Dritter Abschnitt.
Chemie und Alchemie.

1. Die Technik in Ägypten.

Schon die ersten neuzeitlichen Autoren, die sich nach Wiederauffindung der alchemistischen Schriften näher mit deren Inhalte beschäftigten, erkannten in zutreffender Weise als Grund der Erscheinung, daß gerade Ägypten zur Stätte alchemistischer Entwicklung geworden sei, die Tatsache, daß sich in diesem Lande seit altersher die Gewinnung und Verarbeitung der Edelmetalle, sowie die Herstellung von Glasflüssen, gefärbten Stoffen, Heilmitteln, Räucherwerken usf. eifriger und erfolgreicher Pflege erfreuten.

Betreff der letztgenannten Gegenstände reichen begreiflicherweise weder Funde noch schriftliche oder bildliche Überlieferungen bis in die früheste Epoche zurück. Was hingegen Glas anbelangt, so wissen wir, daß schon zur Zeit der HORUS-Verehrer (um 3500 v. Chr.) Perlen aus Kalk-Natron-Glas, und zu jener der Thiniten-Dynastie (3315–2895) hellblaue Glasstücke als Schmuck dienten⁠[2873], daß man um Beginn des 3. Jahrtausends allerlei farbige Glasflüsse, bunt glasierte Ziegel und polychrome Kacheln anfertigte⁠[2874], und daß schon vor 2000 jene prächtige blaue Glasur der Tonwaren bekannt war⁠[2875], deren Bereitung nach Ansicht einiger Forscher zur Erzeugung der eigentlichen Glasgeräte führte, die man ursprünglich nur dunkel (meist grün) und undurchsichtig, im 15. Jahrhundert aber auch schon weiß und durchsichtig herzustellen verstand⁠[2876]. Eine Vase aus der Zeit der 4. Dynastie (etwa um 2800) fand BERTHELOT noch aus einer bloßen Fritte von Quarzsand, Kochsalz und Bleiglätte bestehend⁠[2877]; um 2000 war aber bereits richtiges Glas vorhanden. Einen unter der Regierung AMENEMHETS (um 1830) angefertigten und seinen Namen zeigenden Glaswürfel, aus einem Bündel verschiedenfarbiger Glasstäbe bestehend, bewahrt das Berliner ägyptologische Museum, und ebenda sind auch schöne und große Glasperlen zu sehen, die die Gemahlin THUTMOSIS III. (um 1475) schmückten. Dem nämlichen Herrscher sandte auch der König von Assur „echten“ Blaustein oder Chesbet (Lasurstein)⁠[2878], der neben Grünstein oder Mafek (Malachit), — die diesen hervorbringende Sinaihalbinsel heißt ebenfalls Mafek⁠[2879], — der älteste in Ägypten übliche Schmuckstein war⁠[2880]. Aber schon um 2500 ist in einer Inschrift⁠[2881], um 2000 im Papyrus WESTCAR[2882], und in derselben Zeit und um 1700 in ägyptischen Märchen⁠[2883] von solchem „echten“ Blaustein die Rede, offenbar im Gegensatze zum „unechten“: dieser ist, neben dem aus ägyptischem und cyprischem Bergblau oder Kupferlasur bestehenden⁠[2884], der „in Ziegel gegossene“, κύανος χυτός (gegossener Blaustein), von dem noch THEOPHRAST berichtet, „die Kunst seiner Herstellung sei zur Zeit gewisser ägyptischer Könige erfunden worden“⁠[2885]. Teile solchen blauen Glasflusses sind neben anderen farbigen Glasstücken aus Gräbern der mykenischen Periode und ferner als Einlagen eines Alabasterfrieses aus den Trümmern von Tiryns (um oder vor 1500) zutage gekommen⁠[2886]; auch der blaue Wandschmuck (κύανος), mit dem HOMER den Palast des ALKINOOS ausstattet⁠[2887], war sicherlich nichts anderes als derartiger „unechter“ Blaustein.

Die Kunst, eigentliche Glaswaren zu gießen, sowie die, Glas zu blasen, die man bis vor kurzem, infolge unrichtiger Deutung einiger Wandzeichnungen, bis in das zweite Jahrtausend zurückverlegte, haben jedoch keinen Anspruch auf ein so hohes Alter; sie stammen zwar ebenfalls aus Ägypten, kamen jedoch erst gegen Beginn unserer Zeitrechnung in Gebrauch⁠[2888]. Auch buntes durchscheinendes Glas herzustellen, verstand man wohl kaum vor dem 7. Jahrhundert⁠[2889].

Hinsichtlich der Edelmetalle ist zu erwähnen, daß das älteste Ägypten und auch seine unmittelbaren Nachbarstriche arm an reinem Silber waren, das daher bis gegen Beginn des neuen Reiches (um 1500) äußerst kostbar und meist höher geschätzt als Gold blieb⁠[2890], während dieses, und zwar sowohl durch bergmännische, wie durch Wascharbeit gewonnenes „Berggold“ und „Wassergold“, schon sehr frühzeitig in verhältnismäßig großer Menge zur Verfügung stand und den Gegenstand eines ausschließlich königlichen Monopoles bildete. Muttergestein des nordostafrikanischen Goldes sind die Quarzgänge der krystallinischen Schiefer, die im eigentlichen (oberen) Ägypten, etwa von Koptos (Kuft) bis Assuan, zwischen Nil und Rotem Meer auftreten, in weit umfangreicherem Maße aber etwas südlicher, in der schon zum Goldlande Nubien (nub = Gold) gehörigen Landschaft Kusch, und zwar hauptsächlich im Wadi ʿOllâki, einem Tale, das sich gegen das Rote Meer zu erstreckt, außerdem aber auch in anderen Gegenden der äthiopischen (= nubischen und abessinischen) Ländereien⁠[2891]. Das Gold dieser Lagerstätten, die zum Teil vor kurzem wieder aufgedeckt wurden⁠[2892], findet sich unter dem Namen Wasser- oder Flußgold, Berggold, Gold von Kusch, Gold von Edfu, Ombo, Kuft (d. s. Orte, an denen die Wüstenstraßen den Nil erreichen), nubisches Gold usf., schon in Inschriften des 3. Jahrtausends als etwas längst Wohlbekanntes erwähnt⁠[2893]. Das „Flußgold“, dessen glänzende schwere Flitter und Körner wie in den verschiedensten Ländern der Erde so auch in Ägypten naturgemäß die Aufmerksamkeit der Bewohner zuerst auf sich zogen, gewann man aus dem Sande (ἄμμος: ψάμμος χρυσίτης = goldführender Sand) durch Waschen, Schlämmen und Auffangen der feinsten Teilchen in Fellen oder Tüchern⁠[2894], und das älteste hieroglyphische Zeichen für Gold stellt ein derartiges, zwecks Abpressen des Wassers zusammengewundenes Seihetuch dar. Über die bergmännischen Verfahren besitzen wir erst aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. einen Bericht des AGATHARCHIDES, und auch diesen nur in den bei DIODOR (um 40 v. Chr.)⁠[2895] und bei PHOTIOS (10. Jahrhundert n. Chr.) erhaltenen Auszügen mit ihren in lebhaften Farben gehaltenen Schilderungen der entsetzlichen Leiden und Qualen der (meist auf Lebenszeit) zur Bergwerksarbeit Befohlenen und Verurteilten. Schon in der ältesten Zeit, zu der man sich, den gemachten Funden nach, noch allein steinerner oder kupferner Werkzeuge bediente, ließen indessen die „königlichen Beamten und Fronvögte der Goldbergwerke in der Wüste“, von denen die Inschriften sprechen⁠[2896], die Arbeiten in wesentlich derselben Weise betreiben wie ihre späten, im Dienste der Ptolemäer stehenden Nachfolger⁠[2897]: man legte Stollen in der Richtung der Quarzgänge an, machte das Gestein durch Feuer mürbe, brachte die groben Stücke heraus ans Tageslicht und zerstampfte sie in steinernen, dem Felsmassiv abgewonnenen Gruben („Mörsern“) mit steinernen oder metallenen Stößeln bis zur Erbsengröße; diese kleineren Brocken zerrieb man in Handmühlen, rührte das feine Mehl mit Wasser an und sonderte aus dem so gewonnenen Schlick das Gold durch sorgfältiges Schlämmen ab. Schließlich schmolz man es zusammen, — wozu man die Öfen schon zur Zeit des alten Reiches (2895–2540) mit Rohren anblies, zu der des neuen (1580–1100) aber mit Blasbälgen, auch mit doppeltwirkenden⁠[2898] —, goß es in Ziegel, Platten, Stangen oder Ringe und wog es in dieser Form (während für Waschgold das Füllen in Beutel von gewissem Inhalte gebräuchlich blieb)⁠[2899]. Das auf solchem Wege hergestellte Metall erreichte selten einen Gehalt von mehr als etwa 92% Gold⁠[2900], war zuweilen von etwas Platin begleitet⁠[2901] und enthielt stets erhebliche Mengen Silber, von dem schon einige Prozente genügen, um jenen weißlichen Schimmer des „Elektrons“ hervorzubringen, der so zahlreichen Funden aus älterer Zeit eigen ist⁠[2902]. Die Inschriften erwähnen vom 3. bis in das 1. Jahrtausend herab gewöhnliches, feines und gutes Gold, Gold „von zweimal“ und „von dreimal“ (wiederholt umgearbeitetes?), Gold von der Wage, Silber-Gold, Weißgold, sowie Ismu oder Asemu (= Elektron)⁠[2903]. Die seitens mancher Forscher angenommene Identität von Weißgold und Elektron bleibt fraglich, da manche Inschriften beide nebeneinander nennen⁠[2904], so wie auch der „Papyrus HARRIS“ (13. Jahrhundert) von „⅔-Gold, feinem Gold und Weißgold“ spricht⁠[2905], und ein Brief aus dem Ende des 12. Jahrhunderts von „Gold, feinem Gold und Silbergold“⁠[2906]. Endlich ist, außer von „⅔-Gold“, auch von „Kupfer mit der Farbe von ⅓-Gold“ die Rede⁠[2907]. Die erwähnte wiederholte Umarbeitung geschah vermutlich durch Umschmelzen des Goldes, für sich oder mit irgendwelchen Zusätzen; eine durchgreifende Reinigung durch eine Art Kuppelation, die Gold von 99,7–99,8% lieferte, wird aber erst nach Beginn der persischen Eroberung (6. Jahrhundert) nachweisbar und dürfte aus Lydien stammen, wo sie zur Zeit der in diesem Lande zuerst ausgeübten Münzprägung, im 7. Jahrhundert, erfunden worden zu sein scheint⁠[2908]. Nach AGATHARCHIDES brachten die Schmelzer (ἑψηταί) zu diesem Zwecke gewisse abgewogene Mengen Gold, Kochsalz, Blei, Zinn (κασσίτερος, Kassíteros) und Gersten-Kleie oder -Spreu in Tontiegel, legten die Deckel auf, verstrichen sie sorgfältig mit Lehm und setzten die Gefäße hierauf fünf Tage lang dem Feuer der (nicht näher beschriebenen) Schmelzöfen aus, worauf dann das Gold fast mit seinem ursprünglichen Gewichte, aber nun völlig rein, zurückblieb [offenbar indem das Silber in Chlorsilber übergeführt und samt der Schlacke von den porösen Tiegelwänden aufgesaugt wurde]⁠[2909].

Diese Gewinnung des Goldes in den Wäschen und Bergwerken, die in wechselnder Ausdehnung und mit wechselndem Erfolge die ptolemäische, römische, byzantinische und arabische Herrschaft überdauerte⁠[2910] und angeblich erst nach der türkischen Eroberung Ägyptens völlig zum Stillstande kam, verschaffte dem Lande den Ruf außerordentlichen und im Laufe der Zeiten durch das Gerücht immer übertriebener geschilderten Reichtums. Die Ufer des Nils sollten bedeckt sein vom ψάμμος χρυσίτης, dem goldführenden Sande, dessen edles Erz man nur vom gemeinen Sande der unedlen, bei OLYMPIODOROS (6. Jahrhundert) selbst ψάμμοι geheißenen Metalle zu trennen brauchte, und noch der byzantinische Gelehrte und Schriftsteller PSELLOS (1018–1078) kündet das Lob dieses hochberühmten „Chrysites der Ufer“, der „arena litoralis“ (des Ufersandes)⁠[2911]. Nach dem Araber ALHABIB (8. Jahrhundert?) gewannen die alten Ägypter unendliche Schätze aus „Sand“⁠[2912], JAʿQUBI (9. Jahrhundert) preist den unermeßlichen Goldertrag Oberägyptens⁠[2913], und ein Brief des 9. Jahrhunderts aus dem „Papyrus RAINER“ meldet den Abgang einer Goldsendung aus Nubien, „wo das Gold im Sande wächst wie in Arabien die gelben Rüben“⁠[2914]. Bei QALQASCHANDI (gest. 1418), der eine „Geschichte der Geographie und Verwaltung von Ägypten“ seit dem 10. Jahrhundert schrieb, heißt es auf Grund älterer Quellen⁠[2915]: „Ein Berg bei Fustât (= Kairo) führt den Namen Al-Muqattam, nach einigen deshalb, weil auf ihm ein Priester MUQATTAM wohnte, der sich mit Alchemie beschäftigte, ... aber der Autor der „Duftenden Gärten“ sagt: wenn man seine Erde sorgfältig behandelt, so wird reines Gold aus ihr gewonnen.“

HELIODOROS erwähnt in seinen um 250 n. Chr. verfaßten romanhaften „Äthiopischen Geschichten“, daß in Abessynien die Ameisen Gold graben und zutage bringen⁠[2916]; sein Zeitgenosse AELIAN[2917] sowie OLYMPIODOROS stimmt ihm hierin bei, und auch gewisse der vielleicht gleich alten Quellen des apokryphen „Steinbuches des ARISTOTELES“ gedenken der goldfördernden Ameisen und bezeichnen den weisen König SALOMON als ihren Herrn⁠[2918]. Vorstellungen dieser Art entstammen Sagenkreisen, die sich schon im alten Griechenland weiter Verbreitung erfreuten. Bereits um 550 v. Chr. vollendete ARISTEAS sein von orphischen Vorstellungen beeinflußtes Gedicht „Arimaspeia“⁠[2919], dem zufolge die Völkerschaften der einäugigen Arimaspen das Gold unter schrecklichen Gefahren den es behütenden wilden Greifen rauben⁠[2920], die er in den äußersten Norden, AISCHYLOS aber in den äußersten Osten versetzt; neben diesen Greifen kennt „goldgrabende Ameisen Indiens, ... kleiner als Hunde, aber größer als Füchse“ schon HERODOT[2921]. KTESIAS scheint dann die eingeschnürten, sehnig-mageren Leiber der geflügelten Greifen mit denen der Ameisen zusammengeworfen zu haben⁠[2922], und schließlich gestalteten jüngere Berichte diese Überlieferungen noch weiter aus⁠[2923]. Was ihren tatsächlichen Untergrund betrifft, so hält HUMBOLDT die Arimaspen für Bewohner der Abhänge des goldreichen Altai, die „Ameisen“ erklärt er aber, auf Beobachtungen des Reisenden VIGNE hin, für die Murmeltiere Tibets, die dort auch heute noch den goldhaltigen Sand der Gebirge aufzuwühlen pflegen⁠[2924]; dieser Deutung der Herkunft des Ameisengoldes aus Tibet, — dessen Landschaft Dardistan schon zur Zeit des Königs DARIUS jenes Gold lieferte, das (laut HERODOTS Erwähnung) die nordwestlichen Inder dem Herrscher als Tribut darbrachten —, stimmten auch viele andere Gelehrte zu⁠[2925], doch ist zu erwähnen, daß einheimische indische Quellen die Sage ebenfalls anführen und hierbei wirklich von Ameisen (pripîlika) sprechen⁠[2926]. Da solche aber bei den Indern häufig als Dämonen angesehen und verehrt wurden⁠[2927], während man wieder im mittleren und nördlichen Asien den das Gold (und andere Metalle) Fördernden und Bearbeitenden nicht selten dämonische Eigenschaften zuschrieb, so ist die eigentümliche Vorstellung vielleicht durch Verbindung dieser beiden Anschauungen zustande gekommen⁠[2928].

Die Verarbeitung der Edelmetalle zu Kunstgegenständen und Schmuck, das Abwägen, das Schmelzen in Tiegeln, die Herstellung von Hals- und Armbändern usf. waren in Ägypten schon im 4. Jahrtausend wohlbekannt und hatten, wie Abbildungen und einzelne Funde zeigen, bereits damals eine erstaunliche Stufe technischer und künstlerischer Vollkommenheit erreicht⁠[2929]. In Vollguß verfertigte man jedoch in dieser und auch noch in der nächstfolgenden Zeit nur kleinere Gegenstände, — so z. B. sind noch an der berühmten Statue des Königs PEPI I. (um 2500) Brust, Arme, Beine usf. aus einzelnen Platten hergestellt, die man nachträglich durch Nieten verband⁠[2930] —, und erst gegen 2000 begann man ihn auch auf größere Stücke auszudehnen⁠[2931]. Getriebene, gepreßte und eingelegte Arbeiten waren noch selten, während man sich auf Hohlguß und auf Vergoldung mit Platten und Plättchen um 2000 schon gut, auf Goldschlägerei und Vergoldung mit feinstem Blattgolde aber bereits um 2500 vortrefflich verstand⁠[2932].

Wie weit Kunstfertigkeiten solcher Art zurückreichen, zeigt die Überlieferung, daß der Gott PTAH selbst die ersten Statuen der Götter angefertigt und sie mit Gold, Blaustein und Grünstein geschmückt habe⁠[2933]; er ist daher, wie schon weiter oben angeführt, der „Herr der Goldschmelze und Goldschmiede“, der „Gießer des goldenen Sonnenkäfers, des Käfers aus reinstem Golde“, der „Herr der Künste und der Künstler“, sein Haupttempel in Memphis ist die „Goldschmiede“, der Oberpriester „der Oberste der Künstler“, ein anderer Priester der „Meister der Kunst“ usf.⁠[2934]. Offenbar standen also schon seit alten Zeiten mindestens gewisse Kunstgewerbe in enger Verbindung mit den Tempeln und dienten in deren Werkstätten der Anfertigung und Ausschmückung der Götterbilder und gottesdienstlichen Geräte⁠[2935]. Die Oberpriester in Memphis nennen sich „wissend um die Geheimnisse der Goldschmiede“⁠[2936], und andere Priester rühmen, „daß sie Kenntnis besitzen vom Geheimen in den Goldhäusern“⁠[2937]; dies bezieht sich nicht, wie man früher zuweilen annahm, auf Alchemie⁠[2938], sondern auf die Götterbilder⁠[2939] und auf die schmalen in den Mauern ausgesparten Geheimgänge, durch die man die Statuen und Geräte aus den Schatzkammern in die Tempel und wieder zurück brachte⁠[2940], ferner auf die in den „Goldhäusern“ aufgestapelten Tempelschätze an Gold, „ganz vollwertigem“ und „gestempeltem“ Gold, Silber, Kupfer und anderen Metallen⁠[2941], die die Könige den Göttern in oft sehr bedeutenden Mengen als Weihgeschenke darzubringen pflegten⁠[2942]. Die königlichen Schatzkammern hießen „weißes Haus“ oder „weißes und rotes Haus“, — welche Beinamen u. a. einerseits auf Silber und Gold hindeuten, andererseits auf die Nationalfarben der alten süd- und nordägyptischen Reiche⁠[2943] —, und aus ihnen brachten die „Vorsteher“, die eines der wichtigsten Hofämter bekleideten, die Metalle in das „weiße Haus der Tempel“, das ebenfalls besondere Abteilungen für Gold, Kupfer, feine Stoffe usf. besaß⁠[2944]. Im Tempel zu Denderah findet sich ein Raum ausdrücklich als „Goldschmiede“ bezeichnet, Inschriften aus späterer Zeit berichten, daß daselbst zwölf „Künstler“ vier Monate des Jahres damit beschäftigt waren, den Schmuck für die Götter aus Gold, Silber, Elektron und Kupfer herzustellen, und eine ähnliche Tätigkeit wird von den „Goldschmieden des Gottes AMMON“ vermeldet⁠[2945]. Die Sage behauptet, daß schon bei der ersten Eroberung Ägyptens in ferner Urzeit Schmiede dem Gotte HORUS zum Siege verhalfen, weshalb er sie zum Danke als erste Priester einsetzte⁠[2946], und im Zusammenhange hiermit soll die Befähigung und Neigung dieser heiligen Männer gestanden haben, aus Metallen und sonstigen wertvollen Stoffen kostbare Arbeiten selbst anzufertigen oder durch andere anfertigen zu lassen. An den Vergleich mit solchen ist zu denken, wenn es z. B. um 2500 vom Gotte RÊ heißt, „als er alt wurde, waren seine Glieder Gold, seine Knochen Silber (oder Elektron), seine Haare echter Blaustein“⁠[2947], wenn ferner eine Inschrift berichtet: „Gold ist der Leib der Götter und RÊ hat gesagt, als er anfing zu sprechen: meine Haut ist reines Elektron“⁠[2948], oder endlich wenn der „Papyrus WESTCAR“ (um 2000) von einem königlichen Kinde erzählt, „das geboren wird mit Gliedern aus Gold und mit dem Kopftuche aus echtem Blaustein“, d. h. mit den Einlagen aus Gold und mit den Schmuckstücken des Hauptes, wie sie den Statuen der Götter oder ihrer irdischen Stellvertreter, der Könige, zukamen⁠[2949].

Während des mittleren und neuen Reiches nahmen derartige „Priestergewerbe“ an Bedeutung und Wichtigkeit zu und umfaßten u. a. Weber, Färber, Schmelzer, Gold-, Silber- und Kupferschmiede, welche letzteren den niedrigsten Rang einnahmen, und später auch Eisenschmiede⁠[2950]. Ihre größte Ausdehnung erreichten sie jedoch erst in ptolemäischer und hellenistischer Zeit, zu der zahlreiche heilige Stätten, besonders die größten, wie z. B. das Serapeion⁠[2951], eine unter priesterlicher Leitung stehende, mannigfach verzweigte Tempel-Industrie besaßen und mit Hilfe von Meistern, Vorarbeitern, Handwerkern und Händlern die verschiedensten Gewerbe und industriellen Anlagen zur Deckung des eigenen und des Kunden-Bedarfes betrieben⁠[2952], wenngleich es keineswegs in allen Fällen feststeht, daß die Geschäftsführung auf Rechnung der Tempelkasse erfolgte⁠[2953]. Unter den Weihegaben dieser Epoche wird zwar Silber und Gold, besonders auch „Erdgold“, immer noch genannt⁠[2954], zumeist aber scheinen sie bereits aus vergoldetem oder versilbertem Kupfer, oder auch nur aus Kupfer (Bronze?) bestanden zu haben⁠[2955]; soweit Überlieferungen und Fundstücke schließen lassen, mußten sich auch die Götter in stets zunehmendem Maße statt mit „echten“ Schmucksachen, Prunkkleidern und Kultgeräten mit den nachgebildeten begnügen, die die „heiligen“ Werkstätten der Gotteshäuser unter geschickter Wahrnehmung des alten Anscheines herzustellen verstanden.

Was die eigentliche Tempel-Industrie anbelangt, die jedoch, wie angeführt, mit der profanen in mancherlei, derzeit noch nicht genügend aufzuklärendem Zusammenhange stand, so ist es bezeichnend, daß der „Archiereús“ und „Prophétes“, die ursprünglich die Würde eines ersten und zweiten Beamten der Tempel und der Priesterschaft bekleideten⁠[2956], späterhin aber nur mehr Träger dieser leeren Titel waren⁠[2957], schließlich zu einer Art von Arbeiter-Vorständen, ja Vorarbeitern von Beamten-Charakter herabsanken, — gleich dem ἀρχιατρός (Archiatrós, Archiater, Oberarzt) oder ἀρχιτέκτων (Architékton, Architekt, Oberbauleiter) des ptolemäischen Zeitalters⁠[2958] —, und als solche eine rein technische Tätigkeit ausübten. Techniker, τεχνῖται (Technítai), waren den Griechen in älterer Zeit die einer Kunst (τέχνη, Téchne) oder kunstvollen Gebahrung Beflissenen, und in solchem Sinne heißen noch bei XENOPHON (um 400)⁠[2959] die persischen Magier „οἱ περῖ τοὺς θεοὺς τεχνῖται“, d. h. „in der Kunst des Gottesdienstes Bewanderte“⁠[2960]. Bei PLATON, im Dialoge vom „Staatsmanne“, ist der τεχνῖτης (Technítes) schon, ebenso wie später bei DIODOR[2961], ein technischer Sachverständiger; in den Fragmenten von THEOPHRASTS Buch „Über die Steine“ steht der ägyptische künstliche Lasurstein (τεχνητόν = der technische, der von Technikern bereitete) dem natürlichen echten gegenüber⁠[2962], überhaupt das durch Kunst hergestellte Erzeugnis (τεχνικόν; κατ’ ἐργασίαν) dem der Natur (αὐτόφυες; αὐτόματον)⁠[2963]. Gelegentlich der Abscheidung des Quecksilbers aus „natürlichem“ Zinnober, durch Verreiben mit Essig in einem Kupfermörser mit einem kupfernen Stämpfel, findet sich ebenda der (aristotelische)⁠[2964] Satz angezogen: „ἡ τέχνη μιμεῖται τὴν φύσιν“, „die Kunst ahmt die Natur nach“, und die Erwartung ausgesprochen, „daß sie vielleicht noch zur Entdeckung von mehr dergleichen Dingen führen möchte“⁠[2965].

Unter den Ptolemäern wird der τεχνῖτης (Technítes) oder τεχνείτης, als Handwerker, scharf vom ἐργάτης, dem ungelernten Tagelöhner, unterschieden⁠[2966], und schon um 250 v. Chr. bestehen Techniten- oder Handwerker-Gilden (z. B. die περὶ τὸν Διόνυσον, die DIONYSOS-Gilde)⁠[2967]; sie erhalten sich bis in die römische, ja byzantinische Periode hinein und gehen allmählich in Zünfte über, daher dann die Zunftgenossen συντεχνῖται (Syntechniten) heißen, und die Zunftvorstände πρῶτοι τεχνίτων (Erste der Techniten)⁠[2968]. In hellenistischer Zeit gibt es kaum ein Feld, auf dem sich nicht Techniten als Arbeiter oder Vorarbeiter bewähren: sie sind z. B. Zimmerer, verfertigen und reparieren als μηχανάριοι und μηχανικοί (Mechaniker) die Schöpfwerke und die meist hölzernen und oft überdachten Wasser-Hebemaschinen nebst deren Ersatzteilen und den zugehörigen Werkzeugen, bauen die Wasserräder (μηχάνη = Maschine, μηχανικὰ ὄργανα = mechanische Organe) und setzen sie auch wieder in Stand, während die bloße Überwachung der ὀργανίστης (Organist) besorgt⁠[2969]; sie sind Kunsttischler (σκευοπόιοι)⁠[2970], Orgelbauer und Orgelspieler⁠[2971], Steinmetzen und Leiter von Steinbrüchen (wie die spätrömischen „philosophi“)⁠[2972]; sie bereiten das Salz zu, das nach PHILO „den Körper erhält und daher den zweiten Rang nächst der Seele hat“⁠[2973], und betreiben als „Taricheuten“ die ταριχεία (Taricheía), d. i. das Einsalzen, Einpökeln, aber auch Einbalsamieren (das zum Teil wirklich nur mit Salz erfolgte)⁠[2974]; sie brauen Bier⁠[2975], pressen Öle von verschiedener Art und Beschaffenheit, vom gewöhnlichsten bis zum feinsten „flos olei“ (Blüte des Öles) genannten⁠[2976], und mischen Salben, Heilmittel und Arome zurecht⁠[2977]; sie bewähren sich als Weber, namentlich als βυσσουργοί = Weber des Byssus, d. i. ursprünglich des Leinens, das seit jeher, weil es von keinem sterblichen Tiere stammte, den Ägyptern für besonders „rein“ galt⁠[2978], die Kleidung der Priester bildete und daher auch in oft ausgedehnten „Tempel-Webereien“ verarbeitet wurde⁠[2979]. Abgesehen von diesen und anderen Gewerben, die zum Teil schon in ptolemäischer und dann wieder in späterer römischer Zeit königliche oder Staats-Monopole bildeten⁠[2980], beschäftigten sie sich endlich eingehend mit Färberei, Metallarbeit und allem, was mit dieser zusammenhängt.

Was die Färberei (βαφή, Baphé) anbelangt, so bestätigen zahlreiche Belege und Funde den sehr hohen Stand, den sie vor und um Beginn unserer Zeitrechnung schon erreicht hatte, und über den u. a. PLINIUS[2981] ausführlich berichtet. Besonders ausgebildet war die Färberei mit dem echten (unter den römischen Kaisern gleichfalls monopolisierten) Purpur (πορφύρα, Porphýra)⁠[2982], die jedoch, entgegen früheren Annahmen, weder als ägyptische noch als phönizische Erfindung anzusehen ist, vielmehr in Kreta bereits um 1600 v. Chr., also in vorphönizischer Epoche, wohlbekannt war⁠[2983]. Vermutlich begann schon in früher, wenn vorerst auch nicht genau angebbarer Zeit der Ersatz des so kostbaren, echten, tierischen Purpurs durch billigere pflanzliche Farbstoffe und wurde allmählich bis zu jener Stufe der Vollendung ausgebildet, die uns in den Berichten so vieler Schriftsteller der späteren Antike entgegentritt. Unter den Arten des „Pseudo-Purpurs“ (ψευδοπορφύρα), die u. a. der vom Kaiser DIOKLETIAN im Jahre 301 erlassene Maximaltarif dem echten (ἀληθινής) ausdrücklich gegenüberstellt⁠[2984], waren die wichtigsten der Krapp (πορφύρα ῥιζίας = Purpur der Wurzeln)⁠[2985], der Scharlach aus den besonders in Galatien (Kleinasien) gedeihenden Eichen-Schildläusen oder Kokken (κοκκηρᾶς; Galaticus ruber)⁠[2986], die Anchusa (Ochsenzunge, Anchusa tinctoria)⁠[2987], der Phykos oder Fucus (Orseille- und Lackmus-Flechte)⁠[2988], der Safflor (κνῆκος, Knékos)⁠[2989], die in Ägypten schon um 1300 v. Chr. gut bekannte echte Hennah (Alkanna, aus Lawsonia inermis; da sie u. a. über Cypern kam, auch κύπρος geheißen)⁠[2990], und der Sandyx, dessen Name bald eine prächtig rotfärbende Pflanze bezeichnete, bald aber auch verschiedenes anderes „Rote“, z. B. Mennige, Zinnober, Eisenoxyd u. dgl.⁠[2991]. Durch Vermittlung der bereits im 16. Jahrhundert v. Chr. weit ausgedehnten Verbindungen mit Vorderasien, deren Umfang u. a. die damalige Aufnahme des babylonischen sexagesimalen Rechnungssystems beweist⁠[2992], gelangten aber zweifellos schon seit altersher auch andere als diese roten Farben nach Ägypten; fraglich ist, seit wann zu ihnen der indische Indigo gehörte, da dieser bisher im Westen mit Sicherheit nicht vor 700 v. Chr., und zwar in phrygischen Gräbern, nachgewiesen ist⁠[2993], Pflanzen aber, die Indigo ergeben (wenn auch in kleinerer Menge und von geringerer Güte) auch in Ägypten heimisch sind, ja als Namen des Indigos ursprünglich „n-tinkon“, also ein ägyptischer, angegeben wird, der anscheinend erst in klassischer Zeit, infolge einer irrtümlichen Deutung, mit Indien in Verbindung gebracht worden sei⁠[2994].

Die allgemeine Bezeichnung der Farbstoffe war φάρμακον (Phármakon = medicamen, medicamentum, Medizin), worunter man aber auch Färbemittel anderer Bestimmung verstand, z. B. Anstrichfarben, Schminken und Malerfarben⁠[2995], die auf der Palette (deren früher angezweifelter Gebrauch durch bildliche Darstellung gesichert ist)⁠[2996] teils für sich, teils mit erweichtem oder geschmolzenem Wachs angerieben und zurechtgemischt wurden⁠[2997]. Die Überlieferung, daß man ursprünglich nur ganz wenige Farben gekannt habe, trifft für Ägypten schon hinsichtlich des alten Reiches nicht zu, aber auch für Griechenland, woselbst als die vier klassischen Farben weiß (Erde von Melos), schwarz (Atrament, meist = Rußkohle), gelb (Oker aus Attika) und rot (Rötel aus Sinope) aufgeführt werden, hat sie RHOUSOPOULOS durch seine Untersuchungen⁠[2998] von Fundstücken widerlegt: diesen gemäß benützte man schon vor 2500 (also noch zur Steinzeit) allerlei rote und braune Eisen- und Mangan-Oxyde, um 2000 (vormykenisch) weißes Calcium-Phosphat und Calcium-Magnesium-Silikat (das man auch zu Perlen formte), sowie blaues Kupfer-Silikat, um 1600 (mykenisch) die nämlichen Silikate in verschiedenen Tönen, um 600 (vorpersisch) außerdem noch Gips, schwarzes Mangan-Oxyd, Zinnober, Bergblau, Kupferlasur und grünes Kupferoxydhydrat, und in der Folgezeit auch Bleiweiß. In späterer und besonders in hellenistischer Zeit, lernte man eine außerordentlich große Zahl mineralischer und pflanzlicher Farbstoffe verschiedenster Beschaffenheit und Verwendungsmöglichkeit kennen, u. a. die reinsten und sorgfältig aufbereiteten Arten Zinnober, armenisches (Kupfer-) Blau, Kupfer-Grün, Drachenblut, Indigo, Purpurissum u. dgl., die, wie PLINIUS erzählt, wegen ihrer Kostspieligkeit seitens der Auftraggeber beigestellt werden mußten⁠[2999] und ἄνθη (Anthe, Blüten, Blumen der Farben; colores floridi) hießen⁠[3000]; doch bezeichnete ἄνθος (Anthos, flos) nicht nur die Blüte (= das Beste) des Purpurs, Safflors u. dgl., sowie den Schimmer und Glanz der gefärbten Stoffe⁠[3001], sondern auch das Feinste des Mehles⁠[3002], des Öles und Wachses⁠[3003], der (natürlichen) Soda⁠[3004], der (als Farbe dienenden) Rußkohle⁠[3005] usf., ja sogar die als Blüten des Mineralreiches angesehenen Krystalle und Edelsteine, wie denn z. B. bei PLINIUS und bei POLLUX (2. Jahrhundert n. Chr.) der Diamant als ἄνθος κρυσοῦ, auri nodus (= Blüte, Knospe des Goldes) gilt⁠[3006].

„Gefärbt“ wurden jedoch nicht nur Fasern und Stoffe aller Art, sondern auch Glas- und Tonwaren, sowie Email.

Die Bearbeitung des Glases, ὕαλος (Hýalos, was bei HERODOT[3007] noch Bergkrystall bedeutet), vitrum (das Wort ist zufällig erst bei CICERO nachweisbar), hatte unter den Ptolemäern ganz außerordentliche Fortschritte gemacht, und Glaswaren, die ARISTOPHANES noch als orientalische Seltenheit anführt, bildeten längst den Gegenstand eines Welthandels; große Öfen, die κάμινοι ὑαλουργικαί (Kamine der Hyalurgen) lieferten sie, ganz besonders zu Alexandria, in höchster Vollkommenheit, gegossen, geblasen, gepreßt und (wie schon die Sage vom „unzerbrechlichen“ Glase zeigt)⁠[3008] von den mannigfaltigsten Eigenschaften⁠[3009]. Die Darstellung gefärbter Gläser war in Ägypten, wie bereits weiter oben erwähnt, außerordentlich alt, und auch die „falschen Smaragde“ (ψευδής) des THEOPHRAST[3010], sowie die „in irdischem Feuer gefärbten Chrysolithe“ des AGATHARCHIDES[3011] (2. Jahrhundert v. Chr.) dürften nichts anderes als bunte ägyptische Glasflüsse gewesen sein. Ihren Höhepunkt erreichte aber die Herstellung falscher Edelsteine und Halbedelsteine gegen und seit Anfang unserer Zeitrechnung⁠[3012]; nach PLINIUS betrieben eigene Werkstätten (officinae) diese „lohnendste aller Betrügereien“ und lieferten, nach den zum Teil „gewissen Vorschriften ägyptischer Könige entnommenen Anweisungen“ des DEMOKRITOS, XENOPHANES, ZOROASTER und anderer „Magier“, — auf die näher einzugehen PLINIUS ausdrücklich ablehnt —, Steine aller nur denkbaren Farben, die bald durch Beizen in Essig, bald durch Kochen in Honig, bald auch noch durch „Brennen“ hervorgebracht wurden⁠[3013]. Besonderer Beliebtheit scheint sich u. a. der kallaïnische Farbenton, das ist der des Kallaïs, erfreut zu haben; Kallaïs oder Kallaïna ist bei PLINIUS und seinen Nachschreibern ein grüner, dem Smaragd ähnlicher, angeblich dem indischen Kaukasus entstammender Edelstein, vielleicht die grünliche, oft sogar lebhaft grüne Abart des Türkises⁠[3014], die auch ALEXANDER von TRALLES (6. Jahrhundert n. Chr.) καλλάινος (Kalláïnos) benennt⁠[3015]. Einen grünen Stein καλλάινος, aus dem man Gefäße und Vasen macht (ganz wie aus „Smaragd“ = grünem Glas, — so noch bei OLYMPIODOROS), erwähnen der „Papyrus KENYON“ des 3. Jahrhunderts n. Chr.⁠[3016], die „Pistis Sophia⁠[3017] und manche andere Quellen dieses Zeitalters⁠[3018]; den Namen κέραμος καλλάινος führen ferner ägyptische, schön grün glasierte Tonwaren, denen man im 2. und 3. Jahrhundert häufig begegnet⁠[3019], und auch die καλάινα ἀγγεῖα, βυσσία καλλάινα καὶ ὑέλινα der Zauberpapyri⁠[3020] sind Gefäße und Büchschen aus grünem (wohl undurchsichtigem) Glase, deren sich die Magier bei ihren Vorführungen zu bedienen pflegten. Schließlich wurde Kallaïs zu einer bloßen Farbenbezeichnung⁠[3021], so daß, wenn z. B. PSEUDO-MOSES (2. Jahrhundert) des χαλκοῦ καλαινοῦ gedenkt, dies vermutlich nur mit Grünspan bedecktes oder grün angelaufenes Kupfer bedeutet und nicht Kupfer aus Kallaïs, das einige am Sinai suchen, andere in Persien, noch andere in Spanien⁠[3022]. — Irrtümlich ist die Angabe, das Kallaïs-Grün sei das nämliche wie das sog. Prasinum; dieses wird vielmehr neben dem Venetum genannten Blau, nicht vor der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. erwähnt, während die als „Grünen und Blauen“ bekannten Zirkus-Parteien sich mit jenen Namen erst auf den sog. Kontorniaten bezeichnet finden, d. s. eine Art größerer Bronze-Medaillen, deren Herstellung frühestens unter CONSTANTIN DEM GROSSEN beginnt⁠[3023].

Die Kunst, Tonwaren (u. a. Ziegel) zu „färben“, d. h. sie mit bunten Glasuren zu versehen, reicht mit ihren Anfängen fast bis in die des ägyptischen Staates zurück, zur Vollendung gedieh sie aber, wohl unter Einfluß orientalischer Vorbilder, erst in hellenistischer Zeit, wobei es jedoch unsicher und bestritten bleibt, ob sie sich auch in bewußter Weise bereits bleihaltiger Glasuren zu bedienen wußte. Fragwürdig ist ferner die Natur des bunten Stucks, den PLINIUS[3024] im Sinne zu haben scheint, wenn er vom „Färben der Steine“ (lapides tingere) und vom „Malen der Steine und Mauern“ (lapidem, parietem pingere) spricht⁠[3025]; wo er indessen erwähnt⁠[3026], daß man in Ägypten das Silber färbt (tingit) und malt (pingit), z. B. um den ANUBIS abzubilden, meint er Silber, das mit teils durchsichtigem, teils opakem Email überfangen ist, in dessen Herstellung und Anwendung die Ägypter zu seiner Zeit tatsächlich höchste Meisterschaft erreicht hatten⁠[3027].

Was schließlich die Metall-Arbeiten der Techniten anbelangt, so zeigt sich auf diesem ganzen Gebiete schon frühzeitig eine erstaunlich weitgehende Spezialisierung⁠[3028]. Gold- und Silber-Schmiede waren schon vor der macedonischen Eroberung äußerst zahlreich und bewohnten z. B. in Memphis ganze Straßen, aus denen vielerlei Fundstücke, Gußformen aus Gips und Stein, Gipsmodelle usf. zutage getreten sind⁠[3029]; in ptolemäischer Zeit gewann das Gewerbe noch an Ausdehnung, und in hellenistischer, namentlich in römischer, fand man Leute, die die „Goldgießerei“ (χρυσοχοικὴ ἐργασία) ausübten, sogar in kleineren Dörfern⁠[3030], woselbst sie eine Gewerbesteuer bezahlten⁠[3031], und im 2. Jahrhundert eine Art (oft durch Verpachtung bezeugtes) Monopol besaßen⁠[3032]. Die Verarbeitung von Gold und Silber durch die Tempelindustrie dauerte, wie unter altägyptischer und ptolemäischer, so auch unter römischer Herrschaft fort⁠[3033], beeinträchtigte aber in keiner Weise die eigentlich berufliche; noch der Maximaltarif DIOKLETIANS von 301 gedenkt neben den εἰς κύπρον (in Kupfer oder Bronze) arbeitenden Techniten, — die u. a. kunstgewerbliche Gegenstände, z. B. schöne bronzene Weinkännchen, herstellten⁠[3034] —, auch derer, „die in kunstvoller Weise Goldsachen aller Art anfertigen“⁠[3035]. Ihr eigentliches Material war Feingold, χρυσίον ὄβρυζον, d. h. durch entsprechendes Umschmelzen (ἕψειν; coquere, conflare) bis zur völligen Reinheit geläutertes; „obrussa“ bezeichnete ursprünglich das Läuterungsverfahren selbst, ging dann als ὄβρυζα (Obryza) ins Griechische über und wurde, als dieser Tatbestand schon vergessen war, und Gebrauch sowie Verständnis der griechischen Sprache in Rom seit dem 2. Jahrhundert rasch und gegen Ende des 3. schon so gut wie völlig aufgehört hatten⁠[3036], schließlich als ein griechisches Fremdwort ins Lateinische zurückgenommen⁠[3037]. Die Herstellung von Schmuck, Kunstgegenständen u. dgl. (hauptsächlich aus Gold, in erheblich geringerem Maße aus Silber) erfolgte durch Gießen, Hämmern, Pressen, Treiben, Prägen usw., durch Einlegen, Niellieren und Emaillieren, ferner unter Mitbenützung dünner Platten, Bleche und Drähte⁠[3038], und schuf wahre Wunderwerke an Kunstfertigkeit und Geschmack. Echte Vergoldung bewirkte man im Feuer, u. a. auch mittels des zu Beginn der Kaiserzeit längst wohlbekannten Quecksilber-Amalgams, oder durch Blattgold und Goldschaum, zu deren Befestigung Eiweiß oder auch andere Bindemittel dienten⁠[3039]; weißliche, gelbliche und rötliche Farbentöne wußte man durch das von PLUTARCH erwähnte „Färben des Goldes“ (βαφὴ χρυσοῦ) hervorzubringen, d. h. durch entsprechende Zusätze während der Ver- oder Bearbeitung⁠[3040]; bei unechten Waren endlich täuschte man den Goldglanz entweder durch geeignete Legierungen unedler Metalle vor, oder durch firnisartige, aus feinstgepulvertem Zinnober, Rötel und Oker bereitete Anstriche⁠[3041], oder endlich durch die schon bei ARISTOTELES als allbekannt erwähnten Gallenfarben (χολοβάφινα)⁠[3042]: so z. B. bestanden die Theaterkronen (coronaria) der Schauspieler aus einer Art dünnen Rauschgoldes (laminae; angefertigt aus „aes“), das mit Ochsengalle überfangen war⁠[3043]. Es liegt auf der Hand, daß das Vertrautsein mit derlei Kunstgriffen schon frühzeitig die Kundigen in Versuchung führen, sowie ihre Neigung zu jenen Unredlichkeiten fördern mußte, über die schon PLINIUS klagt⁠[3044], und deretwegen nach ARTEMIDOROS Träume von Goldgießern auf Hinterlist und Tücke hindeuten, „wegen der mit den getriebenen Arbeiten und den kunstvollen Halsketten verbundenen Betrügereien“⁠[3045]; solche wurden übrigens noch ganz besonders durch die althergebrachte Gewohnheit begünstigt, daß Gold- und Silber-Schmiede in der Regel nur auf Bestellung arbeiteten, wobei ihnen der Auftraggeber die erforderlichen Materialien zu liefern hatte⁠[3046].