a) Ältere Schriften.

Der in syrischer Sprache abgefaßte ältere Hauptteil der Manuskripte⁠[4076] verbreitet sich zunächst über die Eigenschaften, die für jeden des großen Werkes Beflissenen unumgänglich sind, nämlich Reinheit, Selbstlosigkeit, Freisein von Geiz oder Geldgier usf., in dem aus den Schriften des PSEUDO-DEMOKRITOS und ZOSIMOS genügend bekannten Sinne⁠[4077]; sodann führt er die sieben Metalle an nebst ihren (weiter oben schon im Zusammenhange besprochenen) planetarischen Zeichen und Namen, als welche zumeist, aber nicht stets gleichbleibend, die bei den späteren griechischen Autoren gebräuchlichen in Betracht kommen⁠[4078]. Daß auch die vier Elemente den Planeten zugeordnet werden, scheint indessen auf kein griechisches Vorbild zurückzugehen⁠[4079].

Von den Metallen findet sich, neben Alchemistischem in üblicher Darstellung, auch allerlei Technologisches berichtet. Gold prüft man auf Feinheit und Gehalt durch eine Art Zementation mit Alaun, Vitriol und Kochsalz⁠[4080], und lötet es mittels „Tanger“ (Tinkâr = Lot, Lötmittel), d. i. Tinkal oder Borax⁠[4081]. Silber oder Asem, das man u. a. aus Kupfer durch Einwirkung von Arsen gewinnt, am besten unter Zusatz etwas schon fertigen Silbers, legiert sich mit Gold zu Silbergold oder Elektron, das [irrtümlicherweise] auch dem „Kahrubâ“ gleichgesetzt wird [persisch = Strohräuber, d. i. Bernstein, griech. Elektron]⁠[4082]. Eisen erleidet durch Glühen und Abkühlen große Veränderungen und liefert durch Ablöschen dünner Blättchen in Weißwein ein medizinisch sehr wirksames Elixir⁠[4083]. Kupfer, andauernd mit Essig oder saurem Traubensaft behandelt⁠[4084], geht in Grünspan oder Irin über (d. i. das Jarim oder Jarin der mittelalterlichen Alchemisten)⁠[4085]. Aus Blei entsteht beim Erhitzen mit Schwefel das schwarze Schwefelblei, dessen sich die Augenärzte bedienen, beim „Verbrennen“ die gelbe Bleiglätte, und bei längerem Liegen „auf Ruten, über sehr scharfem und nicht gefälschtem Essig, in der Wärme des Düngers“ das leuchtende Bleiweiß⁠[4086]; beim „Rösten“ gibt letzteres Mennige oder Minium, auch Sandarach geheißen⁠[4087], weil es die rote Farbe des Harzes Sandarach besitzt [arab. sandarus d. i. Harz oder Gummi]⁠[4088]. Dieser Name bezeichnet aber auch das rote Schwefelarsen, aus dem sich, ebenso wie aus dem gelben „Safran“ (= Auripigment), beim Erhitzen ein „Alaun“ verflüchtigt [d. i. Arsenigsäure]; nach wiederholter Sublimation ist dieser, „die Blume des Arsens“, eine feste und glänzend weiße Masse, im Gegensatze zum gemeinen „männlichen“ Arsen, das rot oder gelb erscheint⁠[4089]. Durch Verreiben von Quecksilber mit Schwefel und Sublimieren des Gemisches bildet sich der Zinnober⁠[4090]; der als Rötel oder Sîrîkôn bezeichnete Farbstoff ist kein Zinnober, vielmehr bereiten ihn einige durch Rösten von Chalkitis [wobei, je nach dem Vorwalten des Kupfers oder Eisens im Vitriol, unter Umständen ein rotes Kupfer- oder Eisen-Oxyd hinterbleiben kann], andere durch Rösten von Chalkitis nebst Bleiweiß [letzteres hinterläßt Mennige], und noch andere durch Vermischen von Mennige mit Eisenrot [Eisenoxyden]⁠[4091]. Zu vielerlei Zwecken gebraucht man die Kadmia, die auch Kalimía (καλιμία) heißt [welches Wort wohl zur Bezeichnung zinkhaltiger Mineralien als „Calamine“ Anlaß gab]⁠[4092]; aus dem Rauche der Öfen, in denen man sie verarbeitet, schlägt sich Tutia oder Pompholyx nieder⁠[4093] [d. i. das weiße, an den Ofengewölben haftende Zinkoxyd]. Der glänzende Pyrit oder Markasit [d. i. Schwefelkies] liefert [beim Rösten] Schwefel, dessen reinste Form die „Schwefel-Blumen“ sind⁠[4094], ferner [beim Verwittern] Chalkitis oder Vitriol, dessen syrische Benennung „Glas“ bedeutet⁠[4095] [vgl. die wohl wörtliche Übersetzung „vitriolum“]; diesem ähnlich ist der Alaun, von dem es viele Sorten gibt, u. a. den vortrefflichen „römischen“, und als dessen Bezeichnung ✶ üblich ist, d. i. ein Stern⁠[4096]. „Stern der Erde“, γῆς ἀστήρ, ist aber auch bald der Selenit [= krystallisierter Gips] bald der Talk, dem noch unzählige andere Namen zukommen⁠[4097].

Eichen, Pappeln, Feigenbäume und zahlreiche sonstige Pflanzen hinterlassen beim Verbrennen eine scharfe, salzige Asche; behandelt man ihre wässerige Lösung mit Ätzkalk, so erhält man die noch schärfere „Lauge“⁠[4098], die sehr dienlich zur Gewinnung von Seife ist⁠[4099]. Unentbehrlich erweist sich jene Asche aber auch zur Darstellung des Glases; diese erfolgt, indem man 1 Teil feinstes, durch ein Haarsieb gesichtetes Pulver von Kieselsteinen mit 3 Teilen Asche gründlich vermischt, das Gemenge in einem Tiegel auf starkem Feuer schmilzt und mit einer zweizackigen Eisengabel so lange verrührt, bis es die richtige Dicke „zum Herausziehen“ erlangt hat. Durch Zusätze kann man ihm jede gewünschte Farbe erteilen, z. B. die weiße durch Bleiweiß, die grüne durch „gebranntes Kupfer“, die blaue (?) durch spanisches Antimon [Schwefelantimon], die schwarze durch eine goldglänzende Kadmia [hier wohl das Sulfid eines Schwermetalles] usf.⁠[4100]. Ein Gemenge aus feinstem Glaspulver und Nitron ist das vortreffliche, ἱερόκολλα (Hierókolla) genannte Lötmittel⁠[4101]; die Gewinnung eines anderen Bindemittels [wohl einer Art Leim oder Gelatine] erfolgt durch Auflösen der Knochen junger Kälber oder Kamele in Essig, dem man noch Kampher zuzusetzen pflegt⁠[4102].

Die zur Herstellung der Präparate empfohlenen Vorschriften werden als „Schlüssel“ (κλεῖσις = Verschließung) oder als „Macht“ (κράτος) bezeichnet⁠[4103]. Die Apparate, die zum Teil durch [sehr unzulängliche] Abbildungen veranschaulicht sind⁠[4104], gleichen zumeist genau den von den griechischen Alchemisten, z. B. von SYNESIOS, benützten, so u. a. der als ὄργανον (Organon) angeführte Sublimations-Ofen⁠[4105] und die beiden auf einander gestellten „Töpfe“ zum Sublimieren der Arsenigsäure „aus dem unteren in den oberen“⁠[4106]; auch die Gleichsetzung der „Erde der Philosophen“ mit der Tiegelerde aus Assuan am oberen Nil⁠[4107] bezeugt die ägyptische Herkunft der beschriebenen Vorrichtungen.