SECHSZEHNTES CAPITEL.
Die Theorie der Biogenesis und das Vererbungsproblem.

Motto: „Jede organische Form ist das Resultat einer Geschichte, welche so alt ist wie die organische Welt überhaupt.“

J. SACHS.

Am Schluss des vorausgegangenen Capitels haben wir einen schwierigen Punkt berührt, welcher noch einer eingehenderen Erklärung bedarf. In der Entwicklung eines Organismus werden meistens die Organe angelegt in ihrer späteren Form lange Zeit, ehe sie in Function treten; Speicheldrüsen, ehe Speichel abgesondert wird, mechanische Structurtheile, wie Knochen, noch bevor sie Zug und Druck auszuhalten haben, Augen und Ohren, noch bevor die Bedingungen zu sehen und zu hören für sie vorhanden sind, wie bei dem in der Gebärmutter eingeschlossenen menschlichen Embryo; verschiedene Arten von Gelenken, Kugel-, Charnier-, Drehgelenke etc., noch ehe die Gliedmaassen in der ihnen später eigenthümlichen Weise bewegt werden.

Ja es gibt sogar viele embryonale Organe, welche überhaupt niemals die Function, welche sie phylogenetisch einmal erfüllt haben, auszuüben in die Lage kommen, wie die im Zusammenhang mit der Kiemenathmung entstandenen Kiemenspalten, an welchen bei den Amnioten noch nicht einmal mehr Kiemenplättchen angelegt werden, oder Zahnanlagen, die an den Kieferrändern entstehen, aber nicht zum Durchbruch kommen, wie bei manchen Embryonen der Bartenwale, der Schildkröten etc.

Auf diese und ähnliche Thatsachen der Entwicklungsgeschichte pflegt sich WEISMANN gern zu stützen, indem er in ihnen Beweise gegen eine allge­meinere Gültig­keit des LAMARCK’schen Princips erblickt, dass Organe durch Anpassung an äussere Verhältnisse oder durch Gebrauch und Nichtgebrauch ihre specifische Structur erhalten.

Als besonders beweiskräftig werden von ihm die Skeletttheile der Gliederthiere angeführt, ihre Gelenkflächen mit den complicirten Anpassungen an die verschiedenartigsten Bewegungsformen. „In allen diesen Fällen,“ bemerkt WEISMANN, „tritt erst das fertige, harte und unveränderbare Chitinstück in Thätigkeit, seine Anpassung an die Function muss also vorher erfolgt sein, unabhängig von dieser Function. Diese Gelenke und sonstigen Theile haben sich demnach in genauester Weise für die Function gebildet, ohne dass doch diese einen directen Antheil an ihrer Bildung gehabt haben kann.“

WEISMANN hält es für unmöglich, die Gestaltveränderungen im Bau der Gelenke als directe mechanische und hinterher vererbte Folge der veränderten Bewegungsweise aufzufassen und sucht das LAMARCK’sche Princip durch seine Hypothese der Germinal­selection zu ersetzen. Für ihn ist „nicht die somatische Abänderung durch die Function das Primäre, sondern die Keimesänderung, der die somatische nur scheinbar vorhergeht“.

Die Erklärung dieser und ähnlicher Verhältnisse, hinsichtlich deren wir mit WEISMANN darin übereinstimmen, dass sie nicht un­mitte­lbar auf Anpassung an äussere Ver­hält­nisse oder auf den Gebrauch und Nicht­gebrauch der Theile zurück­zu­führen sind, ist unserer Meinung nach in dem Problem der Vererbung zu suchen. Auf dasselbe muss daher noch näher eingegangen werden, um in unserer Theorie der Biogenesis keine erhebliche Lücke zu lassen.

Wir erhalten dadurch zugleich auch Ge­legen­heit, uns noch über eine bisher ver­nach­lässig­te, aber gleich­wohl wichtigste Kategorie von Ursachen des Entwicklungsprocesses zu äussern, über die inneren Factoren im engern Sinne, welche im siebenten Capitel unterschieden wurden; das heisst: über die im Or­ganis­mus der Zelle selbst ent­halte­nen Eigen­schaf­ten, besonders über die Art­eigen­schaf­ten, die als Anlage­complex jedem Ent­wick­lungs­process erst sein speci­fisches und indi­viduel­les Gepräge verleihen.

Um in das Problem der Vererbung einen klaren Einblick zu gewinnen, muss man im Begriff Vererbung zwei verschiedene Vorstellungsreihen von einander sondern, wie in den letzten Jahren häufig, besonders aber von WEISMANN aus einander gesetzt worden ist. Man muss unterscheiden zwischen einer Vererbung ererbter und einer Vererbung neuerworbener Eigenschaften.