5. Spätere Araber.

Verzeichnis einiger wichtiger arabischer oder arabisch schreibender Schriftsteller (meist in nachstehendem Abschnitt angeführt).

ABU JUSSUF
gest.
 795
ABU MAʿSCHAR
 
 805–885
THABIT IBN QURRA
 
 826–901
BANU MUSA
 
 826–901
IBN AHORDADHBEH
 
 836–850
ALRAZI (= RAZI)
 
 850–923 ?
ALDSCHAHIZ
gest.
 869
ALKINDI
gest. nach
 870
HUNAIN IBN ISHAQ
gest.
 873
ALJAʿQUBI
um
 891
ALDSCHAUHARI
gest.
 899
IBN WAHSCHIJAH
um
 899
IBN ALFAQIH
gest.
 902
IBN HAUQAL
 
 902–968
ALHAMADANI
gest.
 945
ALFARABI
gest.
 950
ALISTAKHRI
um
 950
ALMASʿUDI
gest.
 956
HAMZA
um
 961
IBN ALHAITHAM
 
 965–1019
ALKINDI ALTUDSCHIBI
um
 970
ALBIRUNI
 
 973–1048
IBN SINA (= AVICENNA)
 
 980–1037
ALKHWARIZMI[4180]
um
 980
ALMUQADDASI
um
 985
ALNADIM[4181]
gest.
 995 ?
ALGHAZZALI
 
1059–1111
ALBAIHAQI
 
1105–1169
ʿOMAR ALKHAJJAM
gest.
1121
ALTUGHRAI (= ARTEFIUS?)
gest.
1128
ALKHAZINI
um
1130
IBN BADSCHA (= AVEMPACE)
gest.
1138
ALIDRISI
um
1150
IBN ALʿAUWAM
um
1150
SCHAHRASTANI
gest.
1153
ʿABD ALLATIF
 
1160–1231
IBN ALQIFTI[4182]
 
1172–1227
ABUʿLFADL
um
1175
JAQUT
 
1178–1229
IBN TUFAIL
gest.
1185
IBN DSCHUBAIR
um
1185
IBN RUSCHD (= AVERROES)
gest.
1192
IBN ALBAITAR
 
1197–1248
IBN ABI USAIBIʿA
 
1203–1270
IBN KHALLIKAN
 
1211–1282
IBN SAʿID
 
1212–1274
ALDSCHAUBARI
um
1220
IBN ALATHIR
gest.
1233
ALQIFTI
gest.
1248
ALNABARAWI
um
1250
ALTIFASCHI
gest.
1253
ALDIMESCHQI
 
1256–1327 ?
ABULFEDA oder: ABUʾLFIDA
 
1273–1331
ALQAZWINI
gest.
1283
ALNUWAIRI
 
1288–1335 ?
IBN BASSAM
um
1300 ?
RASCHID EDDIN
gest.
1318
IBN KHALDUN
 
1322–1406
IBN BATUTA
 
1325–1377
IBN FADL
gest.
1348
ALAKFANI[4183]
gest.
1348
IBN ALWARDI
gest.
1349
ALIBSCHIHI
gest.
1446
ABUʾLFADIL ?
um
1575
DAʾUD ALANTAQI
gest.
1596
ALMAQQARI
gest.
1646
HADDSCHI KHALIFA
gest.
1658.

Wie aus den vorangehenden Abschnitten ersichtlich ist, erlangte die arabische Litteratur über Alchemie bereits im Verlaufe des 8. und 9. Jahrhunderts einen überraschend großen Umfang. Der nähere Einblick in ihren Werdegang bleibt freilich derzeit noch verschlossen: „zu einer wirklichen Geschichte der Naturwissenschaft und der Medizin im islamischen Kulturkreise fehlt uns noch fast alles“, ist ein leider durchaus zutreffender Ausspruch RUSKAS in seiner ausgezeichneten Ausgabe und Übersetzung des sog. „Steinbuches des ARISTOTELES“⁠[4184].

Unter diesen Umständen ist es von hoher Bedeutung, daß wir wenigstens ein Verzeichnis jener Autoren und ihrer Schriften besitzen, die man im 9. und 10. Jahrhundert als die maßgebenden ansah. Erhalten ist es uns in dem schon wiederholt erwähnten, hervorragend wichtigen Sammelwerke „Fihrist“, d. i. „Kitâb al Fihrist“ (= Buch des Verzeichnisses), dessen Verfasser der gelehrte IBN ABI JAʿQUB ALNADIM war. Älteren Autoren nach starb er 850 oder um 850, sein Werk erfuhr aber nachträglich Ergänzungen und Einschübe (wie schon aus der Tatsache hervorgeht, daß es noch den als Arzt weltberühmten ALRAZI anführt, als dessen Lebenszeit bald 850–923 oder 932, bald 860–940 angegeben wird) und gelangte, nach einer ihm selbst zu entnehmenden Bemerkung, erst im Jahre 987 zum endgültigen Abschlusse⁠[4185]; neuerdings gibt aber BROCKELMANN, der die Schreibung MOHAMMED IBN ISHAQ AN NADIM vorzieht, als Todesjahr erst 996 an, d. i. acht Jahre nach der 988 erfolgten Vollendung des „Fihrist“⁠[4186].

In seinem Kapitel über Alchemie berichtet der „Fihrist“⁠[4187], daß zwar einige die Erfindung dieser Kunst den Griechen, Persern, Indern oder Chinesen zuschreiben, daß sie aber in Wirklichkeit von den Ägyptern gemacht wurde, deren Pyramiden nichts anderes als große chemische Laboratorien waren, und bei denen allein auch eine ausgedehnte chemische Litteratur besteht⁠[4188]. Begründet wurde diese nach Versicherung aller Alchemisten, d. h. der Silber- und Gold-Macher, durch HERMES, einen Babylonier, der ursprünglich zu Babylon Hüter eines der sieben Tempel der sieben Planeten war (wohl des dem HERMES oder MERKUR geweihten), nach der Völker-Zerstreuung sich aber zu Misr (Ägypten) in Memphis ansiedelte, dort als König und Philosoph regierte, die Metalle transmutierte und Talismane anfertigte; die Kenntnis dieser Geheimwissenschaften ist jedoch einige Jahrtausende älter als die erste Niederschrift durch HERMES, denn nach ALRAZI offenbarte Gott das große Werk schon dem MOSES, dem AARON und einigen anderen Würdigen⁠[4189]. — An diese wirren, sichtlich einer späten Zeit angehörigen Sagenbildungen schließt der „Fihrist“ ein Verzeichnis von 51 der berühmtesten „Philosophen“ an⁠[4190], beginnend (ähnlich wie das des ALHABIB) mit HERMES und CHYMES (KIMAS), MARIA und KLEOPATRA usf., und herabreichend bis zum Zeitalter des ALRAZI; zugleich nennt er die Titel ihrer wichtigsten Werke, soweit dies nämlich möglich ist, denn die „tausend Bücher“, die OSTANES ALRUMI (der Romäer = Grieche), oder die unübersehbare Reihe der Schriften, die ZOSIMOS der Alexandriner herausgab, lassen sich einzeln überhaupt nicht aufzählen.

Mit Inhalt und Entwicklung der chemischen Erfahrungen und Theorien befaßt sich der „Fihrist“ seiner ganzen Anlage und Bestimmung gemäß nicht des näheren, und die Schlüsse, die er in dieser Hinsicht zu ziehen gestattet, bleiben demgemäß spärlich und unvollständig. Eingehenderes Wissen von den chemischen und alchemischen Kenntnissen der Autoren des 9. und 10. Jahrhunderts (oft nur arabisch schreibender Perser und Syrer), sowie ihrer späteren, eigentlich arabischen Nachfolger, bleibt daher nur vom gründlichen Studium der auf uns gekommenen Originalschriften zu erwarten. Ganz hervorragende Förderung hat dieses seit 1902 durch E. WIEDEMANNS „Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften“ erfahren⁠[4191], deren zahlreiche (bisher etwa 60) Abteilungen indes fast sämtliche Zweige der Forschung in Betracht ziehen, und zwar ohne die Absicht lückenloser Aufzählung oder bestimmter zeitlicher Anordnung. Im nachstehenden ist daher versucht worden, aus der ungeheuren Fülle des so erschlossenen, zumeist ganz neuen Materials, aber auch aus dem bereits bekannten älteren, das die Chemie, Alchemie und chemische Technologie im weiteren Sinne Betreffende auszusondern und unter Mitbenützung mancher anderer, von arabischen Ärzten, Philosophen, Enzyklopädisten, Reisenden usf. verfaßter Schriften eine chronologische Übersicht der wichtigsten Forscher und ihrer Lehren zu geben. Daß hierbei Vollständigkeit nicht angestrebt, noch weniger erreicht werden konnte, bedarf wohl kaum besonderer Erwähnung.

1. ALEXANDER (gest. 798). Mißerfolg und Vergeblichkeit der alchemistischen Bemühungen waren zu seiner Zeit schon längst sprichwörtlich geworden, wie dies bereits weiter oben Andeutung fand⁠[4192].

2. ALDSCHAHIZ (gest. 869). Nach Mitteilung dieses gelehrten Polyhistors übernahmen und erlernten die Araber von den Griechen oder Romäern [Bewohnern des oströmischen Reiches, Rums] u. a. die Gewinnung und Verwendung von Glas, Lasurstein [blauem Glas?], Mosaik, Email (mînâ), Mennigen (sarandsch), Zinnober (zandschafr), Salmiak (nûschâdir) und griechischem Feuer⁠[4193]. Nun kann der Chemiker, alkimâwî, zwar wirklich reinen Salmiak herstellen, schönstes Glas, haltbarstes Email, Messing von bestimmter Färbung, das er mit Salmiak und Polirstein goldglänzend macht, aber weder Silber noch Gold, und wenn deren künstliche Erzeugung auch theoretisch nicht undenkbar sein mag, so ist sie doch praktisch unmöglich. Es gibt kein Elixir und keine Alchemie, niemals wird das Quecksilber zu Silber, obwohl es flüssigem Silber gleicht, niemals das prächtigste damascenische Messing (schabh) zu Gold, mag es auch wie lauteres (ibrîz) Gold glänzen⁠[4194]; jedes derartige Vorgeben beruht auf Unwahrheiten und Schwindel⁠[4195].

3. ALKINDI (gest. 873). Der hervorragende Philosoph ALKINDI erklärte in mehreren Schriften, u. a. in einer „Die Betrügereien der Alchemisten“ betitelten, die Kunst des Goldmachens für eine lügnerische, durchaus von Täuschungen und bösartigen Kniffen aller Art erfüllte⁠[4196]. — Über die möglichen Umwandlungen der Metalle, z. B. des Eisens (hadîd), spricht er in seinem Berichte „Über die Eigenschaften der Schwerter“⁠[4197]: Das aus den Erzen gewonnene Eisen ist entweder das weibliche, nicht härtbare Nermahâni [persisch nerm-âhen = weiches Eisen], oder das männliche, härtbare Sâburqâni [aus Schaburan?]; mittels gewisser besonderer Zusätze soll es Magneteisen ergeben⁠[4198]; mittels zahlreicher anderer, freilich aber erst nach unzähligen Reinigungen und Härtungen, den Stahl (fûlâd), der silberweiß, zuweilen jedoch blau oder grün angelaufen ist⁠[4199], auch schönen Damast (fîrind) annimmt, so daß er „geädert wie Malachit“ aussieht⁠[4200] und sich u. a. zu Nadeln und zu Glocken verarbeiten läßt⁠[4201]. Der beste heißt alhindî, alhinduwânî (= der indische)⁠[4202], kommt aus oder über Qalah (auf Malakka?), Ceylon, Jemen, Basrah und Damaskus, vor allem aber auch aus China⁠[4203].

4. ABU MAʿSCHAR, verderbt ALBUMASAR (gest. 885), der berühmte Astronom, ein Schüler ALKINDIS[4204], soll die Alchemie ebenso absprechend beurteilt haben wie dieser; „berühmt dem Namen, unbekannt dem Stoffe nach“, — wie so oft später⁠[4205] —, soll das Elixir schon bei ihm heißen.

5. IBN ALFAQIH (gest. 902). Die verschiedenen Länder und ihre Völker stattete Allah mit verschiedenen Gaben aus: Ägypten bringt Gold, Kupfer, Eisen, Magnetstein, Asbest, Smaragd und Amethyst hervor⁠[4206]; Arabien Gold, Silber, Sufr [hier ein zinkhaltiges Erz?], Weihrauch, Traganth, Wars [= Hennah, echte Alkanna] und Indigo⁠[4207]; in China verfertigt man die schönsten metallenen und tönernen Waren [Porzellan]; in Sidschistan die feinsten Geräte aus Bronze (schabh) und Messing (sifr); in Fars (Persien) die besten eisernen und stählernen Kessel, Schlösser, Schwerter, Panzer, ja Spiegel, „denn seinen Bewohnern machte Allah das Eisen gefügig und dienstbar, so daß sie daraus bereiten, was sie wollen“⁠[4208]; und so verlieh er auch den Leuten von Rum [Romäern, Griechen] das Wissen von der Ausübung der Chemie, vom Machen des Goldes⁠[4209], von der Anfertigung des philosophischen Eies, das dem Kosmos gleicht, und in dem der Dotter die Erde vorstellt⁠[4210].

6. ALRAZI, als dessen Lebenszeit, wie schon erwähnt, einige 850–923 oder 932, andere 860–940 angeben, und dessen voller Namen ABU BEKR MUHAMMAD ALRAZI sich zuweilen zu BUBEKR oder BUBACAR verkürzt findet, — die von BERTHELOT „vermutete“ Identität von BUBACAR und ALRAZI[4211] war längst bekannt⁠[4212] —, gilt mit Recht für eine der größten Leuchten der arabischen Heilkunde; auf seinen medizinischen Ruhm, und auf die Bedeutsamkeit seiner (im Urtexte immer noch wenig erforschten) einschlägigen Werke kann jedoch hier nur hingewiesen werden. Der Angabe, er habe ursprünglich Alchemie betrieben und diese deshalb aufgegeben, weil ihn der Beherrscher aller Gläubigen wegen Mißerfolges der anbefohlenen Transmutationen mit einer Tracht Prügel bedachte, kommt vermutlich anekdotischer Charakter zu; etwas Wahres liegt ihr aber wohl zugrunde, denn der Schriftsteller ALBAIHAQI (1105–1169) erzählt in seinen „Biographien“⁠[4213]: „ALRAZI war ursprünglich ein Handwerker, befaßte sich aber später eifrig mit Alchemie und wurde dabei durch die Dämpfe der zur Herstellung des Elixirs dienenden Präparate augenleidend, weshalb er zu einem Arzte ging, um sich heilen zu lassen. Dieser sagte zu ihm: ‚Ich heile Dich nicht eher, als bis ich von Dir fünfhundert Dinare erhalten habe.‘ ALRAZI gab sie ihm und sagte: ‚Dies ist die wahre Alkimijâ und die rechte Kunst Gold zu machen, und nicht das, was ich bisher getrieben habe‘; darauf verließ er die Kunst des Elixirs und widmete sich der Medizin.“

Jedenfalls stimmen die Berichte über ALRAZI dahin überein, daß er ein sehr eifriger Anhänger der Alchemie war, ihre Möglichkeit durch das Vorhandensein einer gemeinsamen Urmaterie und durch den Einfluß der Planeten auf die zugehörigen irdischen Stoffe, ihre Wirklichkeit aber durch die Erfolge der großen Meister, des PYTHAGORAS, PLATON, DEMOKRITOS und ARISTOTELES, für gesichert ansah⁠[4214] und auch die Meinung vertrat, KARUN (d. i. der KORAH der Bibel) habe die „Kunst“ von seiner Frau erlernt, die eine Schwester MOSIS war und gemeine Metalle in Gold verwandelte⁠[4215]. Von ALRAZIS alchemistischen Schriften⁠[4216] scheint bisher keine vollständig im arabischen Original bekannt zu sein, und wir wissen daher nicht, wie er das Elixir verfertigte, mit dem er zu Bagdad Gold machte. Er unterschied „die nicht flüchtigen Körper und die flüchtigen Geister“, zu welchen letzteren Schwefel, Quecksilber, Zarnîch [Schwefelarsen; Arsenigsäure] und Nûschâdir (Salmiak) zählen, die u. a. im Marqaschîtâ (Markasit) und Schâdanah, in der Magnîsijâ (Magnesia) und Tûtijâ (Tutia), in Vitriolen und Salzen usf. enthalten sind⁠[4217]. Man gewinnt sie aus diesen durch Calcination, Sublimation und Destillation (Ikhrâdsch = Herausgehen-Machen; Istiqtâr = Tröpfeln-Machen), und die wichtigsten Apparate und Materialien, die man hierzu benützt, sind: Tannûr (Ofen), Qara (Gurke = Destillier-Gefäß), der mit Schnabel versehene Anbiq (Ambix = Destillier-Helm), Alatal (Aludel, Rohr), Qabîlah (Rezipient), But-eber-But [Tiegel über Tiegel: zum Ausschmelzen und zur sog. absteigenden Destillation]⁠[4218], Wasserbad, Qandîl [Lampe, Kerze; lat. candela], Ton der Philosophen oder der Weisheit (tîn alhikma; bestehend aus Ton, Mist, Haaren, Stroh der Alkalipflanze Uschnan), usf.⁠[4219].

Für untergeschoben gelten die allein in lateinischer „Übersetzung“ vorliegenden Werke, u. a. „Buch der Siebzig“, „Lumen luminum“ (Licht der Lichter), „De aluminibus et salibus“ (Über Alaune und Salze), „Liber secretorum“ (Buch der Geheimnisse)⁠[4220]; indessen vertritt BERTHELOT ohne Anführung besonderer Gründe die Ansicht, das „Liber secretorum“ der Pariser Bibliothek gehe wirklich auf ALRAZI zurück⁠[4221]. Dieses Buch, in dem viele arabische Ausdrücke und Namen vorkommen, bespricht u. a. die vier Geister, die sieben Metalle [einschließlich „Katesim“, das BERTHELOT fälschlich für „Asem“ erklärt; s. unten], die verschiedenen männlichen und weiblichen Magnesien, Tutien und Markasite, sowie die Vitriole, Alaune, Boraxe, Alkalien und Salze⁠[4222]. BERTHELOTS Deutung des „indischen Salzes“ (sal indum) als Salpeter ist sichtlich irrtümlich und unmöglich, vielmehr ist das „indische Salz“ der arabischen Autoren Steinsalz; auch der chinesische Pilger HIUEN-THSANG, der um 629 n. Chr. Indien bereiste, um den Buddhismus an der Quelle kennen zu lernen, berichtet, daß weißes, schwarzes und zinnoberrotes Steinsalz im Nordwesten des Landes (Provinz Sindh) in großen Mengen vorkomme, von den Einwohnern massenhaft gewonnen und als Heilmittel in alle Gegenden der Welt verschickt werde⁠[4223]. — Völlig haltlos ist die Annahme, ALRAZI spreche im „Liber secretorum“ von mineralischen Säuren, z. B. von Schwefelsäure und von deren die Metalle angreifender Wirkung⁠[4224], denn „aqua acida et venenosa“ nennt der lateinische Text auch gewöhnliche alkalische oder ammoniakalische Flüssigkeiten, denen er als „scharfen Wässern“ die angebliche Eigenschaft zuschreibt, sämtliche Metalle aufzulösen.

Blei (usrub) und Zinn (qalʿijj) bezeichnet ALRAZI als „die beiden rasâs, das schwarze und das weiße“, und dem Blei schreibt er, der allgemeinen Ansicht folgend, die Fähigkeit zu, „den Diamanten zu zerbrechen“⁠[4225] [ein Vorurteil, das, wie bereits erwähnt, auf den noch heute üblichen Kunstgriff zurückgeht, Diamanten und andere Edelsteine an (oder in) Blei oder Blei-Zinn-Legierungen festzuschmelzen, um sie sicherer bearbeiten, schleifen oder spalten zu können].

7. ALFARABI (gest. 950). Dieser hochgelehrte und einflußreiche Denker⁠[4226] bekämpfte zwar die „widersinnige Atomistik“ und „abergläubische Astrologie“⁠[4227], glaubte hingegen, gestützt auf die ursprüngliche Einheit der Urmaterie, an die Möglichkeit des Goldmachens und schrieb eine „Abhandlung über Alchemie“, die noch IBN BADSCHA (gest. 1138) ausführlich kommentierte⁠[4228]. Die „Notwendigkeit der Kunst der Künste, die da ist das Elixir“, ergibt sich aus den Lehren der Philosophen; daher ist auch die Kunst selbst nur für Philosophen faßbar und erreichbar, nicht aber für gewöhnliche Leser von Schriften, die unverständlich sind und auch unklar und rätselhaft sein müssen, weil sie das Heil der ganzen Menschheit gefährdeten, machten sie ihr die Erlangung allgemeinen und unbegrenzten Reichtumes möglich. Aber auch für Eingeweihte bleiben noch viele Schwierigkeiten bestehen, nämlich die Behebung, ja schon die rechte Erkennung der von ARISTOTELES hervorgehobenen „kleinen Akzidentien“, d. h. der geringen Unterschiede, die u. a. noch zwischen Silber und Gold, Zinn und Silber, Quecksilber und Silber bestehen; denn „Zinn z. B. ist eine Art des Silbers, bis auf Weichheit, Knirschen und Geruch“, und ebenso „Quecksilber eine Art des Silbers, die jedoch in den Gruben eine gewisse Beschädigung erlitten hat“⁠[4229]. Wirkungen wunderbarer Art seitens der Planeten kommen hierbei nicht mit in Frage, denn die von Bewegern geistiger Beschaffenheit gelenkten Wandelsterne beeinflussen alles Irdische nur den natürlichen Ursachen gemäß⁠[4230]; aus der gemeinsamen Ursubstanz bringen vielmehr die vier Qualitäten, diese Schöpferinnen der Formen und tatsächlichen Existenzen, zunächst die vier Elemente hervor, und durch Vermischung von diesen nach verschiedenen Verhältnissen kann man dann weiterhin zu allen überhaupt denkbaren Stoffen gelangen, oder diese unter Herstellung des „richtigen“ Verhältnisses ineinander überführen⁠[4231].

8. ALMASʿUDI (gest. 956). Der berühmte Reisende und Schriftsteller erwähnt, daß die Kîmijâ, d. i. das Werk der Darstellung von Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen, Iksîr (Elixir), die Kunst des Festmachens (iqâma = Fixierens) von Quecksilber zu Silber, u. dgl. mehr, eine äußerst verwickelte Wissenschaft ist, „voll feiner Listen, Kniffe und Betrügereien“⁠[4232]. Sie bedient sich zahlreicher Hilfsmittel, und manche von diesen sind für die Gesundheit verderblich, indem sie beim Erhitzen schädliche Dämpfe und Gerüche verbreiten, wie z. B. die Vitriole⁠[4233]; deren Beschaffenheit und Färbung, sowie auch ihr Vorkommen in den Gruben, ist übrigens vom Lichte des Mondes, von Luftzügen, Windrichtungen, Blitzschlägen u. dgl. Zufälligkeiten abhängig, wie dies auch beim Schwefel und bei den Edelsteinen der Fall ist⁠[4234]. — Nûschâdir (Salmiak) kommt nach ALMASʿUDI aus den Bergen, die Chorasan von China trennen⁠[4235], und Zinn (das Blei alqalijj) aus Qalah, dem Mittelpunkte des Handels mit Zinn, Elfenbein, Ebenholz, Sandelholz, Bresilholz, Aloe, Kampher und Gewürzen⁠[4236]. [Qalah halten die einen für einen Ort auf der Halbinsel oder „Insel“ Malakka, andere für Sumatra oder Java⁠[4237], noch andere für Galla = Point de Galle auf Ceylon⁠[4238]; doch erwähnt ALMASʿUDI an anderer Stelle ausdrücklich die Zinngruben auf der ostindischen Insel Qalah⁠[4239]].

9. IBN HAUQAL (902–968?). Nach diesem Reisenden und Geographen ist Persien reich an Eisen, Quecksilber, Messing (sifr), das bei Sardan gewonnen und in großer Menge ausgeführt wird, ferner an Naft (Naphtha, Erdöl), dessen „heilige Feuer“ schwarzen Ruß und aus diesem „schwarze Tinte“ zum Schreiben und Färben liefern, und endlich an Nûschâdir (Salmiak), dessen Dämpfe aus einer bei Damindân gelegenen Höhle dringen und in dem oberhalb dieser bei Boltan erbauten Hause aufgefangen werden⁠[4240]; Gold und Silber ist, außer in Ferghâna⁠[4241], nicht oder nur spärlich vorhanden, dagegen Zinn (anûk)⁠[4242]. In Tûs gewinnt man Kupfer, sowie einen rotbraunen Eisenstein, dem ägyptischen Hämatit gleichend, der eine Art bald männlichen, bald weiblichen Eisens, „Chum-âhen“ genannt, ergibt⁠[4243]; in Armenien, am Wan-See, findet sich gelbes und rotes Zarnich [Auripigment, Realgar], das „Salz des Burag“ für die Bäcker und der „Burag der Goldschmiede“ [Borax], der von dort aus mit ungeheurem Gewinne nach allen Teilen der Welt geht⁠[4244].

In der Stadt Samarkand ist ein ganzes Straßenviertel nur von Messingarbeitern bewohnt; das Wasser wird dahin durch bleierne, aber auch durch eiserne Rohre verteilt, und die Kanäle sind mit Bleiplatten umrandet oder abgedeckt⁠[4245].

10. ALISTAKHRI (um 970?), der Zeit- und Fachgenosse IBN HAUQALS, bestätigt das persische Vorkommen des Zinns⁠[4246] und des Nûschâdirs, „den die Ägypter aus dem Rauche ihrer Bäder haben“⁠[4247] [aus dem Rauche des zum Heizen gebräuchlichen getrockneten Kamelmistes], und rühmt die Menge des Goldes, Silbers, Quecksilbers und Eisens in Transoxanien.

11. ALMUQADDASI, dessen wichtigste Reisen in die Zeit zwischen 965 und 985 fallen sollen, preist gleichfalls die Fülle an Gold, Silber, Quecksilber, „Rattengift“ (schakk = Arsen), Naphtha und Erdpech bei Ferghâna in Transoxanien; er erwähnt, daß der dortige Salmiak nicht von gleicher Güte ist wie der Siciliens, dessen Lager jetzt aber schon erschöpft seien, und lobt die Edelmetalle und Vitriole Kuhistâns, sowie den Kuhl [= Kohol, d. i. feinstes Pulver, hauptsächlich aus Antimon- oder Bleiglanz, u. a. zum Schwärzen der Augenbrauen dienend], dessen beste Sorte aus Ispahan kommt; Arabien führt nach ihm neben Eisen [Stahl?] auch Zinn aus⁠[4248].

12. ALKINDI ALTUDSCHIBI (um 970) erzählt in seiner „Beschreibung Ägyptens“: HERMES, der als Prophet, König und Weiser dreimal Begnadigte, der TRISMEGISTOS, goß daselbst das rasâs (Blei) als glänzendes Gold aus; seine Schüler waren die Ssabier AGATIMUN (= AGATHODAIMON) und FITAGURUS (= PYTHAGORAS)⁠[4249]; auch MARIA und KLEOPATRA machten Talismane, Elixire und alchemistische Präparate, z. B. das philosophische Ei, das dem Globus, d. h. dem Weltganzen, analog ist⁠[4250].

13. ALKHWARIZMI (verfaßte um 980 die „Mafâtîh al ʿUlûm“ = „Schlüssel der Wissenschaften“). Kîmijâ, d. i. die geheim zu haltende und zu verhüllende Kunst, ist möglich, und zwar dank dem „Steine“, der die Grundlage des Elixirs bildet⁠[4251]. Dieses aliksîr ist das „Heilmittel“, das die geschmolzenen Metalle weiß und gelb macht und aus ihnen Silber und Gold ergibt, oder doch etwas äußerst Ähnliches. Man bereitet es aus dem „Stein“; diesen selbst aber gewinnt man aus pflanzlichen, tierischen und menschlichen Produkten, z. B. aus Knochen, Haaren, Eiern, Blut, Galle, Harn, Kot, hauptsächlich aber aus mineralischen, z. B. aus Blei (rasâs al usrub), Zinn (rasâs al qalaî), Quecksilber, Schwefel, gelbem, rotem und grünlichem Zarnich [Schwefelarsen; Arsenigsäure] und Nûschâdir [Salmiak]; denn Schwefel und Arsen sind Seele und Prinzip des Weißen und Roten, Quecksilber aber der gemeinsame Geist beider⁠[4252]. Die hierzu erforderlichen Geräte, deren sich schon der große ZOSIMOS und der HERMES-ähnliche DEMOKRITOS bedienten⁠[4253], sind die bereits von ALRAZI geschilderten; u. a. Alqara [= Kürbis, Gurke, Kolben], Alanbîq „in Gestalt eines Schröpfkopfes, der zweite Apparat jener, die Rosenwasser herstellen“ [= Ambix], Alattâl „das mit Ton gedichtete“ [= Aludel, Rohr]⁠[4254], Dîk ber Dîk, auch Bût eber Bût [persisch = Tiegel über Tiegel], worin nach dem „Herabsteigen-Machen“ oben Schlacke oder „Rost“ (chabath) verbleibt⁠[4255], während sich unten das „Bereitete“ ansammelt, z. B. Dîk-Rûy = Bleikupfer-Legierung usf.

Die Kîmijâ macht sich sowohl „Körper“ wie „Geister“ nutzbar. Die „Körper“ sind die 7 Metalle Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei (usrub), Zinn (qalî) und Châr Sinî⁠[4256]. Letzteres [in den lateinischen Übersetzungen aus dem Arabischen oft „Katesim“ genannt und von BERTHELOT fälschlich für Asem (Elektron), von anderen Autoren für Zink erklärt] ist „ein ausländisches Metall unbekannter Natur“, heißt auch Alhadîd alsînî (= chinesisches Eisen; chinesischer Stahl) und stellt eine weißglänzende bis gelbliche oder goldfarbige Legierung dar, aus der man schöne Spiegel, Waffen und Glocken anfertigt⁠[4257]. In der Geheimsprache der Kîmijâ verbindet und bezeichnet man Gold mit Sonne, Silber mit Mond, Kupfer mit APHRODITE, Eisen mit ARES, Blei mit KRONOS, Zinn mit ZEUS und Châr Sinî mit HERMES, doch herrscht, vom Gold und Silber abgesehen, über diese Zuteilungen Meinungsverschiedenheit⁠[4258]. „Geister“ sind Schwefel, Arsen, Quecksilber und Salmiak⁠[4259], und als wichtigste Stoffe, die solche ergeben, hat man zu nennen: Mârkaschîtâ [Markasit; Schwefelkies u. dgl.], dessen zahlreiche Arten rot wie Kupfer, weiß wie Silber, gelb wie Gold sind und auch als Schmuck dienen⁠[4260]; Magnîsijâ [Magnesia], die bald bunt, bald rot, bald schwarz, bald eisenähnlich ist, und als Magnâtis „den Stein bildet, der das Eisen anzieht“⁠[4261]; Tûtijâ [Tutia, persisch Dûd = Rauch, d. i. der beim Erhitzen zinkhaltiger Mineralien entweichende Zinkoxyd-Rauch], weiße aus Indien, gelbe aus Chuzistan, grüne aus Kerman⁠[4262]; Talq [Glimmer und glimmerartig glänzende andere Mineralien]⁠[4263]; Kuhl, „eine Substanz des Usrub“ [Kohol = feines Pulver aus Blei- oder Antimonglanz]⁠[4264]; Schakk [Arsen], „gelb aus den Gruben“ [= Auripigment], weiß „aus dem Rauch des Silbers“ [= Hüttenrauch, d. i. Arsenigsäure], ein Rattengift⁠[4265]. Diesen Stoffen reihen sich noch einige ähnliche, aber künstlich dargestellte an: Zundschufr [Zinnober] aus Schwefel und Quecksilber; Zandschâr [Grünspan] aus Kupfer und Essig; Isfîdâdsch [pers. „weißes Wasser“ = Bleiweiß] aus Blei und Essig; Murdâsang [Bleiglätte], durch Erhitzen von Blei, bis es gelb ist; Usrundsch [Mennige], durch Erhitzen von Blei, bis es rot ist; Zafrân [Eisenrost; Grünspan], aus Eisen und Kupfer; Tûtijâ [Rauch], ein Rauch aus Erzen, Kupfer-Mineralien oder Kuhl⁠[4266].

14. IBN SINA, AVICENNA (980–1037), der berühmteste der arabischen Ärzte, der Verfasser hervorragender medizinischer und philosophischer Schriften, war ein ausgesprochener Gegner der Astrologie und Alchemie⁠[4267] und erklärte ausdrücklich, Gold und Silber entstünden unter dem Einflusse von Sonne und Mond aus den Dünsten der Erde mit allen jenen besonderen Eigenschaften, die ihnen der Wille Allahs verliehen habe, und die daher kein Mensch künstlich nachzuahmen vermöge⁠[4268]; trotzdem wurde er jedoch in späterer Zeit als Autor alchemistischer Abhandlungen ausgegeben, denen der Abglanz seines Namens zu völlig unverdientem Ansehen verhalf. Auf Inhalt und Bedeutung, Vorzüge und Schwächen seiner echten, sehr umfangreichen, philosophischen und medizinischen Kompilationen einzugehen, ist an dieser Stelle nicht möglich; hervorgehoben sei jedoch, daß sie alle, insbesondere aber der große „Canon der Medizin“, — ein Riesenwerk, das im Rufe absoluter Vollständigkeit und Unfehlbarkeit stand, die gesamte Wissenschaft Europas bis tief in das 17. Jahrhundert beherrschte und für den muslimischen Orient noch gegenwärtig maßgebend ist —, sich ganz besonders durch strenge Systematik der Form, sorgfältige Anordnung und genaue Bestimmtheit des Inhaltes auszeichnen und die Größe und Dauer ihres Erfolges nicht zum wenigsten gerade solchen Eigenschaften verdankten. Keine Spur von diesen verrät aber die unter dem irreführenden Namen „De anima“ oder „Tractatus de anima“ gehende alchemistische Hauptschrift des AVICENNA: ohne rechten Plan, ohne geregelte Durchführung, immer wieder aufs neue mit dem längst Abgetanen beginnend, das aber doch nie zum endgültigen Schlusse gebracht wird, und vom Hundertsten ins Tausendste springend zieht sich in endloser ermüdender Breite ein Dialog zwischen AVICENNA und seinem „Sohne“ hin, in dem jedoch AVICENNA fast allein das Wort führt, während hin und wieder, — man weiß nicht wieso und warum —, auch ALBUMASAR (d. i. der berühmte Astronom und Astrolog ABU MAʿSCHAR) dazwischenspricht. Auch der Inhalt, der sich kaum mit Gegenständen der Erfahrung befaßt, hauptsächlich vielmehr mit allgemeinen Ideen aristotelischen Charakters in der mißverstandenen und entstellten Gestalt ganz später Tradition, ist zum größten Teile unklar, verworren und unverständlich, oft sogar völlig unsinnig, so z. B. in folgendem, die Fixierung des Quecksilbers betreffenden Satze, den man, aus dem Zusammenhange gerissen, für eine Parodie halten könnte: „Nimm Quecksilber, soviel nötig ist, bringe es in das Gefäß, von dem Du weißt, lasse es kochen, so wie Dir bekannt ist, füge die Substanz zu, von der Du gehört hast, und zwar in der Menge, von der die Rede war: dies ist das Geheimnis von der Fixation des Quecksilbers.“ — Ein Werk derartiger Beschaffenheit kann ein mit den echten Schriften des AVICENNA Vertrauter unmöglich als von diesem Autor herrührend anerkennen. So kam denn schon KOPP zum Schlusse⁠[4269], das Buch „De anima“, das erst seitens der Autoritäten des 13. Jahrhunderts rühmend erwähnt werde und daraufhin sich bei deren Nachbetern ganz übertriebener Wertschätzung erfreue, sei in nicht sehr viel früherer Zeit auch abgefaßt und alsbald, um ihm erhöhte Wirksamkeit zu sichern, kühnlich dem AVICENNA untergeschoben worden. Nach Ansicht des Orientalisten WEIL, die KOPP einholte, machen die vielen, allerdings zumeist stark entstellten arabischen Namen und Bezeichnungen eine teilweise Übersetzung aus dem Arabischen, oder doch die Benutzung ursprünglich arabischer Quellen, sehr wahrscheinlich.

BERTHELOT[4270], der auch hier die Ergebnisse KOPPS völlig unberücksichtigt läßt, gibt zwar ebenfalls zu, daß die Schrift „De anima“ viele Interpolationen enthalte, und daß man ihre, gegen 1300 schon wohlbekannte lateinische Übersetzung, die gemäß der vorkommenden Namen und spanischen Worte im Laufe des 13. Jahrhunderts in Spanien angefertigt zu sein scheint⁠[4271], dem AVICENNA nur zugeschrieben habe⁠[4272]; dagegen erklärt er, wenn auch nicht in ganz unzweideutiger Weise, das angebliche arabische Original doch für ein echtes Werk des AVICENNA[4273], wobei er sich u. a. darauf stützt, daß an verschiedenen Stellen der Übersetzung arabische liturgische Formeln und Gebräuche Erwähnung finden⁠[4274], und auch gewisse Anklänge an den MORIENES (MARIANOS) und DSCHABIR (nicht aber an den sog. GEBER) auftauchen⁠[4275]. Für überzeugend wird man indes diese Ausführungen um so weniger halten können, als Anklänge an die Kompilationen des DSCHABIR bestenfalls auf gemeinsame Quellen hindeuten, während MORIENES oder MARIANOS, wie schon weiter oben hervorgehoben wurde, selbst eine Persönlichkeit mindestens fragwürdiger Natur bleibt⁠[4276].

Gegenstände, über die sich PSEUDO-AVICENNA noch am verständlichsten ausdrückt⁠[4277], sind die vier Geister und ihre Eigenschaften, die Zusammensetzung der Metalle aus mehr oder weniger Schwefel und Quecksilber, — das Vorhandensein des letzteren soll die Schmelzbarkeit bedingen, das des ersteren die beim Erhitzen zu beobachtende Entstehung von „azenzar“ (d. i. eigentlich Zinnober, jedoch auch jedes andere rote Oxyd oder Sulfid) —, und die Gewinnung des „besten“ Goldes mittels des Elixirs: zwar gibt es hierbei viele Fälscher und Betrüger, doch kennt man auch die Wege, ihre Nachahmungen vom Echten zu unterscheiden⁠[4278].

Für den Geist des späteren Mittelalters ist es sehr bezeichnend, daß gerade diese so dürftige, inhaltsleere, betreff wirklicher Erfahrungen und Tatsachen überaus armselige Zusammenstellung pseudepigraphischer Natur für einen Ausbund wissenschaftlicher Weisheit und Zuverlässigkeit galt, so daß man auf sie hin, und nicht seiner echten Werke halber, den AVICENNA als „Hochgelehrtesten aller arabischen Naturforscher“ und als „dux et princeps philosophorum“ verehrte⁠[4279]; der spanische Arzt MONARDES, der im 16. Jahrhundert zu Sevilla wirkte, und dessen Werke CLUSIUS (DE L’ÉCLUSE) ins Lateinische übersetzte, scheint sogar, vermutlich irgendeiner älteren Tradition folgend, die Bezeichnung „dux“ wörtlich genommen zu haben, denn er macht AVICENNA zum „König von Cordova“⁠[4280]!

15. ALBIRUNI (973–1048), einer der größten Gelehrten und vielseitigsten Forscher und wohl der bedeutendste experimentierende Physiker, den die arabische Litteratur zu verzeichnen hat⁠[4281], war ein Gegner der Alchemie und Astrologie, über deren Verbreitung und Pflege bei vielen Völkern er eingehende Mitteilungen machte. Die sieben Metalle, zu denen das Quecksilber nicht zählt, haben das passive, feuchte, weibliche Quecksilber zur Mutter, und den aktiven, trockenen, männlichen Schwefel zum Vater⁠[4282]; nach der Anschauung der Perser, besonders aber der Ssabier⁠[4283], stehen sie, weil auf ihnen alle Handarbeit und daher das Wohl der Welt und der Menschheit beruht, unter dem Schutze des mächtigen Engels SCHAHREWAR, dessen Name Liebe und Sperma bedeutet⁠[4284]. Innige Zusammenhänge verbinden sie mit den 7 Planeten, den Planetengöttern (deren Namen in den Sprachen der Griechen, Araber, Perser, Syrer, Hebräer, Inder und Chowarezmier aufgeführt werden)⁠[4285], sowie mit deren Statuen und Idolen⁠[4286]: so z. B. bringt der Planet ARES Unglück, desgleichen KRONOS, den Gott am siebenten Tage schuf, und dem zu Ehren ABRAHAM seinen Sohn opfern wollte⁠[4287], während „HERMES der Schreiber“ und APHRODITE „Sterne der Sonne“ sind, und ZEUS sich von günstiger Natur erweist⁠[4288]. Das an Schätzen aller Art reiche Persien liegt nach HERMES in der Mitte der Erde, während die sechs anderen wichtigsten Staaten es im Kreise umgeben, wie das eben nur bei sechs Kreisen möglich ist, die einen siebenten umschließen⁠[4289]; die Inder, die neun Teile der Erde annehmen, zeichnen indessen eine andere Figur auf, in der aber ihr Land gleichfalls als das der Mitte erscheint⁠[4290]. In Indien ist die Alchemie unbekannt, oder wird doch nicht beachtet⁠[4291], vielleicht weil das Land Überfluß an Kostbarkeiten aller Art hat; zu erwähnen ist, daß man Zinn (rasâs alqalijj) aus Ceylon holt, aus Qalah (auf Malakka?) und auch, wie ALSCHIRAZI anzudeuten scheint, aus Hinterindien⁠[4292].