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Allerhand Sprachdummheiten / Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen cover

Allerhand Sprachdummheiten / Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen

Chapter 141: Natürliches und grammatisches Geschlecht
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Der Text versammelt typische Fehler und unsichere Wendungen der deutschen Sprache und erläutert sie nach Wortbildung, Formenlehre und Satzbau geordnet. Er behandelt Deklinationen und Konjugationen, Plural- und Genitivformen, Steigerung, Partizipien, Präpositionen, Relativsätze, Tempus- und Modusfragen sowie zahlreiche Beispiele problematischer Formulierungen. Ziel ist weniger ein vollständiges Regelwerk als die Schärfung des Sprachgefühls: durch kritische Analyse und treffende Beispiele soll eine einfachere, natürlichere Ausdrucksweise gefördert werden. Das Werk ist als aufmerksam zu studierender Leitfaden gedacht, nicht als bloßes Nachschlagewerk.

Natürliches und grammatisches Geschlecht

Viel Kopfzerbrechen hat schon manchem die Frage gemacht, ob man auf Wörter wie Weib, Mädchen, Fräulein, Mütterchen mit es, das und sein zurückweisen müsse, oder auch mit sie, die und ihr zurückweisen dürfe, mit andern Worten: ob bei solchen Wörtern das grammatische oder das natürliche Geschlecht vorgehe. Auch bei Backfisch kann die Frage entstehen. Nun, um das Ob braucht man sich nicht zu sorgen, es ist eins so richtig wie das andre; die Schwierigkeit liegt nur in dem Wo und Wie, und hierüber läßt sich keine allgemeine Regel geben, es muß das dem natürlichen Gefühl des Schreibenden überlassen bleiben. Klar ist, daß das grammatische Subjekt solcher Wörter um so eher festgehalten werden darf, je dichter das Fürwort auf das Hauptwort folgt, also besonders bei dem relativen Fürwort, das sich unmittelbar an das Hauptwort anschließt, ebenso, wenn beide sonst nahe beieinander in demselben Satze stehen, z. B.: das Mädchen hatte frühzeitig seine Eltern verloren. Es ist aber auch nicht das geringste dagegen einzuwenden, wenn jemand schreibt: die Dekoration stand dem Mütterchen Moskau gut zu ihrem alten Gesicht. Auch bei Goethe heißt es: dienen lerne beizeiten das Weib nach seiner Bestimmung, denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen. Je später das Fürwort auf das Hauptwort folgt, desto mehr schwächt sich die Kraft des grammatischen Geschlechts ab, und die Vorstellung des natürlichen Geschlechts verstärkt sich. Deshalb ist es auch abgeschmackt zu schreiben: die jüngere Tochter ist ein Ausbund von Anmut und Gescheitheit, um den sich die tanzenden Herren förmlich reißen, wenn er in der Gesellschaft erscheint. Namentlich in einer längeren Reihe von Sätzen hintereinander das grammatische Geschlecht solcher Wörter pedantisch festzuhalten, kann unerträglich werden.

Die Frage, ob es heißen müsse: Ihr Fräulein Tochter (Schwester, Braut) oder Ihre Fräulein Tochter, ist sehr leicht zu beantworten. Das besitzanzeigende Adjektivum gehört in diesen Verbindungen nicht zu Fräulein, sondern natürlich zu Tochter, Schwester, Braut, wozu Fräulein, gleichsam in Klammern, als bloßer Höflichkeitszusatz tritt (vgl. S. 15 die Herren Mitglieder). Es darf also nur heißen: Ihre [Fräulein] Braut – empfehlen Sie mich Ihrer [Fräulein] Tochter!

Seitdem die Universitäten den Titel „Doktor“ (als ob er eine Versteinerung wäre, von der kein Femininum gebildet werden könnte!) an Damen verleihen, liest man auf Büchertiteln: Dr. Hedwig Michaelson. Setzt man davor noch Fräulein, so hat man glücklich drei Geschlechter nebeneinander: Fräulein (sächlich) Doktor (männlich) Hedwig (weiblich). Freilich ist dabei eigentlich nichts verwunderliches. Die Verschrobenheit der Sprache ist ja nur das Abbild von der Verschrobenheit der Sache. Vielleicht druckt man auch noch: Fräulein Studiosus medicinae Klara Schulze.