d) Theophilus.

Die „Schedula diversarum artium“ (Verzeichnis verschiedener Künste) genannte Schrift, die u. a. 1530 CORNELIUS AGRIPPA[5021] und 1688 MORHOF[5022] erwähnten, über die 1774 LESSING in der Abhandlung „Vom Alter der Ölmalerei“ ausführlich berichtete, deren in neuerer Zeit BUCHER[5023] sowie GUARESCHI[5024] gedachten, und die ILG in berichtigtem Wortlaute herausgab⁠[5025], stammt in der vorliegenden Form vermutlich aus der Zeit um 1100. Ihr Verfasser, dessen Namen und Heimat sicher zu ermitteln noch nicht gelungen ist, schöpfte aus einer großen Anzahl zum Teil weit älterer Vorgänger und beabsichtigte, alles zu beschreiben, was Italien (besonders Tuscien = Toscana), Frankreich, Deutschland und Arabien auf dem Gebiete der Künste und Kunstgewerbe zu leisten vermögen, und so auch „alles, was nur Griechenland an verschiedenen Gattungen von Farben und deren Mischungen besitzt“⁠[5026]. Die Benützung ursprünglich griechischer, richtiger byzantinischer Quellen erhellt u. a. aus der Nennung von griechischem Pergament⁠[5027], griechischen Blättern (folia graeca) aus Niello⁠[5028], griechischem Glas (Mosaïk)⁠[5029], griechischem Salz oder Nitron⁠[5030], Affronitron (Aphronitron)⁠[5031], Ematis (= Hämatit)⁠[5032], Marmor porphyriticus (= Porphyrstein)⁠[5033], Olivenöl-Pressen⁠[5034] usf.; auf spanische Herkunft deuten spanisches Gold, spanisches Messing, spanisches Grün (Viride hispanicum = Grünspan)⁠[5035], auf deutsche der Leim vom Fische Huso (= Hausen)⁠[5036] und vielleicht auch die Glassa (Bernstein)⁠[5037], auf orientalische der Barabas (= Borax)⁠[5038] und möglicherweise auch die Namen Posch oder Pox sowie Menesch für zwei Farbstoffe⁠[5039].

Im Vordergrunde stehen die kunstgewerblichen Arbeiten aus Metallen, deren Gewinnung nur andeutend, deren Verarbeitung aber ausführlich beschrieben wird⁠[5040].

Von den Arten des Goldes ist die schönste das arabische, deren prächtiges Rot die Neueren (moderni) durch Verschmelzen von ⅘ Blaßgold mit ⅕ Kupfer nachzuahmen suchen, — doch hält die auf solche betrügerische Weise hergestellte Mischung dem Feuer nicht stand⁠[5041]; zu manchen kunstgewerblichen Zwecken sind indessen Gemische von ⅔ Gold mit ⅓ Rotkupfer sehr geeignet⁠[5042]. Gold wird, teils für sich, teils mit Quecksilber [d. h. nach der Abscheidung aus dem Amalgam], zu „Staub“ gemahlen⁠[5043], zu Blättchen gehämmert und in dünne Fäden ausgezogen⁠[5044] und läßt sich mittelst gebrannten Kupfers [Kupferoxydes], Zinns und eingedickter Lauge aus Buchenasche (laxiva; französisch lessive) auch gut löten⁠[5045]. Um es von Silber zu trennen schmilzt man das Gemisch so oft mit Schwefel, bis sich kein schwarzes Schwefelsilber mehr bildet, — aus welchem letzteren man das Silber durch Schmelzen mit Kohle, Buchenholzasche und Blei zurückgewinnen kann⁠[5046]. Zur Trennung von Kupfer wickelt man das Schabsel in Bleiblech, schmilzt erst mit Holzasche und gebrannten Knochen [Kohle, Phosphaten], sodann mit Blei und setzt dies so lange fort, bis alles Kupfer ausgeschieden ist⁠[5047]. Zu Vergoldungen aller Art, namentlich auch von Schriften und Büchern⁠[5048], verwendet man feine Goldblättchen (auripetula), die sich aber je nach Bedarf auch durch Oker oder Auripigment, gefirnißte Zinnblättchen, Ochsengalle, Safran und den safrangelben Farbstoff gewisser Rinden ersetzen lassen⁠[5049]. Bestreicht man dünne Blättchen reinsten Rotkupfers beiderseits mit einer Mischung aus scharfem Essig, getrocknetem Blut eines Rothaarigen und Asche des Basilisk genannten Tieres (das die Heiden aus den Eiern alter Hähne großzuziehen verstehen), glüht sie im Feuer und löscht sie in der nämlichen Mischung, so nehmen sie völlig Farbe und Gewicht des Goldes an und taugen so gut wie dieses zu jeglicher Verwendung⁠[5050]. — Silber reinigt man durch wiederholtes Schmelzen mit Blei und Abschöpfen des aufsteigenden Schaumes; sollte es hierbei kochen und spratzen, so war es mit Zinn oder Messing versetzt, und man überstreut es dann mit feingepulvertem Glase, setzt neues Blei zu und fährt mit dem Schmelzen fort, bis sich kein Schaum mehr abscheidet⁠[5051]. Aus Silber gewinnt man ebenfalls „Staub“ und feine Fäden⁠[5052], sowie durch Verschmelzen mit Kupfer, Blei und Schwefel das schwarze Nigellum [Niello]⁠[5053]. — Kupfer stellt man durch Brennen gewisser in der Erde wachsender Steine mit Kohle dar, und das Reinste ist schön rot⁠[5054]. Beim Verbrennen gibt es „flos aeris“ [Kupferoxyd]⁠[5055]; beim Eingraben dünner Platten nebst Essig, Harn oder auch Salz in Mist das schön grüne Viride salsum und hispanicum [Grünspan u. dgl.]⁠[5056]; beim Verschmelzen mit Calamina [Galmei] und Kohle das prächtige Aurichalcum⁠[5057] [Messing; irrtümlich auch mit aes = Bronze bezeichnet]⁠[5058]; beim Verschmelzen mit Zinn endlich „das Metall, aus dem man die Glocken gießt“⁠[5059] [aes, d. i. Bronze, welcher Name sich aber nicht genannt findet]. Auch aus Kupfer und Messing verfertigt man Staub und Fäden, sowie dünne Blättchen (laminae), die sich leicht schön vergolden und versilbern lassen⁠[5060] (z. B. mit flüssigem Zinn). — Zinn dient, entweder für sich, oder mit Blei und zuweilen auch mit etwas Quecksilber versetzt, zum Gießen von Kännchen und ähnlichen Geräten, zum Ziehen feiner Drähte, zur Herstellung von Lötmetall⁠[5061], sowie zur Bereitung dünner Blättchen zwecks Vergoldung und Versilberung⁠[5062]. — Eisen geht aus den in der Erde wachsenden Eisensteinen durch Erhitzen, Schmelzen und Bearbeiten hervor und läßt sich mit Kupfer (oder Kupfer und Zinn) nebst gebranntem Weinstein und Salz löten⁠[5063] und auch dauerhaft verzinnen⁠[5064]; durch Glühen und Härten, am besten im Harn eines mit [angeblich sehr hitzigem] Farnkraut gefütterten Bockes oder eines rothaarigen kleinen Knaben, wird es zu Stahl, der „Calibs“ heißt, „von dem Berge, wo er zumeist gebraucht wird“⁠[5065]. — Blei ist weich, leichtflüssig und schwarz, ergibt aber die schön weiße Cerosa [Bleiweiß], die beim Erhitzen in gelbe Bleiglätte übergeht und beim Brennen in rotes Minium⁠[5066]. — Quecksilber und namentlich sein erstickender Rauch (foetor) sind furchtbare Gifte; erhitzt man es mit Schwefel in einem gut verschlossenen, mit Ton lutiertem Gefäße (ampulla), bis man ein starkes Geräusch hört, so entsteht Zinnober (cenobrium)⁠[5067].

Von Farbstoffen werden genannt: Sinopis [Rötel], gebrannter Oker, Zinnober⁠[5068], Minium⁠[5069], Karmin [Carmoisin, Kermes]⁠[5070], Rubrica [Krapp]⁠[5071]; Bleiglätte⁠[5072], Auripigment⁠[5073], Croceum [Safran], safrangelbe Rinde⁠[5074]; Indicum [Indigo], Lasur⁠[5075]; Grünspan und grünliches Prasinum⁠[5076], sowie die Säfte von Sambucus [Holunder], Schwertlilie, Lauch und Kohl⁠[5077]; Ruß und der auch als Tinte (incaustum) dienliche Saft der Spina [Schwarzdorn]⁠[5078]; Gips, Bleiweiß und die aus Weiß und Schwarz gemischte Veneda⁠[5079]; die Mischfarben (?) Posch und Menesch, die bläulichen, rötlichen, grünlichen und anderen Ton besitzen können⁠[5080]; die Säfte der Folium-Arten [Croton tinctorium], die sich als rot, purpurn und sapphirblau beschrieben finden⁠[5081]. — Aus der Reihe der Binde- und Verdickungs-Mittel sind anzuführen: Tannenharz, die Harze Drachenblut und Glassa [Bernstein]⁠[5082]; Nuß-, Mohn-, Lein- und Oliven-Öl⁠[5083]; Eikläre und Eidotter⁠[5084]; Käsestoff (gluten casei)⁠[5085]; Kleister aus Weizenmehl⁠[5086]; Wachs und Pech⁠[5087]; arabisches, Kirsch- und Pflaumen-Gummi⁠[5088]; Leim aus Knochen, Leder und Pergament, sowie Fischleim aus der Blase (vesica) des Huso [Hausen]⁠[5089]; Vernitio [Firnis]⁠[5090]. — Chemikalien, die gelegentlich sonst noch genannt werden, sind Schwefel⁠[5091], Atrament [auch = Colcothar, Cothus?]⁠[5092], Alaun⁠[5093], Nitron und Aphronitron⁠[5094], Pflanzenasche⁠[5095], roher und gebrannter Weinstein⁠[5096] und Barabas [Borax]⁠[5097].

Aus einer Mischung von 2 Teilen bester Buchenholzasche und 1 Teil reinster Kiesel, die man in gut gebrannte Töpfe aus weißem Ton füllt, stellt man das Glas dar, und zwar durch andauerndes Schmelzen in großen eingewölbten Werköfen, zu denen auch Kühlöfen und Öfen zum Ausbreiten des mit der Pfeife erblasenen Tafelglases gehören⁠[5098]; man kann es klar und durchsichtig belassen, oder auch weiß, gelb, rotgelb, purpurn, sapphirblau, grün usf., in hellen und dunklen Tönen färben, und so zur Zusammensetzung der kostbaren bunten oder mit Glasgemälden gezierten Fenster verwenden⁠[5099]. Nicht durchsichtig, sondern fest und dicht wie Marmor sind die bunten, schon bei den Heiden zur Herstellung von „opus musivum“ [Mosaïk] gebrauchten, aber auch für die des Elektrons [hier = Email] dienlichen Glaswürfel⁠[5100], die sich mit Gold- oder Silber-Blättchen auch schön zu „vitrum graecum“ [griechischem Glase] vergolden oder versilbern lassen⁠[5101]. Durch Blasen und Schwingen des Glases formt man ferner Gefäße, Flaschen, Schalen, Ringe und vieles andere, in den verschiedensten Gestalten⁠[5102], weiß, bunt, vergoldet, mittelst vorsichtigen Einbrennens feinst gemahlenen Glases jeglicher Farbe bunt verziert, mit weißen und bunten Fäden oder Stäbchen umwunden⁠[5103], usf. Aus bunten Glasflüssen bestehen ferner die gläsernen Edelsteine, die man (ebenso wie die natürlichen und wie das „Krystall“ genannte, durch vieljährigen scharfen Frost zu einer Art Eis verhärtete Wasser) erst mit Feinsand oder mit Ismaris [Schmirgel], sodann auf der Bleiplatte mit bestem Ziegelstaube und Speichel (saliva), zuletzt aber mittelst feinster Hirschhaut poliert⁠[5104], jedoch auch durch Einlegen in frisches [überaus heißes] Bocksblut erweicht, und dann durch Sägen (unter Benützung äußerst zarten und scharfen Sandes) nach Belieben zerschneidet⁠[5105].

In ähnlicher Weise wie Glaswaren verziert man auch Tonwaren, bemalt sie mit bunten Glaspulvern oder anderen passenden Farben, belegt sie mit Gold- oder Silber-Blättern usf. und setzt sie dann vorsichtig zum Brennen in die Öfen⁠[5106].