g) Der Mithrasdienst.

Wie die durch WINCKLER zu Boghazkiöi in Kleinasien aufgefundenen hethitischen Inschriften aus der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrtausendes ersehen lassen, gehörte MITHRA, neben VARUNA und INDRA, schon in dieser Zeit der ältesten datierbaren Zeugnisse iranischer Sprache und Religion zu den wichtigsten Göttern uralter, noch vorzoroastrischer Herkunft⁠[2714]. Ursprünglich galt MITHRAS anscheinend als Herr der himmlischen Tageshelle und so, als ein bloßer Lichtgott, an sich keineswegs für ebenbürtig dem Weltherrscher AHURAMAZDA (ORMUZD = ZEUS) und dem Gotte der unendlichen Zeit ZERVAN (= CHRONOS = KRONOS = AION), vielmehr beruhte seine hervorragende Bedeutung darauf, daß der Lichtgott auch Luftgott war und als solcher der „Mittler“ zwischen Himmel und Unterwelt, ORMUZD und AHRIMAN[2715]. Im System ZOROASTERS ist er ein guter Genius, ein „Erlöser“, da er u. a. die Gerechten gegen die Dämonen schützt und sie in das Paradies geleitet⁠[2716]. Die Periode der chaldäisch-persischen Verquickung identifiziert ihn mit SAMAS, dem Sonnengotte und Beherrscher der 7 Planeten, und erhebt ihn hierdurch zwar nicht zur obersten Gottheit, aber zu einer der hauptsächlichsten und den obersten verbündeten⁠[2717]; seine Verehrung, bis dahin immer noch eine heterodoxe Abzweigung der iranischen Religion, nimmt aber erst beim Übergange in den Okzident den Charakter eines Mysterien-Kultes an⁠[2718].

In die eigentliche griechische Welt hatte MITHRAS niemals Eingang gefunden; erst die späthellenistische betrachtete ihn zunächst als Vater des HELIOS und dann, „da Vater und Sohn Eines sind“, als MITHRAS-HELIOS oder als HELIOS (Sonne) selbst, als den allmächtigen unüberwindlichen Sonnengott (Ἥλιος ἀνίκητος; Sol invictus)⁠[2719], identisch mit APOLLON, aber auch mit HERMES, JAHWEH, JAO und anderen Gottheiten der synkretistischen Zeit⁠[2720]. Seinen Dienst verband sie teils mit den älteren griechischen Lehren von den Sternen als gottbeseelten Wesen, teils mit den jüngeren neupythagoräischen vom heiligen Lichte als Sinnbilde der unsichtbaren Gottheit⁠[2721] und knüpfte ihn an wiedererweckte uralte Riten, wie Abhaltung in Höhlen, Benützung tierischer Masken und Laute, gefährliche Prüfungen und geheime Weihen, u. dgl. mehr⁠[2722]. Diesen ausgesprochenen Charakter eines fremdländischen Geheimkultes behielt der Mithrasdienst unentwegt mit nachdrücklicher Schärfe bei; da sich ihm aber infolgedessen das ganze Gebiet des gebildeten Hellenismus verschloß, blieben seine Anhänger allezeit eine „kulturlose Sekte“, die sich nur aus den untersten Volksschichten ergänzte⁠[2723]. Einen außerordentlichen Aufschwung nahm er in Ägypten und im Orient zur Zeit der großen römischen Annexionen in Kleinasien, also gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr., und zwar hauptsächlich unter den römischen Soldaten und niedrigen Beamten⁠[2724], die ihn seither mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch fast das ganze römische Weltreich ausbreiteten. Das meiste hierzu trug die Huld der Kaiser im 3. Jahrhundert bei, die wie SEPTIMUS SEVERUS (193–211), HELIOGABALUS (218–222), SEVERUS ALEXANDER (222–235) und schließlich AURELIANUS (270–275) den „Sol invictus“ in die römische Staatsreligion aufnahmen⁠[2725] und die völlige Umwandlung des von AUGUSTUS nach römischem Begriffe geschaffenen „Principates“ in die absolute Monarchie „von Gottes Gnaden“ nach orientalischem Geiste vollzogen⁠[2726]: für sie war die Sonne der Regent der das Schicksal bestimmenden Sterne, daher das königliche Gestirn, das die Auserwählten zu Herrschern erhebt, sie an seiner eigenen Gottheit teilhaben und als deren Emanation ihre Stellvertretung auf Erden übernehmen läßt, endlich ihnen auch das Recht verleiht, sich die „Strahlenkrone“ auf das Haupt zu setzen, wie sie im Orient bereits der ptolemäische und seleukidische König getragen hatte, und in Rom zuerst NERO[2727].

Die älteste Form des Mithrasdienstes, über die wir bisher Kunde besitzen, scheint aus einer „Mithras-Liturgie“ ersichtlich zu sein, die DIETERICH als Bestandteil des „Pariser Zauberpapyrus“ (ed. WESSELY) nachwies⁠[2728]. Niedergeschrieben ist dieser gegen 300, die vorgetragenen Lehren dürften aber bereits seit 200 zur Anfertigung von Zauberbüchern herangezogen, mindestens seit 150 im Kulte benützt, also ungefähr um 100 abgefaßt worden sein⁠[2729]; dementsprechend verraten sie keinen Einfluß des PLOTINOS oder PORPHYRIOS, zeigen den Charakter der frühen Gnostik, die eine engere Verbindung mit dem Christentum noch nicht eingegangen war, und räumen letzterem keine bedeutsame Stellung ein, wenngleich sie CHRISTUS zweimal, als „Gott der Juden“ und zusammen mit ABRAHAM, ISRAEL und JAKOB erwähnen, — wie dieses auch andere Zauberpapyri des nämlichen Zeitalters tun, die von „JESUS AMMON“, „JESUS OSIRIS AMMON“ und anscheinend auch von „JESUS ANUBIS“ sprechen⁠[2730].

Das Heil, das der Dienst des MITHRAS den „Söhnen“ oder „Kindern“ des Gottes (d. h. seinen Anhängern)⁠[2731] verheißt, ist im wesentlichen, wie bei den Gnostikern, die Auferstehung, der Aufstieg der Seele nach dem Tode, aber auch die Himmelfahrt und Vereinigung mit der höchsten Gottheit noch während des Lebens, im Zustande der Ekstase⁠[2732], durch die man „wie es alltäglich geschieht, den Grenzen dieser Welt entrückt und ein Teil des Gottes im Himmel wird“⁠[2733]. Der Geheimdienst symbolisiert die Schicksale der Gläubigen, indem er einen Gott sterben und in das Totenreich niederfahren läßt, worauf er beklagt, gesucht und gefunden wird, kraft höherer Macht aufersteht und wieder gen Himmel fährt⁠[2734]; aus den Ähnlichkeiten dieser Formen mit denen anderer analoger Kulte erklären sich gewisse gemeinsame Züge, wie z. B. die Entlehnung des Ausrufes εὑρήκαμεν („er ist gefunden“) aus den OSIRIS-Mysterien in ihrer späten Gestalt⁠[2735]. Auch die an dem einzelnen Mysten vorgenommenen Zerimonien betreffen Tod und Begräbnis, äußere und innere Reinigung, Wiedergeburt und Auferstehung⁠[2736] und machen seine Seele würdig, später den Weg in den obersten Himmel zu finden, oder schon jetzt den Anblick des MITHRAS zu ertragen, der dem in völliger Ekstase Befindlichen als „König“ in scharlachrotem Mantel erscheint⁠[2737].

Während der Pariser Zauberpapyrus die ekstatische Himmelfahrt in einer Weise beschreibt, die der älteren persischen Auffassung, die nur drei Himmel kennt, noch nähersteht⁠[2738], lassen jüngere Berichte, die uns hauptsächlich in des KELSOS Schrift „Das wahre Wort“ (verfaßt um 150) erhalten sind⁠[2739], sie in 7 Stufen vor sich gehen und verknüpfen sie auf das engste mit der Lehre von den 7 Planeten. „Daß es einen Weg der Seelen zur Erde und von der Erde hinweg gibt, — so sagt KELSOS[2740] —, bezeugen PLATON und die Mysterien des MITHRAS bei den Persern.... Ihr Sinnbild ist wie folgt beschaffen: eine Leiter (κλῖμαξ, Klímax) mit 7 hohen Toren, darüber aber ein achtes; die Tore sind aus Blei, Zinn, Erz, Eisen, Mischmetall, Silber und Gold, zugeschrieben dem KRONOS (weil das Blei die Langsamkeit dieses Sternes anzeigt), der APHRODITE (weil man mit ihr die Helle und Weiße des Zinns vergleicht), dem ZEUS (weil das Erz stark ist und der Palast des ZEUS χαλκοβατής heißt, d. i. mit erzener Schwelle versehen)⁠[2741], dem HERMES (weil sich das Eisen, gleich ihm, betriebsam, arbeitsselig und alle Mühen ertragend zeigt), dem ARES (weil das Mischmetall wechselnd und mannigfaltig ist wie er), der SELENE und dem HELIOS (weil Silber und Gold ihre Färbungen nachahmen).“ Dieser κλῖμαξ ἑπτάπυλος (7toriger Klimax), dessen Toren ursprünglich wohl nur die Farben der 7 Planeten und ihrer Sphären und erst späterhin die diesen Farben entsprechenden Metalle zugeschrieben wurden⁠[2742], ist offenbar eine Nachbildung des babylonischen Stufenturmes⁠[2743], der schon der Vision des Patriarchen JAKOB von der Himmelsleiter zugrunde liegt⁠[2744], und gilt als Sinnbild der stufenweisen Erhebung der Seele zum „Höchstthronenden“⁠[2745], dem großen MITHRAS, dem Allgotte, dessen Name in der Schreibweise Μείθρας auch den Zahlenwert 40 + 5 + 10 + 9 + 100 + 1 + 200 = 365 besitzt⁠[2746]. An den 7 Toren stoßen die aufsteigenden Seelen der „Guten“ auf die „göttlich-dämonischen“ Gestalten der 7 „Hüter“⁠[2747], geben sich ihnen durch den rechten Vortrag der erlernten Formeln und Worte als „Geweihte“ zu erkennen, legen die beim Abstiege in Empfang genommenen schlechten Hüllen wieder ab, durchschreiten die Tore (wie das auch die zuerst um 180 verfaßten „Oracula chaldaica“ schildern)⁠[2748] und schweben schließlich als „sublimierte Monaden“ zum Empyreum empor⁠[2749]. Dieser Wichtigkeit der Sphären gemäß erscheinen den Gläubigen schon während des Geheimdienstes, neben den 7 himmlischen Schicksals-Göttern und -Jungfrauen und den 7 Bewahrern der Weltachse, — diese sind wohl nach persischer Anschauung die Sterne des großen und kleinen Bären —, die „7 unsterblichen Gottheiten der Welt“, d. s. die 7 Planetengötter, für die in den Mithräen 7 Nischen und 7 Tore bereitstanden⁠[2750]. Ihnen entsprechen die 7 Grade der Eingeweihten, die in späterer Zeit zufolge der allgemeinen Verbreitung der Mithrasverehrung im römischen Heere zugleich als eine Art militärischer Rangordnung der „MITHRAS-Armee“ gedacht waren⁠[2751], ursprünglich aber besondere, zum Teil dem Tierreiche entnommene Geheimnamen führten, aus denen sich auch das Brüllen, Heulen, Pfeifen und Schnalzen der Mysten erklärt⁠[2752]. Für die Anrufung der Planetengötter, die am erfolgreichsten an den ihnen zugehörigen Wochentagen geschah⁠[2753], bestand ein ausführliches und verwickeltes Ritual, das auch hier wieder den Priestern eine hervorragende Bedeutung als „Mittler“ zwischen Mensch und Gottheit sicherte⁠[2754]. Die Rolle des MITHRAS selbst war dabei zwar nicht ganz einheitlich, indem er bald als Weltherrscher und Allgott gefeiert wurde, bald nur als dessen „erste Emanation“, als Logos, himmlisches Pneuma, Inbegriff der (bei den Persern seit altersher göttlich verehrten) Elemente und Demiurgos, der in höherem Auftrage die Welt schuf und gestaltete, sie regiert und über sie wacht⁠[2755], — aber derlei Widersprüche beschwichtigte die Überlegung, daß im Grunde doch „Alles nur Eines“ und der Oberherr mit seiner Emanation identisch sei.

Als Gottheiten, die teils nur als Begleiter des MITHRAS aufgefaßt, teils aber auch (mehr oder minder weitgehend) ihm gleichgesetzt wurden, sind zu erwähnen⁠[2756]: SCHAHREWAR, der persische Kriegsgott(?) und „Beherrscher aller Metalle⁠[2757], — aus welcher Eigenschaft sich vermutlich die Zuteilung des „Mischmetalles“ an ARES erklärt —, und der Gott der unendlichen Zeit, ZERVAN = CHRONOS = KRONOS = SATURN. Er ist ein löwenköpfiges Ungeheuer in Menschengestalt, von Schlangen umwunden und mit den Abzeichen der Planeten geschmückt, gilt als Vater sämtlicher Götter, die er erzeugt und deren Kräfte er in sich vereint enthält, und ist Herr und Führer der vier Elemente, aus denen die ganze Welt besteht, und daher auch Schaffer und Zerstörer alles Vorhandenen. Als KRONOS-MITHRAS wird er auch abgebildet mit dem schon der Antike wohlbekannten Attribute des Himmelsschlüssels, mittels dessen er den Geweihten die Tore der 7 Himmelsstufen erschließt, und dessen Besitz ihm auch gewisse Pseudepigraphen zuschreiben, als deren Verfasser OSTANES und der „Prophet und Himmelswanderer“ KRATES [= CHRAT, Beinamen des ägyptischen HORUS] genannt werden; κλείς = Schlüssel, im Sinne von „Wunderschlüssel“, ist daher, wie schon weiter oben erwähnt, auch ein beliebter Titel magischer und astrologischer Zauberbücher, ja die koptischen Gnostiker verstehen nicht selten unter κλείς CHRISTUS, der übrigens schon im Evangelium des LUKAS[2758] κλείς γνώσεως = „Schlüssel der Erkenntnis“ genannt wird⁠[2759].