Die mit syrischen Buchstaben geschriebene, aber in arabischer Fassung oder Übersetzung eingeschobene, jüngere Abteilung der Manuskripte[4108] bespricht ebenfalls die sieben Metalle und ihre unzähligen Benennungen, deren sie für Gold 23 anführt, für Silber 17, für Kupfer 15, für Blei 20 (darunter mehrere auch für Schwefel gültige), für Eisen 18, für Zinn 17, für Quecksilber 51[4109]. Die unedlen Metalle in edle zu verwandeln vermag die Kunst des großen Werkes, das zugleich auch die Darstellung der Edelsteine und Perlen lehrt, sowie deren Verschönerung durch besondere Verfahren, z. B. die der Perlen, indem man sie an Tauben verfüttert und durch deren Verdauungskanal gehen läßt[4110]. Materialien, die den Zwecken des großen Werkes dienen, sind Kadmia, Bleiglätte, Mennige, Bleiweiß, Alkali, Glas[4111], orientalisches und okzidentalisches Quecksilber (oft zu gleichen Teilen gemischt)[4112], zuweilen auch Grünspan von Emesa, ägyptischer und persischer Vitriol, Malachit und Lasurstein[4113], sowie noch andere zum gründlichen Färben oder oberflächlichen Firnissen geeignete Stoffe[4114]. Die Umwandlung dauert 42 Tage[4115], und ihr Endprodukt, eine goldrote Masse, vermag die Kranken zu heilen[4116] und wirkt auf die Rohmetalle als Elixir; zur Gewinnung des Elixirs sind aber auch viele pflanzliche und tierische Stoffe tauglich[4117], deren Veränderungen oft gar wunderbare Wirkungen entfalten, wie denn durch die Fäulnis von Haaren Schlangen, von Rindern Bienen, von Eiern Drachen entstehen[4118].
Alle Metalle schmelzen bei genügender Hitze und gehen dabei in den Zustand des Quecksilbers über, das als ihr eigentliches Prinzip anzusehen ist[4119]. Als erster und wesentlicher Bestandteil der Metalle, sowie als Grundstoff auch aller übrigen Substanzen, ist das Quecksilber ein „Körper“ von fester und beständiger Natur; da es jedoch dem Feuer nicht widersteht und sich in der Wärme verflüchtigt, ist es aber auch ein „Geist“; demnach kommt ihm das Wesen eines, diesen beiden Reichen angehörigen Zwitters zu, und demgemäß erklären sich viele seiner zahllosen Namen, wie „das Kalte“, „die Wolke“, „der flüssige Geist“, „der Schweiß der Körper“, „der flüchtige Diener“ [„servus fugitivus“ der mittelalterlichen Alchemisten], „der Erwecker der Toten“, „das Wasser des KIWAN“ (aramäisch = SATURN, auf dessen Metall, das Blei, hinweisend) usf.[4120].
Der flüchtigen Geister zählt man sieben, neben dem Quecksilber nämlich noch den gelben und roten Schwefel, den weißen Schwefel, das gelbe und rote Arsen, sowie den Salmiak[4121]. — Der gelbe Schwefel, arabisch Kibrit[4122], ist der gewöhnliche, der die Kraft hat alles zu färben, alles in Umwandlung zu versetzen und sich mit allem zu verbinden, weshalb einige seiner 26 Namen lauten: „der göttliche Stein“ (vgl. θεῖον), „der Färber“, „das Wachs“ [das alle Farben annimmt], „die Hefe“, „der Bräutigam“ usf.[4123]; der rote Schwefel ist auch identisch mit Sandarach [rotem Schwefelarsen], der weiße mit Arsenigsäure; das gelbe und rote Arsen [dies sind Auripigment und Realgar] heißen u. a., — im ganzen werden 21 Namen aufgeführt —, „die beiden Vögel“, „die beiden Brüder“, „die beiden Khalifen“, „das Gelbe und Rote der Philosophen“[4124]. Den Salmiak, — dessen Kenntnis die Araber schon von den spätalexandrinischen Chemikern übernahmen, von dessen Vorkommen in den vulkanischen Gegenden Vorderasiens und Chinas aber auch die alten arabischen Geographen, sowie die von CARRA DE VAUX[4125] herausgegebenen arabischen „Wundergeschichten“ berichten —, zeichnet seine große Flüchtigkeit aus, die eine völlige Reinigung durch wiederholte Sublimation ermöglicht[4126]; auf diese deuten auch viele seiner 13 Namen, z. B. „Vogel von Chorasan“, „Oberster oder Khalif von Armenien“, „Kampher“, „Adler“[4127], sowie [offenbar bei Färbung durch Eisenoxyd] „roter Adler“[4128]. Was als „Fixation“ des Salmiaks durch Ätzkalk beschrieben wird[4129], entspricht sichtlich der Darstellung von Chlorcalcium.
Die sieben Geister sind hauptsächlich in sieben Steinen enthalten, nämlich im Markasit, Antimon [Schwefelantimon], Magnesia [oft = Pyrit], Hämatit [hier = Zinnober], Magnetstein [ein Metallsulfid?], Vitriol (arab. Zâdsch)[4130] und „Salz“; von jedem dieser Steine kennt man sieben Arten in sieben Farben, so daß es z. B. auch sieben Magnete gibt, deren jeder ein anderes der sieben Metalle anzieht, ferner sieben Vitriole, sieben Alaune, sieben Boraxe [arab. Tinkar, meist = Alkalien] und sieben Salze, deren Gewinnung und Reinigung, oft bis zur Weiße und Härte des persischen Tabarzad-Zuckers[4131], die „Philosophen“ entdeckten und lehrten[4132]. Steine, die keine Geister in sich führen, gibt es ebenfalls sieben, nämlich Talk, Kohol (Blei- oder Antimon-Glanz), Perlmutter, Krystall, Malachit, Lasurstein und Achat. [Alle diese Angaben gehen in letzter Linie auf die weiter oben unter dem Namen „Steinbuch des ARISTOTELES“ angeführte pseudepigraphische Schrift oder auf deren Quellen zurück, strotzen aber von Irrtümern und Verwechslungen.]
Aus dem weißen Schwefel [= Arsenigsäure], dem Sandarach [= Realgar] und dem italischen Kohol [= Antimonsulfid] läßt sich ebenfalls ein „Quecksilber“ erhalten[4133], unter dem offenbar metallisches Arsen und Antimon zu verstehen ist, welches letztere auch als „Antimon“ aus Stibi oder Stimmi (= Kohol) erwähnt zu werden scheint[4134], sowie in einer Vorschrift, die (in der Übersetzung) lautet: „nimm gleiche Teile Kohol und Antimon“[4135]. Aus Kupfer und „gebranntem Antimon“ [= metallischem Antimon oder Antimon-Oyxden?] wird u. a. die goldfarbige Legierung Schabh dargestellt, vermutlich eine Antimon-Bronze[4136]; ähnlich wie die mit einer dicken Lösung arabischen Gummis angeriebenen Goldflitter[4137] fand wohl auch sie Verwendung zur Herstellung von „Goldschrift“.
Behandelt man das eigentliche Quecksilber mit Kochsalz und Vitriol, so erhält man zwei verschiedene Substanzen[4138] [die gegenwärtig als Quecksilber-Chlorür und -Chlorid, Calomel und Sublimat, bezeichnet werden]; die eine, die sich leicht verflüchtigt, kann man in schönen weißen Krystallen gewinnen, indem man sie wiederholt sublimiert[4139], doch muß man hierbei, weil Dampf und Sublimat furchtbar giftig sind, Mund, Nasenlöcher und Augen durch Beschmieren mit Honig schützen[4140]; ihre Lösung in Wasser gleicht der Milch und ist von solcher Kraft, daß sie viele Metalle und Erze auflöst, weshalb sie auch „scharfes Wasser“ oder „dreifach-scharfes Wasser“ heißt[4141]. — Wie auch diese Stelle bezeugt, braucht das „scharfe Wasser“ (aqua acuta, aqua fortis der mittelalterlichen Alchemisten) keineswegs, wie man früher irrtümlicherweise oft annahm, eine mineralische Säure zu sein, und tatsächlich kennen auch die syrischen Manuskripte als Säuren nur Essig[4142], Citronensaft[4143] u. dgl.
Aus einer Mischung von feingepulverten Kieselsteinen (13 Teilen) und Aschen-Alkali (10 Teilen) bereitet man das Glas; die „Philosophen“ haben Glasöfen von wunderbarer Einrichtung ausgedacht, kleine, große, mehrstöckige, mit besonderen Kammern zum Einsetzen, Erhitzen und Abkühlen versehene, mit Zirkulation des Feuers eingerichtete, usf. Aus der in den Tiegeln zu einem „Gummi“ geschmolzenen Masse formt man Gefäße, Becher, Phiolen und noch vieles andere; was während der Arbeit zerspringt, wird mit einem heißen Glasfaden vereinigt und dann nochmals erhitzt. Man versteht auch alle nur denkbaren Färbungen hervorzubringen, z. B. weiße durch weibliche Magnesia [d. i. Braunstein, der entfärbend wirkt], schwarze durch Eisenschlacke, blaue (?) durch gebranntes Antimon, rote durch dieses nebst Eisenschlacke, gelbe durch Bleiglätte, sapphirblaue durch gebranntes Blei und Zinn, — wobei nur die reinsten Metalle von völlig „schönem Blick“ [s. „Silberblick“] zu verwenden sind —, ferner auch citronengelbe, grüne und pistazienartige[4144]. Auch ein schönes Email bereitet man unter Benützung bleihaltiger Materialien[4145] [dies ist eine der frühesten ausdrücklichen Erwähnungen von Bleiglasuren].
Zu den Einfügungen aus sehr später Zeit gehört die Erwähnung des „Barud“ im Sinne von Salpeter[4146]; dieses „Salz von China“, das in Syrien noch wenig bekannt ist[4147], wird als weiß, hart und nach gekochten Eiern [also wohl nach Schwefelwasserstoff] riechend bezeichnet, was insoferne zutreffen kann, als es mit dem [an Kellerwänden, Düngestätten usf. auswitternden] „Salz der Mauern“ identifiziert zu werden scheint[4148]. Aus Mischungen von Barud, Schwefel und Kohle in verschiedenen Verhältnissen verfertigt man Brandsätze für Feuerpfeile, Petarden und Feuerwerkskörper, wobei man zuweilen auch noch Kampher hinzufügt[4149]. — Es ist sehr bemerkenswert, daß der Gebrauch dieses „Pulvers“ zum Schießen, sowie die Verwendung von Schießwaffen, nicht erwähnt wird, und daß eine der angeführten Mischungen [die ganz an jene in dem angeblich um 1275–1295 niedergeschriebenen sog. „Feuerwerksbuche“ des HASSAN ALRAMMAH erinnern] den Namen „Fränkische Körner“, „Körner der Franken“ führt[4150], was auf Herkunft aus dem Okzident hinweist. Ebendahin deuten auch die alchemistischen „Verfahren der Franken“, bei denen Quecksilber, Zinn, sowie europäisches und römisches „Harz“ benützt werden[4151], ferner eine Stelle, die vielleicht einige Kenntnis der Mineralsäuren verrät (?)[4152] und in diesem Falle erst um oder nach 1300 niedergeschrieben sein könnte.
Von Apparaten finden sich genannt: Rohre, Aludeln (Athal, Udal, Udel)[4153] und Schalen, u. a. solche aus Porzellan[4154] [was wohl ein Übersetzungsfehler ist und schwerlich das im Oriente zwar schon seit etwa dem 9. Jahrhundert bekannte, aber unerschwinglich teure chinesische Porzellan bedeuten dürfte]; Tiegel aus Erde von Assuan[4155]; zwei aufeinander gesetzte Tiegel, deren einer einen durchlöcherten Boden hat (z. B. zum Sublimieren von Arsenigsäure, Salmiak u. dgl.), „But ber But“ genannt [persisch = „Tiegel auf Tiegel“, d. i. der „Botus barbatus“ der mittelalterlichen Alchemisten][4156]; Gefäße zur Destillation von Wässern und wohlriechenden Essenzen[4157]; Wasserbäder[4158], in der Übersetzung einige Male mit „bain-Marie“ wiedergegeben[4159]; Haar- und Seiden-Siebe[4160].