Fünfter Akt

Neuntes Bild

Ein schmutziges Zimmer in einer Schenke. Ein Tisch mit Gästen, welche Tee und Branntwein trinken. Im Vordergrunde ein Tischchen, an welchem Fedja, ganz heruntergekommen und in zerlumpten Kleidern, sitzt und bei ihm Pjetuschkow, ein höflicher, zarter Mensch, dem seine langen Haare ein geistliches Aussehen verleihen. Beide sind ein wenig angetrunken.

Erster Auftritt

Fedja und Pjetuschkow.

Pjetuschkow: Ich verstehe, ich verstehe. Ja, das ist echte Liebe. Nun, und was dann?

Fedja: Ja, wissen Sie, wenn diese Gefühle bei einem jungen Mädchen aus unserer Sphäre zutage kämen, so daß sie für den geliebten Mann alles zum Opfer brächte, dann würde man das noch erklärlich finden; aber hier handelt es sich um eine Zigeunerin, deren ganze Erziehung auf Eigennutz gerichtet war; und dabei doch diese reine, selbstlose Liebe! Sie gibt alles hin, ohne für sich selbst auch nur das geringste zu verlangen. Dieser Kontrast ist besonders merkwürdig.

Pjetuschkow: Ja, das nennt man bei uns in der Malerei valeur. Ein volles, grelles Rot kann man nur dann herausbringen, wenn ringsumher Grün ist. Na, aber das gehört nicht hierher. Ich verstehe, ich verstehe ...

Fedja: Ja, und das ist, glaube ich, die einzige gute Tat, die ich zur Rettung meiner Seele getan habe, daß ich ihre Liebe nicht mißbrauchte. Und wissen Sie warum?

Pjetuschkow: Aus Mitleid.

Fedja: Ach nein. Mein Gefühl ihr gegenüber war nicht Mitleid. Ich war, wenn ich sie sah, immer voller Entzücken, und wenn sie sang, — ach, wie sang sie! Auch jetzt singt sie vielleicht noch — Und immer blickte ich zu ihr wie zu einem höheren Wesen empor. Ich habe sie einfach deswegen nicht unglücklich gemacht, weil ich sie liebte, sie innig liebte. Und selbst jetzt noch ist das für mich eine schöne, schöne Erinnerung. (Er trinkt.)

Pjetuschkow: Sehen Sie, ich verstehe das, ich verstehe das. Das ist etwas Ideales.

Fedja: Ich will Ihnen was sagen: ich habe seinerzeit auch so meine Schwärmereien und Liebschaften gehabt. Und so war ich denn auch einmal verliebt, in eine schöne Dame, und ich war in einer häßlichen, sinnlichen Art verliebt, und sie gab mir ein Rendezvous. Und ich blieb weg, weil ich der Ansicht war, das sei eine Gemeinheit gegen den Ehemann. Und bis auf den heutigen Tag geht es mir merkwürdig: wenn ich daran zurückdenke, so möchte ich mich freuen und mich dafür loben, daß ich ehrenhaft gehandelt habe; aber — ich bereue es wie eine Sünde. Aber hier, bei Mascha, ist es gerade umgekehrt. Ich freue mich immer, freue mich sehr, daß ich dieses mein Gefühl mit nichts beschmutzt habe. Ich kann noch tiefer sinken, kann ganz verkommen, alles, was ich auf dem Leibe habe, verkaufen, kann verlaufen und die Krätze bekommen; aber dieser Brillant, oder besser, dieser Sonnenstrahl, ja, der bleibt für immer das Eigentum meiner Seele.

Pjetuschkow: Ich verstehe, ich verstehe. Wo ist sie denn jetzt?

Fedja: Ich weiß es nicht. Und ich möchte es auch gar nicht wissen. Das gehörte alles einem andern Leben an. Und jenes Leben will ich nicht mit meinem jetzigen vermischen. (Man hört das Geschrei einer Frau an dem hinteren Tische. Der Wirt tritt heran; ein Schutzmann erscheint; die Frau wird abgeführt. Fedja und Pjetuschkow schauen hin, hören zu und schweigen.)

Pjetuschkow (nachdem es dort wieder ruhig geworden ist): Ja, Ihr Leben ist ein ganz wundersames gewesen.

Fedja: Nein, ein ganz gewöhnliches. Wir alle in der Lebenssphäre, in der ich geboren bin, haben zwischen drei Dingen die Wahl, nur zwischen dreien. Erstens, ein Amt zu bekleiden, Geld zu verdienen, den Schmutz, in dem wir leben, noch zu vergrößern; das war mir zuwider; vielleicht verstand ich es auch nicht; aber die Hauptsache war: es war mir zuwider. Zweitens, diesen Schmutz zu bekämpfen; dazu muß man ein Held sein, und ich bin kein Held. Oder drittens, sich selbst zu vergessen, zu trinken, zu bummeln, zu singen; und eben dies habe ich getan. Und nun ist das Lied ausgesungen. (Er trinkt.)

Pjetuschkow: Nun, und das Familienleben? Ich wäre glücklich, wenn ich eine Frau hätte. An meinem Unglück ist meine Frau schuld.

Fedja: Das Familienleben? Ja. Meine Frau war eine ideale Frau. Sie ist auch jetzt noch am Leben. Aber was soll ich Ihnen sagen? Es fehlten die kleinen Rosinen. Wissen Sie, die kleinen Rosinen im Kwas?[2] Es fehlte in unserm Leben das Element des heiteren Spieles. Und es war mir doch Bedürfnis, mich zu vergessen. Und ohne solches heiteres Spiel kann man sich nicht vergessen. Und da fing ich an, garstige Dinge zu tun. Sie wissen ja aber: wir lieben die Menschen wegen des Guten, das wir ihnen getan haben, und empfinden Abneigung gegen sie wegen des Bösen, das wir ihnen zugefügt haben. Und ich habe ihr viel Böses zugefügt. Sie schien mich zu lieben.

Pjetuschkow: Warum sagen Sie: „Sie schien”?

Fedja: Das sage ich, weil sie mir seelisch nie so nahe gestanden hat wie Mascha. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Sie war in andern Umständen, und dann nährte sie das Kind; ich aber trieb mich umher und kam betrunken nach Hause. Natürlich liebte ich sie eben deswegen immer weniger. Ja, ja. (Er gerät in Entzücken.) Da fährt mir eben ein Gedanke durch den Kopf: darum liebe ich Mascha, weil ich ihr Gutes getan habe und nicht Übles. Darum liebe ich sie. Jene aber habe ich gequält, und darum ... aber ich kann nicht sagen, daß ich Abneigung gegen sie empfände; nein ich liebe sie einfach nicht. Eifersüchtig bin ich gewesen, ja; aber auch das gehört der Vergangenheit an.

Zweiter Auftritt

Fedja, Pjetuschkow und Artemjew, welcher herantritt. (Er trägt eine Kokarde, einen alten, geflickten Anzug und hat einen gefärbten Schnurrbart.)

Artemjew: Guten Appetit. (Er verbeugt sich vor Fedja.) Sind Sie mit dem Künstler bekannt geworden?

Fedja (kühl): Ja, wir sind miteinander bekannt.

Artemjew (zu Pjetuschkow): Nun, haben Sie das Porträt fertiggemacht?

Pjetuschkow: Nein, ich war nicht bei Stimmung.

Artemjew (setzt sich): Ich störe Sie doch nicht? (Fedja und Pjetuschkow schweigen.)

Pjetuschkow: Fjodor Wasiljewitsch hat allerlei aus seinem Leben erzählt.

Artemjew: Geheimnisse? Dann will ich nicht stören; fahren Sie nur fort! Was mach ich mir aus euch, ihr Ochsen! (Er geht zum Nachbartische und läßt sich Bier geben. Während der ganzen folgenden Zeit biegt er sich zu Fedja und Pjetuschkow hin und behorcht ihr Gespräch.)

Dritter Auftritt

Fedja: Ich kann diesen Herrn nicht leiden.

Pjetuschkow: Er hat sich beleidigt gefühlt.

Fedja: Na, meinetwegen. Ich kann mir nicht helfen: wenn so ein Mensch dabeisitzt, bringe ich kein Wort heraus. Sehen Sie, in Ihrer Gesellschaft fühle ich mich wohl und behaglich. Wovon redete ich doch gerade?

Pjetuschkow: Sie sagten, Sie seien eifersüchtig gewesen. Nun, und auf welche Weise haben Sie sich von Ihrer Frau getrennt?

Fedja: Ach! (Er wird nachdenklich.) Das ist eine wunderliche Geschichte. Meine Frau ist verheiratet ...

Pjetuschkow: Wie denn das? Ist eine Scheidung erfolgt?

Fedja: Nein. (Er lächelt.) Sie ist als meine Witwe zurückgeblieben.

Pjetuschkow: Aber wie meinen Sie denn das?

Fedja: Nun ja, als meine Witwe. Ich lebe nicht mehr.

Pjetuschkow: Sie leben nicht mehr?

Fedja: Nein. Ich bin ein Leichnam. Ja. (Artemjew biegt sich herüber und horcht.) Sehen Sie, Ihnen kann ich es ja sagen. Es ist schon lange her, und meinen richtigen Familiennamen kennen Sie nicht. Die Sache trug sich so zu. Als ich meine Frau schon ganz zermartert, alles, was ich konnte, vergeudet hatte und ganz unerträglich geworden war, da erschien ein Beschützer für sie. Glauben Sie nicht, daß da irgendetwas Schmutziges, Häßliches vorgegangen wäre; nein, der Betreffende war mein eigener Freund und ein guter, sehr guter Mensch, nur in jeder Hinsicht das gerade Gegenteil von mir. Und da ich viel mehr schlechte Eigenschaften besitze als gute, so war und ist er denn ein guter, sehr guter Mensch: ehrenhaft, charakterfest, enthaltsam, mit einem Worte tugendhaft. Er hatte meine Frau von Jugend auf gekannt, sie geliebt und dann, als sie mich heiratete, sich mit seinem Schicksal ausgesöhnt. Später aber, als ich so garstig wurde und anfing, sie zu quälen, da begann er häufiger bei uns zu verkehren. Ich wünschte das selbst. Und sie gewannen einander lieb; ich aber geriet zu jener Zeit ganz und gar auf Abwege und sagte mich selbst von meiner Frau los. Und dann kam noch Mascha hinzu. Ich machte ihnen selbst den Vorschlag, sie möchten sich heiraten. Sie wollten es nicht. Aber ich machte mich immer unmöglicher, und die Sache endete damit, daß ...

Pjetuschkow: Wie immer ...

Fedja: Ich bin davon überzeugt und weiß, daß sie rein blieben. Er ist ein religiöser Mensch und hielt eine Ehe ohne kirchlichen Segen für Sünde. Na, sie begannen also die Scheidung zu verlangen; ich sollte dazu meine Einwilligung geben. Wenn aber die Scheidung durchgesetzt werden sollte, mußte ich die ganze Schuld auf mich nehmen und mich zu einer großen Lügerei verstehen. Und das brachte ich nicht fertig. Werden Sie es glauben: es wäre mir leichter geworden, mir das Leben zu nehmen als zu lügen. Und ich wollte mir auch schon das Leben nehmen. Aber da sagte eine gute Person zu mir: „Warum willst du das tun?” Und es wurde alles arrangiert. Ich ließ ihnen einen Abschiedsbrief zukommen, und am andern Tage fand man am Ufer meine Kleider und meine Brieftasche mit verschiedenen an mich gerichteten Briefen. Schwimmen kann ich nicht.

Pjetuschkow: Nun, und wie war es mit der Leiche? Wurde die nicht gefunden?

Fedja: Ja, die wurde gefunden; denken Sie sich nur: eine Woche darauf wurde eine Leiche gefunden. Meine Frau wurde zur Besichtigung hinzugerufen. Die Leiche war schon stark in Verwesung übergegangen. Meine Frau sah sie an. „Ist er es?” wurde sie gefragt. „Ja, er ist es!” antwortete sie. Und dabei blieb es denn auch. Ich wurde begraben, und sie heirateten sich und leben hier und fühlen sich glücklich. Und ich lebe auch; ich lebe und trinke. Gestern ging ich an dem Hause der beiden vorbei. Hinter den Fenstern war Licht; der Schatten eines Menschen glitt an dem Rouleau vorüber. Manchmal ist mir dabei scheußlich zumute; aber manchmal mache ich mir nichts daraus. Scheußlich ist mir zumute, wenn ich kein Geld habe ... (Er trinkt.)

Artemjew (tritt näher): Na, nehmen Sie es nicht übel, ich habe Ihre Geschichte mit angehört. Es ist eine sehr nette und vor allen Dingen eine sehr nützliche Geschichte. Sie sagen, es sei Ihnen scheußlich zumute, wenn es Ihnen an Geld fehle. Allerdings, es gibt nichts Scheußlicheres. Aber Sie in Ihrer Lage müßten doch eigentlich immer Geld haben. Sie sind ja ein Leichnam. Nun gut ...

Fedja: Erlauben Sie! Ihnen habe ich das nicht erzählt, und ich wünsche Ihre Ratschläge nicht.

Artemjew: Ich aber wünsche sie Ihnen dennoch zu geben. Sie sind ein Leichnam, und wenn Sie wieder aufleben, dann sind jene beiden, Ihre Gattin und der betreffende Herr, die sich jetzt so glücklich fühlen, einfach Bigamisten und spazieren günstigsten Falls nach einem nicht allzu entlegenen Verbannungsorte. Also warum sollte es Ihnen an Geld fehlen?

Fedja: Ich ersuche Sie, mich in Ruhe zu lassen.

Artemjew: Schreiben Sie ganz einfach einen Brief! Oder wenn Sie wollen, werde ich einen schreiben; Sie brauchen mir nur die Adresse zu geben. Sie werden mir später noch dankbar sein.

Fedja: Scheren Sie sich weg, sage ich Ihnen! Ich habe Ihnen nichts mitgeteilt.

Artemjew: Doch, das haben Sie getan. Da ist ein Zeuge. Der Kellner hat es gehört, daß Sie sagten, Sie seien ein Leichnam.

Der Kellner: Ich weiß von nichts.

Fedja: Sie Taugenichts!

Artemjew: Ich ein Taugenichts?! He, Schutzmann! Es muß ein Protokoll darüber aufgenommen werden!

Fedja (steht auf und geht hinaus). (Artemjew halt ihn fest. Ein Schutzmann kommt.)

Vorhang.

Zehntes Bild

Die Handlung spielt auf einem Gute, in einer von Efeu umrankten Veranda.

Erster Auftritt

Anna Dmitrijewna, Karenin, Lisa (die in andern Umständen ist), die Kinderfrau mit dem Kinde.

Lisa: Jetzt fährt er schon vom Bahnhof im Wagen hierher.

Der Knabe: Wer fährt?

Lisa: Der Papa.

Der Knabe: Papa fährt schon vom Bahnhof im Wagen hierher!

Lisa: C'est étonnant, comme il l'aime, tout-à-fait comme son père.

Anna Dmitrijewna: Tant mieux! Se souvient-il de son père véritable?

Lisa: Ich spreche nie mit ihm von diesem. Ich denke, wozu soll ich ihm den Kopf wirr machen? Manchmal aber denke ich wieder, ich müßte es ihm eigentlich doch sagen. Was meinen Sie, Mama?

Anna Dmitrijewna: Ich meine, Lisa, das ist Sache des Gefühls, und wenn du dich deinem Gefühle überläßt, so wird dein Herz dir schon zuflüstern, was du ihm sagen sollst und wann. In wie wunderbarer Weise doch der Tod versöhnend wirkt! Ich muß gestehen, es hat eine Zeit gegeben, wo er, Fedja (ich habe ihn ja gekannt, als er noch ein Kind war), für mich etwas Unangenehmes hatte; aber jetzt erinnere ich mich seiner nur als eines liebenswürdigen jungen Mannes, als eines Freundes von Viktor und als jenes leidenschaftlichen Menschen, der, ob auch in gesetzwidriger, nicht religiöser Weise, sich selbst für diejenigen zum Opfer brachte, die er liebte. On aura beau dire, l'action est belle... Hoffentlich hat Viktor nicht vergessen, Wolle mitzubringen; meine ist gleich alle. (Sie strickt.)

Lisa: Da kommt er. (Man hört Rädergerassel und Schellengeklingel. Lisa steht auf und tritt an den Rand der Veranda.)

Lisa: Er hat jemand bei sich. Eine Dame mit einem Hute. Es ist meine Mama! Es ist eine Ewigkeit, daß ich sie nicht gesehen habe. (Sie geht zur Tür.)

Zweiter Auftritt

Lisa, Anna Dmitrijewna Karenina, die Kinderfrau mit dem Kinde. Karenin und Anna Pawlowna treten ein.

Anna Pawlowna (küßt Lisa und Anna Dmitrijewna): Viktor hat mich getroffen und hergebracht.

Anna Dmitrijewna: Sehr recht von ihm.

Anna Pawlowna: Ja, gewiß. Ich dachte oft, ich möchte euch einmal wiedersehen, schob es aber immer auf. Da bin ich nun mitgekommen und werde, wenn ihr mich nicht fortjagt, bis zum Abendzuge hier bleiben.

Karenin (küßt seine Frau, seine Mutter und den Knaben): Und ich bin so glücklich, — ihr könnt mir gratulieren. Ich kann zwei Tage zu Hause bleiben. Morgen werden sie sich auf dem Büro ohne mich behelfen.

Lisa: Das ist ja prächtig! Zwei Tage! Das ist lange nicht dagewesen. Laß uns nach dem Klösterchen fahren; ja?

Anna Pawlowna: Wie ähnlich das Kind seinem Vater ist! Und was ist er für ein forscher Junge geworden! Wenn er nur nicht alles von seinem Vater geerbt hat; dessen gutes Herz, nun ja ...

Anna Dmitrijewna: Aber nicht seine Schwäche.

Lisa: Er ist sein vollständiges Ebenbild. Aber Viktor ist mit mir derselben Ansicht, daß, wenn er nur von klein auf richtig erzogen wird ...

Anna Pawlowna: Nun, ich verstehe das alles nicht; ich kann nur sagen: ich vermag nicht an ihn zurückzudenken, ohne daß mir die Tränen kommen.

Lisa: Mir geht es ebenso. Wie er in unserer Erinnerung gewachsen ist!

Anna Pawlowna: Ja, das finde ich auch.

Lisa: Wie schien doch eine Zeitlang alles unlösbar verworren zu sein! Und wie entwirrte sich dann plötzlich alles!

Anna Dmitrijewna: Nun, Viktor, hast du die Wolle mitgebracht?

Karenin: Gewiß, gewiß! (Er nimmt seine Reisetasche und holt allerlei daraus hervor.) Da ist die Wolle, und da die Eau de Cologne, und da die angekommenen Briefe, und da ein amtliches Schreiben an dich. (Er gibt es seiner Frau.) Nun, Anna Pawlowna, wenn Sie Lust haben, sich nach der Fahrt zu waschen, so werde ich Sie führen. Auch ich muß mich säubern; wir essen sogleich zu Mittag. Lisa, ich soll Anna Pawlowna doch wohl in das Eckzimmer im Parterre bringen? (Lisa, die ganz blaß geworden ist, hält das Schriftstück in den zitternden Händen und liest es.)

Karenin: Was ist dir, Lisa? Was steht darin?

Lisa: Er ist am Leben. Mein Gott! Wann wird er mich endlich freigeben?! Viktor! Wie hängt das zusammen? (Sie schluchzt.)

Karenin (nimmt das Schriftstück und liest es): Das ist entsetzlich!

Anna Dmitrijewna: Was denn? So sprich doch!

Karenin: Das ist entsetzlich. Er ist am Leben. Und sie ist eine Bigamistin, und ich bin ein Verbrecher. Dieses Schreiben kommt vom Untersuchungsrichter, der Lisa vorladet.

Anna Dmitrijewna: Welch ein entsetzlicher Mensch! Warum hat er das angerichtet?!

Karenin: Es ist alles Lüge, alles Lüge.

Lisa: O, wie ich ihn hasse! Ich weiß nicht, was ich rede. (Sie geht weinend ab, Karenin folgt ihr.)

Dritter Auftritt

Anna Dmitrijewna und Anna Pawlowna.

Anna Pawlowna: Wie in aller Welt geht das zu, daß er noch lebt?

Anna Dmitrijewna: Ich weiß nur, daß Viktor, seit er mit dieser Welt des Schmutzes in Berührung gekommen ist, immer mehr hineingezogen wird. Und jetzt versinkt er darin. Alles ist Betrug, alles Lüge!

Vorhang.


Sechster Akt

Elftes Bild

Amtszimmer des Untersuchungsrichters. Der Untersuchungsrichter sitzt am Tische und unterhält sich mit Melnikow. Seitwärts blättert der Protokollführer in Akten.

Erster Auftritt

Der Untersuchungsrichter, Melnikow, der Protokollführer.

Der Untersuchungsrichter: Ich habe ihr das nie gesagt. Sie hat sich das ausgesonnen und macht mir nun Vorwürfe.

Melnikow: Sie macht dir keine Vorwürfe; sie ist nur sehr betrübt.

Der Untersuchungsrichter: Nun gut, ich werde zum Mittagessen kommen. Aber jetzt haben wir hier eine sehr interessante Sache. (Zum Protokollführer:) Lassen Sie sie eintreten!

Der Protokollführer: Beide?

Der Untersuchungsrichter (hört auf zu rauchen und verwahrt die Zigarette): Nein! Nur Frau Karenina oder richtiger nach ihrem ersten Manne, Frau Protasowa.

Melnikow (geht weg): Ach, es handelt sich um Frau Karenina!

Der Untersuchungsrichter: Ja, es ist eine unsaubere Sache. Allerdings fange ich die Untersuchung eben erst an; aber schön ist die Geschichte nicht. Na, dann adieu! (Melnikow ab.)

Zweiter Auftritt

Der Untersuchungsrichter und Lisa, die schwarz gekleidet und verschleiert eintritt.

Der Untersuchungsrichter: Bitte ergebenst. (Er weist auf einen Stuhl.) Wollen Sie mir glauben, daß ich die Notwendigkeit, Ihnen einige Fragen vorzulegen, sehr bedauere; aber ich befinde mich in einer Zwangslage ... Bitte, beruhigen Sie sich; ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie die Antwort auf meine Fragen verweigern dürfen. Nur bin ich der Ansicht, daß es für Sie und für alle das Beste ist, alles der Wahrheit gemäß auszusagen. Das ist immer das Beste und Zweckmäßigste.

Lisa: Ich habe nichts zu verheimlichen.

Der Untersuchungsrichter: Also hier (er blickt in ein Aktenstück). Ihren Namen, Ihren Stand, Ihre Religion, das habe ich alles schon hingeschrieben; stimmt es?

Lisa: Ja.

Der Untersuchungsrichter: Sie werden beschuldigt, obwohl Sie wußten, daß Ihr Mann am Leben war, einen andern geheiratet zu haben.

Lisa: Ich wußte es nicht.

Der Untersuchungsrichter: Und ferner werden Sie beschuldigt, durch Zahlung einer Geldsumme ihren Mann zur Begehung eines Betruges, nämlich zur Vorspiegelung eines Selbstmordes, veranlaßt zu haben, in der Absicht, von ihm loszukommen.

Lisa: Das ist alles nicht wahr.

Der Untersuchungsrichter: Gestatten Sie mir also einige Fragen. Haben Sie ihm im Juli vorigen Jahres zwölfhundert Rubel übersandt?

Lisa: Dieses Geld gehörte ihm. Es war der Erlös aus seinen Sachen. Und in der Zeit, als ich mich von ihm getrennt hatte und darauf wartete, daß er die Scheidung in die Wege leite, da schickte ich es ihm.

Der Untersuchungsrichter: So so, sehr wohl. Dieses Geld wurde ihm am 17. Juli übersandt, das heißt zwei Tage vor seinem Verschwinden.

Lisa: Es mag am 17. Juli gewesen sein. Ich erinnere mich nicht.

Der Untersuchungsrichter: Warum wurden aber die Bemühungen beim Konsistorium zu derselben Zeit eingestellt und dem Rechtsanwalt das erteilte Mandat wieder abgenommen?

Lisa: Das weiß ich nicht.

Der Untersuchungsrichter: Nun, aber als die Polizei Sie aufforderte, die Leiche zu rekognoszieren, auf welche Weise erkannten Sie in derselben Ihren Mann?

Lisa: Ich war damals so aufgeregt, daß ich die Leiche nicht genauer ansah, und war so davon überzeugt, daß er es war, daß ich, als ich gefragt wurde, antwortete, er sei es wohl.

Der Untersuchungsrichter: Ja, Sie haben ihn in einer sehr erklärlichen Aufregung nicht genauer angesehen. Sehr wohl. Nun aber gestatten Sie die Frage: warum haben Sie denn allmonatlich Geld nach Saratow geschickt, nach eben der Stadt, wo Ihr erster Mann wohnte?

Lisa: Dieses Geld hat mein Mann hingeschickt. Und über die Bestimmung desselben kann ich nichts aussagen, da das nicht mein Geheimnis ist. Nur soviel: es wurde nicht an Fjodor Wasiljewitsch geschickt. Wir waren fest davon überzeugt, daß er nicht mehr am Leben sei. Das kann ich Ihnen wahrheitsgemäß sagen.

Der Untersuchungsrichter: Sehr wohl. Gestatten Sie mir nur die eine Bemerkung, gnädige Frau: wir sind Diener des Gesetzes; aber das hindert uns nicht, Menschen zu sein. Wollen Sie mir glauben: ich habe ein volles Verständnis für Ihre Lage und wende ihr meine ganze Teilnahme zu. Sie waren an einen Menschen gebunden, der das Vermögen verschwendete, Sie hinterging, mit einem Worte ein schweres Kreuz für Sie war ...

Lisa: Ich liebte ihn.

Der Untersuchungsrichter: Ja, aber es mußte doch in Ihnen ganz natürlicherweise der Wunsch rege werden, von ihm loszukommen, und Sie wählten diesen einfachen Weg, ohne zu bedenken, daß er Sie zu etwas führte, was als ein Verbrechen angesehen wird, zur Bigamie; das ist auch mir verständlich. Und auch die Geschworenen werden dafür Verständnis haben. Und daher würde ich Ihnen raten, alles offen zu gestehen.

Lisa: Ich habe nichts zu gestehen. Ich habe nie gelogen. (Sie weint.) Bin ich nicht mehr nötig?

Der Untersuchungsrichter: Ich möchte Sie bitten, noch ein Weilchen hier zu bleiben. Ich werde Sie nicht weiter mit Fragen belästigen. Haben Sie nur die Güte, dies hier durchzulesen und zu unterschreiben. Es ist das Protokoll über Ihre Vernehmung. Sind Ihre Antworten richtig wiedergegeben? Bitte ergebenst, dort Platz zu nahmen. (Er zeigt auf einen Lehnstuhl am Fenster.) (Zu dem Protokollführer:) Rufen Sie Herrn Karenin!

Dritter Auftritt

Der Untersuchungsrichter, der Protokollführer, Lisa. Karenin tritt mit ernster, feierlicher Miene ein.

Der Untersuchungsrichter: Bitte ergebenst!

Karenin: Ich danke. (Er bleibt stehen.) Was steht zu Ihren Diensten?

Der Untersuchungsrichter: Ich bin verpflichtet, Sie zu vernehmen.

Karenin: In welcher Eigenschaft?

Der Untersuchungsrichter (lächelnd): Ich in meiner Eigenschaft als Untersuchungsrichter bin verpflichtet, Sie in Ihrer Eigenschaft als Beschuldigter zu vernehmen.

Karenin: Wieso? Weswegen?

Der Untersuchungsrichter: Wegen einer Ehe mit einer verheirateten Frau. Gestatten Sie aber, daß ich die Fragen der Reihe nach stelle. Nehmen Sie Platz!

Karenin: Ich danke.

Der Untersuchungsrichter: Ihr Name?

Karenin: Viktor Karenin.

Der Untersuchungsrichter: Stand?

Karenin: Kammerherr, Wirklicher Staatsrat.

Der Untersuchungsrichter: Alter?

Karenin: Achtunddreißig Jahre.

Der Untersuchungsrichter: Religion?

Karenin: Rechtgläubig. Vor Gericht habe ich noch nie gestanden und bin nie in Untersuchung gewesen. Nun?

Der Untersuchungsrichter: War Ihnen damals, als Sie die Ehe mit Ihrer Frau eingingen, bekannt, daß Fjodor Wasiljewitsch Protasow am Leben war?

Karenin: Nein, das war mir nicht bekannt. Wir waren beide der Überzeugung, daß er ertrunken sei.

Der Untersuchungsrichter: An wen haben Sie nach der unwahren Nachricht von Protasows Tode allmonatlich Geld nach Saratow geschickt?

Karenin: Diese Frage möchte ich nicht beantworten.

Der Untersuchungsrichter: Sehr wohl. In welcher Absicht haben Sie Herrn Protasow kurz vor der Simulation seines Todes am 17. Juli zwölfhundert Rubel übersandt?

Karenin: Dieses Geld hatte mir meine Frau übergeben.

Der Untersuchungsrichter: Frau Protasowa?

Karenin: Meine Frau hatte es mir übergeben zur Absendung an ihren Mann. Sie hielt dieses Geld für sein Eigentum, und da sie alle Beziehungen zu ihm abgebrochen hatte, so hielt sie es für unrecht, dieses Geld zurückzubehalten.

Der Untersuchungsrichter: Jetzt noch eine Frage: warum haben Sie die Bemühungen um die Ehescheidung eingestellt?

Karenin: Weil Fjodor Wasiljewitsch diese Bemühungen auf sich genommen und mich davon brieflich verständigt hatte.

Der Untersuchungsrichter: Besitzen Sie diesen Brief?

Karenin: Der Brief ist verloren gegangen.

Der Untersuchungsrichter: Merkwürdig, daß alles das, was geeignet wäre, das Gericht von der Richtigkeit Ihrer Angaben zu überzeugen, verloren gegangen und nicht zur Stelle ist.

Karenin: Wünschen Sie sonst noch etwas?

Der Untersuchungsrichter: Ich wünsche weiter nichts als meine Pflicht zu erfüllen; Ihnen aber liegt ob, sich zu rechtfertigen, und ich habe soeben Frau Protasowa einen Rat gegeben und möchte ebendenselben auch Ihnen erteilen: nicht zu verheimlichen, was doch für einen jeden offensichtlich ist, und alles so zu erzählen, wie es sich in Wirklichkeit zugetragen hat. Um so mehr, da Herr Protasow schon alles so ausgesagt hat, wie es gewesen ist, und wahrscheinlich auch vor Gericht bei seiner Aussage verbleiben wird. Ich möchte Ihnen raten ...

Karenin: Ich würde Sie bitten, sich innerhalb des Rahmens der Erfüllung Ihrer Pflichten zu halten und Ihre Ratschläge beiseite zu lassen. Dürfen wir weggehen? (Er tritt zu Lisa hin; sie steht auf und nimmt seinen Arm.)

Der Untersuchungsrichter: Ich bedauere lebhaft, daß ich Sie noch zurückhalten muß ... (Karenin wendet sich erstaunt um.) O nein, nicht in dem Sinne, als ob ich Sie verhaften lassen wollte. Wiewohl das zur Erforschung der Wahrheit ganz zweckdienlich sein würde, werde ich doch nicht zu dieser Maßregel greifen. Ich möchte nur Herrn Protasow in Ihrer Gegenwart verhören und Sie mit ihm konfrontieren; Sie werden dabei eine bequeme Möglichkeit haben, ihn der Unwahrheit zu überführen. Bitte, nehmen Sie Platz! (Zum Protokollführer:) Rufen Sie Herrn Protasow herein!

Vierter Auftritt

Der Untersuchungsrichter, der Protokollführer, Lisa, Karenin. Fedja, schmutzig und verkommen, tritt ein.

Fedja (wendet sich zu Lisa und Karenin): Lisa, Jelisaweta Andrejewna, Viktor, ich bin nicht schuld daran. Ich wollte es recht gut machen. Wenn mich aber doch eine Schuld trifft, so verzeiht mir, verzeiht mir! (Er verbeugt sich tief vor ihnen.)

Der Untersuchungsrichter: Ich bitte Sie, auf meine Fragen zu antworten.

Fedja: Fragen Sie!

Der Untersuchungsrichter: Ihr Name?

Fedja: Den wissen Sie ja doch.

Der Untersuchungsrichter: Ich bitte Sie zu antworten.

Fedja: Na, Fjodor Protasow.

Der Untersuchungsrichter: Ihr Stand, Ihr Lebensalter, Ihre Religion?

Fedja (schweigt zunächst): Schämen Sie sich denn nicht, solche dummen Fragen zu stellen? Fragen Sie doch, was nötig ist, und nicht solche Torheiten!

Der Untersuchungsrichter: Ich ersuche Sie, in Ihren Ausdrücken vorsichtiger zu sein und auf meine Fragen zu antworten.

Fedja: Na, wenn Sie sich nicht schämen, dann hören Sie! Stand: Kandidat[3]; Lebensalter: vierzig Jahre; Religion: rechtgläubig; na, nun weiter!

Der Untersuchungsrichter: War es Herrn Karenin und Ihrer Frau bekannt, daß Sie am Leben geblieben waren, als Sie Ihre Kleider am Flußufer hatten liegen lassen und selbst verschwunden waren?

Fedja: Bestimmt nicht. Ich hatte mich wirklich töten wollen, aber dann ... na, das brauche ich nicht zu erzählen. Tatsache ist, daß sie nichts wußten.

Der Untersuchungsrichter: Wie kommt es denn, daß Sie dem Polizeibeamten ganz andere Aussagen gemacht haben?

Fedja: Welchem Polizeibeamten? Ach so, als einer zu mir in das Nachtasyl kam? Ich war betrunken und log ihm etwas vor; was, das weiß ich nicht mehr. Das ist alles dummes Zeug. Jetzt bin ich nicht betrunken und sage die volle Wahrheit. Sie haben nichts gewußt. Sie glaubten, ich sei nicht mehr am Leben. Und ich freute mich darüber. Und es wäre auch alles so geblieben, wenn sich nicht dieser Schuft Artemjew hineingemischt hätte. Und wenn jemand eine Schuld trägt, so ist er es allein.

Der Untersuchungsrichter: Ich verstehe, daß Sie sich großmütig zeigen wollen; aber das Gesetz verlangt Wahrheit. Warum ist Ihnen Geld geschickt worden?

Fedja (schweigt).

Der Untersuchungsrichter: Sie haben durch Simonow das Geld erhalten, das Ihnen nach Saratow geschickt wurde?

Fedja (schweigt).

Der Untersuchungsrichter: Warum antworten Sie nicht? Es wird im Protokolle vermerkt werden, daß der Beschuldigte auf diese Fragen nicht geantwortet hat, und das kann sowohl Ihnen als auch jenen beiden sehr schaden. Also wie wollen Sie sich nun verhalten?

Fedja (nach anfänglichem Schweigen): Ach, Herr Untersuchungsrichter, daß Sie sich nicht schämen! Warum stöbern Sie in einem fremden Leben herum? Sie freuen sich darüber, daß Sie die Macht haben, und um diese Macht zu beweisen, martern Sie, wenn auch nicht physisch, so doch seelisch, Leute, die tausendmal besser sind als Sie.

Der Untersuchungsrichter: Ich ersuche Sie ...

Fedja: Da ist nichts zu ersuchen. Ich sage alles, was ich denke. (Zum Protokollführer:) Schreiben Sie es nur nieder! Wenigstens werden auf diese Art zum erstenmal in einem Protokolle vernünftige menschliche Gedanken stehen. (Dann mit erhobener Stimme:) Da waren drei Menschen: ich, er und sie. Unter uns bestanden komplizierte Beziehungen; es war ein Kampf des Guten mit dem Bösen, ein seelischer Kampf, von dem Sie keinen Begriff haben. Dieser Kampf endete mit einer bestimmten Situation, die alle Schwierigkeiten löste. Alle Beteiligten kamen zur Ruhe. Jene beiden waren glücklich und bewahrten mir ein freundliches Andenken. Und auch ich war trotz meines tiefen Falles glücklich darüber, daß ich meine Pflicht getan hatte, daß ich unnützer Mensch aus dem Leben gegangen war, um nicht zwei andern, braven, lebensfrischen Menschen im Wege zu sein. Und wir waren alle drei am Leben geblieben. Auf einmal erschien ein Taugenichts, ein Erpresser, der von mir verlangte, ich solle mich an der von ihm geplanten Erpressung beteiligen. Ich wies ihn von mir. Er ging zu Ihnen, dem Kämpfer für das Recht, dem Hüter der Moral. Und Sie, der Sie an jedem Zwanzigsten des Monats Ihr Gehalt für die Gemeinheiten erhalten, die Sie verüben, Sie zogen sich Ihre Uniform an und tun sich nun leichten Herzens diesen beiden Menschen gegenüber wichtig, denen Sie nicht wert sind die Schuhriemen aufzulösen, und die Ihnen nicht einmal den Eintritt in ihr Vorzimmer gestatten würden. Aber Sie haben sich diese beiden Menschen vorgenommen und freuen sich ...

Der Untersuchungsrichter: Ich werde Sie hinausbringen lassen ...

Fedja: Ich fürchte mich vor niemand; denn ich bin ein Leichnam, und Sie können mir nichts antun; es gibt keine Lage, die schlimmer wäre als die meinige. Na, dann lassen Sie mich nur hinausbringen!

Karenin: Dürfen wir nun gehen?

Der Untersuchungsrichter: Sofort; ich bitte Sie nur, erst noch das Protokoll zu unterschreiben.

Fedja: Was würden Sie für eine komische Person sein, wenn Sie nicht so ekelhaft wären.

Der Untersuchungsrichter: Führen Sie ihn ab! Ich verhafte Sie.

Fedja (zu Karenin und Lisa): Also verzeiht mir!

Karenin (tritt zu ihm und gibt ihm die Hand): Es hat wohl alles so sein sollen ... (Lisa geht vorüber. Fedja verbeugt sich tief.)

Vorhang.

Zwölftes Bild

Korridor im Gebäude des Bezirksgerichts.

Im Hintergrunde eine Glastür, bei der ein Gerichtsdiener steht. Rechts eine andere Tür, durch die die Angeklagten hineingeführt werden. Der ersteren Tür nähert sich Iwan Petrowitsch Alexandrow, in zerlumpter Kleidung, und will hineingehen.

Erster Auftritt

Der Gerichtsdiener und Iwan Petrowitsch.

Der Gerichtsdiener: Wo wollen Sie da hin? Es ist nicht erlaubt. Solche Dreistigkeit!

Iwan Petrowitsch: Warum ist das nicht erlaubt? Das Gesetz sagt: die Sitzungen sind öffentlich. (Man hört Beifallsklatschen.)

Der Gerichtsdiener: Es ist nicht erlaubt; das genügt. Es ist verboten.

Iwan Petrowitsch: Flegel! Du weißt nicht, mit wem du sprichst. (Ein junger Rechtsanwalt im Frack kommt heraus.)

Zweiter Auftritt

Der Gerichtsdiener, Iwan Petrowitsch und der junge Rechtsanwalt.

Der junge Rechtsanwalt: Was ist mit Ihnen? Sind Sie bei dem Prozeß beteiligt?

Iwan Petrowitsch: Nein, ich bin Publikum. Aber der Flegel von Cerberus hier läßt mich nicht hinein.

Der junge Rechtsanwalt: Das ist ja auch kein Eingang für das Publikum.

Iwan Petrowitsch: Das weiß ich; aber mich könnte er schon hineinlassen.

Der junge Rechtsanwalt: Warten Sie einen Augenblick; es wird gleich eine Pause gemacht werden. (Im Begriff wegzugehen begegnet er dem Fürsten Abreskow.)

Dritter Auftritt

Der Gerichtsdiener, Iwan Petrowitsch, der junge Rechtsanwalt und Fürst Abreskow.

Fürst Abreskow: Gestatten Sie mir die Frage: wie weit ist die Verhandlung gediehen?

Der junge Rechtsanwalt: Die Verteidiger halten ihre Plädoyers. Jetzt spricht Petruschin. (Erneutes Beifallsklatschen.)

Fürst Abreskow: Nun, und wie ertragen denn die Angeklagten ihre Situation?

Der junge Rechtsanwalt: Mit großer Würde, namentlich Karenin und Jelisaweta Andrejewna. Es ist, als ob sie nicht angeklagt wären, sondern über die Gesellschaft zu Gericht säßen. Das ist das allgemeine Gefühl. Und auf diesen Ton hat auch Petruschin seine Rede gestimmt.

Fürst Abreskow: Nun, und Protasow?

Der junge Rechtsanwalt: Er ist furchtbar aufgeregt. Er zittert am ganzen Leibe; indes ist das freilich bei seinem Lebenswandel erklärlich. Aber er ist von einer besonderen Reizbarkeit und hat mehrmals den Staatsanwalt und die Verteidiger unterbrochen. Er befindet sich in einer eigentümlichen Erregung.

Fürst Abreskow: Was meinen Sie? Wie wird das Urteil ausfallen?

Der junge Rechtsanwalt: Das ist schwer zu sagen; die Zusammensetzung der Geschworenenbank weist eine bunte Mischung auf. Jedenfalls werden sie keinen Vorbedacht annehmen; aber trotzdem ... (Ein Herr kommt heraus. Fürst Abreskow geht auf die Tür zu.) Wollen Sie hineingehen?

Fürst Abreskow: Ja, ich möchte gern.

Der junge Rechtsanwalt: Sie sind Fürst Abreskow?

Fürst Abreskow: Ja.

Der junge Rechtsanwalt (zu dem Gerichtsdiener): Lassen Sie den Herrn hindurch! Gleich linker Hand ist ein Stuhl frei.

Vierter Auftritt

Der Gerichtsdiener läßt den Fürsten Abreskow hindurch. Man sieht einen plädierenden Verteidiger. Der Gerichtsdiener, der junge Rechtsanwalt und Iwan Petrowitsch.

Iwan Petrowitsch: Ja, ja, diese Aristokraten! Ich bin ein Aristokrat des Geistes, und das ist noch etwas Höheres.

Der junge Rechtsanwalt: Nun, entschuldigen Sie mich jetzt! (Er geht fort.)

Fünfter Auftritt

Der Gerichtsdiener, Iwan Petrowitsch und Pjetuschkow, welcher eilig kommt.

Pjetuschkow: Ah, guten Tag, Iwan Petrowitsch! Wie weit ist die Sache?

Iwan Petrowitsch: Bei den Plädoyers der Verteidiger. Aber man wird nicht hineingelassen.

Der Gerichtsdiener: Machen Sie hier keinen Lärm! Hier ist keine Schenke. (Wieder Beifallsklatschen. Die Tür öffnet sich, und es kommen Rechtsanwälte und Zuhörer heraus: Herren und Damen.)

Sechster Auftritt

Dieselben, eine Dame und ein Offizier.

Die Dame: Herrlich; er hat mich geradezu bis zu Tränen gerührt.

Der Offizier: Das ist schöner als jeder Roman. Unbegreiflich ist mir nur, wie sie ihn hat lieben können. Ein entsetzliches Subjekt!

Siebenter Auftritt

Dieselben. Es öffnet sich die andere Tür, und die Angeklagten kommen heraus, zuerst Lisa und Karenin, die dann auf dem Korridor auf und ab gehen; nach ihnen Fedja, allein.

Die Dame: Still, still! Das ist er. Sehen Sie nur, wie aufgeregt er ist. (Die Dame und der Offizier entfernen sich.)

Fedja (tritt an Iwan Petrowitsch heran): Hast du ihn mitgebracht?

Iwan Petrowitsch: Da ist er. (Er gibt ihm etwas.)

Fedja (steckt den erhaltenen Gegenstand in die Tasche und will gehen; dabei erblickt er Pjetuschkow): Die ganze Gerichtsverhandlung ist dumm und gemein; langweilig, langweilig; sinnlos. (Er will weggehen.)

Achter Auftritt

Dieselben und Petruschin (Rechtsanwalt, wohlbeleibt, mit frischer Gesichtsfarbe und lebhaftem Wesen; er tritt zu Fedja heran).

Petruschin: Nun, lieber Freund, unsere Sache steht gut; verderben Sie sie mir nur nicht durch Ihre letzte Ansprache!

Fedja: Ich werde gar nicht reden. Was sollte ich ihnen sagen?! Ich werde es nicht tun.

Petruschin: Nicht doch; reden müssen Sie. Haben Sie nur keine Angst! Wir haben jetzt schon so gut wie gewonnenes Spiel. Sagen Sie nur das, was Sie schon zu mir gesagt haben: daß Sie im Falle einer Verurteilung nur deswegen verurteilt werden würden, weil Sie einen Selbstmord, das heißt eine nach bürgerlichem und kirchlichem Rechte als Verbrechen geltende Handlung nicht begangen hätten.

Fedja: Ich werde nichts sagen.

Petruschin: Warum nicht?

Fedja: Ich will es nicht und werde es nicht tun. Sagen Sie mir nur: was kann im schlimmsten Falle erfolgen?

Petruschin: Das habe ich Ihnen bereits gesagt: im schlimmsten Falle Verschickung nach Sibirien.

Fedja: Das heißt, wer würde verschickt werden?

Petruschin: Sowohl Sie als auch Ihre Frau.

Fedja: Und im besten Falle?

Petruschin: Kirchenbuße und selbstverständlich Annullierung der zweiten Ehe.

Fedja: Das heißt also, man würde mich wieder an sie fesseln, oder vielmehr sie an mich.

Petruschin: Ja, so wird es wohl kommen. Aber regen Sie sich nicht auf! Und bitte, sprechen Sie nur so, wie ich es Ihnen sage, und nur die Hauptsache, nichts Überflüssiges! Na, aber ... (er bemerkt, daß sich ein Kreis von Zuhörern um sie gebildet hat) ich bin müde geworden und will weggehen und mich ein Weilchen still hinsetzen. Sie sollten sich ebenfalls ein bißchen erholen. Die Hauptsache ist: nicht ängstlich sein!

Fedja: Und anders kann die Entscheidung nicht ausfallen?

Petruschin (im Weggehen): Nein, anders nicht.

Neunter Auftritt

Dieselben außer Petruschin; ein Gerichtsbeamter.

Der Gerichtsbeamte: Gehen Sie weiter, gehen Sie weiter! Nicht auf dem Korridor stehen bleiben!

Fedja: Sofort. (Er nimmt den Revolver heraus und schießt sich ins Herz. Er fällt zu Boden. Alle stürzen zu ihm hin.) Es ist nichts Schlimmes; mir ist wohl. Ruft Lisa!...

Zehnter Auftritt

Aus allen Türen kommen die Zuhörer, die Richter, die Angeklagten und die Zeugen herbeigelaufen. Allen voran Lisa. Hinter ihr Mascha, Karenin, Iwan Petrowitsch und Fürst Abreskow.

Lisa: Was hast du getan, Fedja! Warum nur?!

Fedja: Verzeih mir, daß ich dich ... nicht anders frei machen konnte. Nicht um deinetwillen ... für mich selbst ist es so das Beste. Ich wollte es ja ... schon längst tun ...

Lisa: Du wirst am Leben bleiben. (Ein Arzt biegt sich zu ihm herab und horcht.)

Fedja: Ich weiß auch ohne Arzt Bescheid ... Viktor, leb wohl ... Und Mascha ist zu spät gekommen ... (Er weint.) Wie wohl ist mir! Wie wohl!... (Er stirbt.)

Vorhang

Ende.


Fußnoten

[1] Ein berühmt gewordener, nihilistisch gefärbter Tendenzroman von Tschernyschewski, erschienen im Jahre 1863.

Anmerkung des Übersetzers.

[2] Ein säuerliches Getränk aus Roggenmehl und Malz.

Anmerkung des Übersetzers.

[3] Ein juristischer Grad, mit der Berechtigung auf die zehnte Rangklasse.

Anmerkung des Übersetzers.

Druck von Breitkopf
und Härtel in Leipzig