MURATORI, der im Laufe des 18. Jahrhunderts eine große Reihe wichtiger, die politische und Kultur-Geschichte Italiens betreffender Abhandlungen und Sammelwerke herausgab, entdeckte diese, dem 8. Jahrhundert angehörige Schrift „Über das Färben der Mosaïke ...“ in der Bibliothek zu Lucca und veröffentlichte sie zum ersten Male in seinen „Antiquitates Italicae medii aevi“[4950], jedoch nach GUARESCHI[4951] anscheinend nicht ganz vollständig. Sie besteht aus einer Sammlung von Rezepten zu praktischen, meist kunsttechnischen Zwecken, die verschiedenen Quellen entlehnt und ziemlich regellos aneinander gereiht sind, und ist in einem barbarischen Latein abgefaßt, das deutlich die mindestens teilweise Übersetzung aus dem Griechischen und den byzantinischen Ursprung erkennen läßt; letzteren bezeugt sie auch durch die Bewahrung gewisser griechischer und ägyptischer Überlieferungen, die sich in späteren gleichartigen Werken z. B jenen des sog. HERAKLIUS und THEOPHILUS (aus dem 10. bis 12. Jahrhundert?), nicht mehr erhalten haben. KOPP, HOEFER und anderen Historikern der Chemie, blieb ihr Vorhandensein unbekannt[4952], obwohl LESSING in der Schrift „Vom Alter der Ölmalerei“ (1774)[4953], BECKMANN in den „Beiträgen zur Geschichte der Erfindungen“ (1792)[4954], BERTHOLLET in den „Elements de l’art de la teinture“ (1804)[4955], und in neuerer Zeit EASTLAKE (1847)[4956], MERRIFIELD (1849)[4957] und BUCHER (1875)[4958] ihrer gedachten. Der wesentliche Inhalt, soweit chemische Fragen in Betracht kommen, ist nach BERTHELOT der folgende[4959]:
Die Metalle, wie Gold, Silber, Kupfer, Orichalcum (= Messing), Blei usf., werden aus verschiedenen Erzen gewonnen, Blei z. B. aus männlichen und weiblichen, und miteinander durch Löten vereinigt[4960]. Aus Gold macht man zarte Fäden, aus Gold und Silber feinen „Staub“, und aus Gold, Silber und Zinn auch äußerst dünne Blätter[4961], die man mit Leinöl oder ähnlichen Mitteln auf unedle Metalle, Glas, Stein, Holz und Gewebe aufklebt, um diese zu vergolden oder zu versilbern[4962]. Blattgold ersetzt man nach Bedarf durch Zinnfolie, die man mit einem [bereits im Leidener Papyrus erwähnten] Firnis aus Safran, Chelidonium und Auripigment überzieht[4963], doch versteht man Metalle, besonders Kupfer, überhaupt so zu „färben“, daß sie wie Gold aussehen[4964]. Das Blattgold löst man ferner in Quecksilber und gebraucht das Amalgam zur Herstellung von Goldschrift, doch können auch hier Safran und andere gelbe Farbstoffe [wie im Leidener Papyrus] zur Aushilfe dienen[4965].
Als „Compositio brandisii“ wird die Bereitung einer Legierung aus 2 Teilen Kupfer (aeramen), 1 Teil Blei und 1 Teil Zinn, oder aus 2 Teilen Kupfer, 1 Teil Blei, ½ Teil Zinn und ½ Teil „Vitrum“ [wörtlich Glas, hier wohl ein krystallinisches Flußmittel] beschrieben[4966]; sie ist also eine bleihaltige und daher minderwertige Bronze, und letzterer Name soll nach BERTHELOT von dem dieser Legierung abgeleitet sein (siehe weiter unten).
Von Mineralien und Präparaten finden sich genannt: Schwefel und Auripigment[4967]; Hämatit (Roteisenstein), Oker und Rötel[4968]; das Kupfererz Chalkitis, gebranntes Kupfer, Kupferblau (?) und Jarin [Grünspan] aus Kupfer und Essig[4969]; Bleiglätte, Bleiweiß aus Blei und Essig, sowie Siricum [Mennige, zuweilen aber auch Rötel][4970]; Kathmia, auch kupferhaltige[4971]; natürliches und künstliches Quecksilber, sowie Zinnober, bereitet aus Quecksilber und Schwefel[4972]; Lasurstein (?), Koralle und Gagat[4973]; Salz, Alaun und Vitriol [ein unreines, eisenhaltiges Kupfersulfat aus zersetztem Pyrit], durch Einkochen der wässerigen Lösung dargestellt und nach BERTHELOT hier zuerst unter dem Namen „vitriolum“ erwähnt[4974], [der aber sicherlich sehr viel älter ist, da z. B. schon PLINIUS die Ähnlichkeit der krystallisierten Substanz mit blauem Glase hervorhebt]; Nitron und Aphronitron (Schaumnitron)[4975].
Durch Erhitzen von Nitron und Glassand in den Glasöfen schmilzt man das Glas zurecht und verleiht ihm zugleich durch gewisse Zusätze beliebige Farben: Zinn macht es weiß, Bleiglätte gelb, Zinnober, gebranntes Kupfer und Kathmia hell- bis dunkelrot, usf., und aus solchem buntem sowie aus vergoldetem und versilbertem Glase verfertigt man die Glasmosaïken, die auch eine schöne Politur annehmen[4976]; prächtig gelbe, purpurne und andere Färbungen lassen sich aber auch mittelst geeigneter Firnisse bewirken, z. B. mittelst des „antimio di damia“ (?) genannten[4977].
Zum „Färben“ [Bemalen; Anstreichen] von Pergament, Holz, Knochen, Horn, Mauerwerk usf. bedient man sich zahlreicher Farbstoffe[4978], teils der oben genannten mineralischen, die sich auch zu Beimischungen eignen, teils tierischer, z. B. des Purpurs[4979], teils pflanzlicher. Zu diesen zählen u. a. die der Rinden und Früchte von Nußbäumen, Ulmen und Eichen [Galläpfel], der Blüten von Veilchen, Mohn, Lein, blauen Lilien usf., der Wurzeln des Krapps, ferner Vermeil, Ficarin, Lazurin, Lulazin oder Lulax, u. dgl. mehr[4980]. Als Lösemittel gebraucht man Regenwasser, Seewasser, Essig oder gefaulten Harn, als Bindemittel aber, je nach der Natur des Untergrundes, Öl, Leinöl, Harze, Mastix, Gummi, Fett, Wachs, Bitumen, Fischleim, die „amor aquae“ (?) genannte schaumige Masse usf.[4981].
Stoffen und Geweben erteilt man ebenfalls alle möglichen Farben, z. B. purpur, zinnoberrot, dunkelgelb, hellgelb (melium), grün, blaugrün (venetum)[4982] und „pandium“, zu dem Bleiweiß, Zinnober, Grünspan und gewisse blaue, grüne und purpurne Farbstoffe verwendet werden[4983].