Als „Mappae clavicula de efficiendo auro ...“, „Schlüssel zur Anweisung Gold zu machen“ (zunächst zu Zwecken der Malerei und des Kunstgewerbes) führt nach BECKER[4984] das Bibliotheks-Verzeichnis des Klosters Reichenau aus dem Jahre 821–822 eine (jetzt verlorene) Schrift an, in der BERTHELOT die älteste, noch sämtliche Rezepte der „Compositiones ad tingenda musiva ...“ mitenthaltende Vorlage der bis auf uns gekommenen „Mappae clavicula“ vermutet[4985]. Von dieser ist ein kürzerer Auszug in einer nach GIRY spätestens dem 10. Jahrhundert entstammenden (noch ungedruckten) Handschrift in Schlettstadt vorhanden, sowie ein ausführlicherer, dem 12. Jahrhundert angehöriger, das sog. „WAYsche Manuskript“, in England[4986]; für den Verfasser des letzteren erklärt BERTHELOT (oder sein nicht klar ersichtlicher Gewährsmann) den ADELHARD von BATH, einen hochgebildeten englischen Mönch, der um 1130 von weiten Reisen zurückkehrte, die ihn bis in den Orient führten, und unter dessen Werken sich eine „Mappae clavicula“ erwähnt findet[4987]. Hiernach würde es sich erklären, daß der WAYsche Text einige Worte altenglischen und arabischen Ursprunges zu enthalten scheint[4988], und daß allein in ihm an die Stelle der zum Teile weggefallenen Rezepte der „Compositiones“ verschiedene Zusätze späterer Herkunft getreten sind, die teils arabischen Einfluß verraten (wie die über Zucker, Stärke, Seife, ... handelnden), teils auf die sog. „Schedula“ des THEOPHILUS (12. Jahrhundert?) oder deren Quellen zurückweisen[4989]. — Die ursprüngliche „Mappae clavicula“ ist als eine nach BERTHELOT in Italien, nach DIELS[4990] eher im karolingischen Frankreich um 800 verfaßte Sammlung von Rezepten anzusprechen, die entweder griechischen und byzantinischen Schriften entnommen wurden, oder (was wahrscheinlicher ist) älteren lateinischen Auszügen aus solchen; Spuren, die diese Entstehungsart verraten, sind eine Anzahl griechischer Lehnworte[4991], gewisse Übereinstimmungen mit Vorschriften des Leidener Papyrus und des PSEUDO-MOSES[4992], Reste heidnischen Götterglaubens[4993], Empfehlungen von „Gebeten“ um gutes Gelingen der Operationen[4994] usf. — Die hauptsächlichen Angaben, die chemische Kenntnisse und Verfahren betreffen, sind die nachstehenden[4995]:
Silber und Gold bereitet man durch Herstellung entsprechend gefärbter Legierungen aus edlen und unedlen Metallen, auch unter Benützung von Auripigment, Sandarach und anderen Zutaten[4996]; gefördert werden diese verschiedenen Methoden der „Diplosis“ oder „Duplicatio auri“ (= Verdopplung des Goldes) durch Beifügen kleiner Mengen fertigen Silbers oder Goldes[4997] und durch Bittgebete während des Schmelzens[4998]; dieses setzt man fort „donec hilare fiat“, „bis die Masse hellen Blick zeigt“ (s. unser „Silberblick“), — „καὶ γένηται ἱλαρός“ heißt es im Leidener Papyrus[4999]. Zum Versilbern und Vergolden bedient man sich auch des „Magnesia“ genannten Quecksilber-Amalgams, das aber nicht identisch mit der Magnesia der Glasmacher ist[5000], oder gewisser silber- und goldfarbiger Firnisse[5001]; mittelst solcher Firnisse, die Auripigment, Galle verschiedener Tiere, Drachenblutharz u. dgl. Bestandteile enthalten, — die Vorschriften kommen teils schon im Leidener Papyrus und bei PSEUDO-MOSES vor, teils scheinen sie erst aus dem HERAKLIUS und THEOPHILUS interpoliert zu sein —, bringt man auch Gold- und Silberschrift auf Pergament, Stein oder Metall da an, wo die Verwendung echter goldener oder silberner zu teuer wäre[5002].
Die Rezepte zur Herstellung und Bereitung von Metallen (und auch von Gläsern, s. unten) sind im Schlettstädter Manuskript nur dem Titel nach erhalten[5003], dagegen findet sich nach GIRY allein in diesem, und nicht in der WAYschen Handschrift, eine Angabe über die „Compositio brindisii“ aus 2 Teilen Kupfer und 1 Teil Blei, sowie (unter den Zusätzen, die auf einigen der letzten Blätter eingetragen stehen) über die „Compositio brondisono“ aus 2 Teilen Kupfer, 1 Teil Blei und 1 Teil Zinn[5004]; BERTHELOT zieht auch diese Stellen als Stütze seiner Vermutung über den Ursprung des Namens „Bronze“ heran (s. unten).
Nur im WAYschen Manuskripte vorhanden sind die das Niello (nigellum) betreffenden, allerlei arabische Worte aufweisenden Vorschriften[5005], eine ganze Anzahl den „Compositiones ad tingenda musiva“ entlehnte[5006], sowie einige auf Glas bezügliche: diese berichten vom Callaïnum oder Calaino, das wohl als ein grünes Krystallglas anzusehen ist[5007], — da auch der „Papyrus KENYON“ (im 3. Jahrhundert) von Smaragd und Kallaïs als „grünen Steinen“ spricht[5008] —, sowie von dem schon bei den antiken Autoren oft erwähnten „unzerbrechlichen Glase“[5009], dessen Bereitung auch „ein rätselhaftes und mystisches, Drachenblut enthaltendes Rezept“ dienen soll, das sich weiterhin bis auf den sog. RAYMUND LULL und andere spätere Alchemisten forterbte. BERTHELOT vermutet, es habe sich hierbei im Grunde doch um eine wirkliche, schon zu Beginn der römischen Kaiserzeit gemachte Erfindung gehandelt, ebenso wie bei dem gleichfalls angeführten Verfahren „ad cristallum comprimendum in figuram“ (Krystallglas in Formen zu pressen).
Auf griechische und byzantinische Quellen zurück geht die Schilderung der Feuerpfeile und Brandsätze aus Harzen, Erdölen u. dgl. (nicht aber aus Salpeter)[5010], sowie die Beschreibung der hydrostatischen Wage, die sich auch bei HERAKLIUS, sowie im Pariser Sammel-Manuskripte 12292 (aus dem 10. Jahrhundert) findet[5011].
Allein im WAYschen Manuskripte ist endlich anhangsweise eine anagrammatische Vorschrift zur Darstellung von Weingeist erhalten: sie befiehlt, 1 Teil alten und sehr starken Wein nebst ⅓ Teil Salz in den hierzu gebräuchlichen Gefäßen zum Sieden zu bringen, wodurch man ein „Wasser“ erhält, das sich zur Flamme entzündet, ohne seine Unterlage zu verbrennen [also einen noch stark wasserhaltigen Weingeist]; in dem Anagramm sind die Buchstaben jedes Wortes durch die ihnen im Alphabete nachfolgenden ersetzt, xkok, qbsuf, tbmkt bedeuten also vini, parte, salis, usf. Wie in den Schriften anderer späterer Autoren des 13. Jahrhunderts (s. unten), so soll nach BERTHELOT auch in der hier besprochenen das angeführte Rezept einer arabischen Quelle entnommen sein[5012]; diese Behauptung ist indessen ganz irrtümlich, der Alkohol ist vielmehr eine Erfindung des Abendlandes, die vermutlich erst im 11. Jahrhundert gemacht wurde, und wahrscheinlich in Italien[5013].