ZWANZIGSTES CAPITEL.
Historische Bemerkungen über die Stellung der Biogenesistheorie zu anderen Entwicklungstheorieen.

Die Biogenesistheorie geht vom Boden des allgemeinen Causalgesetzes aus. Sie nimmt daher auch, abgesehen von den zahlreichen Thatsachen, welche sich zu einem empirischen Beweismaterial zusammenstellen lassen, den Grundsatz an, dass, ebenso wie die unorganischen Körper durch äussere Factoren fortwährend verändert werden, auch die Organismen sich dem umgestaltenden Einfluss der Aussenwelt nicht entziehen können.

Die erste Grundlage der Biogenesistheorie ist daher der Lamarckismus, oder, wie sich NÄGELI ausdrückt, die „Theorie der be­stimm­ten und directen Be­wir­kung“.

Nach dem Causalgesetz müssen ferner auch die Theile innerhalb eines Organismus sich gegenseitig bestimmen und einen umändernden Einfluss auf einander ausüben, was sich ausser philosophischen Gründen ebenfalls wieder durch ein reichliches Beobachtungsmaterial erhärten lässt. Es ist daher consequent, anzunehmen, dass Veränderungen, welche der Organismus als Ganzes unter dem Einfluss der Aussenwelt erfährt, auch indirect Veränderungen in den das Ganze aufbauenden Theilen, zu denen selbstverständlicher Weise die Keimzellen gehören, nach dem Causalgesetz hervorrufen.

Eine zweite Grundlage der Biogenesistheorie ist mithin die Lehre von der Vererbung oder der Ueber­trag­bar­keit er­worbe­ner Eigen­schaf­ten durch die Keimzellen auf die Nachkommen.

Die Entwicklung der Organismenwelt besteht daher aus continuirlichen, bestimmt gerichteten Processen, welche sich aus den Einwirkungen der Aussenwelt (äusseren Ursachen) auf complicirt beschaffene organische Substrate (innere Ursachen, Anlagen) ergeben. Folglich nimmt die Biogenesistheorie die Lehre von der Continuität des Entwicklungsprocesses und das Princip der Progression, das heisst: einer in bestimmter Richtung stetig fortschreitenden Entwicklung, an. Hierbei kann die fortschreitende Entwicklung sich sowohl in Vervollkommnung, was im Allgemeinen die Regel ist, als auch in einer Rückbildung von Organen und Organismen, was mehr die Ausnahme darstellt, in dem einzelnen Falle äussern.

Auf diesen drei Grundlagen, in Verbindung mit den Vorstellungen, zu welchen uns die allgemeine Anatomie und Physiologie der Zelle in neuerer Zeit geführt hat, ist die Theorie der Biogenesis entstanden, theils an die Lehren anderer Forscher anknüpfend, theils vielfach auch mit solchen in Widerspruch tretend und eigene Bahnen einschlagend.

Ein kurzer historischer Excurs mag auch hierüber noch zu weiterer Orientirung dienen; doch muss ihm gleich vorausgeschickt werden, dass eine nur einigermaassen erschöpfende und gleichmässige Darstellung weder beabsichtigt ist, noch im Rahmen des vorliegenden Buches uns ausführbar erscheint. Denn das Thema ist ein ausserordentlich umfangreiches und zugleich ein sehr verwickeltes, da die von verschiedenen Forschern aufgestellten sehr zahlreichen Entwicklungstheorieen sich aus sehr heterogenen Bestandtheilen zusammensetzen. Eine Grundlage, die hier angenommen, wird dort verworfen. Vor allen Dingen aber verbinden die einzelnen Forscher ihre allgemein theoretischen Anschauungen über das Wesen der Entwicklung wieder in sehr verschiedener Weise mit Vorstellungen vom feineren Bau der Organismen und besonders der Zelle.

Es ist daher sehr schwierig, einige leitende Gesichtspunkte bei der Vergleichung der verschiedenen Entwicklungstheorieen unter einander aufzustellen. Ich wähle als solche Leitgedanken 1. die Theorie der directen Bewirkung, 2. die Lehre von der Uebertragung erworbener Eigenschaften, 3. die Lehre von der Continuität im Entwicklungsprocess.