8. Die Fabel aber ist eine einheitliche nicht, wie Manche meinen, dadurch, daß sie eine Person zu ihrem Mittelpunkte hat. Denn gleichwie Einem viele, ja unzählige Eigenschaften innewohnen, von denen manche sich zu keiner Einheit zusammenschließen, so giebt es auch unter den Handlungen einer Person viele, die sich nicht zu einer einheitlichen Handlung verbinden. Darum begingen alle jene augenscheinlich einen Mißgriff, die eine Herakleis, eine Theseis und dergleichen mehr geschaffen haben. Denn sie meinen, daß, weil Herakles eine Person war, darum auch der Fabel Einheit zukomme. HOMER aber hat, gleichwie er in jedem anderen Betracht hervorragt, offenbar auch hier, sei es durch Kunstverstand, sei es durch Genie, das Richtige gesehen. Indem er nämlich eine Odysseusdichtung schuf, machte er zum Object seiner Darstellung nicht all das, was dem Odysseus begegnet ist, wie seine Verwundung auf dem Parnaß oder seinen erheuchelten Wahnsinn beim Heeresaufgebot[3] — Begebnisse, von denen das eine sich ereignen konnte, ohne daß das andere darum mit Notwendigkeit erfolgen mußte. Er hat vielmehr die Odyssee und nicht minder die Iliade um eine in unserem Sinn einheitliche Handlung gruppiert. So soll denn, gleichwie in den anderen darstellenden Künsten je eine Darstellung ein Object besitzt, auch die Fabel, da sie Handlung darstellt, eine und zwar eine ganze Handlung nachbilden. Und desgleichen sollen ihre Teile derart zusammenhängen, daß durch Wegnahme oder Verrückung irgend eines Teiles das Ganze verschoben wird und aus den Fugen gerät; denn dasjenige, dessen An- oder Abwesenheit sich durch nichts bemerklich macht, ist streng genommen gar kein Bestandteil eines Ganzen.