23. Über das Trauerspiel nun und über die Nachahmung mittelst handelnder Personen mag das Gesagte genügen. Was aber die versificierte erzählende Darstellung anlangt, so leuchtet ein, daß man die Fabeln, nicht anders als in den Trauerspielen, dramatisch bauen und um eine ganze und in sich abgeschlossene, Anfang Mitte und Ende besitzende Handlung gruppieren soll, damit sie gleich einem einheitlichen und ganzen Organismus die ihr eigentümliche Lust erzeuge. Nicht hingegen soll der Aufbau der Begebenheiten den Geschichtserzählungen gleichen, in welchen nicht eine einheitliche Handlung, sondern ein einheitlicher Zeitabschnitt das Object der Darstellung bilden muß, und zwar all das was innerhalb desselben sich mit einer oder mehreren Personen begeben hat — welche immer die Beziehung sein mag, in der diese Vorgänge zu einander stehen. Denn gleichwie der Seesieg bei Salamis und der Landsieg über die Karthager in Sicilien gleichzeitig stattfanden, ohne daß die zwei Ereignisse auf denselben Zweck abzielten, so schließt sich mitunter auch im Nacheinander eine Begebenheit der anderen an, ohne zu einem gemeinsamen Ziele zusammenzuwirken. Die Mehrzahl der Dichter aber verfährt in dieser Weise. Darum überragt HOMER, wie wir schon einmal bemerkten, auch darin die Anderen gewaltig, daß er nicht einmal den trojanischen Krieg, obgleich dieser doch Anfang und Ende besitzt, in seinem ganzen Umfange darzustellen unternahm; denn die Darstellung wäre allzu groß und nicht mehr übersichtlich ausgefallen oder bei mäßiger Ausdehnung verwirrend durch die Buntheit des Inhalts. So hat er denn einen Teil des ganzen Kriegsverlaufs herausgehoben und von den anderen Teilen viele zu Episoden verwendet; man denke an den Schiffskatalog⁠[17] und an andere Zuthaten, die dem Dichtwerke reiche Abwechslung verleihen. Die anderen epischen Dichter aber machen eine Person und eine Zeit und, wenn eine Handlung, so eine vielteilige zum Gegenstand der Darstellung, wie letzteres der Dichter der „Kyprien“ und jener der „Kleinen Ilias“ gethan hat. In Wahrheit giebt die Ilias und die Odyssee den Stoff zu je einem Trauerspiel oder doch nur zu zweien ab; aus den „Kyprien“ aber hat man gar viele und aus der „Kleinen Ilias“ deren mehr als acht gemacht, nämlich das „Waffengericht“, den „Aias“, den „Philoktet“, den „Neoptolemos“, den „Eurypylos“, die „Bettlersendung“, die „Lakonerinnen“, die „Zerstörung Trojas“; ferner auch die „Abfahrt“, den „Sinon“ und die „Troerinnen“.