The Project Gutenberg eBook of Der Weltkrieg, I. Band
Title: Der Weltkrieg, I. Band
Author: Karl Helfferich
Release date: April 15, 2015 [eBook #48715]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Credits: E-text prepared by Peter Becker, Wolfgang Menges, and the Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made available by Internet Archive (https://archive.org)
The Project Gutenberg eBook, Der Weltkrieg, I. Band (of 3), by Karl Helfferich
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Der Weltkrieg
von
Karl Helfferich
I. Band
1919
Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin
Die Vorgeschichte des
Weltkrieges
von
Karl Helfferich
1919
Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Uebersetzung, vorbehalten.
Amerikanisches Copyright 1919 by Ullstein & Co, Berlin
| Vorwort | 9, 10 |
| Vom Dreibund zum Dreiverband | 11–62 |
| Die Verschiebung der Mächtegruppierung seit Bismarcks Abgang | 13–33 |
| Bismarcks „cauchemar des coalitions“ und sein System der Sicherungen 13–16. Das Abbröckeln des Bismarckschen Systems 16–19. Die englisch-französische Entente 19–24. Belgiens Verhältnis zur Entente 24, 25. Die britisch-russische Verständigung 25–27. Italiens Versöhnung mit Frankreich 27–29. Japan 29–31. Die Vereinigten Staaten 31, 32. Die Mächtegruppierung beim Ausgang der Bülowschen Kanzlerschaft 32, 33. | |
| Die treibenden Kräfte | 33–62 |
| Unsere Politik der mangelnden Gegengewichte 33–35. Ungeschicklichkeiten und Schroffheiten 35–37. Deutschland und Österreich-Ungarn politisch saturiert 37, 38. Frankreichs Revanchedurst und koloniale Ausdehnung 38–40. Rußlands Drang nach Konstantinopel und dem Balkan 40–42. Italiens Irredenta- und Tripoliswünsche 42, 43. Die britische Handelseifersucht 43–49. Die Bagdadbahn 49, 50. Die Flottenfrage 50–55. Das Wettrüsten 55–60. Der Dreibund Versicherungsgesellschaft, die Triple-Entente Erwerbsgesellschaft 60–62. | |
| Die Etappen zum Weltkrieg | 63–112 |
| Vorbemerkung | 65 |
| Die bosnische Krisis | 66–72 |
| Die türkische Revolution 66. Österreich-Ungarn erklärt seine Souveränität über Bosnien und die Herzegowina 67, 68. Deutschlands Stellung zum österreichisch-türkischen Konflikt 68, 69. Die Stellung der Großmächte 69–71. Friedliche Beilegung 71, 72. | |
| Verständigungsversuche mit Frankreich und Rußland | 72–77 |
| Das deutsch-französische Marokko-Abkommen vom 9. Februar 1909 72–74. Das Potsdamer Abkommen zwischen Deutschland und Rußland 74–77. | |
| Die Marokkokrisis von 1911 | 77–87 |
| Keine deutsch-französische Entspannung durch das Abkommen von 1909 77, 78. Besetzung von Fez durch die Franzosen 78, 79. Deutsche Verständigungsvorschläge 79–81. Agadir 81–83. Verhandlungen zwischen Kiderlen und Cambon 83. Einmischung Englands 83–85. Deutsch-französischer Vertrag vom 4. November 1911 85–87. | |
| Lord Haldanes Mission | 87–91 |
| Reaktion auf die deutschfeindliche Politik der britischen Regierung 87, 88. Flottenfrage 88. Neutralitätsabkommen 88–90. Ergebnislosigkeit der Besprechungen 91. | |
| Der Tripoliskrieg | 91–94 |
| Italiens Kriegserklärung 91, 92. Wirkung auf das deutsch-türkische Verhältnis 92. Wirkung auf Frankreich, England und Rußland 92–94. | |
| Die beiden Balkankriege | 95–112 |
| Der Balkanbund 95. Die Haltung der Großmächte 96–101. Englands zwiespältige Politik 101, 102. Deutschlands Haltung zu dem russisch-österreichischen Konflikt 102–109. Frankreichs Unterordnung unter die russische Politik 109, 110. Der zweite Balkankrieg und der Bukarester Friede 110, 111. Die großserbische und die albanische Gefahr 111, 112. | |
| Die letzten Verständigungsversuche | 113–166 |
| Vorbemerkung | 115, 116 |
| Die Verständigung mit England über die afrikanischen Kolonialfragen | 116–120 |
| Das deutsch-englische Abkommen von 1898 über die Liquidation des portugiesischen Kolonialbesitzes 116–118. Die Kolonialverhandlungen von 1913/14 118–120. | |
| Die vorderasiatischen Fragen, insbesondere die Bagdadbahn | 120–138 |
| Bagdadbahn und deutsch-englische Beziehungen 120, 121. Die Anfänge der Bagdadbahn 121–126. Das Bagdadbahnprojekt auf internationaler Grundlage 126–130. Die Ablehnung einer Beteiligung durch die englische und französische Regierung 130, 131. Die Bagdadbahn als deutsches Unternehmen 131–134. Die jungtürkische Revolution und neuer Kampf um die Bagdadbahn 134–138. | |
| Die Verständigung mit Frankreich über die türkischen Eisenbahnfragen | 138–142 |
| „Séparation nette“ im Bagdadbahnunternehmen 138–141. Vereinbarungen über die beiderseitigen Eisenbahninteressen in der Türkei 141, 142. | |
| Die Verständigung mit England über die vorderasiatischen Fragen | 142–154 |
| Ziele der britischen Regierung 142–145. Der deutsche und der türkische Standpunkt 145–148. Flußschiffahrt, Bewässerungsanlagen und Petroleum in Mesopotamien 148–150. Die Verständigung 150–154. | |
| Die deutsch-englische Verständigung und die englisch-russische Marinekonvention | 155–166 |
| Ehrlicher Verständigungswille? 155, 156. Iswolskis Bündnisvorschlag 156, 157. Das britisch-russische Marineabkommen 157, 158. Der Geist der britischen Politik 158–160. Kriegsstimmung in Frankreich und Rußland 160–163. Die Aussichtslosigkeit der deutsch-britischen Verständigung 163–166. | |
| Der Ausbruch des Weltkrieges | 167–230 |
| Die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand 169–171. Die Haltung der deutschen Regierung in dem österreichisch-serbischen Konflikt 172–175. Das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien 175. Die deutsche Regierung und das Ultimatum 175–181. Der Deutsche Kaiser und das Ultimatum 182. Deutschlands Friedenswille; die mangelhafte militärische, diplomatische und wirtschaftliche Kriegsvorbereitung 183–186. Rußlands Einmischung 187, 188. Meine Unterredung mit Herrn Davydoff vom 26. und 27. Juli 1914 188–198. Die russische Kriegspartei 198, 199. Die Haltung Frankreichs 199, 200. Die Haltung Englands 200–203. Der Druck der deutschen Regierung auf das Wiener Kabinett und sein Erfolg 204–207. Die russische Generalmobilmachung 208, 209. Des Zaren Befehl auf Einstellung der Mobilmachung nicht befolgt 209. Englands Rückendeckung für Frankreich und Rußland 210. Deutschlands Schritte in Petersburg und Paris 211–213. England wirft die Frage der belgischen Neutralität auf und weigert sich selbst, unter irgendwelchen Bedingungen seine Neutralität zuzusagen 213–215. Die deutsche Mobilmachung 216. Die Überlegenheit der britischen Diplomatie 216–219. Sir Edward Grey sucht einen zugkräftigen Kriegsgrund 220–222. Die Verletzung der belgischen Neutralität als Kriegsvorwand 222–225. Der Kaiser über seine Friedensbemühungen und über die künftige Mächtegruppierung 226–229. Der Triumph der britischen Politik 229–230. |
Vorwort
Ich vermesse mich nicht, die Geschichte des Weltkrieges zu schreiben. Das mag ruhigeren Zeiten vorbehalten bleiben, in denen die Menschheit einigermaßen Distanz zu den Ereignissen des Weltkrieges gewonnen hat. Wohl aber glaube ich, heute schon einiges — und nicht ganz Unwichtiges — zur Geschichte des Weltkrieges sagen zu können und sagen zu müssen.
Mein persönliches Schicksal hat mich so geführt, daß ich seit einer Reihe von Jahren an den Entwicklungen, die dem Kriege vorausgingen, die den Knoten schürzten und ihn zeitweise wieder zu entwirren schienen, daß ich schließlich an den Ereignissen des Krieges selbst mittelbar oder unmittelbar, Einblick nehmend oder handelnd, beteiligt war.
Die Welt dürstet nach Aufklärung; sie will wissen, wie es hat so kommen können und ob es hat so kommen müssen. Ihr Urteil über Personen, Einrichtungen, Vorgänge hängt von dieser Aufklärung ab; und ihr Urteil wird, da alles noch im Flusse des Werdens ist, das Schicksal der Völker und Völkergemeinschaften gestalten helfen. Ich glaube mich, soweit ich es vermag, in den Dienst dieses Bedürfnisses nach Aufklärung stellen zu sollen.
Meine Absicht geht dabei auf mehr als auf eine Bereicherung der Memoirenliteratur. Sie geht darauf, die Fülle der Ereignisse in ihrem großen Zusammenhang zu erfassen und sie so zur Darstellung zu bringen, wie ich sie sehend und handelnd erlebt habe. Der Nachdruck wird dabei auf der Schilderung der Tatsachen liegen, vor allem auf der Darstellung derjenigen Vorgänge, an denen ich unmittelbar beteiligt war. Im Urteil, namentlich im Urteil über Personen, Parteien, Berufsstände und Volksschichten, werde ich mir nach Möglichkeit die Zurückhaltung auferlegen, die mir Pflicht eines mitbeteiligten Darstellers noch nicht abgeschlossener Vorgänge zu sein scheint.
Der aufrichtige Wille zur Wahrheit hat mir die Feder geführt. Deshalb wage ich zu hoffen, daß diese Blätter dazu beitragen werden, der viel mißhandelten und grausam entstellten Wahrheit wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen und damit beizutragen zu einer Gesundung der Gemüter und Zustände in Deutschland wie zur Schaffung erträglicher Verhältnisse zwischen den Völkern.
Der vorliegende Band behandelt die Vorgeschichte des Weltkrieges. Die Darstellung der Vorgänge des Weltkrieges selbst ist in der Hauptsache bereits abgeschlossen und wird diesem ersten Bande in naher Zeit folgen können.
Berlin, Ende März 1919
Karl Helfferich
Vom Dreibund zum Dreiverband
Die Verschiebung der Mächtegruppierung seit Bismarcks Abgang
Bismarck hat das neue Preußen geschaffen, Preußens Vorherrschaft in Deutschland begründet und das Deutsche Reich aufgebaut in Kriegen, die er, wenn nicht herbeigeführt, so doch politisch vorbedacht und diplomatisch vorbereitet hat; vorbedacht und vorbereitet in einer Weise, daß der Gegner isoliert und eine der eigenen Macht überlegene feindliche Koalition verhindert wurde. Nach dem Krieg von 1870/71 und der Begründung des Reichs war er nach seinem eigenen Geständnis beherrscht von dem „cauchemar des coalitions“ in einem Maße, daß ihm dieser Alpdruck oft den Schlaf raubte. Ebenso wie Moltke, der vorausgesagt hat, daß wir in fünfzig Jahren um die Errungenschaften von 1870 würden kämpfen müssen, hat Bismarck klar erkannt, daß eine Versöhnung des besiegten, in seinem alten nationalen und kriegerischen Stolz schwer getroffenen Frankreich auf viele Jahrzehnte hinaus nicht möglich sein werde, und daß damit jeder anderen Großmacht, die sich zur kriegerischen Auseinandersetzung mit Deutschland entschließen sollte, von vornherein ein nicht zu unterschätzender Bundesgenosse gesichert sei. Die Gefahr der Bildung gegnerischer Koalitionen hat durch diese Tatsache eine besondere Verschärfung erfahren; sie hat für die Politik des Deutschen Reichs von Anfang an eine Erschwerung geschaffen, wie sie die Politik keines andern Staates belastete.
Es ist bekannt, wie Bismarck diese Verhältnisse gemeistert hat. Bei seinem Rücktritt hinterließ er uns eine Mächtegruppierung, die sich in kurzen Zügen folgendermaßen umreißen läßt:
Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien in dem Schutzbündnis des Dreibundes zusammengeschlossen. Rußland durch den geheimen Rückversicherungsvertrag von jeder Allianz mit offensiven Zielen gegen das Deutsche Reich abgehalten. England in der Gesamtorientierung seiner Politik dreibundfreundlich, wenn auch frei von irgendwelchen vertragsmäßigen Bindungen.
Bismarck selbst hatte den Wert von Bündnissen und Verträgen nie überschätzt. Niemand wußte besser als er, daß Bündnisse und Verträge, sollen sie in den Lagen, für die sie geschlossen sind, Stich halten, der Untermauerung durch die Übereinstimmung der wirklichen Interessen der vertragschließenden Teile bedürfen. Vor allem war sich Bismarck klar über den bedingten Wert der Zugehörigkeit Italiens zum Dreibund: auf der einen Seite war der italienisch-österreichische Gegensatz nicht aus der Welt zu schaffen, sondern nur durch Vorteile, die Italien im Dreibund fand, oder stärkere Gegensätze zwischen Italien und anderen Ländern, namentlich Frankreich, zu überbieten; dann bedurfte Italien angesichts seiner Küstengestaltung, wie Bismarck stets anerkannt hat, einer Anlehnung an den maritimen Schutz Englands. Diese Voraussetzungen für ein Sichwohlfühlen Italiens im Dreibund waren, als Bismarck im Jahre 1890 zurücktrat, vorhanden: der Gegensatz zwischen Italien und Frankreich, hervorgerufen insbesondere durch die Festsetzung Frankreichs in Tunis, aufs äußerste verschärft durch einen heftigen Zollkrieg, ließ die gegen Österreich gerichteten irredentistischen Aspirationen zurücktreten. England, das in den Fragen des Mittelmeers und in kolonialen Angelegenheiten in Gegnerschaft mit Frankreich stand, und das sich durch die russische Ausdehnung nach Osten in seinen asiatischen Interessen, vor allem in seiner Herrschaft über Indien, bedroht sah, hielt damals noch ein Zusammengehen mit dem Dreibund — trotz mancher Reibungen mit Deutschlands jungen Kolonialbestrebungen — für die richtige Politik. In Rußland allerdings hatten die Nachwirkungen des Berliner Kongresses, die immer stärker werdenden panslawistischen Bestrebungen, der Gegensatz zu Österreich-Ungarn in den Balkanfragen, schließlich das Mißtrauen Alexanders III. gegenüber der Bismarckschen Politik den Wert des im Jahre 1887 erneuerten deutsch-russischen Rückversicherungsvertrages so stark ausgehöhlt, daß bereits in den letzten Jahren der Bismarckschen Kanzlerschaft die Gefahr des Zweifrontenkriegs für Deutschland akut zu werden drohte.
Das Gebäude der Sicherung Deutschlands gegenüber einer übermächtigen feindlichen Koalition, wie es Bismarck seinen Nachfolgern überließ, war ein äußerst kunstvolles. Es trug die Gewähr seines Bestandes nicht in sich selbst, sondern ruhte in wichtigen Teilen auf einem leicht veränderlichen Grunde, dessen Tragfähigkeit schon in der Vergangenheit nur durch unablässige Achtsamkeit und ununterbrochene Bemühungen erhalten werden konnte und für die Zukunft durch kaum abwendbare Entwicklungen schwer bedroht erscheinen mußte.
Alsbald nach Bismarcks Rücktritt begann das von ihm geschaffene und schließlich von ihm nur noch mühsam aufrechterhaltene System abzubröckeln.
Der Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages mit Rußland im Jahre 1890 folgte in kurzer Zeit die russisch-französische Entente, die sich im weiteren Verlauf zu dem Zweibundsvertrag verdichtete. Die Gefahr des Zweifrontenkriegs war damit vom Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts an zu einer dauernden geworden. Alle deutschen Bemühungen, das russisch-französische Bündnis zu lockern, blieben in der Folgezeit ergebnislos.
Das Verhältnis zu England blieb zunächst noch ein gutes. Während wir durch den Helgoland-Zanzibar-Vertrag von 1890 koloniale Reibungspunkte aus unsern Beziehungen zu England beseitigten, bestand die britisch-französische Kolonialrivalität fort und erreichte im Jahre 1898 mit dem Zwischenfall von Faschoda ihren Höhepunkt. Noch mehr fiel ins Gewicht, daß der starke Gegensatz zwischen England und Rußland sich in unverminderter Schärfe erhielt. Unter solchen Umständen konnte man in Deutschland die Hoffnung hegen, daß es einer umsichtigen Politik gelingen werde, die für uns bedrohlichste Koalition — den Zusammenschluß Englands mit dem seine Spitze gegen Deutschland und seine Verbündeten richtenden Zweibund — zu verhindern.
Diese Hoffnung schien sich zu bestätigen, nachdem in England die Erregung über die „Krügerdepesche“ (Januar 1896) sich gelegt hatte und die britische Regierung, trotz der damals schon erwachten Handelseifersucht, den Versuch einer entschiedenen Annäherung an Deutschland machte. Kein Geringerer als Josef Chamberlain setzte sich in jener Zeit öffentlich für einen germanisch-angelsächsischen Dreibund ein, bestehend aus Deutschland, Großbritannien und Irland und den Vereinigten Staaten von Amerika. Aber dieser Annäherungsversuch fand sowohl bei der deutschen öffentlichen Meinung, die gerade damals infolge des Burenkrieges stark gegen England erregt war, wie auch bei der Reichsregierung, die sich zwischen England und Rußland freie Hand wahren wollte, keine ermutigende Aufnahme. Die Entwicklung kulminierte in dem zwischen Deutschland und England im Herbst 1900 abgeschlossenen Abkommen über China (in Deutschland zumeist „Yangtse-Abkommen“ genannt), in dem die beiden Mächte sich gegenseitig auf den Grundsatz der offenen Tür festlegten und sich eine Verständigung für den Fall vorbehielten, daß eine andere Macht die chinesischen Wirren benutzen sollte, um territoriale Vorteile zu erlangen. Dieses Abkommen wurde in der internationalen Öffentlichkeit als ein Zusammenschluß Deutschlands und Englands gegen die russischen Aspirationen auf die Mandschurei aufgefaßt. Aber gerade in diesem entscheidenden Punkte stellte sich eine ernste Verschiedenheit der Auslegung zwischen der deutschen und der großbritannischen Regierung heraus. Als wenige Monate nach dem Abschluß des Abkommens die Frage durch Rußlands Vorgehen akut wurde, erklärte Fürst Bülow im Reichstag, daß sich das deutsch-englische China-Abkommen nicht auf die Mandschurei beziehe; darüber sei auch bei den Verhandlungen über das Abkommen den britischen Staatsmännern kein Zweifel gelassen worden. Demgegenüber erklärte Lord Salisbury im Unterhaus, daß die Behauptung, Deutschland habe bei den Verhandlungen die Mandschurei ausgenommen, nicht den Tatsachen entspreche. Auf diese Weise kam es statt zu einer ihre Spitze gegen Rußland kehrenden deutsch-englischen Annäherung zu einer tiefgehenden, die weitere Entwicklung wohl endgültig beeinflussenden deutsch-englischen Verstimmung und zu einer von Rußland freudig begrüßten, aber mit keinem Dank entgoltenen deutschen Rückendeckung für die russische Ostasien-Politik.
Der weitere Verlauf der Dinge erhielt sein Gepräge durch die Annäherung zwischen England und Frankreich, die sich schließlich unter Einbeziehung des russischen Bundesgenossen der französischen Republik zur Triple-Entente ausweitete. Es muß festgestellt werden, daß bereits im Sommer 1903 der nachmalige Staatssekretär des Auswärtigen, Sir Edward Grey, als oppositioneller Abgeordneter den Versuch des Zusammengehens mit Deutschland in den ostasiatischen Angelegenheiten als einen erwiesenen Mißgriff bezeichnete und daraus die Folgerung zog, eine Annäherung an Rußland zu empfehlen.
In Frankreich wirkte die Demütigung von Faschoda einige Zeit stark nach. Im Burenkrieg ergriff die öffentliche Meinung in Frankreich kaum minder lebhaft gegen England Partei als in Deutschland. Aber bald waren Kräfte am Werk, die gerade aus der Demütigung von Faschoda eine neue Orientierung der französischen Politik gegenüber England herleiteten. Faschoda hatte gezeigt, daß gegen Deutschland und gegen England Frankreich seine Großmachtstellung nicht würde behaupten können. Das alte Revanchebedürfnis gegenüber Deutschland erwies sich in dieser Lage als stärker denn die neue Erbitterung über die Vergewaltigung durch England. Delcassé als französischer Minister des Auswärtigen leitete in stiller und zäher Arbeit die britisch-französische Annäherung ein. Er fand in England günstigen Boden. Dort hatte man endgültig die Hoffnung, in Deutschland ein Werkzeug gegen Rußland gewinnen zu können, aufgegeben; die Handelseifersucht gegen Deutschland wuchs mit der Entfaltung der deutschen Wirtschaftskraft, namentlich des deutschen Außenhandels, der deutschen Unternehmungen im Ausland und der deutschen Handelsflotte, von Jahr zu Jahr; die Vergrößerung der deutschen Kriegsflotte, eine durch die Vermehrung des Außenhandels und das Wachstum der Handelsflotte gerechtfertigte Entwicklung, erregte mehr und mehr Besorgnis; und schließlich bestieg nach dem Tode der Königin Victoria im Januar 1901 Edward VII. den britischen Thron.
Die Entente zwischen Frankreich und England trat vor aller Welt offenkundig in Erscheinung in dem am 8. April 1904 unterzeichneten Abkommen, das neben einer Anzahl schwebender kolonialer Fragen Marokko und Ägypten behandelte. Soweit Marokko in Betracht kam, zeigte diese diplomatische Aktion in der Sache wie in der Form eine Spitze gegen Deutschland. England und Frankreich setzten sich — in dem erst später veröffentlichten Geheimabkommen noch sehr viel deutlicher als in dem offenen Vertrag — über die erheblichen deutschen Interessen in Marokko und über die auch von Deutschland unterzeichnete Madrider Konvention von 1880 hinweg, während sie den vierten Hauptinteressenten, Spanien, in einem öffentlichen und einem geheimen Abkommen vom 7. Oktober 1904 abfanden und zum Teilhaber ihrer Aktion machten. Sie setzten sich über die deutschen Rechte und Interessen hinweg, ohne der deutschen Regierung eine offizielle Mitteilung über das Deutschland so nahe berührende Abkommen zu machen. Die deutsche Regierung zeigte zunächst eine bemerkenswerte Zurückhaltung. Erst als Frankreich zu tatsächlichen Maßnahmen in Marokko schritt, die eine nicht mehr zu ignorierende Verletzung der Souveränität des Sultans von Marokko und der auf der Madrider Konvention beruhenden deutschen Rechte darstellten, gab Deutschland durch den Besuch des Kaisers Wilhelm in Tanger zu erkennen, daß es nicht gewillt sei, sich als nicht vorhanden behandeln zu lassen. Dieser Schritt klärte die Lage. Delcassé, der mit allem Nachdruck für die Ablehnung der unbestreitbar berechtigten Forderung auf internationale Regelung der bisher durch die Madrider Konvention international geregelten Marokkofrage eintrat, konnte sich im französischen Ministerrat auf die Zusage nicht nur diplomatischer, sondern auch militärischer Unterstützung Englands gegenüber Deutschland berufen[1]. Wenn es nicht zum Kriege zwischen der neuen englisch-französischen Koalition und dem Deutschen Reiche kam, wenn Frankreich vielmehr die von Deutschland vorgeschlagene Regelung der Marokkofrage durch eine neue internationale Konferenz schließlich annahm und den zum Krieg entschlossenen Delcassé fallen ließ, so lag der Grund hierzu nicht bei dem Friedenswillen der englischen Regierung oder einer Selbstbesinnung Frankreichs, sondern lediglich in dem von dem französischen Kriegsminister anerkannten Mangel an Bereitschaft des französischen Heeres sowie in der Schwächung Rußlands durch den russisch-japanischen Krieg und die inneren Wirren.
Die Konferenz von Algeciras, deren Zusammentritt ein formaler Erfolg, deren Verlauf und Ergebnis ein kaum verhüllter materieller Mißerfolg der deutschen Politik war, konnte die Tatsache des entschlossen gegen Deutschland gerichteten englisch-französischen Einvernehmens nur bestätigen. Sie enthüllte weiter, daß Rußland — trotz des Versagens seines französischen Bundesgenossen und der freundschaftlichen Haltung Deutschlands während des russisch-japanischen Krieges — nach wie vor unbeirrt auf der Seite seines französischen Verbündeten stand; daß Deutschland, jedenfalls in dieser Mittelmeerfrage, auf eine Unterstützung durch Italien gegen Frankreich nicht rechnen konnte und daß auch Österreich-Ungarn in einer solchen seine eignen Interessen nicht unmittelbar berührenden Angelegenheit nur ein lauer Freund war.
Wir wissen heute aus der großen Rede, die Sir Edward Grey am 3. August 1914, am Tag vor dem Eintritt Englands in den Krieg, im Unterhaus gehalten hat, daß schon damals, während der ersten Marokkokrisis, die englisch-französische Entente eine militärische Ausgestaltung erhalten hat. Auf Wunsch des französischen Botschafters erklärte sich Sir Edward Grey damit einverstanden, daß die beiderseitigen militärischen und maritimen Stabschefs miteinander in regelmäßig wiederkehrende Beratungen eintreten sollten, deren Zweck die Vereinbarung über einen gemeinschaftlichen Feldzugsplan gegen Deutschland war. Formal wurde die Freiheit der Entschließung für den Eventualfall, dem diese gemeinschaftlichen Beratungen gelten sollten, vorbehalten. Was von diesem Vorbehalt materiell zu halten war, hat Sir Edward Grey selbst am 3. August 1914 im Unterhaus dargelegt; er führte damals aus, daß die Vereinbarung für England eine moralische Verpflichtung geschaffen habe, Frankreich zu helfen; er fügte hinzu, daß auf Grund des in eventum vereinbarten Feldzugsplans Frankreich seine Flotte im Mittelmeer konzentriert und damit seine westlichen und nördlichen Küsten unverteidigt gelassen, d. h. sie der englischen Flotte zur Verteidigung überlassen habe.
Die Abmachung zwischen Sir Edward Grey und dem französischen Botschafter über die Zusammenarbeit der beiderseitigen General- und Admiralstäbe war zunächst nur eine mündliche. Sie wurde in England seinerzeit nur dem damaligen Ministerpräsidenten Sir Henry Campbell Bannerman, Lord Haldane und Mr. Asquith mitgeteilt; das Gesamtkabinett selbst wurde, wie Sir Edward Grey bekannte, „much later on“ — es ist anzunehmen während der Marokkokrisis von 1911 — informiert. Schriftlich niedergelegt, in Form eines Briefwechsels zwischen Sir Edward Grey und Mr. Paul Cambon, wurde die Abmachung erst am 22. November 1912. Das britische Parlament erhielt von ihr zum erstenmal Kenntnis am 3. August 1914, als der Eintritt Englands in den Krieg auf Grund dieser Abmachung bereits unabwendbar geworden war.
Die englisch-französische Kombination, die im Juli-August 1914 wirksam wurde, geht also bereits auf die Wende der Jahre 1905 und 1906 zurück.
Die militärische Zusammenarbeit wurde sofort auch auf Belgien ausgedehnt. Im Januar 1906 trat der britische Militärattaché in Brüssel an den belgischen Generalstabschef heran, um unter Hinweis auf die bestehende Kriegsgefahr und die Bedrohung der belgischen Neutralität vertrauliche militärische Unterhaltungen der gleichen Art, wie sie zwischen England und Frankreich begonnen worden waren, einzuleiten. Die Besprechungen, auf die der belgische Generalstabschef sich bedingungslos einließ, hatten als Grundlage die von dem britischen Militärattaché für den in Betracht kommenden Eventualfall angekündigte Landung eines britischen Expeditionskorps und seinen Durchmarsch durch Belgien; die Kooperation dieses Expeditionskorps mit dem belgischen Heer wurde im weiteren Verlaufe der Unterhaltungen in allen Einzelheiten durchberaten[2].
Rußland, Frankreichs Verbündeter, war in den letzten Jahrzehnten, ehe die Engländer in Deutschland den gefährlichsten Rivalen zu erkennen glaubten, für England der Gegenstand der größten Sorge gewesen. Denn Rußland war die einzige Macht, die der britischen Weltstellung zu Lande bedrohlich werden konnte. Die völlige Unvereinbarkeit der britischen und russischen Strebungen galt lange Zeit hindurch als ein Axiom der Politik. Englands Verhältnis zu Deutschland selbst war bis zur Jahrhundertwende stark beeinflußt von dem britischen Wunsch, Deutschland als Gegengewicht gegen Rußland zu benutzen.
Dieser Wunsch wurde im Jahre 1900 endgültig als unausführbar erkannt. Aber die britische Politik hatte damals bereits ein anderes Gegengewicht gegen Rußland in Aussicht: Japan. Am 30. Januar 1902 wurde das britisch-japanische Bündnis unterzeichnet. Zwei Jahre später brach der russisch-japanische Krieg aus, der mit der Niederlage Rußlands und dem Zusammenbruch seiner ostasiatischen Politik endete.
Wie Frankreich durch Faschoda für England bündnisreif gemacht worden war, so jetzt Rußland durch den Ausgang des ostasiatischen Krieges. Die für das britische Weltreich gefährlichen russischen Aspirationen waren für absehbare Zeit so weit beschnitten, daß jetzt eine Verständigung möglich erschien. Deutschland wurde infolge der Schwächung Rußlands für England nun der konkurrenzlose Feind. Und wie sich England noch wenige Jahre zuvor um das deutsche Schwert gegen Rußland beworben hatte, so suchte es nunmehr Rußland für die Auseinandersetzung mit Deutschland auf seine Seite zu ziehen. Schon im September 1905 wurde dem von den Friedensverhandlungen in Portsmouth zurückkehrenden Grafen Witte in Paris ein von König Edward und dem russischen Botschafter in Petersburg ausgearbeiteter Vertragsentwurf vorgelegt. Witte zeigte sich zurückhaltend. Aber zwei Jahre später, am 31. August 1907, kam in Petersburg zwischen dem damaligen Minister des Auswärtigen, Iswolski, und dem britischen Botschafter ein dem damaligen Entwurf ungefähr entsprechender Vertrag zustande, der eine Auseinandersetzung der beiderseitigen Interessen in Persien, am Persischen Golf, in Tibet und in Afghanistan enthielt. Damit waren alte und gefährliche Reibungen zwischen den beiden Großmächten aus der Welt geschafft und dem bisher als unmöglich geltenden Zusammengehen von „Elefant und Walfisch“ der Weg bereitet. Gleichzeitig war der russische Druck, dem durch den Ausgang des Kriegs mit Japan der ferne Osten verschlossen worden war, nunmehr auch von Mittelasien auf den Balkan und die Türkei abgelenkt.
Nicht ganz ein Jahr später, im Juni 1908, traf König Edward mit dem Zaren Nikolaus in Reval zusammen. Alle Welt wußte, daß diese Zusammenkunft, die das größte Aufsehen erregte, den Fragen des näheren Orients, vor allem der mazedonischen Frage galt. Damit begab sich die russisch-britische Entente auf ein Gebiet, das — im Gegensatz zu Mittelasien, dem Objekt des Vertrages von 1907 — deutsche und vor allem österreichisch-ungarische Interessen von großer Bedeutung einschloß.
Seit jener Zeit konnte man mit Fug und Recht von der Triple-Entente, dem dreifachen Einvernehmen, sprechen. Was diese neue Kombination bedeutete, läßt sich am besten mit den Worten des belgischen Gesandten in Berlin, Baron Greindl, sagen:
„Der Dreibund hat während dreißig Jahren den Weltfrieden gesichert, weil er unter der Führung Deutschlands stand, das mit der politischen Gruppierung Europas zufrieden war. Die neue Gruppierung bedroht ihn, weil sie aus Mächten besteht, die eine Revision des status quo anstreben.“[3]
Aber mit dem Zusammenschluß der drei Großmächte Frankreich-England-Rußland war die Änderung in der Mächtegruppierung noch keineswegs erschöpft. Unser eignes Bündnissystem hatte, soweit Italien in Betracht kam, durch die internationalen Vorgänge eine unverkennbare Lockerung erfahren.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, wie sehr auch nach Bismarcks Ansicht die Stellung Italiens im Dreibund bedingt war durch das Verhältnis zu England. Solange England in guten Beziehungen zum Dreibund stand, konnte sich Italien im Dreibund wohl geborgen fühlen. Je stärker sich der Gegensatz zwischen England und der führenden Macht des Dreibundes herausentwickelte, desto stärker mußte für Italien die Versuchung zu einer andern Orientierung werden, und desto geringer war, auch wenn Italien im Dreibund verblieb, der Wert des Bündnisses für den Ernstfall zu veranschlagen. Dazu kam, daß die Reibungspunkte Italiens mit Frankreich in den Hintergrund traten. Im Jahre 1898 wurde der langjährige Zollkrieg zwischen den beiden Ländern durch einen Handelsvertrag beendigt. Die Erinnerung an Tunis verblaßte, man fand sich um so eher mit dem seit bald zwei Jahrzehnten bestehenden französischen Protektorat über Tunis ab, als man jetzt nicht nur von England, sondern auch von Frankreich Zusicherungen in bezug auf Tripolis erhielt, die eine gewisse Kompensation für Tunis in Aussicht stellten (Erklärungen des Ministers Canevaro im Frühjahr 1899). Der Dreibundvertrag wurde zwar im Jahre 1902 ohne Veränderung erneuert; aber die Erneuerung vollzog sich, wie Fürst Bülow damals im Reichstag ausführte, nicht ohne Schwierigkeiten. Vor der Erneuerung hatte der Reichskanzler im Reichstag das Wort gesprochen, daß der Dreibund nicht mehr eine absolute Notwendigkeit sei; nach der Erneuerung machte der italienische Ministerpräsident Rudini in der italienischen Kammer die Bemerkung, daß nach dem Einvernehmen mit Frankreich in den Fragen des Mittelländischen Meeres diejenige Besorgnis an Bedeutung verloren habe, die seinerzeit für den Eintritt Italiens in den Dreibund bestimmend gewesen sei. Wenn Rudini in der gleichen Rede ausführte, daß dank des Dreibundes Italien darauf rechnen könne, daß sich auf dem Balkan keine Kombination ohne sein Wissen und zu seinem Nachteil verwirklichen könne, so weist diese Bemerkung darauf hin, daß auf diesem klippenreichen Boden zwischen Italien und Österreich-Ungarn neue Reibungsmöglichkeiten entstanden waren, um deren Beseitigung man sich — für den Augenblick mit Erfolg — bemüht hatte. Im Herbst 1903 sprach König Victor Emanuel bei einem Besuche in Paris von dem „glücklich vollendeten Werk der Annäherung“ zwischen Frankreich und Italien. Die Früchte zeigten sich auf der Konferenz von Algeciras.
Zur Vervollständigung des Bildes gehört ein Wort über unser Verhältnis zu Japan und zu den Vereinigten Staaten von Amerika.
Unsere Beziehungen zu dem aufstrebenden Reich der aufgehenden Sonne waren gute gewesen bis zu unserm Eingreifen nach dem den chinesisch-japanischen Krieg beendigenden Frieden von Shimonoseki im Jahre 1895. In Gemeinschaft mit Rußland und Frankreich setzte damals Deutschland bei dem siegreichen Japan den Verzicht auf die ihm im Friedensvertrag zugesprochene Halbinsel Liautung durch. Die Intervention hat in Japan einen tiefen Stachel hinterlassen. Wenn für Deutschlands Beteiligung an dieser Aktion der Wunsch mitgesprochen hat, unsere Beziehungen zu Rußland — die nach der Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages, unseren deutlichen Versuchen einer guten Verständigung mit England und dem Abschluß der französisch-russischen Allianz gespannt geworden waren — wieder zu verbessern und den Zweibund gewissermaßen zu entschärfen, so haben wir zwar, soweit unser Verhältnis zu Japan in Betracht kam, die Kosten dieses Versuchs voll bezahlt, den Zweck jedoch nur teilweise und nur vorübergehend erreicht. Unsere Ende 1897 erfolgte Festsetzung in Kiautschou, an die sich kurz darauf die Festsetzung Rußlands in Port Arthur, der Südspitze der Japan wieder entrissenen Halbinsel Liautung, und die Festsetzung Englands in Wei-hai-wei anschlossen, war nicht geeignet, unsere Beziehungen mit Japan zu verbessern. Unsere Niederlassung in Kiautschou, die im offenbaren Einverständnis mit Rußland auf Grund der gemeinschaftlichen Aktion von 1895 erfolgte, schuf vielmehr eine den Japanern dauernd vor Augen liegende Erinnerung an unser für sie so empfindliches Eingreifen nach Shimonoseki.
Am 30. Januar 1902 wurde in London der Bündnisvertrag zwischen England und Japan abgeschlossen. Nach dem russisch-japanischen Krieg und der britisch-russischen Verständigung förderte England mit Erfolg die Wiederannäherung zwischen den beiden Gegnern. Auf diese Weise wurde Japan dem System der Triple-Entente angegliedert.
Die Vereinigten Staaten haben vor dem Krieg niemals Neigung gezeigt, sich in die Fragen der europäischen Politik einzumischen. Während des spanisch-amerikanischen Kriegs kam es zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Geschwaderchef vor den Philippinen zu an sich unbedeutenden Mißverständnissen, die zu einer auffallend scharfen Stellungnahme der amerikanischen Presse gegen Deutschland führten. Die Differenzen, betreffend die Samoa-Inseln sind durch das Samoa-Abkommen von 1899 beseitigt worden. Die Venezuela-Affäre (1902/03), in der Deutschland mit England gemeinschaftlich vorging, zeigte abermals eine starke Voreingenommenheit der amerikanischen Presse und öffentlichen Meinung gegen Deutschland, dem ohne jeden Schatten eines Grundes allerlei törichte Pläne territorialer Erwerbungen auf amerikanischem Boden nachgesagt wurden. Auch handelspolitische Differenzen blieben nicht aus. Der wirkliche Kern aller dieser gelegentlichen Reibungen war bedeutungslos, und von deutscher Seite wurde mit Zähigkeit und nicht ohne Erfolg daran gearbeitet, in Amerika ein besseres Verständnis für deutsches Wesen und deutsche Politik zu schaffen. Aber alle bei uns gelegentlich aufgetauchten Ideen, als ob die Vereinigten Staaten für uns ein wirksames Gegengewicht gegen eine Bedrohung durch Großbritannien und seine Mächtegruppe werden könnten, gehörten in das Reich weltfremdester Phantasie. Für jeden Kenner amerikanischer Verhältnisse stand es fest, daß im Falle einer Weltkonflagration die Sympathien Amerikas, trotz des starken deutsch-amerikanischen Einschlags, auf der Seite der Westmächte sein würden, und daß wir für uns günstigstenfalls eine Neutralität ohne besonderes Wohlwollen erwarten dürften.
So war die Mächtegruppierung um das Jahr 1908 beschaffen, zu der Zeit, als sich das große Verhängnis zusammenzuziehen begann. Die Ereignisse, die nun folgten — die bosnische Krisis von 1908/09, die Marokkokrisis von 1911, der türkisch-italienische Krieg, die beiden Balkankriege —, sind die unmittelbaren Vorläufer des Weltkriegs.
Während bei dem Abgang Bismarcks die Stellung Deutschlands unter den Großmächten über den Dreibund hinaus gesichert war durch den allerdings prekär gewordenen Rückversicherungsvertrag mit Rußland und das gute Verhältnis zu England, und während es dem auf Revanche sinnenden Frankreich damals noch nicht gelungen war, einen sicheren Bundesgenossen zu erlangen, war gegen Ausgang der Bülowschen Kanzlerschaft in der Triple-Entente eine starke Kombination mit deutlicher Spitze gegen Deutschland und Österreich-Ungarn entstanden, der überdies Japan durch das Bündnis mit England nahestand und die mit Italien in wichtigen Punkten sich verständigt hatte. Der Dreibund war isoliert und, soweit Italien in Betracht kam, unterhöhlt. Bismarcks „cauchemar des coalitions“ war zur Wirklichkeit geworden. Wir mußten von jetzt ab damit rechnen, daß wir bei jedem ernsten Konflikt mit einer einzelnen der Großmächte, mit denen ein ernster Konflikt überhaupt denkbar war, uns einer starken Koalition gegenüber sehen würden.
Die treibenden Kräfte
Die Frage drängt sich auf: Wie hat es so kommen können? War es lediglich die geschicktere Diplomatie auf der Seite unserer Gegner, die es diesen ermöglicht hat, uns wichtige Figuren aus unserm Spiel zu nehmen und das eigne Spiel zu verstärken, oder haben elementare Kräfte des Völkerlebens den Strom des Geschehens in jene Bahnen gelenkt?
Persönlich stehe ich nicht an, der Gegenseite, insbesondere den Engländern, die größere diplomatische Geschicklichkeit, die überlegene Führung der Politik zuzuerkennen. Ihre Staatsmänner haben insbesondere die wesentliche Kunst verstanden, der großen Richtlinie ihrer Politik entgegenstehende Interessen und Gefühle, auch solche von an sich erheblichem Gewicht, unterzuordnen. Ich erinnere an Frankreichs Haltung nach Faschoda, an Englands Preisgabe wichtiger eigener Interessen in Marokko zur Gewinnung Frankreichs, in Mittelasien zur Gewinnung Rußlands. Unseren deutschen Staatsmännern ist es nicht in gleichem Maße geglückt, Reibungspunkte mit Staaten, die nicht notwendigerweise unsere Gegner sein mußten, rechtzeitig zu beseitigen. Angesichts der auch nach meiner Ansicht nicht vermeidbaren Zuspitzung unseres Verhältnisses zu Großbritannien und der Rückwirkung dieser Zuspitzung auf unsere Verteidigungsgrundlage, den Dreibund, mußten von langer Hand Sicherungen, selbst unter großen Opfern, geschaffen werden. Unsere Politik war jedoch eine Politik der mangelnden Gegengewichte. Ich erinnere an Japan, das wir uns durch unser Eingreifen nach dem Frieden von Shimonoseki zum Gegner gemacht haben und dem wir durch unsere Festsetzung in Kiautschou einen unmittelbaren Anreiz für den Fall einer kriegerischen Konflagration geradezu vor die Haustür gesetzt haben. Ich möchte behaupten, daß ohne unsere territoriale Festsetzung in Kiautschou — unsere Hafen- und Eisenbahnunternehmungen in der Türkei haben bewiesen, in welchem Maße weitgesteckte wirtschaftliche Ziele auch ohne territoriale Festsetzung erreicht werden können — Japan niemals aktiv gegen uns eingegriffen hätte; ebenso wie ich überzeugt bin, daß die Türkei, falls wir etwa in Haidar-Pascha oder Alexandrette bei irgendeiner Gelegenheit eine territoriale Festsetzung versucht hätten, im Weltkrieg statt unser Verbündeter unser Feind geworden wäre. Das ist meine Ansicht nicht erst seit dem Weltkrieg. Ich erinnere mich, die Auffassung, daß insbesondere Kiautschou, aber auch andere Teile unseres über die Welt zersplitterten Kolonialbesitzes, für den Ernstfall nicht Stützpunkte, sondern Reibungspunkte und Schwächepunkte darstellten, schon im Jahre 1904 als junger Hilfsarbeiter in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes dem Fürsten Bülow dargelegt zu haben.
Dazu kamen bei uns gewisse Ungeschicklichkeiten und Schroffheiten in der diplomatischen Taktik und in der Form unsrer Meinungs- und Gefühlsäußerungen, die im Ausland teils falsch verstanden, teils gegen uns ausgenutzt wurden. Ich erwähne als Beispiel unsre Haltung auf der Haager Friedenskonferenz von 1907. Die Leiter der deutschen Politik und das deutsche Volk waren gewiß mindestens von ebenso friedlichen Absichten beseelt wie die Leiter der britischen Politik und das britische Volk oder irgend jemand sonst. Aber England erschien Arm in Arm mit Spanien und den Vereinigten Staaten im weißen Gewand des Friedensengels mit dem Antrag, die Frage der Rüstungsbeschränkungen auf das Programm der Konferenz zu setzen, Deutschland dagegen erschien mit seinem Einspruch gegen diesen Vorschlag im eisernen Gewand des Kriegsgottes. Ich bin mit dem Fürsten Bülow einig in der Meinung, daß eine Diskussion der Abrüstungsfrage mangels greifbarer Vorschläge und angesichts der in der Sache liegenden Schwierigkeiten zu keinem praktischen Ergebnis geführt hätte. Ich halte es darüber hinaus für wahrscheinlich, daß für England der Hintergedanke bestimmend war, das Übergewicht seiner maritimen Rüstung ein für allemal völkerrechtlich zu sichern und jede aufstrebende Seemacht, vor allem Deutschland, ohne weitere Anstrengung und ohne weitern Kostenaufwand niederzuhalten. Aber gerade deshalb wäre es wohl die bessere Taktik gewesen, den Engländern die Aufgabe des Formulierens von Vorschlägen, die nicht nur für Deutschland unannehmbar gewesen wären, zu überlassen, statt von vornherein zu erklären: „An einer nach unsrer Überzeugung wenn nicht bedenklichen so doch unpraktischen Diskussion können wir uns nicht beteiligen.“[4]
In dasselbe Kapitel gehören die oft lauten und weithin klingenden Worte, mit denen wir es liebten, unsern Willen zum Frieden durch ein allzu deutliches Betonen unsrer Bereitschaft zum Krieg zu unterstreichen. Wir hatten den Wunsch, nicht wieder wie in vergangenen Zeiten infolge unsrer geographischen Lage im Zentrum Europas zum Schlachtfeld fremder Nationen zu werden, und wir hatten aus der Geschichte durch die Schaffung einer starken Wehrmacht die Folgerung gezogen. Das war berechtigt. Aber es war nicht klug, beständig „das Schwert im Munde zu führen“ und damit unsern Feinden im Ausland die Möglichkeit zu geben, das friedlichste Volk und den friedlichsten Monarchen der Welt ihrer öffentlichen Meinung als besessen vom Kriegsteufel hinzustellen. Wir haben auf diese Weise den Mythus von unsern kriegerischen Absichten gefördert und damit eine internationale Stimmung erzeugen helfen, die einer gegen uns gerichteten Koalitionsbildung den massenpsychologischen Untergrund gegeben hat.