S. 188.

Die Nacht auf dem Riff.
„... zuweilen tauchte aus dem Gischt der Kopf des Haifisches plötzlich hervor ...“

Allmählich füllte auch das gleiche buntgestaltige Tierleben des gestrigen Nachmittags wieder alle Risse und Poren. Fußlange Spinnen kletterten an den Armen der jungen Leute hinauf, Krebse und große Hummer segelten vorüber, mehr als einmal erfaßten die Hände Quallen, so daß noch empfindliche Schmerzen zu der Erstarrung und der allgemach eintretenden Mattigkeit hinzukamen. Als die Wogen anfingen schwächer zu werden, da fühlten alle, daß noch eine solche Nacht, solches Alleinsein gewissermaßen auf unsichtbarem Boden inmitten des Ozeans, gleichbedeutend werden müsse mit dem Tode.

Vorsichtig krochen die Verschlagenen, um womöglich das Wasser aus den Stiefeln zu gießen und aus den Kleidern zu ringen, näher an den Rand des Meeres heran. Jetzt konnten sie ja den Schutz der Vertiefung entbehren, die höchsten Wogenkämme reichten kaum noch bis an das Plateau, die Gefahr war vorüber. Aber erst als das Wasser nicht mehr wie eine warme, schützende Decke ihren Körper umgab, fühlten die jungen Leute den Einfluß des kalten Morgenwindes. Schaudernd, von Gänsehaut überlaufen, begrüßten sie die beiden Matrosen, welche im ersten Tagesschein über das Riff geklettert kamen, um auf Befehl des Kapitäns mit vereinten Kräften die Riesenmuschel aus der Versenkung hervorzuheben. Nachdem das Tier entfernt worden, trugen abwechselnd vier Männer die schwere, teuer erkaufte Schale, und noch ehe die Sonne hoch am Himmel stand, langten alle glücklich im Zelt unter dem Leuchtturm wieder an.

Holm streckte zähneklappernd die Hände den Freunden entgegen. „Keine Rührung, Doktor,“ sagte er scherzend, „ein tüchtiges Glas Grog wäre uns in dieser katzenjämmerlichen Verfassung bedeutend mehr von Nutzen.“

Der Kapitän lachte. „Ich dachte mir’s,“ nickte er. „Stoff ist vorhanden. Aber wollen wir denn nicht gleich zum Schiffe zurückkehren?“

„Behüte! erst müssen noch Korallen eingefangen werden.“

Dem stimmte auch Franz bei, und zwar sollte noch während der Ebbe vom großen Boot aus das Schleppnetz in die Tiefe hinabgesenkt werden. Überall schimmerten ja die roten und weißen unterseeischen Bäume durch das Wasser herauf, an einer Stelle hatte Holm sogar die seltene, wenn auch nicht hochgeschätzte schwarze Koralle gesehen, man mußte also die Gelegenheit wahrnehmen und einsammeln, was zu erlangen war.

Zwei Stunden Schlaf, trockne Kleider nebst einer tüchtigen Mahlzeit und einem echten Seemannsgrog verscheuchten im Verein sowohl Schauder als Schläfrigkeit und gaben den jungen Leuten ihre ganze gewohnte Frische voll zurück. Das Schleppnetz wurde ausgeworfen und brachte einen reichen Fang von Korallen aus der Tiefe empor an die Oberfläche, freilich nicht, ohne daß vom Boote her die Eisenstangen der Matrosen ihre hilfreichen Dienste gethan. Man fuhr längs den bis nahe an den Wasserspiegel hinaufreichenden Bänken hin; die ganze farbenglühende, in phantastischen Formen und Windungen aufgebaute Pracht da unten lag sichtbar vor aller Augen, feingeästelt vom zartesten Silberweiß bis zum gesättigten Purpur und glänzenden Schwarz; einem puppenhaften Walde gleich, schimmerten die Korallenstücke durch das blaue, spielende Wasser, und wo sie von den Eisenhaken der Bootsmannschaft getroffen wurden, da fielen sie in das ausgespannte Netz hinein.

Holm gab bei dieser Gelegenheit den Knaben einige Erklärungen über die Entstehung der Korallen, von denen meistens angenommen wird, daß sie, inwendig hohl, die Wohnungen von Tieren bilden. „Sie sind vielmehr das Tier selbst,“ erläuterte er. „Die kleinste Quallenart, ein kaum sichtbares Schleimklümpchen, saugt mit seinem aller Organe beraubten Körper die Kalkteile des Seewassers in sich auf, stirbt, sobald die Verkalkung vollständig eingetreten und wird von den nachkommenden Geschlechtern als Wohnstätte benutzt, um den gleichen Kreislauf immerwährend neu zu beginnen und neu zu vollenden. An seichten Stellen setzt sich die erste Quallenfamilie fest und auf ihren abgestorbenen Überresten baut die zweite weiter, bis endlich nach Jahrhunderten die Oberfläche des Wassers erreicht ist und nun für das Tierchen die Lebensmöglichkeit aufhört. Von der Luft berührt, stirbt die Qualle.“

Er nahm eins der gesammelten Stücke und zeigte seinen Zuhörern den zähen, grauen Schleim, welcher dasselbe überzog. „Das ist das jüngste Quallengeschlecht, das eigentliche, ursprüngliche Korallentier“, setzte er hinzu, „der Stoff, aus welchem die Natur ganze Inseln, also feste Wohnplätze für Menschen im Lauf der Zeit erschafft. Es ist nicht unmöglich, daß nach Jahrtausenden, Jahrmillionen vielleicht, der am meisten von dieser Gattung bevölkerte Ozean, das Stille Meer nämlich, einen festen Weltteil bilden wird, langsam entstanden aus Korallenbänken, Insel an Insel, die endlich zusammenrücken und ein untrennbares Ganze ausmachen.“

Rua-Roa hatte mit weit offenen Augen dieser Erklärung zugehört. „Zannaar ist groß!“ sagte er halblaut, nachdem jener geendet.

Holm streichelte lachend den Krauskopf des jungen Halbwilden. „Zannaar ist groß!“ wiederholte er, „und selbst die schleimige Qualle sein Prophet. — Aber siehe da, von dem kleinsten der Meerbewohner bis zu einem der größten ist nur ein einziger Schritt. Unser Freund von der letzten Nacht her!“

Er deutete mit der Rechten auf das Kielwasser des Bootes, wo sich lüsterne, tückisch blinzelnde Augen bis fast über die Oberfläche erhoben. Der grüne Hai war immer noch zur Stelle; er konnte sich, wie es schien, nicht losreißen von der schmeichelnden Hoffnung, endlich doch eines dieser Opfer zu erwischen; jetzt folgte er dem Boote und blieb dicht hinter dem Steuer desselben.

Holm ließ das Netz einziehen, um es vor der Wut des Ungeheuers zu schützen, dann nahm er aus seiner Tasche eine Pistole. „Der Raubgeselle soll daran glauben,“ sagte er. „Paßt auf, Jungens, ich ziele nach dem rechten Auge. Und ihr, Leute, sobald ich geschossen habe, treibt das Boot von der Stelle, damit uns die Schwanzschläge nicht schaden.“

Die Matrosen erfaßten ihre Ruder, alles war still vor Erwartung. Der Hai spielte im Wasser, sein abscheulicher Kopf hob sich handbreit heraus. — —

Da krachte der Schuß. Zu Bergen türmten sich weißschäumende Wogen, schwere Schläge peitschten das Wasser, ein Klatschen und Gurgeln erfüllte die Luft, ein Tropfenregen überschüttete das Boot, und wie im innersten Grunde aufgewühlt, tobte das Meer.

Die Matrosen hatten ihre Schuldigkeit gethan. Zwar tanzte das kleine Fahrzeug wie ein Kreisel auf den Wellen, aber dennoch schlug keine derselben über Bord; als sich das Wasser glättete, war von dem Raubfisch nichts mehr zu sehen. Jedenfalls stak er tot zwischen den zackigen Korallenästen im Grunde.

„Und jetzt heimwärts!“ gebot Holm, der sich von dem richtigen Gang seiner Taschenuhr diesmal vorher überzeugt hatte. „Wir dürfen uns hier durch die Flut nicht überrumpeln lassen.“

Das Boot wurde zunächst zur Fouqué-Insel zurückgelenkt, dort noch der Leuchtturm besichtigt und dann der Dampfer wieder aufgesucht. Die Ausbeute an Schätzen für das Museum war eine ungewöhnlich reiche, die große Muschel allein ein unbezahlbarer Fund; aber als das Schiff an der Korallenbank vorüberfuhr, da sagten sich doch die drei jungen Leute, daß sie auf der Höhe derselben eine Nacht verlebt, deren Schauer ihnen ewig im Gedächtnis bleiben werde. Franz drückte lebhaft die Hand des Malagaschen. „Du bist doch ein guter Kerl, Rua-Roa,“ sagte er, „ohne die Erfrischungen, welche du uns brachtest, hätten wir die Anstrengung kaum überstehen können.“

Die Augen des Halbwilden leuchteten. „Ich habe dich lieb, Herr,“ antwortete er, „darum kam ich. Wollen wir beide den Blutschwur tauschen, du und ich?“

Franz wurde aufmerksam. „Das sagtest du schon früher einmal, Freund,“ versetzte er lebhaft. „Was ist damit?“

„Das sollst du erfahren, Herr!“

Und am Abend desselben Tages, als das Schiff im Hafen von Port St. Louis vor Anker lag, winkte er im Dunkel des Vorderraumes dem jungen Weißen. Seine Hand hielt zwei kleine Stücke Ingwerwurzel und ein scharfes Messer, mit dem er zunächst die Haut über dem eigenen Herzen ein wenig ritzte und dann in das hervorquellende Blut das eine Stückchen tauchte. „Iß!“ sagte er leise, „und thue das Gleiche. Laß mich dein Blut kosten!“

Franz erschrak heimlich. Das war doch eine ganz heidnische Zeremonie.

Aber Rua-Roas Augen baten so beredt, der junge Mensch schien von der Heiligkeit dieses Bündnisses so durchdrungen, daß es grausam gewesen wäre, ihm da, wo er gläubig das Rechte, Gute vermeinte, ein halb komisches, halb sträfliches Heidentum vorzuwerfen. Zudem erinnerte sich jetzt Franz, daß die eingebornen Hovas von Madagaskar den Blutschwur ausschließlich mit ihren vertrautesten Freunden tauschen, und daß der, welcher ihn etwa bräche, als ehrlos gelten würde; er verschluckte daher ohne Widerrede die duftende, mit dem Blute seines neuen Bruders getränkte Wurzel und ließ aus der Haut über seinem Herzen die roten Tropfen hervorquellen, um damit das andere Stück zu befeuchten. Rua-Roa streckte, als er es gegessen, beide Hände aus. „Dein Wille gehört seit dieser Stunde mir, Herr,“ sagte er halblaut in beschwörendem, feierlichem Tone, „und der meinige dir. Wir können nichts thun, einer ohne den anderen, kein dritter kann zwischen uns treten, keine Macht kann das Blutband lösen. Schwöre, daß du niemand verraten willst, was in dieser Stunde geschehen.“

Franz hob die Hand zum nächtlichen Himmel empor. „Bei Gott!“ sagte er leise, selbst wider seinen Willen erfaßt von der geheimnisvollen Feierlichkeit in dem Wesen des Malagaschen. „Bei Gott, Rua-Roa, ich schwöre es dir!“

Der Halbwilde nahm die Hand seines Freundes und legte sie sich auf den Kopf, während umgekehrt seine Rechte Franzens Scheitel berührte. „Ich danke dir,“ sagte er innig, „du hast deinem Sklaven viel geschenkt, aber er wird sich dessen würdig zeigen.“

Franz fühlte eine eigentümliche Beklommenheit. Das war so etwas wie Zauberei oder eine Art von abergläubischem Unsinn; er gratulierte sich, daß es ein Geheimnis bleiben sollte. Wenn sein Erzieher davon erfahren hätte, so würde ihm ein scharfer Tadel sicher gewesen sein. Rua-Roa sollte womöglich auf den Samoa-Inseln von den dortigen Missionaren getauft und in die christliche Kirche aufgenommen werden; er durfte also den heidnischen Brauch seiner Heimat nicht im Herzen festhalten, Franz durfte ihn darin nicht bestärken, aber doch ließ er sich von der Macht des Geheimnisvollen überwältigen; der Eid war geleistet und verlangte nun strenge Heilighaltung.

Mit einem Händedruck trennten sich die beiden jungen Leute, nicht ahnend, welche schwerwiegenden Folgen das seltsame, dem Malagaschen hochfeierliche Spiel dieses Abends späterhin nach sich ziehen sollte.

Doch greifen wir den Ereignissen nicht vor.

Am anderen Tage wurde die Stadt St. Louis besehen, Einkäufe aller Art besorgt und ein Ausflug ins Innere der Insel gemacht, um dort den Bambu-Pik zu ersteigen. Auf dieser Tour füllten sich die Botanisiertrommeln mit vielen bis dahin noch nicht angetroffenen Pflanzen, namentlich einer Phönixart mit roten, prachtvollen Trauben, Mimosen mit scharlachnen, gelben und hellgrünen Blüten und vielen ausgezeichneten Kasuarinen; auch von den beiden hier angesiedelten, ursprünglich amerikanischen Bäumen, der Kampesche und der Agave, wurden Zweige gepflückt. In den Gärten gedieh die wohlriechende Vanille; ganze Felder von Zuckerrohr boten sich dem Blick; Tamarinden bildeten lange, schattige Alleen; aber Getreide wurde nirgends gebaut. Der Bambu-Pik selbst zeigte sich als roter, stellenweise in das schwärzliche hinüberspielender Basalt, dem aller Baumwuchs fehlte, der aber mit dem schönsten, üppigsten Gras bedeckt war. In den Thälern weidete hier und da ein vereinzelter Hirsch, andere Tiergattungen fanden sich jedoch nicht vor; die Übervölkerung der Insel hat sämtliche vorhandene Arten dem Untergange schon längst preisgegeben; von den ursprünglich in den Wäldern angetroffenen Wildschweinen findet sich kein einziges mehr, ebensowenig Schildkröten oder jener große ausgerottete Vogel, die Dronte, der hier auf Mauritius „Dodo“ heißt, und von dem man überall nur noch Knochen besitzt, aber nirgend ein lebendes Exemplar.

Die Aussicht von der Höhe des Bambu-Pik war entzückend schön, obgleich der Charakter dieser ganzen Landschaft keineswegs etwas Großartiges oder gar Wildes besaß. Dörfer und stille, einsame, an Flüssen liegende Mühlen, reiche Gärten und Pflanzungen, dazwischen wenig Wald und über die ganze Insel hinlaufende Straßen, alles umsäumt von den tiefblauen Fluten des Indischen Ozeans, so zeigte sich das Gesamtbild, dessen Einzelheiten trotzdem manches Neue und Überraschende darboten, hier einen Käfer, dort eine Ranke oder ein Stück Erz und dann wieder einen bescheidenen Erdwurm, der sich nicht träumen ließ, daß er heute auf seinen Wanderungen einem raublustigen Feinde begegnen werde.

Ein Tag genügte, um diesen Ausflug zu beenden. Schon der nächstfolgende Mittag sah das Schiff wieder auf hohem Meere, der Insel Ceylon entgegendampfend. „Jetzt kommen wir abermals in die Gebiete wilder Völker und wilder reißender Tiere,“ erläuterte Holm. „Da heißt es, die Sorglosigkeit der letzten Wochen abstreifen und bis an die Zähne bewaffnet sein Leben gegen feindliche Angriffe verteidigen. Wo denken Sie die Insel anzulaufen, Herr Kapitän?“

„Im Norden,“ antwortete der alte Seemann. „Landen wir bei Trincomali oder Galle, so sind wochenlange beschwerliche Reisen notwendig, um in das Innere zu gelangen. Auf der Nordseite dagegen, in den großen Bergwäldern, hausen die Veddas; dort ist Tier- und Pflanzenleben sowie das der Bewohner noch ganz ursprünglich, — ich denke, Sie werden Ihre Zwecke in diesen Gegenden am besten erreichen, namentlich was die Jagd betrifft.“

„Für Waffen und Munition ist gesorgt,“ versetzte Holm. „So können wir denn diesmal das Moschustier erlegen und den malabarischen Schakal.“

Die Knaben freuten sich der Aussicht auf die langentbehrte, aufregende Jagd. Sie erzählten dem Malagaschen so viel von den großen Raubtieren und den Pflanzenfressern, welche er nicht kannte, sie zeigten ihm so viele Bilder von Elefanten, Giraffen und Löwen, daß auch er anfing neugierig zu werden und nebenbei Lani-Lamehs Weisheit in Zweifel zu ziehen. Die Erde sei eine große, flache Scheibe, hatte auf Madagaskar der verschmitzte Zauberer seinen gläubigen Zuhörern eingeprägt, und die Insel selbst schwimme als Mittelpunkt des Ganzen in einem großen Wasser. Alles übrige sei wüstes Land, wo nur die Weißen wohnen, die nichts als Schiffe und Bücher besitzen und von Menschenfleisch leben.

Franz zeigte dem Erstaunten einen Globus, erzählte ihm von der Kugelform der Erde, von ihrer Drehung und bezeichnete mit Stecknadeln Madagaskar, Mauritius und Ceylon. Dann ließ er ihn die Bilder großer europäischer Städte sehen und brachte es allmählich dahin, ihm sagen zu können, daß die „Hammonia“ von Hamburg aus ihre Fahrt angetreten habe, um in die Heimat der Aufklärung und allgemeinen Bildung solche Schätze an Naturalien zurückzubringen, wie sie eben nur der tropische Süden besitzt, und wie sie nur gedacht werden können in einem Lande, wo noch Menschen und Tiere im ursprünglichen Wildheitszustande mit einander um die Herrschaft streiten. — Rua-Roa lauschte fast andächtig diesen Belehrungen seines jungen Freundes. Er ahnte nicht, daß für den weißen Knaben selbst bedeutend mehr als für ihn an Erkenntnis daraus hervorging. Franz dachte der Niederlassungen seines Vaters in der Südsee, und wie vielen Hunderten, ja Tausenden von armen Wilden das Haus Gottfried schon bürgerlichen Wohlstand und Erlösung aus der Nacht tiefster menschlicher Unwissenheit in ihre entlegene Inselheimat gebracht. Der Beruf des Kaufmannes war doch ein schöner, großer, war ein Zweig der hohepriesterlichen Sendung, welche nach Gottes Willen der Mensch dem Menschen gegenüber vollzieht, wo immer dem ärmeren Bruder die Hand gereicht und das Fackellicht der Gesittung in früheres Dunkel getragen wird.

Es sind eben der Wege so viele und der natürlichen Anlagen oder Neigungen so mannigfache; Missionar und Naturforscher brechen Bahn; sie bilden die Pioniere der Zivilisation; sie würden aber ganz ohnmächtig bleiben, wenn nicht der Kaufmann mit großen äußerlichen Mitteln nachkäme und den Gedanken bürgerlich geordneter, christlicher und menschenwürdiger Zustände durch Handel und Wandel zur Wirklichkeit erhöbe.

Es war gewiß, daß Franz nicht mehr beabsichtigte, seinem Bruder dereinst den Thron des väterlichen Kontors allein zu überlassen und selbst fortwährend die Welt zu bereisen; im Gegenteil freute er sich mehr denn je auf die persönliche Kenntnis der Samoa-Inseln und spann schon jetzt weitaussehende Pläne, träumte von Schöpfungen, die erst in fernen Jahrzehnten das Licht des Daseins erblicken konnten.

Rua-Roa lernte emsig. Außer seinen regelmäßigen Unterrichtsstunden widmete er sich mit der ganzen Wißbegier eines aufgeweckten Kopfes allen solchen Dingen, die in einem zivilisierten Lande dem Kinde gleichsam unmerklich, mühelos bekannt werden, und Franz war auf allen diesen Gebieten sein treuer Führer. Die Mühe blieb aber auch nicht ohne Lohn; Rua-Roa, nachdem er erfahren, daß das Katzengeschlecht über die ganze Welt verbreitet ist, und daß es so vielfach der Stellung des verhätschelten Lieblingstieres gewürdigt wird, — Rua-Roa nahm eines Tages Murr auf den Arm und schloß Frieden mit dem alten Rattenbesieger, der schon lange Jahre auf anderen Schiffen nach allen Teilen unserer Erde mit Kapitän und Steuermann Reisen gemacht und dem Leben am Lande ganz fremd geworden war. Auch daß seine Amulette als Kuriosität in das Museum wandern würden, und daß der weiße Hahn — eben ein Hahn war wie alle übrigen auch, wußte und erfuhr der Gelbe, aber die Erkenntnis wurde ihm nicht aufgedrängt, und zugleich mit dem besseren Verstehen kam über seine Seele jene Gewißheit des Christen, daß, wenn auch nichts Irdisches ein guter oder böser Geist oder gar übernatürlicher Kräfte fähig ist, so doch selbst das niederste Wesen zum Werkzeuge Gottes wird. Der weiße Hahn hatte durch seine Nähe die augenblickliche Vollstreckung des Todesurteils erfolgreich verhindert, Rua-Roa lernte aber jetzt erst, daß nur dem göttlichen Willen, nicht dem Werkzeug desselben, der Dank des Menschen dargebracht werden darf.

Während der Fahrt gab es hinreichende Arbeit für die jungen Forscher. Denn auf den Felsriffen und in den kleinen flachen Binnenseen, welche die Koralleninseln bildeten, war eine reiche Beute gesammelt, die zum Versand präpariert werden mußte. Die Seeigel und Seesterne hielten sich in einer großen Bütte, die mehrere Male des Tages mit frischem Seewasser gefüllt wurde, in Gesellschaft der Seerosen und vieler Krebse am Leben, und deshalb gelangten zuerst die Schnecken und Muscheln zur Präparierung, von denen einige bereits einen unangenehmen Verwesungsgeruch aushauchten.

„Von den Schnecken gebrauchen wir die Schale und die — Zunge,“ sagte Holm, „das übrige Tier ist nur ein unangenehmer Ballast.“

„Die Zunge?“ fragte Hans.

„Jawohl,“ antwortete Holm, „die Zunge, diese ist das einzige feste Organ im Schneckenleibe. Sie besteht aus derselben harten Masse, die den Panzer der Käfer und anderer Insekten bildet und ist mit vielen Reihen eigentümlicher Zähne besetzt, mit denen sie die Pflanzenstoffe zerreibt, von denen sie sich nährt. Die Schneckenzungen sind sehr verschieden gestaltet, aber die zu einer Gattung gehörenden Arten besitzen in der Zungenbildung stets große Ähnlichkeit, wenn ihre Gehäuse in Farbe, Form und Zeichnung auch noch so sehr von einander abweichen. Die Zungen dienen daher zur Feststellung der einzelnen Arten und sind den Zoologen, welche sich vorzugsweise mit dem Studium der Konchylien beschäftigen, außerordentlich wichtig.“

Die gesammelten Schnecken wurden mitten auf den Tisch geschüttet, alle setzten sich um denselben, auch der Doktor, der eine Pfeife angezündet hatte, um den üblen Geruch der bereits faulenden Meertiere zu mildern. Holm nahm nun eine der Schnecken und zeigte den Knaben, wie man mit einem krummen kleinen Haken aus Eisen im stande sei, den weichen Körper der Schnecken aus ihrem Gehäuse herauszuziehen, wozu freilich Geduld und Geschicklichkeit gehörte, denn er saß oft sehr fest in den engen Windungen der Schale. Sobald der Schneckenkörper frei dalag, machte Holm mit einem scharfen Messer, dem sogenannten Skalpell, einen Einschnitt in den vorderen Teil desselben und konnte dann nach einigem Suchen mittels einer feinen Pinzette einen länglichen, ziemlich zähen Gegenstand herausziehen — die gewünschte Zunge. Nachdem dieselbe in einer kleinen, mit Spiritus gefüllten Schale abgespült worden war, wurde sie in ein Stückchen Papier gewickelt und in das mittlerweile gereinigte und ausgespülte Schneckenhaus gesteckt, das ebenfalls in Papier gewickelt wurde. So kamen denn stets die wichtigsten Teile, Schneckenhaus und Schneckenzunge, zusammen, und eine Verwechselung konnte später nicht möglich sein.

Als sie unter den Schnecken ein schönes Exemplar der Purpurschnecke fanden, sagte Holm: „Nun werde ich euch eine sehr schöne Zunge unter dem Mikroskop zeigen.“ Er legte die dem Schneckenkörper entnommene Zunge auf den uns bereits bekannten Objektträger, brachte einen Tropfen Wasser auf dieselbe und bedeckte sie mit einem Deckgläschen, das er sanft preßte, um die Zunge etwas breit zu drücken. Die Knaben waren erstaunt, als sie bei einer zweihundertfachen Vergrößerung die spitzen Zähne dieser Zunge erblickten und die Regelmäßigkeit wahrnahmen, mit welcher dieselben sich aneinander reihen. Um ihnen den Unterschied zwischen den einzelnen Formen zu zeigen, präparierte Holm in gleicher Weise die Zunge einer Strandschnecke (Litorina). Hier waren die Zähne weniger spitz, dagegen rundlicher geformt als bei der Purpurschnecke, aus der bereits die Phöniker den blauroten Farbstoff gewannen, mit dem sie die berühmten Purpurgewänder färbten.

Da die Zunge der Strandschnecke in natura um vieles größer war, als die Zunge der kleineren Purpurschnecke, so mußte bei gleicher Vergrößerung das mikroskopische Bild derselben auch bedeutend umfangreicher erscheinen.

Nachdem die Schnecken in der angegebenen Weise präpariert, eingewickelt und fest in eine Kiste gepackt und auf einem Zettel die Fundorte bemerkt worden waren, versah Holm das Kollo mit der Adresse, und bei nächster Gelegenheit konnten diese Schätze abgesandt werden.

„Ein wahres Glück, daß diese Arbeit vorüber ist,“ meinte der Doktor, „meine Geruchsnerven haben kein besonderes Gaudium daran gehabt.“

„Unsere Nasen haben sich bald daran gewöhnt,“ rief Franz. „Einem Naturforscher darf es auf solche Kleinigkeiten nicht ankommen.“

Nun galt es, die Seesterne und Seeigel zu konservieren. Aus dem Raum wurden große Glashafen mit eingeschliffenem, breitem Stöpsel gebracht, in denen sich Baumwolle in Gestalt von Watte befand. Diese wurde herausgenommen, dann schichtete Holm abwechselnd Watte und Seeigel in dem Glashafen auf, damit die Geschöpfe mit ihren zerbrechlichen Stacheln, die oft den Durchmesser des Rumpfes um das vierfache übertrafen, unbeschädigt blieben. Als dies geschehen, füllte er den Hafen mit starkem Spiritus, setzte den Stöpsel ein und verband denselben mit angefeuchteter Blase, um das Verdampfen des Spiritus zu verhüten. In derselben Weise wurde mit den Seesternen und den vielen Krabben- und Krebsarten verfahren.

„Aha,“ sagte Hans, „nun begreife ich auch, warum der Affe teilweise Rum erhielt, denn ohne diese Vorsichtsmaßregel hätten wir nicht genügend Spiritus gehabt, und diese prachtvollen Naturalien wären uns verdorben.“

„Man kann eben nicht haushälterisch genug mit solchen Dingen sein, die in der Wildnis gar nicht zu erlangen sind,“ entgegnete Holm. „Unsere Reise würde nur zur Hälfte ihren Zweck erfüllen, wenn wir nicht im stande wären, die gesammelten Seltenheiten zu konservieren.“

Holm zeigte den Knaben die merkwürdigen Greiffüße der Seeigel unter dem Mikroskop. Diese Füßchen gleichen kleinen, inwendig gezähnten Dreizacken und sitzen auf der kugelförmigen Oberfläche der Seeigel in großer Anzahl. Faßt nun ein solcher Greiffuß ein winzig kleines lebendes Wesen, so gibt er es seinem Kollegen, der es wieder weiter gibt, wie ein Eimer in der Kette der Löschmannschaften von Hand zu Hand geht, bis es von Fuß zu Fuß nach dem an der Unterseite des Tieres liegenden Mund gelangt, in den es als gute Beute spaziert. Man kennt von den Seeigeln über 200 lebende Arten und gegen 1500 Arten versteinerter aus früheren Perioden unserer Erde. Oft werden dieselben im Sande, namentlich aber in der Kreide gefunden.

Aus der großen Riesenmuschel, der Tridacee, wurde der weiche Körper ausgelöst, wie eine Auster aus ihrer Schale. Da sie fest und unzerbrechlich war, wurde sie im Raum der „Hammonia“ festgestaut, wie jedes andere Kollo; ihretwegen brauchte sich niemand Sorge zu machen.

Siebentes Kapitel.

Die Reise nach Ceylon wurde schnell und glücklich beendet; man fuhr am Hafen von Galle und an dem von Kolombo vorüber bis zur äußersten Nordspitze, die freilich nur eine Landung im Boot gestattete. Dafür versprach aber auch der gänzliche Mangel an Kultur und an irgend einem gebahnten Wege die beste Jagdbeute. Vor der Hand mußte man sich ohne Führer behelfen; die Küste war flach und stark mit Sandsteinstrecken versetzt, dazwischen aber lagen schöne, fruchtbare Thäler und ragende Wälder, in denen Palmen von unglaublicher Höhe und zu vielen Tausenden alles andere gleichsam als nebensächlich erscheinen ließen. Stämme von dreißig bis vierzig Meter waren die unbedeutendsten und bildeten das, was in einem deutschen Walde Unterholz heißt, hier noch mit einer Fülle von Sträuchern und Ranken jeder Ausdehnung um den Platz streitend.

Da keine Pferde zu haben waren, marschierte der kleine Zug auf Schusters Rappen in die grüne Wildnis hinein. Jeder Mann hatte seine Wolldecke, seinen Leinensack mit Lebensmitteln, Korbflasche, Pulverhorn, Schrotbeutel und Messer bei sich, und war außerdem mit mancherlei Kleinigkeiten zum Verschenken, mit etwas Branntwein und ein paar kleinen Taschenpistolen, sowie mit Feuerzeug und Wachskerzen versehen. Der Doktor, Holm, zwei Matrosen, die Knaben und Rua-Roa bildeten einen wohlausgerüsteten Entdeckungszug. Sie wollten womöglich die Insel quer durchschneiden, zuerst das Tiefland kennen lernen und dann die Gebirgspartie. Etwa vier bis sechs Wochen waren für diese Reise in Aussicht genommen.

Schon gleich nachdem die ersten tausend Schritte zurückgelegt, entfaltete sich das bunteste, einheimische Tierleben. Auf den unscheinbaren Blüten der Zimtpflanze wiegten sich große, ganz weiße Schmetterlinge; Papageien und Nashornvögel bevölkerten das Dickicht, schlanke Genettkatzen glitten wie Schatten in einiger Entfernung vorüber, und Stachelschweine in beträchtlicher Anzahl lagen faul zusammengerollt unter Blumen. Es waren dies die echten, in Deutschland fehlenden mit den schöngefärbten, großen Stacheln, die auch in allen Häfen der Insel von den Eingebornen zum Verkauf ausgeboten werden; unsere Freunde töteten daher sogleich zwei der schönsten Exemplare, um sich ihrer Stacheln zu bemächtigen; die Jagd nahm so recht frei und unbeschränkt wieder ihren Anfang; alle Herzen schlugen froher, die Gefahr schärfte alle Sinne und lockte mit geheimnisvollem Zauber.

Es ist äußerst angenehm, sich nach bestandenem Abenteuer schwelgend in Sicherheit und Fülle aller Naturreize ausruhen zu dürfen, aber dennoch hat auch der Kampf um neue Güter, neue Genüsse sein unendlich Verführerisches. Wer nichts einsetzt, der kennt auch nicht das Hochgefühl des Sieges, wer nicht mit Mühe errang, der erfährt nie die echte Freude des Besitzes. —

Auf jedem Schritt wurden Schätze entdeckt, und als man sich zum ersten, durch manche frischgepflückte Frucht noch verschönerten Mahl ins Grüne setzte, da schmeckte allen die gewohnte derbe Schiffskost wie etwas ausgesucht Feines. Würziger Hauch wehte über all diese Blütenpracht dahin, Vögel sangen in den Zweigen und große Käfer schlüpften durch das Gras. „Nur entsetzlich viel kriechende Tiere scheint es zu geben,“ meinte Franz, „ich fühle das Krabbeln am ganzen Körper.“

„Ich auch!“ rief der Doktor. „Aber merkwürdig, in der Luft fliegt nichts.“

„Die Bestien stechen!“ mischten sich jetzt zugleich Holm und Hans in diese delikate Unterhaltung. „Ich glaube, auf meinem Rücken allein sitzt ein ganzes Schock.“

Rua-Roa griff unter die weiten Falten seiner Leinenjacke und brachte dann die fünf Finger ziemlich durchnäßt wieder hervor. „Blut!“ sagte er voll Erstaunen.

Alle andern waren bereits beschäftigt, Stiefel und Röcke abzuwerfen; das Brennen in der Haut wurde unerträglich, das Krabbeln wie von tausend kleinen Füßchen reizte ärger als der stärkste Schmerz. Nachdem Franz die Schulter entblößt, zeigten sich nicht weniger als Hunderte von ganz dünnen, an Größe einer länglichen Wanze gleichenden, schwarzbraunen Würmern; alle diese häßlichen Geschöpfe hingen am Körper des Knaben wie — Blutegel! was sie thatsächlich auch waren. Sobald einer gewaltsam entfernt wurde, quoll das Blut aus der Wunde.

Holm lachte. „Rückwärts! Rückwärts, Don Rodrigo!“ rief er lustig, „hier heißt es Fersengeld geben, hier hilft nur das Hasenpanier zum Siege. Nehmt alles, was wir besitzen, und laßt uns aus dem Gebiet der Sandegel so schnell als nur möglich dort hinab an das Ufer flüchten. Die schwarzen Gesellen leben, wo sie einmal sind, zu Myriaden, abschütteln kann man sie nicht.“

„Am besten ist es, wir baden uns,“ rief Franz. „Das Brennen macht ganz ungeduldig.“

„Und wie die Dinger anschwellen! sie saugen uns leer, wenn wir es gestatten.“

Die ganze kleine Gesellschaft machte sich auf und trug Lebensmittel und Gepäck zum Flußufer, wo Holm den Boden, nachdem er ihn untersucht hatte, für frei erklärte. Und dann umspülte das frische Wasser die brennenden Hautwunden, während jedesmal drei von den Männern Wache hielten, und drei die festgeklammerten Egel zum Ertrinken zwangen. Das war ein Aderlaß in aller Form, sogar die Hemden mußten gewaschen und zum Trocknen auf die nächsten Büsche gehängt werden; dennoch erregte das kleine Abenteuer auch allgemeine Heiterkeit, es bildete den Anfang zu neuen Erlebnissen; daher mußte es mit in den Kauf genommen werden, wenn selbst ein wenig Blut geflossen war.

An den Ufern zeigten sich scharenweise die schönen roten Flamingos; Hasen eilten mit den bekannten langen Sätzen über das Flachland dahin, weiße Kakadus wiegten sich auf den Palmen, überall lagen Kokosnüsse reif am Boden, Pfefferpflanzen kletterten von Stamm zu Stamm. Undurchdringliche Dickichte zwangen die Wanderer zum Umkehren. Hierher mochten nur selten Menschen gekommen sein, keine Spur eines Weges ließ sich erkennen, nichts deutete auf die Nähe einer Ansiedelung, mehr als einmal dagegen drang das ferne Brüllen des Tigers zu den Ohren der Weißen, oder stampfte im Galopp eine Büffelherde vorüber, aufgescheucht durch das Erscheinen menschlicher Wesen in ihren Weidegebieten, Hunderte an der Zahl, ziemlich klein und gedrungen, aber von wildem, bösartigem Aussehen. Die Jäger gingen solchen herankommenden Herden aus dem Wege, um nicht angegriffen zu werden; einen der Nachzügler aber schossen sie aus dem Hinterhalt und schnitten einen tüchtigen Braten ab, der abends am mitgebrachten Spieß geröstet werden sollte.

An einer passenden Stelle, wo überhängende Zweige ein dichtes Dach bildeten, wo eine Quelle sprudelte und der Rücken durch eine Felswand gedeckt war, wurde Halt gemacht. Zelte von Leinen, bequem und ohne Regelmäßigkeit zwischen den Bäumen ausgespannt, ein von Kriechtieren gesäuberter Boden und ein paar Wolldecken gaben unter dem milden Himmel ein prächtiges Nachtlager, während vor den Zelten ein Feuer hell und behaglich aufloderte. Das Büffelfleisch wurde am Spieße gebraten, frische Früchte gepflückt und dann ein Nachtessen eingenommen, so köstlich wie nur Jäger im grünen Walde es kennen. Der Rücken war gedeckt, ein feindlicher Angriff nicht möglich, ohne im voraus bemerkt zu werden; das Wetter hatte sich von heißer Mittagsglut zu linder Wärme herabgestimmt, Mücken spielten in der klaren Luft, und auf den Zweigen saßen große, rote Papageien, die neugierig mit schiefgehaltenen Köpfen herabsahen. Jene große Gattung, deren Rücken in Purpur und Blau schimmert, wechselte mit dem schneeweißen Kakadu und dem kleineren, rosa überhauchten Verwandten; Gesellschaftsvögel flatterten dazwischen, und auch den schönen Nashornvogel von der Westküste Afrikas sahen die Reisenden hier wieder. Nur die Affen fehlten, und dadurch ging ein großer Teil der sonst gewohnten Unterhaltung verloren.

Franz und ein Matrose hatten den ersten Teil der Nachtwache übernommen, die anderen schliefen in den Zelten. Fast Tageshelle lag auf der Umgebung, in weitem Blau schimmerten die Sterne, lächelnd sah der Vollmond herab auf das farbenprangende Landschaftsbild; leise flüsternd unterhielten sich der Matrose und der Knabe von Hamburg, ihrer beiderseitigen Heimat, — da knisterte es seitwärts in den Zweigen, so daß die Aufmerksamkeit der jungen Leute erregt wurde. Was würden sie sehen? — Einen Tiger? — Wilde? —

Aber nein. Es waren die zierlichen, schöngefleckten Axishirsche, welche hier in ganzen Trupps an die Quelle kamen, um zu trinken. Schlank wie Rehe, mit großen sprechenden Augen, das Geweih zurückgeworfen, zeigten sie sich dem überraschten Blick, ebensowenig furchtsam wie die Papageien, ebensowenig gewöhnt, Menschen in ihren Wäldern zu sehen wie diese. Fast bis auf sechs oder zehn Schritte kamen sie heran, kleine Kälbchen liefen neben den Müttern, ein Bock mit mächtigem Geweih schien der Anführer des Zuges zu sein.

„Wir wollen nicht schießen, Maat,“ raunte Franz. „Fleisch für morgen ist ja noch genug vorhanden, — es wäre schade um die hübschen Tiere.“

„Hm, hm, junger Herr, da ist nur eins zu bedenken!“

„Und das wäre?“ forschte der Knabe.

„Wenn nun diese Stelle hier am Wasser ein Trinkplatz ist? Wenn noch mehr und vielleicht nicht so harmlose Tiere herkämen?“

Noch während er sprach, erdröhnte von fern die Erde, als wenn eine reitende Batterie darüber hinwegeilte. Ein heller, trompetenartiger Ton klang durch die Luft, Zweige brachen und knackten, von der anderen Seite des schmalen Wasserarmes her kamen aus dem Walddunkel graue Riesengestalten hervor, ungeheure Kolosse trabten heran, dazwischen kleinere bis herab zu kaum dreitägigen und neugeborenen Rüsselträgern. Etwa dreißig Elefanten standen am Quell und löschten ihren Durst.

Die Axishirsche nahmen von dieser Nachbarschaft keinerlei Notiz, sie lagerten sich vielmehr in ungestörter Ruhe am Uferrand, die Jungen tranken nach Herzenslust an den Zitzen der Mütter, und die Alten benagten spielend, in der Fülle des Gebotenen schwelgend, die üppigen Grasspitzen ringsumher oder die blütenschweren Ranken, welche von den Bäumen herabhingen.

Franz kroch lautlos in das Zelt und weckte die anderen. Ein zugleich so friedliches und so großartiges Bild wurde dem Blick vielleicht nicht zum zweitenmale geboten, eine Herde von Elefanten sah man nicht alle Tage.

Rua-Roa schien bei dem Anblick der Kolosse im ersten Schrecken entfliehen zu wollen. Er ließ sich gar nicht überzeugen, daß die trompetenden Dickhäuter ohne Menschenfleisch zufrieden sein könnten, und etwas wie eine Erinnerung an Angatsch den Bösen und alle seine Tücke zog wieder durch das halbzivilisierte Gemüt. „Schieße nicht!“ bat er beklommen, „schieße nicht. Wer weiß, was sie im Schilde führen?“

Holm lachte. „Hast du die Bilder von Elefanten, welche wir dir gezeigt, gänzlich wieder vergessen, Junge? Glaubst du, daß uns der Anblick dieser Tiere überrascht?“

Der Malagasche errötete. „Aber du könntest doch den großen Körper nicht fortbringen, Herr, auch wenn du ihn getötet hättest,“ versetzte er ängstlich.

Holm schwankte. „Einen dieser prachtvollen Stoßzähne würde ich doch außerordentlich gern erbeuten! — was meinst du, Franz?“

„Wir schleichen bis zu den drei Tamarindenstämmen, Karl, da! zu denen, die ganz dicht neben einander stehen,“ flüsterte eiligst der Knabe. „Es kann uns in dies Versteck kein Elefant nachkommen, — die anderen mögen auf Bäume klettern.“

„Ich will mit Ihnen,“ nickte der Matrose. „Ihr Gedanke ist gut.“

Als der Malagasche sah, daß keine Gegenrede den Jagdeifer der Weißen erschüttern konnte, nahm er schnell seine Kugelbüchse und kroch durch das Unterholz den Vorangegangenen nach, während der Doktor und Hans in einiger Entfernung Posto faßten, um nötigenfalls den wütenden Riesen von anderer Seite bekämpfen zu können. Der zweite Matrose blieb vor den Zelten im Anschlag liegen.

Die Axishirsche hatten ihre schönen, schlanken Köpfe gedreht und horchend einen Augenblick lang Miene gemacht zu entfliehen, dann aber, als sie niemand sahen, kehrte die frühere Ruhe zurück; ein leichter Wind strich spielend über ihre Stirnen dahin, sie schnupperten sorgfältig, — nichts Verdächtiges störte den Frieden ringsumher.

Holm und Franz drangen vor bis an die Gruppe von Arekapalmen und Tamarinden. Hier inmitten von wenigstens zehn Stämmen waren sie gegen den Zorn der Elefanten vollkommen geschützt.

Rua-Roa fühlte sich etwas beklommen; er tastete unruhig wie in halber Zerstreutheit an derjenigen Stelle seiner Brust, wo früher die schützenden Amulette zu hängen pflegten. Sein Blick durchdrang spähend die grünen, blütengeschmückten Umgebungen.

„Der da!“ raunte Holm, „der große, rechts von den beiden Kälbern. Die Zähne sind wahre Prachtexemplare.“

Er legte an, schon zuckte der Finger zum Drücker des Gewehres, da berührte die Hand des Malagaschen seinen Arm. „Ein Kopf, Herr, ein gelbes Tier! — siehst du nicht dort die funkelnden Augen?“

Holm ließ das Gewehr sinken. „Gelb?“ fragte er rasch, „wo denn? — Ach, bei Gott, ein Tiger!“

Gleich einem Blitz schoß die Raubkatze im Sprunge über das Gebüsch dahin. Wenigstens sechs Meter durchmaßen die geschmeidigen Glieder, der lange Schweif flog hinter ihm durch die Luft, ein mißtönendes Geschrei erschreckte die Tierwelt ringsumher. Gleich Schatten waren die Hirsche entflohen, kreischend und flatternd verbargen sich die Papageien im Gezweig. Der Tiger hatte ein junges Elefantenkalb zum Opfer ausersehen, sein plötzlicher Überfall warf das wehrlose Tier zu Boden, er biß mit den gewaltigen Zähnen in die Kehle des Halberstickten, jammervolles Klagegeschrei erfüllte die Luft, Ströme von Blut rannen über das Gras dahin.

Die alten Elefanten schienen indessen keineswegs gesonnen, den Räuber ihres Kleinen ungestraft entkommen zu lassen. Ihr Gebrüll widerhallte an den fernen Bergwänden, wütende Angriffe mit dem Rüssel hoben in diesem Augenblicke den Tiger hoch in die Luft empor, um ihn am Boden zu zerschmettern, im nächsten hatte er sich durch sein scharfes Gebiß befreit und hing jetzt als der Stärkere buchstäblich mit den Zähnen im Fleische eines Elefanten. Dieser ungleiche Kampf des Einen gegen so viele konnte indessen nicht von langer Dauer sein. Der Tiger wehrte sich wie ein Verzweifelter, auch sein Blut floß, die rote Zunge hing lechzend aus dem Rachen hervor, der Schweif peitschte den Boden, heiser und immer heiserer klang das wütende Gebrüll. Die Elefanten traten ihn, ihre Stoßzähne bohrten sich in seinen Leib, sie warfen ihn von einer Stelle zur anderen und wichen dann selbst schäumend vor Wut zurück, wenn ihre empfindlichen, weichen Rüssel die Kraft seiner Bisse fühlten.

Besonders den großen, alten Elefanten, ein Männchen mit gewaltigem Kopfe, hatte er bös zugerichtet. Der Koloß zeigte zerfetzte Ohren, aus dem Rüssel waren große Stücke Fleisch gerissen und an manchen Orten hing die Haut, von den Pranken der Raubkatze erfaßt, in Lappen herab. Das Tier brüllte vor Schmerz, die ganze mächtige Gestalt schwankte, der Kopf triefte von Blut, aber dafür wurde ihm auch die Genugthuung, seinen Feind jetzt völlig besiegt zu sehen. Der Tiger lag, zum formlosen Klumpen zertreten, unter den Füßen der grauen Kolosse; er atmete nicht mehr, das schöne Fell war bis zur Unkenntlichkeit besudelt und zerstampft, alle Rippen zerbrochen und der Kopf zerquetscht.

Neben seinen verstümmelten Überresten lagen die des getöteten Elefantenkalbes, und nach allem Toben, allem Kampf der letzten Viertelstunde war es traurig zu sehen, wie sich die Mutter des kleinen Geschöpfes bemühte, es wieder in das Leben zurückzurufen. Sie beroch und betrachtete es, versuchte mit dem Rüssel seinen Kopf aufzuheben und emporzuziehen. Als alles vergeblich war, stieß das Tier mit zurückgelegtem Kopfe ein erschütterndes Klagegeschrei in die Luft hinaus, so ganz anders wie das Wutgebrüll der Männchen, so trostlos und gramvoll, daß es die Herzen der zuhörenden Männer rührte. Diese beraubte Mutter schrie nach ihrem Kinde, alle verstanden den Ton, alle gönnten es dem Tiger, daß er für seine Unthat bestraft worden war.

„Und doch hat auch er vielleicht Junge im Nest, denen er Futter zutragen wollte,“ sagte endlich wie in Beantwortung seiner eigenen Gedanken der junge Gelehrte. „Krieg ist das Losungswort der Tierwelt, eine Gattung immer die Bekämpferin der anderen. — Jetzt aber wollen wir, als die vornehmsten, mit den stärksten Waffen versehenen Räuber, doch dem alten Herrn da den Garaus machen. Der Tiger hat uns bestens vorgearbeitet.“

Er zielte nochmals, und die schwere Kugel drang dem Elefanten in das Auge, um ihn auf der Stelle zu töten. Die Erde dröhnte, als er fiel.

„Ah! — die beiden Stoßzähne hätten wir sicher.“

Holm wollte sogleich aus dem Versteck hervortreten und sich seiner Beute bemächtigen, aber der Matrose warnte ihn vor der bekannten Hinterlist der Elefanten, weshalb er wartete, bis sich die großen Tiere, erschreckt durch mehrere ihnen zugesandte Schüsse, endlich entfernt hatten. Die Walstatt selbst bot einen furchtbaren Anblick. Überall war die Erde fußtief aufgewühlt, Lachen von gerinnendem Blut füllten die tieferen Stellen, Gebüsche und schwächere Baumstämme lagen zertreten, Ranken zerrissen und Blumen geknickt. Dazwischen die zermalmten Tierleichen, — so fanden Holm und Franz das Gesamtbild, als sie mit den anderen kamen, um die Stoßzähne des großen Elefanten herauszubrechen. Das Handbeil des Matrosen leistete dabei die besten Dienste, es gelang über alles Erwarten gut, und schon waren die Jäger im Begriff, den Rückweg zu ihren Zelten anzutreten, als von einiger Entfernung her ein leises Wimmern oder Pfeifen die nächtliche Stille durchdrang. Es hörte sich an, als weine ein kleines eigensinniges Kind, oder wie Katzengeschrei.

Alle horchten. Da klang es nochmals. Ein größeres Tier konnte es unmöglich sein.

Die ganze Gesellschaft ging dem Schall nach. Im Widerspruch mit den Gewohnheiten wilder Geschöpfe verstärkte sich bei dem Näherkommen der Männer das Wimmern, es tönte deutlicher und immer deutlicher, bis zuletzt Franz als der erste im Zuge seitwärts vom Wege ein Nest aus dürren Halmen entdeckte und darin zwei junge Tiger, die, kaum größer als Ratten, vielleicht erst seit dem gestrigen Tage lebten und sich ängstlich verkrochen, als der Knabe in ihren Schlupfwinkel sah. Bei der ersten Berührung versuchten die zahnlosen Mäulchen zu beißen.

„Richtig so wie ich mir dachte,“ nickte Holm. „Die säugende Mutter hat es, vom Hunger getrieben, gewagt, das Elefantenkalb inmitten seiner Herde anzugreifen und ist dabei der Übermacht erlegen. Was fangen wir an mit diesen kleinen Schreihälsen?“

„Totschlagen!“ entschied der Doktor. „Sie können dann keinesfalls mehr schaden.“

„Es ist auch barmherziger, sie auf einen Schlag zu töten als dem langsamen Verhungern auszusetzen,“ meinte der gutmütige Hans.

„Ich will euch etwas sagen,“ rief Franz. „Morgen müssen uns doch höchstwahrscheinlich Eingeborne begegnen, denen zeigen wir das Nest. Halberwachsene Tiger werden von den Hamburger und Londoner Tierhändlern bis zu tausend Thalern bezahlt.“

„Topp!“ versetzte Holm. „Das klingt vernünftig. Selbst zum Ausstopfen sind die Dinger noch zu klein, — wir können für unsere Zwecke nichts damit anfangen.“

Die Richtung und Entfernung von der Quelle wurde nun genau festgestellt, die Elefantenzähne wie Gewehre geschultert und der Rückweg angetreten. Holm und Rua-Roa bezogen die Wache, später von Hans und dem zweiten Matrosen abgelöst, und kein weiteres Ereignis störte den Schlaf, der bis zum hellen Morgen dauerte.