Zu gleichem Ergebnisse haben die experimentellen Untersuchungen von Gruber, Nussbaum, Hofer, Verworn, Balbiani und Klebs geführt. Die Methode besteht darin, dass man in irgend einer Weise einen einzelligen Organismus oder eine einzelne Zelle in ein kernhaltiges und in ein kernloses Stück trennt und dann das weitere Verhalten derselben verfolgt und vergleicht.
Durch Plasmolyse in 16% Zuckerlösung konnte Klebs (IV. 14, VIII. 7) die Zellen von Spirogyrafäden in ein kernhaltiges und mehrere kernlose Stücke zerlegen. Obwohl die letztern zuweilen sechs Wochen am Leben blieben, ehe sie zerfielen, bestand doch in ihrer Lebensfunction ein grosser Unterschied im Vergleich zu den kernhaltigen Theilstücken. Die kernhaltigen Stücke fahren fort zu wachsen und umgeben sich mit einer neuen, durch Congoroth leicht nachweisbaren Zellhaut. Die kernlosen dagegen bleiben vollständig kuglig, vergrössern sich nicht und können keine Zellhaut bilden. Wie weit der letztere Process vom Vorhandensein des Kerns beeinflusst wird, geht in besonders auffälliger Weise daraus hervor, dass, wenn die durch Plasmolyse erhaltenen Theilstücke nur noch durch eine feine Plasmabrücke verbunden sind, dieser Zusammenhang schon genügt, um das kernlose Stück zur Abscheidung von Cellulose zu befähigen.
Indessen gehen im Protoplasma gewisse Stoffwechselprocesse auch ohne Anwesenheit des Zellkerns vor sich; zum Beispiel assimiliren die kernlosen Stücke noch und vermögen sowohl Stärke aufzulösen, als auch neu zu bilden, vorausgesetzt dass sie einen Theil des Chlorophyllbandes besitzen. Wenn sie längere Zeit im Dunkeln gehalten sind, werden sie stärkefrei durch Verbrauch der vorher abgelagerten Körnchen; in das Licht zurückgebracht, füllen sich die Chlorophyllbänder wieder mit neuassimilirter Stärke; ja, es wird hier sogar reichlicher als beim kernhaltigen Theil Stärke angesammelt, wahrscheinlich aus dem naheliegenden Grunde, weil der Verbrauch der Stärke bei dem Daniederliegen aller übrigen Lebensfunctionen auf ein Minimum herabgesetzt ist.
Kernlose Theilstücke von Funaria hygrometrica zeigen ein etwas abweichendes Verhalten, indem sie zwar Stärke auflösen, aber keine neue bilden können, trotzdem sie 6 Wochen am Leben bleiben.
Beim Zerschneiden von Vaucheria erhält man grössere und kleinere Protoplasmaklumpen theils mit, theils ohne Kern. Die Lebensfähigkeit derselben, sowie das Abscheiden einer neuen Cellulosehülle ist an das Vorhandensein von mindestens einem Zellkern geknüpft (Haberlandt VIII. 4).
Nicht mindere wichtige Ergebnisse wie bei den Pflanzen sind durch Zerstückelungen von Amöben, Rhizopoden und Infusorien gewonnen worden. Wie Nussbaum (VIII. 9), Gruber (VIII. 3), Hofer (VIII. 6) und Verworn (VIII. 10) in übereinstimmender Weise mittheilen, können nur kernhaltige Theilstücke die verloren gegangenen Organe wieder durch Neubildung ersetzen und sich zu einem normalen Individuum, das wächst und sich vermehrt, umgestalten. Kernlose Theile, selbst wenn sie grösser als die kernhaltigen sind, können sich weder ergänzen noch wachsen, aber längere Zeit, oft mehr als 14 Tage, eine Art von Scheindasein führen; schliesslich aber zerfallen sie. Die formative Thätigkeit des Protoplasma scheint daher in erster Linie unter dem Einfluss des Kerns zu stehen. Weniger sicher gestellt ist dies für andere Functionen der Zelle, wie für die Bewegungsfähigkeit, für die Reizbarkeit und für die Verdauungsprocesse. Die Urtheile der einzelnen Beobachter gehen hier auseinander.
Bei Amöben sah Hofer das kernlose Theilstück, nachdem das erste durch die Operation bedingte Reizstadium überwunden war, 15–20 Minuten lang ziemlich normale Bewegungen ausführen; er erblickt hierin noch eine Nachwirkung des Kernes, welchem er einen regulatorischen Einfluss auf die Bewegungen des Protoplasma zuschreibt. Denn während weiterhin das kernhaltige Stück wie ein normales Individuum die Pseudopodien ausstreckt und sich fortbewegt, bleibt der kernlose Theil zu einem rundlichen Körper zusammengezogen und macht nur ab und zu nach stundenlangen Ruhepausen anormale, ruckartige Bewegungen; er heftet sich an der Unterlage nicht fest, wie herumkriechende Amöben thun, und beginnt daher bei der geringsten Wasserbewegung zu flottiren.
Eine grössere Unabhängigkeit der Protoplasmabewegung vom Einfluss des Kerns fand Verworn bei Difflugia. Selbst kleine, kernlose Theilstücke streckten in der für das unverletzte Rhizopod charakteristischen Weise lange, fingerförmige Pseudopodien aus und setzten noch nach fünf Stunden ihre Bewegungen fort. Auch waren sie noch vollkommen reizbar und reagirten auf mechanische, galvanische und chemische Reize durch Contraction ihres Körpers.
Protisten, welche besondere locomotorische Organe, wie Cilien, Wimpern, Cirrhen etc. entwickelt haben, lassen nach Verworn bei Theilungsversuchen eine vollständige Autonomie und Unabhängigkeit derselben vom Kern erkennen.
Bei Lacrymaria führt jeder des Kerns beraubte Körpertheil nach seiner Abtrennung vom Körper dieselben Bewegungen aus, wie zur Zeit, als er noch mit ihm in Zusammenhang stand. Kleine Stücke von Stylonichia, die mit einer Anzahl Bauchwimpern versehen sind, machen mit diesen noch die eigenthümlichen Laufbewegungen. Selbst bei einem kleinsten Plasmastückchen, das nur eine einzige Sprungcirrhe besitzt, fährt diese in ihren charakteristischen Bewegungen fort. Wenn sie nach hinten gerichtet war, wird sie von Zeit zu Zeit plötzlich nach vorn geschnellt, wodurch dem Theilstück ein kurzer Ruck nach rückwärts ertheilt wird; darauf kehrt sie selbst wieder in die Ruhelage zurück u. s. w.
Gleich den Cilien und Cirrhen zeichnen sich auch die contractilen Vacuolen der Protisten durch vollständige Autonomie aus. Denn auch an kernlosen Stücken kann man sehen, wie sie sich tagelang rhythmisch contrahiren (Verworn).
In Bezug auf die Verdauung endlich macht sich ein erheblicher Unterschied zwischen kernlosen und kernhaltigen Theilstücken bemerkbar. Während von letzteren gefressene, kleine Infusorien, Räderthierchen etc. in der normalen Weise verdaut werden, hat bei ersteren die Verdauung sowohl der Zeit nach, als auch an Intensität eine erhebliche Abnahme erfahren. Man könnte hieraus schliessen, dass es dem Protoplasma nur unter der Mitwirkung des Kerns möglich ist, verdauende Secrete zu produciren (Hofer, Verworn).
Dass zwischen einzelnen Beobachtungen und Experimenten, die im achten Capitel mitgetheilt wurden, noch Widersprüche bestehen, wird nicht Wunder nehmen, wenn man die Schwierigkeit der zu lösenden Aufgaben im Auge behält.