Unter dem Namen der Ssâbier[2760] bergen sich die Harrânier, d. s. die Bewohner der Stadt Harrân (= Karrhae), die sich im nördlichen Mesopotamien unweit Edessa erhob, nach alter (irrtümlicher) Überlieferung etwa an der Stelle des babylonischen und als Heimat ABRAHAMS auch biblischen Ur[2761]. Harrân bildete seit frühester Zeit einen wichtigen Mittelpunkt ost-westlichen Verkehrs und Handels, — schon der Prophet EZECHIEL (6. Jahrhundert v. Chr.) zählt es unter den „Krämern von Tyrus“ auf[2762] —, war dem Monde geweiht und seiner Gestalt gemäß (halbmondförmig) erbaut[2763] und in babylonischer, assyrischer, syrischer, römischer, christlicher und arabischer Zeit hochberühmt als Sitz uralter Heiligtümer und vor allem als Kultstätte des Mondes, der daselbst als SIN, SELENE, und androgyner DEUS LUNUS verehrt wurde[2764].
Als Ssâbier bezeichneten sich die Harrânier nicht schon zur Zeit der arabischen Eroberung (639)[2765], vielmehr legten sie sich diesen Namen erst um 830 unter dem Khalifen ALMAʿMUN bei, der ihnen als „ungläubigen Heiden“ völlige Ausrottung ankündigte. Den von solcher Gefahr Bedrohten erteilte ein schlauer muslimischer Rechtsgelehrter gegen schwere Bezahlung den Rat, sie sollten sich als jene Ssâbier ausgeben, über die niemand mehr irgend Genaueres wisse, denen jedoch der Koran an drei Stellen Duldung zugesagt habe; dies geschah seinerzeit jedenfalls, weil man ihre Sekte, die der mesopotamischen Elkesaïten (die zwar verwandt, aber nicht identisch sind mit den Mendaïten, Mandäern oder „Johannes-Christen“, deren dürftige Reste sich bis auf den heutigen Tag erhielten), trotz des starken Einschlages heidnischer Elemente für eine christliche ansah[2766]. Der Name Ssâbier ist syrischen Ursprunges und bedeutet die sich (zu kultischen Zwecken) „Waschenden“, vielleicht auch „Taufenden“[2767]. Tatsächlich sind auch die Ssâbier Reste echt syrischer Heiden und in vieler Hinsicht Bewahrer der alten heidnischen Religion und des alten, durch chaldäische und persische Einflüsse abgeänderten Sterndienstes, wie er etwa bei der spätbabylonischen Landbevölkerung üblich gewesen sein mag[2768]. Verhältnismäßig früh wurden sie mit hellenistischer Litteratur und Philosophie vertraut, nahmen sodann hermetische, gnostische und neuplatonische Lehren auf[2769], und während ihr Schrifttum und ihre Übersetzungen auch weiterhin syrisch blieben, fühlten sie sich einerseits als Zugehörige des ererbten Glaubens mit seinen noch die babylonischen Namen tragenden Göttern, Tempeln und Kultgebräuchen, andererseits als Träger hellenistischer, namentlich hermetischer und gnostischer Überlieferungen, sowie als Pfleger des hermetischen und gnostischen Gemeinde-Wesens[2770]. In dieser Mischform, die für die Überlieferung zahlreicher alter Traditionen von größter Bedeutung ist, da sie unter dem leichten monotheistischen Firnis neuplatonischer und hermetischer Ideen das rein Heidnische zumeist fast unverändert bewahrte[2771], war das Ssâbiertum spätestens schon im 3. Jahrhundert vorhanden[2772] und machte Harrân zu einem Hauptorte der Fälschung philosophischer, religiöser und mystisch-magischer Schriften, als deren Verfasser u. a. galten: die Propheten und Weisen PYTHAGORAS, PLATON, ARISTOTELES, HERMES „der Fürst der Leute von Harrân“ und sein großer Schüler (oder Lehrer) AGATHODAIMON, HERMES TRISMEGISTOS, „der König, Philosoph, Prophet und Patron der untergeschobenen Bücher“[2773], der große Zauberer OSTANES[2774], usf. Die Eroberung durch die Araber, die in Harrân die erste Bekanntschaft mit dieser ganzen Art der Litteratur gemacht haben dürften, änderte nichts an den bestehenden Verhältnissen, um so mehr als die Ssâbier sich als sehr anpassungsfähig erwiesen und eine ganze Anzahl arabisch schreibender Gelehrter hervorbrachten, u. a. den berühmten THABIT BEN QORRAH (826–901), sowie den Astronomen ALBATTANI. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts berichten über die Ssâbier und ihren Glauben recht zutreffend ALNADIM im „Fihrist“[2775], der Geograph IBN HAUQAL, sowie der hochgelehrte ALBIRUNI. Nach IBN HAUQAL ist Harrân die Stadt der Ssâbier, bewohnt von 14 Hütern ihrer Tempel, dessen größter erbaut ist von ABRAHAM[2776], der schon nach dem „Buche der Jubiläen“ (2. Jahrhundert v. Chr.) daselbst „die Zeichen der Sonne, des Mondes und der Planeten beobachtete“[2777]. ALBIRUNI meldet, daß die Ssâbier in Harrân, die verschieden von den wahren Ssâbiern im Irâk sind, gleich den alten persischen Königen vor ZOROASTER Sonne, Mond, Planeten und Elemente verehren, deren Idolen und Kultbildern in den Tempeln gewisse Feste feiern, über die er nicht ausreichend unterrichtet sei, und zahlreiche Propheten und Philosophen besäßen, u. a. AGATHODAIMON und HERMES, der auch dem HENOCH, IDRIS und BUDDHA gleichgesetzt werde[2778]. Der „große Tempel“ zu Harrân, d. i. der Mond-Tempel, „in dem SELENE begraben liegt“[2779], war gegen 1050 noch wohlerhalten; entweder in dieser Zeit, gelegentlich eines Krieges mit den Ägyptern, oder im 13. Jahrhundert anläßlich des Mongolen-Einbruches, wurde er gänzlich zerstört und zugleich mit ihm verschwinden auch die Ssâbier spurlos aus der Geschichte[2780].
Im Mittelpunkte der ssâbischen Lehren, über die allein der Araber ALMUSABBIHI ein Buch von 6000 Seiten geschrieben haben soll[2781], steht der Sterndienst[2782], der aber erst einem älteren und nichtsemitischen Kultus eingegliedert worden zu sein scheint. Betreff des letzteren haben sich nur spärliche und späte Andeutungen erhalten, z. B. bei dem ganz unzuverlässigen IBN ALWAHSCHIJAH (um 900) und bei MAIMONIDES (1135–1204)[2783], denen zufolge der „Prophet“ TAMMUZ, der zuerst zur Verehrung der 7 Planeten und 12 Tierkreiszeichen aufforderte, deshalb auf Befehl des Königs von Babylon getötet worden sei[2784]. In der frühesten überlieferten Form der Lehren geben sich diese als wesentlich dem Neuplatonismus entsprungen zu erkennen, wenn auch einem vielfach umgestalteten und erweiterten, so daß Theorien über Pantheismus, Weltseele, Väter und Mütter, tätige und leidende oder männliche und weibliche Prinzipien, Zusammenhalten aller Naturerscheinungen durch geistige Kräfte und Wesen, sympathetische Verbindungen und Einflüsse u. dgl. stark vorwiegen, ferner den Formeln, Zerimonien, Zauberkünsten, theurgischen oder magischen Praktiken, die Einwirkung oder Zwang auf die geistigen Wesen ermöglichen, besondere Bedeutung zugemessen wird[2785]. Die Erhabenheit der Gottheit über die Materie und alles auch nur teilweise Materielle, sowie die Schwäche des Menschen erfordert Vermittler rein geistiger Natur, die in ähnlicher Weise Emanationen der Gottheit sind, wie die Lichtstrahlen solche der Leuchte[2786]; zu ihnen zählen u. a., ganz im Sinne PHILOS, der den λόγος (Lógos) und die δυνάμεις (Dynámeis) schon „Werkzeuge und Diener Gottes“ nannte[2787], die „oberste Ursache“ (= πρῶτον αἴτιον des IAMBLICHOS), die „oberste Vernunft“ (= πρῶτος νοῦς des IAMBLICHOS)[2788], die Notwendigkeit, die Weltordnung, die Seele und verschiedene andere[2789]. Die wichtigsten unter diesen geistigen Wesen und Vermittlern sind aber die Leiter der 7 Planeten, die als „7 Glieder Gottes“ die Welt gestalten, lenken und beeinflussen[2790], als „Väter“ die Elemente hervorbringen, die dann wieder die „Mütter“ aller Einzeldinge sind[2791], und für Aller Augen in den 7 Planeten hervortreten. Den Planeten-Geistern, die teils männlich und weiblich (oder wie SIN, der Mond, androgyn), teils gut und böse, teils glück- und unglückbringend[2792] sind, sowie den „intellektuellen Substanzen“, weihten die Harrânier ihre Tempel, deren älteste und prächtigste ABRAHAM erbaute[2793]; sie bergen als Repräsentanten der unsichtbaren Geister und der nicht stets sichtbaren Planeten deren Idole und Götzen, die daher entsprechend den jenen zugehörigen Formen, Gestalten, Farben, Stoffen und Zahlen anzufertigen sind, da allein unter dieser Voraussetzung die „Kräfte ihrer Sterne“ sich auch wirklich über sie ergießen[2794].
Wollen nun Menschen von den Gottheiten etwas erbitten, so muß dies durch die Priester geschehen, denn diese allein besitzen die zu einer wirksamen Anrufung erforderlichen Kenntnisse der astrologischen und magischen Eigenschaften der Gestirne, sowie die der chaldäischen, persischen, altgriechischen, romaeischen (= neugriechischen), arabischen und indischen Namen oder Worte, die man stets sämtlich auszusprechen hat, damit die jeweilig „angenehmsten“ keinesfalls übergangen werden[2795]. Die Priester wenden sich an die Götzen und durch sie an die Sterngeister, unter deren Einfluß das Erwünschte steht[2796], allenfalls aber auch an solche, die jenen gut befreundet sind, — man kann z. B. APHRODITE um das angehen, was man von ARES verlangt, und sie bei ihm, dessen Gunst wegen seiner großen Macht und Schädlichkeit ohnehin ganz besonders zu suchen ist, Fürbitte einlegen lassen[2797]. Am aussichtsvollsten ist es, wenn man den Planeten anrufen kann, unter dem man geboren ist; aber auch hierbei bleibt es für den Bittsteller wie für den Priester Vorbedingung, daß sie der Gottheit innerlich und äußerlich gereinigt nahen, mit lauterer Seele, ohne niedrige und selbstsüchtige Gedanken, ferner zur richtigen und angenehmen Zeit, z. B. jedem Sterne womöglich an seinem Tage, zu seiner Stunde (der ersten des Tages)[2798], während seiner Kulmination, bei guter Stellung und Nachbarschaft[2799], und endlich unter den richtigen Zerimonien, Gebeten, Anrufungen, Beschwörungen und Gebärden, sowie unter den richtigen, zugehörigen und „angenehmen“ Opfern, bei denen nicht nur die Art und Farbe der Kleider, Räucherwerke, Tiere, Pflanzen, Metalle usf. in Frage kommt, sondern auch die passende Zahl[2800]. Je nachdem man 7 Sphären annimmt oder 9 (z. B. einschließlich derer der Erde und Luft)[2801], hat man daher den Planeten Opfer von 7 oder 9 Lämmern, Schafen, Böcken u. dgl. darzubringen[2802] und sich dabei zu überzeugen, daß die Altäre der Idole die erforderliche Zahl Stufen besitzen, drei für den Mond, vier für MERKUR, fünf für VENUS, sechs für die Sonne, sieben für MARS, acht für JUPITER und neun für SATURN[2803]. Betreff der drei wichtigen oberen Planeten, SATURN, JUPITER, MARS, gelten nach dem „Ghâjat“ die Vorschriften: Kleidung schwarz, weiß, und gelb-rot; Ring aus Eisen, Bergkrystall(?), Kupfer; Räucherpfanne aus Eisen, —, Kupfer; Opfertier schwarzer Bock, weißes Schaf, —[2804]. Indessen gehen die Meinungen nach manchen Richtungen auseinander, so z. B. schreiben einige dem MARS nicht das Kupfer zu, sondern das Eisen, nebst den Leuten, die es bearbeiten und gebrauchen, dem JUPITER aber das Edelmetall und die Leute, die es aus den Gesteinen abscheiden[2805]. Die Berichte wiederum, die ALDIMESCHQI (1256–1327) in seiner „Kosmologie“ anführt[2806], und die sichtlich aus sehr guten alten Quellen geschöpft sind, geben für die 7 Planeten[2807] Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond an: Farben der Tempel schwarz, grün, rot, gelb, blau, bunt, weiß; Farben der Kleider schwarz, grün, blutrot, gelb, weiß(?)[2808], bunt, weiß; Metalle der Idole Blei, Zinn, Eisen, Gold, Kupfer, Mischmetall nebst einem Porzellangefäß voll Quecksilber, Silber; Tag der Verehrung Samstag, Donnerstag, Dienstag, Sonntag, Freitag, Mittwoch, Montag[2809]. Das Quecksilber und ebenso das Gefäß aus Porzellan, einem Material, das im westlichen Asien erst während des 8. Jahrhunderts näher bekannt wurde, sind indessen hier offenbar Einschiebsel einer erst späteren Zeit. In der Liste, die, ssâbischen Ansichten folgend, IBN ALWAHSCHIJAH (um 900) betreff der Planeten, ihrer üblichen und auch auf den „Planeten-Siegeln“ enthaltenen Zeichen und ihrer Metalle überliefert, fehlt das Quecksilber[2810], und ALDIMESCHQI selbst sagt gelegentlich, daß Andere als siebentes Metall das „Châr Ssînî“ betrachten, d. i., wie schon der Name anzeigt, eine aus China stammende Legierung, vielleicht eine Art sehr heller Bronze[2811]. Möglicherweise ersetzte sie zunächst das anfänglich dem Jupiter zugeteilte Elektron (Gold-Silber-Legierung), denn die Behauptung des syrischen Lexikographen BAR BAHLUL (um 950)[2812], die Verbindung zwischen Jupiter und Zinn stamme schon aus sehr alter, wenn auch nicht ältester Zeit babylonischen Heidentumes, ist nachweislich ganz unrichtig. Die zwischen Metallen, Edelsteinen usf. und Planeten erklären aber die Ssâbier daraus, daß die Sterne durch ihre Stellungen, Bewegungen und Kräfte, vor allem aber durch ihre Farben und Lichtstrahlen, alles Bestehende in entsprechender Weise beeinflussen, daher denn die Sonne, das leuchtende gelbe Gestirn, das Gold hervorbringt, SATURN, „dieser in Weisheit und Geheimwissenschaft erfahrene indische (= schwarze) Alte“ das Blei, usw.[2813].
Über die Stifter der ssâbischen Religion besitzen wir Berichte einer großen Anzahl hervorragender arabischer Gelehrter, Historiker und Geographen, u. a. solche des ALKINDI (starb nach 870), IBN AHORDADHBEH (gest. 912), ALMASʿUDI (gest. 958), ALKINDI ALTUDSCHIBI (gest. um 970), der Verfasser der „Schriften der treuen Brüder“ (10. Jahrhundert), des SCHAHRISTANI (gest. 1153), ALQIFTI (gest. 1248), IBN SAʿID (gest. 1274), ABUʿLFARADSCH (gest. 1286), ALDIMESCHKI (gest. 1327), MAKRIZI (gest. 1441), die auch bei diesen letzteren Autoren häufig auf sehr frühe und zuverlässige Quellen zurückgehen. Vielfach herrscht die Überzeugung vor, die ssâbische Religion sei die älteste aller, und bei den Chaldäern, Persern, Arabern, Indern, Chinesen, Türken, Griechen, Römern und sämtlichen „fremden und heidnischen“ Völkern entweder die ursprüngliche oder die seitens der Chaldäer bei ihnen eingeführte[2814], — doch fehlt es gegenüber derartigen Einbildungen auch nicht an Zweifeln, wie denn z. B. ALDIMESCHQI ohne weiteres zugesteht[2815], „daß viele Angaben und Erzählungen der Ssâbier auf lügnerischen Erfindungen dieses heidnischen Volkes beruhen“.
Als Begründer der ssâbischen Religion werden neben ORPHEUS, SOLON, HOMER, dem Astronomen ARATOS[2816], den Verfassern einiger hermetischer Schriften[2817] und ABRAHAM[2818] hauptsächlich angeführt HERMES = HENOCH, sowie AGATHODAIMON = SETH, die sich auch mit ORPHEUS I. und II. identifiziert finden[2819]. Vermittelt wurden diese Gleichsetzungen wohl durch die Syrer, bei denen Synkretismus und neuplatonische Mystik, namentlich seit der Einwanderung der von den „rechtgläubigen“ byzantinischen Kaisern ausgetriebenen Nestorianer[2820] überraschend schnell Boden faßten[2821]; doch ist es nicht ganz ausgeschlossen, daß sie ganz oder teilweise auch erst aus der Zeit nach der arabischen Eroberung herrühren, die nicht nur späthellenistische Pseudepigraphen aller Art mit kritikloser Gläubigkeit aufnahm, sondern sie alsbald auch mit Eifer und Geschick nachzuahmen verstand[2822].
Von HERMES heißt es, daß er gleichzeitig Prophet, Philosoph (oder Astronom) und König war[2823], und zwar nach den einen König von Persien[2824], nach den anderen aber von Oberägypten, wo er als HERMES I. alle überhaupt bekannten Werke verfaßte, die von Magie, Astronomie, Astrologie, Medizin, Zauberei u. dgl. handeln[2825]; auch seine Sprößlinge, die ebenfalls HERMES hießen, waren Könige, und zu ihnen zählt u. a. ALEXANDER DER GROSSE, dessen rechter Name „HERMES, Sohn des PHILIPPOS“ lautete[2826]. HERMES wurde gleichgesetzt mit ʿUTARID (babylon. = MERKUR), mit dem hochberühmten arabischen Propheten IDRIS, d. i. ursprünglich dem Apostel ANDREAS[2827], und samt diesem dem Urpatriarchen HENOCH[2828]. Vermöge seiner geheimen Kräfte, — denn er war „dreifach an Weisheit“ —, stieg er empor bis zur Sphäre des SATURN (= zur äußersten), verweilte in ihr 30 Jahre (= Umlaufszeit des SATURN), nahm von da aus Einblick in alle Zustände des Weltalls und kehrte dann zur Erde zurück, wohlbewandert in der Kenntnis des Planeten-Umlaufes und aller Himmels-Erscheinungen[2829]. Auf solches Wissen gestützt erschloß er aus der Stellung der Gestirne das Nahen der Sündflut und errichtete deshalb zur Sicherung seiner Schätze und Manuskripte die Pyramiden, deren jede, „wie alle ägyptischen Tempel“, 7 den 7 Planeten geweihte Kammern enthält, auf deren Wänden magische, astronomische, astrologische, medizinische, chemische und andere Inschriften stehen[2830]; der Khalif HARUN ALRASCHID ließ, als er nach Ägypten kam, eine von ihnen „mit Feuer und Essig“ öffnen, aber ohne Ergebnis und vor allem ohne die Schätze zu finden[2831].
Der „ägyptische“ AGATHODAIMON, der kein anderer ist als SETH, der Sohn ADAMS[2832], soll nach einigen ein „griechisch-ägyptischer Prophet“, tausend Jahre älter als HERMES und dessen Lehrer gewesen sein[2833], nach anderen aber sein Jünger und Schüler[2834]; um diese Widersprüche zu vereinigen, nahm man auch an, daß es mehrere HERMES gegeben habe[2835], u. a. einen ägyptischen, „der die ägyptische Religion begründete“[2836], und einen babylonischen, „einen der 7 Diener des Tempels, nämlich jenes des ʿUTARID“ (= MERKUR)[2837]. Dieser letztere ging aber nach manchen ebenfalls nach Ägypten, lehrte die Priester zu Memphis die Astrologie und Geheimwissenschaft, über die er zahllose religiöse, philosophische und alchemistische Werke verfaßt hatte, und zeichnete gemeinsam mit AGATHODAIMON seine Lehren auch auf den Tempel-Stelen auf, aus deren Inschriften später (was schon IAMBLICHOS als wohlbekannt berichtet) PYTHAGORAS und PLATON ihre Weisheit schöpften[2838]. Nicht sicher ist, welcher der verschiedenen HERMES der Lehrer des AGATHODAIMON war; viele nehmen an, es sei HERMES TRISMEGISTOS gewesen[2839], der sein ganzes Leben philosophischem Nachdenken und wissenschaftlichen Versuchen widmete, — u. a. erfand er dabei die Glasur der Tongefäße mittels Salmiak[2840] —, und nach seinem Tode als Lichtsäule gen Himmel fuhr[2841]. Nach allgemeiner Annahme sind er und AGATHODAIMON in den beiden großen Pyramiden begraben[2842], während die drittgrößte den SSABI BEN HERMES bergen soll, — eine offenbar erst nachträglich als „Heros epónymos“ (Namengeber) der Ssâbier erdachte Persönlichkeit[2843].
Nur ganz kurz sei an dieser Stelle der oben erwähnten Mandäer gedacht, aramäischer Stämme, die im mesopotamischen Delta (im Irak) wohnten[2844] und anscheinend mancherlei Gemeinsames mit den Manichäern besaßen, über die erst in neuester Zeit die Funde zu Turfan im chinesischen Turkestan helleres, doch bei weitem noch nicht ausreichendes Licht verbreiteten.
Die Religion der Mandäer ist eine Mischbildung, die, soweit ihre erst im 3. bis 6. Jahrhundert abgefaßten „heiligen Schriften“ ein Urteil gestatten, aus ursprünglich rein heidnischen und verhältnismäßig einfachen Grundlagen unter dem Einflusse babylonischer, chaldäischer, persischer und gnostischer Anschauungen entstand[2845]. Die Welt ist ihr eine Mischung von Gutem und Bösem, Licht und Finsternis, hervorgebracht durch eine androgyne Urgottheit, und zwar nicht miterzeugt, aber mitbeherrscht von den halbbösen und bösen 7 Planeten-Dämonen[2846]. Bei der Weltschöpfung entstand ein Festland mit 7 Ringmauern, durch die das feindselige böse Wesen Ur von der Oberwelt so abgeschlossen ist, daß auf seinem Leibe die Erde ruht, in Gestalt 7 flacher Schichten aus (7) Metallen, „Ambosse“ genannt[2847]. Ferner bildeten sich aus der Urmasse, der „Mutter der Welt“[2848], unter Einwirkung des „Wassers des Lebens“[2849] die 7 Planeten, die als „7 Leuchten der Welt“ auf Wagen fahren und SAMOS (Sonne), LIBAT (DILBAT, VENUS), SIN (Mond), KIWAN (SATURN), BEL (JUPITER), NIRAGH (MARS) und ENBU (NEBU, MERKUR) heißen, aber auch vielerlei andere, zum Teil babylonische Namen führen[2850]. Die 7 Planeten regieren die 7 Weltperioden oder Weltreiche[2851], sie lenken durch ihre Bewegungen alle Vorgänge auf Erden[2852] und bestimmen namentlich, getreu den Aufzeichnungen des „weisen Schreibers NEBU im Buche der Schicksale“, die Erlebnisse der Menschen[2853]. Den zur Erde hinabsteigenden Seelen erteilen sie ihre Laster und stürzen sie dadurch in endloses Unglück; aus diesem befreit die Würdigen (= Gläubigen) die gute erlösende Gottheit und führt sie nach dem Ende des Lebens zu ihrem Sitze in den obersten Himmel zurück[2854].
Nach REITZENSTEIN ist es bemerkenswert, daß, wie manche mandäische Namen (z. B. ABATUR für HERMES)[2855], so auch vielerlei Lehren und Anschauungen der Mandäer sichtlich iranischen Ursprung oder doch iranische Gestaltung aufweisen[2856]; zu diesen zählen die vom Aufstieg der Seele[2857], vom großen Drachen (der babylonischen Tiamat)[2858], sowie vom Feuer und Wasser, den beiden enge mit der dualistischen Theorie zusammenhängenden Grundstoffen[2859]. Ursprünglich ist das Feuer der gute und männliche, das Wasser der schlechte und weibliche; bei den Mandäern wird diese Einteilung aber in ihr Gegenteil verkehrt und bleibt so auch bei einigen christlich-gnostischen Sekten bis in das 2. Jahrhundert hinein bestehen[2860], während andere, unter Einmischung der griechischen Lehre von den vier Elementen, Feuer und Luft als ψυχικὰ στοιχεῖα (seelische Elemente) ansehen, Wasser und Erde aber als σοματικὰ στοιχεῖα (körperliche Elemente)[2861]. Die nämlichen iranischen Einflüsse machen sich zugleich mit jenen der griechischen Philosophie[2862] auch schon frühzeitig in der hermetischen Litteratur bemerkbar[2863], und ebenso zusammen mit jenen der phrygischen Götterlehre in den gnostischen Offenbarungs-Schriften[2864]: es entstammen ihnen u. a. der zweigeschlechtliche Urmensch, die Göttin PSYCHE, die in die Materie herabsinkt und wieder in den Himmel heimkehrt[2865], sowie verschiedene kosmogonische Züge, die vermutlich auf dem Wege über die in großem Ansehen stehende Tradition, insbesondere die volkstümlich-hellenistische, Eingang fanden[2866]. Den iranischen Mythen, deren religiöse Nachwirkung überhaupt außerordentlich hoch einzuschätzen ist[2867], entnahm vieles höchst Bedeutsame auch MANI (216–276), der Begründer des Manichäismus, der die christliche und die persische Religion miteinander zu verschmelzen suchte[2868]; auch er schöpfte indessen nicht unmittelbar aus orientalischen Quellen, sondern aus älteren griechischen, in frühhellenistischer Zeit entstandenen Vorlagen, von denen sich Überreste in den Zauberpapyri erhalten haben[2869]. Aus allen den genannten Litteraturkreisen hinwiederum gingen iranische Lehren zu den Ssâbiern über[2870], ferner zu den früharabischen „Treuen Brüdern“ (s. unten)[2871], sowie auch zu den eigentlichen arabischen Hermetikern, die indes bisher nur sehr unzureichend erforscht sind[2872].