Die syrischen Manuskripte enthalten Vieles und Ausführliches aus den verschiedenen, zum Teil im Original verloren gegangenen Werken des ZOSIMOS, zumeist jedoch allerdings stark durchsetzt mit späteren Einschiebseln und Zutaten⁠[999].

Alle „Künste“, so berichtet ZOSIMOS, waren ursprünglich tiefstes, durch furchtbare Eide gehütetes Geheimnis der ägyptischen Priester, und wie diese sie aus Neid, Habsucht und Aberglauben vor jedermann zu verbergen streben, das habe er am eigenen Leibe erfahren müssen⁠[1000]. Aus den besagten Gründen wurden daher ehemals die wichtigsten Geheimnisse überhaupt nicht aufgeschrieben, sondern den Vertrauenswürdigen seitens der Priester nur mündlich mitgeteilt⁠[1001]; zu ihnen zählte das schon vom Philosophen DEMOKRITOS gepriesene „Färben“ der unedlen Metalle mittels Schwefel, Quecksilber, Arsen, Kohol [Schwefelantimon] und Magnesia⁠[1002], — das ganz so erfolgt wie das Färben von Geweben mittels des „Indigos aus Flechten“⁠[1003] —, ferner das „Färben“ mittels passend zubereiteter Firnisse⁠[1004], sodann die Herstellung des „weißen und gelben Kupfers“ [d. i. des Silbers und Goldes oder der Bronce und des Messings]⁠[1005], und endlich die Bereitung der Pigmente für die Kultbilder: die Maler verwenden diese in den künstlichsten Mischungen, — sogar Silber und Gold setzen sie hinzu, um den Fleischton der Weiber zu treffen —, so daß ihre Bildnisse wie lebendig aussehen, und tatsächlich hielt das Volk die Bilder und Statuen der Götter für lebend und wagte kaum sie anzublicken, und nur wenige hatten den Mut zu denken oder gar insgeheim zu sagen, sie seien von Menschenhand gebildet und zurechtgemacht⁠[1006]. In späterer Zeit schrieben die Priester zwar ihre Lehren nieder, fuhren aber fort sie im Verborgenen zu halten, schon weil sie behaupteten, daß dies sehr zweckmäßig sei, um die neidischen Dämonen zu täuschen⁠[1007]. Seither besitzen sie ausführliche Bücher der Kimija oder Kumia, verfaßt nach den Vorschriften des HEPHAISTION (d. i. HEPHAISTOS = PTAH)⁠[1008], AGATHODAIMON[1009] usf., durch HERMES und andere ägyptische Autoren; deren Abschriften lassen sie in den Tempeln vorlesen, befehlen sie genau zu befolgen, tadeln jene, die eigene Rezepte erfunden haben wollen und fordern strengste Wahrung des Geheimnisses⁠[1010]. Indem sich ZOSIMOS an seine Schwester (?) THEOSEBEIA wendet, — der er seine Schriften zueignete, und die er in ihnen sehr oft unmittelbar anredet, zuweilen auch als „Königin“⁠[1011] —, fährt er fort: Du aber, der es bekannt ist, daß nach PETESIS das große Werk durch Nachdenken vollendet wird, hältst Deine Schüler abseits, Du unterweisest sie öffentlich, ungebunden durch gegenseitige Eide; jedoch das „Buch“, so sagst Du, [das angeblich von HERMES verfaßte „Buch der Kimija“] kann nur geheim erworben werden; aber im Gegenteil, es sollte ein jeder, ohne alle Geheimnisse, auch ein Buch der Kimija (Kumia) besitzen⁠[1012], denn „nur aus den rechten Büchern, nämlich aus jenen alten und aus den von mir verfaßten, schöpft und gewinnt man die Wahrheit“⁠[1013]. Diese richtig aufzufassen und durch sie zum Gelingen des Werkes geführt zu werden, ist freilich eine besondere Gnade, die von oben kommt und nur dem Würdigen zuteil wird⁠[1014]; würdig aber erweist sich, wer ein edles Herz und lautere Sitten hat, ferner Geduld und Aufmerksamkeit, geistigen Fleiß des Studierens und Nachdenkens, körperlichen Fleiß des Arbeitens und Versuchens, sowie reine Liebe zur Sache. Wer diese Vorbedingungen erfüllt, für den ist, — so lehrte schon PETESIS, und ihm nachfolgend PLATON, — das große Werk nichts weiter als „die Arbeit eines Kindes“⁠[1015]. Viele Unberufene, die die Ausführung der heiligen Kunst sahen, mußten mit Verwunderung deren Geringfügigkeit zugestehen; sie verbrauchten dann alles Quecksilber Phrygiens und Spaniens, starben aber ohne das Rechte gefunden oder auch nur begriffen zu haben, verblendet durch das Antlitz der beiden Menschensöhne [vermutlich des Silbers und Goldes]⁠[1016].

Die „Imuth“ genannte und „der Priesterin und Königin THEOSEBEIA“ gewidmete Hauptschrift des Zosimos enthielt nach den syrischen Manuskripten „die genaue Schilderung des großen Werkes gemäß allen Büchern über Chemie“⁠[1017], geschöpft aus den Abhandlungen aller Vorgänger, u. a. aus denen des PLATON und ARISTOTELES; PLATON gab schon ein Rezept zur Darstellung des Silbers an, und zwar befahl er, ein Gemisch von Pyrit, Oker, Sory und Vitriol (χαλκητάριν) drei Tage im selbstziehenden Ofen zu schmelzen und sodann das Elixir zuzusetzen⁠[1018]; Großes hat auch ARISTOTELES vollbracht, dieser glänzendste irdische Geist, aber weil ihm der rechte Glauben fehlte, blieb es ihm versagt, seitens der richtigen Engel Belehrung zu erhalten und deshalb gelang es ihm auch nicht, sich der himmlischen Sphären würdig zu machen und sich in sie zu erheben⁠[1019].

Gold ist nach ZOSIMOS das Edelste der Metalle, das alle anderen an Schwere, Glanz und Unzerstörbarkeit übertrifft, aber auch an der Fähigkeit weitgehendster Verteilung zu zartestem Staub, χρυσοάνθινον (Goldblütchen)⁠[1020], und zu dünnsten Blättchen, die man u. a. mit arabischem Gummi oder Fischleim auf Elfenbein und auf das Pergament der Bücher aufklebt⁠[1021]; zum Vergolden der Götterbilder und Königsstatuen in den Tempeln benützt man eine Lösung von Gold in Quecksilber, „Sonnenwasser“, „verdichtete Sonnenstrahlen“, „gelöster Schwefel“ genannt, doch ist dies ein großes Geheimnis und der Erfolg gilt für übernatürlich⁠[1022]. Nicht selten ersetzt man übrigens Gold durch den billigeren Oker, durch Zinnober, Minium u. dgl.⁠[1023].

Silber verarbeitet man zu vielen Geräten, besonders auch zu Spiegeln; im Rohgusse sehen sie noch rauh und häßlich aus, nach dem Polieren aber, zu dem Öl und Bimsstein, Wolle, Leinen und zuletzt mit Lorbeerholz-Kohle gefüllte Leinensäckchen dienen, werden sie gar herrlich und glänzen gleich Perlen⁠[1024]. Zur Diplosis des Silbers benützt man Blei, Quecksilber, Kupfer und das „Orichalkon“ genannte Kupfer⁠[1025]; die ägyptischen Priester bewirkten sie durch Weißen des Kupfers mittels Arsen oder durch Behandeln und Überziehen des Metalls mit passenden Firnissen⁠[1026]. Das „ägyptische Silber“, auch Asem genannt, stellt man nach verschiedenen Rezepten dar, indem man Kupfer mit Arsen, Pyrit, Bleiweiß und ähnlichen Materialien zusammenschmilzt, womöglich unter Zufügung von ein wenig echtem Silber⁠[1027].

Das Elektron, das eine Legierung von Silber und Gold ist, erfand ALEXANDER DER GROSSE , und ließ daraus Amulette anfertigen, die man als Schutz gegen den Blitz bei sich trägt oder auch in das Erdreich eingräbt, ferner auch einen zauberischen, beim Beschauer Selbsterkenntnis erweckenden und ihn vor allen Übeln schützenden Spiegel, den nachher die Priester des „Tempels der sieben Pforten“ aufbewahrten. Aber nach dem echten „Buch der sieben Himmel“, das spätere Kommentatoren abänderten und entstellten, bereitete schon der König SALOMON[1028], den die Ägypter fälschlich auch als Verfasser des genannten Buches ausgeben, das wahre Elektron, fertigte daraus sieben, den sieben Planeten entsprechende Flaschen an, sperrte die Dämonen in sie und beschrieb sie hierauf von außen mit Zauberformeln; diese Talismane wirken gegen Dämonen ebenso kräftig wie Gebete oder wie die neun Buchstaben König SALOMONS [die den wahren Namen Gottes wiedergeben]. Auch zum heiligen Werke gehören neun Bestandteile, über die alles Nähere in den jüdischen Schriften zu lesen steht; desgleichen ist die Kenntnis von den Einflüssen der Gestirne auf die Anfertigung des philosophischen Steines in den „heiligen und göttlichen Vorschriften“ enthalten⁠[1029].

Kupfer findet sich in Cypern⁠[1030], in Ägypten⁠[1031], in Nicäa⁠[1032] und in Spanien⁠[1033]. Aus ihm bereiten „geschickte Leute“ das „gelbe oder persische, völlig dem natürlichen Gold gleichende“, sowie das „helle und lichte“ Kupfer [d. i. Messing und Bronce], und der erste Erfinder dieser „Farben“ soll der Erzgießer PABAPNIDOS gewesen sein, der Sohn des SITOS, der Fälscher und Betrüger. „Wie herrlich, großartig und bewunderungswürdig sind doch die Entdeckungen solcher Künste⁠[1034]!“

Zinn wird im fernen Westen gewonnen, woselbst eine Quelle aus der Erde aufsteigt und zuweilen über ihren Rand hinausstürzen will; wenn dies geschieht, stellen die Einwohner „ihm“ (ihrem Dämon, einem furchtbar giftigen Drachen?) ein schönes nacktes Mädchen hin, die, sobald er auf sie zueilt, um sich ihrer zu bemächtigen, hinweglaufen muß; sowie er ihr gefolgt ist, stürzen eine Anzahl mit Hacken bewaffneter junger Leute aus ihren Verstecken und töten ihn; im Sterben nimmt er die Form eines Gußstückes an, indem er sich fixiert und hart wird, und darauf zerschlagen die Leute seinen Leichnam und benützen die Stücke, die eben das Zinn sind⁠[1035].

Eisen ist schwer zu bearbeiten, und manche Kunstgriffe gelingen überhaupt nicht „ohne göttliche Hilfe“ [d. h. vermutlich: ohne Hersagen von Zaubersprüchen]⁠[1036].

Blei ist seiner Natur nach weich, läßt sich aber durch Zusatz von Kupfer, Sandarach und „Krapp“ (Deckname!) derart härten, daß es dem Metalle der Denare gleicht⁠[1037]. Anderen Behandlungen [deren Zweck nicht angegeben ist] unterwirft man es durch Schmelzen mit Minium aus Amida, cyprischem und ägyptischem Oker, cyprischem Vitriol, ägyptischem Alaun und phrygischem Stein [Pyrit?] im „Ofen der Glasmacher“ gemäß der Vorschrift des HEPHAISTION (= HEPHAISTOS, PTAH)⁠[1038]; auch hat man Mittel [Firnisse?], um Gefäße aus Blei oder Zinn so aussehen zu machen, als beständen sie aus Erz (Bronce)⁠[1039].

Quecksilber findet sich als Hydrargyros, „silbernes Wasser“, in Phrygien und Spanien und ist flüssig, von großer Kälte und bei innerlicher oder äußerlicher Einwirkung ein furchtbares Gift⁠[1040]; aus Zinnober wird es frei gemacht, indem man es nebst Blei oder Zinn in einem Mörser verreibt, am besten in einem aus Eisen oder Basalt [βάστνις; auf ägyptischen Ursprung deutend]⁠[1041]; das aus Zinnober oder Sandarach Sublimierende (ἀναβιβάζων = nach oben Steigende) ist gleichfalls Quecksilber [bzw. Arsen]⁠[1042]. Wie alles Reine in allen Künsten gefälscht wird, z. B. Weine, Öle und Drogen durch habgierige Kaufleute, ja die Philosophie durch unerfahrene Schwätzer, so geschieht es auch mit dem Quecksilber, denn die Fälscher sind überall zahllos und verstehen das Gefälschte dem Echten genau gleich zu machen; das Quecksilber fälschen sie, unter Benützung chemischer Schriften, durch Diplosis [Auflösung von Blei, Zinn, ...?] u. dgl., und während sie als Einkäufer die ihnen bekannten vielen Proben der Reinheit anwenden, schwören sie als Verkäufer auf ihren Kopf, sie hätten von derlei Proben noch nie etwas gehört⁠[1043]. — ZOSIMOS beschrieb Gewinnung und Benützung des Quecksilbers besonders genau, und zwar in einem Werk, das er „Buch der Schlüssel“ nannte; denn so wie im „Mysterium der neun Buchstaben König SALOMONS“ der Schlüssel alles Sichtbaren und der ganzen Welt steckt, so enthalten auch die verschiedenen Arten des Quecksilbers [das wahre und das metallische Arsen] den Schlüssel der großen Kunst, da alles Flüchtige zu den Schwefeln gehört, die Schwefel aber, wie schon MARIA richtig lehrte, das eigentlich Färbende sind⁠[1044].


Ein in den syrischen Manuskripten enthaltener und aus diesen von BERTHELOT ausgewählter „Pharmazeutischer Traktat“, den ZOSIMOS gleichfalls der Priesterin und Königin THEOSEBEIA gewidmet haben soll⁠[1045], betrifft hauptsächlich die medizinische Anwendung der „nützlichen Stoffe“ und erweist sich für jeden Kenner des DIOSKURIDES und GALENOS als bloße Kompilation aus deren Schriften, — was BERTHELOT später auch selbst zugestand⁠[1046]. Dem GALENOS folgend beschreibt der Verfasser die wiederholten Reisen nach Cypern, Syrien, den griechischen Inseln, Thrazien, Mazedonien und Italien, auf denen er vielerlei Berg- und Hüttenwerke besuchte; der Leiter (ἐπίτροπος) der cyprischen Unternehmungen erklärte ihm die Bildung des „Diphryges“ genannten Rückstandes in den Kupfer- und Kadmia-Öfen, sowie die Entstehung des Spodós (σποδός, σπόδιον) und des Pómpholyx [d. i. des unreinen schwarzen und des reinen weißen Zinkoxydes]⁠[1047], auch zeigte er ihm in den Gruben die übereinander liegenden Schichten der Substanzen Sory, Chalketárin, und Misy oder schwarzen Vitriol, die alle sehr nahe verwandt sind und allmählich ineinander übergehen, was sowohl in den Gruben geschah, als auch beim Aufbewahren der mitgenommenen Vorräte⁠[1048]. Von sonstigen Heilstoffen gedenkt er noch der kimolischen und samischen Erde⁠[1049], der lemnischen Siegelerde [= terra sigillata], die eine Priesterin unter Geboten aus dem roten Ton formte und stempelte, — jedoch ohne Beigabe des ehemals gebräuchlichen Ziegen- oder Bocksblutes⁠[1050] —, des Asphaltes und Bitumens aus Palästina⁠[1051], sowie des „gelben Sandes“ [Auripigments] vom Berge Bagavana nächst der Stadt Agrata in Armenien, armenisch Zarnika oder Zarnia geheißen⁠[1052].