ZWEITES BUCH.
ALLGEMEINE ANATOMIE UND PHYSIOLOGIE DER GEWEBE.

ERSTES CAPITEL.
Uebersicht über die zu lösenden Aufgaben.

Das erste Buch handelte von den allgemeinen fundamentalen Lebenseigenschaften der Zelle in anatomischer und in physiologischer Beziehung. Die Zelle wurde als ein in sich abgeschlossener Elementarorganismus betrachtet. Von diesem Gesichtspunkte aus wurden ihre chemisch-physikalischen und morphologischen Eigenschaften studirt; die Bewegungserscheinungen und die Reizbarkeit des Protoplasmas, sein Stoffwechsel und seine formative Thätigkeit, endlich die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung und ihre sexuelle Affinität, die zur Besprechung der Morphologie und Physiologie des Befruchtungsprocesses Veranlassung gab.

Nun führt aber die Zelle in der Natur nur in den wenigsten Fällen ein Leben als Organismus für sich, nämlich nur in den Fällen, wo es sich um die niedrigsten, einzelligen Lebewesen, oder in den Fällen, wo es sich um die allerersten Entwicklungsstufen der vielzelligen Organismen, um Eier und um Samenfäden, handelt. In allen anderen Fällen tritt uns die Zelle nur als ein untergeordneter und daher unselbständiger Theil einer höheren, zusammengesetzteren Organisation entgegen. Die Zelle hat ihre Selbständigkeit als elementares Lebewesen verloren; sie wird, je höher Thier und Pflanze organisirt sind, in ihren Lebensäusserungen auch noch durch ihre vielerlei Beziehungen im vielzelligen Organismus, von welchem sie ein Theil geworden ist, bestimmt oder determinirt. In diesem Process offenbart sich uns erst das organische Leben in seinem ganzen Reichthum und führt zu Leistungen, die uns in ihrer höchsten Vollendung schliesslich im menschlichen Organismus entgegentreten, in dessen complicirten Lebensäusserungen materieller und geistiger Natur die Physiologie nur die combinirte Wirkung zahlloser kleiner, einander neben- und untergeordneter, zu einer höheren Lebenseinheit verbundener Elementarzellen erblickt. Die Zelle selbst aber erscheint uns bei diesem Process in zahllosen neuen, unendlich verwickelten Beziehungen, welche bisher unberücksichtigt gelassen wurden.

Indem unsere Untersuchung somit von der Zelle, die im ersten Buch als Elementarorganismus betrachtet wurde, zu den in bestimmte Verbände eingetretenen Elementartheilen fortschreitet, erweitert sich die Zellenlehre zur Gewebelehre, welche den Gegenstand dieses zweiten Buches bildet. Denn unter einem Gewebe verstehen wir eine Vielheit zu gemeinsamer Function zusammengeordneter Zellen.

Die hier zu lösende Aufgabe sondert sich ganz naturgemäss in zwei Hauptabschnitte.

Der erste Hauptabschnitt hat sich mit den allgemeinen Beziehungen zu beschäftigen, welche durch die Zusammenordnung der Zellen zu Theilen eines höheren Ganzen geschaffen werden: mit der Lehre von den verschiedenen organischen Individualitätsstufen, mit den Mitteln, durch welche die Zellen in den höheren Einheiten zusammengehalten und in Abhängigkeit von einander gebracht werden, mit den äusseren und inneren Factoren der organischen Entwicklung, mit dem Gesetz der Arbeitstheilung und Differenzirung, mit den Gesetzen und Erscheinungen des Wachsthums und der Formbildung, mit dem Problem der Vererbbarkeit erworbener Charaktere; schliesslich mit der Definition der Begriffe Gewebe und Organe.

Es werden bei diesen Erörterungen die schwierigsten Fragen der organischen Entwicklung berührt werden, welche in den letzten Jahren von mehreren Forschern auf das Lebhafteste discutirt, aber in sehr entgegengesetztem Sinne beantwortet worden sind. Ich selbst habe an den wissenschaftlichen Debatten regen Antheil genommen und in den meisten Fragen meinen Standpunkt schon scharf präcisirt. In Fragen, über welche ich mich bisher nicht geäussert habe, wird dies jetzt geschehen. So wird der zweite Theil meiner allgemeinen Anatomie und Physiologie eine Theorie der organischen Entwicklung enthalten. Ich nenne sie die Theorie der Biogenesis, da sie sich in vielen Punkten, besonders aber in der Art der Beweisführung und Darstellung, von ähnlichen Theorieen meiner Vorgänger, von der Theorie der Epigenesis, der Pangenesis, der Keimplasmatheorie etc. bald mehr, bald minder wesentlich unterscheidet. Wie ich schon bei verschiedenen Gelegenheiten bemerkt habe, hängt mit der weiteren wissenschaftlichen Ausbildung der allgemeinen Anatomie und Physiologie der Zelle auch die weitere Ausbildung der allgemeinen Entwicklungstheorie auf das engste zusammen.

Der zweite Hauptabschnitt endlich hat die specielle Gewebelehre oder das System der Gewebe zu seinem Gegenstand. Er hat von den zahlreichen Kategorieen von Geweben zu handeln, die sich nach dem Gesetz der Arbeitstheilung und Differenzirung im Körper der vielzelligen Organismen in Anpassung an die verschiedensten Lebenszwecke gebildet haben. Jedes Gewebe wird hierbei von drei Gesichtspunkten aus besprochen werden, nämlich im Hinblick auf seine besondere Structur, auf seine Entstehung aus der indifferenten Zelle und auf seine Function. Bei jedem Gewebe ist somit auf seine Anatomie, auf seine Entwicklungsgeschichte und auf seine Physiologie einzugehen.