DRITTES CAPITEL.
Die Lebenseigenschaften der Zelle.
I. Die Bewegungserscheinungen.

Alle Räthsel des Lebens, welche Pflanzen und Thiere darbieten, sind schon im Keim in der einfachen Zelle eingeschlossen. Wie der zusammengesetzte ganze Organismus, hat auch jede einzelne Zelle ihr eigenes Leben. Wollen wir daher noch tiefer in das Wesen von Protoplasma und Kern eindringen, so müssen wir uns vor allen Dingen noch mit dem Wichtigsten von Allem, mit ihren Lebenseigenschaften bekannt machen. Das Leben aber, auch das Leben des allereinfachsten Elementarorganismus, ist ein ausserordentlich zusammengesetztes und schwer definirbares Phänomen; es äussert sich, im Allgemeinen ausgedrückt, darin, dass die Zelle kraft ihrer eigenen Organisation und unter den Einflüssen der Aussenwelt beständig Veränderungen erfährt und Kräfte entfaltet, wobei ihre organische Substanz auf der einen Seite unter bestimmten Kraftäusserungen beständig zerstört, auf der andern Seite wieder neu erzeugt wird. Auf dem beständigen Ineinandergreifen organischer Zerstörung und organischer Neubildung beruht, wie Claude Bernard (IV. 1a) sich ausdrückt, der ganze Lebensprocess.

Am zweckmässigsten lässt sich dieses complicirteste aller Phänomene in vier verschiedene Gruppen von Erscheinungen zerlegen. Jeder lebende Elementarorganismus zeigt uns nämlich vier verschiedene Grundfunctionen oder Grundeigenschaften, in denen sich sein Leben zu erkennen giebt: er kann seine Form verändern und Bewegungen ausführen; er reagirt auf bestimmte Reize der Aussenwelt in verschiedener Weise, ist mithin reizbar; er kann sich ernähren, Stoffe aufnehmen, umwandeln und wieder abgeben, dabei formt er Substanzen, welche zum Wachsthum, zur Gewebebildung und für spezifische Leistungen des Lebens dienen; endlich kann er sich durch Fortpflanzung vermehren.

Die Lebenseigenschaften der Zelle besprechen wir daher in vier Capiteln, und zwar in folgender Reihenfolge:

1. die Bewegungserscheinungen,
2. die Reizerscheinungen,
3. den Stoffwechsel und die formative Thätigkeit,
4. die Fortpflanzung.

Daran schliesst sich noch ein besonderes Capitel über den Befruchtungsprocess.


Viele verschiedene Arten von Bewegungen können sich, wie ein ausgedehntes vergleichendes Studium lehrt, am Zellkörper abspielen. Wir unterscheiden hier: 1. die eigentliche Protoplasmabewegung, 2. die Flimmer- und Geisselbewegung, 3. die Bewegung der pulsirenden Vacuolen, 4. die Bewegungen und Formveränderungen, welche Zellkörper passiv erfahren.

Ausser diesen vier Arten giebt es noch einige besondere Bewegungsphänomene, die in späteren Abschnitten zweckmässiger besprochen werden, zum Beispiel die Empfängnisshügel, die an der Eizelle in Folge der Befruchtung entstehen, die Strahlenfiguren, die in der Umgebung des in das Ei eingedrungenen Samenfadens und beim Theilungsprocess der Zelle wahrgenommen werden, die Zerschnürung des Zellkörpers in zwei oder mehrere Stücke bei der Theilung.