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Das Naturforscherschiff / oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. cover

Das Naturforscherschiff / oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Chapter 10: Achtes Kapitel.
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About This Book

A pair of young merchants' sons embark with scientific mentors on a multi‑year global voyage aboard a newly built Hamburg steamer devoted to natural history. The account traces coastal and inland journeys in West Africa, island voyages through the Indian and Pacific Oceans, and a visit to Australia, interspersed with hands‑on scientific exercises, specimen collecting, and field photography. Episodes range from hunting, fishing, storms, and shipwrecks to encounters with diverse peoples, tribal conflicts, and rescues, alongside frequent confrontations with large and dangerous wildlife. The narrative emphasizes exploration, practical natural‑history work, interpersonal solidarity, and survival, closing with a return passage via the Suez and reunion at home.

S. 208.

Die Ruinen auf Ceylon.
„An einer Stelle mitten im dichten Walde, von tausend Ranken und blühenden Flechten überzogen, harrte der Reisenden ein unerwarteter Anblick.“

Der Rest des Büffelfleisches wurde gebraten, um zu jeder Zeit und an jedem Orte verzehrt werden zu können, die Zelte abgebrochen, und nun ging es weiter durch den Wald dahin; unermeßliche Strecken von Tiefland mit Kokosbäumen dicht besetzt, Hochebenen voll der schönsten Palmen, Kaffeefelder, Zimtfelder, Massen von Kardamomen, von Eben- und Sapanholz, ebenso wieder der Brotbaum, der Dschambu- und Kaschubaum, alles wechselte in erdrückender, sogar Afrikas Üppigkeit übertreffender Fülle. An einer Stelle mitten im dichten Walde, von tausend Ranken und blühenden Flechten überzogen, harrte der Reisenden ein unerwarteter Anblick. Neben und unter den schlanken Palmenstämmen erhoben sich die grünbewachsenen Ruinen einer ehemaligen Stadt, Steinmauern, deren letzte Bruchstücke hier dem Zahn der Zeit Trotz boten, die vielleicht vor vielen Jahrhunderten einer wohlhabenden und gebildeten Bevölkerung als Wohnsitz gedient hatten. Holm jubelte, obwohl dieser Fund weniger in das naturwissenschaftliche als vielmehr in das kulturhistorische Gebiet hineingehörte. Da waren uralte Treppenstufen aus Granit, gebrochene Säulen, Pfeiler, an denen selbst die Jahrhunderte mit ihren Stürmen und Regenfluten nicht zu rütteln vermocht hatten, und als die Reisenden weiter vordrangen, in der Mitte dieser versunkenen, uralten Stadt ein ausgemauerter Teich, oder doch die Steinfassung eines solchen, wenn auch das Wasser längst versiegt sein mochte. Über alle diese Zeugen einer toten, großartigen Vergangenheit aber wob die Gegenwart ihren grünen, blütengestickten Schleier. Wo einst ein Tempel gestanden, da sandte von tausend Ästen die Tamarinde ihre erquickende Frucht der Hand des Wanderers entgegen; wo sich müde Menschen zur Ruhe gebettet, da hob die schöne malabarische Ziege spähend vom Nest ihre Hörner, und unter den Stufen der gewundenen Treppen hausten Moschusratten, die bei der Annäherung von Fremden eilends in ihre Löcher schlüpften, deren zwei oder drei aber doch erlegt wurden, um sie den übrigen Schätzen dieser Reise zuzugesellen. Auch ein junger Bock mußte das Leben hingeben und gleich an Ort und Stelle als Braten dienen. Die Steinstufen boten einen vorzüglichen Herd, Feuer war bald entzündet, und in der Blechpfanne schmorte und brodelte es. Holm mit den Knaben suchte nach Früchten, wobei wieder eine neue Entdeckung gemacht wurde. Ein einsamer uralter Feigenbaum, der „Bo“, wie ihn die Eingebornen nennen, hoch und von mächtiger Breite, überschattete einen steinernen, nur noch als Ruine dastehenden Tempel der ehemaligen Buddhisten; seine Blätter waren gleich denen der Pappel in beständigem Zittern begriffen, eine Art von Altar befand sich im Innern, und das Ganze lag malerisch im Halbschatten verhüllt. Hoch oben sangen Vogelstimmen ein helles Jubellied, der Wind spielte in den Zweigen, die zutraulichen Ziegen weideten überall auf den Abhängen, und unten im Thale stieg der Rauch des Herdfeuers wirbelnd zu den Wolken empor.

„Hier haben vor tausend Jahren indische Weise gelehrt und geherrscht,“ sagte beinahe feierlich der junge Naturforscher, „jeder dieser Steine gibt Zeugnis von einer großen, reichen Vergangenheit, — heute gehört das Gebiet den Raubtieren, und seine Einwohner sind Wilde.“

„Ob wir doch endlich welche sehen werden?“ rief Franz.

Der Wunsch sollte sehr bald in Erfüllung gehen. Als die kleine Gruppe auf Steinblöcken und Stufen um das Feuer herum Platz genommen und den Braten zerlegt hatte, teilten sich plötzlich in einiger Entfernung die Büsche, und braungelbe hübsche Gesichter sahen hervor. Auf allen diesen Zügen lag Verstand und Gutmütigkeit zugleich, das Haar hing schwarz und seidenartig lang über die breiten, kräftigen Schultern herab, weiße Mützen saßen keck auf den Köpfen, und die Spitzen mehrerer Eisenwaffen schimmerten durch das Grün.

Im ersten Augenblick erschraken unsere Freunde oder faßten doch maschinenmäßig nach ihren Gewehren. Man konnte ja immerhin nicht im voraus wissen, wie die dunkeln Gestalten den Besuch aufnehmen würden. Holm erhob sich und ging ihnen entgegen, ebenso schnell und noch schneller tauchten die Wilden zurück in das Grün; erst als er einen lauten Zuruf in den Wald hineinschickte, erschienen hier und da einige der dunklen Gesichter und als auch die übrigen Weißen aufstanden und mit ausgestreckten Händen näher traten, da kamen die Gestalten ganz zum Vorschein. Weiße Mütze, Jacke und eine Art von kurzer Schürze, alles aus feinem, leichtem Gewebe gefertigt, so zeigten sich ohne die geringste Bekleidung der Beine oder Füße die Singhalesen, wenigstens sechzehn bis zwanzig an der Zahl, sämtlich bewaffnet, aber mit den friedlichsten Gebärden die Europäer begrüßend. Mehrere unter ihnen verstanden die englische Sprache, es ließ sich also ohne Mühe eine Unterhaltung anknüpfen, und bald hatten sich die Weißen und Braunen bunt durcheinander in das Moos gelagert; nur fünf von den Farbigen waren in einiger Entfernung stehen geblieben, als gehörten sie nicht zu den anderen.

„Rufe deine Freunde, Tippoo,“ wandte sich Holm an den Häuptling, nachdem er dessen Namen erfahren und seinen Rang kennen gelernt hatte. „Weshalb sind die Leute so scheu?“

Der Singhalese schüttelte den Kopf. „Diese Männer sind meine Sklaven, Sahib, sie dürfen nicht sitzen, so lange ich gegenwärtig bin, sie können auch das Mahl nicht mit mir teilen und dürfen nur antworten, wenn ich frage.“

Der Doktor näherte sich dem Häuptling. „Aber du gestattest heute einmal eine Ausnahme, nicht wahr, mein werter Tippoo?“ fragte er. „Diese Armen, die du Sklaven nennst, sind nicht minder Gottes Geschöpfe wie du selbst, überhaupt kann nie ein Mensch dem anderen wie eine Sache oder ein Tier gehören.“

„Gewiß, Sahib, diese Leute gehören mir! Ihre Väter haben meinem Vater gehört und ihre Söhne werden meinen Söhnen gehören.“

„Und da ist kein Freikaufen, keine Erlösung möglich? Das Kind des Sklaven wird unter allen Umständen wieder ein Sklave?“

„Natürlich. Habt ihr nicht im Abendlande auch Häuptlinge, Freie und Sklaven?“

Der Doktor schüttelte energisch den Kopf. „Sklaven nirgends, Freund Tippoo, nirgends, ich gebe dir mein Wort darauf. Und nun gestatte, daß deine Diener hieherkommen.“

Aber das war vergebliche Mühe, der stolze Singhalese blieb unerbittlich; er schien es gar nicht als möglich zu betrachten, daß sich seine Sklaven dem Umkreise des Feuers nähern könnten. Zur Jagd auf Felle und junge Tiere nahm er sie mit sich, aber doch nur ihrer Dienste wegen, nicht als Gefährten. Und ganz wie er dachten auch die anderen braunen oder olivenfarbigen Söhne der Wildnis. An keinem europäischen Hofstaat konnten die Klassengegensätze und der Adelsstolz stärker entwickelt erscheinen als hier im grünen von Tigern und Elefanten bewohnten ceylonischen Walde. Die Singhalesen erwiesen sich höflich, zuvorkommend und bescheiden, sie erboten sich zu Führern und luden die Fremden ein, bei ihnen im Dorfe zu wohnen, aber um keinen Preis hätten sie vermocht werden können, von dem gebratenen Ziegenfleisch auch nur einen Bissen zu genießen. Schaudernd lehnten sie ab, was ihnen angeboten wurde, und nahmen nur von einer Art aus Maniokmehl bereitetem, platten Kuchen, den die Sklaven ihnen in große Blätter gewickelt nachtrugen. Das Fleischessen sei von ihren Priestern strenge verboten, erklärte Tippoo, kein Anhänger der buddhistischen Religion dürfe es genießen, eben so wenig berauschende Getränke.

Diese Ansicht wurde natürlich von den Weißen durchaus respektiert; weniger zufrieden waren sie, als der Singhalese auch das Pflücken der Feigen, insoweit es den heiligen Bobaum betraf, mit der diesen sauberen, hübschen Leuten eigenen gebietenden Hoheit ohne weiteres untersagte. „Wenn ihr unsere Gäste sein und friedlich unter unserem Volke leben wollt,“ sagte er, „so heißen wir euch willkommen in Singhala (so nennen die Eingebornen ihre Insel) und laden euch ein, unsere Hütten zu teilen, aber den Sitten des Landes müßt ihr euch fügen und vor allem unsere Götter ehren. Pflückt Feigen, wo ihr wollt, meine Sklaven sollen euch die schönsten zu Füßen legen, aber berührt nicht den Baum Buddhas.“

Das wurde versprochen und den Knaben eingeschärft, unter keiner Bedingung heimlich von der verbotenen Frucht zu naschen; dann kam auf die Bitte, welche Hans seinem Lehrer zuflüsterte, die Angelegenheit der verlassenen kleinen Tiger zur Sprache. Tippoo kannte den bezeichneten Ort, und zwei Sklaven machten sich auf, um die beiden jungen Raubgesellen herbeizuholen. Einige Wochen älter waren sie in Galle oder Trincomali doch immer ihre hundert Thaler wert.

Nachdem man gegessen und getrunken, mußten die Sklaven das Gepäck schultern und dann wurde der Weg zum Dorfe angetreten. Diese Gegend lag noch weit von dem eigentlichen Ziel der Reise entfernt; die Singhalesen konnten nicht wohl Wilde genannt werden, sie betrugen sich höchst anständig und hatten gutgearbeitete Waffen; zum Lande der schwarzen Veddas aber waren sie gewiß die tauglichsten Führer. Tippoo selbst wollte den Weg zeigen, d. h. wenn die Weißen gut bezahlten, es schien als habe der braune Heide die Rechenkunst sehr sorgfältig studiert. „Die Veddas sind schmutzige Gesellen,“ berichtete er, „sie essen jedes Tier, das ihnen in den Wurf kommt, zuweilen sogar roh, und wohnen wie die Sklaven auf ebener Erde.“

Franz sah ihn an. „Wohnen denn die Singhalesen — etwa auf den Bäumen?“ fragte er belustigt.

„Gewiß, die Vornehmen, die Vellalahs wohnen auf Bäumen!“

„Mit Kind und Kegel, mit Küche und Haustieren? — Nicht möglich!“

„Die Tiere haben ihre Ställe am Boden,“ berichtigte der Braune, „auch gekocht wird vor der Hütte. Aber du sollst gleich unser Dorf sehen, Fremder.“

Noch eine kurze Strecke wurde zurückgelegt, dann ertönte von den Lippen der Weißen wie auf Verabredung ein allgemeines „Ah!“ der höchsten Überraschung. Es war ein lachend schönes, ländliches Gemälde, das sich jetzt auf freier Hochebene dem erstaunten Blick entrollte. Weite Äcker, wohlgepflegt und umzäunt, dehnten sich fast unübersehbar, Kaffee und Zimt, Mais und Maniok, dazwischen Erbsen, Bohnen, Lupinen und Beerenfrüchte in Menge, so drängte sich Schattierung an Schattierung, so lockte es von hundert Punkten zugleich das Auge. Das Seltsamste aber waren in diesem Singhalesendorf die Häuser selbst. In Entfernungen von etwa fünfzig Schritten standen alte, weitästige, mit ungeheuren Stämmen versehene Bäume, meistens Tamarinden oder Brotbäume, und in jedem dieser Riesen hing gleich einem Vogelnest auf den untersten Zweigen eine menschliche, aus Bambusstäben luftig geflochtene Wohnung. Die Äste waren derart behauen und eingerichtet, daß sie Raum in Fülle boten, die abgeschnittenen, biegsamen Stäbe hatte man sinnreich und geschickt an allen Ecken mit den lebenden verbunden, das ganze Haus bog sich wie der Baum selbst nach jedem Windstoß, so daß es nie von der Wucht desselben herabgeschleudert werden konnte; es hatte Fensteröffnungen nach allen Seiten, obgleich freilich die Glasscheiben fehlten, und eine mit einem Mattenvorhang versehene Thür. Das spitze Dach war von Rankengewächsen und Blumen vollständig überwuchert, rauschende Zweige schlugen über dem Giebel zusammen, bunte Papageien wiegten sich im Laube, Singvögel schmetterten ihre Lieder. Es konnte nichts Reizenderes geben als diese laubenartigen, von paradiesischer Schönheit rings umfluteten Wohnungen, zu denen starke Strickleitern aus selbstgebautem Hanf hinaufführten. So unsolide und gewagt die Sache auf den ersten Augenblick scheinen mochte, so zweckmäßig erwies sie sich bei näherer Betrachtung. Wenn abends diese Strickleiter von den Bewohnern heraufgezogen wurde, dann gab es weder für Menschen noch für Tiere ein Mittel den Zutritt zu erzwingen.

Rings im weiten Kreise umgab jeden Baum eine Einzäunung von Bambusstäben, diesem unentbehrlichsten aller Lebensbedürfnisse des Tropenbewohners, eine dichte, grüne, lebende Hecke, die das Notwendige fortwährend ergänzte, wo Baumaterial, Stacketpfähle, Wasserbehälter, Dosen und hundert andere Geräte lustig in immer grüner Fülle aufschossen als schlanke Zweige, die sich unter den Händen der Eingebornen so vielfach verwandelten und umgestalteten. An die Hecke lehnten sich Ställe für Ziegen und Hühner als die einzigen bekannten Haustiere, und weiterhin in größerer Entfernung von dem Stamm selbst lagen die Hütten der Sklaven, alles Bambusgeflechte wie das Haus oben in den Zweigen. Vor der Thür so zu sagen, d. h. am Fuße des Wohnungsbaumes, lagen Steine und Trümmer aus den Waldruinen als Herd aufgeschichtet; ein großer platter Stein zum Zerquetschen des Getreides befand sich daneben und am Dreispitz von Eisen hing ein Kochgeschirr aus demselben Metall.

Ziemlich durch die Mitte der Niederlassung floß ein klarer Quell, und auch hier beschattete ein alter, weitästiger Bobaum einen Tempel Buddhas, einen Dagop, wie ihn die Eingebornen nannten. Der Altar hatte Kugelgestalt, war inwendig hohl, um die geheiligten Schriften der Priester aufzunehmen und trug auf der oberen Fläche eine zilinderförmige Erhöhung. Des Priesters Hütte befand sich in den Zweigen des heiligen Baumes, und der Bewohner selbst saß in der offenen Thür, ein Greis mit weißem Haar und lang bis auf die Füße herabwallendem weißen Gewande. Er grüßte mild und freundlich wie ein Vater seine heimkehrenden Kinder, und alle erwiderten den Gruß. Das ganze Dorf in den Lüften machte einen höchst angenehmen, wohlthuenden Eindruck.

Tippoo öffnete die Thür einer der größeren, im Augenblick leerstehenden Sklavenwohnungen. „Ich weiß, daß euer Volk keine Schmach darin sieht, auf plattem Boden zu schlafen,“ sagte er, „richtet euch darum häuslich ein, damit ihr ungestört und ungehindert euren Neigungen nachleben könnt. Maniokkuchen und Früchte bringen euch meine Sklaven; wollt ihr aber Fleisch essen, so müßt ihr selbst die Tiere erlegen und zubereiten. Mein Haus betrachtet wie das eure.“

Damit entfernte er sich und ließ seine Gäste allein. Die Hütte welche sie jetzt bewohnten, war noch luftiger als das Staatsgefängnis auf Madagaskar, frisches, duftiges Moos bildete, von den Sklaven herbeigebracht, die Lagerstatt; eine lange Bambusröhre diente als Wasserbehälter, und die Speisen wurden in einem Winkel auf den Fußboden geschüttet. Natürlicher, paradiesischer konnte das Dasein nicht gedacht werden, schöner die Umgebung, reiner die Luft nirgends auf Erden sein. Der Thürvorhang wurde zurückgeschoben, die leinenen Kleider mit frischen vertauscht und dann das Dorf und das Haus des gastfreien Häuptlings in Augenschein genommen. Franz kletterte zuerst hinein. „Ich bitte euch,“ rief er, „folgt nicht alle zugleich; wenn der Käfig niederbräche, wären wir verloren.“

Holm kletterte nach, die anderen setzten ihren Spaziergang fort, und die beiden Matrosen wuschen unterhalb des Dorfes im Bache das Leinenzeug, wobei ihnen hübsche Sklavenfrauen nicht allein halfen, sondern auch eine selbstverfertigte, sehr gute Seife brachten. Die Unterhaltung der Hamburger Teerjacken mit den neugierigen, schwatzhaften Singhalesinnen gestaltete sich höchst lustig, so daß das beiderseitige heitere Lachen über den freien Platz dahinschallte; unterdessen spielten oben im Baume der junge Gelehrte und Franz bei der Gemahlin Tippoos die galanten Kavaliere. Sie setzten sich nicht ohne einige heimliche Besorgnisse auf den Fußboden, der so neidlos den Durchblick freigab, und ertrugen auch nicht ganz ohne Schmerzen die Abwesenheit jeglicher Stühle oder Polster, aber die Anstandsvisite bei der holdlächelnden, mit prachtvollen Zähnen und vielen aus Muscheln geflochtenen Verzierungen geschmückten Dame ging doch in aller Form vorüber, obwohl Frau Häuptling Tippoo kein Wort englisch und unsere Freunde wiederum kein Wort singhalesisch sprachen, sondern beide Teile einander nur eine Zeitlang entgegenlächelten und von seiten der Herren ein kleiner Spiegel, von seiten der Dame einige besonders schöne Muscheln, Meerhörner, Lazarusklappen und Wendeltreppen als Geschenke ausgetauscht wurden. Späterhin, nachdem der Doktor und Hans die gleiche Höflichkeitspflicht erfüllt, versammelten sich vor dem Schlafengehen alle neben dem Baume und hielten gemütlich im Grase liegend noch ein abendliches Plauderstündchen, wobei Tippoo von den buddhistischen Göttern erzählte und seinerseits aufmerksam zuhörte, als die Fremden von europäischen Einrichtungen sprachen. Ganz zuletzt kamen die beiden Sklaven mit den aufgefundenen Jungen der Tigerin nach Hause, und nun erwachte erst die Freude der Knaben. Aus dem Stall wurde eine der schönen, seidenlockigen malabarischen Ziegen hervorgeholt und ihr die kleinen halbverschmachteten, nur noch schwach wimmernden Raubtiere an die mütterlichen Euter gelegt, — aber das Experiment gelang nicht so ohne weiteres. Die Ziege sprang, so bald sie den Erbfeind gewahrte, auf die Hinterbeine, senkte den schöngeformten Kopf wie zum Angriff und schien entschlossen, den labenden Quell, welcher ihrem lustig herumspringenden Böckchen gehörte, gegen jedweden Angriff zu verteidigen; erst die gütlichen Zureden ihres Wärters und vielleicht das jammervolle Klagen der hungernden Tierchen, dem sie offenbar lauschte, bewogen die Ziegenmama, diesmal ein übriges zu thun. Ein Blick auf die gefüllten Vorratskammern mochte ihr sagen, daß für das impertinente, streitlustige Böckchen jedenfalls noch genug übrig sei, und so legte sie sich denn großmütig in das Gras, es den Tigern überlassend, sich am Quell zur Sättigung zu verhelfen. Ja, nachdem die Halbverdursteten herzhaft zugegriffen, erwachte sogar in der friedfertigen Amme das mütterliche Erbarmen mit den hilflosen Säuglingen; sie besah die kleinen, scheckigen Kätzchen, besah sie nochmals und leckte dann gutmütig die Fremden, wie sie es sonst ihren eigenen Kindern that.

Nach einer Viertelstunde waren die kleinen Tiger so rund wie Muffen und schliefen den Schlaf gesunder Sättigung, während ihre Pflegerin mit den großen Augen im Kreise umhersah und der Milchbruder Bock neben den Eindringlingen sich gelagert hatte, um auch seinerseits den Nachttrunk einzunehmen. Franz zeichnete emsig. Von allen besonders schönen und interessanten Augenblicken hatte er sich im Album eine dauernde Erinnerung gesichert, auch dieses Bild sollte darin Platz finden.

Für die Nacht wurde den Tigern noch ein Logis im Ziegenstall angewiesen, wo sie bleiben sollten, bis ihnen Zähne gewachsen und mit diesen die Raubgelüste erwacht wären; dann würde es fortgehn nach Galle und von da nach Europa. — Tippoo zog oben im Baum die Strickleiter ein, vor allen Thüren erschienen die Musselingardinen und das Vogelgezwitscher verstummte; müde von langer Wanderung streckten sich die Weißen auf das Mooslager.

Hier brauchte niemand zu wachen; bis in die Niederlassung hinein wagte sich kein Raubtier. Holm ließ sogar die Thür offen, um der milden, gewürzigen, von tausend Wohlgerüchen durchtränkten Luft Zutritt zu gewähren; bald hatte ein weicher Schlummer seine Sinne umfangen.

So mochten Stunden vergangen sein, der Mond stand hoch am Himmel, alles schwieg und ruhte; nur die Blätter des Bobaumes flüsterten im Wind, — da erwachte der junge Gelehrte, als habe ihn plötzlich jemand gerufen. „Franz,“ sagte er leise, „sprachst du?“

Keine Antwort. Die tiefen Atemzüge des Gefährten verrieten ihren ruhigen Schlaf, — was war es also gewesen?

Holm richtete sich auf und sah in das Helldunkel der Nacht hinaus. Nichts regte sich, kein Schatten deutete auf die Anwesenheit eines lebenden Geschöpfes. Sonderbar! — er begriff nicht, welcher Schall ihn erweckt haben könne, aber er hatte ihn doch deutlich vernommen, wenn auch nur im Halbschlaf und auf Sekunden. Er horchte unruhig.

Lange Zeit blieb alles still, dann aber huschte es wie mit leichten Schritten durch das Geäst des Daches, erst vorsichtig, dann immer dreister und dreister, ein Poltern, Schlurfen und Fallen verriet die nächtlichen Ausflüge der Wanderratte; dennoch aber schien es, als sei diesmal das braune, bissige Nagetier nicht der Jäger, sondern der Gejagte, als werde es verfolgt und aus allen seinen Verstecken herausgescheucht. Plötzlich durchdrang ein Zischlaut die Stille der Nacht, ein Quietschen wie in Todesangst folgte, das leise Wimmern erstarb schnell.

Mit einem Sprung war Holm auf den Füßen, das Streichholz knisterte und die Flamme der Wachskerze beleuchtete den Boden. Da lag tot eine große, braune Wanderratte und in Ringeln hatte sich um ihren Körper eine stahlblaue Natter geschlungen. Die lange spitze Zunge trat lüstern aus dem Munde hervor, die gelbe Krone richtete sich auf, und ein Zischen bekundete den Ärger über die plötzliche Störung. Noch ehe Holm überlegte, was er that, hatte sein Fuß die Schlange zertreten.

Aber damit war nichts gewonnen. Er hielt die Wachskerze hoch empor und beleuchtete das Holzwerk des Daches. Von mehr als zehn Stämmen hingen die Schlangen herab, aus jeder Ecke leuchteten ihre gelben Kronen, eine fiel und lief ihm kalt und glatt über die Hand, daß er schauderte. „Franz!“ rief er halblaut, „Franz, wach auf!“

„Ja!“ antwortete schlaftrunken der Knabe. „Ja!“

„Steh auf, Franz, — es sind Schlangen hier. Nattern sogar!“

Jetzt erwachten alle. Eine Schlange ist jedem Menschen widerwärtig, mit ihrem Geschlecht versöhnt sich niemand, sie hat nirgends auf Erden Freunde, nebenbei aber ist auch die Gefahr, welche sie bringt, so groß, daß ihr gegenüber die höchste Vorsicht zur Notwendigkeit wird. Stecken und Wurfgeschosse hagelten an die Decke, zehn Kerzen flammten auf und alle sprachen zugleich. Es entstand ein solcher Lärm, daß sich draußen vor der Thür die Singhalesen in hellen Haufen sammelten, einige ganz ohne alle Bekleidung, andere nur mit der Schürze und wieder eine dritte Gruppe bis an die Zähne bewaffnet. Es war ein Aufruhr, als sei mindestens ein Tiger in das Dorf gekommen. Als die Männer hörten, daß es sich um nichts als Nattern handelte, schüttelten sie voll Erstaunen die Köpfe.

„Wir lassen sie unsere Häuser von den lästigen Ratten befreien und machen niemals Jagd auf sie, dafür haben wir selbst Ruhe!“ erklärte Tippoo.

„Aber um des Himmels willen, ihr schlaft weiter, während eine der giftigsten Schlangengattungen über euren Köpfen an der Decke baumelt?“

„Ja, die Tiere thun uns nichts, weil wir ihnen nichts thun. Übrigens steigen auch die Schlangen nur sehr selten auf Bäume.“

Holm und seine Gefährten sahen einander ratlos an. „Weißt du, was ich vorschlage,“ meinte endlich Franz. „Wir hängen unsere Zelte wie in Dahomey an die Bäume und legen uns hinein. Auf die Anständigkeit der Nattern zu bauen, scheint mir etwas gewagt.“

„Was kriecht da?“ rief plötzlich der Doktor. „Hier, hier, — ich glaube —“

Er vollendete nicht. Holm hatte das schnell im Dunkel verschwindende, halb spinnen- halb krebsartige Tier mit der schwarzbraunen Farbe und dem aufrecht getragenen Schwanz sofort erkannt. „Ein Skorpion!“ rief er. „Das fehlt noch.“

Tippoo lachte, auch unter den übrigen zeigte sich große Heiterkeit. „Dies Tier frißt die Stechmücken,“ sagten sie, „es ist uns sehr nützlich. Kennen die Fremden in ihrem Lande keine Schlangen und keine Skorpione?“

„Beißen euch auch diese nicht?“ war die Gegenfrage.

„Sehr selten. Wir lassen sie in Ruhe.“

„Dann habt ihr aber einen Zauberer, der sie und die Nattern beschwört?“

Ein allgemeines Kopfnicken war die Antwort. „Natürlich, einen Zauberer hat jedes Dorf.“

Holm wandte sich lächelnd zu dem jungen Malagaschen. „Hier vereinbart man sich gütlich mit den giftigsten Reptilien,“ sagte er, „und in deiner Heimat sind die Krokodile der oberste Gerichtshof, — wie findest du das, Freund Rua-Roa?“

Der ehemalige Sklave sah verlegen zu Boden. „Ich bin doch jetzt kein Wilder mehr!“ antwortete er halblaut. „Ich mag auch den heidnischen Namen nicht länger hören, Herr, — du könntest mich wohl schon Rudolf nennen, als wäre ich bereits getauft.“

Holm und der Doktor wechselten einen Blick. „Ich dachte mir’s,“ nickte der Gelehrte. „Wenn er die kindischen Anschauungen anderer Wilder sieht, wird er den Unwert seiner eigenen erkennen lernen.“

„An die Arbeit!“ setzte er in ermunterndem Tone hinzu. „Unsere Hängematten gewähren uns jedenfalls den besten Schutz gegen das Ungeziefer.“

Die Zeltleinen wurden doppelt genommen und von den Matrosen in wenigen Augenblicken ausgespannt. Da oben schwebend an ein paar starken Ästen konnten die Reisenden höchstens den Besuch eines neugierigen Eichhörnchens, vielleicht einer Papageienfamilie oder einer großen Eule erwarten, aber die Schlangen verstiegen sich nicht dahin und die Skorpione auch nicht.

Als alles rund umher still geworden war, tönte wieder aus dem Innern der alten Holzdächer jenes Rumoren und Poltern der Ratten, das Zischen und Todesgeschrei. Holm schlief nicht mehr, so unangenehm hatte ihn die Nähe der Schlangen berührt; er war froh, als der Morgen heranbrach und die Jagd wieder beginnen konnte. Heute sollten die Fremden mit einigen Betriebsarten der Eingebornen bekannt werden; man zeigte ihnen, wie aus dem Saft der Palmyrapalme ein höchst wohlschmeckender Sirup gewonnen wurde und wie die Maniokwurzeln sich zwischen Reibeisen in Mehl verwandelten. Den Kaffee, obwohl sie ihn bauen, trinken die Singhalesen nicht, sondern meistens Kokos- oder Ziegenmilch. Unter den Hühnern, die in reicher Fülle vorhanden waren, zeichnete sich das Purpurhuhn durch seine auffallende Schönheit am meisten aus. Ganz schwarz mit drei vom Kopf über den Hals herablaufenden Purpurstreifen, zu denen bei dem Hahne noch ein Flügelsaum von gleicher Farbe hinzukam, war das Tier etwas größer als seine gemeineren Verwandten, dafür aber keineswegs so friedlich wie diese, sondern dermaßen streitlustig, daß es den Fremden nachlief und zum Ergötzen der Knaben erbittert in die Stiefel hackte. Der schönste Anblick aber wurde unseren Freunden zu teil, als sie in früher Morgenstunde rings um die Felder gingen und nun einem eifrig speisenden Volk wilder Pfauen begegneten. Diamanten gleich erglänzten im Sonnenlichte die Augen auf den entfalteten Rädern der Männchen, Blau und Rot und strahlendes Gelb wechselten mit dunkleren Farbentönen, während die jungen Tiere noch ein einförmigeres Grau zeigten. Einzelne alte Hähne hatten eine wahrhaft bewunderungswürdige Größe erreicht.

„Wir wollen kein Tier schießen,“ meinte Holm, „sondern lieber für den Zoologischen Garten ein junges Pärchen mitnehmen und dann vom nächsten Hafen nach Hause schicken. Es ist übrigens jammerschade, wie die Felder durch diese Tiere geplündert werden, ich glaube, man macht hier die Geschöpfe so dreist, weil kein Fleisch in den Topf kommt.“

„Was kriecht da?“ rief Rua-Roa, halb im Begriff, die Flucht zu ergreifen, halb zögernd in der Furcht, sich lächerlich zu machen. „Ein Ungeheuer, Franz, ein Ungeheuer!“

Und dabei überwältigte ihn das Entsetzen. Mit zwei Sprüngen war er auf dem nächsten Baum, in diesem Augenblick ganz Wilder, katzengleich an den Zweigen hängend, für jeden Körperteil mit erstaunlicher Gewandtheit Schutz findend. „Franz, Franz, es kommt hierher!“

Die übrigen suchten mit den Augen, dann legte Holm den Finger auf die Lippen und machte lachend dem Malagaschen im Baum eine Faust. Die ausgestreckte Hand zeigte allen, was sich so Greuliches da heranschlich, und sofort begriffen auch die Weißen, weshalb vollkommene Stille geboten war. Die vier Paar lachender Augen, welche den geflüchteten jungen Burschen ansahen, trieben diesem das Blut heiß ins Gesicht, jetzt durfte er ja aber nicht sprechen und hing also mit trübseliger Miene stumm da oben im alten Feigenbaum.

Der Drache, den er gesehen, kam indessen schwerfällig herangewatschelt und zeigte sich als eine harmlose, aber riesige Schildkröte. Das große Tier verfolgte seinen Weg bis zu dem Schatten eines dichten Gebüsches und fing hier an, mit den Hinterfüßen ein Loch von mehr als einem halben Meter Tiefe zu scharren, indem es die Erde hinter sich aufwarf. Alle vier Zuschauer verfolgten lautlos die Arbeit der Kröte, Rua-Roa hinter seinem Schutzwall duftender Feigen that das Gleiche, aber heimlich stieg bei diesem Anblick seine Furcht nur noch immer mehr. Ganz gewiß vollzog sich hier ein schlimmer Zauber, vielleicht grub sogar das boshafte Tier ein Grab, in das es die Fremden stürzen wollte, und diese Unseligen, Verblendeten sahen zu, ohne sich zu verteidigen, ohne rechtzeitig die Flucht zu ergreifen! Rua-Roa telegraphierte mit Händen und Füßen, um sie zu warnen, aber ganz vergeblich; die Tolldreisten lachten ihn aus, ja, sobald er es wagte, ein halblautes Wort zu sprechen, erhoben sie drohende Finger, — er mußte das Ärgste geschehen lassen.

Die Schildkröte hatte mittlerweile ihre Arbeit beendet, sie saß jetzt ganz still und hielt, nachdem sie einen kleinen Schritt zurückgetreten, den Hinterkörper etwas geduckt, — das Zauberwerk mußte nach des Malagaschen Ansicht nun unmittelbar beginnen.

Und was that in diesem Augenblick der tollkühne Franz? — Rua-Roa traute seinen Sinnen nicht. Er sprang mit einem plötzlichen, gewaltigen Satz auf den Rücken der Schildkröte und stand dort wie ein Sieger, den anderen in deutscher Sprache einige Worte zurufend, die der Malagasche nicht verstand. Was nun? das war zu arg. Alles Blut des jungen Menschen drängte zum Herzen, unmöglich konnte er seinen Freund, seinen Bruder in solcher Lage allein lassen. Und wie ein Ball plumpste Rua-Roa ohne alle Rücksichten auf Knochenbrüche und Verrenkungen vom Baum herunter, todesverachtend sprang er neben Franz auf den Rücken der nun gänzlich wehrlos gewordenen Kröte und sah die anderen an, als wollte er sagen: „Ist’s so recht?“ —

Ein schallendes Gelächter schlug sämtliche benachbarte Vögel in die Flucht. „Arm in Arm mit dir, so fordre ich mein Jahrhundert in die Schranken!“ rief Holm. — „Paß auf, tapferer Geselle, wie ich nun dem Erzfeind den Garaus machen werde.“

Er nahm vom Gürtel das kleine, scharfe Handbeil, welches alle vier der zahllosen Hindernisse wegen immer bei sich zu tragen pflegten, und trennte mit einem kräftigen Hieb den vorgestreckten, dünnen Hals der Schildkröte vom Rumpf. Das Blut schoß wie aus einem Springbrunnen hervor, die Füße streckten sich, und das große Tier war tot.

Franz sprang herab, der Malagasche war noch immer zu erschrocken, um ihm gleich folgen zu können; erst als ihn die anderen riefen, trat auch er auf den Sand. „Ein steinernes Geschöpf, das sich bewegt und Blut enthält wie ein lebendes Wesen,“ sagte er ganz fassungslos.

„Gib acht,“ rief Holm, „du sollst unter der Steinhülle gleich das Tier kennen lernen, Freund Rua-Roa, — denn für den Rudolf bist du doch noch nicht ganz reif! — Faß an und hilf uns den Koloß auf den Rücken legen.“

Alle fünf bemühten sich nun mit vereinten Kräften, das Tier umzuwenden; es gelang aber erst unter Beistand eines zufällig des Weges kommenden Sklaven, dem für diesen Dienst die Schale des Tieres zugesprochen wurde, dann rief ein verabredetes Signal die beiden Matrosen herbei, und aus dem saftigen Fleisch der Beute wurde Suppenstück und Braten herausgeschnitten. Das war für zwei Tage ein Herrenessen; nach dieser Zeit fand sich schon etwas anderes, denn die steinharten Maniokkugeln und die laue Kokosmilch der Eingebornen im Verein mit den ohne Fett oder Salz abgekochten Gemüsen bildeten doch für europäische Magen ein klägliches Ernährungsmittel. Franz meinte sogar, daß er jedenfalls noch heute einen der zahllosen umherstreifenden Hasen schießen werde: „Wildbraten und Schildkrötenragout passen gerade zu einander.“

Holm tastete mit beiden Händen im Sande. „Bin ich so heiß,“ sagte er, „oder ist es der Boden? Mir deucht, die Sonne kann unmöglich den Sand so erwärmen.“

Die anderen untersuchten gleich ihm das Terrain, dann sprang Rua-Roa, der gern die Aufmerksamkeit von der Schildkröte ablenken wollte, etwas weiter über den Weg hinaus und befühlte dort den Boden. Er war merklich kühler.

Holm stutzte. „Laßt uns in entgegengesetzter Richtung vordringen,“ forderte er die anderen auf, „da muß ich klar sehen.“

Das Gebüsch wurde umgangen, ein paar dichte Bäume auch noch, und nun zeigte sich der Grund des eben entdeckten Wunders. Wenige Schritte weiter senkte sich der Boden zu Thal, eine Schlucht von Geröll und Kieseln fiel ziemlich unvermittelt abwärts, kein lebendes Pflänzchen trieb oder gedieh am Rande, und inmitten der Steinwüste sprudelte ein heißer Quell, dessen Wasser sechs bis zehn Meter hoch in die Luft hinaufgeschleudert wurde und eine wirbelnde Dampfwolke hinaufsandte in das heitere Sonnengold.

„Aha,“ rief Holm, „eine Botschaft vom ewigen Feuer aus dem Mittelpunkt der Erde! Das werden wir benutzen, um unser Leinen gründlich zu reinigen.“

Die Knaben drangen weiter vor, so weit, bis die Füße anfingen, selbst durch das Sohlenleder hindurch die Hitze des Bodens nicht mehr ertragen zu können. Das war aber auch ganz nahe am Quell, dessen stäubende Tropfen Brandwunden verursachten; Franz umwickelte die Hand mit dem Taschentuch und trat nahe genug heran, um abgewandten Gesichtes eine geringe Menge des Wassers einzufangen. Als es in der Blechflasche abgekühlt war, probierten es alle, aber jeder schnitt eine Grimasse. „Petroleumartig mit Zwiebelduft,“ entschied Holm.

„Wie Heringslake, durch ein altes Gasrohr filtriert!“

„Brr! in acht Tagen werde ich meine Flasche nicht wieder brauchen können.“

Hans war davongesprungen und hatte eines der Eier geholt, welche die Schildkröte, ehe der unvermutete Angriff kam, in das Sandloch gelegt. Jetzt wurde es in eine mit dem Beil gemachte Vertiefung nahe dem Quell versenkt und in drei Minuten gar wieder herausgezogen.

Holm nahm noch etwas von dem greulich schmeckenden Wasser mit, um es chemisch zu untersuchen. Die Knaben füllten ihre Taschen mit bunten, zum Teil sehr seltenen Kieseln, und dann hatte der Ausflug für diesmal ein Ende. Der knurrende Magen mahnte allzu laut an das Frühstück.

Die Matrosen waren inzwischen ihrer Stellung als Hausmeister und Oberkoch glänzend gerecht geworden. Sie hatten das Unmögliche möglich gemacht und das Erstaunen der ganzen weiblichen Bevölkerung des Dorfes erregt. Verschiedene Blech- und Eisenpfannen wurden mittels bedeutsamer Winke und gelegentlicher kleiner Scherze von den Sklavenfrauen zusammengeliehen, und nun machte sich Hannes, der Hamburger von echtem Schrot und Korn, mit aufgestreiften Ärmeln an die Arbeit. „So viele Bohnen und doch keine Tasse Kaffee?“ räsonnierte er, „das wollen wir erst einmal sehen!“

Sprach’s und schüttete in die über dem Feuer hängende Pfanne die rohen, getrockneten Bohnen, welche er dann mit dem Messer beständig umrührte, bis sie anfingen zu duften, zu springen und sich lieblich zu bräunen. Der zweite hatte indessen eine Ziege gemolken, sich mit abgezogener Mütze und einem Kratzfuß sondergleichen von der Gemahlin Tippoos in einer Bambusschale etwas Palmensirup verabreichen lassen und durch Pantomimen das Bedürfnis nach Trinkgefäßen so lebhaft ausgedrückt, daß er sechs Bambusbecher geliefert bekam. Jetzt stampften beide mit vereinten Kräften die gebrannten Bohnen zwischen zwei Steinen zu Pulver, während in der Pfanne das Wasser kochte, und darauf kam der große Augenblick, wo Hannes gelassen die Leinenmütze vom Kopf nahm und beides, Pulver und heiße Flut, hineinstürzte, so daß der Kaffee, aus mehr als einem Grunde schwarz wie die Mitternacht, in das bereit stehende Gefäß hinabträufelte. Mit Feldherrnblick übersah Jan Maat sein gelungenes Werk. Die untere Pfanne wurde auf leises Feuer gestellt, das Gemisch in der Mütze fleißig umgerührt und nun zum zweiten größeren Unternehmen geschritten. Hannes wollte die Maniokkugel in ihr verdientes Nichts zurückdrängen, seine Seele arbeitete an einem Pfannekuchen, der ihn bei den Frauen von Singhala in bleibendem Andenken erhalten mußte. Zwei saubere Steine waren bald gefunden, trockne Maiskörner verwandelten sich in Mehl, der Hühnerstall lieferte Eier, Milch kam hinzu und ein wenig Salz; dann wurde zerlassenes Schildkrötenfett in eine andere Pfanne gegossen und mit dem großen eisernen Kochlöffel der Frau vom Hause der duftende Teig hineingefüllt. Jetzt zog Hannes das große Messer, schäkerte erst ein wenig mit den neugierig dreinschauenden Frauen, denen er unter schauderhaften Grimassen die Spitze auf die Brust setzte, und warf dann kunstgerecht den halbgaren Pfannekuchen um.

„Markst Müüs?“ fragte er selbstzufrieden, als sich das Erstaunen in den Blicken seiner Bewunderinnen spiegelte. „Man muß euch doch zeigen, daß hinter dem Berge auch noch Leute wohnen, die zu leben wissen, wobei ein guter Pfannekuchen und eine Tasse Kaffee zu den Hauptsachen gehören. Vernünftige Speisen zeigen, daß der Mensch gebildet ist!“

Nach diesem Ausspruch holte er sich den Stein, welchen er eben vorher als Mühle benutzt, wischte ihn mit dem Ärmel bestens ab und servierte den fertigen Kuchen, dessen Rund er in kleine Bissen zerschnitt, diese in Sirup tauchte und mit den Fingern ohne alle Ziererei der nächsten Singhalesin in den Mund schob. „Das bekommt anders wie eure Kanonenkugeln aus Maniok und Wasser, nicht wahr?“ fragte er. „Ja, das mögt ihr, ich sehe es schon! — bitte, bitte, nicht prügeln, schickt sich das für Damen?“

Seine kräftigen Arme trennten zwei Sklavenfrauen, die einander vielleicht schon längst nicht recht grün waren, die nun aber über der erhaltenen Leckerei in hellen Zorn ausbrachen; er stopfte der einen den Rest des Kuchens in den Mund und der andern als Ersatz für den erwarteten Leckerbissen den Messerstiel; dann aber buk er im Schweiße seines Angesichts weiter, wobei ihm die neugierigen Frauen von allen Seiten Milch, Eier und Sirup zutrugen, ja sogar die Maiskörner für ihn stampften, aber als Lohn auch für sich und ihre zahlreichen Sprößlinge die fertigen Kuchen begehrten. Er dankte Gott, als endlich die Weißen von ihrem Spaziergange zurückkehrten, und nun die Frauen flüchteten; seine Berühmtheit war ihm schnell sehr lästig geworden, — so unter den sengenden Strahlen der Sonne von Ceylon ohne Mütze vor dem Feuer zu stehen und für hundert hungrige Mäuler zu backen, das hatte sein Schweres, auch wenn es Ehrenbezeugungen in der Gestalt von Jauchzen, Schnalzen und entzückten Schlägen in die eigenen braunen Hände der beschenkten Schönen reichlich eintrug.

Jetzt endlich durfte er selbst essen, — das war angenehmer als andere zu füttern.

Seine Zurüstungen fanden gebührende Anerkennung; es wurde im Freien getafelt, den dienstbaren Singhalesinnen die Reinigung der Geschirre überlassen und dann unter Führung von mehreren Eingebornen ein benachbartes großes Diamantenfeld besucht. Inmitten der lachenden, von reichhaltigstem Pflanzenwuchs überzogenen Umgebung dehnte sich eine öde, graue Sandfläche, auf der auch nicht die magersten Halme mehr gediehen, wo kein Vogel sang und kein Hase die Ohren spitzte. Das Ganze war Berg und Thal, tiefe vom Regen ausgewaschene Rinnen, Anhöhen und Schluchten in regelloser Abwechselung. Zu Hunderten knieten hier die Sklaven und Sklavinnen verschiedener Stämme, alle mit einer einzigen geisttötenden und in dem heißen Klima unendlich anstrengenden Arbeit beschäftigt, nämlich den losen Sand mit den Fingern zu durchwühlen und die kleinen blitzenden Edelsteine aus demselben hervorzusuchen. Ganze Tage vergehen ohne die mindeste Ausbeute, der einzelne Sklave wühlt vielleicht wochen- und monatelang umsonst in den glühenden Sandwolken, aber doch ist die Diamantenlese der Betriebszweig einer bestimmten Kaste, und — von den Gesetzen derselben gibt es keine Erlösung.

An der Küste des Indischen Ozeans wird vielfach von dort wohnenden Stämmen die Perlenfischerei betrieben, andere fangen Austern, jeder aber bleibt innerhalb seiner Grenzen und vererbt die gleichen Anschauungen wieder auf seine Kinder; ein Hinübertreten aus einer Kaste in die andere gehört hier zu den Unmöglichkeiten. — Die armen Diamantengräber sind aber jedenfalls am schlimmsten daran. Wasser und Wald, ja selbst das Getreidefeld bieten noch Abwechselung und erfrischende Kühle; der heiße Staub aber erstickt die Lungen, so daß seine schädlichen Einflüsse auf den abgemagerten Gesichtern und in den entzündeten Augen der Arbeiter deutlich erkennbar sind.

Diese armen, mehr als halb Wilden, unfrei bis zum Grabe, von Pflanzenkost lebend, dem Biß der giftigsten Reptilien zu jeder Stunde ausgesetzt, ohne die mindeste Hoffnung, aus ihrer jammervollen Lage je erlöst zu werden, — diese Elendesten unter den Elenden fördern aus dem Sande, den ihre Finger auf schattenloser Fläche durchwühlen, die kostbarsten und wertvollsten Edelsteine zu Tage. Rubine, Amethyste, Topase, Saphire, Granate, Turmaline, Kannelsteine, Katzenaugen, Chalcedon, Hyazinthe und Berylle, alles liegt hier lose und ohne Umhüllung von Erz oder Gestein unter der Oberfläche des lockeren Staubes, bisweilen viele Meter tief, bisweilen der emsig suchenden Hand auf den ersten Griff entgegenfallend. Die Diamantenfelder von Ceylon bringen einen jährlichen Durchschnittsertrag von 200000 Mark; sie ruinieren aber auch vieler Menschen Gesundheit und erwecken unter den Sklaven zuweilen die allerschlimmsten Leidenschaften.

Holm kaufte einige besonders schöne Stücke; dann, nachdem noch rings umher Trinkgelder gegeben worden, verließen alle das heiße Sandfeld und wandten sich dem Walde wieder zu. Hier lebte es, kroch und flog, brummte und flötete, hier dufteten Blumen und rauschte in hohen Laubkronen der Wind; das erste, was unsre Freunde sahen und was den Malagaschen mit maßlosem Staunen erfüllte, waren Termitenbauten, Kegel an Kegel, und von den bekannten großen Tieren bewohnt; dann kam, den Weg versperrend, ein breiter stehender Sumpf, aus dem wie halbvermorschte Baumstämme die Körper der Krokodile hervorsahen. Überall tauchten und schwammen sie, überall öffneten sich ihre scheußlichen Rachen; vor den Augen der Reisenden wurde eine Hirschkuh, die sich in plötzlichem Schrecken zu weit an den Rand des Sumpfes heran gewagt hatte, von einem dieser Ungeheuer ergriffen und in die trübe Flut hinabgezogen.

Ein paar Kugeln fuhren dem Räuber nach in das Wasser; ob sie aber ihr Ziel getroffen hatten, ließ sich natürlich nicht ermitteln. Der Malagasche atmete auf, als nach langer Wanderung das Bett des Sumpfes umschritten und der offene Wald wieder erreicht war. Er und Franz schossen noch drei Hasen, die dann am folgenden Tage, in Schildkrötenfett gebraten, auf den Tisch kamen und vortrefflich schmeckten.

Achtes Kapitel.

Nachdem die Umgegend überall durchforscht, wurde der große Zug zu den Veddas angetreten. Tippoo und etwa dreißig seiner Sklaven begleiteten die Weißen, Waffen und Vorräte wurden in Menge mitgenommen, ebenso von unsern Freunden diejenigen kleinen Geschenke, welche sich nur bei ganz Wilden anwenden lassen und daher den selbst webenden und Putzgegenstände fertigenden Singhalesen nicht geboten werden konnten.

Schon einige Tagereisen hinter dem auf Bäumen belegenen Dorfe der Vellalahs hörte jede Spur von Zivilisation vollständig auf. Kein Getreidefeld, kein gebahnter Weg, keine Hütte zeigte sich mehr dem Blick, das Terrain wurde bergiger und immer bergiger; die Hasen, Hirsche und Ziegen machten den Büffelherden, den Elefanten, Stachelschweinen und Genettkatzen Platz, große Geier hausten auf den Höhen, Adler wiegten sich in der Luft und Tigerspuren im Sand verrieten, daß der Würger ganz in nächster Nähe lauerte.

Jetzt befanden sich, nach des Häuptlings Angabe, die Reisenden im Innern der Insel; das ganze Gebiet war dichter Wald, meistens aus undurchdringlichem Gebüsch und darüber den hohen, wehenden Palmen bestehend; zuweilen mußte ein Umweg gemacht werden, um den Durchgang zu erzwingen, zuweilen versperrten gefallene Bäume die Passage, und wenn der eine oder der andere versuchte, auf den grünüberzogenen Stamm zu treten, um so an die andere Seite zu gelangen, dann brach plötzlich die grüne Decke, eine Wolke von Schutt und Moder drang hervor, Spinnen oder Käfer flohen nach allen Seiten, braune Eidechsen von mindestens einem halben Meter Länge mit glänzenden, perlengleichen Augen schlüpften durch das Gras, und zusammengerollte Schlangen verließen in eiliger Flucht ihr Lager; — noch aber sah man kein Dorf und kein menschliches Wesen.

Als sich endlich die Wohnstätten der Veddas dem Blick offenbarten, da schien es den Reisenden, als sei plötzlich Westafrika nach Ceylon versetzt. Elende, schwankende, schiefe und dem Einsturz nahe Zelthütten aus Pflöcken und schmutzigen Fellen; ganz nackte schwarze Menschen; Tümpel, in denen sich Enten, Hühner und Kinder wälzten; derselbe Schmutz, dieselbe Vertiertheit wie in Dahomey, — nur nicht dieselbe Harmlosigkeit und Bekanntschaft mit der Existenz weißer Menschen. Frauen und Kinder flüchteten schreiend, die Männer griffen zu ihren aus Holz geschnitzten Wurfspießen und nahmen hinter den nächsten Stämmen in offenbar feindlicher Absicht Stellung. Es war unmöglich, sie durch gütliches Zureden zum Näherkommen zu bewegen; sie gaben keine Antwort und ließen auch die auf den freien Platz vor der nächsten Hütte niedergelegten Geschenke an Waffen unbeachtet, bis endlich die Vermittlung der Frauen durch bunte Tücher und Perlen erfolgreich gewonnen wurde. Die schwarzen, fettglänzenden Gestalten mit ihren überaus häßlichen Gesichtern und kleinen Schlitzaugen kamen erst zögernd, dann aber immer dreister aus den Hütten hervorgekrochen und tanzten und sprangen wie Wahnsinnige, sobald es ihnen gelungen war, irgend einen jener verlockenden Gegenstände zu erhaschen; sie streckten die Hände aus, um mehr zu empfangen, aber ganz wie Tiere, die das Maul öffnen, sobald man sie füttert, durchaus nicht wie Menschen, die für ein erhaltenes Geschenk danken und diesen Dank auch bethätigen möchten. Wer die Fremden waren, wie die ganze Sache zuging, und selbst in welcher Weise man die bunten Schmuckgegenstände verwenden sollte, schien diesen verkommenen Geschöpfen gar nicht einzufallen; sie hielten Tücher oder Bänder in den Händen, das war ihnen genug.

Die Singhalesen wandten sich voll Abscheu von diesem Treiben hinweg. Ihnen fehlte naturgemäß das hohe, wissenschaftliche Interesse, welches die Weißen leitete; sie sahen wie auf unsaubere Tiere auf die Neger herab, und nichts hätte sie bewegen können, kriechend eine dieser im Schmutz begrabenen Hütten zu betreten. Wieder wurden die Zeltleinen wie Hängematten befestigt, die Singhalesen schlugen ihre Wohnungen unter den Bäumen auf, und ein hohes Wachtfeuer loderte zum Himmel empor. Brotfrüchte, Fleisch, Palmenwein und gekochte Eier sowie Kaffee bildeten das Nachtmahl, bei dem beide wilde Stämme, die Braunen und die Schwarzen, von fernher zusahen. Erstere hielten sich an ihre Maniokkugeln und aus Mais gebackenen, nicht minder unverdaulichen Kuchen, letztere hätten vielleicht bei ihrer unbeschreiblichen Armut alles Gebotene gierig verschlungen, wagten sich aber nicht nahe heran, sondern blieben in gemessener Entfernung unter den Bäumen stehen und bewunderten das seltsame Schauspiel.

Die Männer bildeten Gruppen, in deren Mitte sehr lebhaft gesprochen wurde; niemand von allen näherte sich indessen dem Lager der Weißen, niemand schien der englischen oder singhalesischen Sprache mächtig.

„Die Hälfte von uns muß wachen,“ entschied Holm. „Fünfzehn von deinen Leuten, verehrter Freund Tippoo, und unserer zwei dazu. Die Kerle sind falsch, glaube ich, sie führen irgend einen Spitzbubenstreich im Schilde.“

„Was suchst du hier, Herr?“ fragte der Häuptling. „Von allen Söhnen Singhalas sind die Veddas die niedersten, — geh zu den Tamils und den Malaien, da findest du bessere Sitten.“

Holm lächelte. „Das verstehst du nicht, Tippoo,“ antwortete er. „Gerade den Naturzustand will ich ja kennen lernen, nicht die Sitten, welche künstlich erworben, sondern die, welche angeboren sind. Gerade die Veddas in ihrer geringen Anzahl bilden die letzten Abkömmlinge der Ureinwohner von Ceylon, sie sind die interessantesten von allen, denn sämtliche andere gehören fremden Ländern an, — die Singhalesen z. B. höchstwahrscheinlich dem verhältnismäßig nahen Indien.“

Der Braune sah sehr erstaunt aus. „Woher weißt du das, Herr?“ fragte er.

„Aus den Berichten solcher Reisenden, wie wir welche sind, Freund Tippoo. Oder schreiben nicht etwa eure Priester ihre heiligen Bücher auf die Blätter der Schirmpalme und zwar im Sanskrit oder der Palisprache? — beide sind indischen Ursprungs.“

Der Singhalese bejahte. „Zu Hause habe ich in einer Bambusschachtel einen Eisenstift und ein Buch aus solchen Blättern,“ antwortete er. „Ich will es dir schenken und dir einen Spruch hineinschreiben, — hier bei den Veddas findest du nichts dergleichen.“

„Das glaube ich aufs Wort, Meister Tippoo,“ lachte der junge Gelehrte. „Die schwarzen Schurken trachten ohne Zweifel weniger nach Bildung als nach Speise, — ich denke, wir besehen morgen im hellen Tageslicht das schmutzige Dorf von allen Seiten, bringen womöglich einen oder den anderen dieser Kerle zum Sprechen und kehren dann um. Es sind Wochen vergangen, seit wir uns in der Nähe deines Dorfes unter den Ruinen der alten indischen oder persischen Stadt zuerst begegneten; wir haben Eile, zu unserem Schiff zurückzukehren.“

„Meine Leute und ich begleiten euch dorthin,“ antwortete der Braune. „Gerade an der Küste leben viele Tiger und Genetten, es ist gefährlich, in so geringer Anzahl ihnen entgegen zu gehen. Ihr seid nur durch besonderen Zufall dem Verderben entronnen.“

Holm sah zum Walde hinüber. Ein starker Regen rauschte herab, ohne indessen das Blätterdach durchdringen zu können, die Luft war köstlich abgekühlt, und das Feuer warf malerische Streiflichter über das elende Dorf, welches zwar freie, keinem Oberhaupt untergebene, aber dafür auch fast den Tieren gleichstehende Bewohner barg.

„Ich sah im Sande noch ganz kürzlich eine Spur wie von Raubtierfüßen, jetzt erst fällt mir’s wieder ein,“ sagte er, „aber von kleinen.“

Der Singhalese nickte. „Schakale,“ versetzte er, „ich habe es auch bemerkt.“

„Ach, dann können wir vielleicht in dieser Nacht noch einen Angriff erleben. Wenn die Bestien hungrig sind, kommen sie in die Dörfer, nicht wahr?“

„Selten, aber es ist doch schon vorgefallen, Herr.“

„Nun gut, Häuptling. Je mehr Feinde, desto mehr Ehre! Laß nur die Hälfte von deinen Leuten wach bleiben, die anderen aber schlafen, damit sie rechtzeitig jene ersten ablösen können. Ich denke, wir gehen jetzt zur Ruhe.“

Der Singhalese gab seine Befehle, worauf sich die Hälfte der Sklaven mit gekreuzten Beinen, das Gesicht dem Dorf zugekehrt, um das Feuer herum auf den Boden setzte und, die Waffen in der Hand, scharfen Ausguck hielt, während Holm und der Malagasche mit geschultertem Gewehr gewissermaßen auf Vorposten im Halbkreis patrouillierten. Pünktlich um zwei Uhr nachts erfolgte die Ablösung, allein auch während der letzten noch übrigen Stunden bis zum Morgen geschah nichts, was den tiefsten Frieden in irgend einer Weise gestört hätte. Das Negerdorf lag vollkommen still und ruhig, die Bewohner schienen zu schlafen, kein Laut drang aus den Hütten hervor.

Als Tippoo und Franz die übrigen weckten, hatte man eine ruhige Nacht verbracht, und dennoch stieg bei unseren Freunden ein banger Verdacht auf.

Es war unseren Reisenden aufgefallen, daß sämtliche Männer des Negerdorfes verschwunden waren; auch nicht ein einziger befand sich mehr in der Nähe. Jedenfalls hatten sie während der dunkeln Nachtstunden das Weite gesucht, um von irgend woher einen verräterischen Überfall zur Ausführung zu bringen, ebenso sicher aber waren sie auch nicht allzu tief in den Wald vorgedrungen, da ja keiner unter ihnen wußte, welche Richtung die Fremden einschlagen würden. Die Veddas hielten ihr Dorf umzingelt und beabsichtigten bei Einbruch der zweiten Nacht irgend ein Bubenstück zu vollführen; darüber konnte kein Zweifel obwalten.

„So werden wir uns schlagen müssen,“ nickte Holm. „Jedenfalls ist unserseits nichts geschehen, um die Wilden zu reizen oder zu beleidigen; wir dürfen daher ruhig sein und außerdem auch mit Sicherheit den Sieg erwarten. Die hölzernen Wurfspieße werden es mit den Feuerwaffen nicht aufnehmen können. — Zuerst laßt uns das Dorf besehen.“

Die Schmutzhütten und die meistens aus Pfützen bestehenden Plätze zwischen denselben wurden besichtigt, aber auch heute zeigten sich Frauen und Kinder durchaus unzugänglich; sie kamen nicht in die Nähe der Weißen, antworteten auf keine Frage und flohen in das Innere der Höhlen, wo dies möglich war, — so oft man ihnen freilich irgend ein Geschenk hinlegte, stürzten sie eilends herzu und rafften es ohne ein Wort des Dankes begierig vom Boden auf.

Vergeblich suchten die Reisenden eins von den ziemlich herangewachsenen Kindern zu bewegen, sich abgipsen zu lassen, obgleich ein Abguß von dem Gesicht eines dieser Ureinwohner Ceylons von hohem Interesse gewesen wäre. Hans machte ein ziemlich langes Gesicht, als er einsah, daß sowohl Bitten als Geschenke machtlos waren, und begriff nun erst recht, was Holm ihm über die Schwierigkeit dieser Operation gesagt hatte.

Vor den Hütten lagen die üblichen Herdsteine, denen auch der rohgearbeitete Eisenkessel nur selten fehlte, dennoch aber bewiesen manche Zeichen, daß auch rohes Fleisch gegessen wurde, ebenso halbreifer roher Mais und Brotfrüchte. Diese letzten wenigen Ureinwohner der Insel betrieben durchaus nichts, sondern lebten wie die Buschmänner vom Kap in den Tag hinein, vielleicht Heuschrecken essend, wenn weiter keine Nahrungsmittel vorhanden waren, Kokosmilch trinkend und im Schmutz vergehend, dabei scheu, häßlich und durch das stete Einreiben mit Palmöl einen unangenehmen Geruch verbreitend; sie waren von allen Völkerschaften, die unsere Freunde kennen gelernt, die am wenigsten anziehende, — ohne allen Zweifel, weil ihre Anzahl fortwährend schmolz, ihr Gebiet von Singhalesen und Malabaren alljährlich verkleinert und sie in jeder Beziehung durch die auf der Insel fortschreitende Kultur dem Untergang entgegengeführt wurden.

Von schwarzen Kindern und dem verschiedensten zahmen Geflügel umkreischt und umschnattert, sahen die Weißen in jede Hütte, so gut als es ging, hinein, aber nirgends fand sich mehr als nur ein Lager aus Moos und Blättern, nirgends waren Geräte zu entdecken, und überall krochen Insekten in reicher Fülle.

„Die Veddas wandern,“ erklärte Tippoo, „sie schlagen ihre Zelte auf, wo Brotbäume und genießbare Früchte wachsen, zuweilen kommen sie sogar in die Nähe unserer Felder, aber wir bereiten ihnen immer einen so heißen Empfang, daß der Besuch nur sehr kurz währt. Wenn an einem Orte nichts mehr zu holen ist, zieht die verlumpte Schar weiter und sucht günstigeren Boden.“

„Gerade wie bei uns die Zigeuner,“ rief Franz. „Ohne Arbeit, in stetem Müßiggang, stehlend und bettelnd, unter Schmutz vergraben, jedes feste, dauernde Obdach meidend, — welche Ähnlichkeit!“

„Weil die Verhältnisse die gleichen sind,“ fiel der Doktor ein. „Menschen ohne Nationalgefühl, ohne staatsbürgerliche Rechte und Pflichten müssen sittlich verkommen. Alle diese als „wild“ und „halbwild“ bezeichneten Völker sterben aus, während die Kulturstaaten alljährlich Tausende ihrer Unterthanen abgeben, um an fernen Enden der Welt neue Reiche der Bildung und Gesittung gründen zu helfen. Die vertierten Veddas haben den Singhalesen weichen müssen, die Malabaren stehen wieder bedeutend höher als diese in ihren Bambusnestern und mit der trostlosen Kastenwirtschaft, während sie ihrerseits durch Kirche und Schule, durch den Umgang mit Weißen und die Notwendigkeit des bürgerlichen Erwerbes allmählich aber sicher den Bildungsgrad und die Lebensweise der Engländer annehmen. — Die letzten Veddas werden im Laufe unseres Jahrhunderts ihre Nomadensitten aufgeben und Ackerbauer werden müssen.“

Tippoo hatte respektvoll den alten Herrn ausreden lassen, obgleich er ihn nicht verstand; jetzt jedoch schlug er vor, sobald als möglich aufzubrechen. „Alle Veddadörfer gleichen einander vollkommen,“ sagte er. „Wenn wir auch bis an die Meeresgrenze vordringen würden, so gäbe es doch nichts Neues kennen zu lernen. Die schmutzigen Neger sind hier wie dort falsche Schurken.“

Man nahm einstimmig diesen Vorschlag an und traf nach dem Frühstück Anstalten zur Abreise. „Wir werden nun von allen Seiten beobachtet,“ erinnerte der Singhalese. „Aus jedem hohlen Baum, aus jedem Dickicht und hinter jedem Felsvorsprung sehen lauernde Blicke uns nach, es wäre daher gut, wenn ihr einmal die Wirkung eurer Feuerwaffen zeigen würdet.“

Aller Augen suchten nach einem Ziel. „Seht ihr da den Kaschubaum?“ rief Holm. „Der Blitz scheint ihn getroffen zu haben, ein Teil der Borke ist herabgerissen, — da, gerade im Eingang der Felsspalte, kaum fünfzig Schritt von den ersten Hütten entfernt. Laßt uns auf die weiße Fläche zielen.“

Gesagt, gethan. Alle Büchsen wurden geladen und Kugel nach Kugel schlug in den Stamm. Zuweilen flog auch eine daneben bis tief in den inneren Raum des Felsens hinein, und dann war es den Männern, als töne ein Winseln oder Bellen, ein Angstgeheul wie aus weiter Ferne zu ihnen herüber, — sie schossen jetzt absichtlich in die Spalte; was darin steckte, ob Mensch oder Raubtier, das sollte sich zeigen.

Aber nein, ein Mensch war es nicht, das hörten alle, eher ein Fuchs.

Tippoo pfiff seinen Sklaven. „Schakale“ sagte er. „Sucht die Ausgänge.“

Und während sich die Singhalesen gehorsam entfernten, um von allen Seiten den Gebirgspaß zu umschleichen, berichtete er den Weißen, daß sich höchstwahrscheinlich ein Rudel von vielleicht ein- bis zweihundert Schakalen hier im Berge zusammengefunden habe, um den Enten und Gänsen der Veddas einen Besuch abzustatten, und daß diese hungrige Meute nun von den plötzlich eindringenden Kugeln erschreckt worden sei. „Wenn meine Leute den Zugang gefunden haben,“ schloß er, „dann schießt ihr aus nächster Nähe in die offene Spalte hinein, während wir die roten Gesellen in Empfang nehmen, sobald sie erscheinen.“

„Ganz gut, Freund Häuptling, aber was wollt ihr mit einem Tier, dessen Fleisch ungenießbar, und dessen Fell unverwendbar ist?“

„Wir verkaufen die Jungen nach Galle oder Kolombo, Herr. Wozu hätte ich Sklaven, wenn sie mir nichts verdienen müßten? Der die beiden jungen Tiger hinbringt, kann auch Schakale mitnehmen.“

Tippoos Talent zum Finanzminister wurde allerseits anerkannt, und als die ausgeschickten Sklaven zurückkamen, war der Feldzugsplan genau entworfen. Rechts vom Dorfe war ein stark befahrener Schacht, an dessen äußerer, enger Mündung zahlreiche rote und graue Haare verrieten, daß sich alte, ausgewachsene Tiere in starker Anzahl hindurchgedrängt haben mußten; weitere Zugänge fanden sich nicht, und durch den vorderen Spalt konnte unmöglich auch selbst der magerste Schakal ins Freie gelangen; die Singhalesen nahmen also zu beiden Seiten des Schachtes Stellung hinter den Bäumen und in den unteren Zweigen derselben; Franz mit Rua-Roa hatten sich fast ganz an den Ausgang gedrängt, und Holm und die beiden anderen standen vor dem Spalt.

In aller Augen glühte die Jagdlust; die gefährliche Lage, in der man sich den raubsüchtigen Wilden gegenüber befand, war vergessen; man dachte jetzt nur noch an die räuberischen Tiere, welche diesen Bau bewohnten und an das Vergnügen, sie herauszutreiben.

„Feuer!“ kommandierte Tippoo.

Drei Kugeln flogen in den Berg hinein, drei weitere folgten, Pulverdampf und schauerliches Geheul drangen aus dem Spalt hervor; dann entstand ein Toben und Drängen, ein Scharren wie von vielen hundert Füßen, und endlich stürzte die rote Meute, einander überkollernd, schreiend in rasendem Lauf den harrenden Todfeinden entgegen. Es war offenbar für die nächtlichen Räuber ein letzter, von der Verzweiflung eingegebener Entschluß, sich am hellen Tage hinauszuwagen in das Dorf, aber die einschlagenden Kugeln da drinnen führten eine so beredte Sprache, daß jedes Schwanken im Keime erstickte; — brausend wie ein entfesselter Strom ergoß sich das rote Heer.

Bei dieser seltsamen Massenjagd war es für die Schützen nicht nötig, zu zielen. Wo aus einem engen Schacht in ihrer unmittelbaren Nähe das Wild herausquoll wie Wasser aus einem Brunnen, da hinein brauchten sie nur zu feuern oder ihre eisenbeschlagenen Wurfspieße zu schleudern, und Opfer nach Opfer war ihnen gewiß.