Die Annahme, die ersten Nachrichten über Alchemie seien schon gegen Ende des 2. oder zu Anfang des 3. Jahrhunderts aus Ägypten nach Indien gedrungen, erscheint zwar angesichts der damaligen regen Handelsbeziehungen beider Länder nicht an sich unmöglich, aber allen näheren Umständen nach wenig glaubhaft und jedenfalls durch keinerlei Tatsache belegbar. Wahrscheinlicher klingt die Vermutung, anfängliche Verkündiger seien die Nestorianer gewesen, die, im 5. Jahrhundert als Ketzer aus dem oströmischen Reiche ausgetrieben, u. a. in Persien festen Fuß gefaßt hatten und insbesondere die maßgebende Rolle an der medizinischen Schule zu Gondisapûr im Tigris-Delta spielten; diese Schule, eines der wichtigsten Bindeglieder für die Übermittlung antiker Bildung und Wissenschaft an den Orient, stand aber um jene Zeit seit langem in enger Verbindung mit Indien, wo überdies die Nestorianer bereits so verbreitet waren, daß z. B. der Reisende KOSMAS INDIKOPLEUSTES um 530 selbst in Malabar ganze Gemeinden antraf⁠[4779]. Immerhin liegen aber bestimmte Zeugnisse auch in dieser Richtung nicht vor⁠[4780], und es spricht daher vieles für die Voraussetzung, daß maßgebend für die Verbreitung der Alchemie, wie in zahlreichen anderen Ländern so auch hier, erst die Araber waren⁠[4781], die mit Indien schon seit dem 7.–8. Jahrhundert in sehr lebhaftem Verkehr zu Wasser und seit dem 8.–9. auch zu Land standen, während ihre großen planmäßigen Eroberungszüge erst gegen Ende des 10. begannen⁠[4782].

Auf derartigen, etwa seit dem 8. Jahrhundert einsetzenden Vermittlungen beruht nach JOLLY das Aufkommen des „Tötens“ der Metalle und des Röstens mit Schwefel (schon in jüngeren Fassungen der dem SUSRUTA und CARAKA zugeschriebenen Werke), der „Wiederbelebung“, des „Fixierens“ von Quecksilber, und schließlich des Machens und „Vermehrens“ von Gold und Silber⁠[4783]. Wohl erst von dieser Zeit an begann das den Indern schon längst bekannte Quecksilber die Rolle anzunehmen, die es in der griechischen Alchemie spielt und die bei AMARASINHA (um 1000) in der Gleichsetzung von Quecksilber und „rasa“ schon deutlich hervortritt. Nicht von „alten Heiligen auf Inseln des indischen Ozeans“, sondern von arabischen Meistern dürften auch im 9. und 10. Jahrhundert NAGARJUNA, VRINDA und ihre Zeitgenossen die Künste gelernt haben, als deren Erfinder nachher bald der eine, bald der andere von ihnen hingestellt wurde, nämlich die Sublimation und Destillation, insbesondere des Quecksilbers, die Abscheidung dieses Metalls aus Zinnober, die Darstellung des schwarzen und roten Schwefelquecksilbers aus seinen beiden Bestandteilen, das Töten und Fixieren von Quecksilber, die Gewinnung von Sublimat und Calomel⁠[4784], u. dgl. mehr. Der nämlichen Abkunft ist auch die Bereitung des Elixirs, des „Pulvers der Projektion“, das bei NAGARJUNA schon 10 Millionen Teile unedler Metalle in Gold verwandelt und zugleich Gesundheit, langes Leben, oder gar Unsterblichkeit verleiht, ferner die Bezeichnung des Quecksilbers als Zubehör, ja als Verkörperung eines Gottes und als dessen Samen, und endlich die Betrachtung von Quecksilber und Schwefel⁠[4785] als ausschlaggebende Elemente und Bestandteile der Metalle⁠[4786]. Erreichte auch die Ausbildung dieser Theorien und die Anwendung solcher Kenntnisse ihren Höhepunkt erst im „Quecksilber-Systeme“⁠[4787], in der Iatrochemie, sowie in der alchemistischen Praxis des 13. bis 14. Jahrhunderts, — wobei dann Gott SIVA (dem HERMES gleich) als Vater und Lehrer der großen Kunst, die Zeitgenossen (YASODHARA und andere) aber als Erfinder der Sublimation und Destillation, des Sublimats und Calomels, des Projektionspulvers usf. gelten —, so waren sie doch auch vorher schon, zwar nicht allgemein⁠[4788], aber immerhin weit verbreitet und keineswegs nur in einzelnen, engumgrenzten Bezirken Indiens. Dies bestätigen, neben verschiedenen der weiter oben gegebenen Anführungen, namentlich der auf die „Geschichten der 84 Zauberer“ bezüglichen, auch noch die Berichte des MARCO POLO, die sich auf Zustände in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts beziehen. Wie POLO erzählt, erreichen z. B. gewisse, der Sekte der Jainas⁠[4789] angehörige Priester zu Lar im mittleren Südindien das hohe Alter von 150 bis 200 Jahren, indem sie zweimal monatlich einen aus Schwefel und Quecksilber bereiteten Trank genießen⁠[4790]; auch ARGON, ein König aus der damals in Persien regierenden mongolischen Dynastie, befragte indische Asketen, worin ihre Kunst der Lebensverlängerung bestehe, und als sie auf ihren Trank aus Schwefel und Quecksilber verwiesen, nahm er diesen ebenfalls acht Monate lang, starb aber dann trotzdem⁠[4791], — oder eher infolge des Trankes, den man vielleicht wirklich mit aus Schwefel und Quecksilber zusammenbraute, statt aus den unter diesen symbolischen Namen zu verstehenden Bestandteilen. Für die Dauerhaftigkeit und Festigkeit, mit der sich solcherlei abergläubische Vorstellungen unausrottbar erhalten, zeugt PIGAFETTA, der Begleiter des MAGELHAËS auf der ersten Reise um die Erde (1519–1522), der zu melden weiß, daß die Mohammedaner auf gewissen Inseln des ostindischen Meeres einen derartigen Trank genießen, der nicht nur die Krankheiten heilen, sondern auch die Gesundheit dauernd erhalten soll, weshalb Quecksilber und Zinnober daselbst sehr gesucht seien und hoch im Preise stünden⁠[4792].

Zugunsten des arabischen Ursprunges der indischen Alchemie sprechen endlich noch die Tatsachen, daß das Kupfer bei den indischen Alchemisten einen anderen Namen führt als in der Sanskrit-Litteratur, was für das späte Aufkommen der betreffenden Lehren sehr bezeichnend ist⁠[4793], ferner daß die Vorschriften für das Leben und Verhalten der Alchemisten völlig mit den arabischen (ursprünglich griechischen) übereinstimmen⁠[4794], und endlich daß nicht nur die chemischen Operationen nebst ihren Namen und Bezeichnungen, sondern auch die zur Ausführung vorgeschriebenen Geräte und Apparate durchaus den wohlbekannten arabischen (griechischen) gleichen⁠[4795]. Daß die Inder sie trotzdem für sich selbst in Anspruch zu nehmen und einheimischen Erfindern zuzuschreiben trachten, kann nicht überraschen, aber auch nicht überzeugen, um so mehr als das nämliche Bestreben auch bei anderen Gelegenheiten hervortritt, z. B. beim Versuche, der Kunst, metallisches Zink darzustellen (die, soweit sich übersehen läßt, aus China nach Indien gelangte)⁠[4796], indischen Ursprung zu sichern, wobei dann als Erfinder (wie oben angeführt) die verschiedensten Gelehrten ausgegeben, und mit großer Willkür bald in das 11. oder 12., bald in das 13. oder 14. Jahrhundert versetzt werden⁠[4797].