WeRead Powered by ReaderPub
Das Naturforscherschiff / oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. cover

Das Naturforscherschiff / oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Chapter 5: Drittes Kapitel.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A pair of young merchants' sons embark with scientific mentors on a multi‑year global voyage aboard a newly built Hamburg steamer devoted to natural history. The account traces coastal and inland journeys in West Africa, island voyages through the Indian and Pacific Oceans, and a visit to Australia, interspersed with hands‑on scientific exercises, specimen collecting, and field photography. Episodes range from hunting, fishing, storms, and shipwrecks to encounters with diverse peoples, tribal conflicts, and rescues, alongside frequent confrontations with large and dangerous wildlife. The narrative emphasizes exploration, practical natural‑history work, interpersonal solidarity, and survival, closing with a return passage via the Suez and reunion at home.

S. 50.

Der „Uralte der Gewässer“.
„Es war aber ein sonderbarer, fast schauerlicher Tanz, dem der Ausdruck des Entsetzens in den schwarzen Zügen eigentümlich widersprach!“

Der Neger, welcher vorhin getanzt hatte, lag jetzt neben den übrigen im Sande, aber nicht ohne fortwährend seine Beschwörungsformeln zu murmeln und die Hände über den Kopf zu erheben. Das Wort „Abosam“ (Teufel) wiederholte sich häufig, der Ton aller dieser Worte verriet die innerste Herzensangst.

„Das Tier ist nur leicht verwundet!“ rief Holm. „Wir müssen auf die Augen zielen. Feuer.“

Eine zweite Ladung von Kugeln traf den Dickhäuter, zugleich aber trieben die Wellen, durch das Stampfen und Toben des wütenden Flußpferdes in Bewegung gebracht, den Kahn bis in die tiefere Mitte des Wassers. Der getroffene Koloß, halb und halb schon taumelnd im letzten Kampfe, brüllend vor Schmerz und Wut, näherte sich mit ungestümer Bewegung dem Boote und packte von oben und unten den Rand desselben. Die gewaltigen Hauer schlugen tief in das Holz hinein, die breite Brust hob wie einen Strohhalm das Fahrzeug empor und warf es samt allen seinen Insassen mit solcher Macht in das Wasser, daß dieses hoch aufspritzte und im zischenden Strudel das Boot weit hinausschleuderte. Kieloberst schaukelte es im Schilf, — von den Weißen war keine Spur mehr zu sehen.

Das Flußpferd taumelte, machte Schritte nach rechts und links, schüttelte den Kopf wie in unerträglichem Leiden und fiel schwer zurück in das Schilf. Nur halb vom Wasser verborgen, lag es tot und regungslos da. Die Neger verbargen noch immer ihre Gesichter.

Mitten im Wasser arbeitete und kämpfte es, ein Kopf kam zum Vorschein, — Franz sah aus den Fluten hervor. „Helft doch!“ rief er mit lauter Stimme, „um des Himmels willen, so helft doch! Wollt ihr denn um eurer unsinnigen Furcht willen andere Menschen ertrinken lassen?“

„Hierher, Franz!“ rief hinter dem Knaben der junge Gelehrte. „Faß an.“

Er hatte sich halben Leibes aus dem Wasser herausgearbeitet und hielt in seinen Armen den jüngeren Knaben. „Ach, das ist gut, Hans kommt schon wieder zu sich! — Jetzt rasch, damit wir unseren alten Freund noch rechtzeitig finden.“

Er hob den taumelnden Knaben an das Ufer, und nun begann auf dem Grunde des Flusses die eifrigste Nachforschung, der sich auch binnen wenigen Augenblicken sämtliche Matrosen anschlossen. Es war allen gelungen, die Oberfläche zu erreichen, nur Doktor Bolten allein mußte, vielleicht vom Schilf zurückgehalten oder von einer Ohnmacht ergriffen, dem Anschein nach als verloren gelten. Selbst sein Körper konnte nicht entdeckt werden.

Die Neger hockten im Kreise um den gefallenen „Uralten“ ihrer Flüsse. Sie sprachen mit ihm, sie betasteten vorsichtig seinen großen Kopf und schlugen mit Binsen auf die dunkel gefärbte, haarlose Haut, ohne sich im mindesten um das Geschick der Fremdlinge zu bekümmern. Als sie sich überzeugt hatten, daß das Leben des Gefürchteten entflohen sei, faßten sie sich wie Kinder an die Hände und begannen einen Freudentanz, wobei sie sich abwechselnd auf den Rücken warfen und in rasender Eile herumwirbelten. Sowohl ihre Jagdbeute als auch die Feuerwaffen der Weißen waren vergessen, — nur daß der Abkömmling Abosams tot vor ihnen dalag, schienen sie zu begreifen.

Die Stimme des Matrosen rüttelte sie auf. „Wollt ihr gleich Hand ans Werk legen, ihr schwarzen Teufel!“ rief er. „Wir vermissen noch einen Mann, helft uns ihn wiederfinden.“

Die Neger drängten sich schnatternd zusammen, und nach kurzer Beratung trat der, welcher ihr Anführer zu sein schien, vor. „Ob die Weißen den Körper des getöteten Tieres herausgeben und darauf keinen Anspruch machen wollten?“ fragte er zögernd.

„Alle fünfhundert Peitschen, die ihr aus dem Fell schneiden könnt, sollen euch auf dem schwarzen Rücken tanzen, wenn ihr nicht zugreift!“

Diese kräftige Ermunterung genügte, um alle Unverschämtheit in Respekt zu verwandeln. Die ebenholzfarbigen Männer tauchten unter das Wasser wie Enten, oder schwammen dem Boote nach, holten vom Grunde die Ruder und Gewehre herauf und suchten emsig den Körper des offenbar Ertrunkenen. Ehe mehrere Minuten vergingen, brachten sie den ganz von Schilf und Wasserpflanzen umstrickten Körper an die Oberfläche. Doktor Bolten hatte allem Anschein nach aufgehört zu leben.

Die Schreckensrufe der Knaben unterbrachen das lastende Stillschweigen; einer nach dem andern versammelten sich alle, Matrosen, Neger und die Reisegefährten selbst, um den unglücklichen, seinen Freunden so teuren Mann, auch Hans schlich herzu, obgleich er sich selbst kaum auf den Füßen halten konnte. Niemand dachte an die Gefahr der Lage, an die durchnäßten Schießwaffen und verlorenen Lebensmittel, sondern aller Augen verfolgten gespannt und ängstlich die Bemühungen Holms, der nun den Ertrunkenen nach ärztlicher Weise zu behandeln begann. Zuerst legte er unter Beistand der Matrosen den Körper auf Bauch und Gesicht, um das eingedrungene Wasser herausfließen zu lassen, und dann brachte er seinen Mund an den des anderen, fortwährend aus allen Kräften in die unthätigen mit Blut überfüllten Lungen Luft hineinblasend, während zugleich Franz die inneren Handflächen rieb, und ein paar Neger die entblößten Füße mit Nesseln peitschten. Aber trotz aller dieser vereinten Bemühungen dauerte es lange Zeit, bevor der Verunglückte die ersten Lebenszeichen gab; man verbrachte eine angstvolle halbe Stunde und fing schon an, die Sache als hoffnungslos fallen zu lassen, da endlich kehrten Wärme und Atem zurück, die Lippen bewegten sich, und ein Schauer durchlief den ganzen Körper. Es galt jetzt nur noch, die gesunkenen Kräfte des alten Mannes durch einige stärkende Nahrungsmittel wieder zu beleben und ihn, ehe das Bewußtsein erwachte, wenigstens in trockene Gewänder zu hüllen.

Da das Negerdorf etwas weiterhin unmittelbar am Flußufer lag, so wurde langsam der Weg dorthin fortgesetzt. Einige Schwarze blieben bei den erlegten Tieren zurück, die anderen ruderten, und nach wenigen Minuten war die kleine Niederlassung erreicht. Mitten im Walde belegen, nur aus einer geringen Anzahl von Hütten bestehend, zeigte sie sich als das Bild trostlosester Armut. Zwischen Pfützen und Lachen, in denen sich Schweine mit verschiedenem Geflügel einträchtig tummelten, sah man die spitzen Rohrdächer der Wohnungen oft an mehreren schwankenden Pfählen befestigt, ohne daß zwischen diesen letzteren irgend eine Wand zu entdecken gewesen wäre. Wie alle Negerhäuser etwas über dem Erdboden belegen, also Pfahlbauten, hatten sie einen dürftigen Bambusfußboden und ein paar Matten zur Lagerstatt, weiter nichts; nur die allerwenigsten zeigten feste Wände.

Frauen und Kinder liefen den Ankömmlingen entgegen, hundert Stimmen sprachen zugleich; das gutmütige Völkchen brachte den schrecklichen Kaffee der Kolanuß sowie den Branntwein, welcher vielfach in tropischen Ländern aus den Wurzeln einer Pfefferart gewonnen wird, kurz die schiffbrüchigen Fremdlinge wurden außerordentlich gastfrei aufgenommen, und als endlich der langsam Erwachende in Matten gehüllt sicher gebettet lag, als Holm erklärte, daß nun alle Gefahr vorüber sei, da kehrte bei den Knaben das Vergnügen des Abenteuers, das Verlangen, sich die Negerhütten näher zu besehen, mit Macht wieder in die Herzen zurück. Sie mußten ja ohnehin die nassen Kleider am Körper trocken laufen und spürten auch infolge des kalten Bades einen Hunger, der ihnen nur durch die Gastfreundschaft der Schwarzen gestillt werden konnte. „Gib acht,“ flüsterte Franz, „man setzt uns Affenbraten vor, — ich habe das bei den Gallinas erlebt.“

So wohl sollte es indessen den jungen Naturforschern nicht werden. Als die ganze ausgehungerte Schar so plötzlich über das arme kleine Dorf herfiel und vor allen Dingen essen wollte, da erschien auf den großen, grünen Blättern, welche Teller und Tafeltuch zugleich vertreten mußten, ein Gericht, das sämtliche Deutsche dem Aussehen nach für geschnittenen weißen Kohl hielten, und das in einer Art von Pfanne auf offenem Feuer vor den Hütten geschmort worden war. Franz roch daran, „Essig gibt’s hier nicht, — schade!“

Der Matrose hob ein paar Fäserchen von seinem Blatt empor. „Das sieht mir aus wie Mückenbeine!“ sagte er bedenklich. „Hm, hm, auf dem Halm oder sonst aus irgend einer Wurzel heraus ist die Geschichte nicht gewachsen.“

Hans schauderte. „Sie meinen doch nicht, daß es Tiere sind, Maat?“

„Sehen Sie einmal dahin, junger Herr! Rechts auf Ihrem Teller lebt das Gericht noch und will eben jetzt mit geknickten Beinen Reißaus nehmen, — Heuschrecken, sage ich Ihnen, leibhaftige Heuschrecken.“

Und so war es wirklich. Zu Tausenden auf dem Felde eingefangen, wurden diese Tiere von den Wilden zwischen zwei flachen Steinen zermalmt und mit etwas Fett und Gewürz einige Augenblicke lang der Hitze ausgesetzt. Daß dabei das eine oder andere arme Geschöpf nur halb getötet worden und noch lebend und zappelnd in die Glutpfanne gelangt war, — nun das ließ sich nicht ändern. Es schmeckte auch roh gut, wenigstens verspeisten die reichlich umherspielenden Kinder mit Behagen jedes Insekt, das ihnen über den Weg lief.

Den Deutschen war der Appetit gründlich vergangen. Etwas anderes als das graugrüne, unangenehme Gemisch vor ihnen gab es in dem Negerdorf nicht, was blieb daher übrig, als zur Unglücksstätte zurückzufahren und ein tüchtiges Stück Fleisch des erlegten Dickhäuters herbeizuholen? Gedacht, gethan! Zwei Matrosen mit den Knaben ruderten wieder stromauf, während die beiden anderen bei den durchnäßten Gewehren Wache hielten und dieselben so gut als es ging von dem eingedrungenen Wasser reinigten. Als die Abgesandten mit einem tüchtigen Braten beladen wieder anlangten, wurde ein starkes Feuer entzündet, Pfefferkörner und Salz mit einigen frischen Lorbeerblättern, einer Zwiebel und einer Menge grüner Bohnen, die reichlich rings umher wuchsen, zum Feuer gesetzt und das abgewaschene Fleisch hinzugethan. Ein Matrose spielte den Koch und gab ganz ernsthaft den übrigen seine Befehle. „Sie, junger Herr, pflücken Sie gefälligst ein paar reife Melonen, die ich dort in großer Menge wachsen sehe, und Sie, besorgen Sie für die Gesellschaft einige Teller! Flache Steine wären mir aber bei meiner armen Seele lieber als Blätter, denn ob das Fleisch sehr mürbe werden wird, steht einstweilen noch dahin, — wir müssen es vielleicht nachdrücklich mit dem Messer bearbeiten. So, jetzt wäre die Hauptsache gethan. Im Fall es ein Schweinebraten sein sollte, müssen wir uns Zwiebel und Lorbeer, im Fall es ein Pferdebraten ist, die Bohnen hinwegdenken. Ein weiser Haushalter bereitet sich vor auf alle etwa eintretenden Verhältnisse, und wer noch keinen Hippopotamus verspeisen half, der kann nicht wissen, wie er schmeckt. Ich habe gesprochen!“

Die übrigen lachten. Wie der helläugige, spitzbübisch lächelnde Sohn Hammonias mit untergeschlagenen Beinen, den Eisenlöffel in der Hand, vorm Feuer saß und Befehle gab, die alle sofort befolgt wurden, da schwand aus den Herzen der letzte Schatten des Unbehagens, Franz pflückte Beeren und Früchte verschiedenster Art, Hans sammelte Nüsse für den Nachtisch, ein Matrose zerrieb zwischen zwei Steinen die reifen Maiskörner, um Mehl für einige Klöße zu gewinnen, und der letzte suchte die nötigen Teller zusammen, welche dann im Flusse erst einer gründlichen Reinigung unterzogen wurden.

Als Franz zur Feuerstelle zurückkehrte, hob der Matrose den Deckel vom Topf. „Nun, junger Herr, wonach riecht’s?“

Franz beugte sich über die wallenden Dampfwolken. „Nach etwas außerordentlich Gutem, Maat! Ich glaube, es wird ein Schweinebraten!“

Er nahm mit dem Taschenmesser eine Bohne aus dem brodelnden Gemisch heraus und aß sie mit Behagen. „Noch nicht gar,“ erklärte er, „aber sehr schön schmeckend. Ob wohl diese schwarzen Menschen gar keine Gemüse essen?“

„Das wollen wir gleich sehen.“ Und der Koch nahm aus dem Gefäß einen Löffel voll Bohnen, den er zierlich gegen eine der anwesenden Frauen vorstreckte. „Diese ehrenwerte Madame oder das gnädige Fräulein — man weiß hier nicht so recht, wie es mit den Titeln steht — hat schon seit einer Stunde heimlich die Heuschreckenpastete benascht,“ sagte er, „immer wenn ich zur Seite sehe, schwebt so ein unglücklicher Grashüpfer zwischen den schwarzen Fingern und den greulichen, spitzgefeilten Zähnen, die edle Dame muß also einen gewaltigen Hunger im Kamisol haben. Don’t schenir you!“

Mit dieser letzteren, aus englisch und deutsch in freier Bearbeitung zusammengesetzten Ermunterung bot er der Negerin den Inhalt des Löffels, aber eine hastige, abwehrende Antwort, nur dem Tone nach verständlich, schallte ihm entgegen. Die Schwarze wandte sich schaudernd ab.

Der Matrose zuckte die Achseln. „Kann dir nicht helfen, meine Schöne,“ sagte er, „es kommt im Leben allemal auf den Geschmack an. Was thut ihr denn aber mit den Bohnen, he?“

Die Frau mochte den Sinn dieser Frage verstehen. Sie nahm aus einer Ecke der Hütte anstatt aller Antwort eine Handvoll trockner Bohnen und warf sie den Hühnern vor.

„Dazu?“ nickte der Matrose. „Würde übrigens den guten Eierspenderinnen lieber die Heuschrecken überlassen und die Bohnen selbst behalten. Aber — chacun à son känguruh, wie, glaube ich, die Franzosen sagen. — Junger Herr, wollen Sie jetzt zu Tische rufen?“

Laut lachend sprang Franz davon und wandte sich der anderen Seite des Dorfes zu, wo mittlerweile sein alter Erzieher in mehrstündigem Schlaf die Folgen des unvermuteten Bades überstanden hatte. Der würdige Gelehrte steckte bis über die Schultern in einem Haufen von angenehm duftenden, trocknen Farnkräutern, auf dem auch sein Haupt einen behaglichen Ruhepunkt gefunden. Seine Kleider schaukelten an den nächsten Baumstämmen.

Die ohnehin durch das Französisch des Matrosen erregte Heiterkeit schwoll bei diesem Anblick in der Seele des Knaben bis zum lauten, jubelnden Ausbruch. Er warf sich lachend neben dem seltsamen Blätterlager auf die Kniee und küßte seinen väterlichen Freund der so nahe, so nahe an den Pforten des Todes dennoch dem Leben glücklich erhalten worden war. „Wir wollten bei Ihnen bleiben, Herr Doktor,“ sagte er herzlich, „aber Karl schickte uns fort, Hans und mich.“

„Daran that er sehr recht,“ antwortete lächelnd der alte Herr. „Es war für euch besser, das kaltgewordene Zeug laufend und springend zu trocknen, als hier zu sitzen und mich schlafen zu sehen. Das Flußpferd hätte mir übrigens um ein Haar den Garaus gemacht, ich stürzte kopfüber in ein undurchdringliches Gewirre von Pflanzenfasern, wollte mich herausarbeiten und geriet immer tiefer hinein, bis ich das Bewußtsein verlor. Die Neger müssen gerade diese gefahrbringende Stelle gekannt haben, sonst würde ich nimmer gefunden worden sein.“

„Sie sind alle wieder zu den erlegten Tieren zurückgekehrt,“ berichtete Franz. „Es scheint, als ob sie den Uralten ihrer Flüsse jetzt auch nicht eher aus den Augen lassen wollen, bis er in hundert Stücke zerlegt und seine Wiederkehr unmöglich geworden ist.“

„Jetzt laßt uns nur eilen, um erst einmal tüchtig zu essen,“ riet Holm. „Nachher zeige ich euch am Ufer ein Schauspiel, das allerdings nicht großartig, aber höchst komisch ist. Hier, Herr Doktor, Ihre Garderobe, — es scheint alles ziemlich trocken.“

Franz half seinem Erzieher, der sich doch immer noch etwas matt fühlte, und dann wanderten die drei bis zu der Stelle, wo eben die letzten, kugelrunden, von den derben Fäusten des Matrosen gedrehten Klöße gar geworden waren, und wo das fertige Gericht im Topfe dampfte. Freilich beanspruchte das Fleisch recht gesunde Zähne, hatten die Klöße eine gewisse unleugbare Ähnlichkeit mit Bleikugeln, und waren die grünen Bohnen zu Brei zerkocht, aber dennoch aßen alle mit dem besten Appetit und bedauerten nur, den Wilden keinerlei Geschenke machen zu können. Als die Negerboote, beladen mit Jagdbeute, zurückkehrten, und jetzt das ganze Dorf erfuhr, welche Heldenthat die Fremdlinge verübt, da war der Bewunderung und des Jubels gar kein Ende. Ein Schwarzer mit einem seltsam geformten, aus Bambus angefertigten Instrument begleitete spielend und tanzend die Gäste, wohin sie gingen, und Frauen und Kinder warfen sich mit den Gesichtern in den Sand.

Durch den Matrosen, welcher ihre Sprache verstand, wurde ihnen ein reiches Geschenk zugesichert, und dann machten die Deutschen am Flußufer in der unmittelbaren Nähe der Niederlassung noch einen kleinen Spaziergang. Weit hinein in den Wald durften sie sich ja ohne alle Waffen nicht wagen.

„Kommt hierher,“ erinnerte Holm, „ich wollte euch etwas zeigen.“ — Er führte die übrigen zu einer Stelle, an welcher der Fluß ein breites, sandiges, ganz flaches Ufer besaß. Dort hatten sich Tausende von Krabben, — die kleinen Soldatenkrabben — eine neben der anderen aufgepflanzt und brachten den Sand mit ihren Scheren zum Munde. Es sah aus, als verzehrten sie die wenig einladende Speise, in der That aber sogen sie die darin enthaltenen tierischen Stoffe nur heraus, um ihn dann wieder fallen zu lassen. Ein klingendes, leises Geräusch, aus dem Erdboden herauftönend und wie fernes, leichtes Singen die Luft erfüllend, bezeichnete den Ort als Hauptansiedelung des Krabbengeschlechtes, deren größere Arten in unterirdischen Höhlen wohnen und dort ihre Konzerte aufführen.

Unsere Freunde verhielten sich lautlos, denn bei der geringsten Bewegung tauchten die Krabben in ihre Löcher hinein und verschwanden auf diese Weise buchstäblich bis in den Erdboden, — da bewegten sich unvermutet die niederen Gebüsche zur Seite des Strandes, und ein schwarzer Rüssel streckte sich vor. Kleine, verschmitzte Augen übersahen die freie Fläche, ein leichtes Grunzen wurde hörbar und eine Familie von Warzenschweinen, Papa und Mama mit acht Sprößlingen, erschien in Geschwindigkeit auf der Szene. Das Krabbenkonzert verstummte wie durch Zauberei, die kleinen Soldatenkrabben waren im Handumdrehen verschwunden, und die Schweine schienen um ihre gehoffte Beute betrogen zu sein. Dem war aber nicht so! Die Schlauheit des kleinen Gegners vollkommen würdigend, begannen die Räuber mit ihren plumpen Rüsseln den Sand aufzuwühlen und unbarmherzig die kleinen wehrlosen Geschöpfe zu verschlingen. Ihre häßlichen Köpfe hatten große, hängende, mit Warzen bedeckte Hautlappen, die erwachsenen Tiere, waren in der Größe etwa unserm Wildschweine gleich, von wildem Aussehen, mit einem gefahrdrohenden Gebiß, so daß es nicht geraten gewesen wäre, sich ihnen ohne Waffen zu nähern, namentlich da mehr und immer mehr Familien aus dem Walde hervorkamen, um hier ihre Abendmahlzeit zu halten. Einige Arten gruben auch Wurzeln aus der Erde oder fraßen Kräuter, die meisten aber durchwühlten den Sand nach Krabben.

„So lebt überall auf Erden immer eine Art von dem Untergang der anderen,“ sagte Holm, „die Natur aber sorgt für das trotzdem bestehende Gleichgewicht durch den Umstand, daß sich die Raubtiere in ihrer Anzahl zu den geraubten oder Pflanzenfressern wie eins zu sechs verhalten, und daß niedere Geschöpfe, z. B. Insekten, Kerbtiere, Muscheln und kleinere Fische in jedem Jahre nach Millionen neu entstehen, um einigen wenigen Verfolgern zur Nahrung zu dienen. Je wertloser das Einzelwesen, in desto größerer Menge ist es vertreten.“

„Wollen wir nicht jetzt, da doch leider keine Jagd mehr möglich ist, noch ein paar Vogelnester suchen?“ fragte Franz. „Eine Eiersammlung möchte ich gar zu gern von dieser Reise mit nach Hause bringen.“

„Auch Nester habe ich entdeckt!“ antwortete Holm. „Es wohnen hier herum ganze Scharen von Nashornvögeln, in jedem hohlen Baum wenigstens ein Pärchen.“

Man wanderte wieder bis unter die uralten Stämme zurück, und bald sah auch schon aus einem ganz kleinen, kaum handgroßen Loche der schöne, stolze Kopf eines Pfefferfressers hervor, während ein anderes großes und schöngezeichnetes Exemplar derselben Art dicht daneben saß, gleichsam Wache haltend und die Ankömmlinge mit seitwärts geneigtem Kopfe musternd, offenbar das Männchen der gefiederten Hausfrau, welche treulich im Nest ihre Eier behütete.

„Aber,“ rief Hans, „wie ist nur der stattliche Vogel dort hineingekommen? Jetzt kann ja kaum mehr der Kopf hindurch!“

„Das möchte ich auch wissen, mein Herr Naturforscher!“ fügte Doktor Bolten hinzu.

„So will ich das Rätsel einfach genug erklären!“ lächelte Holm, indes Franz bereits den Baumstamm zu erklettern begann. „Wenn das Nest im Innern der geschützten Höhlung erbaut ist, und alles für den Empfang der Jungen vorbereitet, dann vermauert der Herr Papa höchsteigenschnäbelig und sonder Rücksicht den Zugang, so daß Mama nicht mehr heraus kann, sondern wohl oder übel brüten muß, bis die Jungen im Nest zirpen. Freilich soll er bei dieser Gelegenheit auch beweisen, daß ein guter Hausvater es versteht, die Seinen zu ernähren, und ist daher von früh bis spät thätig, um Pfefferkörner aufzusuchen, so daß verschiedene Naturforscher behaupten, er werde unter dieser doppelten Anstrengung mager wie ein Skelett und sitze zuweilen vor Mattigkeit schwankend auf den Zweigen. Erst wenn das Brütegeschäft vollendet ist, wird die Gefangene wieder in Freiheit gesetzt.“

„Ein schöner, stolzer Vogel!“ meinte der Doktor. „Schade, daß wir ihn nicht schießen können. Dieser scheint noch keineswegs ermattet.“

„Ich will ihn fangen,“ erklärte Franz. „Auf ein paar Schnabelhiebe kommt mir’s weiter nicht an.“

Er hatte auch wirklich den Baumstamm bis zum Nest sehr bald erklettert, da aber erhob sich der Vogel und flog fort; es blieb also nur das eingesperrte Weibchen mit den Eiern. „Soll ich das Nest erobern?“ fragte lachend der junge Wagehals.

„Greife hinein und sieh nach, ob Eier oder Junge darin sind,“ antwortete Holm. „Ist ersteres der Fall, so gib mir ein Ei herunter.“

Franz begann, auf einem starken Aste stehend, das Gemäuer rings um den Zugang her zu zerbröckeln, aber nicht weiter als notwendig war, um die Hand hindurchzubringen, dann verband er dieselbe mit seinem Taschentuch und griff hinein. „Au!“ schallte es den übrigen entgegen, „Au! — Es sind Eier! — Au, du boshafte Kröte! wahrhaftig — da hast du eins, Karl! — wahrhaftig bis aufs Blut gebissen.“

Er reichte ein Ei dem jungen Naturforscher, der es gegen das scheidende Sonnenlicht hielt und zu seiner Freude noch ganz unbebrütet fand. Es mochte erst gestern oder heute gelegt worden sein. „Kannst du den Vogel ergreifen, Franz?“ fragte er. „Das wäre viel wert!“

„Ich will’s versuchen!“ rief der Knabe, „aber so leicht bekomme ich ihn nicht. Er beißt wie ein Papagei, — Au du! — Au!“

Holm lachte. „Das kommt mir vor wie jenes Rätsel: Es sieht aus wie eine Katze und miaut und schleicht wie eine Katze. Was ist es? — Ein Kater. So ungefähr ergeht es dir im Augenblick mit dem Verwandten der Papageienfamilie. Erkennst du nicht an Kopf und Schnabel die Art?“

Franz streckte den Arm aus und brachte das an beiden Flügeln gefangene Tier zum Vorschein. „Ja,“ seufzte er, „ich erkenne den Schnabel!“

Das klang komisch genug, um selbst ihn trotz seiner blutenden Wunden zum Lachen zu zwingen. Unter allgemeiner Heiterkeit wanderten die Eier in des jüngeren Knaben Strohhut, und dann trat unsere kleine Gesellschaft den Heimweg an. Holm trug an den Flügeln den gefangenen Vogel und machte Franz auf verschiedene Pflanzen aufmerksam, die auch eingesammelt wurden. Plötzlich machte Holm vor einem dichten Gebüsch aus dornigem Gestrüpp Halt und sagte: „Wir haben kein Gummi arabikum zum Kleben, jetzt ist die schönste Gelegenheit da, es zu besorgen.“

„Ich sehe aber keine Apotheke,“ entgegnete Franz.

„Wir beziehen unsern Bedarf direkt, ohne Zwischenhändler. Hier dieses Gesträuch ist der arabische Schotendorn, eine Akazienart, die das Gummi ausschwitzt, wie bei uns die Kirschbäume.“ Franz trat näher und fand an den Zweigen der Sträucher zahlreiche verhärtete Gummitropfen, die der Dornen wegen freilich mühsam zu sammeln waren. Es gelang ihm aber, Vorrat genug zu gewinnen. Mit Beute mancherlei Art erreichten sie das Negerdorf.

Was aber bisher im Walde unbemerkt geblieben, das zeigte sich jetzt: — der verscheuchte Nashornvogel war seinem geraubten Weibchen von Stamm zu Stamm gefolgt. Selbst bis auf die Zweige der einzeln stehenden Bäume inmitten des Örtchens wagte er sich hinan.

Der Gefangene wurde in einen alten, roh aus Binsen geflochtenen Korb gesteckt, und dieser wohlverschlossen auf den freien Platz gelegt. Sogleich kam das Männchen heran und setzte sich daneben wie früher vor das Nest.

„Wir fangen ihn ein und haben dann ein Pärchen für den zoologischen Garten!“ rief Franz. „An Bord kann man schon eine Falle herrichten.“

Der Abschied wurde nun schnell bewerkstelligt, noch ein paar zerquetschte Blätter auf die verwundeten Finger gelegt, und die Gewehre wieder umgehängt, dann ging es fort, dem Dampfer zu. Die Sonne war fast ganz verschwunden, ein schrilles Pfeifen vom Bord der „Hansa“ rief die Jäger zurück, und so ruderte man möglichst schnell der Ausmündung des Seitenarmes entgegen, immer gefolgt von dem beharrlich nebenher fliegenden Pfefferfresser.

Vom Schiff aus erhielten die begleitenden Neger reichliche Geschenke, um welche sie sich sofort rauften und schlugen, dann wurde das Boot eingeholt und der Dampfer dem Waldrand so nahe als möglich gebracht. Auf den letzten Zweigen saß flügelschlagend der beraubte Vogel, er beugte den Hals weit vor und ging ängstlich auf und ab, aber das Schiff zu berühren wagte er offenbar nicht.

„Lassen Sie das Weibchen fliegen!“ rief der Kapitän. „Diese Tiere pflegen eins ohne das andere nicht leben zu können.“

„So müssen wir es ausstopfen,“ versetzte Holm. „Diese Reise ist eben eine wissenschaftliche, und am Ende dürfte auch der Hornvogel nicht besser sein als alle übrigen Geschöpfe, die wir eines vernünftigen Zweckes wegen fangen und töten.“

Dennoch aber ging es auch ihm durchs Herz, als jetzt der Vogel in weitem Kreis das Schiff umflog und dabei einen wahrhaft erschütternden Schrei ausstieß, den das gefangene Weibchen erwiderte. Noch einmal — zweimal schoß er durch den aufsteigenden Rauch dahin, dann kehrte er schweren Flügelschlages zum Lande zurück und blieb auf dem nächsten Baume sitzen.

„Schade! Schade!“ brach es über aller Lippen, „er folgt uns nicht.“

Daran ließ sich indes jetzt nichts mehr ändern, und der Dampfer verfolgte seine Bahn, bis er die heimkehrenden Jäger an Bord der „Hammonia“ abgesetzt hatte. Man versuchte nun, den in einen leeren Hühnerkorb gebrachten Nashornvogel zu füttern, aber das Tier nahm keinerlei Speise, sondern saß geduckt und ängstlich da, so daß auch Holm sein Fortleben bezweifelte. Die Eier wurden des Dotters durch Hineinpusten beraubt und eine Sammlung dieser Art Naturalien besonders angelegt, auch die beiden gefangenen Affen sorgfältig verpflegt und nach dem betäubten Rochen gesehen. Der war zu seinen Vätern versammelt, wie der Koch sagte, die Affen dagegen sehr wohlbehalten und sogar schon etwas vertraulicher als im Anfang.

In den nächstfolgenden Tagen schrieb man Briefe nach Hause, die erste Sendung an Reiseberichten und Jagdbeute wurde dem Postdampfer übergeben, und eines schönen Morgens lichtete das Naturforscherschiff die Anker, um an der Küste den Weg bis nach Sierra Leone zu verfolgen. Dort sollte ein Segelschiff von der Firma Gottfried das Palmöl in Empfang nehmen, und der Dampfer selbst mit den jungen Reisenden die Inseln im Busen von Guinea besuchen. Die Fahrt dauerte nicht lange, aber sie brachte manche schöne und reiche Erinnerung, namentlich den Anblick einer Wasserhose, die bei starkem Gewitter dicht neben dem Schiff stand und einen unvergleichlichen Anblick gewährte. Eine schwarze Wolke, spitz zulaufend, senkte sich tiefer und tiefer auf das Wasser, dieses selbst schien sich genau unter derselben immer mehr zu heben, kräuselte weißschäumend und griff endlich ganz urplötzlich wie mit Fangarmen hinauf. Eine hohe, gedrehte Wassersäule stand auf der Meeresfläche und begann dann unheimlich schnell zu wandern. Das gleiche Ereignis wiederholte sich noch zweimal, dreimal in nächster Nähe, so daß gleichsam die dichte, schwarze Wolke eine Brücke bildete, deren Riesenpfeiler wie Diamanten erglänzten. Hohe, gewölbte Bogen trennten die einzelnen Säulen, dazwischen schäumten schwarze, tosende Wellen, und glitten in ununterbrochener Reihenfolge die blendenden Blitze über das Ganze hinweg. Es war wie im Feenpalast des Märchens, wenn so ein grüngoldener, von Purpur und Violett angehauchter Schein die weißen Schaumkronen überflutete, wenn sich plötzliche Helle auf das tiefe Schwarz legte und es dann in um so dichterer Finsternis zurückließ.

Nach einer Viertelstunde begannen die Pfeiler zu schwanken, sich schief zu stellen und endlich den Halt zu verlieren. Ein Rauschen und Klatschen, das den Donner übertönte, begleitete den Sturz, und das ganze schöne Schauspiel endete mit einem Platzregen.

Am dritten Tage nach der Abreise war der Nashornvogel tot. Holm nahm ein scharfes Messer und machte an der Bauchseite des Vogels einen Einschnitt, der jedoch nur die Haut auftrennte. Dann begann er vorsichtig die Haut des Vogels abzuziehen, und nach einer kleinen Viertelstunde hatte er den Balg von dem Körper getrennt. An dem Kopfende saß der große ungestalte Schnabel und an den Beinen waren die Füße geblieben. Damit der Balg so unverletzt als möglich erhalten wurde, ließ Holm sich bei dieser Operation genügende Zeit, denn die mit Federn besetzte Haut der Vögel ist ziemlich zart und zerreißt bei ungeduldigem Ziehen gar leicht.

„Nun werden wir den Balg ausstopfen,“ meinte Franz.

„Das hat Zeit, bis wir wieder in Hamburg sind,“ entgegnete Holm. „Gesetzt den Fall, wir würden diesen Nashornvogel auf das schönste ausstopfen, wer verbürgt uns, daß er unversehrt ankommt? Außerdem erfordert das Ausstopfen viele Zeit, die wir hier besser anzuwenden haben, als daß wir sie an eine Arbeit verschwenden, die in der Heimat besser und bequemer besorgt wird als hier. Alles was wir thun können ist, den Vogelbalg zu trocknen und wie die übrigen Naturalien vor dem Appetit der Herren Insekten schützen.“

Holm holte bei diesen Worten ein Gefäß aus der Reiseapotheke, das eine salbenartige Masse enthielt, mit welcher er die innere Seite des Vogelbalgs bestrich. „Ist diese Salbe auch ein Gift gegen die Insekten?“ fragte Hans.

„Eins der stärksten Gifte, das wir kennen,“ antwortete Holm. „Diese Masse besteht aus einer Mischung von Arsenik und grüner Seife. Die Seife verhindert mit ihren schmierigen Eigenschaften das Umherstäuben des weißen, pulverigen Arseniks und verhütet, daß der Präparator den Giftstaub einatmet. Gleichzeitig ist etwas Alaun zugesetzt, der die Eigenschaft hat, die Haut des Tieres in eine Art Leder zu verwandeln, wodurch bewirkt wird, daß die Federn festsitzen und nicht ausfallen.“ Als der Vogelbalg mit der sogenannten Arsenikseife gehörig eingerieben war, wurde er an einer Raa zum Trocknen in der Luft aufgehängt. Franz kletterte die Strickleiter hinauf, welche zum Maste führte, und war in wenigen Augenblicken auf der Raa, als wäre er ein echter Schiffsjunge. Als er die Haut des Vogels dort mit einem starken Bindfaden befestigt hatte, rief er laut Hurra und kam wieder herunter.

Befragt, warum er einen lauten Freudenruf ausgestoßen habe, antwortete er lachend: „Ich glaubte, wir hätten nun Ferien, denn der Vogel ist das letzte Stück von unserer Beute, das zu präparieren war.“

„Ein wirklicher Forscher kennt keine Ferien,“ sagte Holm. „Außerdem irrst du dich, wenn du meinst, es gebräche uns an Material zur Beobachtung. Jetzt, da wir auf dem Schiffe gewissermaßen Ruhe haben und nicht auf dem Kriegspfade mit Menschen und Tieren wandeln, haben wir hinreichende Muße, uns mit dem Leben der Kleinwelt zu beschäftigen, die uns das Mikroskop erschließt. Kommt laßt uns in die Kajütte gehen, es sind alle Apparate da, deren wir bedürfen.“

Sie gingen in die Kajütte hinab. Hier nahm Holm aus einem wohlverwahrten Kasten ein herrliches Mikroskop, das er derart auf den Tisch stellte, daß das Licht, welches durch das Kajüttenfenster fiel, von dem Spiegel des Mikroskopes aufgefangen werden konnte.

Er ließ die Knaben durch das obere Glas, das sogenannte Okular, hindurchsehen, und sie nahmen eine runde, hellerleuchtete Fläche, das Sehfeld des Mikroskopes wahr. Holm zeigte den Knaben nun, wie je nach der Stellung des Spiegels das Sehfeld heller oder matter beleuchtet erschien, und übte ihr Auge und ihre Hand dadurch, daß er ihnen die Aufgabe stellte, diejenige Stellung des Spiegels ausfindig zu machen, bei der das Sehfeld den hellsten Anblick gewährte. Hierauf nahm er eine kleine, längliche Glasplatte, auf die er mittels eines zu einer Spitze ausgezogenen Glasrohres einen Tropfen Wasser brachte. Diese Platte bezeichnete er als den Objektträger, weil auf derselben die zu untersuchenden Gegenstände — die Objekte — ausgebreitet werden. „Sind Tiere in diesem Wassertropfen, die wir beobachten können?“ fragte Hans.

„Nein,“ erwiderte Holm. „Das Wasser, welches ich hier habe, ist durchaus frei von allen Verunreinigungen. Wir werden jetzt eine winzig kleine Menge jenes gelbgrünen Schlammes in das Wasser bringen, die ihr mich zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten an den Ufern der Flüsse, der Wassertümpel und Sümpfe entnehmen saht, die wir passierten.“ Bei diesen Worten entfaltete er eine Anzahl von Papierpaketen, in denen sich ein dunkelfarbiger Staub befand. Dieser Staub war der angetrocknete Schlamm, den Holm auf seine eigene Hand gesammelt hatte. Mittels einer Stricknadel, die an einem Ende platt geschmiedet war, so daß sie einem kleinen Spaten mit langem Stiel glich, mischte Holm von dem Staub in den Wassertropfen und bedeckte diesen dann mit einem Glase, das so groß war wie eine Briefmarke und nicht dicker als festes Schreibpapier. Dies Glas nannte er das Deckgläschen. Dieses sogenannte Präparat legte er auf den Tisch des Mikroskopes und blickte durch das Okular, indem er mit der Schraube scharf einstellte, dann ließ er Franz hinein sehen.

Franz brach in einen lauten Freudenruf aus, nachdem er eine Zeitlang in das Mikroskop geblickt hatte, und das, was er sah, war auch wohl geeignet, ihn zu entzücken.

Das Sehfeld des Mikroskopes war mit Hunderten von ganz merkwürdigen Gebilden wie übersät. Einige derselben glichen kleinen Schiffchen, andere Tellerchen, die auf das reizendste mit Punkten und regelmäßigen Linien verziert waren. „Ist das der Staub?“ fragte Franz.

„Derselbe Staub, der dem unbewaffneten Auge harmlos erscheint,“ entgegnete Holm, „stellt sich unter dem Mikroskope bei starker Vergrößerung in einem Reichtum der Formen dar, wie er größer kaum gedacht werden kann. Diese kleinen Geschöpfe sind halb Tier halb Pflanze, sie bewegen sich willkürlich schwimmend im Wasser und enthalten doch den grünen Farbstoff, der den Pflanzen eigen ist. Sie bestehen aus zwei zierlichen Schalen, die genau aufeinander passen, und wenn sie sich vermehren, so teilen sie sich in zwei Hälften, von denen jede ein neues Wesen derselben Art bildet. Aus diesem Grunde hat man sie Spaltalgen oder auch Diatomeen genannt, nach einem griechischen Beiworte, das auf deutsch „zerteilt“ bedeutet. Über zweitausend Arten dieser Diatomeen sind schon ermittelt, aber es sollte mich nicht überraschen, wenn wir neben den bekannten Arten einige noch nicht benannte und beschriebene fänden.“

Die Proben wurden eine nach der anderen sorgfältig durchgemustert, und nicht lange währte es, als Holm eine der seltensten Arten entdeckte. Es war eine runde Scheibe mit verziertem Rande, in deren Mitte sich eine Figur erkennen ließ, die einem Kirchenfenster glich. „Das ist der Campylodiscus ecclesianus,“ erklärte Holm, „eine ihm sehr nahestehende Diatomee besitzt an derselben Stelle vier Fensterchen und wird deshalb Campylodiscus fenestratus genannt, wir wollen genau nachsehen, ob wir sie finden können.“

Nun hieß es sorgfältig beobachten, und erst nach einer halben Stunde gelang es, ein Exemplar derselben zu bemerken. „Hier ist ein fenestratus,“ rief Hans, der gerade an der Reihe war. Holm bestätigte die Wahrnehmung und bemerkte mit dem Bleistift auf dem Papier, aus welchem der zur Untersuchung genommene Staub sich befand, den Namen der Diatomee. Da es bereits dunkelte und die Augen von dem angestrengten Sehen ermüdet waren, packte Holm das Mikroskop wieder ein und versprach den Knaben, ihnen am nächsten Tage lebende Diatomeen zu zeigen.

„Woher werden wir die nehmen, da wir doch auf offener See sind?“ fragte Franz.

„Wir fischen ein treibendes Stückchen Seegras auf,“ sagte Holm, „und werden an demselben herrliche Formen finden. Fast überall, wo Feuchtigkeit ist, kommen Diatomeen vor, sowohl im süßen Wasser wie im Meere. Wenn wir einen Fisch fangen, so wollen wir seinen Mageninhalt untersuchen; namentlich sind die Schellfische große Liebhaber von Diatomeen, und ihr Magen ist in dieser Beziehung ein wahres Museum für den Forscher.“

„Da wird er viele Diatomeen zu sich nehmen müssen, ehe er satt wird,“ meinte Franz lachend.

„Allerdings,“ bestätigte Holm, „denn diese Geschöpfe sind außerordentlich klein. So z. B. besteht der Polierschiefer bei Bilin in Böhmen aus lauter abgestorbenen Diatomeen, deren unverwesliche Schalen feste Kieselsäure sind. Um einen Raum von einem Kubikmillimeter einzunehmen, müssen ihrer fünfzig Millionen zusammen sein.“

„Dann hat ein Fisch viel zu thun, um Jagd auf sie zu machen,“ bemerkte Hans lachend.

„Wenn er jede einzelne Diatomee fangen sollte, würde er sich schwerlich bei Kräften erhalten,“ erwiderte Holm lächelnd, „aber da dieselben meistens in dichten Kolonieen bei einander leben und auch an den Seepflanzen haften, die von manchen Fischen gefressen werden, so hat die Natur es ihm ermöglicht, sich bequem von diesen Geschöpfen nähren zu können. Die ungeheure Anzahl der Einzelwesen ersetzt die Größe und ebenso verhält es sich mit ihrer Vermehrung. Während das Elefantenweib alle drei Jahre nur ein Junges zur Welt bringt, hat eine Diatomee, wenn keine Störungen eintreten, in vierzig Stunden schon eine Nachkommenschaft von einer halben Million Urenkeln.“

„Wenn die Elefanten und Walfische ihnen dies Kunststück nachmachten,“ warf Franz ein, „dann wäre in einem Jahr kein Platz mehr auf der Erde für andere Geschöpfe. Die Elefanten würden uns ins Wasser drängen und die Walfische aufs Land. Es ist doch gut, daß in der Natur nicht alle Geschöpfe mit gleichen Eigenschaften begabt sind.“

„Indem wir die Gesetzmäßigkeit in der Natur erkennen,“ sagte Doktor Bolten, „sehen wir, daß ein weiser Schöpfer über uns und aller Kreatur wacht. Je tiefer der Menschengeist in die Natur eindringt, um so mehr erkennt er das Walten einer höheren Macht. Ob wir die Bahnen der Himmelskörper, der fernen Welten im weiten Himmelsraum verfolgen, ob wir die Diatomee im Wassertropfen in ihrer zierlichen Kleinheit bewundern, oder ob die Majestät der tropischen Urwälder uns mit geheimen Schauern erfüllt, überall fühlen wir die Größe des Schöpfers.“ —

Man wünschte sich gute Nacht, nachdem Holm den Knaben versprochen hatte, sobald die Gelegenheit sich darbieten werde, ihnen neue Wunder mit dem Mikroskop zu erschließen.

Während der Schlaf die Forscher zu neuer Thätigkeit stärkte, setzte das Schiff unverändert seinen Kurs fort, der Steuermann am Rade wachte für sie, bald nach den Sternen, bald nach dem Kompaß blickend, und so glich das auf dem Ozean dahingleitende Schiff der Erde selbst, die ihre Bahnen zieht, wie sie ihr ein höherer Lenker vorschreibt.

Drittes Kapitel.

Lagos und der Golf von Benin lagen hinter der „Hammonia“, die Nigermündung war in Sicht. In dieses sumpfige, fast unbekannte Land, dessen Fieberklima bei längerem Aufenthalt für den Weißen tödlich ist und selbst von den eingebornen Negern kaum vertragen wird, sollte ein Vorstoß gemacht werden. Man wußte, daß das Land von einer Menge kleiner Stämme bewohnt wird, die zu den wildesten, niedrigst entwickelten der Neger gehören. Bei einigen geht sogar noch die Menschenfresserei im Schwange. Ein portugiesisches Handelsfahrzeug, welches Tauschverkehr mit diesen scheuen, wenig zugänglichen Stämmen trieb, fand man an der Sumpfküste vor Anker. Von seinen Matrosen wurden einige, welche bereits ins Innere gekommen und der Landessprache einigermaßen kundig waren, als Führer angeworben und mit ihrer Hilfe einige zwanzig Küstenneger als Träger und Leibwache gemietet.

Zunächst der Küste saß der Stamm der Bonny, oder wie sie sich selbst nannten, der Bonnyleute. Sie befanden sich augenblicklich wieder einmal in einem jener kleinen, niemals aufhörenden blutigen Kriege mit dem Stamme der Benin. Wie ein Fluch hängen diese Raub- und Mordfehden über dem schwarzen Erdteile, ein Stamm mordet den andern, die schwarze Rasse zerfleischt sich unter einander, teils aus Blutrache, aus Haß oder aus Gewinnsucht, der Besitztümer oder der Sklaven wegen.

Man nahm einerseits Herden und anderseits Sklaven weg, lieferte Schlachten und verbrannte ganze Dörfer; jedoch hatte sich der Krieg weit landeinwärts gezogen, es ließ sich also annehmen, daß die Gegend, welche dem Kriegsschauplatz fern lag, im Augenblick ungefährdet zu durchziehen sei.

Die wohlversehene Handapotheke, Waffen jeder Art, Lebensmittel und Decken, auch ein Dolmetscher, der die Bonnysprache redete, wurden mitgenommen, und so ausgerüstet machten sich die Weißen auf die Reise nach dem unteren Niger, um den berühmten Affenberg, wo wenigstens fünf- bis sechstausend dieser Tiere ihren Wohnsitz haben sollten, aus der Nähe zu sehen. Das Unternehmen hatte bedeutend größere Gefahr als die früheren, aber es versprach auch reicheren Lohn, namentlich was die Kenntnis von Natur und Bewohnern dieses fast unbekannten, nur selten von einem portugiesischen Händler betretenen Landes betraf.

Man erreichte das erste Bonnydorf. Die Eingebornen gewährten den Fremdlingen bereitwilligst Unterkunft, und so blieben zwei der weißen Führer zur Beaufsichtigung des Gepäcks im Dorfe zurück, während die übrige Reisegesellschaft weiterzog. Obgleich die Küstengegend viel mehr den Charakter eines unwegsamen Sumpfes als den eines festen Landes trug, so zeigte sich das wenig erforschte Binnenland doch an Pflanzen- und Tierformen ebenso reich, in der Wildheit seiner Bewohner ebenso gefährlich wie jenes früher gesehene Stück Afrika, in allen Beziehungen aber großartiger.

Ganze Trupps von gefesselten Sklaven und Kriegsbeute der Bonnys begegneten den Weißen, sowohl Männer als Frauen und Kinder, sogar Säuglinge, die, auf den Hüften der Mütter sitzend, von dem einzigen Bekleidungsgegenstand derselben, einem großen Wollentuch, gehalten wurden. An einer langen Stange, die sie auf den Schultern trugen, gingen mit zusammengeschnürten Händen die unglücklichen, total nackten Geschöpfe zwischen den triumphierenden Gestalten ihrer Besieger, den weißgekleideten, mit langen Wurfwaffen versehenen Bonnyleuten; sie kannten ihr Schicksal und hatten sich offenbar vollständig in dasselbe ergeben, wie denn überhaupt zwei Dritteile aller Bewohner Afrikas ihr lebenlang Sklaven bleiben, ganz einerlei ob unter der menschlicheren und zuweilen sogar guten Behandlung der Weißen oder der schlechten ihrer eigenen Landsleute. Sie kennen nichts anderes und haben sich in ihre Lage von jeher gefunden.

Im Gebiet der räuberischen, aller Kultur entfremdeten Benins, wo noch Menschenopfer und sogar noch Menschenfresser angetroffen werden, machte man nach einigen Tagen mühseligen Marsches Halt. Weiße Leute waren hier nie gesehen, die Dorfbewohner drängten sich zusammen, und eine Frau flüsterte halb ängstlich, halb erwartungsvoll ihrer Nachbarin zu: „Ob man diese Tiere essen kann?“

Die Führer übersetzten das Gehörte und erregten dadurch begreiflicherweise die ausgelassenste Heiterkeit. Das ganze kleine, ärmliche Dorf wurde für mehrere Stunden in Beschlag genommen und Land und Leute aus der Nähe besehen.

Man blieb hier zur Nacht, um am folgenden Morgen den Affenberg zu besichtigen. Hunde, Schweine, Enten und Gänse durchzogen herdenweise die Straßen zwischen den Hütten, Affen kletterten auf allen Zweigen, und von Krokodilen wimmelte die ganze Gegend. In den sumpfigen Niederungen des Flusses lagen sie halben Leibes am Ufer, grauen, verwitterten Baumstämmen gleich, zuweilen die ungestalteten Rachen mit den gräßlichen Zahnreihen lauernd geöffnet, in unzählbarer Menge. Der Führer erzählte, daß ihm im Dorfe die jährlichen Opfer dieser Bestien auf Hunderte angegeben worden.

„Dort die graue Wand ist der Affenberg!“ setzte ein anderer hinzu. „Wir können uns aber nicht ganz in die Nähe wagen, da uns sonst ein Hagel von Steinen auf die Köpfe fallen würde.“

Man durchzog also den Wald, dessen Stämme an Umfang alles übertrafen, was unsere Deutschen in Heimat und Fremde jemals gesehen. Hier wuchsen reichlich und üppig fast alle Pflanzengattungen des tropischen Klimas, besonders verschiedene Baumarten, die eben nur an dieser Stelle zuhause sind. Der Affenbrotbaum erschien wie ein kleines Wäldchen für sich. Die unabsehbare Krone wurde von einem im Durchmesser bis zu zehn Metern haltenden Stamm getragen, während viele Äste weit über vierundzwanzig Meter hinausragten, bedeckt mit weißen, zarten Blüten und Fruchtschoten an einem und demselben Stengel. Die Knaben ließen es sich natürlich nicht nehmen, den breiigen Teig, in welchem der Same liegt, sogleich zu kosten und fanden auch diese Näscherei von sehr angenehmem Geschmack. Soviel als möglich wurde in die Botanisierkapseln gebracht, und dann ging es weiter, bis ein unerwarteter Anblick die Schritte fesselte.

Von dem Blättergewirre der kleineren Bäume, aus Ranken und Blumen waren kreisrunde, hutförmige Dächer geflochten, die genau wie ein großer, aufgespannter Regenschirm zur Seite des Stammes je ein daruntersitzendes Affenpärchen bedeckten, zuweilen sogar ihrer drei, wenn das Weibchen ein Junges auf dem Arme trug.

Diese seltsamen Wohnungen bauen sich die Affen zum Schutz gegen Sonne und Überfälle aller Art, sie hausen darin aber nur so lange wie das Dach grün und frisch bleibt, sind dagegen die Blätter verwelkt, so wird eine neue Heimat aufgesucht. Die Eingebornen nannten das große, dunkelgefärbte Tier den „Nschiego nebure,“ behaupteten aber, daß es nicht zu zähmen sei und außerhalb seines Vaterlandes in der Gefangenschaft auch nicht leben könne. Es zu schießen, wäre daher unnötige Grausamkeit gewesen, mindestens jetzt, wo an ein Mitnehmen des getöteten Körpers, der weiten Entfernung wegen, nicht gedacht werden konnte.

Immer deutlicher traten an lichten Stellen die Umrisse des Affenberges hervor, der Strom mit seiner blauen Breite schimmerte durch das Gezweig, und endlich gegen Mittag war die beträchtliche, in ihrer Weise einzig dastehende Anhöhe zur Seite des Wassers erreicht. Der massige Fels, welcher sich in gewaltigem Umfange terrassenförmig bis in den Fluß hinab erstreckt, birgt mehrere tausend Höhlen und Zugänge, die sämtlich von Affen bewohnt werden. Die Tiere machen während der Nacht ihre Streifzüge in den Wald, aber die eigentliche Heimstätte ist doch der Berg, und Tausende von ihnen bevölkern die Stufen bis zur höchsten Höhe hinauf. Viele Affenmütter mit den kleinen Säuglingen saßen wie Frauen vor der Hausthür auf einer vorspringenden Zacke, andere kauten Nüsse oder Früchte, und halberwachsene Junge spielten mit einander gleich Kindern. Immer aber hielten sich die verschiedenen Gattungen gegenseitig getrennt. Familienweise sah man graue und braune, gelbliche oder schwarze, kleine und große bis hinauf zu dem Schimpansen und dem Pavian, welche beide Arten aber weniger zahlreich vertreten waren. Es schien zwischen der einen und anderen Gruppe keine Freundschaft zu bestehen, ja sogar an manchen Stellen ein offener Krieg.

„Sieh nur diese beiden Paviane!“ rief Hans, „ich glaube, da gibt es einen Kampf.“

Aller Blicke folgten der angedeuteten Richtung. Die beiden großen Affen standen in entschieden feindseliger Haltung einander gegenüber; bald streckten sie, auf den Hinterbeinen stehend, mit drohender Gebärde die Arme aus, bald umliefen sie sich wie wütende Hunde. Erst fielen einzelne schallende Ohrfeigen, dann packten sie sich und rangen liegend in festverschlungenem Knäuel, wobei einer den anderen nach Möglichkeit zu beißen suchte. Ihr Geschrei, so mißtönend und krächzend, erfüllte die Luft.

„Ich möchte dazwischen schießen,“ gestand Holm. „Wie es aussehen müßte, wenn einmal alle diese behenden, lebhaften Tiere zugleich in Bewegung gerieten!“

„Thun Sie das nicht, Herr,“ warnten die Führer. „Wir könnten angegriffen werden.“

„Nun, und was hätte das zu bedeuten? Vierundzwanzig mit Feuerwaffen versehene Männer gegen eine Horde Affen!“

Die Jagdlust riß ihn gewaltsam mit sich fort, der Schuß krachte und widerhallte in zehnfachem Bergesecho. Die Wirkung war eine unbeschreibliche. Als sei jedes einzelne Tier getroffen worden, so stürzten und fielen, liefen und kugelten die Affen durch einander. Einige flohen in ihre Höhlen im Innern des Felsens, andere spähten aufrecht und mit gerecktem Hals nach der Ursache des plötzlichen Schreckes, alle aber waren aus ihren Spielen oder Streitigkeiten aufgestört. Nur zu bald sollte es sich zeigen, daß die Mahnung des Eingebornen eine wohlberechtigte gewesen; der Feind war entdeckt, und eine ganze Flut von Wurfgeschossen hagelte herab. Steine, Felsstücke und die Knochen ihrer von Raubtieren erwürgten Genossen, alles schleuderten die Affen in wahnsinniger Wut den Angreifern entgegen, dabei aber rückten sie selbst immer weiter vor, sammelten sich zu ganzen Haufen und schrieen in allen möglichen Tonarten.

„Wir müssen fliehen!“ riefen die Führer. „Es ist die höchste Zeit! Schnell, schnell!“

Aber Holm und Franz hörten nicht. Sie schossen wieder und wieder in das lebende Gewirre hinein, rechts und links stürzten die Affen, und jetzt waren auch schon die vordersten bei den Weißen angelangt, — im nächsten Augenblicke hätte ein Handgemenge entstehen müssen.

Die mitgenommenen Führer drängten unsere Freunde bis unter die schützenden Bäume des Waldrandes, von wo es leichter wurde, den nachsetzenden Tieren zu entgehen. Trotzdem aber hätte bei der unübersehbaren Anzahl der Gegner die Sache immerhin noch eine schlimme Wendung nehmen können, wenn nicht in diesem drohenden Augenblick ein Ton, langgezogen und gewaltig wie ferner Donner, unverhofft als Ablenkungsmittel erklungen wäre. Die Affen mochten bei dem furchtbaren Gebrüll alles übrige vergessen und nur an ihre eigene Sicherheit denken, sie ließen plötzlich von der Verfolgung der Feinde ab, kehrten um und suchten mit eiligen Schritten, einander überstürzend, die geschützten Felshöhlen zu erreichen. Bis auf zwei getötete, die im Wege liegen blieben, waren in wenigen Augenblicken alle verschwunden.

„Ein Löwe!“ ging es von Mund zu Mund. Er schien nahe.

Alle Gewehre wurden geladen, die Reisegesellschaft bildete einen festgeschlossenen Trupp, und lautlos drang man vorwärts in das dichte Unterholz hinein. Noch eine Viertelstunde verfloß, aber nichts zeigte sich.

„Schade!“ rief Franz, „eine Löwenhaut hätten wir erobern müssen.“

„Hier sind die Spuren,“ bemerkte einer der Führer. „Das Tier ist vor uns diesen Weg gegangen, — jedenfalls hat es in der Nähe seine Lagerstatt.“

„Blut!“ rief plötzlich Holm, „Blut auf dem Gras und an den Baumstämmen. Der Löwe hat ein Tier getötet, das er nun mit aller Muße verspeist.“

Wirklich führten rote Perlen auf dem grünen Boden wie ein schlangenartig gewundenes Band der nahen Lichtung zu. Am Ufer des Stromes bildeten Dubabelbäume mit ihren fünfzig und noch mehr aus einer Wurzel aufschießenden Stämmen eine Art von undurchdringlicher Laube, in deren Innerem es fast dunkel erschien. Dahin führten die Blutspuren.

Eine Kette von Schützen umgab das Dickicht; es war unmöglich, daß irgend ein Tier herausschlüpfen konnte, ohne gesehen zu werden. Der aufregende, spannende Augenblick, in dem sich die Entscheidung vollziehen mußte, ließ aller Herzen höher schlagen. Wo auch der Löwe erscheinen würde, da begrüßten ihn zehn Büchsenkugeln zugleich, während niemand nahe genug stand, um von ihm im Sprunge erreicht werden zu können. Alles blieb vollkommen still.

„Wir müssen ihn herausjagen!“ rieten die Führer. „Schade, daß uns ein paar tüchtige Hunde fehlen.“

Ein Steinwurf in das Gebüsch hinein begleitete den Satz, — der Löwe gab kein Zeichen seiner Anwesenheit.

Wieder vergingen Minuten. Sollte man sich völlig getäuscht haben?

Aber nein. Unter den Schlingpflanzen, welche von Stamm zu Stamm lebende Wände flochten, zeigten sich plötzlich ein Paar funkelnde, mit rotem Schimmer leuchtende Augen, das gewaltige Brüllen drang erschütternd in die Herzen der Hörer, und endlich kam der königliche, mähnenumwogte Kopf zum Vorschein.

Mit einem einzigen elastischen Sprung erreichte der Löwe das Freie. Noch troff Blut von seinem Maul, die Mähne hatte sich gesträubt und der Schweif peitschte wütend den Erdboden. Etwa zehn Schritt vor dem Platze des jüngeren Knaben blieb er brüllend stehen.

Fünf oder sechs Schüsse krachten, auch Hans selbst gab Feuer, das gewaltige Tier blutete aus mehreren Wunden, noch einmal setzte es an zum Sprunge, flog zusammenbrechend, taumelnd, eine kurze Strecke weit vorwärts und stürzte dann dumpf brüllend auf den Boden. Die eine Vordertatze riß im Fall den Knaben mit sich, — Hans lag unter dem Schenkel des verendenden, im Todeskampfe zuckenden Löwen. Schon nach wenigen Augenblicken erhielt sein Gesicht eine bläuliche Farbe, die Hände griffen krampfhaft in das Gras, und ein Gurgeln wie das des Erstickens verriet die furchtbare Gefahr, in welcher er schwebte. An den Löwen heranzutreten und ihm sein Opfer zu entreißen, war unmöglich; wer es gewagt hätte, der würde das eigene Leben dahingegeben haben, ohne dem armen Hans nützen zu können. Holm besann sich daher nicht lange, er kniete unmittelbar neben dem bedrohten Knaben ins Gras, sprach in fliegender Eile diesem Mut zu und ermahnte ihn, keine Bewegung zu machen, dann schoß er über seines Zöglings Körper hinweg dem Untier die tötende Kugel in den Kopf. Der Löwe streckte sich, atmete noch ein paarmal und hatte aufgehört zu leben.

Jetzt konnten vereinte Kräfte den Halberstickten hervorziehen; man rieb und schüttelte ihn, gab ihm Branntwein zu trinken und spritzte ihm Wasser in das Gesicht, bis er endlich wieder ganz zum Bewußtsein gebracht war. Auf der Brust fanden sich vom Druck des Löwenschenkels blaue Flecke, die Glieder schmerzten und der Kopf war schwer wie Blei. „Wir müssen einen kleinen Halt machen,“ riet Holm, „Hans ist zu sehr angestrengt worden, und uns anderen thut es ebenfalls gut, namentlich nach der schmählichen Flucht vor den Affen.“

Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Die Führer warfen ihre Vorräte und Waffen ins Gras, ein Teil ging aus, um frisches Wasser zu suchen, ein anderer raffte trockenes Holz zusammen, und Franz und Doktor Bolten wanderten mit den Gewehren am Ufer hin, um womöglich irgend einen frischen Braten zu schießen; schon nach wenigen Minuten war es um die beiden Zurückgebliebenen still wie in einer Kirche.