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Der Untergang der Deutschen Juden: Eine Volkswirtschaftliche Studie

Chapter 2: INHALT.
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About This Book

The study analyzes demographic, social, and economic factors behind a marked decline in a Jewish population in Germany, surveying historical sexual ethics, fertility norms, marriage behavior, migration and urbanization, occupational shifts, intermarriage, conversion, and mortality trends. Drawing on statistical material, the author links falling birthrates, delayed marriage, rising secularism, and integration into capitalist professions and female labor to assimilation and population loss. Separate chapters examine migration flows, urban consequences, and contested indicators of degeneration, and the work concludes by weighing possible remedies and offering a cautious prognosis that balances optimism and pessimism.

The Project Gutenberg eBook of Der Untergang der Deutschen Juden: Eine Volkswirtschaftliche Studie

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Title: Der Untergang der Deutschen Juden: Eine Volkswirtschaftliche Studie

Author: Felix A. Theilhaber

Release date: April 18, 2014 [eBook #45434]
Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Peter Becker and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERGANG DER DEUTSCHEN JUDEN: EINE VOLKSWIRTSCHAFTLICHE STUDIE ***



FELIX A. THEILHABER:

DER UNTERGANG DER DEUTSCHEN JUDEN








 


FELIX A. THEILHABER


DER UNTERGANG

DER

DEUTSCHEN JUDEN




Eine volkswirtschaftliche Studie.







2. veränderte Auflage / 3. bis 4. Tausend

1             9             2             1


JÜDISCHER VERLAG / BERLIN










Copyright 1921 by Jüdischer Verlag, Berlin
Druck von Zahn & Baendel, Kirchhain N.-L.
Einbandzeichnung von Menachem Birnbaum


INHALT.

VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE 5

KAPITEL I. Einführung 7

Ueberblick über die Sexualverhältnisse der alten Welt. Die Grundlagen und die Bedeutung der jüdischen Geschlechts-Ethik. Ehe, Frühehe und Kinderreichtum als religiöses Postulat. Ihre strikte Durchführung im Mittelalter. Fruchtbarkeit und Profetie. Der Gedanke der Auserwähltheit. Einwirkung auf unsere Zeit. Hoffnungsfreudigkeit der Offiziellen. Beschwichtigungs-Manöver der jüdischen Statistiker. Die Auflösungsprozesse in der Geschichte des Volkes Israel. Der Untergang der 10 Stämme. Die Vertreibung in Spanien. Die Zersetzung in Westeuropa. Die Sexualfrage bei den Juden — ein Indikator der allgemeinen Wissenschaft.

KAPITEL II. Ueberblick über die Geschichte der Juden in Deutschland 37

Die erste Assimilationsperiode im Mittelalter. Die Judenverfolgungen. Intensivierung des jüdischen Gedankens. Naturnotwendigkeit einer großen Fruchtbarkeit. Die Emanzipation und ihre Folgen. Versagen der religiösen Sexualgebote.

KAPITEL III. Die Bevölkerungsentwicklung im Reich 44

Fruchtbarkeit und Judenfeindschaft. Auswanderungsfragen. Sinkender Anteil der deutschen Juden. Minderung in Süddeutschland. Stagnation in den Hansastädten. Zunahme in Sachsen. Die Volksvermehrung in Preußen und die Ostjuden.

KAPITEL IV. Das Wanderungsproblem 56

Das Versiegen des flachen Landes. Die verlorene Ostmark. Der Abgang in den Provinzen. Der Zug nach dem Westen. Die Dezimierung der Kleinstädte. Der Rückgang in den Großstädten. Großstadtfolgen.

KAPITEL V. Das Sexualproblem 73

Allgemeine Gesetze. Einwirkungen des Kapitals. Ehe und wirtschaftlicher Aufstieg. Spätehe. Unehelichkeit. Sexuelle Freiheit des Mannes. Die Gleichstellung der Frau.

KAPITEL VI. Die Eheschliessung 82

Liebe und Oekonomie. Die bürgerliche Liebe. Besonderheiten der jüdischen Ehe.

KAPITEL VII. Die Geburten bei den Juden 87

Rekord der Geburtenbeschränkungen. Das Zweikinder-System. Ständig weitere Beschränkung. Abnahme der Juden auf dem Lande und in den Städten. Retardierende Momente im primitiveren Sexualismus der Eingewanderten. Moloch Berlin. Triebkräfte des Neomalthusianismus. Internationale Einflüsse. Ausblick in die Zukunft.

KAPITEL VIII. Die Mortalität 98

Glänzender Stand der Mortalität. Günstige Kindersterblichkeit. Ansteigen der Todesfälle. Der Wendepunkt.

KAPITEL IX. Zum Problem des Geburtenüberschusses 102

Falsche Berechnungen. Das Stahlbad des Krieges. Der Rückgang der Jugendlichen. Die Unterbilanz. Beweise. Die Fruchtbarkeitsberechnungen.

KAPITEL X. Die Austrittsbewegung 114

Die Intelligenz und die Taufe. Der Adel und die Reichen. Die Akademiker. Die Taufe als soziale Erscheinung. Idealistische Kämpfer. Freidenkertum. Die Kirchensteuer. Das beschnittene Judentum.

KAPITEL XI. Die Mischehe 124

Historische und religiöse Voraussetzungen. Biologische und gesellschaftliche Einflüsse. Die Macht der Umgebung. Sexuelle Freiheit. Erschütterung der Inzucht. Statistische Entwicklung. Verschmelzungsprozesse im Ausland.

KAPITEL XII. Wirtschaftsprobleme 138

Die Berufsbewegung. Einströmen in die freien Berufe. Abströmen von der Landwirtschaft. Verschlechterung der Berufsverteilung. Verwachsung mit dem Kapital. Die Berufstätigkeit der Frau. Wohlstand und Geburtlichkeit. Psychische Einstellung. Die Ausstrahlungen des Kapitalismus.

KAPITEL XIII. Das Entartungsproblem 148

Degenerative Vorgänge, Geisteskrankheiten. Potatorium. Geschlechtliche Verseuchung. Militäruntauglichkeit. Selbstmord.

KAPITEL XIV. Uebersicht 153

Mangelnde Geschlechts- und fehlende Geburtenpolitik. Evangelium des Rationalismus. Sinkendes Rassebewußtsein. Prognose quoad vitam.

KAPITEL XV. Schluss 156

Optimismus und Pessimismus. Die Bekämpfung des Uebels. Die historische Mission des Judentums. Das jüdische Volk. Auferstehung.

VORWORT ZUR 2. AUFLAGE.

Anatole France empfiehlt jedem Schriftsteller, seinen Leser beileibe nicht zu überraschen oder gar zu erschrecken. Das Bestreben, ihn aufzuklären, würde der brave Leser nur mit dem Geschrei beantworten, man beschimpfe seinen Glauben. Und letztens versichert er, daß nur der Schriftsteller, der die bestehenden Gesellschaftsformen preist, sich allgemeiner Beliebtheit, in Sonderheit der besseren Kreise erfreuen wird.

Trotz der früheren Vorhaltungen, mit meinen Untersuchungen dem Judentum zu schaden, und unbeachtet der Vorstellungen, die Statistik und die Nationalökonomie absolut nicht zu beherrschen, habe ich mich entschlossen, dieses Buch in noch schärferer Fassung aufzulegen. Die Erniedrigungen und Enttäuschungen, die ich Jahre lang vor dem ersten Erscheinen mit Verlegern und jüdischen Organisationen erlebte, ließen mich in dem Vorwort der ersten Auflage den Kampf erahnen, der sich an das Erscheinen des Buches knüpfen würde. Leider hat dieser sich mehr an meine Person als an die Sache selbst gewandt. John Ruskin sagte ja bereits den Juden nach, daß sie alles, was sich gegen ihre Religion wende, als Aergernis (die Griechen als Torheit) empfänden. Ich fürchte nunmehr erst recht ein öffentliches Aergernis zu erregen. „Aber Aergernis hin — Aergernis her, es ärgere sich die ganze oder halbe Welt” meinte der Wittenberger und tröstete sich vermutlich mit einem Wort Eckhardts: „Wer diese Predigt verstanden hat, dem gönne ich es wohl; wenn sie aber auch niemand verstanden hätte, dann würde ich sie dem Opferstocke gehalten haben.” — —

Mir ist beim Niederschreiben nicht nur die Feder heiß geworden, und ich bin der Zeit dankbar, in der ich Problemen, die mich seit vielen Jahren bewegten, wissenschaftlich nachgehen konnte.

Wilmersdorf, im Jahre 1920.

Felix A. Theilhaber.


KAPITEL I. EINFÜHRUNG.

„Wir haben es noch nicht erlebt: folglich ist es unmöglich — ist kein logischer Schluss,” lehrt der Talmud. —

Edijoth M. II., 2.
Ordnung Neziqim

Der Orient gilt als die Wiege der Zivilisation. Wir kennen seine Geschichte, seine Religionen, seine schönen Künste und Wissenschaften. Und nur der Verfall der alten Staaten ist in ein mystisches Halbdunkel gehüllt. In dem Buche, „das sterile Berlin” glaubte ich den Untergang des Imperium Romanum auf bevölkerungspolitische Vorgänge zurückführen zu können. Die Erhaltung dagegen des einzigen Kulturvolkes des Altertums — nämlich der Juden — erscheint uns ebenso mit ihren sexualhygienischen Institutionen und Gewohnheiten verbunden zu sein. Gewiß bei vielen alten Völkern zeigen sich bereits Ansätze, dem Bevölkerungsproblem näher zu treten. Aber wie sahen diese auch aus! Solon begann sein Werk mit der Errichtung eines großen Bordells, für das im Auslande Sklavinnen gekauft wurden. Die neue Staatsanstalt, deren Hausordnung amtlich publiziert wurde, unterstand einer eigenen Gottheit, der Venus Pandemos. Und selbst Lykurg hat sein gepriesenes System, das „ein Volk von Kriegern” heranzüchten sollte, mit der Vernichtung aller anscheinend schwächlichen Kinder eingeleitet. Mit der Austilgung von bereits geborenen, lebenden menschlichen Wesen! „Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern”, betonte Moses dagegen. Diese Forderung knüpft an moralische Prinzipien an. Selbst die alten Geschichten, die in der Bibel vorkommen und in denen uralte sexuelle Erlebnisse nachklingen, werden solange retouchiert und überzeichnet, bis sie in das System der neuen sittlichen Weltordnung hineinpassen (Adam und Eva, Noah, Abraham usw.). Die Bibel hat nicht die reine Fantasie des Gilgameschepos und weiß nichts von der Tendenzlosigkeit farbenprächtiger homerischer Erzählungskunst. Das jüdische Schriftwerk hat keinen Selbstzweck. Es ist nicht Kunst und auch nicht Wissenschaft im eigentlichen Sinne. Alle Disziplinen sind Mittel geworden in der großen Aufgabe, das moralische Handeln des Individuums und des Volkes durch ethische Verankerungen zu lenken, klare sittliche Voraussetzungen für alles Denken und Trachten zu schaffen.

Diese neue Einstellung des jüdischen Volkes verleugnet nicht manche Abhängigkeit von früheren und gleichzeitigen Kulturwerten anderer Völker. Solche Übergänge finden sich auch in der Sexualsphäre.

Mir erscheint sogar die Beschneidung die Ablösung der Opferung von Kindern, wie sie die vorderasiatische Welt dem Moloch, dem Gott des Sadistentums, zollte, darzustellen. Viele Gebräuche können den Einfluß der Umwelt auf die Juden nicht verwischen. Nur natürlich. Bestand das jüdische Volk doch aus jungen, kaum geeinten Stämmen, die sich in einem kleinen Lande zwischen alten Kulturvölkern auf einem Terrain 1/100 so groß wie Deutschland niederließen, und auf viele technische, ökonomische und geistige Güter der Nachbarn angewiesen waren. Nach Dr. Fink schreibt auch der Talmud Synhedr. 63 es der Sinnenlust der Juden zu, daß sie sich den fremden Götzen zuwandten. Vor allem lockten die mystischen Opferfeste, die erotischen Exzesse, der Phallusdienst, das breit ausladende Hetärentum und die männlichen Hierodulen — alles Kult, der sich an den Dienst der Göttin Astarte knüpfte. Wankelmütige, prunkliebende, lüsterne Fürsten beherrschten damals das kleine jüdische Volk, das sich der immer wachsenden Bedrohung und Gefahren von außen und innen kaum erwehren konnte.

Da stipulierte eine kleine Zahl von Volksfreunden — die Propheten — die gesunde Fortpflanzung als sittliche Tat, als den kategorischen Imperativ des Judentums. Große neue Kulturbewegungen suchten die eigenartige Entwicklung im Keime zu ersticken. Nach dem Abklingen der vorderasiatischen und ägyptischen Kulturperiode ward im jüdischen Volk die großhellenistisch-römische Weltanschauung propagiert, nicht nur von den Reichen und Mächtigen der Welt, getragen nicht allein von den Waffen der allbeherrschenden Siebenhügelstadt und von den Handelsherren Asiens und Afrikas, sondern von jüdischen Priestern und von jüdischen Fürsten selbst. Gleichwohl bauten hunderte von geistigen Führern des Volkes die jüdische Sexualethik zu einem eigenen, festumrissenen, starren System aus, das einem überaus klaren Zweck dienen sollte, nämlich das Höchstmaß der menschlichen Fruchtbarkeit in den Dienst des Volkes zu stellen. Dieses rabbinische System ist wie aus einem eisernen Guß und nicht voll der Widersprüche wie z. B. das der alten Römer. Diese hatten neben der rechtmäßigen Ehe ein privilegiertes Konkubinat, hatten die allgemeine und religiöse Prostitution, die an die Luperkalien und Florealfeste zu Ehren der Gottheit anknüpfte. In diese Sittenwelt paßte kein Gesetz wie die berühmte „lex Julia et Poppaea” hinein, eine Verordnung, die übrigens in sich widerspruchsvoll und schon deshalb zur Wirkungslosigkeit verurteilt war. Die Juden hatten es gewissermaßen auch leichter. Ihre sexualhygienischen Theorien, die vielleicht stärkere Bande mit der „Staatsraison” verbinden als sich auf den ersten Blick vermuten läßt, hängen direkt mit den religiösen Ideen zusammen. Und diese Vorstellung von Gott und der Welt sind nun einmal viel differenziertere als bei den anderen Völkern des Altertums. Der Kampf um diese Weltanschauung erschüttert das Volk bereits, bevor ihr Staat der Auflösung verfällt. Und der Extrakt der Gedankenwelt aller geistigen Kräfte steht in Harmonie mit den Lehren der ersten babylonischen Gefangenschaft und den übrigen Erlebnissen. Nur die Fülle der Fruchtbarkeit wird das Volk erhalten. Und der gesunde Volksinstinkt schafft daraus ein System, das zwei Jahrtausenden stand gehalten hat. Seine Wurzeln fußen in unzähligen Ausführungs-Bestimmungen, in vielfältigen Spekulationen praktischer Lebensklugheit und Realität bejahender Vorkehrungen, die Sexos in den Dienst Gottes und des Volkes bis zur letzten Konsequenz stellen.

Die Geschichte des jüdischen Volkes, die wunderbare Erhaltung ihrer Existenz kann nicht ohne diese sexuellen Einrichtungen begriffen werden. Diese billige Erkenntnis wurde noch nicht klar von den Forschern ausgesprochen, wenn auch alle Wissenschaftler den einer starken Zeugung dienenden Sexualismus als einen der hervorstechendsten Züge des jüdischen Volkscharakters anerkannten.

„Mehr als allen anderen Völkern gilt den Juden männlicher Nachwuchs als ehrenvoll und Unfruchtbarkeit als Fluch. Schaff mir Kinder, wo nicht, so sterbe ich!” ruft die Allmutter Israels Rahel zu Jakob. „Rahels Lehre war allen Jüdinnen heilig,” urteilt Dr. Fritz Kahn (in seinem „Versehen der Schwangeren im Volksglauben”). Der Altmeister der Volkskunde Andree spricht „von der Erfahrung, die mit dem Eintreten des Juden in die Geschichte beginnt und eine größere Vermehrungskraft als bei den meisten anderen Völkern darstellt. Schon in Aegypten wuchsen die Kinder Israels, zeugten Kinder und mehrten sich und wurden ihrer so viele, daß ihrer das Land voll ward.”

Seid fruchtbar und mehret Euch” lautet der lapidare Satz, der die Erotik in den Dienst der Allgemeinheit stellt und das Recht auf die freie Liebesbetätigung und den Verkehr der Geschlechter dem Zweck der generativen Politik unterordnet. Eros und Psyche, die das Liebesleben der Griechen versinnbildlichen, Astarte und Moloch, Merkmale des vorderasiatischen Sinnenkultes, haben in dem logisch aufgebauten jüdischen Sexualkodex keinen Raum. Mit Recht knüpfte Lothar Krupp an die Besprechung der ersten Auflage dieses Buches die Betrachtung an: „Die wenigen Buchstaben des „Peru-urebu” stellen ein Zauberwort von unvergleichlicher Gewalt und Stärke dar, als erste Anrede und erstes Gebot Gottes an das erste Menschenpaar unmittelbar nach dessen Erschaffung, sogleich am Eingang der heiligen Schrift stehend, wo es mit seiner Segenfülle Jahrtausende lang dem jüdischen Volke vorschwebte und groß und stark gemacht, es in Gefahr und Bedrängnis aufrecht erhalten, so daß man von ihm als dem ewigen Volke fast mit größerem Recht zu sprechen schien als von der ewigen Stadt ...”.

Poetisch verklärt ist diese Lehre[1] in den Psalmen: „Siehe ein Erbe von Gott sind Kinder, ein Lohn die Frucht des Leibes.” (Psalm 127), „Wie Pfeile in der Hand des Helden, so sind der Jugend Söhne. Heil dem Manne, der seinen Köcher mit ihnen angefüllt hat. Wenn Du deiner Hände Arbeit genießest, heil Dir und wohl Dir. Dein Weib ist wie die Rebe, blühend im Innersten Deines Hauses, Deine Kinder wie des Oelbaums Sprößlinge rings um Deinen Tisch. Siehe also wird der Mann gesegnet, der den Herrn fürchtet”. (Psalm 128).

Schammaj, der Zeitgenosse Jesus, eine Größe unter den Autoren des Talmud, betrachtet das Ehegebot als das erste der — 613 — jüdischen Gebote und findet es erst „erfüllt, wenn der Mensch zwei Knaben und zwei Mädchen das Leben gegeben hat.” Die Voraussetzung der Fruchtbarkeit scheint den Juden in der Ehe gegeben.

In der orientalischen Ausdrucksweise heißt es dementsprechend im Talmud (Jebamoth 63) „wer nicht heiratet, ist kein Mensch” und „wird angesehen wie einer, der einen Menschen umgebracht hat”, „der Ehelose verringert die Gestalt (d. h. den Machtbereich) der Gottheit”. Die Sprüche Sirachs geben — unter den vielen Variationen dieses Gedankens — das Thema wieder mit den Worten: „wo kein Zaun ist, wird das Besitztum verwüstet, wer keine Frau hat, irrt unstet umher. Wer wollte Vertrauen schenken einem bewaffneten Kriegsmann, der von Stadt zu Stadt entspringt? Ebenso geht es einem Menschen, der keine Heimat hat und einkehrt, wo er abends hinkommt ...” oder wie es im Sefer Refuot heißt: „Jedermann, der ohne Frau lebt, lebt ohne Freude, ohne Segen, ohne Glück. Unverheiratet zu sein, ist ungesund und verderblich für das Denken, darin stimmen alle Weisen überein” (s. auch Hilekhot deot III. 2, Issure Biach XXI, 112.)

Wer die Fülle dieser heiligen Erklärungen zu Gesicht bekommt, wird ihre Bedeutung ermessen können für ein Volk, das den Talmud von Jugend auf studierte, das in den Jahrhunderten der sie umgebenden Unbildung der Massen in allen und den kleinsten Gemeinden der Lehre, ihrem Studium und ihrer Auslegung Tag und Nacht ergeben war. Blieben sonst viele der berühmten Gesetze alter Herrscher nur papierne Verordnungen oder stumpfe Erlasse in Erz und Stein — die Bestimmungen des jüdischen Gesetzes, selbst der mündlichen Ueberlieferung, nahmen Leben an und griffen in das Tun und Lassen der Volksgenossen ein.

Die größte Fruchtbarkeit ist in der Frühehe nur möglich. Der Talmud sagt selbst: (Jebamoth 62b) „Wer seine Söhne und Töchter nicht lange nach der Reifezeit verheiratet, von dem heißt es: sei gewiß, daß Friede Dein Zelt sein wird”. Das sind aber nicht nur allgemeine schöne Redensarten. Die praktische Durchführung wird bis ins letzte durchdacht. Ist kein Bewerber zur Stelle und „ist Deine Tochter reif, so erkläre Deinen Sklaven für frei und gib sie ihm zur Frau” (Synhed 100b) denn so heißt es: „Eine Tochter ist zweifelhaftes Gut für den Vater. Aus Sorge um sie kann er nicht schlafen; wenn sie heranwächst, daß sie buhle; wenn sie reif ist, daß sie nicht zu verheiraten sei; wenn sie verheiratet ist, daß sie kinderlos bleibe”. Ketuboth 113 rechnet deshalb die Ehelosen zu den 8 vor Gott gleichsam Verbannten (ferner Kiduschin 30. Nedarim 48. Ber. 6. Kidd. 20b Kohel 9.)

Die prägnante Ausführung der Bibel: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei,” blieb also bei den Juden nicht nur Literatenweisheit, nicht nur ein frommer Wunsch der Theologen und Volksfreunde oder gar eine utopistische Forderung eines regierenden Fürsten. Der eheliche Umgang wird religiöse und nationale Pflicht, diese Weltanschauung zum geistigen Besitz des Volkes, zur wirklich gelebten Ethik. Der Schulchan Aruch,[2] der als der praktische Gesetzkodex der Juden in der neueren Zeit gelten darf, konnte und mußte daher als praktische Forderung aufstellen, daß jeder junge Jude spätestens mit 18 Jahren heiraten müsse und vom 13. Lebensjahre an heiraten könne. Dementsprechend begann auch sein Abschnitt Eben-ha-Eser, der diese Fragen behandelt, kurz und bündig: „Jeder Mann ist verpflichtet, eine Frau zu heiraten”.

Aber dieses Gesetz hatte noch eine spezielle Auslegung. Es galt für besonders rühmlich, die Kinder nicht erst zum spätesten, sondern zum frühesten Termin zu verheiraten!

Die Herren Geschichtsschreiber, die sich mit dem Wunder der Existenz Israels abmühen, sind an diesem Problem vorbei gegangen. Sie haben nie beobachtet, daß der — wenn wir so sagen dürfen — elektrisch geladene Motor, dessen Energien immer neue Kraft und tausendfältiges Leben weckten, geladen wurde an dieser Quelle. Die Memoiren der guten Mutter Glückel von Hameln verraten uns, daß nur zwei Jahrhunderte zurück noch die deutschen Juden im Glauben an das Verdienstvolle ihrer Fruchtbarkeit ihre Sinnlichkeit und die ganze Kraft ihrer Triebe in den Dienst dieser heiligen Sache, in die der Vermehrung ihres Volkes stellten. Und alle Dokumente bezeugen die Tatsächlichkeit dieser Verhältnisse. Salomon Maimon hat uns in seiner Lebensgeschichte dieselbe grenzenlose Naivität des jüdischen Ehelebens, wie es von Posen angefangen bis weit nach dem fernsten Osten gepflogen wurde, geschildert für eine Zeit, die heute um 150 Jahre entfernt liegt. Und noch heute hält sich der rechtgläubige Ostjude daran.

Gewiss auch der Talmud verschliesst sich nicht der Erkenntnis, dass Geburtenverhütung angezeigt sein könnte. In Hungerjahren darf eine Familie mit Kindern eine zeitweise Geburtenverhütung vornehmen. Und Jebam 126 sieht diese ferner vor:

  1. für Säugende, die ihr Kind stillten (da ja tatsächlich die Muttermilch bei neuer Conzeption leidet und versiegt),
  2. bei Mädchen (die mit 12 Jahren heiraten durften) bis zur Zeit ihrer Geschlechtsreife,
  3. für Schwangere, von denen man — natürlich fälschlich — eine nochmalige Schwängerung fürchtete.

Diese Ausnahmen haben weder einen besonderen Nachhall gefunden, noch konnten sie die stark erregten Vorstellungen des Volkes über das für verbrecherisch gehaltene Vorgehen Onans rektifizieren. Die Geburteneinschränkung ist keine jüdische Erfindung, Neomalthusianismus keine jüdische Einrichtung gewesen.

Hjalmar J. Nordin findet gleichfalls in seiner ausführlichen „Ethik der Juden zur Zeit Jesu” (Leipzig 1911): „Die Fortpflanzung hatte einen religiösen Glorienschein.” Vom hohen Wert der Fortpflanzung in der Meinung der Juden zeugen ungezählte Aussprüche. Im 15. Kap. des Buches Henoch wird die Fortpflanzung gefordert, da die Menschen sterblich und vergänglich sind, während die unsterblichen Engel sich nicht fortzupflanzen brauchen. Tacitus bestätigt bereits damals in Hist. V. 5: Augenda tamen multitudini consulitur ... hinc generandi amor et moriendi contemptus. Josephus, der zeitgenössische vertraute jüdische Historiker, der selbst mindestens dreimal verheiratet war, erklärt ausdrücklich in der Schrift gegen Apion: „Das Gesetz hat allen anbefohlen, Kinder zu zeugen” (II. 202). Alle Aussprüche des R. Elieser, R. Elasar b. Asarja, Ben Assaj, R. Abaji gehen von dem einen festen Punkte aus: „Die Welt ist nur geschaffen zur Fruchtbarkeit und Fortpflanzung. Deshalb ist es höchste Menschenpflicht, alles zu meiden, was die Zeugungsfähigkeit herabsetzt.” Nach Gittin 70a verringern 8 Dinge den Samen: Salz, Hunger, Ausschlag, Weinen, Schlafen auf dem Felde, Lotus, Cusenta zur Unzeit, Aderlaß unter dem Genitale (Aderlaß darüber ist doppelt vorteilhaft).

In jener Zeit dürfte die Sitte des Kaddischsagens aufgekommen sein, jene religiöse Ceremonie, die der älteste Sohn zu Ehren der verstorbenen Eltern ein Jahr lang täglich verrichtet. Und die Vorstellung keinen Kaddisch, d. h. keinen Sohn zu besitzen, der die Trauergebete verrichten kann, hatte für jeden Juden noch bis in unsere Tage etwas ungemein schmerzliches. Viele Gesetze gehen von derselben Voraussetzung aus, so daß jede Ehe nach 10jähriger Kinderlosigkeit (auch von Seiten der Frau) gelöst werden konnte. In der einschlägigen Literatur von Nossig (Einführung in das Studium der sozialen Hygiene 1894), in der Talmud-Archaeologie von Krauß, bei Nordin u. a. finden sich noch weitere wertvolle Beiträge.

Ben Assaj, ein weißer Rabe unter den großen Lehrern in Israel, blieb allerdings selbst unvermählt, empfahl aber gleichwohl die Fruchtbarkeit. Warum Ben Assaj nicht heiratete, ist unbekannt. Es liegen sicher ganz besondere Gründe vor. Gleichwohl war er der Gegenstand späterer Diskussionen, in denen es heißt: „Ben Assaj lehrt wohl schön, aber er handelt nicht gut.”

Und wie wäre es auch anders möglich gewesen in der Ideenwelt von Menschen, die das ganze Sexualleben so genau festgelegt wissen wollten, daß nicht nur Verlobung, Hochzeit, Scheidung in den feinsten Einzelheiten gesetzlich geregelt waren, daß selbst für Form und Häufigkeit der intimsten menschlichen Beziehungen Weisungen und Gebote existierten. Wie weitgehend der Gedankengang fortgesponnen wird, beweist die Erzählung Abbas ben Papa (Pappaj) (cfr. Bacher Pat. ann. III. S. 650), Josua sei mit Kinderlosigkeit bestraft worden, weil er Israel eine Nacht lang an der Fortpflanzung gehindert habe.

Schriftliche und mündliche Lehre, Tradition und Volkssitte bemühten sich in allem nicht nur, die normale Fruchtbarkeit des einzelnen Individuums zu gewährleisten, sondern die Fortpflanzung auf das Höchstmaß des Möglichen zu steigern. Die vielen Aderlässe, die blutigen und unblutigen Opfer, die Abfall und Vermischung bedingten, konnte die Judenheit nur deshalb glücklich überstehen, weil die Gedankengänge, die der Gesamtheit ewiges Leben verhießen, jeder einzelnen Familie ihren sicheren Bestand sicherte. Das System war auf der richtigen Voraussetzung aufgebaut, daß jedes Glied der Gemeinschaft an der Erhaltung der Art in der völkisch zweckdienlichsten Weise gebunden und ohne Rücksicht auf seine eigenen Interessen bis aufs äußerste beteiligt ist.

So war das ganze Liebesleben der Juden darauf abgestimmt, dem großen nationalen Gedanken, dem überragenden Begriff vom immanenten Bestehen der Nation die realen Grundlagen zu liefern. Die Fruchtbarkeit und Sicherstellung der einzelnen Familie ist nur die Basis einer großzügigen Volksidee.

Die Propheten sind in diesem Sinne die geschickten Redakteure eines auf das ganze Volk gerichteten Optimismus, des hoffnungsvollen Zukunftsglaubens, der sich eng an alle anderen entwicklungsfreudigen Ideen angliedert.

„So spricht der Ewige, der bestellt hat die Sonne zum Licht bei Tage, die Scheibe des Mondes zu leuchten in der Nacht, der das Meer aufwühlt, daß seine Wellen brausen, Adonai Zebaoth ist sein Name. Eher werden diese Gesetze aufhören, ehe daß der Same Israels aufhören wird ...”

So kündigt Jeremia und stempelt sein Volk zum Gewissen der Völker, zum Zeugen für die Nationen. „Wie man des Himmels Heer nicht zählen, noch den Sand am Meere messen kann, also will ich mehren den Samen Davids, meines Knechts und die Leviten, die mir dienen.” (siehe Kapitel 31 bis 33). Auch im höchsten Zorne sehen die Propheten Israel nicht der Vernichtung anheimfallen, immer wieder verheißen sie die Rettung und Aufrichtung aus tiefem Fall. Und gleichsam ist die Geschichte dieses hartnäckigen Volkes die Illustration zu den seherischen, den gequälten Herzen entspringenden Ankündigungen u. a. zum ausklingenden Midrasch zu Psalm 36: Völker stehen auf und verschwinden, aber Israel bleibt ewig.

Heute orientieren wir uns und formen unsere Ueberzeugung nicht nach religiösen Prophezeiungen; aber die Wissenschaft hat ihnen bisher Recht gegeben. Nossig, der Altmeister der jüdischen Statistik, erklärte noch um die Zeit der Jahrhundertwende in dem Standard Werk der „jüdischen Statistik” (eine Auffassung, die er schon in seinem glänzenden Werke „Einführung in das Studium der sozialen Hygiene” vertreten hatte):

„Der mosaische Gedanke eines ewigen Volkes scheint sich verwirklichen zu wollen.... Als ein frappantes, biologisches Ergebnis dieser Auswählungsidee tritt uns die Tatsache des Bestehens der noch immer ungewöhnlichen Lebens- und Reproduktionskraft der Juden entgegen”. Und an anderer Stelle: „Der jüdische Stamm vermehrt sich ausserordentlich rasch und vermehrt sich etwa 3,03 mal rascher als die nichtjüdischen Stämme und würde sich bei ungestörter Entwicklung in einer etwa 4,02 mal kürzeren Periode verdoppeln als jene.”

Also sprach die offizielle jüdische Statistik zu Beginn unseres Jahrhunderts (über die weitere Haltung und Aeußerungen noch mehr und später). Auch die anthropologische Wissenschaft sah in der Persistenz der Juden ein förmliches Gesetz. Andree behauptete sogar: „Bei den Juden ist die Rasse stärker als die Religion. Es ist den Juden einfach unmöglich, sich mit anderen Völkern zu vermischen.”

Leroy-Beaulieu, ein kleiner statistischer Papst in der Wissenschaft, der insbesondere auf dem Gebiete jüdischer Fragen als Kenner galt, erfand folgende Theorie: „Die Juden setzen wenige Kinder in die Welt, aber sie bringen mehr zur Reife. So haben sie dies schwierige Bevölkerungsproblem in einer Weise gelöst, welche für sie selbst die vorteilhafteste und für die Nationalökonomie die befriedigendste ist.”

Aehnlich äußerten sich die führenden deutschen Statistiker u. a. M. Hoffmann, de Neuville, Fircks. Der Rassenhygieniker von Gruber schrieb 1908 in den Veröffentlichungen des Deutschen Vereins für Volkshygiene:

„Noch eins lehrt uns das Beispiel der Juden. Sie hätten unmöglich diese Jahrhunderte beständigen Kampfes um ihre Existenz überdauern können, wenn sie nicht einen so gesunden Instinkt und eine so bewunderungswürdige Aufopferungsfähigkeit für die Erhaltung ihres Volkes besessen hätten. Der junge Mann, kaum erwerbsfähig geworden, hält es für seine Pflicht, seinem Volke unter Entbehrungen und harter Arbeit zahlreichen Nachwuchs aufzuziehen:

SO WIRD EIN VOLK UNSTERBLICH!”

Geschah dies am trockenen Holz der Wissenschaft — und wenn wir deren Bäume kräftig schütteln würden, flögen noch viele andere Früchte dieser Art herab — wer wird sich wundern, wenn die jüdischen Theologen erst recht die alten Weissagungen (bestärkt durch die Ergebnisse der 2 1/2 Jahrtausend Geschichte) gesinnungstüchtig auslegen, wenn die politischen Führer der jüdischen Organisationen die Daseinsmöglichkeit der Ihren als eine alte historische Notwendigkeit hinnehmen. Umsomehr als selbst ein so kluger Mann der Feder, der sich selbst einmal außerhalb des jüdischen Volkes hatte stellen wollen, wie Heinrich Heine, Israel ins Gedenkbuch schrieb: „Aegyptens Mumien sind ebenso unverwüstlich wie jene Volksmumie, die über die Erde wandelt, eingewickelt in ihre alten Buchstabenwindeln, ein verhärtetes Stück Weltgeschichte ...” Und ein jüngerer, — Bernhard Münz — münzte diesen Gedanken in die Worte um: „Ein Volk schreitet mitten durch die ganze Geschichte der Menschheit, spiegelt sich in dem größten Teil ihrer Entwicklung wieder und taucht aus allen Prüfungen und Umwälzungen der Zeit immer wieder gestählt und gekräftigt empor.”

Wohl gab es abwegige Urteile. Aber die breite Masse der Juden blieb von der Ideenwelt der Pessimisten unberührt. Sie nahm keine Notiz von der Broschüre eines anonymen Verfassers, die etwa 16 Seiten stark 1894 in Zürich erschien und „Der Untergang Israels” hieß. Ich wurde auf sie aufmerksam durch einen tiefer schürfenden Artikel Arthur Kahns, der sich auf sie bezog. Der Aufsatz Kahns in den U. O. B. B. Logenblättern „Die Wurzeln des Uebels” rührten an den tiefsten Gründen der Judenfrage. Neben Kahn haben Zollschan in seinem Buch „Das Rassenproblem” und Dr. Arthur Ruppin in den „Preußischen Jahrbüchern” die bedrohliche Situation in ihrem Ausmaße erfaßt. Im Gegensatz zu dieser nicht gerade großen und nicht eindrucksvoll genug wirkenden Literatur stand die unzählig oft in Wort und Schrift dokumentierte öffentliche Meinung der Rabbiner, Lehrer, Beamte, Vorstände der Gemeinden, Führer und Vorsitzenden der Verbände, der Redakteure und Mitarbeiter der jüdischen Presse, die dem Zukunftsglauben der Juden in Deutschland huldigten, und ihnen täglich mit dem an Mitteln reichhaltigen Arsenal und mit der Emphase ihrer Begeisterung und ihrer Liebe zum Judentum in warmherzigen Versicherungen schmeichelten, die zwar an Schwung den biblischen nachstanden, den Ansprüchen der braven Judenbürger aber genügten.

Meine eigensten Untersuchungen dieses Problems begannen vor 18 Jahren, wobei ich als Schüler mich wohl eines nom de guerre (meines mütterlichen Namens) bedienen mußte. Es war eine Untersuchung, deren Inhalt der Titel verrät: „Der Untergang der deutschen Landjuden” (gezeichnet Felix Th.-Cohen) publiziert im „Frankfurter Isr. Familienblatt”. Ich hatte die Verhältnisse und die Entwicklung der jüdischen Dorfgemeinden Hessen-Nassaus und Unterfrankens auf verschiedenen Ferienreisen übersehen, ihr Schicksal gezeichnet. In den nächsten Jahren arbeitete ich an einem statistischen Werdegang der deutschen Juden. Immer deutlicher ergaben sich aus den Zahlenreihen der dumpfe Drang und die unaufhaltsame Bewegung der Auflösung. Umgearbeitet nach diesen Gesichtspunkten nahm Jahre lang kein Verleger von diesem Buch Notiz. Und als es erschienen, konnte es in der dumpfen Atmosphäre und grauenhaften Stagnation der deutschen Judenheit nicht einmal die nachhaltende Aufmerksamkeit der jüdischen Führer bewirken.

Die unbeirrte Zukunftszuversicht, die Harmlosigkeit der jüdischen öffentlichen Meinung über „Sein oder Nichtsein”, das mangelhafte Vorstellungsvermögen der Situation erinnert an unzählige Parallelen in der Geschichte, an die unbedingte Siegeszuversicht des Deutschen Volkes, das noch 1918 über eine Welt von Feinden zu triumphieren glaubte, oder aus den vergangenen Tagen des jüdischen Volkes an die Vorgänge im belagerten Jerusalem, in dem die Juden mehr auf ihren guten Stern als auf ihre lebendigen Kräfte bauten.

Ein Volk kann sich ebensowenig wie der Einzelne immer Reflexionen über seine Existenz-Berechtigung und seine Existenzmöglichkeiten hingeben. Das cogito ergo sum ist ein philosophischer Satz, belastet mit all den Schwächen der Spekulation, und eine reale, wenn auch nur relative Wahrheit. Aber in Zeiten, wo das Barometer auf Sturm zeigt, können Steuermann und Kapitän nicht gemütlich die Vorkehrungen, die für schönes Wetter getroffen sind, beibehalten. Ihr Schifflein dürfte sonst leicht Schaden erleiden und ihre Schuld würde selbst ihr eigener Tod nicht mildern.

Die deutsche Judenheit ist sich des tödlichen Keimes ihrer Erkrankung nicht bewußt. Früher mochte Unkenntnis entschuldigen, daß ihre Führer der kardinalen Existenz-Frage nicht näher traten. Nach dem Erscheinen des „Untergang” haben sie die von mir geschilderte Entwicklung in ihrer Tendenz als falsch abgelehnt und die Deduktion als irrtümlich zurückgewiesen. Es besteht dabei sicher ein tiefgehender Spalt in den Massen, zwischen denen, die Morgenluft wittern und ihre innere Gebundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft lösen, und jenen, die von jüdischen Erinnerungen, Instinkten und jüdischem Wissen angefüllt ihren persönlichen starken Gemeinschaftswillen als allgemeine psychische Stimmung der ganzen Judenheit unterlegen.

Es lohnt sich nicht, Dokumente, in denen sich alle Unkenntnis in Begriffsverwirrung auflöst, zu zitieren. Nur die Aussagen der Führer seien zitiert. Denn sie sind der offizielle Ausdruck der jüdischen Gemeinschaft. Sie bezeugen, daß man noch heute in Verkennung der Lage sich kein Bild der Entwicklung geschaffen hat und mit offenen, aber nicht rezeptierenden Augen dem Strudel des Untergangs entgegentreibt. Um Selbstverständliches zu klären: In diesem Buch wird einzig das Schicksal der deutschen Juden der Untersuchung unterworfen — nicht das Schicksal des jüdischen Volkes in seiner Totalität. Ob auch dieses ähnlichen Erschütterungen entgegengeht, wird hier nicht behandelt, geschweige gelöst. Die Führer der jüdischen Oeffentlichkeit haben in der leichtfertigen Behandlung der Frage sich die Widerlegung recht bequem gemacht, indem sie nicht auf die Fragestellung, nämlich den Untergang der deutschen Juden, eingingen.

Hören wir die Vertreter der deutschen Juden selbst an. Bald nach dem Erscheinen dieses Buches versammelte sich der „Verband der deutschen Juden” zu einer Tagung. Bei dieser Veranlassung hielt der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlins, Geheimrat Dr. Stern eine Rede, die außerdem gedruckt im Amtsblatt der jüdischen Gemeinde Berlins allen Gemeindemitgliedern zuging und folgenden Wortlaut hatte:

„Einer unserer Rabbiner hat an einem letztverflossenen Feiertage auf der Kanzel die Frage aufgeworfen, ob irgend Gründe für die Befürchtung da seien, dass das deutsche Judentum, wie es ihm in neuerer Zeit prophezeit wird, seinem Untergang zusteure. Er hat darauf hingewiesen, dass manche Gelehrte auf Grund wissenschaftlicher Forschungen an Hand der Statistik und unter Zuhilfenahme anderweitiger symptomatischer Anzeichen und Erscheinungen, beispielsweise der stetigen Zunahme der Mischehen, zu dem Ergebnis gelangt sind, dass das deutsche Judentum seiner allmählichen, aber sicheren Auflösung entgegen gehe, einem unaufhaltsamem Untergange geweiht sei. Der Rabbiner hat vom theologischen Standpunkt aus diese Auffassung sich nicht zu eigen gemacht, hat vielmehr diese traurige und trübe Vorhersage auf das Entschiedenste bekämpft. Das auserwählte Volk, auserwählt, um seit Jahrtausenden Verfolgung, Hass und Unterdrückung zu erdulden, hatte immer wieder die Kraft und die Stärke gefunden, sein Martyrium allen Anfeindungen und Angriffen zum Trotz mannhaft zu überwinden. Es habe zu allen Zeiten über Propheten und führende Geister verfügt, die das Panier, auf dem in unauslöschlichen, flammenden Zeichen der Monotheismus und die schrankenlose Betätigung der Nächstenliebe hell erstrahlen, immer wieder siegreich aufpflanzten.

Und wenn ich in dieser Stunde die gleiche Frage mir vorlege: wird das deutsche Judentum untergehen? so trage auch ich vom Laienstandpunkte aus keinen Augenblick Bedenken, diese Frage rückhaltslos zu verneinen. Ich setze dieser brennenden Frage ein dreimaliges kräftiges Nein entgegen, wenn ich meinen Blick über diese Tafelreihen schweifen lasse und mit Bewunderung, Freude, Stolz und Genugtuung feststelle, dass Hunderte von Männern aus den angesehensten und hervorragendsten Berufs- und Lebensstellungen, Leuchten der Wissenschaft, führende Künstler, Phönixe des Handels, Pfadfinder der Industrie, Bahnbrecher der Technik, hier vereinigt sind, als die berufenen Vertreter der deutschen Juden und ihrer Interessen. Unwillkürlich drängt sich mir angesichts dieses höchst erfreulichen Bildes des Psalmisten Wort auf die Lippen. Nimmer rastet noch schlummert der gute Genius Israels.”

Der „Israelit”, das führende Blatt der gesetzestreuen Juden Deutschlands, anerkannte zwar den Ernst der Situation und maß dem „Kassandrarufer der Statistik” mehr Bedeutung bei. Gleichwohl findet sich auch hier (in der Besprechung des „Untergangs”) folgender Passus: