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Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern) cover

Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern)

Chapter 26: Fünftes Bild
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About This Book

A domestic tragedy centers on a husband who, tormented by his flaws and the harm he believes he causes, withdraws from his family and allows himself to be thought dead. His disappearance sets relatives, servants, and acquaintances against one another as his wife faces pressure to remarry and social gossip mounts. Public investigations and private confrontations follow, exposing debts of conscience, conflicting loyalties, and legal complications. The action shifts between intimate household scenes and formal proceedings, examining marriage, personal responsibility, self-deception, and the tension between inner conviction and societal expectation.

Dritter Akt

Fünftes Bild

Ein Zimmer bei Anna Dmitrijewna, in diskret-luxuriöser Art ausgestattet; voller Andenken.

Personen: Fürst Abreskow, ein sechzigjähriger, eleganter Junggeselle, glattrasiert, mit Schnurrbart, alter Militär, sehr würdevoll und melancholisch. Anna Dmitrijewna Karenina (Viktors Mutter), eine sich jung machende fünfzigjährige grande dame. Sie spickt ihre Rede mit französischen Ausdrücken. Ein Diener. Viktor. Lisa.

Erster Auftritt

Anna Dmitrijewna (schreibt einen Brief).

Zweiter Auftritt

Anna Dmitrijewna und ein Diener.

Der Diener: Fürst Sergei Dmitrijewitsch.

Anna Dmitrijewna: Ich lasse natürlich bitten. (Sie wendet sich zum Spiegel und bringt ihre Frisur in Ordnung.)

Dritter Auftritt

Fürst Abreskow (tritt ein): J'espère, que je ne force pas la consigne. (Er küßt ihr die Hand.)

Anna Dmitrijewna: Sie wissen, daß vous êtes toujours le bienvenu. Und jetzt, heute, ganz besonders. Sie haben mein Briefchen erhalten?

Fürst Abreskow: Jawohl, und mein Erscheinen ist meine Antwort.

Anna Dmitrijewna: Ach, mein Freund, ich fange an ganz zu verzweifeln. Il est ensorcelé, positivement ensorcelé. Ich bin bei ihm noch nie einer solchen Beharrlichkeit, einer solchen Hartnäckigkeit, einer solchen Mitleidslosigkeit und Gleichgültigkeit mir gegenüber begegnet. Seit diese Frau sich von ihrem Manne losgesagt hat, ist er vollständig umgewandelt.

Fürst Abreskow: Aber was ist denn eigentlich geschehen? Wie steht die Sache?

Anna Dmitrijewna: Er will sie unter allen Umständen heiraten.

Fürst Abreskow: Und wie stellt sich ihr Mann dazu?

Anna Dmitrijewna: Er willigt in die Scheidung.

Fürst Abreskow: Also so ist das!

Anna Dmitrijewna: Und er, Viktor, befaßt sich eifrig mit all diesen Dingen, mit all dem Schmutz, der dabei aufgerührt wird, und den Advokaten und den Schuldbeweisen. Tout ça est dégoûtant. Aber dadurch läßt er sich nicht abstoßen. Ich verstehe ihn gar nicht. Er mit seiner Feinfühligkeit und mit seiner Schüchternheit ...

Fürst Abreskow: Er liebt. Ach, wenn jemand so richtig liebt, dann ...

Anna Dmitrijewna: Ja, aber warum konnte denn zu unserer Zeit die Liebe eine reine, freundschaftliche, das ganze Leben hindurch anhaltende Liebe sein? Eine solche Liebe weiß ich zu verstehen und zu schätzen.

Fürst Abreskow: Die jetzige neue Generation vermag sich nicht mehr mit idealen Beziehungen zu begnügen. La possession de l'âme ne leur suffit plus. Dagegen läßt sich nichts tun. Aber was machen wir mit ihm?

Anna Dmitrijewna: Nein, sagen Sie das nicht mit Bezug auf ihn. Sondern das ist eine Art von Behexung. Er ist geradezu wie umgetauscht. Sie wissen ja: ich bin bei ihr gewesen. Er hatte mich so darum gebeten. Ich fuhr hin, traf sie aber nicht an und ließ meine Karte da. Elle m'a fait demander, si je pouvais la recevoir. Und heute (sie sieht nach der Uhr) zwischen eins und zwei, also sogleich, muß sie herkommen. Ich habe Viktor versprochen, sie zu empfangen; aber können Sie sich in meine Lage versetzen? Ich bin ganz verstört. Und nach alter Gewohnheit habe ich Sie hergebeten. Ich bedarf Ihrer Hilfe.

Fürst Abreskow: Ich danke Ihnen.

Anna Dmitrijewna: Sie werden sich darüber klar sein, daß dieser ihr Besuch für die ganze Angelegenheit, für Viktors Schicksal, entscheidend ist. Ich muß entweder meine Einwilligung verweigern ... aber wie kann ich das?

Fürst Abreskow: Sie kennen sie noch gar nicht?

Anna Dmitrijewna: Ich habe sie noch nie gesehen. Aber ich fürchte mich vor ihr. Eine gute Frau kann sich nicht dazu entschließen, ihren Mann zu verlassen. Und einen so guten Menschen! Er ist ja Viktors Kollege und hat bei uns verkehrt. Er war ein sehr liebenswürdiger Mensch. Aber wie er auch gewesen sein mag, quels que soient les torts qu'il a eus vis-à-vis d'elle, von ihrem Manne darf sie sich nicht lossagen. Man muß sein Kreuz tragen. Das eine verstehe ich nicht, wie Viktor bei seinen Grundsätzen es fertigbekommen kann, eine geschiedene Frau zu heiraten. Wie oft hat er, und erst kürzlich, in meiner Gegenwart mit Herrn Spizyn hitzig debattiert und den Beweis dafür zu führen gesucht, daß die Ehescheidung mit dem wahren Christentum unvereinbar sei, und nun wirkt er selbst auf eine solche hin. Si elle a pu le charmer à un tel point ... Ich fürchte mich vor ihr. Aber ich habe Sie hergebeten, um Sie zu hören, und statt dessen rede nur ich selbst immerzu. Was meinen Sie? Reden Sie! Was muß ich nach Ihrer Ansicht tun? Was halten Sie für nötig? Haben Sie mit Viktor gesprochen?

Fürst Abreskow: Ja, ich habe mit ihm gesprochen. Und ich glaube, daß er sie liebt, daß diese Liebe ihm schon zur vollen Gewohnheit geworden ist und eine gewaltige Macht über ihn gewonnen hat; und er ist ein Mensch, welcher Neigungen nur langsam in sich aufnimmt, sie aber dann um so energischer festhält. Was einmal in sein Herz eingedrungen ist, das geht nicht wieder hinaus. Er wird nie eine andere Frau als sie lieben und kann mit keiner andern glücklich werden.

Anna Dmitrijewna: Und wie gern würde ihn Warja Kasanzewa heiraten! Was ist sie für ein prächtiges Mädchen, und wie liebt sie ihn!...

Fürst Abreskow (lächelnd): C'est compter sans son hôte. Das ist jetzt ganz ausgeschlossen. Und ich glaube, es ist das beste, sich zu fügen und ihm zu der Heirat behilflich zu sein.

Anna Dmitrijewna: Zu der Heirat mit einer geschiedenen Frau, damit er dem ersten Manne seiner Frau fortwährend begegnet? Ich verstehe nicht, wie Sie mit solcher Ruhe davon reden können. Ist das etwa eine Frau, wie eine Mutter sie ihrem einzigen Sohne, und noch dazu einem solchen Sohne, zur Gattin wünschen kann?

Fürst Abreskow: Aber was ist da zu machen, liebe Freundin? Natürlich wäre es besser, wenn er ein Mädchen heiratete, das Sie kennen und gern haben. Aber wenn das eben nicht möglich ist ... Und dann: wenn er nun eine Zigeunerin oder Gott weiß wen heiratete? Lisa Protasowa aber ist ein herzensgutes, liebenswürdiges Wesen. Ich kenne sie durch meine Nichte Nelly: sie ist eine sanfte, gutherzige, liebevolle, moralisch tadellose Frau.

Anna Dmitrijewna: Eine moralisch tadellose Frau, die es fertigbringt, sich von ihrem Manne loszusagen?!

Fürst Abreskow: Ich erkenne Sie gar nicht wieder. Sie sind ja so hart und grausam. Der Mann dieser Frau ist einer von jenen Menschen, von denen man sagt, daß sie keinen andern Feind haben als sich selbst. Aber in noch höherem Grade ist er ein Feind seiner Frau. Er ist ein schwacher, völlig heruntergekommener, trunksüchtiger Mensch. Er hat sein ganzes Vermögen und ihr ganzes Vermögen verschwendet; sie hat ein Kind ... Wie können Sie nur eine Frau verurteilen, die einen solchen Mann verlassen hat? Zudem hat nicht sie ihn verlassen, sondern er sie.

Anna Dmitrijewna: Ach, welch ein Schmutz! welch ein Schmutz! Und ich soll mich damit besudeln!

Fürst Abreskow: Und Ihre Religion?

Anna Dmitrijewna: Ja, ja, die Vergebung! „Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.” Mais c'est plus fort que moi.

Fürst Abreskow: Wie kann sie denn mit einem solchen Menschen weiter zusammenleben? Auch wenn sie nicht einen andern liebte, müßte sie sich von jenem trennen. Um des Kindes willen müßte sie das tun. Er selbst, ihr Mann, der, wenn er sich in nüchternem Zustande befindet, ein verständiger, guter Mensch ist, er selbst rät ihr, dies zu tun.

Vierter Auftritt

Anna Dmitrijewna, Fürst Abreskow, Viktor, welcher eintritt, seiner Mutter die Hand küßt und den Fürsten Abreskow begrüßt.

Viktor: Mama, ich bin nur hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß Jelisaweta Andrejewna sogleich hier sein wird; und ich bitte und beschwöre Sie nur um eines: wenn Sie immer noch gegen meine Heirat sind ...

Anna Dmitrijewna (unterbricht ihn): Selbstverständlich bin ich immer noch dagegen.

Viktor (fährt mit finsterer Miene fort) ... so bitte und beschwöre ich Sie nur um eines: reden Sie nicht von Ihrer Abneigung, sprechen Sie es nicht aus, daß Sie Ihre Zustimmung verweigern!

Anna Dmitrijewna: Ich meine, daß wir überhaupt nicht von etwas Derartigem reden werden. Ich wenigstens werde nicht davon anfangen.

Viktor: Und sie noch weniger. Mein Wunsch war nur, daß Sie sie kennen lernen möchten.

Anna Dmitrijewna: Ich verstehe nur eines nicht: wie kannst du deinen Wunsch, Frau Protasowa zu Lebzeiten ihres Mannes zu heiraten, mit deiner religiösen Überzeugung vereinigen, daß eine Ehescheidung gegen die Lehre des Christentums ist?

Viktor: Mama, Sie verfahren grausam mit mir! Sind wir alle denn so unfehlbar, daß wir von unseren Grundsätzen nie abgehen dürften, obwohl doch das Leben ein so kompliziertes Geflecht ist? Mama, warum sind Sie gegen mich so grausam?

Anna Dmitrijewna: Ich liebe dich und will dein Glück.

Viktor (zu Abreskow): Sergei Dmitrijewitsch!

Fürst Abreskow: Selbstverständlich wollen Sie sein Glück; aber uns mit unseren grauen Haaren wird es schon schwer, die Jugend zu verstehen. Und besonders schwer ist das für eine Mutter, die sich an den Gedanken gewöhnt hat, das Glück des Sohnes müsse ihren eigenen Vorstellungen entsprechen. Alle Frauen sind von dieser Art.

Anna Dmitrijewna: Nun ja, da haben wirs! Alle sind gegen mich. Natürlich kannst du es tun; vous êtes majeur ... aber du machst mich dadurch unglücklich.

Viktor: Ich erkenne Sie gar nicht wieder. Das ist mehr als grausam.

Fürst Abreskow (zu Viktor): Hör auf, Viktor. Die Mama redet immer schlechter, als sie handelt.

Anna Dmitrijewna: Ich werde zu ihr sagen, was ich denke und empfinde, und werde es zu ihr sagen, ohne sie zu kränken.

Fürst Abreskow: Davon bin ich überzeugt.

Fünfter Auftritt

Anna Dmitrijewna, Fürst Abreskow, Viktor und ein Diener, welcher eintritt.

Fürst Abreskow: Da ist sie.

Viktor: Ich werde fortgehen.

Der Diener: Jelisaweta Andrejewna Protasowa.

Viktor: Ich gehe fort. Mama, ich bitte Sie ... (Er geht fort.)

Fürst Abreskow (erhebt sich ebenfalls).

Anna Dmitrijewna: Ich lasse bitten. (Zum Fürsten Abreskow:) Nein, bleiben Sie!

Sechster Auftritt

Anna Dmitrijewna und Fürst Abreskow.

Fürst Abreskow: Ich glaubte, es würde Ihnen en tête-à-tête angenehmer sein.

Anna Dmitrijewna: Nein, ich fürchte mich vor ihr. (Sie gerät in nervöse Unruhe.) Wenn mir der Wunsch kommen sollte, mit ihr tête-à-tête zu bleiben, so werde ich Ihnen einen Wink geben; ça dépendra ... Aber gleich von vornherein mit ihr allein zu bleiben, das würde mir peinlich sein. Ich werde dann so zu Ihnen machen. (Sie macht ihm ein Zeichen.)

Fürst Abreskow: Ich verstehe. Ich bin davon überzeugt, daß sie Ihnen gefallen wird. Seien Sie nur gerecht!

Anna Dmitrijewna: Wie ihr alle doch meine Gegner seid!

Siebenter Auftritt

Anna Dmitrijewna. Fürst Abreskow, Lisa, welche im Visitenkostüm mit Hut eintritt.

Anna Dmitrijewna (erhebt sich): Ich habe bedauert, daß ich Sie nicht antraf; aber nun sind Sie so liebenswürdig, selbst herzukommen.

Lisa: Ich hatte Ihren Besuch in keiner Weise erwartet. Ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie mich zu sehen gewünscht haben.

Anna Dmitrijewna: Sind Sie bekannt? (Sie zeigt auf den Fürsten Abreskow.)

Fürst Abreskow: Gewiß, ich hatte die Ehre, Ihnen vorgestellt zu werden. (Shake hands.) (Sie setzen sich.) Meine Nichte Nelly spricht zu mir oft von Ihnen.

Lisa: Ja, wir waren sehr befreundet (sie wirft einen schüchternen Blick auf Anna Dmitrijewna) und sind auch jetzt befreundet. (Zu Anna Dmitrijewna:) Ich hatte es in keiner Weise erwartet, daß Sie den Wunsch hätten, mich zu sehen.

Anna Dmitrijewna: Ich habe Ihren Mann gut gekannt. Er war mit Viktor befreundet und verkehrte vor seiner Übersiedlung nach Tambow in unserem Hause. Ich glaube, dort hat er Sie geheiratet?

Lisa: Ja, dort haben wir uns geheiratet.

Anna Dmitrijewna: Aber nachher, als er wieder nach Moskau gezogen war, hat er nicht mehr bei mir verkehrt.

Lisa: Nein, er hat fast nirgends verkehrt.

Anna Dmitrijewna: Und so hat er mich denn auch nicht mit Ihnen bekannt gemacht. (Unbehagliches Stillschweigen.)

Fürst Abreskow: Das letztemal traf ich mit Ihnen bei Denisows zusammen, bei einer Liebhabervorstellung. Es war sehr nett dort. Sie spielten auch mit.

Lisa: Nein ... ja ... gewiß ... ich erinnere mich. Ich spielte mit. (Wieder Stillschweigen.) Anna Dmitrijewna, verzeihen Sie mir, wenn Ihnen das, was ich sagen werde, unangenehm sein sollte; aber ich kann mich nicht verstellen, ich verstehe das nicht. Ich bin hergekommen, weil mir Viktor Michailowitsch sagte ... weil er ... das heißt, weil Sie den Wunsch hatten, mich zu sehen ... aber es wird das beste sein, wenn ich alles sage ... (Sie fängt an zu schluchzen.) ... Es ist mir sehr peinlich ... aber Sie sind so gut.

Fürst Abreskow: Ich werde lieber gehen.

Anna Dmitrijewna: Ja, gehen Sie!

Fürst Abreskow: Auf Wiedersehen! (Er empfiehlt sich den beiden Damen und geht.)

Achter Auftritt

Anna Dmitrijewna und Lisa.

Anna Dmitrijewna: Hören Sie, Lisa ... Ich weiß nicht und will auch gar nicht wissen, wie Sie mit Vatersnamen heißen ...

Lisa: Andrejewna.

Anna Dmitrijewna: Nun, ganz gleich; ich möchte Sie einfach Lisa nennen. Sie tun mir leid; Sie sind mir sympathisch. Aber ich liebe Viktor. Ich liebe auf der ganzen Welt nur dieses eine Wesen. Ich kenne seine Seele wie meine eigene. Er ist eine stolze Seele. Schon als siebenjähriger Knabe war er stolz, stolz nicht auf seinen Namen, nicht auf seinen Reichtum, sondern auf seine hohe sittliche Reinheit; und diese Reinheit hat er sich bewahrt. Er ist rein wie ein junges Mädchen.

Lisa: Das weiß ich.

Anna Dmitrijewna: Er hat nie eine Frau geliebt. Sie sind die erste. Ich kann nicht sagen, daß ich nicht eifersüchtig auf Sie wäre; ich bin eifersüchtig. Aber wir Mütter — Ihr eigenes Söhnchen ist noch zu klein, und solche Gedanken liegen Ihnen noch fern —, wir Mütter müssen uns darauf vorbereiten, unsere Söhne einer anderen Frau abzutreten. Ich habe mich darauf vorbereitet, ihn einer andern abzutreten, ohne eifersüchtig zu werden. Aber ich wollte ihn einer Frau abtreten, die ebenso wäre wie er selbst.

Lisa: Aber bin ich ... bin ich denn ...

Anna Dmitrijewna: Verzeihen Sie, ich weiß, Sie tragen keine Schuld, Sie sind unglücklich. Und ich kenne ihn. Jetzt ist er bereit, alles zu ertragen, und er wird es ertragen und niemals etwas darüber sagen; aber er wird darunter leiden. Sein verletzter Stolz wird darunter leiden, und er wird nicht glücklich sein.

Lisa: Ich habe darüber nachgedacht.

Anna Dmitrijewna: Lisa, liebes Kind, Sie sind eine verständige, gute Frau. Wenn Sie ihn wahrhaft lieben, so müssen Sie doch mehr sein Glück wünschen als Ihr eigenes. Wenn es aber so ist, so werden Sie ihn nicht binden wollen und nicht schuld daran werden wollen, daß er es später bereut. Obgleich er es nicht sagen wird, es niemals sagen wird.

Lisa: Das weiß ich, daß er es nicht sagen wird. Ich habe darüber nachgedacht und mir diese Frage vorgelegt. Ich habe darüber nachgedacht und es ihm gesagt. Aber was kann ich tun, wenn er mir erwidert, daß er ohne mich nicht leben mag? Ich habe gesagt: „Wir wollen Freunde sein; aber richten Sie sich Ihr Leben für sich ein, und verknüpfen Sie nicht Ihr reines Leben mit meinem unglücklichen.” Aber er will nicht.

Anna Dmitrijewna: Ja, jetzt will er nicht.

Lisa: Überreden Sie ihn, von mir abzulassen! Ich bin damit einverstanden. Ich liebe ihn um seines, nicht um meines Glückes willen. Nur helfen Sie mir, und hassen Sie mich nicht! Lassen Sie uns beide, voller Liebe, auf sein wahres Wohl bedacht sein!

Anna Dmitrijewna: Ja, ja, ich habe Sie liebgewonnen. (Sie küßt sie. Lisa bricht in Tränen aus.) Aber trotzdem, trotzdem ist das alles so schrecklich. Hätte er Sie damals liebgewonnen, als Sie noch nicht verheiratet waren ...

Lisa: Er sagt, er habe mich schon damals geliebt, habe aber das Glück seines Freundes nicht stören wollen.

Anna Dmitrijewna: Ach, wie schrecklich das alles ist! Aber wir wollen einander trotz alledem liebhaben, und Gott wird uns helfen, zum Ziele unserer Wünsche zu gelangen.

Neunter Auftritt

Anna Dmitrijewna, Lisa und Viktor.

Viktor (tritt ein): Mama, liebe Mama! Ich habe alles gehört. Ich hatte es erwartet, daß Sie sie liebgewinnen würden. Und nun wird alles gut werden.

Lisa: Wie leid tut es mir, daß Sie alles gehört haben. Ich hätte es nicht gesagt, wenn ich das gewußt hätte.

Anna Dmitrijewna: Aber entschieden ist noch nichts. Ich kann nur sagen, daß ich mich freuen würde, wenn nicht alle diese peinlichen Umstände vorhanden wären. (Sie küßt sie.)

Viktor: Bitte, verbleiben Sie bei dieser Gesinnung!

Vorhang.

Sechstes Bild

Ein bescheidenes Zimmer, ein Bett, ein Schreibtisch, ein Sofa.

Erster Auftritt

Fedja (allein, es wird an die Tür geklopft. Eine weibliche Stimme fragt von außen: „Warum hast du dich eingeschlossen, Fjodor Wasiljewitsch? Mach auf, Fedja!...”).

Zweiter Auftritt

Fedja und Mascha.

Fedja (steht auf und öffnet die Tür): Vielen Dank, daß du gekommen bist! Ich langweile mich hier, langweile mich furchtbar.

Mascha: Warum bist du nicht zu uns gekommen? Du bist wieder ins Trinken hineingeraten. Ach, du! Und du hattest doch versprochen zu kommen.

Fedja: Du weißt, daß ich kein Geld habe.

Mascha: Warum habe ich mich nun in dich verliebt!

Fedja: Mascha!

Mascha: Ach was! „Mascha, Mascha!” Wenn du mich liebtest, hättest du dich schon längst scheiden lassen. Deine Leute haben dich ja selbst darum gebeten. Du sagst, daß du deine Frau nicht liebst, und hältst doch an ihr fest. Du willst offenbar nicht ...

Fedja: Du weißt ja, weswegen ich nicht will.

Mascha: Das ist alles dummes Zeug. Die Leute haben ganz recht, wenn sie sagen, daß du ein schlaffer Mensch bist.

Fedja: Was soll ich dir darauf erwidern? Soll ich dir sagen, daß mir deine Worte ein Schmerz sind? Das weißt du ja selbst.

Mascha: Dir ist nichts ein Schmerz ...

Fedja: Du weißt selbst, daß ich nur eine Freude im Leben habe: deine Liebe.

Mascha: Ich liebe dich schon, aber du nicht mich.

Fedja: Nun, ich werde mich nicht auf Beteuerungen einlassen. Das wäre ja unnütz; du weißt selbst, daß ich dich liebe.

Mascha: Fedja, warum marterst du mich so?

Fedja: Wer martert wen?

Mascha (weint): Du bist kein guter Mensch.

Fedja (tritt zu ihr hin und umarmt sie): Mascha! Warum weinst du? Hör auf! Leben muß man, aber nicht schluchzen. Und dir steht das nun schon gar nicht, du mein schönes Kind!

Mascha: Liebst du mich?

Fedja: Wen sollte ich denn sonst lieben?

Mascha: Nur mich? Nun, lies mir einmal vor, was du da geschrieben hast.

Fedja: Es wird dich langweilen.

Mascha: Wenn du es geschrieben hast, wird es schon hübsch sein.

Fedja: Nun, so höre. (Er liest.) „An einem Tage im Spätherbst hatte ich mich mit einem Kameraden verabredet, daß wir uns auf der Murygina-Terrasse treffen wollten. Es war ein trüber, warmer, stiller Tag. Der Nebel ...”

Dritter Auftritt

Fedja und Mascha. Der alte Zigeuner Iwan Makarowitsch und die alte Zigeunerin Nastasja Iwanowna, Maschas Eltern, treten ein.

Nastasja Iwanowna (tritt auf ihre Tochter zu): Also hier bist du, du verlaufenes Schaf verfluchtes! Habe die Ehre, gnädiger Herr! (Zur Tochter:) Was tust du uns an, he?

Iwan Makarowitsch (zu Fedja): Du handelst nicht gut, gnädiger Herr. Machst das Mädchen unglücklich. Wirklich nicht gut. Du handelst unchristlich.

Nastasja Iwanowna: Nimm dein Tuch um und dann sofort marsch! Nun sehe einer an, weggelaufen ist sie! Was werde ich dem Chor sagen? Läßt dich mit einem armen Schlucker ein! Was kannst du von dem kriegen?

Mascha: Von Einlassen ist nicht die Rede. Ich liebe den gnädigen Herrn, weiter nichts. Ich werde mich von dem Chor nicht lossagen, werde weitersingen; aber daß ...

Iwan Makarowitsch: Wenn du noch ein Wort sagst, so reiße ich dir den Zopf aus. Du Dirne! Wer hat dir so ein Beispiel gegeben? Dein Vater nicht, deine Mutter nicht, deine Tante nicht. Es ist schlecht von dir, Herr. Wir haben dich lieb gehabt; wie oft haben wir dir umsonst etwas vorgesungen, weil du uns leid tatest. Aber du, was hast du uns angetan!

Nastasja Iwanowna: Du hast unser Töchterchen, unser liebes, einziges, süßes, goldenes, unschätzbares Töchterchen, mir nichts dir nichts zugrunde gerichtet, sie in den Schmutz getreten, — das hast du uns angetan. Du hast keine Gottesfurcht.

Fedja: Du urteilst falsch über mich, Nastasja Iwanowna. Deine Tochter ist mir wie eine Schwester. Ich taste ihre Ehre nicht an. Glaube so etwas nicht! Aber ich liebe sie ... Was ist da zu machen?

Iwan Makarowitsch: Aber als du noch Geld hattest, da hast du sie nicht geliebt. Du hättest damals dem Chor zehntausend Rubel stiften sollen, dann hättest du sie in allen Ehren bekommen. Aber jetzt, wo du alles durchgebracht hast, da hast du sie heimlich entführt. Schäme dich, Herr, schäme dich.

Mascha: Er hat mich nicht entführt; ich bin von selbst zu ihm gekommen. Und wenn ihr mich jetzt wegholt, so laufe ich doch wieder her. Ich liebe ihn — und damit basta. Meine Liebe ist stärker als alle eure Schlösser und Riegel ... Ich will nicht.

Nastasja Iwanowna: Na, liebste Mascha, mein Herzenskind, werde nicht hitzig! Du hast nicht gut gehandelt; na, und nun komm!

Iwan Makarowitsch: Na, nun ist genug geredet! Marsch! (Er faßt sie an den Arm.) Lebe wohl, Herr! (Alle drei ab.)

Vierter Auftritt

Fedja, Fürst Abreskow, welcher eintritt.

Fürst Abreskow: Ich bitte um Verzeihung. Ich bin wider meinen Willen Zeuge einer unangenehmen Szene geworden.

Fedja: Mit wem habe ich die Ehre?... (Er erkennt ihn.) Ah! Fürst Sergei Dmitrijewitsch! (Er begrüßt ihn.)

Fürst Abreskow: Ja, unfreiwilliger Zeuge einer unangenehmen Szene. Ich hätte gewünscht, sie nicht mit anzuhören. Aber da ich sie nun einmal mit angehört habe, so halte ich es für meine Pflicht zu sagen, daß dies geschehen ist. Man hatte mich hierher gewiesen, und ich mußte an der Tür warten, bis diese Herrschaften weggingen. Um so mehr, da mein Klopfen wegen des sehr lauten Redens nicht gehört wurde.

Fedja: Ja, ja. Bitte ergebenst, Platz zu nehmen. Ich bin Ihnen dankbar dafür, daß Sie mir das gesagt haben. Das gibt mir das Recht, Ihnen diese Szene zu erklären. Was Sie von mir selbst denken, ist mir ganz gleichgültig; aber ich möchte Ihnen sagen, daß die Vorwürfe, die Sie diesem jungen Mädchen, einer Zigeunerin, Sängerin, machen hörten, ungerechtfertigt sind. Dieses junge Mädchen ist sittlich so rein wie eine Taube. Und meine Beziehungen zu ihr sind lediglich freundschaftlicher Art. Und wenn sie vielleicht einen poetischen Anflug haben, so beeinträchtigt das die Reinheit und die Ehre dieses jungen Mädchens nicht. Das ists, was ich Ihnen sagen wollte. Also was wünschen Sie von mir? Womit kann ich Ihnen dienen?

Fürst Abreskow: Ich möchte erstens ...

Fedja: Verzeihen Sie, Fürst! Ich bin jetzt zu einer solchen Stellung in der Gesellschaft gelangt, daß meine oberflächliche und schon weit zurückliegende Bekanntschaft mit Ihnen mir keinen Anspruch auf einen Besuch von Ihnen verleiht, wenn nicht eine geschäftliche Angelegenheit Sie zu mir führt; also worin besteht diese?

Fürst Abreskow: Ich will es nicht in Abrede stellen; Sie haben es erraten. Ich habe allerdings eine geschäftliche Angelegenheit. Aber dennoch bitte ich Sie zu glauben, daß die Veränderung Ihrer gesellschaftlichen Stellung keinerlei Einfluß auf meine Beziehungen zu Ihnen haben kann.

Fedja: Davon bin ich vollkommen überzeugt.

Fürst Abreskow: Was mich herführt ist dies: der Sohn meiner alten Freundin Anna Dmitrijewna Karenina sowie diese selbst haben mich gebeten, mich geradezu und direkt bei Ihnen danach zu erkundigen, welches Ihre Beziehungen ... Sie gestatten mir von Ihren Beziehungen zu Ihrer Gemahlin Jelisaweta Andrejewna Protasowa zu sprechen?

Fedja: Meine Beziehungen zu meiner Frau (ich kann sagen: zu meiner ehemaligen Frau) sind vollständig gelöst.

Fürst Abreskow: So habe auch ich die Sache aufgefaßt. Und nur deswegen habe ich diese schwierige Mission übernommen.

Fedja: Diese Beziehungen sind gelöst, und ich beeile mich, die Erklärung abzugeben, daß dies nicht durch ihre, sondern durch meine Schuld geschehen ist, einzig und allein durch meine Schuld. Sie selbst war eine makellose Frau und ist das auch geblieben.

Fürst Abreskow: Und nun, sehen Sie, hat mich Viktor Karenin sowie ganz besonders seine Mutter gebeten, Sie nach Ihren weiteren Absichten zu befragen.

Fedja (hitzig werdend): Was meinen Sie für weitere Absichten? Ich habe keine solchen. Ich lasse ihr völlige Freiheit. Ja, noch mehr: ich werde ihre Ruhe niemals stören. Ich weiß, daß sie Viktor Karenin liebt. Mag sie das tun! Ich halte ihn für einen sehr langweiligen, aber sehr braven, ehrenhaften Menschen und glaube, daß sie mit ihm, wie man sich gewöhnlich ausdrückt, glücklich werden wird. Und que le bon Dieu les bénisse! Weiter habe ich nichts zu sagen.

Fürst Abreskow: Ja, aber wir würden gern ...

Fedja (unterbricht ihn): Und glauben Sie nicht, daß ich auch nur im geringsten eifersüchtig wäre. Wenn ich von Viktor gesagt habe, er sei langweilig, so nehme ich diesen Ausdruck zurück. Er ist ein vortrefflicher, ehrenhafter, sittlich guter Mensch, beinah das reine Gegenteil von mir. Und er hat sie von der Kinderzeit her geliebt. Vielleicht hat auch sie ihn schon damals geliebt, als sie mich heiratete. So etwas kommt vor. Die beste Liebe pflegt diejenige zu sein, von der man selbst nichts weiß. Ich glaube, sie hat ihn immer geliebt, hat aber als ehrenhafte Frau dies nicht einmal sich selbst eingestehen mögen. Aber das ... es lag eine Art von Schatten auf unserm Eheleben ... indessen wozu mache ich Ihnen solche Geständnisse?

Fürst Abreskow: Bitte, fahren Sie fort! Sie können mir glauben, daß mich zu diesem Besuche bei Ihnen in erster Linie der Wunsch veranlaßt hat, in diese Beziehungen einen vollständigen Einblick zu gewinnen. Ich verstehe Sie; ich verstehe, daß ein solcher Schatten, wie Sie sich so treffend ausdrückten, vorhanden sein konnte ...

Fedja: Ja, er war vorhanden, und vielleicht war das der Grund, weswegen das Familienleben, das sie mir gewährte, mich nicht befriedigen konnte, so daß ich anderwärts umhersuchte und auf Abwege geriet. Aber das klingt fast, als versuchte ich, mich zu rechtfertigen. Das liegt nicht in meiner Absicht, und das kann ich auch nicht. Ich bin ein schlechter Ehemann gewesen, das sage ich ganz offen; ich bin es gewesen, denn jetzt bin ich in meinem Bewußtsein schon längst kein Ehemann mehr. Ich betrachte sie als vollständig frei. Also da haben Sie die Antwort auf Ihre Mission.

Fürst Abreskow: Ja, aber Sie kennen Viktors Familie und ihn selbst. In seinen Beziehungen zu Jelisaweta Andrejewna hat er immer eine respektvolle Entfernung innegehalten und tut das auch jetzt. Er hat ihr beigestanden, als sie sich in schwieriger Lage befand.

Fedja: Ja, ich habe durch meinen liederlichen Lebenswandel zu der gegenseitigen Annäherung der beiden mitgewirkt. Was ist zu machen? Es hat wohl so sein sollen.

Fürst Abreskow: Sie kennen seine und seiner Familie streng rechtgläubigen Anschauungen. Ich teile diese Anschauungen nicht. Ich betrachte die Dinge von einem freieren Standpunkte aus. Aber ich achte diese Anschauungen und habe für sie Verständnis. Ich verstehe, daß für ihn und ganz besonders für seine Mutter ein nahes Verhältnis zu einer Frau ohne kirchliche Eheschließung undenkbar ist.

Fedja: Ja, ich kenne seine dum ... seine schlichte, konservative Denkungsart in dieser Hinsicht. Aber was wollen die beiden? Die Scheidung? Ich habe ihnen schon längst gesagt, daß ich bereit bin darein zu willigen, daß aber, wenn ich die Schuld auf mich nehmen und mich der ganzen damit verbundenen Lügerei unterziehen soll, das doch eine sehr schwere Bedingung ist.

Fürst Abreskow: Ich verstehe Sie vollkommen und teile Ihre Anschauung. Aber was soll geschehen? Ich meine, es wird sich doch in dieser Weise ein Arrangement finden lassen ... Übrigens haben Sie recht. Das ist furchtbar, und ich verstehe Sie.

Fedja (drückt ihm die Hand): Ich danke Ihnen, lieber Fürst. Ich habe Sie immer als einen ehrenhaften, guten Menschen gekannt. Nun, sagen Sie also, wie soll ich mich verhalten? Was soll ich tun? Versetzen Sie sich ganz in meine Lage! Ich suche mich nicht besser zu machen, als ich bin. Ich bin ein Taugenichts. Aber es gibt Dinge, die ich nicht ruhigen Herzens tun kann. Ich kann nicht ruhigen Herzens lügen.

Fürst Abreskow: Aber eines ist mir an Ihnen unverständlich: Sie sind ein so wohlbefähigter, kluger Mensch mit einem so feinen Gefühle für das Gute: wie konnten Sie so auf Abwege geraten und dermaßen all die Anforderungen vergessen, die Sie selbst an sich stellen? Wie sind Sie so weit gekommen? Wie haben Sie es fertiggebracht, Ihr eigenes Leben zu zerstören?

Fedja (unterdrückt die Tränen, die ihm die Erregung in die Augen treibt): Jetzt führe ich mein Lotterleben schon zehn Jahre lang, und zum ersten Male hat mich ein Mann wie Sie bemitleidet. Meine Kumpane und die Weiber haben mich bedauert; aber ein verständiger, guter Mann wie Sie hat das niemals getan. Ich danke Ihnen. Wie ich dazu gekommen bin, mich ins Verderben zu stürzen? Da ist erstens der Wein. Nicht, daß ich so besonders viel Geschmack an ihm fände. Aber ich mag tun, was ich will, immer habe ich die Empfindung, daß es nicht das Richtige ist, und dann schäme ich mich. Da rede ich jetzt gerade mit Ihnen und schäme mich. Wenn ich Adelsmarschall war, wenn ich Hasard spielte, da schämte ich mich, schämte mich gewaltig. Und nur wenn ich trinke, hört dieses Schamgefühl auf. Und dann die Musik ... ich meine nicht Opern und Beethoven, sondern die Zigeunermusik — da durchströmt einen ein solches Leben, eine solche Energie! Und dazu noch freundliche schwarze Augen und ein heiteres Lächeln. Und je mehr man sich davon hinreißen läßt, um so mehr schämt man sich nachher.

Fürst Abreskow: Nun, aber die Arbeit?

Fedja: Auch damit habe ich es versucht. Aber es war alles nicht das Richtige; mit allem war ich unzufrieden. Aber wozu rede ich da von mir selbst? Ich danke Ihnen.

Fürst Abreskow: Was soll ich also meinen Auftraggebern sagen?

Fedja: Sagen Sie ihnen, ich würde tun, was sie wünschen. Sie wollen sich ja doch heiraten und wünschen, daß ihnen dabei nichts im Wege stehe?

Fürst Abreskow: Gewiß.

Fedja: Ich werde das bewirken; sagen Sie ihnen, ich würde das bestimmt bewirken.

Fürst Abreskow: Wann denn?

Fedja: Warten Sie einmal! Nun, sagen wir: in vierzehn Tagen. Genügt das?

Fürst Abreskow (steht auf): Das darf ich also bestellen?

Fedja: Ja. Leben Sie wohl, Fürst; ich danke Ihnen nochmals. (Fürst Abreskow geht hinaus.)

Fünfter Auftritt

Fedja allein.

Fedja (sitzt lange da und lächelt schweigend vor sich hin): Gut, sehr gut! Das ist das Richtige, das ist das Richtige, das ist das Richtige. Vortrefflich!

Vorhang.


Vierter Akt

Siebentes Bild

In einem Restaurant. Chambre séparée.

Ein Kellner führt Fedja und Iwan Petrowitsch Alexandrow herein.

Erster Auftritt

Fedja, Iwan Petrowitsch und der Kellner.

Der Kellner: Bitte hier herein! Hier wird Sie niemand stören; das Papier werde ich sofort bringen.

Iwan Petrowitsch: Protasow! Ich werde auch mit hereinkommen.

Fedja (ernsthaft): Meinetwegen, komm herein; aber ich bin beschäftigt und ... Wenn du willst, so komm herein!

Iwan Petrowitsch: Du willst auf die Forderungen dieser Leute antworten? Ich werde dir sagen, wie du es machen mußt. Ich würde es anders machen. Ich spreche immer offen und handle entschieden.

Fedja (zum Kellner): Eine Flasche Champagner! (Der Kellner ab.)

Zweiter Auftritt

Fedja und Iwan Petrowitsch. (Fedja zieht einen Revolver hervor und legt ihn auf den Tisch.)

Fedja: Warte ein Weilchen!

Iwan Petrowitsch: Was ist denn das? Du willst dich erschießen? Das ist auch ein Weg, gewiß. Ich verstehe dich. Sie wollen dich demütigen; aber du zeigst ihnen, wer du bist. Dich tötest du mit dem Revolver und die beiden durch deine Großmut. Ich verstehe dich. Ich verstehe alles; denn ich bin ein Genie.

Fedja: Nun ja, nun ja. Nur ... (Der Kellner kommt herein mit einer Flasche Champagner, Papier und Schreibzeug.)

Dritter Auftritt

Fedja, Iwan Petrowitsch und zu Anfang der Kellner.

Fedja (bedeckt den Revolver mit einer Serviette): Zieh die Flasche auf! Laß uns trinken! (Sie trinken.) (Fedja schreibt.) Warte ein bißchen!

Iwan Petrowitsch: Auf deine ... große Reise! Ich nehme da einen höheren Standpunkt ein. Ich werde dich nicht zurückhalten. Leben und Tod, das macht für ein Genie keinen Unterschied. Ich sterbe im Leben und lebe im Tode. Du tötest dich, damit sie, diese beiden Menschen, dich bedauern. Ich aber, ich töte mich, damit die ganze Welt begreift, was sie verloren hat. Ich werde nicht schwanken, nicht überlegen. Ich ergreife ihn (er faßt den Revolver), bautz — und alles ist erledigt. Aber es ist noch nicht an der Zeit. (Er legt den Revolver wieder hin.) Und etwas zu schreiben beabsichtige ich auch nicht; sie müssen es von selbst begreifen ... Ach, ihr ...

Fedja (schreibt): Warte ein bißchen!

Iwan Petrowitsch: Klägliche Menschen! Da wimmeln sie umher und mühen sich geschäftig ab. Und sie verstehen nicht, daß ... gar nichts verstehen sie. Ich rede nicht zu dir. Ich rede nur so für mich, spreche meine Gedanken aus. Aber was tut der Menschheit not? Sehr wenig: daß sie ihre Genies zu schätzen wüßte; aber die hat sie immer hingerichtet, vertrieben, gefoltert ... Nein! ich werde nicht euer Spielzeug sein! Ich werde euch entlarven. Neei—n! Ihr Heuchler!

Fedja (ist mit Schreiben fertig, trinkt sein Glas aus und liest das Geschriebene noch einmal durch): Nun, bitte, geh weg!

Iwan Petrowitsch: Ich soll weggehen? Na, dann leb wohl! Ich werde dich nicht davon zurückhalten. Ich werde dasselbe tun. Aber es ist noch nicht Zeit für mich. Ich will dir nur sagen ...

Fedja: Schön! Du kannst es mir sagen, aber erst nachher. Jetzt paß mal auf, lieber Freund: bitte, gib doch dies hier dem Wirt (er gibt ihm Geld) und frage, ob ein Brief oder ein Paket für mich da ist. Sei so gut!

Iwan Petrowitsch: Schön! Du wirst also warten, bis ich zurückkomme? Ich will dir noch etwas Wichtiges sagen. Etwas Derartiges, wie du es weder in dieser Welt noch im Jenseits zu hören bekommen wirst, wenigstens nicht, bevor ich dorthin komme. Also soll ich das Ganze abliefern?

Fedja: So viel, wie nötig ist. (Iwan Petrowitsch ab.)

Vierter Auftritt

Fedja allein.

Fedja (seufzt erleichtert auf, schließt hinter Iwan Petrowitsch die Tür zu, nimmt den Revolver, spannt den Hahn, setzt die Waffe an die Schläfe, zuckt zusammen und läßt sie sachte wieder sinken. Er stöhnt): Nein, ich kann es nicht, ich kann es nicht, ich kann es nicht! (Es wird an die Tür geklopft.) Wer ist da?

Maschas Stimme (von außen): Ich.

Fedja: Wer ist das: „ich”? Ah, Mascha ... (Er schließt die Tür auf.)

Fünfter Auftritt

Mascha: Ich bin in deiner Wohnung gewesen und bei Popow und bei Afremow, und dann fiel mir ein, daß du wohl hier sein würdest. (Sie erblickt den Revolver.) Na, das ist ja nett! Bist du ein Dummkopf! Wirklich, ein Dummkopf! Hast du das denn wirklich gewollt?

Fedja: Ich habe es nicht gekonnt.

Mascha: Und an mich hast du wohl gar nicht gedacht? Gottloser! Mit mir hast du kein Mitleid gehabt! Ach, Fjodor Wasiljewitsch, schäme dich, schäme dich! Ist das der Dank für meine Liebe?...

Fedja: Ich wollte den beiden die Freiheit geben; ich habe es ihnen versprochen. Und meinem Worte untreu werden, das kann ich nicht.

Mascha: Und ich, ich?

Fedja: Du? Dich würde ich damit auch von einer Fessel losmachen. Willst du dich denn lieber noch länger mit mir abplagen?

Mascha: Ich muß es doch wohl lieber wollen. Ich kann ohne dich nicht leben.

Fedja: Was hast du für ein Leben mit mir zusammen? Du würdest ein bißchen weinen und dann ruhig weiterleben.

Mascha: Ich würde überhaupt nicht weinen! Hol dich der Teufel, wenn du mit mir kein Mitleid hast! (Sie weint.)

Fedja: Mascha, mein Herzchen! Ich wollte es doch recht gut machen!

Mascha: Ja, recht gut für dich!

Fedja (lächelnd): Aber inwiefern wäre es denn für mich recht gut, wenn ich mir das Leben nähme?

Mascha: Selbstverständlich wäre es für dich recht gut. Aber was beabsichtigst du denn eigentlich damit? Das sage mir mal!

Fedja: Was ich damit beabsichtige? Gar vieles.

Mascha: Na was? was?

Fedja: Erstens beabsichtige ich damit, mein Versprechen zu halten. Das ist das Erste, und das genügt schon. Zu lügen und all die andern garstigen Dinge zu tun, die zu einer Scheidung erforderlich sind, das bringe ich nicht fertig.

Mascha: Das ist allerdings garstig. Ich selbst ...

Fedja: Ferner beabsichtige ich, den beiden, das heißt meiner Frau und ihm, Freiheit des Handelns zu geben. Sie sind ja doch gute Menschen. Wozu sollen sie sich quälen? Das war Nummer zwei.

Mascha: Na, an ihr kann doch nicht sehr viel Gutes sein, wenn sie sich von dir losgesagt hat.

Fedja: Nicht sie hat sich von mir losgesagt, sondern ich mich von ihr.

Mascha: Na gut, gut! Du nimmst immer alle Schuld auf dich. Sie ist ein Engel. Und was nun noch?

Fedja: Dann sage ich mir noch, daß du ein gutes, liebes Mädchen bist und ich dich liebe und dich, wenn ich am Leben bleibe, unglücklich mache.

Mascha: Das ist ja nicht deine Sache. Ich weiß schon allein, wo ich glücklich und wo ich unglücklich werde.

Fedja (seufzt): Und die Hauptsache, die Hauptsache: was ist mein Leben? Ich sehe ja doch, daß ich ein tief heruntergekommener Mensch bin und zu nichts tauge. Allen und mir selbst bin ich nur zur Last, wie dein Vater gesagt hat. Ich bin zu nichts nütze ...

Mascha: Dummes Zeug! Ich lasse nicht von dir. Ich halte dich fest, und damit basta! Und wenn du ein unordentliches Leben führst, trinkst und dich herumtreibst, so läßt sich das doch abstellen. Du bist ja ein verständiger Mensch. Wirf das von dir! Ganz einfach!

Fedja: Leicht gesagt.

Mascha: Mach es so!

Fedja: Ja, wenn ich dich so ansehe, so meine ich, ich könnte alles ausführen.

Mascha: Und du wirst es auch ausführen. Alles wirst du ausführen. (Sie erblickt den Brief.) Was ist das? Hast du an die beiden geschrieben? Was hast du geschrieben?

Fedja: Was ich geschrieben habe? (Er nimmt den Brief und will ihn zerreißen.) Der Brief ist jetzt nicht mehr erforderlich.

Mascha (entreißt ihm den Brief): Hast du geschrieben, du werdest dir das Leben nehmen? Ja? Von der Pistole hast du nichts geschrieben, sondern nur im allgemeinen, daß du dir das Leben nehmen werdest?

Fedja: Ja, daß ich bald nicht mehr sein werde.

Mascha: Warte mal, warte mal, warte mal! Hast du „Was ist zu tun?”[1] gelesen?

Fedja: Ich glaube, ich habe es gelesen.

Mascha: Es ist ein langweiliger Roman; aber eines ist darin sehr gut, sehr gut. Er, dieser, wie heißt er doch? Rachmanow, erweckt den Anschein, daß er ertrunken sei. Das könntest du auch tun! Schwimmen kannst du nicht?

Fedja: Nein.

Mascha: Na, siehst du wohl! Du mußt alle deine Kleider hergeben, alles, auch die Brieftasche.

Fedja: Und wie weiter?

Mascha: Warte, warte, warte! Wir fahren zu dir nach Hause. Da kleidest du dich um.

Fedja: Aber das ist ja ein Betrug.

Mascha: Das schadet nichts. Du bist baden gegangen und hast deine Kleider am Ufer gelassen. Und in der Tasche steckt die Brieftasche und dieser Brief.

Fedja: Nun, und dann?

Mascha: Und dann? Dann fahren wir weg und führen ein wunderschönes Leben.

Sechster Auftritt

Fedja, Mascha und Iwan Petrowitsch, welcher eintritt.

Iwan Petrowitsch: Nun sehe mal einer an! Und was wird mit dem Revolver? Den werde ich mir nehmen.

Mascha: Nimm ihn, nimm ihn; wir wollen fahren.

Vorhang.

Achtes Bild

Salon bei Protasows.

Erster Auftritt

Karenin, Lisa.

Karenin: Er hat es so fest versprochen, daß ich bestimmt glaube, er wird sein Versprechen zur Ausführung bringen.

Lisa: Es ist mir peinlich, aber ich muß es doch sagen, daß das, was ich über diese Zigeunerin erfahren habe, mir ein vollständiges Gefühl innerer Freiheit gegeben hat. Glaube nicht, daß das Eifersucht wäre. Es ist nicht Eifersucht, sondern, weißt du, ein Gefühl der Befreiung. Wie soll ich Ihnen das deutlich machen?...

Karenin: Wieder „Ihnen”.

Lisa (lächelnd): Nun also: dir. Aber lassen Sie mich, laß mich meine Empfindungen aussprechen! Was mich am meisten quälte, war das Gefühl, daß ich zwei Männer liebte. Denn das bedeutet, daß ich eine sittenlose Frau bin.

Karenin: Du eine sittenlose Frau?!

Lisa: Aber seit ich erfahren habe, daß er mit einer anderen Frau zusammenlebt und ich also für ihn keine Bedeutung mehr habe, seitdem bin ich innerlich frei geworden und fühle, daß ich ohne zu lügen sagen darf: ich liebe Sie, — dich. Jetzt ist in meiner Seele alles hell und klar, und nur meine äußere Lage quält mich noch. Diese Scheidung. Das ist alles so qualvoll! Dieses Warten!

Karenin: Es wird sich in allernächster Zeit entscheiden. Abgesehen davon, daß Fedja uns sein Versprechen gegeben hat, habe ich auch noch meinen Sekretär ersucht, sich mit einem Bittgesuche an das Konsistorium zu ihm zu begeben und nicht eher wieder fortzugehen, als bis er seine Unterschrift gegeben hat. Wenn ich ihn nicht so genau kennte, so würde ich glauben, daß sein Zaudern Absicht ist.

Lisa: Absicht? Nein, das ist alles bei ihm nur Schwäche und Ehrenhaftigkeit. Er will nicht die Unwahrheit sagen. Aber du hast nicht gut daran getan, ihm Geld zu schicken.

Karenin: Es ging nicht anders. Das konnte die Ursache der Verzögerung sein.

Lisa: Nein, Geld hat etwas Unschönes.

Karenin: Nun, er könnte schon weniger pointilleux sein.

Lisa: Was wir für Egoisten geworden sind!

Karenin: Ja, ich bekenne es auch von mir. Aber daran bist du selbst schuld. Nach all diesem Warten und dieser Hoffnungslosigkeit bin ich jetzt so glücklich. Und das Glück macht egoistisch. Du bist daran schuld.

Lisa: Du glaubst, du allein seist glücklich. Ich bin es ebenfalls. Ich fühle, daß meine Seele ganz voll Glücksempfindung ist, sich gleichsam in ihrem Glücke badet. Alles kommt zusammen: Mischa ist wieder gesund geworden, und deine Mutter liebt mich, und du liebst mich, und, was die Hauptsache ist, ich, ich selbst liebe.

Karenin: Ja? Und du befürchtest nicht, es jemals zu bereuen und anderen Sinnes zu werden?

Lisa: Seit jenem Tage hat sich alles in mir umgewandelt.

Karenin: Und das Alte kann nicht wiederkehren?

Lisa: Nein, niemals. Ich habe nur einen Wunsch: daß auch in deiner Seele alles Vergangene ebenso vollständig abgetan sein möchte wie in der meinigen.

Zweiter Auftritt

Karenin, Lisa. Die Kinderfrau mit dem Knaben tritt ein. (Der Knabe geht zur Mutter. Sie nimmt ihn auf den Schoß.)

Karenin: Was sind wir doch für unglückliche Menschen!

Lisa: Wieso? (Sie küßt das Kind.)

Karenin: Als du dich verheiratet hattest und ich bei meiner Rückkehr aus dem Auslande dies erfuhr und fühlte, daß ich dich verloren hatte, da war ich unglücklich; aber ich freute mich, als ich erfuhr, daß du dich meiner noch erinnertest. Das genügte mir. Als sich dann später freundschaftliche Beziehungen zwischen uns herausbildeten und ich fühlte, daß du mir freundlich gesinnt warst, und daß in unserer Freundschaft ein Fünkchen eines Gefühles glimmte, das stärker war als bloße Freundschaft, da war ich beinahe glücklich. Es quälte mich nur das ängstliche Gefühl, daß ich Fedja gegenüber nicht ehrlich war. Indessen hatte ich immer ein so festes Bewußtsein von der Unmöglichkeit anderer als rein freundschaftlicher Beziehungen zu der Gattin meines Freundes (und ich kannte ja auch dich hinlänglich), daß ich mich nicht mit Selbstanklagen peinigte und ganz zufrieden war. Als dann nachher Fedja dich durch seinen Lebenswandel zu quälen begann und ich fühlte, daß ich dir eine Stütze war, und daß du dich vor meiner Freundschaft fürchtetest, da war ich bereits sehr glücklich, und eine unbestimmte Hoffnung regte sich in mir. Später, als er schon unmöglich geworden war und du dich entschlossen hattest, dich von ihm zu trennen, und ich dir zum erstenmal alles sagte und du nichts erwidertest, aber in Tränen von mir weggingst, da war ich schon vollkommen glücklich. Und wenn ich gefragt worden wäre, welchen Wunsch ich noch hätte, so würde ich erwidert haben: keinen. Aber dann zeigte sich die Möglichkeit, mein Leben mit dem deinigen zu vereinigen; meine Mutter gewann dich lieb; diese Möglichkeit begann sich zu verwirklichen; du sagtest mir, daß du mich geliebt hättest und liebtest; und dann sagtest du mir, wie jetzt eben, daß er für dich nicht mehr existiere, daß deine Liebe nur mir gelte: was bleibt mir da noch zu wünschen übrig, sollte man meinen? Aber nein, jetzt, jetzt quäle ich mich mit der Vergangenheit herum und möchte, daß diese Vergangenheit nicht vorhanden wäre, daß nichts vorhanden wäre, was mich an sie erinnert.

Lisa (vorwurfsvoll): Viktor!

Karenin: Verzeih mir, Lisa! Ich sage das nur, weil ich nicht will, daß irgendein Gedanke in meiner Seele, der dich betrifft, dir verborgen sei. Alles dies habe ich absichtlich gesagt, um dir zu zeigen, wie schlecht ich bin, und wie wohl ich weiß, daß ich mit mir selbst kämpfen und mich überwinden muß. Und ich habe mich überwunden. Ich liebe ihn.

Lisa: So ist es recht. Ich habe alles getan, was ich konnte. Oder vielmehr: in meinem Herzen hat sich alles so herausgebildet, wie du es nur wünschen konntest; jedes andere Bild außer dem deinen ist daraus verschwunden.

Karenin: Jedes?

Lisa: Ja, jedes, jedes. Sonst würde ich es nicht sagen.

Dritter Auftritt

Karenin, Lisa, die Kinderfrau mit dem Knaben und ein Diener.

Der Diener: Herr Wosnesenski.

Karenin: Er bringt die Antwort von Fedja.

Lisa (zu Karenin): Lassen Sie ihn in dieses Zimmer eintreten!

Karenin (steht auf und geht zur Tür): Nun, da werden wir die Antwort zu hören bekommen.

Vierter Auftritt

Karenin, Lisa. (Sie gibt der Kinderfrau das Kind zurück. Die Kinderfrau ab.)

Lisa: Wird sich jetzt wirklich alles entscheiden, Viktor? (Sie küßt ihn.)

Fünfter Auftritt

Karenin, Lisa und Wosnesenski, welcher eintritt.

Karenin: Nun, wie steht es?

Wosnesenski: Er war nicht zu Hause.

Karenin: Nicht zu Hause? Und er hat die Bittschrift nicht unterschrieben?

Wosnesenski: Die Bittschrift hat er nicht unterschrieben; aber er hat einen Brief an Sie und Jelisaweta Andrejewna hinterlassen. (Er zieht einen Brief aus der Tasche und reicht ihn Karenin hin.) Ich kam nach seiner Wohnung; dort wurde mir gesagt, er sei in einem bestimmten Restaurant; ich ging dorthin, und da sagte mir Fjodor Wasiljewitsch, ich möchte in einer Stunde wiederkommen. Ich kam wieder hin, und da hatte er diesen Brief hinterlassen ...

Karenin: Ob er wirklich immer neue Verschleppungsversuche und Ausflüchte macht? Nein, das ist geradezu häßlich von ihm. Wie tief ist er doch gesunken!

Lisa: So lies doch; mach!

Karenin (öffnet den Brief).

Wosnesenski: Bedürfen Sie meiner noch?

Karenin: Nein, adieu, ich danke Ihnen ... (Er liest und stutzt erstaunt. Wosnesenski ab.)

Sechster Auftritt

Karenin und Lisa.

Lisa: Was steht darin? Was steht darin?

Karenin: Das ist schrecklich!

Lisa (greift nach dem Briefe): So lies doch vor!

Karenin (liest): „Lisa und Viktor, ich wende mich an Euch beide. Ich will nicht lügen, indem ich Euch die Beiworte ‚lieb’ und ‚teuer’ gäbe. Wenn ich an Euch und Eure wechselseitige Liebe und an Euer Glück denke, so kann ich mich eines bitteren Gefühles nicht erwehren; Vorwürfe mache ich allerdings nur mir selbst, aber doch bereiten sie mir Qual. Ich weiß alles. Ich weiß, daß ich, trotzdem ich der Ehemann bin, Euch seinerzeit doch nur infolge einer Reihe von Zufälligkeiten gehindert habe, ein Paar zu werden. C'est moi qui suis l'intrus. Aber doch kann ich ein Gefühl der Bitterkeit und der Kälte Euch gegenüber nicht unterdrücken. Theoretisch liebe ich Euch beide, besonders Lisa, die gute Lisa; aber in Wirklichkeit bin ich mehr als kalt. Ich weiß, daß ich daran unrecht tue; aber ich kann mich nicht ändern.”

Lisa: Wie kann er nur ...

Karenin (liest weiter): „Aber zur Sache! Eben dieses zwiespältige Gefühl veranlaßt mich dazu, Euren Wunsch in anderer Weise, als Ihr es gewollt habt, zur Ausführung zu bringen. Zu lügen, eine unwürdige Komödie aufzuführen, die Beamten des Konsistoriums zu schmieren, und was der garstigen Dinge mehr sind, all das ist mir widerwärtig und unerträglich. Wie garstig ich auch selbst sein mag, wenn auch garstig in einem anderen Sinne, so kann ich mich doch an diesem garstigen Tun nicht beteiligen; ich kann es einfach nicht. Der andere Ausweg, den ich jetzt einschlage, ist der allereinfachste! Ihr wollt Euch heiraten, um glücklich zu werden; ich bin Euch hinderlich; folglich muß ich aus dem Leben scheiden!...”

Lisa (faßt Karenin an den Arm): Viktor!

Karenin (liest weiter): „... muß ich aus dem Leben scheiden. Und das werde ich auch zur Ausführung bringen. Wenn Ihr diesen Brief erhaltet, bin ich nicht mehr. P.S. Es tut mir sehr leid, daß Ihr mir Geld zur Betreibung der Scheidung geschickt habt. Mir war das unangenehm, und Eurem ganzen Wesen entsprach es nicht. Na, da hilft nun nichts. Ich habe so viele Fehler begangen, da könnt Ihr auch einmal einen begehen. Das Geld geht Euch wieder zu. Mein Ausweg ist kürzer, billiger und sicherer. Um eines bitte ich Euch: seid mir nicht böse und behaltet mich in gutem Andenken! Und noch etwas: hier lebt ein Uhrmacher, namens Jewgenjew; könnt Ihr dem nicht helfen und seine wirtschaftlichen Verhältnisse ordnen? Er ist ein schwacher, aber braver Mensch. Lebt wohl! Fedja.”

Lisa: Er hat sich das Leben genommen! Ja ...

Karenin (klingelt und läuft in das Vorzimmer): Rufen Sie Herrn Wosnesenski zurück!

Lisa: Ich habe es gewußt, ich habe es gewußt! Fedja, lieber Fedja!

Karenin: Lisa!

Lisa: Es ist nicht wahr, nicht wahr, daß ich ihn nicht geliebt hätte und auch jetzt nicht liebte. Ich liebe nur ihn allein. Ich liebe ihn. Und ich habe ihn ins Verderben getrieben! Laß mich! (Wosnesenski tritt ein.)

Siebenter Auftritt

Karenin, Lisa und Wosnesenski.

Karenin: Wo ist Fjodor Wasiljewitsch? Was hat man Ihnen gesagt?

Wosnesenski: Man hat mir gesagt, er sei am Morgen unter Hinterlassung dieses Briefes weggegangen und nicht wieder zurückgekehrt.

Karenin: Das muß ich in Erfahrung bringen, Lisa; ich verlasse dich.

Lisa: Verzeih mir, aber auch ich kann nicht lügen. Laß mich jetzt allein! Geh und stelle fest, was geschehen ist!...

Vorhang.