(6. Jahrhundert und später.)
Der umfangreiche, aus vielen oft kaum zusammenhängenden Absätzen bestehende „Kommentar“ des nicht näher bekannten PHILOSOPHUS CHRISTIANUS, nach BERTHELOT[1155] im 6. Jahrhundert abgefaßt, nach KOPP[1156] vielleicht erst im 7., oder einem noch späteren, geht zum großen Teile auf gute alte Quellen oder aus diesen kompilierte Schriften des 5. und 6. Jahrhunderts zurück; so wie er gegenwärtig vorliegt, weist er aber eine Unzahl späterer und ganz später (in einzelnen Fällen erst dem 13., ja 14. Jahrhundert entstammender) Erklärungen und Zusätze, Abänderungen und Einschiebsel auf, deren zweifelhafter Sinn und unklarer Inhalt sein Verständnis in hohem Grade erschwert, oder auch ganz unmöglich macht.
Der Verfasser, der diese Dunkelheit wohl selbst bemerkte, entschuldigt sie damit, daß schon die Schriften der Alten sehr schwierig zu deuten und infolge der Symbolik von Namen und Vorschriften rätselhaft seien[1157]; auch hätten die „ägyptischen Philosophen“ manche der Anweisungen entweder selbst nicht recht gekannt, oder sie aus Neid und Eifersucht geheimgehalten, oder endlich sie wenigstens hinter doppelsinnigen Bezeichnungen versteckt, wie „göttliches Wasser“ und „Arsenikon“[1158], über die erst PETESIS (PETASIOS) mit einer gewissen, freilich nicht völligen Offenheit sprach und zugleich die Mengenverhältnisse bei ihrer Bereitung und Anwendung erörterte[1159].
Auf die wichtigeren Zitate des PHILOSOPHUS CHRISTIANUS aus den „Alten“, den früheren Chemikern, ist schon weiter oben bei deren Besprechung jedesmal hingewiesen worden; aus Eigenem gibt er so gut wie nichts, weshalb es an dieser Stelle genügen mag, seine Äußerungen über die Transmutation als Beispiel anzuführen.
Beim Werke, das sowohl vielerlei Apparate erfordert, u. a. solche aus Glas von Askalon, als auch vielerlei Zutaten, u. a. κόμμι und κολοφωνία [Gummi und Kolophonium, das nach der Stadt Kolophon in Kleinasien benannte Harz; Decknamen][1160], erhält man zunächst einen schwarzen und unbelebten Niederschlag, μελάνθιον (Melánthion = schwarze Blüte, Efflorescenz), der ohne Seele und Geist tot daliegt (νεκρός), und dem man neues Leben (βίος) zuführen muß, damit er zur ἀργυρο- oder χρυσοζύμη (zur Silber- oder Gold-Hefe)[1161] werde; wie die Färber mit [ἄγχουσα (Anchusa) und φῦκος (Fucus)[1162], wie die Indigofärber (ἰνδικοβάφοι) mit ihrem „Lack“ (λαχά), den sie zu einer klaren und entfärbten Flüssigkeit aufzulösen wissen[1163], so färben die Philosophen mit Xerion, dessen Name abgeleitet ist vom Namen der analogen trockenen Pulver der Ärzte (ξήρια ιατρικά), und das, als eigentlich wirksame Medizin beim großen Werke, zugleich auch die große Krankheit der Armut zu heilen vermag[1164].
STEPHANOS VON ALEXANDRIA war, wie USENER 1880 nachwies[1165], zur Zeit des byzantinischen Kaisers HERAKLEIOS (HERAKLIUS), der 610 bis 641 regierte, einer der „ökumenischen“, d. h. der im kaiserlichen Palaste tätigen Meister, und zwar „las“ er, obwohl anscheinend Mathematiker von Beruf, über Philosophie, — ein Kommentar zu ARISTOTELES ist noch erhalten —, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik, angeblich auch über Astrologie, Chemie usf.[1166]. Seine in mehreren Handschriften überlieferten chemischen Vorträge veröffentlichte zuerst PIZZIMENTI in lateinischer (unzuverlässiger) Paraphrase als Nr. 4 seines wiederholt genannten Werkes von 1573; das griechische Original druckte IDELER 1841 in den „Physici et medici graeci minores“ ab[1167], anscheinend ohne genügende Sichtung der Handschriften und auch ohne Beigabe der in Aussicht gestellten Lesarten und Erklärungen.
USENER ist der Ansicht, daß STEPHANOS die Vorlesungen über Astrologie und Chemie nicht wirklich gehalten haben könne; betreff der Astrologie[1168] widerstreiten der üblichen Angabe einige seiner eigenen Äußerungen, und die Chemie, deren Ausübung Kaiser DIOKLETIAN in Ägypten untersagt und durch Verbrennung der Schriften chemischen Inhaltes unmöglich gemacht hatte[1169], die daher seitdem als „verbotene Kunst“ galt, durfte er im kaiserlichen Palaste zu Konstantinopel nicht wohl lehren. Auch der Inhalt dieser Vorlesungen scheint USENER dagegen zu sprechen, daß ein Mathematiker von Fach sie geschrieben habe, und er neigt daher dazu, sie (und auch einige andere Fragmente) als Pseudepigraphen aus späterer Zeit (etwa um 775) zu betrachten[1170]. So beachtenswert diese Ansicht auch ist, so scheint sie doch noch weiterer Vertiefung zu bedürfen, da das Vorhandensein von Widersprüchen bei Kompilatoren von der Art des STEPHANOS keineswegs vereinzelt dasteht, das Eingreifen des DIOKLETIAN aber wohl kein gerade der Chemie so feindliches gewesen ist (s. weiter unten), und überdies seither auch mehrere Jahrhunderte vergangen waren; zudem soll gerade der Kaiser HERAKLIUS von besonderer Vorliebe für alle Geheimwissenschaften erfüllt gewesen sein[1171].
Das Buch des STEPHANOS, das sich bei den späteren Alchemisten ganz besonderer Wertschätzung erfreute und auch im arabischen „Fihrist“ gepriesen wird, vermag indessen solchen hohen Ruf in keiner Weise zu rechtfertigen[1172]. Seine neun, stets „σὺν θεῷ“ („mit Gott“) überschriebenen Abschnitte oder πράξεις (Práxeis = Vorlesungen, Traktate, Handlungen), — dieses Wort bezeichnet in den magischen Schriften und Papyrus-Urkunden namentlich auch die Zauber-Handlungen[1173] —, mag man aufschlagen wo man will, man wird allerorten das Nämliche vorfinden: unklare und weitschweifige Paraphrasen der „Alten“, die den Mangel jeglicher eigener Sachkenntnis und praktischen Erfahrung bezeugen; kritikloses Aufzählen und Rühmen der Autoritäten, ihrer Axiome und ihrer Präparate; schwülstige und scholastische Darlegungen unverstandener oder halbverstandener Theorien; wirre mathematische und astrologische Anspielungen, — dies alles im Gewande hohler, unbestimmter, oft jedes faßbaren Inhaltes entbehrender Redensarten und dabei untermischt mit mystischen, enthusiastischen und religiösen Anrufungen, Ausrufungen und Deklamationen. Das ganze Werk, — USENER[1174] bezeichnet es als Homilie voll geheuchelten, Heidnisches, Mystisches und Christliches vermengenden „sacri furoris“ —, bietet ein trauriges Beispiel des letzten und völligen Verfalles einer Wissenschaft unter den Händen der vielschreibenden byzantinischen Buchgelehrten und Kommentatoren; es ist geradezu eine Satire auf das hübsche von STEPHANOS irgend einem Vorgänger entlehnte Zitat[1175]: „Die Wissenschaft vermag alles; sie sieht das Unsichtbare und vollbringt das Unmögliche.“
Genauer auf den Inhalt des Buches einzugehen, — von dem BERTHELOT übrigens keinen Abdruck, sondern nur einen Auszug gegeben hat[1176] —, lohnt dem Vorstehenden zufolge nicht, es wird vielmehr genügen, auf einige Hauptpunkte kurz hinzuweisen.
Die alten Chemiker, zu denen u. a. auch PLATON und ARISTOTELES zählen, stellten treffliche Grundsätze auf, wie „ἄνω καὶ κάτω“ (nach oben und nach unten) und „Eines ist Alles, Alles ist Eines“[1177], erdachten vorzügliche Vergleiche, wie den des großen Werkes mit der Schlange UROBOROS und den des menschlichen Kopfes mit einem Destillierhelm[1178], und fanden die Bedingungen auf, unter denen das große Werk gerät und Gold liefert, das besser und schöner ist als das natürliche[1179]. Als Ausgangsmaterial benützten sie entweder Kupfer, das wie ein Mensch Körper, Seele und Geist hat[1180], oder eine Legierung von vier Körpern (= Metallen), die Magnesia[1181]. Zur Einleitung der Umwandlung, die auf einem Herauskehren des Inneren beruht, verbrennt man die Rohstoffe erst zu Asche und betrachtet das gute Gelingen dieser Arbeit als günstiges Vorzeichen für das der gesamten[1182]; es folgt die Schwärzung, „diese großartige und bewunderungswürdige Sepsis [hier = Digestion, Maceration] der ISIS“, sodann die Weißung, die sich langsam vollzieht wie das Bleichen von Geweben, und schließlich die Gilbung[1183]. Diese Operationen erfordern die Anwendung von Medizinen und Tinkturen[1184], u. a. des Schwefels, des göttlichen Wassers, des Quecksilbers, das flüssig und heiß wie Blut ist, sowie des anderen Quecksilbers, das man aus dem „Männlichen“ (Arsenikon) gewinnt, und dessen Name die Lösung vom Rätsel der neun Buchstaben verbirgt[1185]. Wichtiger und mächtiger als diese alle ist aber der zauberkräftige Stein [βοτάνη, Botáne, ursprünglich nur Zauberkraut], den unser Land Äthiopien hervorbringt[1186], der „Stein der Weisen“, „Stein der Philosophen“, der auch etesischer Stein heißt, der geheim und allbekannt, gemein und kostbar ist, und vermöge astrologischer Einflüsse der zwölf Zeichen des Tierkreises aus den Naturen und Farben der sieben Planeten hervorgeht[1187]. Er vollzieht aber das große Werk, indem er das Männliche mit dem Weiblichen vereinigt, also das Aktive mit dem Passiven, das Heiße mit dem Kalten, das Rote mit dem Weißen, HERMES mit der APHRODITE: „kämpfe Kupfer! kämpfe Quecksilber!“ In Freuden gesellen sich Männliches und Weibliches, denn die Natur erfreut sich an der Natur, es erfolgt Zeugung, und das Gezeugte reift binnen 40 Tagen zu Gold[1188].
Mehrere anscheinend verschollene Abhandlungen alchemistischen Inhaltes werden dem „König HERAKLEIOS“ zugeschrieben[1189], den einige Autoren für einen nicht weiter bekannten Chemiker halten, andere aber für den byzantinischen Kaiser dieses Namens (610–641), der große Vorliebe für die Geheimwissenschaften gezeigt und den STEPHANOS als Vortragsmeister berufen haben soll; nach dem weiter oben Ausgeführten dürfte ihm durch diesen allerdings kaum wesentliche Förderung zuteil geworden sein.
Nicht viel mehr ist über die Werke des JUSTINIANUS bekannt[1190], die ebenfalls zwar noch in den Inhaltsverzeichnissen gewisser Handschriften (z. B. des Codex Marcianus) aufgeführt werden, in deren jetzt vorliegenden Texten aber nicht mehr mitenthalten sind; einige im „Codex Vossianus“ zu Leiden aufgefundene Bruchstücke handeln von den Bestandteilen des philosophischen Eies, und zwar ungefähr in der aus den „Praxeis“ des STEPHANOS bekannten und auf dessen Zeitalter hinweisenden Art.
Dieser byzantinische Sammler ist, da er den STEPHANOS zitiert, für jünger anzusehen als der PHILOSOPHUS CHRISTIANUS, der STEPHANOS nicht oder nur an später Einschiebung verdächtigen Stellen nennt, und wird von BERTHELOT in das 7. Jahrhundert versetzt[1191], von KOPP in das 8.[1192]. Betreff seiner Abhandlung gilt das nämliche wie hinsichtlich derer des PHILOSOPHUS CHRISTIANUS, einige Hinweise werden daher auch hier genügen.
Die genauen und sicheren Vorschriften zur Ausführung des großen Werkes gaben die ökumenischen Philosophen und Kommentatoren des PLATON und ARISTOTELES, von HERMES angefangen bis auf den großen OLYMPIODOROS und STEPHANOS[1193], am gründlichsten aber DEMOKRITOS; die Lehren seiner vier Bücher sind vergleichbar den vier Haupt- oder authentischen Tonarten der Musiker, während die Mißerfolge und Fehlschläge (νεκρώσεις = Tötungen, Absterben) den Dissonanzen und plagalen Schlüssen parallel gehen[1194]. Wesentliche Grundlage des großen Werkes ist das Blei, das „etesische Metall“ von an sich kalter Natur, das aber in der Wärme leicht flüssig wird, sich mit anderen Körpern vereinigt und so die Schmelze ergibt, die, nach den Worten μῖξις und μίγνυμι (Mischung, mischen), auch „Magnesia“ genannt wird[1195]; weil die Wärme diese Mischung (σύνθημα) „ausbrütet“, heißt sie „Ei der Philosophen“, auch besitzt sie die vier Teile, die nach dem Philosophen XENOKRATES das Ei aufweisen muß, nämlich Schale, Eihaut, Eiweiß und Eigelb[1196]; das Produkt des großen Werkes bezeichnet man demgemäß als ὕλη ὀρνιθογονία = das Vogel-Entsprossene, und das im Laufe der Arbeit aufsteigende Sublimat als ὄρνις = Vogel, denn als die „Eier“ dieses „Vögelchens“ sind eben die seine Entwicklung (γέννησις τοῦ ὀρνιθίου) ermöglichenden Bestandteile anzusehen[1197]. Man reinigt diese erst durch Taricheia und dann durch Waschen, wobei darauf zu achten ist, daß schließlich so wie beim Waschen des Leinenzeugs, der Schaum (τὰ σκάμματα) völlig klar abläuft[1198]; die nötigen Sublimationen geschehen im δίπλωμα (Díploma = Wasser- oder Aschen-Bad), in passenden Gefäßen, oder auch in geraden, teils einfachen teils mehrfachen [in- oder übereinander gestellten] Rohren[1199]; die schließliche Umwandlung erfolgt durch Projektion (ἐπιβάλλειν)[1200].
Ein Aufsatz dieses „Philosophen“, der sich außer auf MOSES und andere Alte auch auf STEPHANOS beruft und deshalb in das 7. oder 8. Jahrhundert versetzt wird[1201], bietet inhaltlich nichts Bemerkenswertes; eingeleitet wird er von einer Schwurformel, die Verwandtschaft mit der von ISIS an ihren Sohn HOROS berichteten zeigt und auf die schon bei Besprechung dieser letzteren hingewiesen wurde.
Diesen Schriftsteller halten nach KOPPS Bericht Einige für vermutlich noch dem 7. Jahrhundert angehörig[1202], aller Wahrscheinlichkeit nach aber mit Unrecht; zum mindesten zeigen seine Werke, so wie sie jetzt vorliegen[1203], die wohlbekannte Beschaffenheit der späteren byzantinischen Kompendien, d. h. sie stellen, ohne viel sachliches Verständnis, allerlei Auszüge aus ZOSIMOS und anderen Förderern der Chemie (χυμία)[1204] zusammen, knüpfen daran leere und hinfällige Betrachtungen, die das stete Sinken des wissenschaftlichen Geistes deutlich ersehen lassen, und geben sich nicht einmal äußerlich mehr den Anschein, nach Form und Inhalt irgend einem deutlichen und bestimmten Ziele zuzustreben. Auf späte Einschiebungen deutet auch das Vorkommen verschiedener Bezeichnungen hin, die entweder wie σαλόνιτρον[1205] (Salónitron = Salpeter) und τζαπάρικον[1206] (Tzapárikon = Salmiak, ursprünglich = Soda, Nitron) Chemikalien betreffen, die den Byzantinern vor dem 13. Jahrhundert kaum näher bekannt waren, oder die [was sehr charakteristisch ist!] aus lateinischen Worten umgebildet sind, wie ῥασούχθη aus „aeramen ustum“ (dem „gebrannten Kupfer“ des DIOSKURIDES)[1207], oder das eben genannte σαλόνιτρον aus „sal nitrum“.
Grundlage der Metallverwandlung, die nur angestrengte Arbeit, nicht irgendwelchen Aufwand erfordert, ist auch nach KOSMAS die Magnesia, so genannt nach dem Mischen und Legieren der Bestandteile, denn sie ist ein bleihaltiges Gemenge (σύγκρασις), eine Vereinigung der Substanzen (synousiôsis), die reine und einzig verehrungswürdige „Weiße“ (μόνη σεβασμία λευκότης), das weibliche Prinzip, der etesische Stein (λίθος αἰτήσιος), der Molybdochalkos des DEMOKRITOS und OLYMPIODOROS[1208]; auf sie beziehen sich die Worte „wenn nicht 1 zu 3 würde und 3 zu 1, so wäre das All (τὸ πᾶν) ein Nichts (οὐδέν)“[1209]. Man unterwirft die Magnesia erst „zwecks Einwirkung des Flüssigen“ der Taricheia[1210] und setzt sie sodann dem zu Fixierenden aus[1211], und zwar im „Ei der Philosophen“, — das hier als ein chemischer Apparat auftritt —, bis sich nach 120tägiger Behandlung im Pferdedünger die Seele (ψυχή, Psyche) zu entwickeln beginnt[1212]. Als Xerion dient Quecksilber [hier = Arsen], das man zwischen zwei flachen mit Ton und Eiweiß verkitteten Schüsseln sorgfältig sublimiert hat[1213]; so erhält man aus dem Kupfer das Silber, „diese σεληναία ὕλη“ (dem Mond zugehörige Substanz), und weiterhin aus diesem das Gold[1214].
Die in jambischen (sog. politischen = volkstümlichen) Versen abgefaßten, die heilige Kunst, ἱερὰ τέχνη, betreffenden Gedichte dieser Autoren, die KOPP frühestens in das 8., BERTHELOT in das 9. Jahrhundert versetzt[1215] und die sich in IDELERS „Physici et medici graeci minores“ abgedruckt finden[1216], sind gänzlich verworren, inhaltsleer und voll von mystischen, dem STEPHANOS entlehnten oder nachgebildeten Deklamationen und Anrufungen, die z. B. an einer Stelle des THEOPHRASTOS gleich zwanzig aufeinanderfolgende Zeilen ausfüllen, deren jede mit einem O! beginnt[1217]. Über den Drachen dieses Autors, — den man 20 Tage im Mist halten soll, bis er seinen Schwanz verschlingt, worauf man ihn schlachtet, seine Galle herausnimmt und mit ihr weißt und gilbt —, hat sich schon BORRICHIUS in dem weiter oben erwähnten „Conspectus“ lustig gemacht[1218]. Das sonst Vorgetragene beschränkt sich auf die gewöhnlichen Redensarten von reinem Herzen, von der Gnade Gottes, von den Gebeten und Wohltaten „zur Abwendung des Neides“, vom Männlichen und Weiblichen, vom Weißen und Gilben des italischen Kupfers und Stimmis[1219], usf., und es ist daher ebenso erstaunlich wie bezeichnend, daß gerade diese flachen und abgeschmackten Gedichte seitens der Nachwelt andauernd hoch in Ehren gehalten und als besonders wertvoll angesehen wurden[1220].
Nach einer nicht ganz einwandfreien Vermutung, die sich auf gewisse Angaben des byzantinischen Gelehrten PSELLOS (1020–1105) stützt, soll SALMANAS im 9. oder 10. Jahrhundert gelebt und gewirkt haben; aus seiner vorgeblichen Schrift, die u. a. zuerst (?) das aus dem Persischen entlehnte Wort τάλκ oder τάλακ (Talk) zu enthalten scheint, läßt sich nicht klar ersehen, ob wirklich eine Abhandlung des SALMANAS in Frage kommt oder nur ein Bericht über ihm zugeschriebene Verfahren[1221]. Diese sollen sich u. a. auf die Herstellung runder großer Perlen, anscheinend aus mehreren kleineren, beziehen, also auf einen Gegenstand, den (ebenso wie die Nachbildung von Edelsteinen) die griechischen Alchemisten nicht selten zu behandeln pflegten; zwar wird SALMANAS, — man weiß nicht von wann an —, als „Araber“ bezeichnet, da aber die arabischen Quellen und Zusammenstellungen nirgends einen Alchemisten SALMANAS erwähnen[1222], und die fragliche Schrift auch allein in griechischer Fassung bekannt ist, so spielt der Beinamen des „Arabers“ hier vermutlich nur eine ähnliche dekorative Rolle, wie in so manchen anderen Fällen der des „Persers“ oder „Inders“. Überdies ist dem Griechischen der Namen SALMONEUS keineswegs fremd, es führt ihn u. a. schon ein Sohn des AEOLUS und Bruder des SISYPHOS[1223].
PSELLOS (Michael Constantinos), der 1018–1078 in Konstantinopel lebte, daselbst Lehrer der Theologie und Philosophie, vermutlich auch beamteter Priester war, und vielerlei schriftstellerische Arbeiten verfaßte, richtete u. a., auf eine Anfrage des Patriarchen XIPHILINOS hin, an diesen einen Brief über die Goldmacherei (Chrysopoiía), in dem er sich als wohlvertraut mit der überlieferten Literatur zeigt, nirgends aber, wie man irrtümlicherweise behauptet hat, auf eigene alchemistische Tätigkeit anspielt[1224]. Dafür, daß die späteren Byzantiner solche ausübten, fehlen überhaupt noch entsprechende Nachweise, und die sehr dürftigen Notizen einiger Lexikographen (auf die weiter unten noch zurückzukommen sein wird) zeugen eher gegen, als für diese Behauptung. Der Brief des PSELLOS, der für die Verbreitung alchemistischer Ideen im westlichen Europa zur Zeit der beginnenden Renaissance von Bedeutung war, führt die Herstellung des Goldes teils auf die Behandlung, des „ψάμμος χρυσίτης (goldfarbigen Sandes) der Ufer“ zurück, teils auf die Anwendung der von den Alten, namentlich von DEMOKRITOS, beschriebenen Verfahren, an deren Vortrefflichkeit und Untrüglichkeit PSELLOS offenbar fest glaubt, deren Schilderung aber durch seine Darlegungen nicht an Deutlichkeit gewinnt; eine lateinische, ziemlich willkürliche und nicht ganz vollständige Übersetzung des Briefes veröffentlichte zuerst 1573 PIZZIMENTI als 5. Teil seines wiederholt erwähnten Werkes.
Eine Anzahl inhaltsarmer alchemistischer Verse, die früher Einige dem berühmten JOHANNES DAMASKENOS (700–754), Andere dem PSELLOS zuschrieben, gehört keinem dieser Autoren an, ist vielmehr vermutlich von PHILIPPOS SOLITARIOS verfaßt, einem byzantinischen Mönche, der um das Jahr 1100 lebte[1225].
NIKEPHOROS identifizieren die Handschriften zumeist mit NIKEPHOROS BLEMMYDES, der im 13. Jahrhundert zu Konstantinopel eine geistliche Würde bekleidete (?)[1226]; da es aber nach BERTHELOT für jene Gleichsetzung an ausreichenden Gründen fehlen soll[1227], kann er auch viel früher gelebt haben, und der Inhalt seiner nur unvollständig erhaltenen Schriften[1228] spricht nicht gegen eine solche Annahme. Sie erwähnen u. a. das Abwägen und das Zerkleinern der Substanzen, zu dem man μάρμαρον πορφύρεον gebraucht (wörtlich: marmornen Porphyr, d. i. Porphyrstein, — auf ägyptischen Ursprung deutend)[1229], ferner die Magnesia, die auch „gebranntes Kupfer“ oder „Gelbes der Eier“ heißt[1230], endlich den „Stein der Weisen“ (λίθον τῶν σοφῶν), der aus den vier Elementen „Heiß, Kalt, Trocken, Feucht“ besteht[1231]; dieser „Stein, der kein Stein ist“, stellt das wahre Xerion vor, das ξήριον ὀξυπορφύρεον [das intensiv rote = goldfarbige], von dem schon die kleinste Menge, auf Silber projiziert, dieses in prächtiges Gold verwandelt[1232]. — An mehreren Stellen wird die Destillation der vorgeschriebenen Substanzen verlangt und dabei angegeben, daß sich das Kondensat in einem Glasgefäße ansammeln soll wie bei der Destillation des Rosenwassers das ῥοδόσταγμα, d. i. das Rosenöl[1233]; die Gewinnung dieses Öles durch Destillation scheint in Persien spätestens bereits während des 9. Jahrhunderts in größerem Maßstabe üblich gewesen zu sein, und die Vorschriften des NIKEPHOROS bieten daher unter allen Umständen hohes Interesse, namentlich auch für die Geschichte der Destillation und ihrer Ausführung.