Der Waldbrand.
„Neben- und durcheinander, sich überstürzend, drängend, schossen sie vorwärts,
und hinterher wälzte sich die Feuerwoge ...“
Hinter dem Feuer, vom Waldrande kommend und über die rotglühenden Stoppeln dahinblickend, erscheinen schwarze Gestalten in arabischer Kleidung, weiß beturbant und mit langen Wurfspießen, mit Bogen und vergiftetem Pfeil.
Hin und her über die Angehörigen der vernunftlosen Schöpfung messen sich die Blicke erstaunter Menschen.
Sind sie Feinde, die Gallinas?
— — — — — — — — — —
Franz sah nur den Leopard. Von diesem Ast konnte er nicht fort, weder in die brodelnde Glut noch in den See hinein! Das Herz des jugendlichen Jägers schlug mit verdoppelter Eile, er sprach nicht, dachte nicht einmal, sondern handelte unter dem Eindruck des Augenblickes. Das Gewehr an die Backe legend, zielte er sekundenlang, der Schuß krachte, — und der Leopard fiel, sich überschlagend, bis ganz nahe an den Sumpf. Obwohl seine hastigen Bewegungen zeigten, daß er noch lebte, so war doch jedenfalls sein baldiger Tod gewiß.
Zwei Gallinas sprangen herzu, um die Beute den Krokodilen zu entreißen. Die anderen berieten flüsternd, offenbar mit Bezug auf die Weißen. Doktor Bolten und Holm waren von dem Jagdeifer ihres jungen Gefährten unterdessen angesteckt worden, ebenso Hans. Schuß krachte auf Schuß, zwei der größten Elefanten wälzten sich in ihrem Blute, ein Büffel hatte schon mehrere Kugeln auf den Pelz bekommen, doch ohne sich sonderlich darum zu kümmern, und auch eine Antilope war getötet. Die Wilden schossen ihrerseits gar nicht. Es schien ihnen offenbar bequemer, sich das Wild vor die Füße legen zu lassen, als selbst ihre wertvollen Pfeile zur Erlegung desselben zu verschwenden; ganz in aller Stille aber teilte sich der Trupp, und ohne daß es die Weißen merkten, waren sie eingeschlossen.
Das Getümmel vor dem See nahm indessen zu. Einer der Elefanten stürzte ganz in der Nähe der Giraffe, und diese trat erschreckend zurück bis an den Rand des Sumpfes. Sofort erhoben sich zwei der scheußlichen Ungeheuer halben Leibes aus dem Schlamm und packten mit ihren fürchterlichen Rachen das lautschreiende Tier, welches sich aus allen Kräften, aber natürlich vergebens, gegen diese Übermacht zu sträuben versuchte. Ehe eine Minute verging, gurgelte das grünliche Wasser und trieb Blasen, dann aber schloß es sich über dem Opfer, dessen Verderben die Schützen nicht gewollt hatten, und das nun von den blutdürstigen Räubern der Tiefe in Stücke zerrissen wurde. Zuweilen tauchte aber bei dem erbitterten Kampfe, welcher ohne Zweifel auf dem Grunde des Sees entstanden war, der Kopf des einen oder anderen Krokodils plötzlich hervor, und um einen solchen Augenblick zum wohlgezielten Schusse zu verwenden, schlich Franz mit leisen Schritten in das Gebüsch hinein. Die hintere Mitte des Halbmondes war bedeutend breiter als die beiden Ausläufer, daher hoffte er am Rande der letzteren im gegebenen Fall sicherer zielen zu können.
Die Gallinas waren um den glücklich geretteten Leoparden so beschäftigt und so eifrig dabei, die Antilope auf dem Fleck auszuweiden und am Spieß zu braten, daß sie vielleicht, auf die Feuerwaffen der Europäer allzusicher vertrauend, für sich selbst die nötige Vorsicht ein wenig außer Augen ließen. Einer der großen, männlichen Elefanten, angeschossen aber nicht getötet und aus diesem Grunde vor Schmerz rasend, drehte sich plötzlich gegen die zur Seite befindliche Negerschar, erhob herausfordernd den Rüssel und stürzte mit lautem Wutgeheul den vermeintlichen Feinden entgegen. Die erschreckte Schar empfing ihn mit Schüssen und wohlgezielten Würfen, — drei Pfeile zitterten am langen Schaft in seiner Hornhaut, das Blut rann stromweise von dem kolossalen Körper herab, aber dennoch gelang es ihm, mit schwindenden Kräften den nächsten der Neger zu erfassen. Er hob ihn hoch über den Kopf und schleuderte ihn dann mit solcher Kraft auf den Erdboden, daß sich die Glieder des Unglücklichen zuckend dehnten und ohne weitere Bewegung liegen blieben. Der Sieger überlebte aber seine Rachethat nur um einige Minuten, die Riesengestalt drehte sich schwindelnd im Kreise und stürzte mit dumpfem Dröhnen zu Boden.
Jetzt nahm der ganze Vorgang einen abschreckenden Charakter an. Das war keine Jagd mehr, sondern ein Blutbad. Die Krokodile, halben Leibes an das Ufer kletternd, bemächtigten sich lebender und toter Körper, die Elefanten wurden von den Gallinas ihrer Zähne beraubt und abgebalgt, das halbgare Antilopenfleisch mit den Fingern zerrissen und der getötete Neger nicht mehr beachtet, als sei er eins der gefallenen Tiere. Unsere Freunde erhoben sich, um diese Stätte sich entfaltender Barbarei zu verlassen, und jetzt erst bemerkten die übrigen, daß Franz noch immer fehlte.
Holm pfiff auf zwei Fingern. „Hallo, Franz, wo steckst du?“
Keine Antwort.
Holm und Doktor Bolten sahen einander an; das Gesicht des alten Herrn war entsetzlich blaß geworden. „Die Verantwortung!“ sagte er fast stammelnd, „ich habe dem Vater gegenüber die volle Verantwortung auf mich genommen!“
„Nun, nun,“ tröstete Holm, dem selbst das Herz heimlich schlug, „er wird ja wiederkommen. Was sollte ihm geschehen sein?“
Noch einmal erschallte der laute Ruf über die Waldwipfel dahin, noch einmal legten alle drei Zurückgebliebenen in diesen kurzen einen Laut die ganze Unruhe, die stärker und stärker werdende innere Furcht ihrer Seelen. „Franz! — Franz! —“
Wieder keine Antwort.
„Achilles,“ sagte Holm, „was kann das bedeuten?“
Der Neger zuckte die Achseln. „Vielleicht Gallinas!“ antwortete er.
„Hilf Himmel, sie sollten ihn getötet haben?“
„O — auf keinen Fall. Gallinas handeln in Lagos mit Geiser und Kopp, viel zu klug, um die Buchmänner zu erzürnen. Aber Gallinas Diebe.“
Holm atmete auf. „Es handelt sich also im schlimmsten Fall um ein Lösegeld, Achilles? Die Schwarzen werden den armen Knaben doch nicht töten?“
Der Neger schüttelte den Kopf. „Wollen Feuerwaffen haben und Fetisch,“ antwortete er, auf Holms Uhr deutend.
„Herr Gott, so laßt uns eilen.“
Und in stummer Hast drängte alles vorwärts. Doktor Bolten konnte sich von dem Schauplatz des geschehenen Unglückes anfangs durchaus nicht trennen. „Weggehen und den unglücklichen Jungen so gewissermaßen treulos verlassen,“ preßte er hervor. „Es ist zu schrecklich. Wenn er nun in das Wasser gefallen und von den Krokodilen —“
„Pah, das ist ganz unmöglich. Der Junge ist doch kein Wickelkind, daß er in den See plumpsen und sich fassen lassen sollte, ohne zu seiner eigenen Rettung das allermindeste zu unternehmen? — Die Gallinas haben ihn, und wir müssen sehen, mit dem Raubgesindel thunlichst zu unterhandeln.“
Das war ein schlimmer, aber doch der einzig mögliche Trost, und nachdem noch die Neger zur Vorsicht festgestellt hatten, daß nirgend im Umkreis des Sees ein Unglück geschehen sein könne, beeilte man sich, die vordere Seite zu erreichen. Hier waren auch die Gallinas mit dem Aufbruch beschäftigt; sie ließen den Dolmetscher äußerst gleichmütig an sich herankommen und beantworteten seine Fragen nach dem verschwundenen Knaben fast nur durch Achselzucken. Vielleicht hatte er ihre vorangegangenen Gefährten begleitet, sie wußten es nicht.
Aber nicht allein Achilles, sondern auch die Weißen waren durch den Ton dieser Antworten in ihrem anfänglich gehegten Verdacht vollkommen bestärkt worden, sie folgten daher ohne weiteres den nach Hause gehenden Gallinas, und nur einmal fragte Holm den Dolmetscher, ob denn das Dorf derselben in der Nähe liege. Die Antwort traf wie ein Kanonenschuß, — man mußte acht bis zehn Stunden marschieren und dann natürlich während der Nacht im Walde bleiben.
Neue Verwirrung, neues Entsetzen bemächtigte sich der beiden Männer. „Achilles,“ rief Doktor Bolten, „machen Sie doch Ihren Landsleuten den Vorschlag, uns den Knaben hierher zurückzuliefern. Wir wollen alles, was wir besitzen, mit Vergnügen hergeben.“
Der Dolmetscher schüttelte den Kopf. „Gallinas klug“, antwortete er, „fürchten Feuerwaffen. Achilles allein gehen mit Fetisch und Gewehren.“
Das aber konnten wieder die beiden anderen nicht zugeben, auch Hans wollte sich trotz aller Vorstellungen nicht mit einem der Neger auf den Rückweg machen, und so zog denn die kleine Gesellschaft in tiefstem Schweigen, verstimmt und unruhig durch den Wald dahin. Die Gallinas in ihren weißen Turbanen und Burnußen gingen gewissermaßen als Wegweiser voran, und sobald sie Halt machten, lagerten auch die Weißen mit ihrer Begleitung, um scheinbar wenigstens ein Mahl einzunehmen. In der That aber sprachen nur die Kruneger den mitgebrachten Vorräten tapfer zu.
„Wie wäre es,“ meinte Holm, „wenn wir alle mit dem Gewehr auf dem Rücken, also in ganz friedlicher Absicht, jetzt zu den Gallinas gingen und ihnen vor die Füße legten, was sie zu besitzen wünschen? Wo das geschieht, ist doch gleichviel.“
Aber Achilles wies den Vorschlag durchaus zurück. „Gallinas lassen den weißen Knaben frei, ohne ihm Waffen oder Führer zu geben,“ sagte er. „Gallinas falsch, weißer Knabe von Raubtieren zerrissen.“
„Und warum hat man uns nicht gleich an Ort und Stelle den ganzen spitzbübischen Handel vorgeschlagen?“ rief Holm.
„Zehn Feuerwaffen,“ lächelte Achilles, die Gewehre überzählend, „zehn entschlossene Männer. Gallinas klug — den Gegner müde machen.“
„Diese Spitzbuben! Sie wußten also, daß wir bis an das Ende der Welt dem armen Jungen nachgehen würden?“
Und man brach wieder auf, bis der Abend herabsank und die Schatten länger wurden. Plötzlich an einer Waldlichtung waren die Weißmäntel wie in den Boden hinein verschwunden, — auch nicht ein einziges Zeichen verriet, wohin sie sich gewendet.
Die Kruneger berieten heimlich, und dann wandte sich der Dolmetscher zu den Weißen. Eine Viertelstunde von hier läge das Dorf, versicherte er, sie wüßten es ganz gewiß. Zwei von ihnen wollten die Zugänge desselben bewachen und die übrigen hier aus den mitgenommenen Decken ein Zelt errichten. Der Plan der Gallinas sei ihm und seinen Genossen jetzt ganz klar.
„Und wenn uns die schwarze Bande in Gemeinschaft verrät?“ flüsterte Bolten.
„Dann sind wir unter allen Umständen verloren. Unserer drei gegen ebenso viele Hunderte.“
„Aber wir haben die Gewehre!“
„Dem Himmel sei Dank dafür! Die Schurken fürchten uns wie den bösen Feind, weil eben die Feuerwaffen aus so weiter Entfernung zu schaden vermögen.“
Achilles und seine Genossen bauten mit flinken Händen das Zelt, reinigten den Boden von Moos und Insekten und zündeten bei einbrechender Dunkelheit ein riesiges Feuer an, welches die Raubtiere verscheuchen sollte. Zwei Neger verschwanden ganz in der Stille, die anderen trugen Wasser herbei, kochten Kaffee und rösteten Mais zwischen rohen Feldsteinen, dann aber mußten auf ihren Rat die Gewehre, auch die der fortgeschlichenen Krumänner, vor dem Zelt zusammengestellt werden. Nachdem das geschehen, begaben sich scheinbar alle zur Ruhe, die Weißen im Zelt, die Neger davor. — Stunde nach Stunde verrann; von fern brüllten mit ihren greulichen Stimmen die wilden Tiere; im Gebüsch raschelte und krachte es wie von glatten Schlangenleibern, vom Fuß schleichender Raubkatzen; das Feuer hüllte alles in seine purpurnen Gluten; nagende, quälende Unruhe hielt die drei leise flüsternden Deutschen wach. So ganz allein am Rande der Zivilisation, nahe jener Gegend, die noch kein weißer Mann betreten, den Schwarzen und den reißenden Tieren wehrlos preisgegeben, — das konnte mit Recht eine böse Lage genannt werden.
Und Doktor Bolten flüsterte kaum hörbar: „Vater, wenn es möglich ist, so laß diesen Kelch vorübergehen.“
„Amen!“ schluchzte Hans, der wohl fühlte, daß dies Gebet seinem verschwundenen Bruder galt.
Achilles, der vor dem Eingang des Zeltes saß, hob in diesem Augenblick die Hand.
Vom Schein des Feuers hell bestrahlt, warf die schwarze Hand einen Riesenschatten, — unwillkürlich erstickte ihr Erscheinen jeden Laut.
Der Neger streckte sich, als schlafe er; tiefe Totenstille beherrschte die Umgebung, dann hoben von hinten mehrere Hände den Zeltvorhang auf. Gallinas in starker Anzahl hielten das Lager umzingelt, hatten die Gewehre ergriffen und die Messer der drei Deutschen an sich gerissen, ehe viel Zeit verging; jetzt untersuchten sie sogar die Taschen und bemächtigten sich der Uhren, — nur die Bambusbüchse des Zauberers wurde verächtlich bei Seite geworfen.
So schnell wie sie gekommen, verschwanden die unheimlichen Gäste.
„Und nun?“ fragte Bolten. „Sie haben den Jungen doch sicher ermordet.“
Achilles schüttelte lachend den Kopf. „Wozu?“ sagte er. „Bald genug hier sein, — sehr bald.“
Und wirklich war kaum eine Viertelstunde vergangen, als aus dem nächsten Gebüsch die beiden Kruneger hervortraten, in ihrer Mitte den Knaben, grinsend von einem Ohr zum andern, äußerst vergnügt, daß sie List mit List vergolten hatten. Franz war unversehrt, er flog den anderen entgegen und warf sich stürmisch in ihre Arme. Minuten verflossen, bis einer der Männer sprechen konnte. „Kinder,“ stammelte endlich Doktor Bolten, „Kinder, laßt mich unserm Gott danken und diesen beiden braven schwarzen Menschenbrüdern hier —“
Aber weiter kam der alte deutsche Theologe nicht, sondern ging mit offenen Armen zu den beiden fettglänzenden, schwarzen Wilden und küßte die erstaunten Gesichter, — und das war ein echter, wahrhaftiger Gottesdienst, wie er tief aus dankbarem Herzen heraufquoll.
„Nur mein kostbares Zauberpulver ist gerettet!“ rief Holm, „sonst alles dahin. Aber gerade dieses — — O nein!“ unterbrach er sich plötzlich, „das ist denn aber doch empörend!“
Man umringte ihn und sah in die offene Schachtel hinein. Sand, purer grauer Sand, weiter war nichts darin. Der Zauberer hatte das vielbegehrte Hundehalsband erlangt, sein Geheimnis aber daneben schlau bewahrt.
Ein dröhnendes, nicht endenwollendes Gelächter stellte die urgemütliche Reiselaune wieder her. „Gib nur acht, Karl,“ rief Franz, „ich will den Betrüger mit seinen eigenen Waffen schlagen. Er soll mich für einen noch größeren „Medizinmann“ halten, wie er selbst es ist und schon Respekt bekommen. — Jetzt aber laßt uns wandern! Auf, hinaus in den Mondschein!“
„Aber ohne Waffen!“ rief Hans.
„Nicht ganz!“ lächelte Holm. „Meine Taschenpistolen hatte ich in Sicherheit gebracht.“
Er zog die Waffen unter dem Moos hervor und lud beide Läufe. Auch einer der Neger brachte grinsend vor Vergnügen Bogen und Pfeile herbei, die er im Dorfe der Gallinas stibitzt hatte, und die Franz sogleich für Papas Museum mit Beschlag belegte. Das kaum errichtete Zelt wurde seiner Decken wieder beraubt, und dann im Freien am Wachtfeuer eine köstliche Mahlzeit gehalten; jetzt machte, nachdem Angst und Sorge vorüber waren, die Natur ihre Rechte doppelt geltend, und namentlich Franz schmauste wie ein Halbverhungerter. „Die Gallinas haben mir Heuschrecken vorgesetzt,“ schauderte er, „und einen halb rohen, halb verbrannten Affenbraten.“
„Aber wie war es eigentlich möglich, daß sie dich wegfangen konnten, ohne unsere Aufmerksamkeit zu erregen, Junge? Ich begreife es nicht.“
„Sie warfen mir von hinten eine Decke über den Kopf,“ erklärte Franz, „und wenn nur nicht gerade der eine große Elefant so fürchterlich trompetet hätte, dann müßtet ihr auch meinen Schreckensschrei und das Zerren und Schleifen durch die Gebüsche gehört haben. Aber darauf war vielleicht gerade gerechnet worden.“
Man brach nun auf und hatte das Glück, im hellen Mondschein ungefährdet das Dorf Lope zu erreichen. Nur ein paar kleinere Tiere liefen über den Weg, aber die wurden verschont, teils um keine Zeit zu verlieren, teils weil man gar nicht in der Stimmung war, irgend ein Geschöpf zu töten. Die Botanisierkapseln waren dafür bis an den Rand gefüllt.
Am folgenden Morgen begab sich Franz, mit einem kleinen Brennspiegel ausgerüstet, in die Nähe des Tempels und nahm seinen Platz so, daß er gerade vor der Thür der Hütte saß. Der Zauberer lag wie immer faul im Innern derselben.
Alle übrigen hatten sich in der Nähe versteckt.
Jetzt drehte Franz das Glas so, daß der Sonnenstrahl versengend die Hand des Zauberers traf und dieser erschreckt zurückfuhr. Er lugte durch eine Spalte der Bambuswand und gab so sein schwarzes Ohr preis, — husch, hatte der Strahl es erfaßt.
Nun ging ihm die Geschichte über den Spaß. Er kam heraus, offenbar um das Ansehen seiner Person geltend zu machen; die Augen rollten vor Zorn, und die Fäuste waren geballt. Er schrie einige Worte in der Negersprache.
Franz drehte heimlich das Brennglas und hielt es jetzt so, daß es der Schwarze deutlich sehen konnte. Im Zickzack stach es und prickelte Brust und Kopf, Schultern und Beine.
Der Zauberer stieß ein sehr natürlich klingendes Geheul aus, schoß in die Hütte und erschien wieder mit dem Halsband, das er weit fortschleuderte. Sein Ruf klang jetzt unverkennbar wie „Gnade! Gnade!“
Franz trat mit der ernsthaftesten Miene vor und nahm das Halsband vom Boden. „Betrug ist Betrug, auch wenn er komischer Natur wäre, nicht wahr, Herr Doktor? Damit durfte der graue Sünder nicht durchkommen.“
Und lachend zogen alle von dannen. Die beiden Neger, welche Franz aus dem Dorf der Gallinas sicher zu den Seinigen gebracht hatten, sowie Achilles erhielten in Lagos namens der Eltern des Knaben von den Herren Geiser und Kopp eine ansehnliche Belohnung und dann ging es, von ihren Segenswünschen begleitet, beladen mit allen Schätzen dieser kleinen Reise, an Bord der Hammonia zurück.
Trotz der mannigfachen Gefahren, die der kleine Trupp der Naturforscher mit Mut und Glück bestanden hatte, war die Ausbeute an Naturalien aller Art keine geringe geworden, nun galt es die gewonnenen Schätze vor dem Verderben zu bewahren, damit sie wohlerhalten in Europa anlangten, um den Gelehrten als Material zum Studium oder zur Vervollständigung der Sammlungen zu dienen.
Zunächst wurden daher jene Gegenstände in Angriff genommen, die dem Verderben am meisten ausgesetzt waren, und da vier rüstige Arbeiter zur Verfügung standen, machten sich alle an die Arbeit, deren Einteilung Holm, als der Führer der Expedition anordnete. Dem Doktor Bolten war die Aufgabe zugefallen, das Tagebuch zu führen, in welches alle Erlebnisse niedergeschrieben wurden. Hans wurde der botanische, Franz der zoologische Teil zugewiesen, während Holm die nötigen Anleitungen gab und bald dem einen bald dem andern half, wenn besondere Schwierigkeiten zu überwinden waren.
Es galt nun vor der Hand die Schmetterlinge zu präparieren, damit dieselben schön ausgebreitet die Pracht ihrer Flügel, die bunte Zeichnung derselben und ihre ganze Form auf das deutlichste erkennen lassen konnten. Zu diesem Zwecke waren einige 30 Zentimeter lange und 5 Zentimeter breite glatte Bretter mitgenommen worden, die der Länge nach eine 2 Zentimeter breite Furche enthielten, deren Tiefe fast ebenso viel betrug. Aus einer der Schachteln wurde der eingesperrte Schmetterling nun vorsichtig herausgenommen und zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand festgehalten.
„Ehe wir das Tier spießen,“ sagte Holm, „wollen wir es vergiften, damit es keine zu großen Qualen leide. Wir könnten hierzu von dem Chloroform aus der Reiseapotheke nehmen. Allein, wer weiß, ob wir dasselbe nicht noch zu anderen, wichtigeren Zwecken gebrauchen werden.“
„Haben wir denn noch ein anderes Gift, das uns dieselben Dienste leistet?“ fragte Franz.
„Ich bin soeben im Begriff einiges zu bereiten,“ antwortete Holm mit scheinbar wichtiger Miene.
„Wo denn,“ fragte Franz verwundert, „ich sehe keine Retorte noch sonst einen chemischen Apparat.“
„Hier, dies ist mein großes Laboratorium,“ erwiderte Holm lächelnd, indem er auf die kleine Tabakspfeife deutete, die er vor kurzem in Brand gesetzt hatte. „In dem unteren Behälter,“ fuhr er fort, „sammelt sich der Tabakssaft an, der beim langsamen Verbrennen des Tabaks entsteht und jenen Giftstoff enthält, den die Chemiker Nikotin nennen. Dieses Nikotin ist ein Gift für alle Insekten, die deshalb den Tabaksrauch auch ängstlich meiden.“
Holm goß den Tabakssaft in eine kleine Muschelschale, tauchte eine Nadel in denselben und feuchtete den Rüssel des Schmetterlings, den er vorsichtig aber doch sicher in der angegebenen Weise festhielt. Nachdem der Schmetterling einige kleine Tropfen des ihm tödlichen Giftes gekostet hatte, war er vollkommen leblos geworden.
Nun wurde ihm eine lange Insektennadel durch das Rückenschild gestoßen und dieselbe in der Furche eines der vorhin erwähnten Bretter derart festgesteckt, daß der Rumpf des Schmetterlings sich in der Furche befand. Leicht war es nun möglich, die Flügel auf der glatten Fläche des Brettes schön und eben auszubreiten, Streifen von starkem Papier wurden über die Flügel gelegt und an ihren äußeren Enden mit kleinen Nadeln ebenfalls befestigt, so daß die Flügel in der ihnen einmal gegebenen Lage verharren mußten. Ein Schmetterling nach dem andern wurde in gleicher Weise behandelt, bis kein Platz auf dem Brette mehr vorhanden war und die noch leeren an die Reihe kamen.
„Was machen wir mit den übrigen Schmetterlingen?“ fragte Franz, als auch diese besetzt waren.
„Wir lassen sie bis morgen leben,“ antwortete Holm, „denn dann sind in dieser tropischen Hitze die jetzt ausgebreiteten soweit trocken, daß wir sie abnehmen und in eine Schachtel bringen können, deren Wände aus Kork bestehen, in welchen wir die Nadeln mit leichter Mühe spießen. Ist die Schachtel voll, so befestigen wir ein Stück Kampfer in derselben, setzen den Deckel auf und kleben die Fugen gut zu.“
„Wozu dient der Kampfer?“ fragte Franz.
„Um den Motten und anderen Insekten die Lust zu nehmen, unsre mühevoll präparierten Schmetterlinge zu zerstören. Ohne diese Vorsichtsmaßregeln würden wir nur Staub und Moder nach Hamburg mitbringen.“
„Das wäre ein übler Lohn für unsere Arbeit und ein Resultat unserer Expedition, auf das wir nicht stolz sein dürften,“ entgegnete Franz.
„Das Einsammeln der Naturalien ist nicht minder schwer als das Schützen derselben vor Zerstörung,“ erwiderte Holm. „Es ist daher dem Forscher mitunter unmöglich, seine kostbare Beute in die Heimat zu transportieren, weil es ihm in der Wildnis an den Mitteln zur Erhaltung derselben gebricht. Nun wollen wir noch jede Nadel mit einem Stückchen Papier versehen, auf das wir eine Nummer schreiben. Diese Nummer wird in einem kleinen Büchlein ebenfalls notiert und dahinter schreibst du den Fundort des Tieres und sonstige Bemerkungen, Datum des Fanges und Beobachtungen, die wir an dem lebenden Tiere machten.“
Franz versprach die gewissenhafte Ausführung des Auftrages und sagte: „Man soll nicht von uns behaupten, daß wir des Vergnügens wegen reisten, sondern daß wir der Wissenschaft zu nützen suchten, so viel in unseren Kräften stand.“
„Bravo!“ sagte Doktor Bolten, „diesen Ausspruch will ich mir für unser Tagebuch merken.“
Holm zeigte nun Hans, wie er mit den Pflanzen verfahren müsse, um dieselben in ihrer Form möglichst gut zu erhalten. Zu diesem Zwecke wurden die Pflanzen auf einen Bogen weichen Löschpapieres sorgfältig ausgebreitet, die Blumenblätter so gelegt, daß die Form der Blüte nicht verzerrt, sondern, so weit dies möglich, in ihrer natürlichen Gestalt erschien. Sobald ein Blatt, eine Blüte, oder sonst ein Teil der Pflanze in die geeignete Lage gebracht worden war, setzte Holm einen ziemlich schweren Kieselstein auf denselben, damit er in seiner ihm einmal gegebenen Stellung verharrte.
Als dies geschehen, wurde ein zweiter Bogen Löschpapier auf den ersten gelegt, unter gleichzeitiger gewandter Entfernung der Kieselsteine, worauf die derart eingelegte Pflanze unter eine Presse kam, die ganz einfach aus einem Kistendeckel bestand, den einige Steine nicht allzusehr beschwerten, um die zarten Teile, wie Stengel, Fruchtboden u. s. w. nicht zu zerquetschen.
„Werden die Insekten auch die Pflanzen angreifen?“ fragte Franz.
„Ihnen ist einerlei, was ihnen vor die Freßwerkzeuge kommt,“ antwortete Holm. „Die tropischen Insekten, namentlich die Ameisen, schonen nichts, was ihnen nur irgendwie schmackhaft vorkommt.“
„Dann müssen wir auch hier Kampfer anwenden,“ meinte Franz.
„In diesem Falle nutzt uns derselbe nichts,“ entgegnete Holm, „denn es wird uns schwer werden, ein großes Paket gesammelter und zwischen Papier liegender Pflanzen luftdicht einzuschließen, denn in nicht luftdichten Kasten verdunstet der Kampfer. Wir haben jedoch ein anderes Mittel, das freilich sehr giftig ist, mit dem wir die trockenen Pflanzen einpinseln. Es ist dies in Weingeist aufgelöster Sublimat, eine Verbindung von Chlor und Quecksilber, die fast alles Lebende tötet.“ Sobald die Pflanzen getrocknet wären, wollte Holm das Einpinseln derselben mit dem Gifte selbst vornehmen.
Hans meinte, daß das Einlegen der Pflanzen viel einfacher sei, als das Präparieren der Schmetterlinge, und daß gar keine Schreibereien damit verknüpft seien.
„Da irrst du dich gewaltig,“ rief Holm lachend. „Nein, es wird ebenso wie bei den Tieren der Fundort angemerkt, ferner die Beschaffenheit des Bodens, ob derselbe sandig, felsig, trocken oder sumpfig. Dann, ob die Pflanze im Schatten wächst, oder in der Sonne, ob sie an anderen Gewächsen emporrankt oder gar auf ihnen schmarotzt, wie viele der prachtvollen Orchideen, zu denen auch die Vanille gehört.“
„Ich wollte, ich hätte einen Becher Vanille-Eis,“ sagte Franz, „der sollte mir in der Hitze hier schmecken!“
„Und was für Gesichter die Eingebornen wohl machen würden, die nie in ihrem Leben Eis gesehen, noch viel weniger solches gegessen haben,“ fiel Hans ein.
„Sie würden glauben, sich den Mund verbrannt zu haben,“ erklärte Holm, „denn diese Empfindung würde sich ihnen zunächst aufdrängen. Auch erzeugt sehr große Kälte ebensowohl Brandblasen auf der menschlichen Haut, wie eine hohe Temperatur.“ — Dann wandte er sich wieder zu Hans und fuhr fort: „Ferner müssen die Früchte und Samen von den Pflanzen gesammelt und in Papier aufbewahrt und genau bezeichnet werden, teils für den Forscher und teils für den Gärtner, der dann versucht, sie im Gewächshause zum Keimen zu bringen.“
„Ich verstehe schon,“ fiel Hans ein. „Wenn der Gärtner nicht erfährt, wo und wie die Pflanze wächst, dann säet er am Ende den Samen einer Sumpfpflanze in trocknen Sand, als stammte er von einem Steppengewächs und steckt den Samen einer Kletterpflanze ins Wasser. Ich will alles genau notieren.“
„Wo aber bleiben der Heerwurm und die anderen Käfer, die noch im Spiritus sitzen?“ fragte Franz.
„Die nehmen wir aus ihrem nassen Grabe und spießen sie ebenso auf wie die Schmetterlinge. Die größeren derselben wickeln wir in Papier und bezeichnen sie mit Nummern. Nur die Mücken, die Fliegen, die bienenartigen, die Stechfliegen und Schlupfwespen lassen wir im Spiritus, in welchem sie sich am besten halten.“
Material war genügend vorhanden und somit fehlte es nicht an Arbeit. Bald wurden die Gegenstände präpariert, bald gab es Notizen zu machen und zu schreiben, und die Knaben erlangten schon in kurzer Zeit eine große Geschicklichkeit in der Handhabung der einzelnen Gegenstände. Als aber Holm ihnen sagte, daß noch schwierigere Aufgaben zu bewältigen seien als diese, verloren sie den Mut durchaus nicht, sondern meinten, dann wird uns die Sache erst recht interessant.
Während sie so arbeitend plauderten und über dem oft heiteren Gespräch die Arbeit nicht versäumten, rief Franz plötzlich: „Womit soll ich die Nummern an die Pflanzen kleben? Wir haben das Gummi arabikum vergessen.“
Holm lachte. „Wir werden in die Apotheke schicken!“
Als die Knaben ihn ungläubig ansahen und riefen: „hier in der Wildnis gibt es keine Apotheke,“ sagte er, „auf dem nächsten Ausfluge werden wir schon jemand finden, der uns das Gewünschte gibt.“
Nichts vergißt sich schneller als Mühe und Gefahr, nachdem beide glücklich überstanden sind. Kaum waren die mitgebrachten Insekten und Pflanzen in die verschiedenen Sammlungen gehörig eingereiht und Geist und Körper durch etwas Ruhe neu gestärkt, als sich die Knaben auch schon nach weiteren Abenteuern umsahen. Zehn Tage lang mußte das Schiff noch vor dem Hafen von Lagos liegen, um dort seine Ladung Palmöl einzunehmen. Diese ganze kostbare Zeit konnte man unmöglich an Bord verbringen und eben so wenig in der Umgebung von Lagos, die nur aus Busch und Flachland besteht und außer dem Krokodil kein jagdbares Wild mehr aufweist.
„Wir wollen das Schleppnetz auswerfen,“ entschied Holm. „Heute abend nach Eintritt der Dunkelheit sollt ihr ein nie gesehenes Schauspiel erleben, den Fischfang vermittelst einer großen Laterne, die das Meer in einer Tiefe von etwa fünfzehn Metern weit umher erhellt und von allen Seiten die neugierigen Bewohner desselben herbeilockt. Morgen machen wir dann vielleicht bei günstigem Wetter mit dem kleinen Bugsierdampfer „Hansa“, der uns des Sonntags wegen von seinen Eigentümern zur Benutzung überlassen werden kann, eine Fahrt stromauf in das Innere hinein. Ich möchte ein paar Flußpferde schießen oder harpunieren.“
„Wenn wir ein Junges fangen und nach Hamburg bringen könnten!“ rief Franz.
„Das wird uns nicht so leicht gelingen,“ antwortete Holm, „denn die Flußpferde sind äußerst scheu und dabei im gereizten Zustande sehr gefährlich. Außerdem macht der Transport des lebenden Tieres große Schwierigkeiten.“
„Einerlei,“ riefen die Knaben. „Auf dem Dampfer befinden wir uns überdies auch in voller Sicherheit. Ist es gewiß, daß wir ihn benutzen dürfen?“
„Ganz gewiß, ich habe heute morgen mit dem Kapitän gesprochen. Nun aber laßt uns das Schleppnetz herrichten.“
Die Kiste wurde geöffnet und das aus Hamburg mitgebrachte Netz hervorgeholt. Im bedeutenden Umkreis mehrere eiserne Ketten, die den Mittelpunkt bildeten, einrahmend, war es ein großes, starkes Fischernetz aus Flechtwerk, das flach auf das Wasser gelegt wurde, und von dessen Zentrum die Lampe herabhing, natürlich vom Bord des Schiffes mittels eines starken hölzernen Hebebaumes in ihrer richtigen Stellung erhalten. Über den bethörten, durch eigene Neugier verlockten Fischen mußte sich das Netz sehr leicht zusammenziehen und oben an den Ketten befestigen lassen. Die Lampe selbst war ganz aus Schiffsglas, sehr groß und für vier starke Wachslichter bestimmt; sie hatte am oberen Ende einen wasserdichten Schraubenverschluß, während ihr durch Schläuche Luft zugeführt wurde. Ohne die Lampe folgt ein solches Schleppnetz dem Laufe des Schiffes und wird von Zeit zu Zeit seiner Gefangenen entledigt, mit derselben kann es natürlich nur gebraucht werden, wenn das Fahrzeug völlig still liegt.
Als bei hellem Mondschein und durchaus ruhigem Wetter die Lichter entzündet waren, sammelte sich die ganze Besatzung auf dem Verdeck, und alles sah gespannten Blickes hinab in die Tiefe. Müde von der schweren Arbeit des Tages, nachdem die Ölspuren einigermaßen beseitigt und die Rationen verteilt waren, pflegten jetzt diese lebensfrohen, an Leib und Seele gesunden jungen Leute der Ruhe, indem sie ihren Gedanken nachhingen und müßig die kühlere Nachtluft einatmeten. Einer von ihnen spielte Harmonika, deutsche Weisen klangen über das Wasser hin, und deutsches, gemütliches Beieinander verwischte den Unterschied von Stand und Rang. Wo Hunderte von Meilen zwischen dem Menschen und seiner Heimat liegen, da schließt er sich fester an die Nächsten, da bildet er in weiter Ferne mit dem Genossen der unsicheren Fahrt nur mehr eine einzige, große Familie. Weitab schimmerten die Lichter der Stadt, zuweilen klang von anderen Schiffen her Gesang und Rufen, sonst war alles still, alles dunkel, — nur da unten regte sich mehr und mehr das geheimnisvolle Leben der Tiefe.
Im Umkreis von zehn Schritten hell beleuchtet, bildete das Wasser den Tummelplatz ungezählter Fische und anderer Geschöpfe. Was nie an der Oberfläche erschien, sich nie dem Menschenauge am hellen Tage preisgab, das schwamm jetzt vorsichtig herbei, um den ungewohnten Anblick des Lichtes aus der Nähe zu genießen. Rundlich und platt, größer und kleiner, bald zierlich schlank, bald von außerordentlicher Häßlichkeit, so scharte sich’s um den kleinen, hellbeleuchteten Glaspalast da unten in der Tiefe. Zitternde Strahlen umgaben den Mittelpunkt, halbverwischt spiegelten sich Mond und Sterne, und lautlos glitt und krabbelte es in dem beweglichen Element. Zwischen Felsspitzen, deren höchste Ausläufer vielleicht bis zu sechs Metern unter dem Schiffskiel heraufragten, öffnete sich eine Art von Thal, das unzählige lebende Geschöpfe und Organismen bewohnten. Große Einsiedlerkrebse, die sich im heftigsten Kampfe befanden, kleine mit dem Schneckenhause, in dem sie leben, Ringelwürmer, Wasserspinnen, dazwischen die zierlichen Seesterne, Muscheln und Schnecken ohne Zahl — so bevölkerte es, sich mit tausend Gliedern regend, aufgeschreckt durch die plötzliche ungewohnte Helle, den Grund, während weiter oben in den Strahlen der Lampe die verschiedensten Fische herbeieilten.
„Sieh diesen!“ rief Franz, „er will das Licht verschlingen!“
Ein lautes Gelächter aller Zuschauer begleitete das komische Gebaren des Fisches. In Kugelform, scheinbar ohne Kopf, häßlich und plump schoß er heran und ebenso schnell wieder zurück, wenn sich die Nase an der Glaswand stieß. Seine Sprünge im Wasser, sein halb keckes, halb furchtsames Vorgehen erregten immer aufs neue die Heiterkeit der Versammelten, dennoch aber konnten sie ihre Aufmerksamkeit nicht diesem, dem Kofferfisch allein zuwenden. Der anderthalb Meter lange und dabei nur daumsdicke fliegende Drache mit Fledermausflügeln, der Drachenkopf mit seinem häßlichen Gesicht und hahnenkammartigen Flossen, der Flughahn mit förmlichen Flügeln, der Seeskorpion mit Hörnern auf dem Kopfe, der Seehase mit breitem Maul und großen Kuhaugen, alle drängten sie sich herbei, um zu staunen.
„Wollen wir nicht jetzt das Netz heraufziehen?“ fragte Hans.
„Noch nicht,“ wehrte Holm. „Es müssen ein paar Größere mit hinein.“
„Rochen, nicht wahr, Doktor? Ich habe gerade die längste Art hier zahlreich vertreten gefunden.“
„Ah! — da ist schon einer und zwar ein stattlicher Kerl, ein Hairoche von drei Meter Länge! — Und dort noch einer. Nun gibt es Krieg.“
Fischfang mit Schleppnetz und Licht.
„Rundlich und platt, größer und kleiner, bald zierlich schlank, bald von
außerordentlicher Häßlichkeit, so scharte sich’s um den kleinen hellbeleuchteten
Glaspalast da unten in der Tiefe.“
Von zwei Seiten näherten sich die ungeschlachten Tiere mit scheibenförmigem Körper und kaum erkennbarem Kopfe, an dem sich Mund und Kiemenspalten unten, und Augen und Spritzlöcher oben befinden. Die stachlichten Schwänze peitschten das Wasser, die Augen funkelten raublustig; so viel Beute auf einen Schlag, das mochten sie nie erlebt haben.
„Der kleine mit dem kreisrunden Körper ist ein Zitterroche!“ rief Holm. „Nun gebt acht, was folgen wird!“
Wirklich schossen auch die beiden großen Fische auf einander zu und begannen sogleich einen erbitterten Kampf. Sich von der Seite her begegnend, versetzten sie einer dem andern die kräftigsten Schwanzschläge, bis endlich der Zitterroche Gelegenheit fand, seinem Gegner einen elektrischen Schlag beizubringen und dadurch den Streit zu entscheiden. Völlig betäubt fiel der Hairoche auf den Grund des Netzes zurück. Die kleineren Fische hatten unterdessen versucht, nach allen Richtungen zu entfliehen; einigen gelang dies auch, die meisten wurden freilich durch das zur rechten Zeit emporgehobene Netz erfolgreich am Entweichen verhindert, und als endlich mit Hilfe mehrerer Matrosen das ganze schwere Netz an Bord geholt war, da zappelte in den Maschen desselben noch eine hübsche Anzahl von Flossenträgern; der kecke Kofferfisch, der arme Geselle, sogar im Maule des Zitterrochens, halbzerquetscht und ängstlich schwanzschlagend wie sein Besieger selbst.
„Das war ein reicher Fang!“ rief Holm. „Besonders die Rochen sind ihres Fleisches wegen viel wert, ebenso die meisten kleineren Fische um ihrer Seltenheit willen. Wenn wir sie aus der Nähe besehen haben, mögen sie weiterschwimmen.“
Und so geschah es. Verschiedene gewöhnliche Arten wanderten in die Schiffsküche, während man jene ungenießbaren Fremdlinge der Tiefe barmherzig verschonte und nur einige besonders wertvolle Exemplare zum Ausstopfen vorbereitete.
Der Zitterrochen wurde geschlachtet, um morgen den Mittagstisch in der Kajütte auszustatten. Den gänzlich betäubten Hairochen legte man in die große Deckwaschbalje, um zu beobachten, wann das Leben zurückkehren werde, und nachdem nun in dieser Weise der Fang besorgt war, sprach Holm noch über das Fischgeschlecht im allgemeinen einige belehrende Worte, daß es nämlich nicht weniger als achttausend lebende Arten gibt, daß die meisten davon eßbar sind, und daß nur wenige giftige Gattungen bekannt sind. „Wir werden Schleppnetz und Lampe im großen Ozean erst eigentlich zur Verwendung bringen,“ schloß er, „und dort jene interessanten Geschöpfe kennen lernen, die zwischen dem Pflanzen- und Tierreich gleichsam einen Übergang bilden, die Quallen in unzähligen Formen, die Korallen und Schwämme, — das alles hat da seine wahre Heimat. Ebenso habe ich für seichte und vor den Haien geschützte Buchten auch einen Taucherapparat mitgenommen. Gewiß sind mehrere unter Ihnen, die sich auf die Anwendung desselben verstehen?“ fragte er die Matrosen.
Ein mehrstimmiges „Ich, Herr!“ beantwortete diesen Satz, und der alte Steuermann fügte sogar bei, daß auf den Inseln des Stillen Ozeans jeder Mann ein geborner Taucher sei. „Ich habe oft gesehen, wie sie sich dem auf dem Grunde der Bucht behaglich liegenden Hai im Fluge nähern und ihn mit einem Stock oder wohl gar mit der ausgestreckten Hand zum Zorn reizen, damit er an die Oberfläche kommen und sich harpunieren lassen möge,“ sagte er.
„Essen denn diese Menschen das Raubtier?“ fragten erstaunt die Knaben.
„O, das essen auch wohl noch andere,“ meinte der Alte. „Ich habe manchen Hai mit eingefangen und verzehrt, namentlich bei langen Reisen, wo das Trinkwasser faul und das Fleisch knapp wurde. Da nimmt es der hungrige Magen nicht so genau.“
„Aber wenn nun der Hai vielleicht am Tage zuvor einen Menschen gefressen hatte,“ rief voll Entsetzen Franz.
„Das mag häufig genug vorgekommen sein, mein Junge. Früher gab es aber auf Schiffen kein Fleisch in luftdichten Blechdosen, wie jetzt, kein eingemachtes Gemüse und keinen Apparat, um das Salzwasser genießbar zu machen, — die Naturwissenschaften haben in den letzten fünfzehn Jahren das Los der Seeleute zu einem vollständig anderen, besseren umgeschaffen.“
„Und wir sind Naturforscher!“ rief Hans.
Alles lachte. Der Abend war so schön und die Gemüter so angeregt, daß man an diesem Tage später als sonst die enge, heiße Koje aufsuchte. Früh morgens brachte ein Boot die beiden Knaben mit Holm und ihrem Erzieher sowie einer Anzahl Matrosen von der „Hammonia“ an Bord des kleinen Bugsierdampfers „Hansa“, der vor Lagos liegt und die größeren Schiffe über die den Eingang sperrende Barre hinüberschleppt. Des Sonntags wegen war er von den hamburgischen Reedern, denen er gehörte, den jungen Söhnen ihrer Vaterstadt gern zur Verfügung gestellt worden, und so dampfte man denn nach kurzer Küstenfahrt lustig in den stark bewegten Strom hinein. Wahre Riesenstämme erhoben sich zur Rechten und Linken. Mangrovengebüsche drängten sich zuweilen bis weit in das Fahrwasser vor und ein vielgestaltiges Tierleben begann die Ufer zu schmücken.
„Zuerst beseht euch die Mangroven,“ ermahnte Holm. „Sie werden nur in den Tropen getroffen und sind immer grün; gerade diese Baumgattung ist es, die an der afrikanischen Küste das Landen so sehr erschwert. Jeder Busch bildet für sich ein kleines Wäldchen.“
„Wie langes Haar hängt es von den Zweigen herab!“ rief Franz.
„Das sind die Wurzelfasern. Jede einzelne treibt, sobald sie den Schlamm berührt, neue Schößlinge und wächst, selbst noch zum Mutterstamme gehörig, wieder als faserbildender Busch empor. Dadurch entstehen die gefährlichen tropischen Sümpfe, welche, weder Land noch Wasser, pestartige Dünste aushauchen und den wilden Tieren als Aufenthalt dienen. Unter und zwischen den engverbundenen Stämmen bilden sich ganze Moräste sowohl als auch Grasflächen.“
Immer dichter und üppiger wurde das Gewirre. Schlanke Stechpalmen ragten daraus hervor, himmelhohe Farne wiegten sich im Wind, und ungezählte Blumen durchflochten das Ganze. Auf den Wipfeln der Bäume nisteten zu ganzen Scharen Fischaare und Eisvögel, im Gras unter denselben lagen Wasserböcke, Rohrböcke und Buschböcke. Andere wilde Tiere zeigten sich nicht, nur einmal ein Leopard, der aber schleunigst das Weite suchte. Der Strom wurde zuletzt immer schmäler und mündete in einen See, von welchem mehrere Arme in verschiedene Richtungen ausliefen. Einen davon bezeichnete der Kapitän des Dampfers als den Hauptaufenthalt der vielen in dieser Gegend lebenden Flußpferde. „Sie stecken im Schilf,“ sagte er, „und betreten am Tage nur selten das Ufer. Man hört sie wie Ochsen brüllen und sieht sie das Wasser aufblasen, aber ganz nahe kommt man ihnen fast nie.“
Das größte Boot wurde nun ausgesetzt und bemannt, unsere Jäger nahmen Platz und fort ging es in den schmalen Flußarm, mitten in das Herz der grünen Wildnis hinein. Die Ruderer mußten natürlich oft mit den Rudern gegen das Schilf stoßen, mußten die Mangrovenfasern zurückschlagen oder durch natürliche Laubgänge fahren, sie hielten zuweilen auf Holms Bitte gänzlich an und entdeckten auch selbst an manchen Stellen Neues und Schönes, das erst besehen wurde. Hier ein Dorf oder eine Kolonie der kleinen fleißigen Webervögel, die ihre Nester aus Halmen glockenförmig und enggedrängt neben einander unter die Baumzweige hängen, dort Nashornvögel in der ganzen Pracht ihrer Farben und etwas weiter hin Herden gefleckter scheuer Antilopen. Wohin das Auge traf, begegnete ihm Schönheit, lockte der Zauber des Waldes zum Ausruhen, zum Genießen, — nur die gewünschten Flußpferde zeigten sich nicht.
Plötzlich — horch! unter den Mangroven zur Linken regte sich’s. Das Wasser kräuselte, die Zweige rauschten, und einige kleine Vögel flogen erschreckt davon, dann wurde wieder alles still. Die Reisenden sahen einander an. „Was war das?“
„Vorsichtig!“ ermahnte Doktor Bolten. „Jede Art gefährlicher Raubtiere lebt hier herum.“
„Aber in das Boot hinein kann keines kommen. Ich will einmal nachsehen, was sich da bewegte!“
Und Franz fuhr mit dem Ruder in die Gebüsche hinein. Ein Pistolenschuß, den Holm abfeuerte, begleitete diese energische Nachforschung, aber der Erfolg war anders, als man es erwartete. Ein Schrei aus Menschenkehlen durchzitterte die Luft, ein schwarzes Gesicht, bis an den Mund im Schilf verborgen, sah mit dem Ausdruck der Todesangst zu den Weißen hinüber, während gleichzeitig ein Boot mit etwa zehn Negern an dem der Europäer vorbei das Weite zu gewinnen suchte. Kaum sahen aber die Schwarzen den in bedeutender Entfernung quer vor dem Flußarm liegenden Dampfer, als sie mutlos die Ruder sinken ließen und sich hockend im Kahn zusammendrängten. Die Feuerwaffen schienen ihnen den entsetzlichsten Schreck eingeflößt zu haben.
Erst jetzt entdeckte man, daß der im Schilf stehende Schwarze mittels eines Riemens aus Wurzelfasern am Boot befestigt war. Zwischen seinem Körper und dem Fahrzeug befand sich eine Schnur von etwa sechs Meter Länge.
Die Weißen sahen einander an. Was mochte das zu bedeuten haben? — „Versteht keiner unter Ihnen die Sprache dieser Leute?“ fragte Doktor Bolten die Matrosen.
„Ein paar Worte kann ich schon,“ meinte einer, „aber viel ist es nicht. Wir müssen die Mohrenkerle zutraulich machen.“
Er nahm aus dem Vorratskasten eine Branntweinflasche und trank etwas von dem Inhalt derselben, dann reichte er sie den Schwarzen hinüber. „Prosit, ihr Affengesichter! Nun laß dir’s wohlschmecken, altes Haus.“
Der Mund des Negers verzog sich von einem Ohr zum anderen. Ein Schnalzen mit der Zunge, ein Schlagen beider Hände auf die Kniee bewies nur allzu deutlich, daß er das Feuerwasser der Weißen nicht erst in dieser Stunde kennen lernte. Die Flasche nehmen und sie an die Lippen setzen war eins.
Und nun schien der Bann gebrochen. Die Neger, offenbar auf der untersten menschlichen Bildungsstufe stehend, duldeten es, daß sich das Boot der Weißen seitlängs legte, und daß der Matrose, welcher ihre Sprache verstand, einige Fragen stellte, besonders weshalb denn einer unter ihnen neben dem Fahrzeug her schwimmen müsse.
Die Wilden kamen, nachdem sie etwas zutraulicher geworden, hinüber in das andere Fahrzeug, sie betasteten jeden Gegenstand mit alleiniger Ausnahme der Gewehre, denen sie einen heillosen Respekt entgegen zu bringen schienen, sie ließen sich mit Entzücken Knöpfe, Münzen und sonstige Kleinigkeiten schenken, flüchteten aber vor einer Spieluhr, welche Franz heimlich aufzog und ihnen zeigte, bis in den fernsten Winkel ihres eigenen Bootes hinüber. Erst als sich in ziemlicher Nähe ein lautes, langgezogenes Brüllen hören ließ, griffen sie schleunigst zu ihren Harpunen; der Schwimmende sprang schnellstens in das Wasser zurück und binnen wenigen Minuten wäre die ganze Gesellschaft verschwunden gewesen, wenn sich nicht unterdessen der Matrose mit dem Häuptling derselben verständigt hätte.
„So ist die Geschichte!“ rief er. „Na, dann spanne sich nur einer von euch schwarzen Teufeln vor unser Boot; wir nehmen’s gar nicht übel, bedanken uns vielmehr ganz ergebenst, denn für uns wäre es durchaus kein Vergnügen, im Schlamm zu krabbeln, aber Flußpferde schießen wollten wir doch gern. Allons! Ihr seid waschecht, euch schadet das bißchen Schmutz nichts!“
Während dieser Rede hatte er durch einzelne Worte und durch Bewegungen die Neger dahin verständigt, daß sie auch die Führung des zweiten Bootes übernahmen. Seinen Reisegenossen dagegen setzte er auseinander, was ihm der Häuptling mitgeteilt. Die Schwarzen waren Flußpferdjäger und ihr Verfahren, um diese Tiere aufzutreiben, ein höchst eigentümliches. Der Schwimmer an der Leine reizt den im Uferschilf verborgenen oder gar auf dem Grunde liegenden Koloß zum Zorne, so daß er an die Oberfläche kommt und harpuniert werden kann. Die Jäger im Boote müssen dann aber mit vereinten Kräften den gefährlichen Widerstand des Tieres zu bewältigen suchen, so daß diese Jagd immer eine äußerst aufregende ist, namentlich da die hölzernen Waffen zwischen den Zähnen des Ungeheuers wie Strohhalme zerbrechen.
Ein zweiter Schwimmer spannte sich vor das Boot der Weißen, auch das Ruder ging in schwarze Hände über und schneller als vorher glitten, nachdem die gefürchtete Spieluhr unsichtbar geworden war, beide Fahrzeuge durch das Wasser dahin. Jenes dröhnende Gebrüll, das schon einmal die Aufmerksamkeit der Neger erregt hatte, tönte jetzt nahe und näher. Der Flußarm erweiterte sich, ganze Strecken von Schilf, bis zu halber Höhe überflutet, dehnten sich nach rechts und links, und inmitten desselben lagerten an mehreren Stellen die Weibchen der Flußpferde mit ihren Jungen. Von Röhricht und Wasser verdeckt blinzelten sie mit den dummen Schweinsaugen schläfrig herüber, ohne indessen, da die Boote nicht in ihre unmittelbare Nähe kamen, sich aus der bequemen Stellung, die sie inne hatten, zu rühren. Keiner der beiden Schwimmer nahm von ihnen die mindeste Notiz.
Jetzt aber tauchte plötzlich der eine, worauf unter dem Wasser ein Rauschen und Toben entstand. Die Halme bogen sich, die Wellen gingen höher und höher, das Boot wurde durch einen heftigen Ruck vorwärts gezogen, der Schwarze erschien mit dem Wollkopf über der Oberfläche, um zu atmen und tauchte dann nochmals, — alles während kurzer zwei Minuten.
In dem anderen Boote hielten sämtliche Neger die Wurfwaffen handgerecht; sie schienen zu wissen, daß jetzt der Augenblick der Jagd herangekommen war. Gespannten Blickes verfolgten sie das Toben und Schlagen unter dem Wasser.
Und dann erschien plötzlich unter der trübegewordenen Flut ein plumper Kopf, fast viereckig, mit kleinen Augen und drohenden Stoßzähnen. Einige ruckartige Bewegungen förderten den ganzen Koloß zu Tage und auf die ziemlich flache Uferwand. Prustend und schnaubend, das Wasser aus den beiden Spritzlöchern hoch empor schleudernd, so stand der Hippopotamus, der einzige seiner Art, im Schilf und brüllte wie ein wütender Stier, obgleich seine ganze Erscheinung weit mehr derjenigen des gemästeten Schweines glich. Reichlich vier Meter lang und über zwei Meter hoch, hatte er eine bräunliche, haarlose, purpurn durchschimmerte Haut, einen Hängebauch, der beinahe den Boden berührte und plumpe, schwarze, viereckige Füße, kurz er war alles in allem von so unbeschreiblicher Häßlichkeit, daß nicht einmal der Zorn, welcher ihn im Augenblick beherrschte, dieselbe vergeistigen und wenigstens furchtbar machen konnte.
„Laßt uns nicht schießen!“ rief Holm. „Ich möchte sehen, wie die Neger diese Jagd zu Ende führen.“
Im selben Augenblick schwirrten auch schon die Harpunen durch die Luft, und wenigstens ihrer sechs zitterten an den langen Leinen, welche sie hielten, im Fleische des Ungeheuers. Jetzt mochte dieses die Gefahr begreifen; es wollte, dem ersten Antrieb gehorchend, flüchten und trat rückwärts, aber schon waren sämtliche Neger Hals über Kopf aus dem Boot an das Ufer gesprungen und zogen mit vereinten Kräften das Tier zu sich heran. Die mächtigen Kinnladen schlugen voll Wut gegen einander, der Körper, bluttriefend und von Wunden zerrissen, bog sich mit der größten Anstrengung nach hinten, die plumpen Füße glitten aus und die ganze schwere Masse stürzte vor Schmerz brüllend in dröhnendem Fall auf den Erdboden.
Noch während ihm die Eisenwaffen der Neger den Garaus machten, schlug der Hippopotamus mit den Füßen um sich und zerbiß, was er erreichen konnte; jetzt aber war sein Schicksal besiegelt, schon nach wenigen Augenblicken hatte er aufgehört zu leben. Unter dem Jubelgeschrei der Schwarzen wurde er sofort in Stücke zerlegt, auch die Weißen verfolgten das anregende, ungewohnte Schauspiel mit dem lebhaftesten Interesse, und eben wollten sich die Knaben an Land begeben, als plötzlich der Schwimmer einen lauten Ruf ausstieß. Dicht vor dem Boote erschien ein behaarter Kopf, dem alsbald der ganze Körper folgte. Ein dumpfes, anhaltendes Gebrüll, die dunklere Farbe und die erstaunliche Größe zeigten das alte, zornige Männchen; die gelbgefärbten, spitzen Hauer ragten bedrohlich aus dem weitgeöffneten Maul hervor, und die ganze Haltung bewies, obwohl sich das Tier scheinbar ruhig verhielt, daß es dennoch zum äußersten entschlossen sei.
Die Neger ließen bei diesem Anblick plötzlich ihre blutige Arbeit fallen und warfen sich mit den Gesichtern in den Sand. Einer unter ihnen ging mit vorgehaltenen Händen, ohne Waffen, zitternd an allen Gliedern, der Stelle zu, wo mitten im Schilf das kolossale Tier, der Behemot unserer christlichen Überlieferung, brüllend mit gesenktem Kopfe dastand. Nur der Matrose, welcher vorhin die Schwarzen angeredet, verstand was er sagte. „Du bist der Uralte dieser Gewässer, du bist der Mähnenträger, der furchtbare, den Abosam gesandt, du bist es, der schon die jungen Leute mit seinen Hufen zertreten hat, als unsere Großväter an deinen Weideplätzen wohnten, und der noch das dritte und zehnte Geschlecht nach uns zertreten wird, bis der Geist, welcher in den Wolken wohnt, die Erde nehmen und sie zerschmettern mag wie einen Ball. Wir verfolgen dich nicht, Furchtbarer, wir haben dich nicht gerufen, — geh zurück in dein Reich.“
Die Worte wurden in singendem, beschwörendem Tone gesprochen, und nachdem sie der Neger beendet, fing er an zu tanzen. Es war aber ein sonderbarer, fast schauerlicher Tanz, dem der Ausdruck des Entsetzens in den schwarzen Zügen eigentümlich widersprach. Sich langsam von einer Seite zur anderen drehend, behielt er fortwährend den Feind im Auge, hob plötzlich, den Oberkörper zurückbiegend, beide Arme über den Kopf und schlug dann mit den Händen von oben nach unten durch die leere Luft. Der Hippopotamus blieb in seiner zuwartenden Stellung, von Zeit zu Zeit brüllte er eine kurze, herausfordernde Antwort oder spritzte hohe Wasserstrahlen durch die Nasenlöcher hervor, dann sah er sich wieder im Kreise um und peitschte ungeduldig die Wellen. Es schien, als sei er auf einen Angriff gerüstet.
Der Matrose hatte unterdessen die Worte des Negers ins Deutsche übersetzt. „Was meinen Sie, Herr Doktor,“ fragte er blinzelnd, „wollen wir dem Uralten eins auf seinen borstigen Kopf brennen, daß er es vergißt, mit den großen Elefantenfüßen die schwarzen Kerle zu zertreten? Mir deucht, das wäre ein kapitaler Spaß.“
„Sie sehen ihn für eine Art von bösem Geist an!“ rief Franz. „Laßt uns die Bestie niederschießen, damit die armen, unwissenden Menschen ihren Irrtum erkennen.“
„Wo ist der Schwimmer geblieben?“ fragte Holm. „Wahrhaftig, auch der hat sich beizeiten aus dem Staube gemacht.“
„Feuer!“ kommandierte Doktor Bolten. „Wenn die mißleiteten Heiden das Blut fließen sehen, so werden sie sich ja nicht länger vor ihrem Behemot fürchten.“
Mehrere Schüsse krachten zugleich, ein Schreckensschrei der Neger begleitete den Schall, und über das ganze Boot hin spritzten schlammige Wellen. Das Flußpferd raste förmlich. Die schwarzen Borsten an der Nase und den Ohren standen kerzengerade empor, der ungeheure Kopf riß ganze Büschel von Schilf und Ranken aus den Uferwandungen, das Gebrüll glich dem fernen Rollen des Donners. Es blutete aus mehreren Wunden, ohne tödlich getroffen zu sein.