14. Die Erregung von Furcht und Mitleid kann nun aus dem Anblicke, sie kann aber auch aus dem bloßen Aufbau der Begebenheiten hervorgehen, was das Höhere und die Sache des besseren Dichters ist. Es soll nämlich, ganz abgesehen von der Anschauung, die Fabel so gebaut sein, daß denjenigen, welcher von dem Verlaufe der Begebenheiten auch nur vernimmt, Schauder sowohl als Mitleid auf Grund der Ereignisse selbst anwandelt, wie dies bei der Erzählung der Ödipusfabel der Fall ist. Diese Wirkung durch den Anblick hervorzurufen, ist aber geistloser und mehr von äußerlicher Ausstattung bedingt. Was aber jene Dichter betrifft, die durch die Vermittlung des Auges nicht den Eindruck des Furchtbaren, sondern bloß jenen des Miraculösen hervorbringen, so haben sie mit dem Trauerspiel überhaupt nichts gemein. Denn nicht jede Lust, sondern nur die diesem eigentümliche darf man von ihm heischen.

Da nun dem Dichter die Aufgabe zufällt, die aus Mitleid und Furcht mittelst einer nachbildenden Darstellung entspringende Lust zu erzeugen, so leuchtet ein, daß es den Grund dieser Wirkung in die Begebenheiten selbst zu legen gilt. So wollen wir denn zusehen, welche Begebnisse furchtbar oder rührend sind. Die hierhergehörigen Thaten müssen notwendig von Freunden, von Feinden oder von Solchen, die keines von beiden sind, gegen einander verübt werden. Wenn nun der Feind den Feind mißhandelt, so liegt weder in dem vollführten, noch in dem bevorstehenden Thun — von der scenischen Wirkung der Unheilsthat abgesehen — etwas mitleiderregendes; ebenso wenig, wenn die beiden weder Freunde noch Feinde sind. Wenn aber die Unglücksthat im Kreise der Freundschaft erfolgt, wie wenn der Bruder den Bruder, der Sohn den Vater, die Mutter den Sohn, der Sohn die Mutter tötet oder zu töten oder sonst zu verderben im Begriffe steht — das sind die Stoffe, die man zu suchen hat. An den überlieferten Fabeln nun läßt sich freilich nicht wohl rütteln. Ich meine z. B. Fälle von der Art, wie daß Klytämestra von Orestens und Eriphyle durch Alkmeons Hand stirbt. Der Dichter selbst aber soll in dem, was er hinzu erfindet und in der Art, wie er die Überlieferung verwendet, sein Geschick bewähren. Was wir darunter verstehen, wollen wir sogleich genauer darlegen. Es kann nämlich die That so vor sich gehen, wie die Alten sie vor sich gehen ließen, nämlich mit Bewußtsein und mit Kenntnis der Personen, in der Weise, wie auch EURIPIDES noch die Medea ihre Kinder töten läßt. Eine andere Möglichkeit ist die, daß die betreffenden Personen das Schreckliche zwar vollbringen, es jedoch ohne Bewußtsein vollbringen und erst nachträglich das Freundschaftsverhältnis inne werden, etwa wie der „Ödipus“ des SOPHOKLES, wo jedoch freilich die That außerhalb des Dramas liegt. Ein Beispiel innerhalb des Dramas liefert der „Alkmeon“ des ASTYDAMAS und der Telegonos im „Verwundeten Odysseus“. Eine dritte Möglichkeit ferner ist die, daß ein Wissender die That vollführen will, aber nicht vollführt. Eine vierte endlich begreift den Fall, daß jemand im Begriffe steht, eine Unheilsthat infolge seiner Unkenntnis zu vollbringen, durch die Erkennung aber davon zurückgehalten wird. Und außer diesen vier Fällen giebt es keinen mehr. Denn notwendig muß die That entweder unterbleiben oder geschehen, und zwar entweder von Wissenden oder von Nichtwissenden. Der verwerflichste dieser Fälle ist nun der, daß ein Wissender die That beabsichtigt, aber nicht ausführt; denn hier ist das Gräßliche vorhanden, das Tragische aber fehlt, weil den Affecten nicht ausreichende Nahrung geboten wird. Darum dichtet auch niemand in dieser Weise, mit seltenen Ausnahmen, etwa wie Hämons Verhalten gegen Kreon in der Antigone eine ist. Daß es unter gleichen Umständen zur That kommt, ist das nächstbessere. Höher aber steht der Fall, daß einer die That unwissentlich vollbringt und ihr die Erkenntnis nachfolgt. Denn hier fehlt das Gräßliche und die Erkennung wirkt ergreifend. Der vorzüglichste Fall ist aber der letzte, wie wenn Merope im „Kresphontes“ im Begriffe steht, den eigenen Sohn zu töten, ihn aber nicht tötet, sondern vorher erkennt, oder in der „Iphigenie“ dasselbe mit der Schwester dem Bruder gegenüber geschieht, und in der „Helle“ (?) der Sohn die Mutter erkennt, die er eben ausliefern wollte. Und eben dies ist der Grund, weshalb, wie wir schon vorhin bemerkten, nur wenige Geschlechter den Stoff von Trauerspielen abgeben. Denn auf der Suche nach Stoffen sind die Dichter mehr freilich durch blindes Tasten als durch wählende Einsicht dazu gelangt, die erforderlichen Wirkungen vermittelst der Fabeln selbst zu erzeugen. Und so treffen sie denn notwendig bei den Geschlechtern zusammen, denen derartige Schicksale zu teil wurden.