Wer wird dir Trost und Muth im Unglück geben,
Und dich vertraut im Glück erfreun?
Wer wird mit dir dein Glück und Unglück theilen,
Dir, wenn du rufst, mit Rath entgegen eilen,
Und wenn du fehlst, dein Warner seyn?
Wer hält den Bund, den ich mit ihm errichte?
Wer fühlt den Trieb, den ich empfand?
O klage nicht! Es giebt noch edle Seelen.
Doch sehn wir auch, wenn wir uns Freunde wählen,
Genug auf Tugend und Verstand?
Weil er vielleicht begehrt, wie wir begehren,
Und weil sein Umgang uns gefällt;
Das Herz ihm weihn, noch eh wir seines kennen,
Aus Eigennutz ihm unsre Zeit vergönnen;
Dieß ist nicht Freundschaft, dieß ist Welt.
Mußt du zuerst das Edle selbst empfinden,
Das dich der Liebe würdig macht.
Hast du Verdienst, ein Herz voll wahrer Güte:
So sorge nichts: ein ähnliches Gemüthe
Läßt deinen Werth nicht aus der Acht.
Erst Sorgfalt gnug, gnug Ehrerbietung haben;
Und deinem Herzen nichts verzeihn.
Du mußt dich oft, ohn Eigennutz zu dienen,
Du mußt dich stets, gerecht zu seyn, erkühnen.
Und daß es Andre sind, dich freun.
Nie Stolz und Neid und Eigensinn gedämpfet;
Liebt dieses Herz wohl dauerhaft.
Wie bald wirds nicht durch kleine Fäll ermüden!
Es fühlet sich, und stört der Freundschaft Frieden
Durch ungezähmte Leidenschaft.
Dem deinen gleich, der Liebe werth gefunden:
So thue, was die Weisheit spricht.
Sie heißt in ihm dich jede Tugend ehren,
Wie sehr du liebst, durch Thaten ihn belehren,
Und macht sein Glück zu deiner Pflicht.
Du ahmst es nach, und du belebst den Saamen
Der Eintracht und der Zärtlichkeit.
Du sorgst mit Lust für deines Freundes Ruhe,
Er, ob er gnug, dich zu verdienen, thue;
Und eure Treu wächst durch die Zeit.
Du duldest sie bey seinen grössern Gaben,
Und milderst sie mit sanfter Hand.
Sein gutes Herz bedient sich gleicher Rechte,
Begeistert deins, wenns minder rühmlich dächte,
Und sein Verstand wird dein Verstand.
Wie stärkt mich oft der selige Gedanke:
Was thät Arist bey dieser Pflicht?
Verfahre so, als wär er selbst zugegen.
So giebt ein Blick auf ihn mir ein Vermögen;
Und der erst wankte, wankt itzt nicht.
Der Weisheit Glück, vereint und führt uns beide;
Denn ich und er, sind beid ihr Freund.
Ein gleiches Gut, das höchste Gut der Erden,
Der Tugend Glück, läßt uns zufriedner werden;
Denn nur für sie sind wir vereint.
Doch daß ichs that, soll er nicht immer wissen;
Mein Herz belohnt mich schon dafür.
Und wenn ich ihm vor seinen Augen diene,
Entzieh ich doch dem Dienst des Dienstes Miene,
Als nützt ich minder ihm, denn mir.
So bleibt von mir die kleinst ihm nicht verborgen,
Und schwindet in Vertraulichkeit.
Kaum klag ichs ihm, was mich im Stillen drücket:
So hat sein Blick oft schon mein Herz erquicket,
Eh mich sein Mund mit Trost erfreut.
Und wenn im Geist ichs ihm zu sagen eile,
Wird mir dieß Glück gedoppelt süß.
Entfernt von ihm drohn mir des Unglücks Pfeile;
Und wenn im Geist ichs ihm zu klagen eile,
So fühl ich minder Kümmerniß.
Nach reifem Ernst, die Stund uns froh verscherzen:
So bildet der Geschmack den Scherz.
Den Witz, den Geist, die uns itzt scherzen lehren,
Beseelt die Lieb; und daß wir uns verehren,
Vergißt auch nie das muntre Herz.
Sollt übereilt ich ihr zum Nachtheil denken,
Und meinem Freund ein Anstoß seyn:
So eil ich schon, den Fehler zu gestehen.
Wars klein von mir, ihn hitzig zu begehen:
So ist es groß, ihn zu bereun.
Und laß dein Herz von Freundschaft überfliessen,
Der süssen Quelle für den Geist!
Sie quillt nicht bloß für diese kurzen Zeiten;
Sie wird ein Bach, der sich in Ewigkeiten
Erquickend durch die Seel ergeußt.
Und bey dem Glück, sie ewig fortzusetzen,
Ihr heilig Recht verklärt verstehn.
Dort werd ich erst ihr ganzes Heil erfahren,
Mich ewig freun, daß wir so glücklich waren,
Fromm mit einander umzugehn.
Der Ruhm.
Der Ruhm, für den du denkst und lebst?
Wags, du sein Freund, ihn zu betrachten!
Gewährt er, was er dir verspricht,
So bleib ihm treu. Gewährt ers nicht,
So lern ihn dreist verachten.
Der Fürst an seine Seite setzt,
Und laut mir seinen Beyfall schenket!
Alsdann wird mein Verdienst bekannt;
Dann denkt von mir das ganze Land
Groß, wie mein Ehrgeitz denket.
Sprich, kennt er der Verdienste Werth?
Setz ihn im Geist aus seinem Stande!
Vielleicht wird dir sein Beyfall klein;
Vielleicht hältst dus, ihm werth zu seyn,
Nunmehr für eine Schande.
Der Redner göttlich von dir spricht,
Und laut dich die Geschichte preisen;
Wenn, auf ihr Wort, die halbe Welt
Dich für den größten Weisen hält;
Wirst du darum zum Weisen?
Gewinnet deines Geistes Ruh;
Wenn viele deinen Namen hören?
Bist du beglückt, in dir beglückt?
Wenn Thor und Thörinn auf dich blickt,
Und Länder dich verehren?
Giebt dir dein Herz den Beyfall nicht;
Was wird dir andrer Beyfall nützen?
Und hast du deinen Ruhm in dir;
Was sorgst du kummervoll dafür,
Den äussern zu besitzen?
Gleichgültig nennt, und dann vergißt;
Ist dieß ein schätzbar Glück zu nennen?
Ist dieß die Welt, die von dir hört;
Wenn gegen einen, der dich ehrt,
Dich tausend noch nicht kennen?
Wenn ein Scribent der Trockenheit
Sich künftig an dein Leben waget?
Und wenn dem Wandrer einst noch spät
Der Stein, vor dem er müßig steht,
Daß du zu früh starbst, saget?
Von einer Welt gerühmt zu seyn,
Die oft den wahren Ruhm verkennet;
Das Laster rühmet, wenn es gleißt,
Die Wildheit Muth, den Unsinn Geist,
Und Ehrsucht Grösse nennet?
Damit du ihren Ruhm erlangst,
Wohlan, du sollst ihn schnell erstreben!
Doch welch unsichres Eigenthum!
Vielleicht reut bald die Welt der Ruhm,
Den sie dir schnell gegeben.
Verlangst du ihren Beyfall bloß,
So such ihn still in ihrer Sphäre.
Der Kluge sieht auf dein Verdienst;
Und bist du das nicht, was du schienst,
So bist du sonder Ehre.
Nicht, um sie, von der Welt genannt,
Mit eitlem Stolze zu besitzen.
Erwirb sie dir mit edler Müh,
Und halte dieß für Ruhm, durch sie
Der Welt und dir zu nützen.
Nicht deiner Tugend Wiederhall
Muß dich zu grossen Thaten stärken.
Die Zeit, die Kräfte, grosser Geist!
Die du so laut dem Ruhme weihst,
Die weihe still den Werken.
Und gleicht dein Eifer deiner Pflicht:
So wird der Ruhm ihm folgen müssen.
Und wenn dein Werth ihn nicht erhält:
So giebt dir ihn, Trotz aller Welt,
Doch ewig dein Gewissen.
Vermischte Gedichte.
An
den Herrn Grafen
Hanns Moritz von Brühl;
bey seinem vierzehnten
Geburtstage.
Ein Beyspiel seltner Verdienste zu seyn!
Am Tage deiner Geburt bitt ich zum Schöpfer der Menschen
Um noch mehr Seelen, der deinigen gleich.
Mit Thränen, welche die Liebe mich lehrt:
Erfüll die Hoffnung der Welt, und sey in jeglichem Alter
Durch neue Tugenden nützlich und groß.
Die deine Jugend verehrungswerth macht.
Nie herrscht ein kleinerer Wunsch in deiner rühmlichen Seele,
Als Menschen glücklich und weise zu sehn.
Und, unverblendet vom Glanze des Glücks,
Noch gütig, wenn du gebeutst, noch liebreich, wenn du bestrafest,
Noch groß seyn, wenn du die Bitte versagst.
Wird der Gedanke dir niemals entfliehn,
Daß das vollkommenste Glück in einem reinen Gewissen,
Die wahre Hoheit im Herzen besteht.
Noch groß, wofern er dem Schöpfer nicht dient;
Er sey das Wunder der Welt, er sey der König der Helden,
Stets ist er ohne die Tugend ein Knecht.
Die Pest der grossen und glücklichen Welt;
Doch, stolz auf wahres Verdienst, wirst du den Lobspruch verachten,
Den dir der Richter im Herzen versagt.
Zu scheinen, was man doch wirklich nicht ist.
Von edler Absicht erfüllt, wirst du dir immerfort ähnlich
Und auch im kleinen noch liebenswerth seyn.
Doch heimlich folget die Eifersucht nach.
Wie wirst du, glücklicher Graf, einst diese Feindinn besiegen?
Durch Güte, wie sie dein Onkel besiegt.
Mit allen Schätzen der Weisheit und Kunst.
Dein Rang, dein heller Verstand, dein edelfühlendes Herze,
Wie viel verspricht es der hoffenden Welt,
An
Herrn
Johann Andreas Cramer;
bey seiner Verbindung.
Rührt meinen Geist, indem ich dichte;
Dein künftig Schicksal zeigt sich mir.
Ich sehe sich in lange Zeiten
Dein Leben und Verdienst verbreiten,
Und Glück und Tugend folgen dir.
Dich seh ich an Charlottens Seite
Nach vielen Jahren noch, wie heute,
Als Mann und Freund vergnügt mit ihr,
Und immer dich, bey treuen Küssen,
Vertraulich und empfindungsvoll,
Das Glück der Zärtlichkeit geniessen,
Von der nur wenig Herzen wissen,
Die nur ein Cramer singen soll.
Mehrt dein Verdienst sich um die Welt.
Stets seh ich dich Geschmack und Tugend lehren,
Und beides, wenn du schreibst, gefällt.
Dein Geist stürzt bald den Aberglauben,
Und bald das Laster von dem Thron,
Und rettet uns, was schlaue Spötter rauben,
Das größte, die Religion.
Dann merkt die Welt auf deine Gaben;
Und wenn sie sie nicht recht erkennt:
So scheut sie doch den Schimpf, den nicht belohnt zu haben,
Den man des Lohnes würdig nennt.
Sie schmücket dich mit neuen Ehren;[1]
Und du, erkenntlich gegen sie,
Entzückst sie, bald mit heilgen Chören,
Bald durch die Pracht der Homilie.
Nimmt mich in deinem Leben ein,
Da liebe Töchter, liebe Söhne,
Des edlen Vaters Herz erfreun.
Gesucht und oft umringt von ihnen,
Fühlst du die zärtlichste Gewalt;
Dieß redt mit Küssen, dieß mit Mienen,
Wenn jenes dir entgegen lallt;
Du aber überläßt dich ihnen.
Da seh ich dich recht menschlich schön,
Da seh ich Cramern, wie Racinen,[2]
In einem Kreis mit Kindern spielend gehn.
Charlotte kömmt, und von Charlotten
Läßt du dich gern der Kinderspiele spotten,
Und küssend giebt sie dir den Lohn;
Da streichelt dich, indem sie küßte,
Als ob er auch mit lieben müßte,
Auf ihrem Arm der zarte Sohn.
So ruhst du oft vom Fleisse schwerer Werke,
Und bist nur Vater für dein Haus;
Prüfst liebreich deiner Kinder Stärke
Und bildest ihre Herzen aus,
Und freust dich, wenn der Sohn erscheinet,
Der jung schon dich und deine Freunde liest,
Bey einer schönen Stelle weinet,
Und heimlich eifersüchtig ist,
Daß noch von ihm die Welt nichts liest.
Ich weis es, wahre warten dein.
Und wär es gnug, es wieder zu bereun:
So würd ich gleich um eine dich beneiden.
[1] Der Herr Oberhofprediger Cramer war damals noch Pastor in dem Dorfe Crellwitz.
[2] Der jüngre Racine in dem Leben seines Vaters:
En présence même d'étrangers, il osoit être Pere: il étoit de tous nos jeux: je me souviens de processions dans lesquelles mes sœurs étoient le Clergé, j'étois le Curé, et l'auteur d'Athalie chantant avec nous, portoit la croix. Memoires sur la vie de Jean Racine. p. 6.
Auf
Herrn Willens
Tod.
Das Ziel der glücklichsten Greise verhieß;
Der, würden Jahre verdient, sie durch sein Herze verdiente,
O Wille! Redliche weinen um dich!
Noch nie die Gabe des Mitleids entehrt.
Sie haben niemals geweint, als vor dem Grabe der Edlen,
Und von dem Reize der Tugend bewegt.
Des jüngsten rühmlichen Bruders Verlust;
Sie sehn ihn blühend im Sarg, und rufen ängstlich: Ach Bruder!
Und Thränen reden das Uebrige fort.
Wenn ohne Tugend der Purpur ihn schmückt.
O! Wille, seliger Freund! in welcher glücklichen Gegend,
In welchem Himmel frohlocket dein Geist?
Die sich in heiliger Wollust erfreun,
Wenn eine Seele noch mehr, gleich ihnen, glücklich geworden,
Wie viel, o Seliger, fühlest du da!
Schon hier in Freundschaft und Liebe sein Glück;
Und nun, vom Fleische getrennt, sieht er im göttlichen Lichte
Den Reiz der Tugend, und kennet sie ganz.
»Sey weis und gütig! Gott schuf dich dazu.
Du lebst, mit Freyheit begabt, hier in dem Lande der Prüfung,
Und Ewigkeiten erwarten dich dort.«
Da jauchzen Schaaren der Himmel mit ihm;
Er kömmt, geleitet durch sie, zum Thron des göttlichen Mittlers,
Fällt dreymal nieder, und betet ihn an.
Der Liebe Wunder eröffnen sich ihm.
So steht ein Jüngling erstaunt, dem, blind vom Leibe der Mutter,
Der Arzt die Binde vom Angesicht zieht.
Wo bin ich? ruft er, und zittert noch mehr.
Er sah die Sonne noch nicht; doch nun verläßt sie die Wolke,
Und unbeweglich bewundert er sie.
Und ehren ewig dein liebendes Herz.
Dich liebe, wer dich gekannt! dein Beyspiel lehre den Jüngling,
Damit er lebe, zu sterben, wie du!
Und er, der Liebling des guten Geschmacks,
Bestreu mit Rosen dein Grab und sag aus deinen Gedichten
Die schönsten Stellen den Fühlenden vor!
Geistliche Oden und Lieder.
Vorrede.
Wenn die Sprache der Poesie vorzüglich geschickt ist, die Einbildungskraft zu beleben, den Verstand auf eine angenehme Weise zu beschäfftigen, und dem Gedächtnisse die Arbeit zu erleichtern; wenn sie geschickt ist, das Herz in Bewegung zu setzen, und die Empfindungen der Freude, der Liebe, der Bewunderung, des Mitleidens, des Schmerzes zu erwecken, oder zu unterhalten: so ist es unstreitig eine grosse Pflicht der Dichter, diese Kraft der Poesie vornehmlich den Wahrheiten und Empfindungen der Religion zu widmen. Da überdieses der Gesang eine grosse Gewalt über unsre Herzen hat, und von gewissen Empfindungen ein eben so natürlicher Ausdruck ist, als es die Mienen und Geberden des Gesichts sind: so sollte man der Religion besonders diejenige Art der Poesie heiligen, die gesungen werden kann. Ich habe in den nachstehenden Oden und Liedern diese Pflicht zu erfüllen gesucht. Habe ich sie mit dem gehörigen Fleisse, und zugleich mit Glücke, ausgeübt; sind diese Gesänge oder doch nur einige derselben, geschickt, die Erbauung der Leser zu befördern, den Geschmack an der Religion zu vermehren und Herzen in fromme Empfindungen zu setzen: so soll mich der glückliche Erfolg meines Unternehmens mehr erfreuen, als wenn ich mir den Ruhm des größten Heldendichters, des beredtesten Weltweisen aller Nationen, ersiegt hätte. Scaliger sagt von einer gewissen Ode des Horaz, das er lieber der Verfasser derselben, als König in Arragonien seyn möchte. Ich weis alte Kirchengesänge, die ich mit ihren Melodien lieber verfertiget haben möchte, als alle Oden des Pindars und Horaz. Man wird es mir nicht zutrauen, daß ich die Meisterstücke des menschlichen Witzes verachte; aber wenn es selbst die heidnischen Dichter für eine Pflicht, oder für eine Ehre gehalten, die Poesie ihrer verderbten Religion zu widmen: sollten sichs christliche Dichter zu keiner Pflicht, zu keiner Ehre machen, für eine göttliche Religion zu dichten?
Vielleicht trägt die Geringschätzung, mit der die Welt auf ein geistliches Lied herabsieht, nicht wenig zur Verabsäumung dieser Pflicht bey. Aber sollen wir nur alsdann arbeiten, wenn der Ruhm und Beyfall der Welt sich zu unsrer Belohnung darbeut? Ist die Erfüllung seiner Pflicht nicht Ruhm genug, wenn auch alle Zungen der Menschen schwiegen? Ist der Beyfall seines Gewissens nicht Ehre genug, wenn uns auch die ganze Welt für einen fanatischen Geist ansähe? Sollte die grosse Absicht, Weisheit und Tugend unter den Menschen auszubreiten, und die Ehre des Stifters unsrer Religion zu verherrlichen, kein Ruhm seyn, da nach demselben auch die Geister des Himmels, die so weit über uns erhaben sind, ringen? Ist der Vorwurf eines kleinen und einfältigen Geistes, eines Abergläubischen, oder Milzsüchtigen, den uns die Spötter machen können, ist er, aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, nicht der erhabenste Lobspruch für uns? Wer nicht groß genug ist, sich über diese falsche Schande hinwegzusetzen, der ist des Glückes werth, nur den Beyfall der Thoren und Leichtsinnigen zu haben.
Zu der Verachtung der geistlichen Gesänge überhaupt tragen unstreitig die vielen schlechten Lieder dieser Gattung nicht wenig bey. Viele wackere und fromme Männer haben es gewagt, geistliche Lieder zu dichten, und ihren Eifer für die Geschicklichkeit zur Poesie angesehen. Aber wie die Frömmigkeit demjenigen, dem es an Kenntnissen der Staatskunst fehlet, nicht die Geschicklichkeit erteilen wird, in öffentlichen Geschäfften glücklich zu arbeiten: so wird auch ein frommer Mann, bloß darum, weil er fromm ist, noch nicht mit Glücke in der Poesie arbeiten, wenn er mit ihren Regeln nicht bekannt und mit keinem poetischen Genie begabt ist. Man kann ein sehr gutes Herz, auch Verstand und Wissenschaft, und doch einen übeln Geschmack besitzen. Man kann sich unnatürlich, unrichtig, abentheuerlich ausdrücken, wenn man von den heiligen Wahrheiten in der Sprache der Poesie reden will; und man kann es doch sehr gut meynen. Man kann wenn man, die Fesseln der Dichtkunst zu tragen, und die Menge ihrer Schwierigkeiten zu überwinden, nicht gewohnt ist, gezwungne, elende und frostige Lieder zur Andacht verfertigen, und doch ausserdem ein guter, ja gar ein grosser Redner seyn. Um desto mehr sollten diejenigen, die von der Natur die Gabe der Poesie empfangen haben, dieses Geschenke der Religion heiligen, da es nicht bloß auf unser gutes Herz, nicht bloß auf den Verstand und die Gelehrsamkeit, ja selbst nicht auf die Beredsamkeit allein ankömmt, wenn wir Gesänge der Religion verfertigen wollen.
Noch eine Ursache, warum wir vielleicht in unsern Tagen mehr für die geistliche Poesie arbeiten sollten, ist diese, daß sich der Geschmack der Dichtkunst und Beredsamkeit in unserm Jahrhunderte sehr geändert hat. Vieles ist in der Sprache unsrer Väter, in ihrer Art zu denken, erlaubt, gebräuchlich und unanstößig gewesen, das es in unsern Tagen nicht mehr ist. Alle lebende Sprachen haben das Schicksal, daß sie sich ändern, wenn gleich nicht stets verbessern; daß Wörter veralten und ihren Werth verlieren, neue aufkommen und einen Werth erhalten, wenn er auch nur willkührlich seyn sollte. Endlich, wenn die Sitten feiner werden, so bekommen wir an einer nachläßigen, ungewählten und platten Schreibart einen Ekel. Dieser Ekel erstreckt sich auch auf die Schreibart in den Werken der Religion; und wir fangen an, oft die Uebungen der Andacht geringe zu schätzen, oder zu verachten, weil die Mittel, sie zu erwecken oder zu unterhalten, dem allgemeinen Geschmacke nicht mehr gemäß sind. Ich will diesen Ekel nicht ganz billigen; aber ich billige es auch nicht, daß man nicht eifriger ist, ihm vorzuwehren. Haben wir nicht eine Menge guter alter Predigten, und warum druckt man so viel neue mit Rechte? Der Geschmack in der Beredsamkeit hat sich geändert und gebessert; und viele können die rauhe und unbearbeitete Sprache und den sorglosen Ausdruck unsrer Väter nicht mehr dulden. Aus eben diesem Grunde wird man auch in der geistlichen Poesie, wenigstens wegen des gesittetern Theils unsrer Nation, neue Versuche wagen müssen; ob es gleich gewiß bleibt, daß wir viel schöne Lieder haben, die in hundert Jahren noch eben so verständlich und geistreich seyn werden, als sie vor hundert oder zweyhundert Jahren waren. Wer diese verdrängt, um nur neuere dafür unterzuschieben, der ist gegen unsre Väter undankbar, und gegen die Erbauung, welche sie schaffen, unempfindlich. Viele alte Lieder sind auch nur stellenweise verwerflich; und wäre zu wünschen, daß die Verbesserung derselben weniger Schwierigkeiten ausgesetzet seyn möchte. Ich glaube nicht, um nur ein Beyspiel anzuführen, daß unsre Väter durch die Stelle des Abendliedes:
sind beleidiget worden; aber ich glaube, daß sie in unsern Tagen beleidiget. Das Platte in der geistlichen Poesie ist weder die Schuld unsrer Sprache, noch der Andacht. Luther hat in seinen herrlichen Liedern die Sprache meistens glücklich gewählt, so entfernt er auch von unsern Tagen gewesen ist. Es ist auch nicht die Härte der alten Sprache, welche Leser von Geschmacke beleidiget, sondern das gezwungne, frostige, abentheuerliche Harte; nicht die Versetzung der Wörter, sondern die unnöthige und armselige Verwerfung. Man lese folgende Stelle:
Mein Leib, Seel und alls, was ich hab
In diesem armen Leben;
Damit ichs brauch zum Lobe dein,
Zum Nutz und Dienst des Nächsten mein,
Wollst mir deine Gnade geben!
Sie hat viel Hartes nach unsrer itzigen Mundart und uns ungewöhnliche Verssetzungen; und dennoch, wer kann sie ohne Bewegung, ohne daß er fühlt, wie seine Seele von Dank und Demuth durchdrungen wird, singen oder lesen? Sie ist mehr werth, als ganze Bände neuer Lieder, die kein andres Verdienst haben, als daß sie rein sind. Und warum ist diese Stelle, ungeachtet ihrer Härte, so schön? Weil der Ausdruck stark und kräftig, weil der Innhalt des Gedankens groß, und doch der Gedanke nicht ausgedehnt ist; weil die Kürze und der Nachdruck das Harte entschuldigen; weil die Versetzungen der Deutlichkeit nicht schaden, sondern mehr die Aufmerksamkeit befördern.
Aus den guten geistlichen Gesängen, die wir haben, und überhaupt aus der Natur derjenigen Gattung von Gedichten, die dem Gesange gewidmet sind, ist es leicht, sich die Regeln von dieser Art der geistlichen Poesie zu entwerfen. Es muß eine allgemeine Deutlichkeit darinne herrschen, die den Verstand nährt, ohne ihm Ekel zu erwecken; eine Deutlichkeit, die nicht von dem Matten und Leeren, sondern von dem Richtigen entsteht. Es muß eine gewisse Stärke des Ausdrucks in den geistlichen Gesängen herrschen, die nicht so wohl die Pracht und der Schmuck der Poesie, als die Sprache der Empfindung, und die gewöhnliche Sprache des denkenden Verstandes ist. Nicht das Bilderreiche, nicht das Hohe und Prächtige der Figuren ist das, was sich gut singen und leicht in Empfindung verwandeln läßt. Die Einbildungskraft wird oft so sehr davon erfüllt, daß das Herz nichts empfängt. Es muß in geistlichen Liedern zwar die übliche gewählte Sprache der Welt herrschen; aber noch mehr, wo es möglich ist, die Sprache der Schrift; diese unnachahmliche Sprache, voll göttlicher Hoheit und entzückender Einfalt. Oft ist der Ausdruck der Lutherischen Uebersetzung selbst der kräftigste; oft giebt das Alterthum desselben der Stelle des Liedes eine feyerliche und ehrwürdige Gestalt; oft werden die Wahrheiten, Lehren, Verheissungen, Drohungen der Religion dadurch am gewissesten in das Gedächtniß zurück gerufen, oder die Vorstellung davon am lebhaftesten in unserm Verstande erneuert. Ja, oft können auch selbst die Stellen und Ausdrücke der Schrift durch den Zusammenhang, in den sie der Liederdichter bringt, eine Art von Commentario erhalten, der für die Menge vielleicht sehr nöthig ist.
Es giebt eine doppelte Gattung der geistlichen Oden; zu der einen gehören die Lehroden, zu der andern die Oden für das Herz. Wir benennen sie so, nachdem mehr Unterricht, oder mehr Empfindung darinne herrschet. Es wird also auch eine doppelte Schreibart dieser Oden geben. In den Lehroden wird Deutlichkeit und Kürze vornehmlich herrschen müssen; in der andern Gattung die Sprache des Herzens, die lebhafte, gedrungne, feurige und doch stets verständliche Sprache. Das der Verstand in den Liedern unterrichtet und genährt werde, ist eine sehr nothwendige Pflicht, wenn man die unrichtigen Begriffe, die sich die Menge von der Religion macht, den Mangel der Kenntniß in den Wahrheiten derselben, und die täglichen Zerstreuungen bedenkt, unter denen unsre Einsicht in der Religion, oft Sätze, oft Bestimmungen und Beweise, oft wenigstens den Eindruck und die lebhafte Vorstellung davon verliert.
Die Lieder für das Herz, denen der Gesang vorzüglich eigen ist, müssen so beschaffen seyn, daß sie uns alles, was erhaben und rührend in der Religion ist, fühlen lassen; das Heilige des Glaubens, das Göttliche der Liebe, das Heldenmüthige der Selbstverleugnung, das Grosse der Demuth, das Liebenswürdige der Dankbarkeit, das Edle des Gehorsams gegen Gott und unsern Erlöser, das Glück, eine unsterbliche, zur Tugend und zum ewigen Leben erschaffne und erlöste Seele zu haben; daß sie uns die Schändlichkeit des Lasters, das Thierische der Lüste und Sinnlichkeit, das Niederträchtige des Geizes, das Kleine der Eitelkeit, das Schreckliche der Wollust, mit einem Worte, die Reizungen der Tugend und die Häßlichkeit des Lasters empfinden lassen; der Tugend, wie sie von Gott geliebt, befohlen, zu unserm Glücke befohlen wird; des Lasters, wie es vor Gott ein Aufruhr, für uns Schande, zeitliches Elend, ewige Pein ist.
Da die geistlichen Gesänge nicht wie die andern Arten der Poesie das Vergnügen zu ihrer Hauptabsicht haben: so soll man für den Wohlklang weniger besorgt seyn, als für das Nachdrückliche und Kräftige. Das Ohr leide bey einer kleinen Härte, bey einem abgerißnen e, bey einem nicht ganz reinen Reime; wenn nur das Herz dabey gewinnt. Ein kleiner Fehler, ohne den eine größre Schönheit nicht wohl erreicht werden kann, hört auf an demselbigen Orte ein Fehler zu seyn. Dadurch will ich aber weder meinen Freyheiten eine Schutzrede halten, noch junge Dichter in der Nachläßigkeit des Wohlklanges und Versbaues bestärken. Genug, daß ich die Pflichten der Ausbesserung bey diesen Gesängen eben so wenig vergessen habe, als bey meinen übrigen Gedichten. Dieß Zeugniß, wenn ich mirs nicht selbst geben darf, können mir doch meine Freunde geben. Kommen in diesen Liedern hin und wieder ähnliche Ausdrücke und einerley biblische Stellen vor: so rechtfertiget entweder der Innhalt diese Freyheit, oder der Gedanke, daß Ein Lied für sich ein Ganzes ist, das man in einer Sammlung, als von den andern abgesondert, betrachten muß. Bey den meisten dieser Lieder habe ich auf Kirchenmelodien zurückgesehen, von denen ich zu Ende des Werkes ein Verzeichniß angehangen; und wie die Declamation des Redners seiner Rede das Leben giebt, so giebt oft die Melodie erst dem Liede seine ganze Kraft. Vieles wird durch den Gesang eindringender und sanfter, als es im Lesen war; und viele Lieder müssen aus diesem Gesichtspunkte am meisten betrachtet werden. Sind endlich die gegenwärtigen nicht alle im eigentlichen Verstande zum Singen geschickt: so wird es doch genug Belohnung für mich seyn, wenn sie sich mit Erbauung lesen lassen.
Leipzig, im Monat März, 1757.
Bitten.
So weit die Wolken gehen;
Du krönst uns mit Barmherzigkeit,
Und eilst, uns beyzustehen.
Herr, meine Burg, mein Fels, mein Hort,
Vernimm mein Flehn, merk auf mein Wort;
Denn ich will vor dir beten!
Und Schätze dieser Erden.
Laß mir, so viel ich haben muß,
Nach deiner Gnade werden.
Gieb mir nur Weisheit und Verstand,
Dich, Gott, und den, den du gesandt,
Und mich selbst zu erkennen.
So sehr sie Menschen rühren;
Des guten Namens Eigenthum
Laß mich nur nicht verlieren.
Mein wahrer Ruhm sey meine Pflicht,
Der Ruhm vor deinem Angesicht,
Und frommer Freunde Liebe.
Auch nicht um langes Leben.
Im Glücke Demuth, Muth in Noth,
Das wollest du mir geben.
In deiner Hand steht meine Zeit;
Laß du mich nur Barmherzigkeit
Vor dir im Tode finden.
Danklied.
Und Ruhm und Ehre bring ich dir.
Du, Herr, hast stets mein Schicksal regieret,
Und deine Hand war über mir.
So hörte Gott, der Herr, mein Flehn,
Und ließ, nach seinem gnädigen Rathe,
Mich nicht in meiner Noth vergehn.
Und rief: O Herr, errette mich!
Da half mir Gott, der Mächtige, wieder,
Und mein Gebein erfreute sich.
Klagt ich Gott kindlich meinen Schmerz.
Er half, daß ich nicht Rache verübte,
Und stärkte durch Geduld mein Herz.
Mit Sünde mich umfangen sah:
Rief ich zu ihm, dem Vater der Gnade;
Und seine Gnade war mir nah.
Denn Gott verbarg sein Angesicht.
Ich rief zu ihm: Ach Herr, wie so lange?
Und Gott verließ den Schwachen nicht.
Er hilft; der Herr ist fromm und gut.
Er hilft aus der Versuchung zum Bösen,
Und giebt mir zu der Tugend Muth.
Die du mir liebreich zugeschickt.
Dir dank ich für die häufigern Freuden,
Womit mich deine Hand beglückt.
Für die Geschenke deiner Treu.
Dir dank ich; denn du hiessest sie werden,
Und deine Güt ist täglich neu.
Selbst deinen Sohn gabst du für mich.
Von ganzer Seel und ganzem Gemüthe,
Von allen Kräften preis ich dich.
Die Erd ist voll der Huld des Herrn.
Sein, sein ist Ruhm und Weisheit und Stärke;
Er hilft und er errettet gern.
Des Morgens die Zufriedenheit.
Nach einer Prüfung weniger Tage
Erhebt er uns zur Seligkeit.