17. Man soll aber während der Composition der Fabel und der gleichzeitigen sprachlichen Ausarbeitung des Trauerspieles sich die Vorgänge so lebendig als möglich vergegenwärtigen. Denn wenn der Dichter ihnen dergestalt wie ein Augenzeuge beiwohnt und sie leibhaftig vor sich sieht, wird er das Angemessene treffen und was dagegen verstößt am ehesten vermeiden. Einen Beleg hierfür bietet der Tadel, der den KARKINOS getroffen hat. Amphiaraos hatte nämlich das Heiligtum bereits verlassen (zu einer Zeit nämlich, da die Bühnenvorgänge sein Verweilen im Heiligtum erheischten). Dies war dem Dichter, so lange er das Stück nicht spielen sah, entgangen, auf der Bühne aber erlitt er ein Fiasco, da das Publicum den Verstoß übel vermerkte. So weit als möglich soll ferner der Dichter zu gleicher Zeit auch das Geberdenspiel feststellen. Denn am allerüberzeugendsten wirkt die Naturkraft der Leidenschaft selbst und nichts gleicht der Wahrheit, mit welcher der Zornerfüllte schilt, der wild Erregte rast. Darum ist auch das Dichten Sache teils ungemein geist-, teils überaus temperamentvoller Naturen. Denn diese geraten leicht außer sich, jene finden sich leicht in alles.

Von den Fabeln ferner — den componierten nicht weniger als jenen, deren Composition ihn eben beschäftigt — soll der Dichter sich den Wesenskern klar machen, dann erst (im letzteren Falle) die Zuthaten beifügen und den Umfang erweitern. Das Wesentliche, das es zu erfassen gilt, verstehe ich z. B. bei der Iphigenienfabel also: ein Mädchen ward geopfert, ohne Vorwissen der Opfernden aber in ein anderes Land entrückt, wo der Brauch bestand, fremde Ankömmlinge der Landesgöttin zu opfern. Sie ward deren Priesterin, und nach geraumer Zeit traf es sich, daß ihr Bruder dahin kam (daß, aus welcher Ursache und zu welchem Zweck ein Orakel ihn dahin gehen hieß, gehört nicht zur Sache). Dort angelangt ward er ergriffen und sollte geopfert werden, als die Erkennung stattfand, sei es nun wie EURIPIDES, sei es wie POLYEIDOS sie vor sich gehen läßt. Der letztere läßt nämlich den Orestes natürlich genug ausrufen, so sei denn nicht nur der Schwester, sondern auch ihm der Opfertod bestimmt gewesen; und hieraus ergiebt sich die Rettung. Nachträglich soll man den Figuren die individualisierenden Namen beilegen und die Episoden hinzufügen, wobei man darauf zu achten hat, daß diese dem Stoff innerlich verwandt seien, wie es beim Orestes der Wahnsinnsanfall ist, der seine Ergreifung, und die Sühnceremonie, die seine Rettung herbeiführt.⁠[8] In den Dramen nehmen nun die Episoden einen vergleichsweise geringen Raum ein, dem Epos hingegen verleihen sie seinen beträchtlichen Umfang. Denn auch die Fabel der Odyssee ist nicht eben eine große: ein Mann weilt lange Jahre hindurch einsam in der Fremde; daheim aber stehen die Dinge so, daß sein Besitz aufgezehrt und seinem Sohne nach dem Leben getrachtet wird; da kehrt er endlich, vom Sturm umhergetrieben, heim, wird von Einigen erkannt und wagt so den Angriff, der ihm zum Heile, den Feinden zum Verderben ausschlägt. Dies allein ist der Kern, der Rest ist Zuthat.