e) Marcus Graecus.

Unter den chemischen Schriften des frühen Mittelalters, die man auf griechischen Ursprung zurückzuführen pflegt, gebührt dem sog. „Feuerbuche“ des MARCUS GRAECUS eine hervorragende Stelle, schon weil es u. a. eine der ersten Vorschriften zur Darstellung des Schwarzpulvers enthält, die sogar unbestritten als überhaupt erste gelten müßte, wenn (wie man lange, ja vielfach bis in die neueste Zeit hinein glaubte) das „Feuerbuch“, so wie es uns heute vorliegt, als ein Erzeugnis des 8. oder 9. Jahrhunderts anzusehen wäre.

Mit gewohntem Scharfsinne verfocht indessen bereits 1805 BECKMANN die Meinung, daß dieses Werk in der Form, in der wir es gegenwärtig besitzen, nicht vor etwa 1250 niedergeschrieben sein könne⁠[5107]; nach KOPP[5108] weicht überdies die ältere Fassung, d. i. jene der 1438 vollendeten Münchener Handschrift, in vielen Punkten sehr erheblich von der jüngeren ab, die z. B. das Pariser Manuskript Nr. 7156 bietet. Im 16. und 17. Jahrhundert kennen den MARCUS GRAECUS u. a. PORTA, BIRINGUCCI, CARDANUS und SCALIGER, letzterer wohl auf Grund seiner Studien in der Pariser Bibliothek. Den in Nr. 7156, sowie in noch einem anderen Pariser Manuskript enthaltenen Text gab aber erst 1804 LA PORTE DU THEIL heraus, jedoch nur in ganz wenigen Exemplaren, die nicht in den Handel gelangten, so daß ihn HOEFER 1842 in seiner „Geschichte der Chemie“ zum ersten Male vollständig zu veröffentlichen glaubte⁠[5109]; BECKMANN, und später auch KOPP[5110], war indessen die Publikation LA PORTE DU THEILS bekannt.

BERTHELOT nennt bei Besprechung dieser Verhältnisse⁠[5111] die Namen BECKMANNS und KOPPS nicht und übergeht es auch mit Stillschweigen, daß letzterer die Verschiedenheiten der jüngeren Pariser und der älteren⁠[5112] Münchener Handschrift bereits erwähnt und betont⁠[5113]. Auf Grund der von ihm selbst vorgenommenen Prüfung und Vergleichung beider Manuskripte bezeichnet er den HOEFERschen Abdruck als fehlerhaft und flüchtig⁠[5114] und beschuldigt HOEFER auch, die (vermutlich bei DUTENS vorgefundene) falsche Behauptung wiederholt zu haben, daß MARCUS GRAECUS schon seitens des arabischen Arztes MESUE zitiert werde⁠[5115]; hierzu ist jedoch zu bemerken, daß die Schriften mindestens des älteren der beiden unter diesem Namen berühmten Ärzte (aus dem 9. und 11. Jahrhundert) von sehr zweifelhafter Echtheit sind, daß HOEFER es dahingestellt sein läßt, ob ein dort angeblich genannter MARCUS gerade MARCUS GRAECUS sei, und daß KOPP diese Bemerkungen HOEFERS in seinen „Beiträgen“ auch ausführlich wiedergibt⁠[5116].

BERTHELOT selbst neigt zur Annahme, das „Feuerbuch“ sei ursprünglich in griechischer Sprache abgefaßt, sodann in die arabische und schließlich in die lateinische übersetzt worden, wobei es zahlreiche Ergänzungen und Einschiebungen erfahren haben mag, die letzten im Laufe des 13. Jahrhunderts⁠[5117]; sein eigentlicher Verfasser könnte vielleicht der nämliche Chemiker gewesen sein, der als MARKOS, MARKUSCH, „König MARCHUS“ und „MARKUSCH, König von Ägypten“ in einigen späten und unklaren orientalischen und lateinischen Überlieferungen auftaucht⁠[5118], dessen „Gespräche“ die syrischen Manuskripte, und dessen „Künste“ die von CARRA DE VAUX übersetzten arabischen „Wundergeschichten“ rühmen⁠[5119]. Das Vorhandensein eines Manuskriptes mit dem griechischen Titel „περὶ τῶν πυρῶν“ in einer englischen Bibliothek erwähnte schon 1733 JEBB, der erste und sehr willkürliche Herausgeber von R. BACONS „Opus majus“, doch zitiert er aus ihm nur lateinische Sätze, deren genaue Übereinstimmung mit den in anderen lateinischen Vorlagen enthaltenen den Schluß rechtfertigt, daß auch der Text, den er benützte, ein lateinischer war⁠[5120]. Weiteres über jenes Manuskript scheint auch nicht wieder verlautet zu sein, wir besitzen ferner weder eine Handschrift aus früherer griechischer, noch aus späterer byzantinischer Zeit, während wiederum von einer selbständigen litterarischen Produktion der jüngeren Byzantiner auf naturwissenschaftlichem Gebiete allen neueren Forschungen zufolge überhaupt nicht die Rede sein kann⁠[5121]; endlich wurde bisher auch keine arabische Übersetzung aufgefunden, und die gegenwärtig bekannten lateinischen Texte stammen erst aus der Zeit gegen 1300, der auch die meisten anderen im Pariser Codex Nr. 7156 enthaltenen angehören⁠[5122]. Die Hinweise auf arabische Quellen, deren Benützung KOPP sowie BERTHELOT annehmen⁠[5123], müssen übrigens Zweifeln begegnen, denn Worte wie Alkitran (= Pech), Zambac (ein flüchtiges Öl), Kampher u. dgl.⁠[5124], oder Anschauungen wie die von ARISTOTELES als magischem Künstler und Erfinder⁠[5125], können sehr wohl auch auf spanische, provençalische oder italienische Vermittlung zurückgehen; ganz irrtümlich ist endlich BERTHELOTS Identifikation⁠[5126] des HASSAN AL RAMMAH, angeblichen Verfassers eines arabischen Feuerwerksbuches um 1300, mit IBN AMRAM, einem gelehrten arabischen Botaniker und Arzte (?) gegen 900.

Immerhin ist es nicht unmöglich, daß das „Feuerbuch“ tatsächlich zuerst von einem Griechen MARKOS und in griechischer Sprache geschrieben wurde; in diesem Falle dürfte es jedoch anfänglich allein von Brandsätzen, allenfalls auch vom sog. „griechischen Feuer“ des KALLINIKOS (7. Jahrhundert) u. dgl. gehandelt haben, worauf schon der Titel „Liber ignium ad comburendos hostes“ hinweist, der vom „Verbrennen der Feinde“ spricht, und nicht etwa vom „Erschießen“. Die Anwendung von Zündmassen und Brandsätzen aus leicht entflammbaren Bestandteilen war schon der Kriegskunde des frühen Altertums durchaus geläufig⁠[5127], später aber kannte man insbesondere auch solche, die Ätzkalk, Schwefel, Erdöle usf. enthielten und sich beim Benetzen (infolge der Wärmeentwicklung beim Ablöschen) entzündeten; zu diesen zählen u. a. auch die von LIVIUS (aus dem Jahre 186 v. Chr.) erwähnten „Fackeln der Bacchantinnen“, die sich beim Eintauchen in Wasser entflammten⁠[5128], die Brandsätze, deren ein Einschiebsel des 7. (?) Jahrhunderts in den „Kesten“ des SEXTUS JULIUS AFRICANUS gedenkt⁠[5129], sowie ähnliche Zündmassen, deren Rezepte sich bis auf das Sammelbuch des JEHAN LE BEGUE von 1431 fortgeerbt zu haben scheinen⁠[5130]. Angeblich konnten ihre durch Wasser nicht zu erstickenden Flammen allein durch den mit so besonders kalter Natur begabten Essig gelöscht werden⁠[5131].

Das „griechische Feuer“, das der byzantinische Architekt KALLINIKOS (aus Heliopolis in Syrien) im Jahre 678 in Konstantinopel einführte, bestand aus Mischungen von leichtflüchtigen Erdölen (oder aus Lösungen von Harz, Asphalt, Teer u. dgl. in solchen Ölen) mit feingepulvertem gebranntem Kalk, und entzündete sich beim Aufspritzen auf Wasser infolge der heftigen Reaktionswärme des sich ablöschenden Ätzkalkes. BERTHELOTS Behauptung, „die Basis des griechischen Feuers, das die Araber den Byzantinern entlehnt und gegen 1300 nach dem Westen gebracht hätten, sei Salpeter gewesen“, und das „sal coctum“ (gekochtes Salz) in den einschlägigen, bei MARCUS GRAECUS wiedergegebenen Rezepten bedeute Salpeter⁠[5132], ist völlig irrtümlich und unhaltbar⁠[5133]. Abgesehen davon, daß Salpeter, nach allem was man bisher weiß, im Abendlande vor dem 13. Jahrhundert nicht bekannt war, und daß dem Schwarzpulver analoge Mischungen, selbst wenn man sie schon 678 zu bereiten verstanden hätte, auf Wasser gespritzt oder gegossen nicht in Brand geraten wären, ist auch das „sal coctum“ nichts weiter als ein feinkörniges, aus Sole gekochtes Salz, im Gegensatze zu dem im nämlichen Abschnitte erwähnten grobkörnigen gewöhnlichen „sal commune grossum“⁠[5134]; im Münchener Manuskript fehlt überdies die Vorschrift seines Zusatzes⁠[5135], der wohl allein deshalb erfolgte, weil man die intensiv gelbe Kochsalzflamme auch für ganz besonders heiß hielt⁠[5136].

Erst in späterer Zeit wurden in den Text des MARCUS GRAECUS jene Rezepte eingeschoben, die die Bereitung des Schwarzpulvers aus Kohle, Schwefel und Salpeter, sowie dessen Benützung zur Herstellung von Raketen (ignis volans = fliegendes Feuer) und anderen Feuerwerkskörpern zum Gegenstande haben⁠[5137], und die zudem der (ältere) Münchener Codex größtenteils noch gar nicht enthält⁠[5138]; wie neu der Salpeter zur Zeit ihrer Abfassung noch war, geht aus der Tatsache hervor, daß der Autor glaubt, zunächst erklären zu müssen, was Salpeter eigentlich ist: „Sal petrosum est minera terrae ..., reperitur in scrophulis contra lapides“, „Salpeter ist ein Mineral aus dem Erdboden, ... wird aber auch als Ausschwitzung an den Mauern gefunden“.

Als jüngere, aber allerdings nicht genau zu datierende Interpolationen sind auch die Vorschriften des Münchener Codex über Destillation anzusehen⁠[5139]. Vom Terpentin (terebentinum) wird gesagt⁠[5140], daß man es bei gelindem Kohlenfeuer in Gestalt einer wasserhellen und wasserklaren Flüssigkeit so wie Rosenwasser destillieren könne, wobei jedoch große Vorsicht geboten sei, wegen des „etor et incendium“; BERTHELOT übersetzt dies mit „odeur et risque d’incendie“⁠[5141], gemeint ist aber „Dunst und Feuersgefahr“, und im Sinne eines „subtilen Dunstes“ findet sich das Wort auch anderweitig schon frühzeitig gebraucht, z. B. in der (gelegentlich von BERTHELOT selbst zitierten) um 1200 verfaßten lateinischen Übersetzung eines alchemistischen Traktates des PSEUDO-PLATON, woselbst es heißt: „Ether est substantia lucis, vacua accidentibus“, „Äther ist die Substanz des Lichtes und frei von jeder Beimischung“⁠[5142]. Durch Destillation wird ferner das [von den arabischen Ärzten seit jeher als besonders heilkräftig gerühmte] „Oleum laterinum“ (Ziegelöl) bereitet, das man durch Zersetzung von Lein-, Nuß- oder Hanföl an glühenden Ziegelbrocken und durch Übertreiben der entstehenden aromatischen Produkte gewinnt⁠[5143]. Nur im Anhange des Codex beigeschrieben findet sich endlich ein Rezept zur Darstellung des Weingeistes, das nahe verwandt, aber nicht identisch mit dem des Pariser Manuskriptes Nr. 7156 ist⁠[5144].

Dieses letztere schreibt vor⁠[5145]: man löse „in una quarta“ [in einer Quart, nicht in einem viertel Pfund, wie BERTHELOT meint] alten dichten Rotweines 2 Skrupel feinstgepulverten Schwefels, 1 oder 2 Skrupel (?, BERTHELOT meint Pfunde) aus gutem Weißwein gewonnenen Weinsteines, und 2 Skrupel gewöhnlichen groben Salzes; man fülle das Ganze in eine „cucurbitam bene plumbeatam“, bringe den Helm (alembicum) an und destilliere das „brennbare Wasser“ ab (destillabis aquam ardentem), das man in einem geschlossenen Glasgefäße aufzubewahren hat; ebenso wie „aqua ardens“ destilliert man auch Terpentin [für das zuweilen die nämliche Bezeichnung gebraucht wird]. — Der Zusatz des flüchtigen und leicht entzündlichen Schwefels hat vermutlich den Zweck, die „Brennbarkeit“ des Destillates zu fördern, während die Beigaben von Weinstein und Salz den Siedepunkt des Phlegmas erhöhen, also die Abscheidung reichlicher und wasserarmer Alkoholdämpfe beim Erhitzen erleichtern. Die „cucurbita bene plumbeata“, in der dieses erfolgt, ist übrigens kaum, nach BERTHELOT, ein Gefäß aus Blei (alembic de plomb), das zum Abdestillieren von Alkohol so ungeeignet wie möglich wäre, sondern eher „ein gut plombiertes“ (= gedichtetes), oder, wie es an anderer Stelle heißt⁠[5146], „juncturis bene lutatis“, „eines mit gut lutierten (d. h. mit Ton, lutum, verschmierten) Dichtungen“; ebenso hat man unter der „cucurbita bene vitreata“ nicht, mit BERTHELOT[5147], ein „gut mit Firnis, vernix, gestrichenes Gefäß“ zu verstehen, sondern ein „gut glasiertes“ (vitrum = Glas, Glasur). Das „sal comatum“, das BERTHELOT unerklärt ließ⁠[5148], ist offenbar das feine, fadenartige „Haarsalz“ (griechisch „Trichitis“; lat. coma = Haar); „classa“ (une matière résineuse?) aber⁠[5149] bedeutet „glaessa“ oder „glaessum“, welches germanische Wort für Bernstein schon zur römischen Kaiserzeit wohlbekannt war; „semen psillii“ endlich⁠[5150] ist nicht Samen der Petersilie, sondern Psyllium, Flohsamen.

Auf Italien als das Land, in dem der lateinische Text (oder die lateinische Übersetzung?) des sog. MARCUS GRAECUS niedergeschrieben wurde, deutet nach BERTHELOT die Erwähnung des „aes italicum“ hin, sowie die der „terra de Michna, dico Messinae“, also des „italischen Erzes“ und der „Erde von Michna, d. i. Messina“⁠[5151]. Diesen vereinzelten Anführungen mangelt es allerdings an zureichender Beweiskraft, doch spricht eine andere Tatsache zugunsten der Vermutung: das Pariser Manuskript Nr. 7156 und das analoge, gleichfalls zwischen 1275 und 1300 niedergeschriebene Nr. 6514, enthält nämlich neben dem Text des MARCUS GRAECUS noch eine ganze Anzahl von verschiedenen Autoren herrührender Abhandlungen, die des sog. ARNALDUS von VILLANOVA und RAYMUND LULL noch mit keinem Worte gedenken⁠[5152] und zumeist auf griechische Tradition zurückgehen, daneben aber auch einige arabische Fachausdrücke aufweisen. Zu diesen zählen nach BERTHELOT „Antimonium“⁠[5153] und „Tutia, deren verschiedene Sorten das Kupfer gelb machen“⁠[5154], — während das hier und bei MARCUS GRAECUS[5155] zuerst nachweisbare „Lato“ (ad latonem deaurandum) kein arabisches Wort ist, vielmehr entsprechend DUCANGES Vermutung von „Elektron“ stammt, was auch die Worte des VINCENTIUS BELLOVACENSIS (um 1250) über das Messing bestätigen: „hoc aurum ... vocatur electrum“, „diese goldige Masse nennt man Elektrum“⁠[5156]. In jenen Abhandlungen nun ist häufig von den zahlreichen Alchemisten des 12. und 13. Jahrhunderts in Nord- und Süditalien die Rede, und zwar nach Namen, Wohnort und Stand, wodurch, soweit letzterer (wie sehr oft) der geistliche ist, der Nachweis aus den Annalen der Minoriten, Predigermönche usf. ermöglicht wird, durch den die erwähnten Angaben Bestätigung finden. Diese geistlichen Alchemisten besitzen Bücher chemischen Inhaltes, sie arbeiten praktisch über Metalle und andere nützlich verwertbare Präparate⁠[5157], geraten aber leicht in den Verdacht der Zauberei, Ketzerei und Häresie⁠[5158], und bedienen sich deshalb, um ihre Forschungen und Resultate zu verbergen, nicht selten der Kryptogramme⁠[5159]; einige von diesen sind bisher unentzifferbar geblieben, bei anderen ist die Enträtselung gelungen, z. B. bei dem für „alchimia“, dem für Schwarzpulver (überliefert bei R. BACON) und dem für Weingeist (s. oben).