WAHRHEIT UND IRRTUM
IN DER
KATHARSISTHEORIE DES ARISTOTELES
VON
ALFRED FREIHERRN VON BERGER.

D

Die Auslegung der Definition der Tragödie, welche die Poetik (Cap. 6) enthält, im streng aristotelischen Sinne wird am stärksten gehemmt durch die Neigung, die Frage nach dem richtigen aristotelischen Sinne derselben zu vermengen mit der Frage nach ihrer sachlichen Richtigkeit. Das führte dahin, daß jeder diejenige Auffassung der Tragödie, die ihm die wahre und würdige dünkte, in Aristoteles’ Definition hineinzudeuten suchte. Auch die nachscholastische Philosophie stand eben noch lange unter der Denknötigung, eine Frage für entschieden zu halten durch einen autoritativen Ausspruch des Aristoteles; selbst LESSING war nicht frei von dieser Neigung. Als die der Tragödie eigentümliche Wirkung hat Aristoteles in der Poetik die durch Mitleid und Furcht erfolgende „Katharsis“ dieser beiden Affecte bezeichnet. An dieses Endglied der aristotelischen Definition der Tragödie knüpft sich die berühmte Streitfrage über die Bedeutung des Ausdruckes „Katharsis der Affecte Mitleid und Furcht“. Indem die vorliegende Verdeutschung der Poetik das griechische Wort „Katharsis“ mit „Entladung“ wiedergiebt, hat sie in dieser Streitfrage Stellung genommen und sich für die von JAKOB BERNAYS gegen andere Ansichten zur Geltung gebrachte Auffassung entschieden, die in dieser „Katharsis“ eine Reinigung nicht der Affecte, sondern von Affecten erblickt. Mit Benützung einer Stelle im achten Buche der Politik des Aristoteles, so wie einiger Äußerungen späterer, neuplatonischer griechischer Schriftsteller hat JAKOB BERNAYS unwiderleglich bewiesen, was übrigens schon vor ihm andere Forscher mehr oder minder deutlich erkannt hatten, daß der Ausdruck Katharsis der Medicin entnommen ist, in welcher er die Austreibung eines Krankheitsstoffes aus dem Körper bedeutet. In der erwähnten Stelle der Politik vergleicht Aristoteles mit dieser körperlichen Cur die Heilung jener Nervenkrankheit, die er „Enthusiasmus“ nennt, durch Musik. Indem diese Musik, die „Olymposweisen“, dem Kranken zu einem heftigen Anfall und Ausbruche seines Übels verhilft, verschafft sie ihm für einige Zeit Beruhigung, „gleichsam als hätte er ärztliche Cur und Katharsis erfahren“ (VIII, 7). Ganz ebenso wird nun mittelst der Tragödie den zu Mitleid und Furcht Geneigten durch Erregung dieser Affecte erleichternde, lustvolle Entladung gewährt.

Diese Auslegung beseitigt alle älteren Auffassungen, welche unter Katharsis irgend welche innere Umwandlung oder Läuterung der durch die Tragödie erregten Affecte Mitleid und Furcht verstanden, sei es, daß diese Läuterung im ethischen oder im hedonischen Sinne gedacht war. Es ist völlig gewiß, daß nach Aristoteles nicht die Affecte durch die Tragödie gereinigt, sondern der Mensch von ihnen für einige Zeit befreit werden sollte.

In den nachfolgenden Betrachtungen, in welchen eine Prüfung der aristotelischen Katharsistheorie auf ihre sachliche Wahrheit und Zulänglichkeit versucht wird, ist die JAKOB BERNAYS’sche Auffassung derselben in der Hauptsache zugrunde gelegt.

Daß diese als die Ansicht des Aristoteles, insbesondere von Ästhetikern, nicht unbedingt anerkannt wird, ist die Folge davon, daß die von BERNAYS als aristotelisch nachgewiesene Katharsistheorie den Ästhetiker sachlich nicht voll zu befriedigen vermag.

Diese Unbefriedigung, unter dem Einflusse des scholastischen Vorurteiles, erweckt den Wunsch, daß die Theorie nicht die des Aristoteles sein möge, und dieser Wunsch ist der Vater all der Gedanken, mit welchen die zahlreichen Streitschriften angefüllt sind, die noch immer wider den Stachel der medicinischen Auffassung löcken.

Einem so gestimmten Forscher wird es nun nicht schwer werden, in der Poetik allerlei Spuren anderer Auffassungsweisen der Tragödie, als die medicinische, zu entdecken. Aristoteles war kein doctrinärer Principienreiter, der seine Augen geflissentlich vor anderen Seiten eines Problems verschloß, als jene, von welcher aus er es mit seiner Speculation anging. In der Poetik fehlt es nicht an Stellen und Wendungen, die sich nicht mit strenger Folgerichtigkeit aus ihren Grundgedanken ableiten lassen, sondern vielmehr den unbewußten Einfluß von Ideen verraten, die Aristoteles, weil er sich dieselben nicht zu klarem Bewußtsein gebracht hatte, nicht unter seine Grundprincipien aufnahm, die ihn aber trotzdem bestimmten, seine Folgerungen im Einklange mit Erfahrung und aufrichtigem Gefühle zu ergänzen, zu berichtigen und abzuschwächen. Man mag diesen Einfluß noch nicht deutlich erfaßter, unentdeckter Gedanken den astronomischen Störungen vergleichen, durch welche ein noch unbekanntes Gestirn sein Dasein verrät. Wer nun seine Aufmerksamkeit auf solche Stellen der Poetik sammelt, vermag unter dem Vorgeben, den tiefsten Gehalt der Poetik aufzudecken, diejenige Ästhetik, die ihm zusagt, in sie hineinzudeuten, wofür überdies die Lücken des Textes und vieldeutige Ausdrücke, wie z. B. gerade Katharsis, genügenden Spielraum lassen. Doch wird durch übertreibendes Betonen von Ideen, an welche der Geist des Aristoteles vielleicht gelegentlich heranstreift, ohne daß er sie in sein System aufnähme, nur die eigenartige Physiognomie seines Werkes verzerrt und verwischt. Richtiger und wertvoller als der unfruchtbare Versuch, die ästhetische Weisheit späterer Tage in und zwischen die Zeilen der Poetik hineinzuinterpretiren, wie dies so viele thaten, welche die Poetik auszulegen meinten, scheint es mir, ihre psychologischen und ästhetischen Grundannahmen frisch an den Thatsachen zu prüfen. Wir wollen einmal als endgiltig bewiesen und jedem weiteren Streit entrückt annehmen, daß Aristoteles die erleichternde Entladung von Mitleid und Furcht als Wirkung der Tragödie betrachtete, und dafür die Frage aufwerfen, ob dergleichen in der tragischen Wirkung überhaupt stattfindet.