(5. Jahrhundert.)
OLYMPIODOROS[1093], der als Gesandter des Kaisers HONORIUS 412 den Hof des ATTILA besuchte und um 425 eine Geschichte seiner Zeit niederschrieb, gilt auch als Verfasser der Abhandlung „Der alexandrinische Philosoph OLYMPIODOROS über ZOSIMOS, HERMES und die Philosophen“[1094]. Nach dem Sammelwerke des byzantinischen Patriarchen PHOTIOS (gegen 875) war er hervorragend als ποιητής (Poietés = Macher, operator), wobei übrigens daran zu erinnern ist, daß ποίησις (Poíesis) nicht nur das große Werk (μέγα ἔργον) bezeichnet, sondern in Papyrus-Urkunden auch die Magie überhaupt[1095]; indes verrät sein umfangreiches aber inhaltsarmes, wirres und schwülstiges Buch, mindestens in der uns vorliegenden vielfach umgearbeiteten Gestalt, keine selbständigen praktischen Kenntnisse, vielmehr ergeht sich die Darstellung, die tiefgehende Spuren gnostischer Einflüsse zeigt[1096], wesentlich in Betrachtungen allgemeiner Art, sowie in Berichten über die Tätigkeit früherer Vorgänger, — die, soweit sie schon weiter oben herangezogen wurden, hier einer nochmaligen Besprechung nicht bedürfen.
Zu jenen Vorgängern, den „Alten“, zählen u. a. PLATON und ARISTOTELES, HERMES und ZOSIMOS, sowie noch manche andere unter den Naturforschern oder Physikern (τινὲς φυσικῶν φιλοσόφων) und „unseren Philosophen“ (ἡμετέροι φιλόσοφοι)[1097]; ihre zahlreichen Bücher, die sich in der Bibliothek der Ptolemäer befinden[1098], sind aber in Allegorien abgefaßt[1099], sie sprachen μυστικῶς (mystisch)[1100], und ihre Worte haben daher einen doppelten Sinn, einen scheinbaren offenliegenden und einen eigentlichen verhüllten[1101], den nur die Eingeweihten zu verstehen vermögen. In den Schriften der wahren ägyptischen Altmeister oder „Propheten“ [= Priester gewisser Klassen][1102] werden sogar zumeist allein die Theorien (δόξαι, Lehren, Meinungen) behandelt, die praktischen Anweisungen (ἔργα, Werke, Ausführungen) jedoch verschwiegen[1103]; nach den Angaben dieser Meister ist der Erfolg abhängig von der genauen Einhaltung ganz bestimmter Handlungen und Worte, die sie entsprechend den Regeln der Magie ritualisierten (ἱεράτευσαν)[1104]; denn ausschließlich mit Hilfe dieser Magie [d. h. des magischen Rituals] erlangt man die Mitwirkung der Natur, die mehr vermag als die bloße Bemühung des Menschen, und ausschließlich durch sie überwindet man auch den Einfluß der Dämonen, z. B. des OPHIUCHOS[1105], deren Neid und Bosheit die größten Schwierigkeiten entfließen [1106].
Das Geheimwissen von der Herstellung des Silbers und Goldes aus unedlem Metall, besonders aus Kupfer, heißt ἔργον τοῦ χαλκοῦ = Bearbeitung des Kupfers, ἐργασία = Ergasia oder Werk, μεγάλη θεραπεία = große Therapie, τέχνη τῆς χυμείας = Téchne oder Kunst der Chemie[1107]. Die Ausübung dieser Techne erfordert Verständnis und Übung, weil allein Erfahrung die große Meisterin ist[1108], ferner aber auch Kenntnis der richtigen Augenblicke und günstigen Epochen[1109]. Die eigentliche Zeit für das „Werk“ ist der Monat Pharmuthi, der Monat der Philosophen [mensis philosophicus][1110]; in ihm [im März-April] unterwirft man die fest in Leinenbinden eingewickelten Rohmetalle erst der Tarichéia (= Einsalzung, Räucherung, Schwelung, Maceration) mittels allerlei schwefelhaltiger Zutaten und sodann der Kochung im „Meerwasser“, wobei sie sich aufblähen und „wachsen“ wie Pflanzen (βοτάναι)[1111]. Ziel der Techne, „um das allein es sich handelt“, ist die Vereinigung des Männlichen und Weiblichen[1112]. Schon unter den Elementen sind Feuer und Luft männlichen Charakters (ἄρρην, Arren) und aufwärtssteigend (ἀνωφερής), Wasser und Erde aber weiblichen und niedersinkend (κατωφερής), während das Quecksilber, seiner Natur als Zwitter gemäß, bald ἄνω, bald κάτω strebt, bald nach oben, bald nach unten[1113]; beim „Werke“ aber hat man das Männliche und Weibliche in seiner lautersten und wirksamsten Gestalt zu vereinigen, das Rote, ADAM, das männliche Sperma (σπέρμα ἄρρενος = Samen des Mannes oder des ἀρσενικόν, des Arsens), von den Späteren auch Feuer, Schwefel, Seele geheißen[1114], mit dem Weißen, der reinen unberührten Jungfernerde[1115] (παρθένος γῆ; Deckname „Urin der Jungfern“), von den Späteren auch EVA, Materia prima, Quecksilber, Geist genannt: indem das Männliche, der χρυσόλιθος (Chrysólithos = golderzeugender Stein) sich dem Weiblichen, dem göttlichen Wasser, dem Safte (χυλός) oder der Brühe Ägyptens und Cyperns [= der Kupferschmelze] zugesellt, bewirkt es Zeugung (τίκτει), und es entsteht Gold[1116].
Die Möglichkeit dieser Umwandlung und mit ihr die der ganzen Techne beruht in letzter Linie darauf, daß allem Bestehenden ein gemeinsames Prinzip [die Materia prima] zugrunde liegt, das universeller ist als die einzelnen Elemente (στοιχεῖα, Stoicheía), das daher unter geeigneten Umständen in alle Stoffe übergehen, aber sich auch aus ihnen zurückbilden kann, und das die beharrende Unterlage von Anfang und Ende des großen Werkes bildet; sein Symbol bezeichneten daher AGATHODAIMON und CHIMES mit Recht als identisch mit dem der ganzen, gleichfalls in endlosem Kreislaufe begriffenen Welt, d. i. mit dem Drachen UROBOROS, oder mit dem philosophischen Ei, dem ἔν τὸ πᾶν (Eines in Allem; Alles in Einem)[1117]. Die nämlichen Philosophen, sowie auch HERMES, MARIA und ZOSIMOS, lehrten auch richtig, daß das πᾶν (= Alles) gegeben sei in unserem Blei, dieser Grundsubstanz des Silbers und Goldes, diesem philosophischen Ei, das die vier Elemente zur Einheit verbunden enthält, τὰ δε τέσσαρα ἕν[1118]; dieses „unser Blei“ (μόλυβδος ἡμέτερος) oder „schwarzes Blei“ (μόλυβδος μέλας), das bereits DEMOKRITOS aus Bleiglätte oder aus Stimmi darzustellen empfahl[1119], wünschten die ägyptischen Propheten zu gestalten, zu realisieren und zu besitzen[1120]. Das natürliche gemeine Blei (μόλυβδος κοινός) ist schon schwarz, unser Blei aber wird erst schwarz im Laufe des Werkes und ergibt dabei den ζωμὸς μέλας, jene schwarze Brühe (Schmelze), die ebenso unentbehrlich ist zur anfänglichen Mélansis (Schwärzung) wie zur späteren Diplosis: so erweist es sich als den Schlüssel der Theorie und Praxis, als den eigentlichen Inhalt der tausend Geheimnisse und tausend Bücher, als das „seit Äonen Gesuchte“[1121]; es ist die Substanz, „die alles annimmt“, die in alles übergeht[1122], die das Wesen aller Metalle bildet [d. h. ihre Materia prima, als die anfangs Blei, später Quecksilber galt], die das Weiße, Gelbe, Rote und Schwarze in sich hat [d. i. Bleiweiß, Bleiglätte, Mennige und Schwefelblei][1123], die die Eigenschaften des Fest- und Flüssigseins besitzt, und deren wertlose und verachtete Schlacken, auch „Asche der MARIA“ geheißen[1124], jenen gleichen, die beim Schmelzen des Goldes entstehen [wohl bei der Kuppelation mit Bleiglätte][1125]. So bildet es tatsächlich das Fundament der Téchne (τέχνη), und wahr bleibt was die Alten und was ZOSIMOS von ihm verkündigen: „alles läuft auf das Blei hinaus, das Blei ist unsere Magnesia“[1126].
Man nennt das Blei auch „Grab des OSIRIS“, d. i. eine Mumie, fest in ihre Binden gewickelt, die nur das Antlitz sichtbar lassen; auch betrachtet man OSIRIS [jedenfalls weil seine Neubelebung zur Zeit der Nilschwelle geschah] als Prinzip der ὑγρὰ οὐσία, des Flüssigseins (Schmelzens)[1127]; doch versteht man zuweilen unter „unserem Blei“ auch den Schwefel, und in diesem Sinne heißt es „Ὄσιρίς ἐστιν μόλυβδος καὶ θεῖον“, „OSIRIS ist das Blei und der Schwefel“[1128]. — [Das „tertium comparationis“ bei dieser bisher allen Erklärern völlig rätselhaft gebliebenen Gleichsetzung ist offenbar die leichte Schmelzbarkeit: in der Tat nennt der Text des Pariser Manuskriptes 2327, dessen Abschrift nach BERTHELOT 1478 vollendet wurde[1129], sowohl Blei wie Schwefel αὐτόρρυτος = „von selbst fließend“[1130] und gibt für beide das nämliche Zeichen Schwefel an[1131], zugehörend dem Typus der „Artabe“, eines vielgebrauchten und oft abgebildeten[1132] ägyptischen Hohl- und Flüssigkeits-Maßes, und das Ausgießen eines solchen Gefäßes versinnlichend.]
Das Schwarze, das eine wahre Farbe ist und daher auch mehrere Abarten hat, und das Weiße, das eigentlich keine wirkliche Farbe vorstellt, gleichen der Pupille (κόρη, Kóre) des menschlichen Auges, oder auch dem Regenbogen (ἶρις, Iris) des Himmels, denn nach HERMES ist der Mensch ein Mikrokosmos und besitzt alles das ebenfalls, was dem Makrokosmos zukommt[1133]. In der „feurigen Sphäre“ nun [d. h. beim Erhitzen oder Schmelzen] zeigt sich das „Schwarze“, „die schwarze Flüssigkeit unseres Bleies“, als fähig Fixation zu bewirken: durch seine Schwere zieht es eine „Seele“ zu sich herab, und hierin besteht das große Mysterium[1134]. Die ihrer ursprünglichen Seele (ψυχή) verlustig gegangenen Metalle werden nämlich einer neuen teilhaftig durch das Pneuma, das ihnen zugleich als πνεῦμα βαπτικόν (färbendes Pneuma) neue Farben und Eigenschaften zuführt[1135] und so ihre Natur in die des Silbers und „roten Blutes“ (= Goldes) umwandelt[1136], nicht anders, als wie die „große Medizin“ (μεγάλη θεραπεία) aus dem kranken und bleichen Blute das gesunde und rote hervorgehen läßt[1137].
Die Kunst (τέχνη, Techne), vermöge deren man aus unserem Blei Gold in ähnlicher Art gewinnt, wie es in Äthiopien Ameisen aus den Bergwerken fördern und an das Tageslicht schleppen[1138], schufen die „Alten“, indem sie ursprünglich Erden, Mineralien und Rohmetalle mit den an Pneuma reichen Säften der βοτάναι (Botánai) zusammenbrachten, also mit jenen der Kräuter, Früchte, frischen oder getrockneten Hölzer usf.[1139]; später benützten sie auch andere pneumatische Stoffe, z. B. den λιθάργυρος (Lithárgyros = silbererzeugenden Stein), dessen Namen das rätselhafte Wort mit den vier Silben und neun Buchstaben [s. das Rätsel des AGATHODAIMON] in sich schließt[1140]. Die Übertragung des Pneumas geschieht durch Projizieren (ἐπιβάλλειν = Einwerfen) des Streupulvers oder Xerions: das (weiße) Arsenikon z. B. weißt hierbei das Kupfer und ergibt, namentlich bei Zusatz von etwas fertigem Silber, sehr schönes „Asem“ [hier = Silber][1141], während das (gelbe) Arsenikon Gold hervorbringt und dabei selbst zu Gold wird[1142].
Von Chemikalien erwähnt OLYMPIODOROS in erster Linie den Schwefel (θεῖον, Theíon), der ein „Prinzip der Dinge“ und von so unendlicher Macht ist, daß niemand seine Wirkungen aufzuzählen vermag[1143]; θεῖα (Theía, Schwefel) heißen aber auch alle die mit ihm verwandten Substanzen[1144] und alle die, aus denen man ebenfalls das göttliche Wasser herstellt, τὴν ἐμὴν δρόσον (meinen Tau), τὸ ἀέριον ὕδωρ (das luftartige, ätherische Wasser)[1145]. Die Wichtigste unter diesen ist das Arsenikon [= Arsenigsäure], auch στυπτηρία λευκή = weißer Alaun geheißen[1146], eine weiße, im Feuer sehr flüchtige Masse[1147], die man durch Rösten von Auripigment und Kobathia [Realgar] und durch Sublimieren des hierbei entstehenden Rauches (αἰθάλη) gewinnt, und deren Vermögen, die Magnesia zu weißen, sie zu dem hervorragendsten Mittel und zu der wichtigsten Grundlage der ganzen Techne macht[1148]. — Als ψάμμοι (Psámmoi, eigentlich Sande, Mineralien) faßt OLYMPIODOROS „nach dem Gebrauche der Alten“ die sieben Metalle zusammen (τὰ ἑπτὰ μέταλλα)[1149]; das „Blei“ aus Bleiglätte und aus Stimmi [d. i. Antimonsulfid] sieht auch er als identisch an[1150]; Aphronitron (Schaumnitron) erwähnt er als Flußmittel[1151], und es ist bekannt, daß z. B. das „künstliche Blau“ (κύανος σκευαστός) des THEOPHRAST und das „alexandrinische Blau“ des VITRUV durch Zusammenschmelzen von Sand, Nitron und kupferhaltigen Zutaten gewonnen wurden[1152].
Über die benützten Apparate spricht sich OLYMPIODOROS nur flüchtig aus; u. a. erwähnt er das von AFRIKANOS erdachte gläserne Gefäß zur Sublimation von Arsenigsäure[1153], sowie einen Ofen (καμίνιον, Kamin) zur Herstellung von „Smaragd“ [= grünem Glas] unter Beimischung von „Kupfer-Arsen“[1154].