zur Notdurft gehört, für ihr Haus zu behalten und mit nichten für Ablaß zu verschwenden.«

50. These: »Man lehre die Christen, daß, wenn der Papst den Schacher der Ablaßprediger wüßte, er lieber den Dom St. Petri werde zu Asche verbrennen lassen, als daß derselbe von Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe sollte erbaut werden.«

53. These: »Das sind Feinde Christi und des Papstes, die um der Ablaßpredigt willen das Wort Gottes in anderen Kirchen gänzlich verstummen machen.«

55. These: »Des Papstes Meinung ist selbstverständlich, daß, wenn man den Ablaß, als der nur geringen Wert hat, mit einer Glocke, mit einfachem Gepränge und Feierlichkeit begeht, man das Evangelium, als welches den höchsten Wert hat, mit hundert Glocken, hundertfachem Gepränge und Feierlichkeit rühmen soll.«

62. These: »Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.«

Da hört man den ganzen tiefen Ernst des Reformators heraus. Seine 95 Thesen »sind der Notschrei, der aus der Tiefe des erwachten deutschen Gewissens heraufdrang. Noch geht das Wort nicht gegen den Papst, der im Gegenteil verteidigt statt angegriffen wird; neuer und alter Wein, Gesetz und Evangelium gähren noch durcheinander. Wohl rollen schon von ferne die Donner drin und zucken die Blitze, die sich über dem ganzen Bau entladen werden; aber es scheint auch die warme Sonne des Evangeliums schon hindurch. Der das erste Wort hat, ist doch der Herr und Meister Christus. Die Sprache ist schon gewaltig und kühn, wuchtig die Worte, wie der Hammer, der sie anschlägt.«

Mit beispielloser Schnelligkeit verbreiteten sich Luthers 95 Thesen weit über Deutschland hinaus. »In vier Wochen hatten sie schier die ganze Christenheit durchlaufen, als wären die Engel selbst Botenläufer.« In Rom hatte man keine Ahnung von dem tiefen Ernst des deutschen Mönches und von der Tragweite jener Sätze. Was sollte das Mönchlein dem Haupte der Christenheit und dem gewaltigen, festgefügten Bau der Kirche anhaben können? Als unumstößliche Wahrheit galt, was die Kirche lehrt, mochte es in der Bibel begründet sein oder nicht. Wer anders als die Kirche lehrte, war ein Ketzer. Wie mancher war bereits beseitigt worden! Sollte es so schwer sein, auch mit diesem deutschen »Sohn der Bosheit« — so nannte damals Papst Leo X. unseren Luther — fertig zu werden?

Papst Leo X
Papst Leo X.

Hingebende, treue Liebe und fester Gehorsam banden auch jetzt noch Luther an die Kirche. Aus Liebe zur Kirche kämpfte er gegen eine Irrlehre und einen Mißbrauch, durch die, wie er meinte, Papst und Kirche betrogen seien. Papst und Kirche haben niemals einen besseren Freund gehabt als Luther. Er hat es ehrlich gemeint. Aber für ihn war kein Platz in einer Kirche, die keinen Widerspruch vertragen und den Satz nicht dulden konnte: Die Heilige Schrift allein ist die Quelle des Glaubens und die Richtschnur des Lebens. Man lud Luther nach Rom vor. Hatte man ihn nur erst dort, so war ihm leicht der Prozeß zu machen. Luther fürchtete sich gewiß nicht vor dem Papst, obgleich er wie bei der Löwenhöhle in der Fabel so auch in der Löwenhöhle (»Leo« heißt auf deutsch »Löwe«) Rom nur Fußstapfen sah, die hinein, aber keine, die hinaus führten. Aber Kurfürst Friedrich der Weise war in Sorge um seinen Professor und ließ ihn nicht in die gefährliche Löwenhöhle ziehen. Da mußte der Papst versuchen, auf deutschem Boden mit Luther fertig zu werden. Umsonst verhandelte Kardinal Kajetan zu Augsburg mit dem unbequemen, unbeugsamen Mönch, den weder Drohungen noch Versprechungen zum Widerruf bewegen konnten. »Geh! widerrufe oder komm mir nicht wieder vor die Augen!« war des Kardinals letztes Wort. Und die »Bestie mit den tiefen Augen und den wundersamen Spekulationen im Kopfe« — so titulierte der Kardinal unsern Luther — widerrief nicht und kam ihm nicht wieder vor die Augen. Geschickter als Kajetan wollte des Papstes Kammerherr, Karl von Miltitz, die Sache anfangen. Es gelang ihm auch, von Luther das Versprechen zu erhalten, er werde in Zukunft schweigen, wenn seine Gegner auch schwiegen. Aber lange dauerte es nicht, so riefen ihn diese von neuem auf den Kampfplatz.

Der Ingolstädter Professor Dr. Johann Eck meinte im Kampfe gegen Luther sich ohne Mühe besondere Lorbeeren verdienen zu können. Auf sein Anregen sollte im Sommer 1519 zu Leipzig eine Disputation gehalten werden. Da wollte er den Gegner öffentlich schlagen. Er hat sich freilich sehr geirrt. Was er erreichte, war nur dies, daß Luther unumwunden erklärte: Das Papsttum beruht nicht auf göttlicher Einsetzung. Daß sogar eine Kirchenversammlung (Concil) irren kann, hat das Kostnitzer Concil bewiesen, indem es ganz evangelische Sätze verdammte. Herzog Georg der Bärtige von Sachsen, der für die Schäden der Kirche nicht blind war, aber das, was Luther lehrte als Ketzerei ansah und haßte, rief, als er solches hörte, aus: »Das walt' die Sucht!« Immer deutlicher ward es Luther, daß man in Glaubenssachen sich weder auf ein Wort aus dem Munde des Papstes noch auf einen Beschluß der Kirche, sondern einzig und allein auf die Schrift gründen dürfe.

Johann Eck
Dr. Johann Eck.
Titelblatt der von Luther gehaltenen Predigt

Titelblatt der von Luther in Leipzig gehaltenen Predigt.

(Das auf diesem Titel befindliche Bild Luthers ist das älteste des Reformators. Die Umschrift ist im Spiegel zu lesen).

Ein Leipziger Professor, der der Disputation von Anfang bis zu Ende beigewohnt hat, hat uns den Eindruck geschildert, den Luthers Person und Auftreten machte. Seine Worte zeichnen uns ein anschauliches Bild des mutigen Gottesstreiters: »Luther ist zwar nur mittelgroß und schmächtig; denn Sorgen und Studien haben ihn gleichmäßig erschöpft, so daß, wer ihn nur näher ansieht, alle Knochen an ihm zählen kann. Aber er ist frisch und bei voller Jugendkraft, seine Stimme hell und klar, bewundernswert seine Gelehrsamkeit und Schriftkenntnis, so daß er alles bereit hat. Griechisch und Hebräisch hat er soweit inne, daß er über Auslegung der Heiligen Schrift urteilen kann. Auch fehlt es ihm nicht an Redegabe; denn es steht ihm ein großer Vorrat von Wörtern und Sachen zu Gebote. Vielleicht möchte man an ihm Urteilskraft und die rechte Anwendung derselben vermissen. Im täglichen Leben ist er höflich und freundlich, ohne alles Finstere und Strenge in seinem Wesen, ein launiger und angenehmer Gesellschafter, bald lebhaft, bald ruhig, je nachdem, aber immer freundlichen Angesichts, wie arg auch die Gegner ihn bedrohen, so daß es nicht glaublich ist, ein Mann unternehme so Schwieriges ohne den Willen Gottes. Aber freilich, was fast alle ihm zum Fehler machen: er ist im Tadeln rücksichtsloser und bissiger, als es für einen, der auf Neuerungen in der Religion denkt, sicher aber für einen Theologen anständig ist. Vielleicht hat er diesen Fehler mit allen denen gemein, die erst spät zur Gelehrsamkeit gelangen.«

Alt-Leipzig
Alt-Leipzig.

c) Der Sieg des Gebannten.

Viele schelten mich übel, daß jedermann sich vor mir scheuet; sie ratschlagen miteinander über mich und denken mir das Leben zu nehmen. Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott!

Psalm 31, 14. 15.


Die Geschichte von David und dem Riesen Goliath hat sich oft wiederholt. Mancher christliche Held hat im Kampfe auf Gott geschaut und zu seinem Feind gesprochen: »Du kommst zu mir mit Schwert, Spieß und Schild; ich aber komme zu dir im Namen des Herrn Zebaoth« (1. Sam. 17, 45) — und hat gesiegt! Sieger waren die beiden Apostel, die als Gefangene vor dem Hohen Rat standen und das Bekenntnis ablegten: »Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein andrer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden. — Wir können es ja nicht lassen, daß wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehört haben« (Apostelgesch. 4, 12. 20). Verhöhnt von der Weisheit Griechenlands predigt Paulus auf dem Areopag — und doch stürzt sein Wort Götterbilder und Götzentempel. Als ein Gebundener zieht er in Rom ein — und doch muß der Kaiser, der der Welt gebietet, vom Throne steigen und Krone und Szepter dem Gekreuzigten zu Füßen legen.

Kaiser und Papst, die ganze Welt steht Luther gegenüber — und Luther siegt. Es mußte wahr werden:

»Es streit für uns der rechte Mann,
Den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer er ist?
Er heißt Jesus Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott:
Das Feld muß er behalten!«

Luther wollte keinen andern Helfer im Kampfe als Gott und sein Wort. Edle deutsche Ritter, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Hartmut von Kronberg, boten ihm ihr Schwert und ihre Burgen an. Er aber wollte kämpfen nur mit dem Schwert des Geistes. Seine feste Burg sollte allein Gott der Herr bleiben. Und wie hat Luther das Schwert des Geistes geschwungen! Jeder evangelische Christ müßte auf seinem Bücherbrett stehen haben Luthers herrliche Hauptschriften vom Jahre 1520.

»Gott gebe uns der Posaunen eine, womit die Mauern Jerichos umgeworfen würden!« ruft er in seinem Büchlein: »An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung.« Die drei »strohernen und papiernen Mauern« will er umstürzen, hinter denen sich die Römlinge verschanzen. Die erste dieser Mauern ist die Behauptung, weltliche Gewalt stehe unter der geistlichen. Diese Mauer, wie überhaupt den Unterschied von Geistlichen und Laien stürzt das Schriftwort 1. Petri 2, 9 um: »Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das Königliche Priestertum.« Jeder Christ ist ein Priester. Die zweite Mauer ist die Behauptung, nur der Papst könne die Heilige Schrift richtig auslegen. Sie fällt, weil von der Unfehlbarkeit des Papstes kein Wort in der Bibel steht. »Sie werden alle von Gott gelehret sein,« heißt es dort (Joh. 6, 45). Die dritte Mauer ist die Behauptung, nur der Papst könne eine Kirchenversammlung einberufen. Diese Mauer ist eigentlich schon beim ersten Posaunenstoß mit umgefallen. Bricht ein Feuer aus, so löschen alle mit, obgleich nicht alle die Macht des Bürgermeisters haben. »Wo die Not fordert und der Papst ärgerlich der Christenheit ist, soll dazu thun, wer am ersten kann!« Nun sind die Mauern niedergelegt. Rücksichtslos geht der Held jetzt gegen seinen Feind. Ohne Furcht deckt er die vielen Schäden der Kirche auf. Soll Hilfe gebracht werden können, so muß erst die Krankheit erforscht und festgestellt werden. »Ich achte wohl,« heißt's am Schlusse, »daß ich hoch gesungen hab, viel Dings fürgegeben, das für unmöglich werde angesehen, viel Stücke zu scharf gegriffen. Wie soll ich aber thun? ich bin es schuldig zu sagen ... Es ist mir lieber, die Welt zürne mir, denn Gott ... Wohlan, ich weiß noch ein Liedlein von Rom und von ihnen.«

Franz von Sickingen
Franz von Sickingen.

Dieses »Liedlein«, darin Luther »die Noten aufs Höchste stimmen« wollte, sang er in seiner herben Streitschrift »von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche«, darin er die Siebenzahl der Sakramente bekämpft.

Ist das schadhafte Alte beseitigt, so kann der Neubau beginnen. Herrliche Steine zum Neubau des evangelischen Lebens trägt Luther in der dritten jener großen Hauptschriften herbei. Sie führt den Titel: »Von der Freiheit eines Christenmenschen.« Am Anfang stehen die beiden Sätze, gleichsam als Thema des köstlichen Büchleins: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und Niemand unterthan; ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und Jedermann unterthan.« Was er in der Schrift auseinandergesetzt hat, faßt er am Schlusse in die Worte zusammen: »Ein Christenmensch lebt nicht ihm selber, sondern in Christo und seinem Nächsten: in Christo durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott, aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe, und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe. Siehe, das ist die rechte christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten: welche alle andere Freiheit übertrifft, wie der Himmel die Erde.«

Wie wenig mußten die Römlinge von der weltüberwindenden Kraft eines gläubigen Christenmenschen, der mit Gott im Bunde steht, ahnen, wenn sie meinten, solch ein Mann werde sich vor dem Bannstrahl fürchten. Im Oktober 1520 kam Luther das Schriftstück unter die Augen, das seine Lehre verdammte und binnen 60 Tagen den Widerruf forderte. Luther antwortete darauf dem Papst: »Daß ich sollte meine Lehre widerrufen, daraus wird nichts. Ich kann nicht leiden Regel oder Maß, die Schrift auszulegen dieweil das Wort Gottes, das alle Freiheit lehret, nicht soll gefangen sein. Wo mir diese zwei Stücke bleiben, soll mir sonst nichts aufgelegt werden, das ich nicht mit allem Willen thun und leiden will. Ich bin dem Hader feind, will Niemand reizen, will aber auch ungereizt sein.« Aber auch eine Antwort durch die That gab Luther. Am 10. Dezember 1520 zog eine große Schar vors Elsterthor zu Wittenberg. Bald war an der Stelle, wo man die Kleider der an der Pest Verstorbenen zu verbrennen pflegte, ein Scheiterhaufen errichtet. Luther legte sämtliche päpstliche Rechtsbücher darauf. Als das Feuer hoch aufloderte, warf er des Papstes Bulle in die Flammen mit den Worten: »Weil du den Heiligen des Herrn (gemeint ist Christus, vgl. Mark. 1, 24) betrübt hast, verzehre dich das ewige Feuer!«

Titelblatt der Bannbulle
Titelblatt der Bannbulle.

Hätte Luther nicht unter dem Schutze des Kurfürsten von Sachsen gestanden, so würde die weltliche Obrigkeit den Gebannten haben festnehmen und seine kühne That auf dem Scheiterhaufen haben büßen lassen. Friedrich der Weise setzte es aber beim Kaiser durch, daß Luther auf dem nächsten Reichstag zu Worms durch gelehrte und verständige Leute verhört werden sollte. Das paßte den Römlingen, die bereits triumphierend den verhaßten Ketzer den Scheiterhaufen besteigen sahen, gar nicht. Der päpstliche Abgesandte in Worms schrieb damals in seinem Zorne: »Wenn ihr Deutschen das römische Joch abwerft, so werden wir dafür sorgen, daß ihr euch untereinander mordet, bis daß ihr im eigenen Blute untergeht!« Im dreißigjährigen Krieg haben die Jesuiten versucht diese entsetzliche Drohung wahr zu machen.

Als Luther am dritten Osterfeiertag (2. April) 1521 von Wittenberg nach Worms abreiste, wurde manches Auge feucht. Ob man je den teuern Gottesmann wiedersehen, ob man je aus seinem Munde wieder das lautere Gotteswort vernehmen würde? Ein wahrer Triumphzug ist Luthers Reise gewesen. Wie drängte sich das Volk, den wunderbaren Mann zu sehen und zu hören, der es wagte, ohne Furcht dem Papst entgegenzutreten! »Christus lebt und ich werde nach Worms kommen, allen Pforten der Hölle und Fürsten der Welt zum Trotz,« lautete Luthers Bekenntnis. Wenige Stunden nur noch von Worms entfernt ward er durch einen treuen Freund gewarnt und an Johann Huß' Schicksal erinnert. »Wenn so viel Teufel in Worms wären als Ziegel auf den Dächern,« antwortete er, »dennoch wollte ich hinein.«

Am 17. April hat Luther zum ersten Male vor dem Reichstag gestanden. In lange Unterhandlungen wollte man sich nicht mit ihm einlassen. Er sollte nur erklären, ob er widerrufen wollte oder nicht. Luther bat um Bedenkzeit. Am nächsten Tag gab er die Erklärung ab, seine Bücher seien verschiedener Art: die einen handelten von Glaube und Sitte — sie widerrufen, hieße die Wahrheit verdammen; die andern kämpften gegen falsche Lehren des Papstes — sie könne er nicht widerrufen; die dritten richteten sich gegen seine einzelnen Widersacher — wohl könnten diese hier und da zu heftig abgefaßt sein, aber widerrufen könne er auch sie nicht. Soviel wollte man aber gar nicht im Reichstage hören. Eine »schlichte Antwort ohne Hörner und ohne Mantel« wurde von Luther gefordert. Da gab er denn die berühmte Antwort: »Weil denn Eure Kaiserliche Majestät und Eure Gnaden eine schlichte Antwort begehren, so will ich eine Antwort ohne Hörner und ohne Zähne geben diesermaßen: es sei denn, daß ich durch Zeugnisse der Schrift oder durch helle Gründe überwunden werde — denn ich glaube weder dem Papst noch den Concilien allein, dieweil am Tage liegt, daß sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben, — so bin ich überwunden durch die von mir angeführten heiligen Schriften und mein Gewissen ist gefangen in Gottes Wort; widerrufen kann ich nichts und will ich nichts, dieweil wider das Gewissen zu handeln unsicher und gefährlich ist.«

Nochmals frug man Luther, ob er wirklich glaube, daß Concilien irren könnten. Er blieb dabei. Da erhob sich ein Tumult im Saale. Mitten in der aufs Höchste erregten Versammlung stand unser Luther. Bei der großen Unruhe werden nur Wenige seine letzten Worte verstanden haben: »Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir! Amen.«

Die deutsche Gewissenhaftigkeit und der deutsche Mannesmut haben im Reichstagssaale zu Worms Papst und Kaiser besiegt. Ein gebannter Mönch triumphiert über die Welt. »Ich bin hindurch, ich bin hindurch!« mit diesen Worten trat Luther wieder in seine Herberge.

Noch eine Woche blieb er in Worms. Unterhandlungen mit ihm führten zu keinem Ziele. Am Vormittag des 26. April verließ Luther die Reichsstadt, ausgerüstet mit freiem Geleit auf 21 Tage nach der Heimat. Er wußte, daß er sie nicht erreichen würde.

Am 25. Mai verhängte der Kaiser über den gebannten Luther die Reichsacht. Niemand sollte ihm Essen und Trinken und Herberge geben. Wer ihn fand, sollte ihn festnehmen und dem Kaiser überantworten. Die Acht war kraftlos. Luther hatte ein sicheres Gewahrsam gefunden. Der siegreiche Held weilte an friedlicher Stätte.

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