In Ägypten war das Silber, hâd oder hât = das Weiße genannt, um 3000 noch sehr selten und bis etwa 1500 wertvoller und geschätzter wie Gold; dies erklärt sich aus dem Umstande, daß es im Nordosten Afrikas nicht oder kaum vorkommt und daß seine Gewinnung und Reindarstellung zumeist bereits einigermaßen fortgeschrittene berg- und hüttenmännische Kenntnisse voraussetzt[5588]. In späterer Zeit, bis in das 6. Jahrhundert hinein, tritt es häufig in der Form von Hacksilber auf, das dem Empfänger zugewogen wird, aber auch in der von Kuchen, Stangen, Barren und Zungen, ganz so wie das Gold, mit dem es die Verwendung teilt[5589].
In Sinear, dem Zweistromlande, heißt Silber bei den Sumerern ku-babber = das Weiße, Glänzende[5590], und bei den Babyloniern mit einem semitischen Gemeinworte kaspu[5591]. Schon in der ältesten, bis etwa 2900 zurückreichenden Schicht der Ruinen von Lagasch (nächst der Mündung des einstigen Tigris-Hauptarmes), in Telloh, finden sich silberne Schmuckstücke und Ringe[5592], und aus der nämlichen Zeit dürfte die dem Gotte ENLIL (= BEL) von Nippur geweihte Silbervase des Priesterfürsten ENTEMENA stammen[5593]; um 2575 wird gelegentlich der Zerstörung einer Stadt der Raub von Silber berichtet[5594]; gegen 2000, zur Zeit HAMMURABIS, ist das bis dahin noch seltene Metall schon häufiger als Gold, es dient zur Ausschmückung der Tempel und Götterthrone[5595] und wird maßgebend für Bildung und Gestaltung der Preise[5596]; im 16. Jahrhundert werden silberne Geräte als Gegenstand der babylonischen Ausfuhr nach Syrien genannt[5597], aus dem 13. rühren die Silbertafeln assyrischer Grabstätten her[5598] und aus dem 10. und 9. die Hacksilber-Funde assyrischer Abkunft[5599]. Wann die Verbindung des Silbers mit dem Monde und dem Mondgotte SIN beginnt, auf die hin wie der Mond so das Silber oft als „grün“ bezeichnet wird, ist unsicher; JEREMIAS verlegt sie schon in die älteste Zeit[5600]. Ungewiß bleibt auch, woher das Zweistromland sein Silber bezog; ursprünglich lieferten es wohl das benachbarte Baktrien und Karmanien[5601], später die alten vorderasiatischen Haupterzeugungsstätten, nämlich Armenien sowie das gegen das schwarze Meer abfallende armenische und kaukasische Gebirge[5602], und noch später, etwa seit dem 16. Jahrhundert, brachten die Phönizier auf dem Seewege bedeutende Mengen nach dem Osten[5603], wodurch das weiße Metall in Ägypten und Babylonien bekannter, aber auch billiger wurde und dem Golde gegenüber den bisherigen Wert der Seltenheit verlor.
In der Ägäis ist man schon frühzeitig im Besitze von Silber, auf den Inseln Cypern und Syros, wie das dort gefundene Diadem aus Silberblech zeigt, wohl schon vor 3000[5604], auf anderen, den Cycladen zugehörigen, aber erst gegen 2500, und auch da nur vereinzelt[5605]. — Zu Troja führt bereits die sog. 2. Schicht (3000–2000?) Schmucksachen, Perlen, Geräte, Zungen und Barren aus Silber[5606]. — Das mykenische Zeitalter war reich an Silber und besaß eine ausgebildete Silberindustrie, namentlich Kunstindustrie[5607].
Die Griechen, und zwar die Athener, sollen, gemäß der Überlieferung bei HYGINUS und CASSIODORIUS (s. oben), das Silber durch den völlig mythischen ERICHTHONIOS kennen gelernt haben, nachdem es nicht lange vorher von INDUS, einem Könige der Skythen, zuerst aufgefunden worden war; diese späte Sage ist selbstverständlich nicht ernst zu nehmen, daher erübrigen sich Vermutungen wie die ZIPPES[5608], denen zufolge die fraglichen skythischen Stämme nordasiatische Tschuden gewesen, oder doch mit diesen seit jeher an Silber reichen Völkerschaften in Verbindung gestanden wären. Ganz unzutreffend sind auch die Angaben über das ungeheuer hohe Alter der Bergwerke von Laurion in Attika, deren Blütezeit vielmehr erst gegen Ende des 6. Jahrhunderts beginnt, und über deren stets recht unvollkommene Betriebsweisen nur ganz dürftige Nachrichten vorliegen[5609]. In Wirklichkeit wurden die Griechen jedenfalls auch mit dem Silber zuerst durch Vermittlung der Phönizier vertraut, die dieses Metall schon im 16. Jahrhundert aus Sardinien und Spanien holten und in späterer Zeit die Gruben auf Thasos und anderen griechischen Inseln, sowie die Thraziens in Gang brachten[5610].
In Etrurien und in Rom erreicht Silber erst lange nach dem Golde einige Bedeutung, auch ist das Wort argentarius (Silberarbeiter) weitaus jünger wie aurifex, während ein analoges argentifex überhaupt nicht gebräuchlich war[5611]. — Die Gallier sollen seit jeher viel Silber besessen, und seine Verarbeitung, namentlich auch die Versilberung, trefflich verstanden haben[5612]. — Die älteste und reichste Fundstätte auf europäischem Boden war jedoch Spanien[5613], woselbst nach DIODOR[5614] die Phönizier schon in grauer Vorzeit unglaubliche Massen von den unwissenden Bewohnern eintauschten, und wo seither bis in das sinkende Altertum, ja zum Teil bis zur Schwelle der Neuzeit, ununterbrochen die Gruben Erze förderten, und die wegen ihrer Höhe gerühmten Schornsteine der Silberhütten rauchten[5615]. Im Süden des Landes besaßen schon die Ansiedlungen zur Bronzezeit reichliches Silber, vermutlich der Sierra Morena entstammend; etwa vom 16. bis zum 6. Jahrhundert herab lassen sich in ihnen die Spuren östlicher phönizischer, vormykenischer, mykenischer, griechischer und schließlich karthagischer Kultureinflüsse verfolgen, allezeit standen aber den mannigfachen Einfuhrwaren als Hauptwert der Ausfuhr die Metalle des erzreichen Landes gegenüber und nicht zum wenigsten das Silber[5616].
In Mitteleuropa tritt das Silber fast stets erst nach dem Golde, Kupfer und Zinn auf, meist erst kurz vor dem Eisen, also gegen 1000 v. Chr.[5617]. Viele seiner Namen sollen sich vom armenischen argat oder arcat ableiten, unter Verschmelzung mit einem anklingenden indogermanischen Worte argent (= weiß, glänzend), so u. a. das indische (spätvedische) rajata, das iranische erezata, das keltische argento, das italische argent, vielleicht auch das griechische ἄργυρος (Argyros), während wieder aus dem pontischen ἀλύβη (Alybe)[5618] oder σαλύβη (Salybe) das germanische silubr, sowie das lettische und slavische sidabras und sirebro hervorgegangen zu sein scheinen[5619].
Über das Alter der Silbergewinnung an den Gebirgsstöcken des Altai, bei den Tschuden, und in China fehlt es an zuverlässigen Nachrichten; die von PFIZMAIER zusammengestellten Angaben über das „weiße, gelbe, rote und schwarze Silber“ der Chinesen[5620] sind sichtlich erst sehr neuen Ursprungs. — Indien soll nach KTESIAS[5621] in seinem Innern viele und große Silbergruben bergen, die jedoch weniger tief seien als jene Baktriens; diese Behauptungen sind indessen unzuverlässig, wie so viele des KTESIAS. — Persien besaß in einigen Provinzen Silberbergwerke und empfing viel Silber aus dem an Edelmetallen sehr reichen Lydien, — das schon vor 700 die ältesten gestempelten Zahlbarren, und bald nach 700 die ersten Münzen besaß[5622] —, sowie zur Zeit des DARIUS als Tribut aus Kappadozien und Karmanien[5623]; gleich dem Gold wurde auch das Silber umgeschmolzen und in Gestalt von Barren dem Reichsschatze einverleibt[5624].
ARABIEN ist an Silber arm, und größere Mengen des weißen Metalles kamen bei den Arabern erst nach Errichtung des Khalifates in Umlauf; einiges wenige lieferte damals das eigentliche Persien[5625], mehr Kerman[5626], noch mehr Transoxanien und Ferghana[5627], die Hauptmasse aber Chorâsân, das z. B. im 8. Jahrhundert einen jährlichen Tribut von 1000 Barren zu bezahlen hatte[5628].