Fünfter Abschnitt.
Die Alchemie im Okzident.

1. Die Alchemie des europäischen Mittelalters bis 1300.

Die Wege, auf denen nach den Stürmen der Völkerwanderung die chemischen und chemisch-technologischen Kenntnisse des späten Altertums aufs neue zum Gemeingute des Abendlandes wurden, sind im einzelnen noch bei weitem nicht genügend erforscht und aufgeklärt. Betreffs ihrer Gesamtrichtung meint zwar BERTHELOT, als erster die ganz neue und höchst wichtige Tatsache entdeckt zu haben, daß neben und vor der arabischen, hauptsächlich von Spanien her wirksamen Tradition, auch eine unmittelbare, auf byzantinische Überlieferung zurückweisende bestanden habe, — doch schreibt er sich hierbei, wie auch in anderen Fällen, Verdienste zu, die ihm in Wirklichkeit keineswegs gebühren. Daß nämlich mit dem Ende des Altertums, also mit dem Falle des weströmischen Reiches im Jahre 476, plötzlich die gänzliche und endgültige Vernichtung alles Bestehenden eingetreten sei, und eine spätere Zeit auf sämtlichen Gebieten wieder völlig von neuem zu beginnen und die leer gewischten Tafeln allein aus eigenen Kräften allmählich neu zu beschreiben gehabt hätte, war allerdings ehemals eine weitverbreitete Vorstellung; sie ist jedoch längst der besseren Einsicht gewichen, daß wie zwischen Mittelalter und Neuzeit so auch zwischen Altertum und Mittelalter Verbindungen und Übergänge nirgendwo gefehlt haben, und daß insbesondere das geistige Band auf keinem Gebiete jemals vollkommen gerissen ist. Auf wenigen Feldern hat sich diese Überzeugung so frühzeitig aufgedrängt und gefestigt als auf dem des Kunstgewerbes und der Kunsttechnik, und es ist daher sehr auffällig, daß BERTHELOT, der sich ihr im übrigen nicht verschließt⁠[4918], gerade auf diesem seine Entdeckung gemacht zu haben glaubt; um die Selbsttäuschung begreiflich zu finden, müßte man annehmen, daß ihm nicht nur die älteren und neueren Forschungen hervorragender französischer Philologen und Kunsthistoriker unbekannt blieben, sondern auch die Spezialwerke von EASTLAKE[4919] und MERRIFIELD[4920], die Abhandlungen und Kommentare der Herausgeber in der großen als „Wiener Quellenschriften“ bezeichneten Sammlung⁠[4921], usf. Da aber einige seiner zuweilen nicht ganz an der Oberfläche liegenden Anführungen ersehen lassen, daß ihm diese Veröffentlichungen durchaus nicht entgangen waren, so muß es genügen, die Tatsache festzustellen, daß bereits die genannten Autoren, sobald sie auf den fraglichen Zusammenhang zu sprechen kommen, ihn als einen im allgemeinen ganz offenkundigen voraussetzen; sie betrachten ihn als einen angesichts der politischen und kulturgeschichtlichen Beziehungen zwischen dem oströmischen Reiche und Italien gar keinem Zweifel unterliegenden und beziehen sich hierbei u. a. auf die nämlichen frühesten Werke des Mittelalters, von denen auch BERTHELOTS Darlegungen ihren Ausgang nehmen, d. s. hauptsächlich die „Compositiones ad tingenda musiva“ und die „Mappae clavicula de efficiendo auro“. Hingegen befanden sie sich, da ihnen der Wortlaut der chemischen Texte griechischer und byzantinischer Herkunft gar nicht oder nur sehr unvollkommen, der Inhalt demnach fast nur aus den spärlichen Berichten zweiter oder dritter Hand bekannt war, nicht in der Lage, auch im einzelnen Ähnlichkeiten und Analogien zu erkennen und nachzuweisen, und in dieser Hinsicht bleibt die Leistung BERTHELOTS, deren wahre Vorzüge nicht verkleinert werden sollen, selbstverständlich die weitaus überlegene.

Was die erwähnte Übermittlung chemischer und vor allem chemisch-technologischer Traditionen durch die Araber betrifft, — die schon seit Beginn des 8. Jahrhunderts ihre Herrschaft und ihren Einfluß über Sizilien, Süditalien, Spanien und Südfrankreich zu erstrecken begonnen hatten —, so steht sie zwar als Ganzes fest, und an ihrer Tatsächlichkeit und hohen Bedeutung ist nicht zu zweifeln; ihre Einzelheiten hingegen liegen noch so gut wie gänzlich im Dunkeln, und nur in Ausnahmefällen lassen sich die Fragen beantworten, welche Vorbilder zunächst Nachahmung fanden, oder wo, wann und durch wen dies zuerst geschah? Überlegt man, daß die einschlägigen Verfahren nach Tunlichkeit geheim gehalten wurden, weshalb selbst die spätere Litteratur nur selten einige dürftige Winke über sie gibt, daß ferner deren ausschließliche eigene Verwertung größte Wichtigkeit für Handel und Verkehr der Eroberer besaß, daß aber die Arabisierung der besetzten Länder nur eine oberflächliche war und blieb (selbst in weiten Teilen Spaniens), so ist wohl allein an eine unverhütbare allmähliche Aneignung seitens Mitbeschäftigter und Lernbeflissener zu denken, nicht aber an eine gewollte Lehrtätigkeit der Araber. Ebenso sind auch gewisse, wie in älterer so noch in neuerer Zeit mit lebhaften Farben ausgemalte Schilderungen abzuweisen, denen gemäß, etwa vom 11. Jahrhundert an, junge Leute mitteleuropäischer Herkunft die arabischen Universitäten Spaniens aufgesucht hätten, um dort neben anderen Geheimwissenschaften auch Alchemie zu studieren und sie in den Laboratorien der großen Meister praktisch zu betreiben⁠[4922]. In Wirklichkeit⁠[4923] waren nämlich diese „Universitäten“ teils eine Art Seminare und als solche unmittelbar den Moscheen angegliedert⁠[4924], teils eine Art Stifte oder Kollegien und als solche in eigenen, „Medreseh“ genannten Schulgebäuden untergebracht. Unterrichtsgegenstände bildeten in ersteren ausschließlich Theologie und ihre Nebenzweige, namentlich Jurisprudenz, in letzteren aber auch Philosophie, Philologie, sowie zuweilen Medizin, Astronomie und Mathematik⁠[4925], und zwar wurden, wie noch heutzutage etwa in den entsprechenden Anstalten zu Konstantinopel oder Kairo, die Paragraphen des von einer „anerkannten Autorität“ verfaßten Lehrbuches durch den Vortragenden abgelesen und erklärt, die Lehrstoffe aber durch die Zuhörer nachgeschrieben und memoriert; nur die „Vorlesung“ kam also in Betracht, nicht eine selbständige und praktische Forscherarbeit der Lehrer, geschweige denn der Schüler, am allerwenigsten aber eine auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, die als solche noch gar kein Sonderdasein führten, in den Lehrplänen keine Stätte besaßen und in den Augen der Strenggläubigen immer noch mit Magie und Zauberei zusammenhingen, also für „verdächtig“ galten. Endlich waren aber auch diese Schulen, angesichts der gerade in Spanien großen Intoleranz der Geistlichkeit und ihrer regen Eifersucht gegen alles Fremde⁠[4926], für Ungläubige völlig unzugänglich, so daß schon allein dieser Umstand der angeführten Hypothese jeden Boden entzieht. Infolgedessen wurde sie dahin abgeändert, daß nicht die arabischen Hochschulen Ziel der Alchemie-Studierenden gewesen seien, sondern die aus ihnen schon seit der Rückeroberung Toledos (1085) hervorgegangenen spanischen. Aber auch diese sog. Universitäten pflegten, gleich sämtlichen mittelalterlichen, ausschließlich die Geisteswissenschaften (in weiterem Sinne), — in erster Linie natürlich die Theologie —, während die Naturwissenschaften für sie überhaupt nicht vorhanden waren und auch späterhin nicht die geringste Beachtung erfuhren; wer niemals Anlaß hatte, sich mit den Erzeugnissen ihres rein scholastischen Betriebes zu befassen, schöpft die richtigste Vorstellung von ihrer starr konservativen und orthodoxen Gesinnung in früheren Jahrhunderten aus einer Antwort, die noch 1771 die vornehmste Universität, Salamanca, auf Vorschläge König KARLS III. zu einer zeitgemäßen Umgestaltung der Lehrweise erteilte: „NEWTON lehrt nichts, was einen guten Logiker oder Metaphysiker bilden könnte, und GASSENDI oder DESCARTES stimmen nicht mit der Wahrheit der Offenbarung überein, wie das ARISTOTELES tut⁠[4927].“ Von einem Studium der Chemie an den spanischen Universitäten und von alchemistischen Arbeiten in deren Laboratorien, kann also ernstlich gar nicht gesprochen werden. Wie sich indessen die großen Übersetzer arabischer Werke aller Art in das Lateinische, z. B. GERHARD VON CREMONA (1114–1187)⁠[4928] und andere, gelegentlich ihres Aufenthaltes in Toledo und sonstigen spanischen Städten nicht etwa der Mithilfe akademischer Kreise bedienten, sondern jener gelehrter sach- und sprachkundiger Juden, so dürften sich auch die auf Kenntnis der Geheimwissenschaften und der Alchemie Ausgehenden unmittelbar an Personen gewendet haben, die im Rufe standen, selbst mit diesen Dingen Bescheid zu wissen. Das werden aber, wie jederzeit und allerorten, vorwiegend Schwindler, Betrüger und allenfalls betrogene Betrüger gewesen sein, die teils einzeln im verborgenen wirkten, teils jenen mystischen, magischen und nekromantischen Geheimzirkeln angehörten, die z. B. nach DEL RIO und GESNER noch um 1600 in Toledo, Granada, Cordova, Sevilla und Salamanca ihr Wesen trieben⁠[4929], und es kann daher nicht wundernehmen, daß das im Dunkeln Ausgeübte auch im Dunkeln verblieb, und schriftliche Aufzeichnungen darüber nicht vorliegen. — Im ganzen scheint man jedoch überhaupt die Rolle des eigentlichen Spaniens als Ausgangspunkt der Verbreitung und Vervollkommnung chemischer und alchemistischer Kenntnisse und Verfahren bisher überschätzt zu haben, und die maßgebenden arabischen Anregungen fielen vermutlich in der Provence, in Italien und in Sizilien auf fruchtbareren Boden. Die einschlägige arabische Litteratur dieser Länder ist leider noch sehr ungenügend erforscht, doch steht es z. B. fest, daß schon IBN BADSCHRUN, ein sizilischer Autor (des 11. Jahrhunderts?), ein Buch „Sirr Alkîmijâ“ (= Geheimnis der Chemie) verfaßte, und sizilischen Ursprunges scheint auch eine ausführliche Anweisung zu sein, behandelnd die Herstellung von Tinten in verschiedenen Farben, von Goldtinte mittelst Auripigment, von Silbertinte mittelst Zinnamalgam, sowie die Vergoldung von Papier und Pergament⁠[4930].

In Sizilien wurden um 1150 alchemistische Schriften auch ohne den Umweg über das Arabische unmittelbar aus dem Griechischen übersetzt⁠[4931]. Daß dies möglich war, kann nicht überraschen, wenn man bedenkt, daß große Teile Italiens, namentlich Süditaliens, seit ihrer Wiedereroberung durch die oströmischen Kaiser jahrhundertelang in engster Verbindung mit dem byzantinischen Reiche standen, so daß die griechische Sprache bis tief in das Mittelalter hinein eine allgemein verstandene, ja in vieler Hinsicht eine herrschende blieb: daher zeigen zahlreiche süditalische Münzen des 8. bis 11. Jahrhunderts griechische Aufschriften⁠[4932], und noch Kaiser FRIEDRICH II. erließ im 13. Jahrhundert seine Gesetze zugleich in lateinischer und griechischer Fassung⁠[4933]. Diese Umstände sind namentlich sehr beachtenswert betreffs der Überlieferung der chemisch-technologischen Kenntnisse und der auf ihnen beruhenden kunstgewerblichen Verfahren. Schon während der Kaiserzeit war die römische Kunst „nur eine von Nicht-Römern geleitete Fortbildung hellenistischer Motive“, wie dies schon allein die Tatsache zeigt, daß für die im Kunstgewerbe beschäftigten kaiserlichen Freigelassenen und Sklaven in sämtlichen bekannten Inschriften, mit einer einzigen Ausnahme, nur griechische und orientalische Namen erscheinen⁠[4934]; nach dem Sturze des weströmischen Reiches gingen dann die Traditionen der Kunst, die am getreuesten und längsten die Werkstätten der ägyptischen Edelschmiede bewahrt hatten, zunächst ganz an die Byzantiner und später an die Araber über und wurden durch sie erhalten und weiter verbreitet⁠[4935].

Sowohl EASTLAKE als MERRIFIELD heben in ihren oben genannten Werken nachdrücklich und an vielen Stellen die Bedeutung der byzantinischen Übermittlung hervor, die teils auf mündlichem, teils auf schriftlichem Wege, bald an geistliche, bald an profane Künstler, und in vielen Fällen auch außerhalb Italiens weit früher erfolgte, als man sehr allgemein anzunehmen pflegt⁠[4936]: sind doch z. B. „griechische“ Glasmaler, die nicht nur die Malereien auszuführen, sondern auch die erforderlichen Farben zu bereiten verstanden, schon 687 in Frankreich nachweisbar⁠[4937] und um die nämliche Zeit nach BEDA VENERABILIS auch in England⁠[4938]. Sehr bezeichnend für die „innige Kontinuität“ der hellenistischen, byzantinischen und italienischen Vorschriften erweisen sich nach WESSELY auch die frühmittelalterlichen Rezepte für „Chrysographie“ (Goldschrift), denn unter 17 von ihm angeführten gehen 8 auf die bewährten alten Verwendungen echten Goldes zurück (Grundieren; Auftragen von Goldstaub, Goldblättchen, Goldamalgam, nebst Gummi u. dgl.; Polieren mit dem Tierzahn) und 9 auf die ebenso bekannten der Ersatzmittel (Auripigment, Zinnober, Safran, Galle, ...)⁠[4939]. Charakteristische, den hellenistischen und byzantinischen Quellen entlehnte Züge sind ferner u. a. die folgenden: die Herstellung von „Auripetrum“⁠[4940] durch Vergolden von Zinnfolie mittelst eines Firnisses aus Sandarach (oder anderen Harzen) und Leinöl oder Nußöl (dieses nach AËTIOS, 6. Jahrhundert), sowie mittelst Gallenfarben⁠[4941]; das Feinreiben von Gold und anderen Materialien auf ägyptischem Porphyrstein, so daß „porphyrisiert“ überhaupt so viel wie „feingerieben“ bedeutet, — eine Benennung, die sich im französischen „porphyriser“ dauernd erhalten hat; die Verwendung von Zusätzen, z. B. Bleiweiß, zur „Multiplicatio“ (Vervielfachung) des Azurs, dessen violette Sorte den Namen „Manghanese“ führt⁠[4942], sowie des Zinnobers, der sich auch in Italien findet und dort Hämatit heißt [d. i. in Wirklichkeit Roteisenstein]⁠[4943]; das „Ausbrüten“ von Quecksilber in einem „Ei“ zu Gold von der richtigen „Goldfarbe“⁠[4944]; die Anfertigung künstlicher Perlen und ihre Reinigung durch Verfüttern an Tauben oder Hühner⁠[4945]; die Benützung von Ätzkalk zu Mischungen, die sich in Berührung mit Wasser entzünden⁠[4946]; das Aufsagen von Gebeten (Paternoster, Miserere, Ave Maria) zwecks Zeitmessung⁠[4947], usf. Wie völlig bewußt sich die frühmittelalterlichen Autoren dieser Zusammenhänge waren, beweist u. a. auch die „Schedula diversarum artium“ des sog. THEOPHILUS PRESBYTER, die im 11. oder 12. Jahrhundert auf Grund weit älterer Überlieferungen abgefaßt ist und sich nicht nur wiederholt auf „griechische“ Rezepte zur Darstellung von Gold (aus Zinn und Safran), Farben, Präparaten und Gläsern beruft, sondern auch ausdrücklich versichert, „alles zu enthalten, was nur die Griechen an verschiedenen Gattungen von Farben und Mischungen besitzen“⁠[4948]. Nach Deutschland, besonders auch nach Norddeutschland, scheinen „griechische Meister“ nicht selten bereits im 10. Jahrhundert, unter der Regierung Kaiser OTTOS II., gekommen zu sein, dessen Gemahlin THEOPHANO bekanntlich eine byzantinische Prinzessin war; in Verbindung hiermit steht vielleicht die Erwähnung eines byzantinischen Alchemisten bei einem Kommentator der „Kirchengeschichte“ des ADAM VON BREMEN aus der Zeit OTTOS III. (983 bis 1002), während dessen Minderjährigkeit seine Mutter THEOPHANO die Würde der Reichsverweserin bekleidete⁠[4949].