Da Bleierze in den verschiedensten Gegenden weit verbreitet sind und sich, wie namentlich das wichtigste unter ihnen, der Bleiglanz (d. i. Schwefelblei), glatt reduzieren lassen, da ferner der niedrige Schmelzpunkt und die große Leichtflüssigkeit des Metalles einfache Abscheidungs- und mannigfaltige Anwendungsweisen ermöglichen, so ist das Blei in manchen Ländern schon seit früher Zeit wohlbekannt und steht in dieser Hinsicht zuweilen dem Kupfer nur wenig nach.
Seit wann die Ägypter es zu benützen verstanden, läßt sich des genaueren nicht angeben, im 2. Jahrtausend, besonders in dessen zweiter Hälfte, kommen aber größere Barren und Ziegel aus Blei (teht, tacht) schon sehr häufig vor und scheinen auch bereits aus Spanien eingeführt worden zu sein[6150]; in den sog. Tribut-(richtiger Handels-)Listen THUTMOSIS III. (um 1500) ist wiederholt von bedeutenden Mengen die Rede, da sich aber RAMSES III. (um 1200) rühmt, den Göttern neben anderen kostbaren Metallen auch 9000 Pfunde Blei zum Geschenke dargebracht zu haben[6151], so muß sein Wert auch damals noch ein recht erheblicher gewesen sein. Daß es späterhin massenhaft vorhanden war, als billige und gemeine Ware vielerlei Verwendung fand, seiner leichten Schmelzbarkeit halber dem OSIRIS, dem „Herrn alles Flüssigen“, beigesellt wurde und schließlich als Grundlage aller übrigen Metalle galt, hat bereits in früheren Abschnitten Erwähnung gefunden; in ptolemäischer Zeit sprechen die Urkunden öfters vom Bleiarbeiter (μολυβδουργός) und vom Bleilöter (κολλητής), der Wasserleitungen anlegt und ausbessert und die beschädigten Rohre (σωλῆνες) der Badeöfen wieder herstellt[6152].
Auch bei den Sumerern ist die Kenntnis des Bleies uralt, und einige sehen es als das schon dem Gotte EA von Eridu zugehörige Metall an, während andere als solches allerdings das Kupfer betrachten[6153]. Seiner Verwendung im Laufe des 3. Jahrtausends, sowie der Statue des Königs BUR-SIN von Ur (um 2600), die aus Bleibronze mit 18% Blei (abâru) besteht[6154], ist schon weiter oben gedacht worden[6155]; aus der Zeit um 2300 wird von einem prächtigen Bassin aus Stein und Blei berichtet, das König GUDEA für einen Tempel stiftete[6156]. Die Assyrer nannten das Blei ebenfalls abâru[6157], besaßen große Mengen davon und verwandten es u. a. zu nicht näher aufgeklärten kultischen Zwecken, so daß sich z. B. in einigen Gräbern des 13. Jahrhunderts schwere Bleitafeln, darunter solche bis zu 500 kg Gewicht, vorgefunden haben[6158].
Auch in der Ägäis ist Blei bereits während des 3. Jahrtausends nachgewiesen, desgleichen in Troja, woselbst aus einer tiefen Schicht (von etwa 2500) die noch sehr rohe Bleifigur einer Göttin zutage gefördert wurde[6159]; ebenfalls wohlvertraut war das Blei der mykenischen Kultur, und bleierne Drähte, Ringe usf. zählten nach Beginn des 2. Jahrtausends nicht mehr zu den Seltenheiten[6160].
Die Griechen lernten das Blei anfänglich in Kleinasien kennen, worauf noch die Sage hinweist, daß König MIDAS von Phrygien es zuerst aufgefunden habe[6161]; reichlicher scheinen es später die Phönizier eingeführt zu haben, und zwar nach HEKATAIOS, der um 500 v. Chr. schrieb, aus Spanien, woselbst eine Stadt Molybdíne jenseits Tartessos lag, eine Stadt Molybdana auf der Insel Plumbaria bei Carthagena[6162], und wo ein Volk namens Plumbarii die lusitanische Provinz Madubriga bewohnte[6163]. Zur Zeit des HEKATAIOS war den Griechen auch die Verarbeitung des heimischen Bleiglanzes (Molybdaína, Galéna) und anderer Blei und Silber führender Erze schon seit längerem geläufig, und sie stellten nach verschiedenen, wenngleich noch recht unvollkommenen Verfahren Blei dar; sie bereiteten ferner sog. Werkblei (auch Lithargyrina genannt?), Bleiglätte (u. a. die gold- und silberglänzende Chrysitis und Argyritis)[6164], Mennige, Bleiweiß [das auch als Schminke diente[6165] und über das THEOPHRAST schon ungefähr dasselbe mitteilt wie DIOSKURIDES], sowie Schwefelblei, dessen Gewinnung durch Brennen von Blei mit viel Schwefel bereits die sog. Schriften des HIPPOKRATES schildern[6166]. Kleine Bleifiguren aus dem 6. Jahrhundert wurden zu Sparta gefunden, etwas jüngere zu Athen[6167], und die ersten der neu aufgekommenen Münzen sind nicht selten ebenfalls bleihaltig[6168]. Das Metall galt für besonders „kalt“ und daher schon bei THEOPHRASTOS[6169], aber auch noch bei GALENOS[6170], für besonders geeignet zum dauernden Aufbewahren empfindlicher Salben und Wohlgerüche. Im Zusammenhange mit seiner großen Kälte steht auch vielleicht, — neben der Zuteilung an OSIRIS und andere chthonische Gottheiten —, die Verwendung zur Herstellung der schon weiter oben erwähnten sog. „Fluchtafeln“, deren gegenwärtig etwa 400 griechischen, etruskischen und hellenistischen Ursprunges bekannt sind[6171]. Der Gebrauch derartiger Tafeln erhielt sich bis in die späte Kaiserzeit[6172]; sie tragen, wie schon TACITUS angibt[6173], als Inschriften „carmina et devotiones“ (Fluch- und Bannsprüche), weisen aber zuweilen auch merkwürdige Zeichnungen auf, z. B. die Gestalt des verderblichen TYPHON-SETH und bei den gnostischen Sethianern auch jene des CHRISTUS-SETH-TYPHON, mit dem von den sog. Spottkruzifixen her bekannten Kopfe des Esels, als des dem SETH-TYPHON heiligen Tieres (das ursprünglich das Okapi gewesen sein soll)[6174].
Bei den Arabern stand das Blei seit der Eroberung Persiens in ganz allgemeinem Gebrauch; bleierne Marken, die an einer Schnur um den Hals getragen wurden, dienten u. a. als Quittung für die Bezahlung der Kopfsteuer seitens der Ungläubigen[6175]. Die größten Mengen lieferten Transoxanien[6176] sowie das eigentliche Persien[6177]; Ray und Demâwend erzeugten treffliche Bleiglätte[6178], und aus Ispahan kam das schönste Bleiweiß, dessen Güte auch die Pharmakopöe des ABU MANSUR (um 975) rühmt[6179]. Endlich waren die Araber wenn nicht Erfinder so doch Verbreiter der mit Bleiglasur versehenen Tonwaren, deren Anfertigung sie in allen von ihnen eroberten Ländern auf das eifrigste betrieben, u. a. in Ägypten, Sizilien, Spanien, Südfrankreich und den Inseln des westlichen Mittelmeeres, von deren einer, dem heutigen Majorka, sich der Name Majolika herschreibt[6180].
Im südlichen Mitteleuropa wurde das Blei schon während des Verlaufes der Bronzezeit bekannt, im nördlichen erst gegen deren Ende[6181]. In einigen der Schweizer Pfahlbauten fanden sich plattgedrückte, mit Ösen versehene Bleiklumpen und -kugeln, die anscheinend als Gewichte dienten oder doch ursprünglich solche waren. Die ältesten sind nach babylonischen, ägyptischen oder kretischen Minen (von 618 g) ausgewogen, die jüngeren (um 1000 v. Chr.) nach phönizischen (von 728 g), die jüngsten nach karthagischen (von 392 g)[6182]; derartig geformte Bleigewichte waren in Phönizien und Karthago seit altersher üblich[6183] und fanden zugleich mit anderen Maßen bereits sehr frühzeitig Aufnahme in den westlichen Mittelmeer-Ländern, wie denn z. B. die Leuge, d. i. die alte, namentlich in Gallien gebräuchliche Wegmeile von 2200 m Länge, 50000 phönizische Ellen von 44 cm Länge beträgt[6184]. Bronzen der älteren Eisenzeit (900 bis 800 v. Chr.) enthalten nicht selten 4–5% Blei[6185], doch sollen hierbei ausschließlich solche südlichen Ursprunges in Betracht kommen, während die in Mittel- oder Nordeuropa selbst bereiteten entweder kein oder nur sehr wenig Blei führen (z. B. neben 97% Kupfer und 2,4% Zinn bloß 0,4%), wirklich reich an Blei (bis zu 14, ja 24%) aber nur jene aus den ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit sind, z. B. die auf der Saalburg gefundenen[6186]. Der jüngeren Eisenzeit (um 500) entstammen Stäbchen, Drähte und Figuren aus ziemlich reinem Blei, die aber stets nur vereinzelt und in verhältnismäßig geringen Mengen vorkommen[6187].
Stammwort für den Namen des Bleies ist vielleicht das indogermanische *mliwom = blau, von dem sich das indische mulwa, das gemein-germanische *bliwa, das keltische *blawa, das germanische blîu, bly, blâa und Blei, sowie das griechische μόλιβος, μόλυβος, βόλιμος und βόλιβος ableiten, während das lateinische plumbum ursprünglich nur = Ziegel oder Barren ist[6188]. Daß nicht die iberischen Städtenamen Molybdíne und Molybdána vom griechischen μόλυβος und μολύβδαινα kommen sollen, sondern umgekehrt, sowie daß Zusammenhänge mit dem baskischen berûn oder mit einem anklingenden keltischen Worte bestehen, ist ganz unwahrscheinlich[6189]; aus dem keltischen (und irischen) luaide ist hingegen das westgermanische *lauda, das mittelhochdeutsche lot, das niederdeutsche lood, das angelsächsische leod und das englische lead hervorgegangen[6190]. Ganz abseits stehen das indische sîsa[6191], sowie das litu-slavische olovo und alwas; das Westfinnische besitzt nur entlehnte Bezeichnungen[6192].