WeRead Powered by ReaderPub
Allerhand Sprachdummheiten / Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen cover

Allerhand Sprachdummheiten / Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen

Chapter 169: Das Können und das Fühlen
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Der Text versammelt typische Fehler und unsichere Wendungen der deutschen Sprache und erläutert sie nach Wortbildung, Formenlehre und Satzbau geordnet. Er behandelt Deklinationen und Konjugationen, Plural- und Genitivformen, Steigerung, Partizipien, Präpositionen, Relativsätze, Tempus- und Modusfragen sowie zahlreiche Beispiele problematischer Formulierungen. Ziel ist weniger ein vollständiges Regelwerk als die Schärfung des Sprachgefühls: durch kritische Analyse und treffende Beispiele soll eine einfachere, natürlichere Ausdrucksweise gefördert werden. Das Werk ist als aufmerksam zu studierender Leitfaden gedacht, nicht als bloßes Nachschlagewerk.

Das Können und das Fühlen

Eine richtige Modenarrheit ist es, gewisse Hauptwörter immer durch einen substantivierten Infinitiv zu umschreiben – wenns nicht manchmal bloßes Ungeschick ist! Und bloßes Ungeschick ist wohl anzunehmen, wenn jemand statt Ende schreibt: das Aufhören, oder statt Mangel: das Fehlen. Eine Modenarrheit aber liegt ohne Zweifel in der Art, wie jetzt das Wissen, das Können, das Wollen, das Fühlen und das Empfinden gebraucht wird – Wörter wie Kenntnis, Fähigkeit, Fertigkeit, Geschick, Absicht, Gefühl, Empfindung scheinen ganz vergessen zu sein. Den Anfang hatte wohl das Streben gemacht,[166] dann kam das Wissen: er hat ein ganz hervorragendes Wissen. Jetzt spricht man aber auch von dichterischem Wollen: anfangs ein Dorfgeschichtenerzähler, wurde Rosegger allmählich ein Poet von großem Wollen – auch diese Kompositionen zeigen die künstlerische Zielbewußtheit (!) seines Wollens. Und in höchster Blüte steht das Können und das Fühlen: folgendes Gedicht mag das Können des Dichters veranschaulichen – das Konzert lieferte einen glänzenden Beweis für das künstlerische (!) Können des Vereins – Beethoven widmete ihr die Cis-moll-Sonate, kein geringes Zeugnis für das musikalische Können der Angebeteten – die Dame hat sich unter dieser vortrefflichen Leitung bereits ein achtunggebietendes Können angeeignet – die Schüler sollen mit einem solchen Können des Deutschen aus der Schule gehen – Herr W. hat damit eine neue Probe seines bedeutenden gärtnerischen (!) Könnens gegeben (es handelt sich um ein Teppichbeet) – die Gedichte zeigen ein gesundes, ursprüngliches Fühlen – in allen Briefen gibt er nur dem einen Fühlen Ausdruck – Tilgner hat den Geist (!) des österreichischen Empfindens am besten zum Ausdruck gebracht – zu der Verehrung für das große Wollen und Können des Meisters gesellt sich das Mitleid mit dem leidenden Menschen – die Pyramiden der Ägypter erzählen uns von dem Fühlen und Wollen ihrer Erbauer und deren Zeitepoche (!). Das Neueste aber ist das Erinnern, das Erleben und das Verstehen: er bewahrte ihm ein dankbares Erinnern – für uns moderne Menschen pflegt Italien das größte Erleben unsers Daseins zu sein – ein Mann, in dessen Erleben sich ein ganzes Stück deutscher Geschichte spiegelt – Böcklin konnte von dem künstlerischen Erleben abstrahieren, bei Klinger erschließt erst die Persönlichkeit das Geheimnis (!) seiner Werke – das Buch ist von tiefem Verstehen für den geheimnisvollen (!) künstlerischen Trieb des Meisters durchtränkt – sie erfreute ihn durch warmes geistiges Verstehen – nimm dieses Buch in dein treues und zartes Verstehen auf! Es kann einem ganz schlimm und übel dabei werden.