24. Ferner soll das Heldengedicht dieselben Arten wie das Trauerspiel besitzen — muß es doch einfach oder verwickelt, ethisch oder pathetisch sein — und desgleichen sind die Teile mit Ausnahme der Gesangscomposition und der scenischen Ausstattung dieselben. Denn auch hier sind Peripetien, Erkennungen und Wehethaten unerläßlich, und nicht minder, daß die Reflexion und die Diction unser Wohlgefallen errege. Alle diese Elemente hat HOMER zuerst und in ausreichender Weise verwendet. Zunächst in Ansehung des Baues der beiden Gedichte. Die Ilias nämlich ist eine einfache und pathetische Dichtung, die Odyssee ethisch und, da sie ganz und gar auf Erkennung beruht, verwickelt. Zudem hat er auch in der Diction und Reflexion die Werke aller Anderen übertroffen. Weitere Unterschiede der beiden Dichtungsweisen aber bilden der Umfang und das Versmaß des Heldengedichtes. Als Maß des Umfanges genügt die oben gegebene Bestimmung, daß man nämlich Anfang und Ende zugleich müsse überschauen können. Dies wäre wohl dann erreicht, wenn die Compositionen kürzer als die alten und etwa so lang wären als die zu je einer Aufführung verbundenen drei Trauerspiele. Für die Erweiterung seines Umfanges kommt dem Heldengedicht ein Umstand in reichem Maße zu statten. Im Trauerspiele nämlich können nicht mehrere gleichzeitige Geschehnisse zur Darstellung gelangen, sondern nur eben das, was jedesmal auf der Bühne durch die Schauspieler erfolgt. Im Heldengedicht aber ermöglicht es die erzählende Form, daß man mehrere Teile der Handlung zugleich verlaufen läßt, wodurch, ihre innere Verwandtschaft vorausgesetzt, die Wucht des Dichtwerkes erhöht wird. Hierin besitzt das Heldengedicht einen Vorzug, der ihm größere Pracht verleiht, den Zuhörer durch Abwechslung erfrischt und durch die Einführung von Episoden die Eintönigkeit hintanhält. Ist es doch diese, die rasch übersättigt und so das Fiasco manch eines Trauerspieles verschuldet. Was aber das Versmaß anlangt, so hat sich das heroische durch die Erfahrung als das allein angemessene erwiesen. Denn wollte es jemand versuchen, eine erzählende Darstellung in irgend ein anderes Versmaß oder in eine Verbindung von solchen zu kleiden, so wäre der Eindruck kein erquicklicher. Gleichwie nämlich die erzählende Darstellung selbst alle anderen an Hoheit überragt, so ist auch das heroische das stetigste und wuchtigste aller Versmaße, weshalb es auch den Gebrauch fremdartiger Ausdrücke im reichsten Maße gestattet. Der jambische Trimeter aber und der trochäische Tetrameter sind bewegter, da dieser den Tanz, jener die Bühnenhandlung naturgemäß begleitet. Noch wunderlicher wäre es, wenn es jemand mit einem Quodlibet von Versmaßen nach dem Vorbilde CHÄREMON’s versuchen wollte. Darum hat denn auch noch niemand eine umfängliche epische Composition in einem anderen als dem heroischen Versmaße gedichtet; es lehrt eben, wie wir schon einmal bemerkten, die Natur selbst das Passende ergreifen.

Wie aus vielen anderen Gründen, so verdient HOMER auch darum hohes Lob, weil er allein nicht verkennt, was der Dichter in eigener Person zu thun hat. In eigener Person soll nämlich der Dichter so wenig als möglich reden, da er ja insoweit kein nachahmender Darsteller ist. Die anderen stehen nun durchweg gleichsam auf der Bühne und stellen nur einzelnes und in vereinzelten Fällen nachahmend dar; HOMER aber läßt nach kurzer Einleitung sofort einen Mann, eine Frau oder sonst ein Wesen auftreten, und zwar jedes von ausgeprägter Eigenart, keines ohne diese. Ferner muß man freilich auch im Trauerspiele das Wunderbare anbringen, im Heldengedicht aber ist für das Ungereimte, die Hauptquelle des Wunderbaren, darum mehr Raum vorhanden, weil der Handelnde nicht vor unseren Augen steht. Würde doch auf der Bühne z. B. die Verfolgung Hektors — hier müßige Zuschauer, die an der Verfolgung keinen Anteil nehmen, dort einer, der ihnen abwinkt — einen komischen Eindruck hervorbringen. Im Epos aber sieht man darüber hinweg. Wie reizvoll aber das Wunderbare ist, dies lehrt der Umstand, daß im wirklichen Leben alle Berichterstatter etwas hinzuzuthun lieben und dadurch das Wohlgefallen des Hörers zu erregen glauben. Am meisten hat aber HOMER die Übrigen die Unwahrheit in der rechten Weise sprechen gelehrt. Es beruht dieses Verfahren auf einem Fehlschlusse. Wenn nämlich, falls A vorhanden ist oder geschieht, auch B vorhanden ist oder geschieht, so meinen die Leute, daß, wenn B vorhanden ist, nun auch A vorhanden sei oder geschehe. Dies ist aber falsch. Ist daher ein erstes irreal, müßte aber, falls es vorhanden wäre, auch ein zweites vorhanden sein oder geschehen, so soll man dieses hinzufügen; denn kennen wir die Realität des zweiten, so folgert unsere Seele dann irrtümlich die Realität auch des ersten. Ein Beispiel liefert die Badescene der Odyssee. Desgleichen muß man glaubhaftes Unmögliches dem unglaubhaften Möglichen vorziehen. Des weiteren sollen die Fabeln nicht aus lauter Ungereimtheiten bestehen; am besten ist es vielmehr, wenn sie derlei überhaupt nicht enthalten, andernfalls aber soll dasselbe außerhalb der Handlung liegen, wie die Unkenntnis des Ödipus über des Laios Todesart, nicht aber im Drama selbst vorkommen, wie die Meldung über die pythischen Spiele in der „Elektra“ des Sophokles oder in den „Mysern“ des Äschylos der Held, der, ohne den Mund zu öffnen, von Tegea bis nach Mysien wandert. Lächerlich ist daher die Ausrede, es wäre sonst um die Fabel geschehen gewesen; man darf diese eben von Haus aus nicht also anlegen. Hat der Dichter aber solches angebracht und es in ein annähernd vernunftgemäßes Licht gestellt, so kann man auch ein Ungereimtes gelten lassen. Möchte doch auch das Widersinnige, dem man in der Odyssee begegnet — die Aussetzung des Odysseus in Ithaka nämlich⁠[18] — unerträglich werden, sobald ein schlechter Dichter es behandelte, wie solch ein Versuch klärlich darthun würde. HOMER aber hat durch die übrigen Vorzüge seiner Darstellung das Ungereimte verdeckt und versüßt. Der Diction endlich hat man in den unergiebigen und weder durch Gefühls-, noch durch Gedankengehalt hervorragenden Partien am meisten Sorgfalt zuzuwenden. Kann doch anderseits auch dieser Gehalt wieder durch übergroßen Glanz der Darstellung verdunkelt werden.