Es ist das grosse Verdienst von LAMARCK, 1809 in seiner Philosophie zoologique in voller Klarheit den Grundsatz aufgestellt und mit Beweisen gestützt zu haben, dass „alle Organismen unseres Erdkörpers wahre Naturerzeugnisse sind, welche die Natur ununterbrochen seit langer Zeit hervorgebracht hat“ (Seite 30). Die Natur hat mit den unvollkommensten oder einfachsten begonnen und mit den vollkommensten aufgehört. Sie hat unter den veränderlichen Einflüssen der äusseren Verhältnisse „ihre Organisation stufenweise verwickelt“ (S. 138).
Für die Thiere besonders nimmt LAMARCK an, dass bei einer wenn auch wenig beträchtlichen, aber anhaltenden Veränderung in den Verhältnissen, in welchen sie sich befinden, ihre Gewohnheiten und Bedürfnisse verändert werden, und dass dadurch auch ihre Organisation allmählich eine andere wird. Das von LAMARCK aufgestellte Gesetz lautet in seinen eigenen Worten:
„Bei jedem Thiere, welches das Ziel seiner Entwicklung noch nicht überschritten hat, stärkt der häufigere und bleibende Gebrauch eines Organs dasselbe allmählich, entwickelt und vergrössert es und verleiht ihm eine Kraft, die zu der Dauer dieses Gebrauchs im Verhältniss steht; während der constante Nichtgebrauch eines Organs dasselbe allmählich schwächer macht, verschlechtert, seine Fähigkeiten fortschreitend vermindert und es endlich verschwinden lässt.“
Aehnliche Anschauungen, wie sie LAMARCK in seiner Philosophie zoologique zusammengefasst hat, wurden am Ende des 18. und am Anfang unseres Jahrhunderts, wenn auch in weniger systematischer und zusammenhängender Weise, von G. ST. HILAIRE in Frankreich, von ERASMUS DARWIN, dem Grossvater seines berühmten Enkels, in England, von TREVIRANUS und GOETHE in Deutschland geäussert. Es ist ein merkwürdiges Beispiel, bemerkt hierzu DARWIN, wie zuweilen ähnliche Ansichten ziemlich zu gleicher Zeit mehrfach und unabhängig von einander auftauchen.
Als dann CHARLES DARWIN 1859 durch sein epochemachendes Buch: „Ueber die Entstehung der Arten“ die Descendenztheorie zu allgemeiner Geltung in wissenschaftlichen Kreisen brachte, legte er ausser seinem Princip vom Kampf ums Dasein und von der natürlichen Zuchtwahl auch ein grosses Gewicht auf den LAMARCK’schen Factor. Er äussert sich über ihn besonders in dem fünften Capitel, in welchem er über die Wirkungen veränderter Bedingungen, über Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe, über correlative Abänderung handelt. In Bezug auf letztere hebt er hervor, dass die ganze Organisation der Pflanzen und Thiere „während ihrer Entwicklung und ihres Wachsthums so unter sich verkettet sei, dass, wenn in irgend einem Theil geringe Abänderungen erfolgen und von der natürlichen Zuchtwahl gehäuft werden, auch andere Theile geändert werden“.
Noch mehr aber als in seinem Buch über die Entstehung der Arten hat DARWIN den LAMARCK’schen Factor in seinem grossen, später erschienenen Sammelwerk gewürdigt: „Das Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication“.
Gleichzeitig mit CHARLES DARWIN hat sich in England HERBERT SPENCER mit der Entwicklungstheorie der Organismen von umfassenden philosophischen Gesichtspunkten aus beschäftigt und in systematischer Weise die Gesetze der organischen Formbildung und die Bedeutung äusserer und innerer Factoren klar zu stellen gesucht. Er legt dabei das grösste Gewicht auf das Princip der bestimmten und directen Bewirkung, zu deren Gunsten er zahlreiche Belege anführt, und erörtert am eingehendsten das von MILNE EDWARDS aufgestellte Gesetz der physiologischen Arbeitstheilung und der physiologischen Integration.
SPENCER’s Ansichten sind theils in den zwei Bänden der Principien der Biologie, theils in dem kurzen, auch in deutscher Uebersetzung im Kosmos erschienenen Aufsatz „Die Factoren der organischen Entwicklung“, theils in mehreren kleineren Streitschriften niedergelegt, in welchen er die neueren Theorieen von WEISMANN bekämpft hat. Am entschiedensten ist sein Standpunkt pointirt in dem gegen WEISMANN gerichteten Essay: „Die Unzulänglichkeit der natürlichen Zuchtwahl“.
In Deutschland hat HAECKEL, welcher am erfolgreichsten für die Verbreitung der Descendenzlehre und des Darwinismus gewirkt hat, von vornherein auch die grosse Tragweite des LAMARCK’schen Factors stets anerkannt. Als „oberstes Grundgesetz der Anpassung“ stellt er in seiner generellen Morphologie (Bd. II S. 195) ausdrücklich den Satz auf: „Jede Anpassungserscheinung (Abänderung) der Organismen ist durch die materielle Wechselwirkung zwischen der Materie des Organismus und der Materie, welche denselben als Aussenwelt umgibt, bedingt, und der Grad der Abänderung (d. h. der Grad der morphologischen und physiologischen Ungleichheit zwischen dem abgeänderten Organismus und seinen Eltern) steht in geradem Verhältniss zu der Zeitdauer und zu der Intensität der materiellen Wechselwirkung zwischen dem Organismus und den veränderten Existenzbedingungen der Aussenwelt.“
HAECKEL unterscheidet zugleich eine „indirecte und eine directe Anpassung“, ferner Anpassungen 1. durch die Wirkungen äusserer Existenzbedingungen (Nahrung, Klima, Umgebung) und 2. durch die Wirkungen innerer Existenzbedingungen (Gewohnheit, Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe). Er macht endlich auch auf die Tragweite des Gesetzes der correlativen Anpassung aufmerksam, welches er in die Worte fasst: „Alle Abänderungen, welche in einzelnen Theilen des Organismus durch cumulative oder sonstige Anpassung entstehen, wirken auf den ganzen Organismus und oft besonders noch auf einzelne bestimmte Theile desselben zurück und bewirken hier Abänderungen, welche nicht unmittelbar durch jene Anpassung bedingt sind.“
Am consequentesten unter allen Forschern in Deutschland — in England steht ihm HERBERT SPENCER am nächsten — hat wohl NÄGELI in seinen Schriften, zumal in seiner mechanisch-physiologischen Theorie der Abstammungslehre, den Standpunkt vertreten, welcher auch der meinige ist, und welchen ich in diesem Buch im Zusammenhang zu entwickeln versucht habe, dass „die Eigenschaften der Organismen die nothwendigen Folgen von bestimmten Ursachen seien“. Im Gegensatz zum DARWIN’schen Princip, das von beliebigen, richtungslosen Veränderungen ausgeht und sie allein durch Selection zur Erzeugung zweckmässiger und der Umgebung angepasster Naturproducte gerichtet und geordnet werden lässt, bezeichnet NÄGELI seine Auffassung von der Entwicklung der Organismen als „die Theorie der bestimmten und directen Bewirkung“ (l. c. S. 284).
Aehnliche Ideen vertritt EIMER in seinem Buch: Die Entstehung der Arten auf Grund von Vererben erworbener Eigenschaften nach den Gesetzen organischen Wachsens.
Ausser den angeführten, mehr theoretischen Schriften, welchen sich noch manche andere anreihen, ist der Lamarckismus in unserm Jahrhundert durch Sammlung von Thatsachen und Beweisen gefördert und weiter ausgestaltet worden. Theils durch directe Beobachtungen, theils durch physiologische Experimente ist auf botanischem und thierischem Gebiete gezeigt worden, wie die Ausbildung und die besondere Gestaltung von Organen und Geweben durch äussere Factoren, wie Schwerkraft, Druck und Zug, Wärme, Licht, chemische Stoffe etc., in bestimmter Weise beeinflusst wird.
Auf botanischem Gebiete erinnere ich an SCHWENDENER, dessen Untersuchungen über das mechanische Princip im anatomischen Bau der Monocotylen hier als mustergültige zu nennen sind, an SACHS und seine Schule, an die Arbeiten von PFEFFER, GOEBEL, STAHL, VÖCHTING, KLEBS, KELLER und vielen Andern. Die verschiedenen Umgestaltungen, die sich an den Organismen durch die angeführten Factoren bewirken lassen, hat JULIUS SACHS als Barymorphosen, Mechanomorphosen, Photomorphosen, Chemomorphosen zu classificiren gesucht.
Aehnlichen Bestrebungen begegnen wir auf thierischem Gebiete bei Zoologen, Physiologen und Anatomen, bei Klinikern und pathologischen Anatomen. Im Vordergrunde stehen hier die Untersuchungen über den Einfluss mechanischer Factoren auf die Entwicklung des Knochengerüstes. Man denke an die Arbeit von SEDILLOT 1864, sowie an die Entdeckung der nach mechanischen Principien durchgeführten Architektur der Knochenspongiosa durch HERMANN V. MEYER und an die sich anschliessende Literatur, von welcher JULIUS WOLFF die beste Zusammenfassung in seinem Gesetz der Transformation der Knochen gegeben hat.
Eine andere Reihe von Untersuchungen betrifft die Einwirkung von Licht, Temperatur und chemischen Agentien. Es sei nur kurz auf die Namen von DORFMEISTER, FISCHER, EIMER und WEISMANN, MERRIFIELD, auf MAUPAS, NUSSBAUM und BORN, auf BATESON, COSTA, GIES, HERBST, HERTWIG, KASSOWITZ, WAGNER, auf LOEB, SCHMANKEWITSCH, POUCHET und CHABRY und Andere verwiesen.
Besonders zahlreiche Ergebnisse aber hat die experimentelle Forschung auf thierischem Gebiete durch das Studium der Correlationen, welche zwischen den einzelnen Organen stattfinden, zu Tage gefördert.
Pathologisch-anatomische und klinische Archive bilden hier eine reiche Fundstätte der verschiedenartigsten Thatsachen.
In einer Reihe von Arbeiten hat ROUX das Studium der functionellen Anpassungen in Angriff genommen. Das compensatorische Wachsthum der Drüsen wird von PONFICK, RIBBERT, HOFMEISTER, PETRONE, GOLGI, PODWYSSOZKI, ZIEGLER, ROGOWITSCH u. A., die Blutbildung von NEUMANN, BIZZOZERO, FOA, KORN, DENYS u. A., die Wachsthumscorrelationen von bindegewebigen Organen, im Bereich des Muskelgewebes und der Blutgefässe werden von NOTHNAGEL, BARDELEBEN, ROUX, STRASSER, THÜRLER, THOMA u. A. untersucht.
Einen jüngsten Spross endlich auf diesem Gebiete bildet die Untersuchung der Wachsthumscorrelationen, welche zwischen den Zellen auf den frühesten Stadien des Entwicklungsprocesses stattfinden. Durch Untersuchungen zahlreicher jüngerer Forscher, welche durch eine lebhaft geführte Polemik angeregt wurden, sind hier in wenigen Jahren einige grundlegende Thatsachen festgestellt worden (CHABRY, CHUN, CRAMPTON, DRIESCH, FISCHEL, HERLITZKA, HERTWIG, JACQUES LOEB, MORGAN, RAUBER, ROUX, OSCAR SCHULTZE, WETZEL, WILSON, ZOJA).
So ist im Laufe der letzten 50 Jahre in der Literatur ein reiches Thatsachenmaterial über den Einfluss äusserer und innerer Factoren auf die Gestaltbildung bei Pflanzen und bei Thieren angehäuft worden. Von ihm habe ich in diesem Buche eine Zusammenstellung zu geben versucht, welche freilich noch eine sehr unvollständige ist und sich bei einer systematisch vorgenommenen Durchsicht der Literatur noch um viele Beispiele leicht würde vermehren lassen.
Während das LAMARCK’sche Princip der bestimmten und directen Bewirkung von DARWIN, HAECKEL u. A. angenommen, besonders aber von HERBERT SPENCER und NÄGELI in seiner ganzen Tragweite für die Erklärung der organischen Entwicklung erkannt worden ist, während ferner das Thatsachenmaterial, das sich zu seinen Gunsten verwerthen lässt, von Tag zu Tag wächst, hat es auch nicht an Stimmen gefehlt, welche sich gegen seine Bedeutung ausgesprochen haben.
Als entschiedenster und bedeutendster Gegner des Lamarckismus ist im Laufe der letzten zehn Jahre WEISMANN bei verschiedenen Gelegenheiten und in zahlreichen Schriften aufgetreten; er ist dabei in eine heftige und interessante literarische Fehde über die Ursachen der organischen Entwicklung mit HERBERT SPENCER gerathen. In seinen Streitschriften: 1. Die Allmacht der Naturzüchtung, 2. Neue Gedanken zur Vererbungsfrage, 3. Ueber Germinalselection, geht WEISMANN so weit, dem LAMARCK’schen Princip jede Bedeutung für die Veränderung der Organismenwelt abzusprechen. Als einziges natürliches Erklärungsprincip erkennt er nur den DARWIN’schen Factor, die Selection oder die Auslese des Existenzfähigen, mit einem Wort „die Allmacht der Naturzüchtung“ an. „Naturzüchtung bewirkt nach WEISMANN allein alle Artanpassungen.“
Wodurch WEISMANN in seine principielle Gegnerschaft gegen den Lamarckismus geführt worden ist, wird erst verständlich, wenn wir uns dem zweiten leitenden Gesichtspunkt zuwenden, welchen wir für die Vergleichung der verschiedenen Entwicklungstheorieen aufgestellt haben, was jetzt geschehen soll.