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Die Äbtissin von Castro

Chapter 19: I.
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About This Book

A set of novellas portrays life among Rome's papal court and provincial nobility, tracing clandestine passions, rivalries, and social maneuvering. Stories follow aristocratic women whose public piety masks intense personal desires, and lovers whose temperamental differences produce misunderstanding and boredom. Scenes move between salons, chapels, and diplomatic circles, exposing nepotism, theatrical devotion, and tensions between appearance and appetite. The narratives emphasize psychological observation and ironic distance, offering sharp portraits of manners alongside dramatic episodes of jealousy, confession, and social consequence.

Als der Chevalier bloß die beiden Frauen sah, trat er, den Degen in der Hand, hinter dem Vorhang hervor. Aber der nackte Stahl und das Blut, das ihn bedeckte, machten Wirkung auf die Zofe, die sich ganz blaß ans Fenster zurückzog. Der Chevalier dachte weder an Gefängnis mehr noch an seine Duelle; er bewunderte die außerordentliche Schönheit der jungen Person, die aufrecht vor ihm stand und ein wenig bestürzt. Nun fiel heftige Röte über ihr Gesicht, und ihre Augen wurden groß vor Neugierde.

‚Man möchte glauben, sie erkenne mich‘, dachte Saint-Ismier. Und dann: ‚Ich bin nicht goldbestickt wie der junge Mann, den ich erstochen habe; er war neueste Pariser Mode. Aber vielleicht gefällt ihrem guten Geschmack meine einfache Eleganz.‘ Er fühlte sich von Respekt ganz durchdrungen.

„Das Dunkel war nicht günstig, Madame. Es ließ mir 372aber mein kaltes Blut. Erlauben Sie mir, daß ich meine Entschuldigungen wiederhole für die schrecklichen Ungelegenheiten, in die Sie mein Unglück gebracht haben.“

„Sie erlauben, Herr Chevalier, daß alles, was Sie betrifft, auch von meiner Jungfer Alix gewußt wird. Sie hat viel Menschenverstand, alles Vertrauen meiner Mutter und ihr Rat wird uns nützlich sein — Sie erlauben?“

Alix hatte mehrere Kerzen angezündet. Nun nahm sie auf ein Zeichen ihrer Herrin auf einem Stuhl neben dem Fauteuil Platz, in dem sich diese selbst niedergelassen hatte.

Die junge Dame schien Mißtrauen und Unruhe verloren zu haben. Sie begann die Unterhaltung damit, den Chevalier aufzufordern, seine Geschichte nochmals zu erzählen. Währenddem dachte Saint-Ismier:

‚Allem Anschein nach hat diese Demoiselle Alix großen Einfluß auf die Mutter der jungen Dame, die wünscht, daß die Mama alle Einzelheiten dieser Nacht aus dem Munde dieser Alix erfahre.‘

Aber etwas beunruhigte fortwährend den Chevalier: das schöne Mädchen machte ihrer Alix heimliche Zeichen.

‚Wär's möglich, daß diese Frauen mich verrieten? Daß sie, mich hier durch Erzählen festhaltend, nur die Wache erwarten, nach der sie meinetwegen geschickt haben? Komme, was mag — ich glaube, in meinem Leben habe ich keine schönere und eindrucksvollere Frau gesehen.‘

Der Verdacht des Chevaliers wuchs, als die junge Dame zu ihm mit einem unerklärlichen Lächeln sagte:

„Wollen Sie mit uns in eine ganz nahe Galerie treten, Chevalier?“

‚Weiß Gott,‘ dachte der Chevalier, ‚was für eine Gesellschaft 373uns in der Galerie erwartet! Ich hätte Lust, das Fräulein zu erinnern, was mir bevorsteht, wenn man mich ins Gefängnis abführt.‘

So klug zu denken bringt nur ein Mann in großer Todesnot fertig; es auszusprechen, konnte er sich nicht entschließen; er fürchtete die Verachtung einer Dame dadurch zu riskieren, die ein so großartiges Wesen zeigte.

Alix öffnete die Tür. Der Chevalier bot der schönen Dame den Arm, deren Namen er noch immer nicht wußte. Man schritt über den Vorplatz der kleinen Marmorstiege. Alix drückte auf einen im Zierwerk der Wand verborgenen Knopf und man trat durch die sich öffnende Geheimtür in eine weitläufige Bildergalerie; der Chevalier packte fest seinen Degen.

„Hier wollen Sie sich versteckt halten so lange, bis meine Mutter sich über die Vorfälle dieser Nacht unterrichten konnte, die Sie zu uns geführt haben. Es ist angebracht, daß ich Ihnen sage, in welchem Hause Sie sich befinden. Ich bin Marguerite, Prinzessin de Foix. Die Leute des Herrn Rochegude werden es nicht wagen, hier einzudringen.“

„Es scheint mir ganz unmöglich, gnädiges Fräulein, daß der Chevalier mit Ihnen unter einem Dache wohne. Wird es bekannt, läßt es sich nicht mehr leugnen. Man muß eine Erklärung geben, und jede Erklärung ist tödlich für den Ruf eines jungen Mädchens, besonders wenn dieses Mädchen die reichste Erbin der Provinz ist.“

„Vor drei Jahren, Chevalier, verlor ich in der Bataille von ** meine beiden Brüder. Seitdem ist meine Mutter plötzlichen und sehr beunruhigenden Anfällen unterworfen. Wie heute nacht wieder. Ich weilte bei ihr, währenddem Sie in mein Zimmer dringen konnten auf 374so sonderbare Weise. Diese Galerie enthält nur mäßig merkwürdige Bilder. Ich bitte Sie, sehen Sie sich einige davon an.“

Der Chevalier blickte die Prinzessin an.

‚Sie ist verrückt,‘ dachte er, ‚wie schade.‘ Und er ging mit ihr ganz unter dem Eindruck dieser Meinung einige Schritte vor ein Bild.

„Hier sehen Sie einen jungen Krieger in einer heute nicht mehr üblichen Rüstung. Immerhin schätzt man das Bild des Malers.“

Der Chevalier stand versteinert vor Erstaunen: er erkannte in dem Bilde sein eigenes Porträt. Er blickte auf die Prinzessin, deren vornehm ernstes Wesen unverändert blieb, nichts verriet.

„Mir kommt vor,“ sagte er nach einer Weile, „als sähe ich in dem Bilde eine zufällige Ähnlichkeit mit mir.“

„Ich weiß nicht,“ sagte die Prinzessin, „aber dies ist das Konterfei des Raymond von Saint-Ismier, Fahnenjunker im Garderegiment. Vor vier Jahren wollte mein armer älterer Bruder, der Herzog von Condal, hier die Bildnisse aller jener Verwandten beisammen haben, deren Familien noch existierten. Du siehst, Alix, wie es wohl nicht unmöglich ist, daß meine Mutter einem unsrer Verwandten Asyl gewährt, dem Chevalier von Saint-Ismier, verfolgt wegen eines unverzeihlichen Verbrechens, eines Duells.“

Bei diesen Worten lächelte Marguerite zum erstenmal und mit entzückendem Zauber.

„Es soll alles geschehen, wie das gnädige Fräulein wünschen. Es geht natürlich nicht, die gnädige Frau Prinzessin, Ihre Mutter, nach der schrecklichen Nacht, die sie gehabt hat, aufzuwecken. Ich bitte das gnädige 375Fräulein, mir Befehle zu erteilen, aber nicht Ratschläge von mir zu verlangen.“

„Und ich verdürbe mir das außerdentliche Glück, das ich diesem Bildnis eines meiner Ahnen verdanke, wenn ich duldete, daß das, was das gnädige Fräulein einem leider sehr entfernten Verwandten schuldig zu sein glaubte, zu irgendeinem Schritt führte, den Mademoiselle Alix mißbilligt.“

„Ja, wenn Sie fortwollen,“ sagte Marguerite mit reizender Anmut, „dann bin ich hinsichtlich des Mittels in großer Verlegenheit. Das Haus hat einen Torwächter, einen alten Soldaten, der den pompösen Titel Gouverneur führt. Jeden Abend muß unser Gouverneur die äußeren Tore sperren und die Schlüssel verwahren. Die kleine Gartentür, durch die Sie gekommen sind, ist jetzt zu. Heut nacht um zwölf sah ich, wie unser Pförtner alle Schlüssel meiner Mutter brachte. Sie liegen auf einem kleinen Tisch neben ihrem Kamin. Alix, willst du von dem Tisch den Schlüssel holen, damit wir den Chevalier hinauslassen können?“

„Bei Madame der Prinzessin wachen vier, fünf Frauen,“ sagte Alix, „und den Schlüssel zu holen, wäre das Unklügste, was wir tun könnten.“

„Dann gib doch ein andres Mittel an, wie wir den Chevalier von Saint-Ismier, unsern Vetter, aus dem Hause bringen.“

Man besprach manches, ohne Erfolg. Da machte Alix, von den Einwendungen ihrer Herrin in die Enge getrieben, zum Schlusse eine Unklugheit.

„Sie wissen, gnädiges Fräulein, daß das Appartement des Herzogs von Condal unberührt und unbetreten ist. Bei einem Bette liegt, wie ich weiß, eine seidene Strickleiter, die vierzig Fuß lang sein muß. Sie ist leicht, und 376ein Mann kann sie unter dem Arm tragen. Auf dieser Leiter steigt der Herr in den Garten. Ist er einmal da und entdeckte man ihn auch im Garten, so ist die Sache schon weit weniger kompromittierend für Sie. Es gibt doch so viele Frauen im Hause! Am Ende des Gartens, gegen die kleine Kirche vom fleischgewordenen Worte zu, ist eine Stelle, wo die Mauer nicht höher ist als acht Fuß; im Garten gibt's allerlei Leitern. Der Herr kann leicht die Mauer hinaufkommen und auf der andern Seite dient ihm ein Stück der Strickleiter.“

Als die weise Alix mit ihrem Fluchtplan soweit war, lachte die Prinzessin hellauf.

377AUS ITALIENISCHEN CHRONIKEN

378ÜBERTRAGEN VON FRANZ BLEI

379Ich kann mir denken, daß meine Zeitgenossen aus dem Jahre 1833 von den naiven und lebhaften Geschichten, die man hier in der Sprechweise einer Gevatterin wiedergegeben findet, wenig erbaut sein dürften. Mir liefert die Erzählung all dieser Prozesse und Hinrichtungen wahrhafte Daten über das menschliche Herz, über die man des Nachts im Postwagen gern nachdenkt. Es wäre mir viel lieber gewesen, ich hätte Geschichten von Liebeshändeln, Heiraten, klugen Erbschleichereien gefunden. Aber in solche Geschichten hätte, auch wenn ich deren gefunden hätte, die Eisenhand der Gerechtigkeit nicht hineingegriffen, und sie würden mir auch, fände ich welche, wenig vertrauenswürdig vorkommen. Immerhin sind gefällige Leute in diesem Augenblick bemüht, für mich derlei auszuforschen.

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts hat die Eitelkeit, le desir de parestre, wie der Baron de Foeneste, sagt, in Frankreich einen dichten Schleier über das Tun der Menschen geworfen und insonders über die Motive des Tuns. In Italien ist die Eitelkeit von ganz andrer Art, dessen ich den Leser mit meinem Ehrenwort versichern kann; sie hat hier eine bedeutend geringere Wirkung. Man denkt im allgemeinen an den Nachbar nur, wenn man ihn haßt oder ihm nicht traut; Ausnahmen davon 380gibt es höchstens bei den drei oder vier großen Festen im Jahr; dann erzwingt sich jeder, der ein Fest gibt, sozusagen mathematisch des Nachbarn billigende Zustimmung. Es gibt da keine flüchtigen Nuancen, die man in jeder Viertelstunde des Lebens mit tödlicher Unruhe im Fluge sich erhascht und merkt. Man sieht hier keines jener unruhigen und magern Gesichter, durch welche alle Ängste einer stets leidenden Eitelkeit blicken, keines dieser Gesichter à la Vixault, Deputierter des Herault im Jahr 1833.

Diese italische Eitelkeit ist so sehr verschieden und so sehr viel schwächer als unsere französische, und dies hat mich darauf geführt, die nachfolgenden Klatschgeschichten abschreiben zu lassen. Meine Vorliebe für diese Geschichten dürfte jeden meiner französischen Zeitgenossen spaßig und gesucht vorkommen, die gewohnt sind, ihr literarisches Vergnügen und das Abbild des menschlichen Herzens in Werken wie denen der Herrn Villmain und Delavigne zu suchen. Dessen bin ich sicher, daß das heutige England, Deutschland und Frankreich viel zu zerfressen sind von Affektiertheit und aller Art Eitelkeit, als daß sie imstande wären, ein so scharfes Licht in die Tiefen des menschlichen Herzens zu werfen, wie es diese alten italienischen Berichte tun.

Ich muß gestehen, daß ich sehr wenig neugierig bin auf die Denk- und Lebensgewohnheiten der Bewohner von Ceylon oder von Neu-Holland. Diese Völker sind allzuverschieden von den Menschen, die meine Freunde und Nebenbuhler waren. Sie bringen mich zum Gähnen wie die Achille, und Agamemnone und die Helden Racines: ich kenne diese Herrschaften nicht. Aber ich schmeichle mir, die Franzosen und die Italiener meiner 381Zeit zu kennen; ich liebe das, was das Herz des Menschen darstellt, aber des Menschen, den ich kenne.

Rom, Palazzo Cavalieri

24. April 1833.

Man wird in dem Folgenden keine komponierten Landschaften finden, sondern wahrhafte Naturansichten. Die Wahrheit muß hier für alle sonstigen Vorzüge stehen; aber wir leben in einer Zeit, der die Wahrheit nicht genügt und die sie nicht genug pikant findet. Die sich in dieser Verfassung Geistes befinden, denen rate ich, jede Woche nur eine der folgenden Geschichten zu lesen, deren Sprache ich liebe; es ist die des Volkes, voller Pleonasmen und alle schrecklichen Dinge bei ihrem schrecklichen Namen nennend. Aber gerade dadurch schildert der Erzähler unbewußt sein Jahrhundert und dessen gemeinübliche Denkweise.

Die mehreren dieser Geschichten sind wenige Tage nach dem Tode der armen Teufel niedergeschrieben worden, von denen sie Bericht geben. Meine Korrekturen versuchten, die Sprache etwas weniger dunkel zu machen, damit ich nicht schon beim dritten Lesen die Geduld verliere. Es ist ja überhaupt die Dunkelheit ein großer Fehler des Italienischen oder vielmehr der acht oder zehn italienischen Sprachen, von denen keine ihre Rivalinnen besiegt hat, so wie die Sprache von Paris die Montaignes getötet hat. So sagt man in Rom: vi vedrò domani al giorno, was in Florenz kein Mensch verstünde. Ich persönlich läse lieber eine Geschichte in englischer als in italienischer Sprache, sie wäre mir deutlicher.

Nur ein Volk, in dem die Stärke des unmittelbaren Eindruckes, wie in Neapel, und die Stärke der vom 382Geiste ohne Pause geförderten Leidenschaft, wie in Rom, so bedeutend war, vermochte es, in solch hohem Maße Affektiertheit und Eitelkeit zu unterdrücken oder auszuschalten. Ich bin nicht sicher, ob man außerhalb Italiens — und Spaniens vor der Unnatur des 19. Jahrhunderts — eine Epoche fände, kultivierter und interessanter als die der Riccaras, von denen Franklin berichtet, und doch wieder so sehr ohne Eitelkeit, daß das menschliche Herz fast bloß liegt. In diesem Jahre 1833 kann ich feststellen, daß man in Frankreich und besonders in England Totschlag vorwiegend des Geldes wegen begeht. Aber von den beiden armen Teufeln, die vorgestern hier hingerichtet wurden, hat der dreiundzwanzigjährige Vivaldi seine Frau umgebracht, weil er eine andere liebte, und der zweite, siebenundzwanzigjährig, hatte aus politischen Gründen einen Arzt erschossen, der wahrscheinlich ein Vaterlandsverräter war. Von Geldinteressen keine Spur.

Rom, 15. Mai 1833.

DER KARDINAL ALDOBRANDINI

I.

Paolo Santacroce, ein römischer Edelmann aus Fano, war wiederholt mit Bitten in seine Mutter gedrungen, sie solle ihn zum gesetzlichen Erben ihres Vermögens einsetzen. Da sie sich dessen weigerte, beschloß er, sie ums Leben zu bringen. In solcher Absicht schrieb er an seinen älteren Bruder Onofrio Marchese von Oriolo, der damals von Rom abwesend war, ihre Mutter beflecke durch ihre Ausschweifungen die Ehre ihres edlen Hauses und daß sie derzeit schwanger sei. In Wahrheit 383war die arme Frau wassersüchtig, wie sich nach ihrem Tode herausstellte. Onofrio schrieb seinem Bruder zur Antwort, er solle tun, was ein Edelmann seiner Ehre schuldig sei. Daraufhin erdolchte Paolo seine Mutter und floh nach Neapel, wo er bald darauf den Tod fand.

Diesem Verbrechen Pardon zu geben schien der Papst gar nicht geneigt, zumal kurz vorher der Brudermord des Marc Anton Massimi sich ereignet hatte und der Prozeß der Cenci wegen Vatermordes im Gange war. Papst Clemens VII. befahl strenge Untersuchung, zumal der Hauptschuldige fehlte; man fand die beiden Briefe der Brüder und alsbald wurde Onofrio verhaftet, gerade als er auf dem Grundstück der Orsini dem Ballspiel oblag.

Als des Papstes Neffe, der Kardinal Aldobrandini, von dieser Verhaftung hörte, gab er dem Monsignore Taverna, Gouverneur von Rom, den Auftrag, sich persönlich des Prozesses anzunehmen und versprach ihm durch Verwendung bei seinem Onkel den Kardinalshut, wenn es ihm gelänge, gegen Onofrio ein Todesurteil zu erreichen. Es tut aber selber Hut mehr Wirkung auf die römischen Prälaten als die Farbe des Goldes auf die Augen der Banditen. Der Monsignore Taverna tat getreu, wie ihm aufgetragen.

Solange das Verhör dauerte, wollte der Kardinal Aldobrandini ihm anwohnen, und war ihm da kein Tag zu heiß und keine Mittagsstunde; also sah man ihn oft mitten im Juli sein Haus gegen die siebzehnte Stunde verlassen und sich nach dem Kerker von Tordi Nona begeben, woselbst er sieben und acht Stunden hintereinander blieb, um dem Verhör beizuwohnen. Selbes drehte sich immer um jene Briefstelle, in der Onofrio 384schrieb, sein Bruder möge tun, was die Ehre einem Edelmanne gebiete, und immer wieder wollte der Gouverneur wissen, was er mit diesen Worten gemeint habe. Verwirrt im Geiste durch das lange Verhör gab endlich Onofrio zu, daß er damit den Tod der Mutter gemeint und verlangt habe, auf daß der Flecken abgewaschen würde, mit dem die vermeinte Schwangerschaft des unglücklichen Weibes die Ehre seines berühmten Hauses befleckt habe.

Dieses Geständnis kostete ihm das Leben; er wurde zum Tode verurteilt und enthauptet.

Man sah eine große Dummheit darin, daß er dieses Geständnis gemacht hatte; denn hätte er erklärt, jene Stelle in dem Briefe bedeutete, daß der Eintritt jener unwürdigen Frau ins Kloster die Schmach abwasche, so hätte er damit nicht nur sein Leben gerettet, sondern Lob geerntet, zumal es nach den Gesetzen ritterlicher Ehre nicht zu den Pflichten des Sohnes gehört, Fehltritte der Mutter zu rächen, sondern nur solche der Gattin oder der unverheirateten Schwester.

Unter den Kardinälen, welche der Papst im Jahre 1604 ernannte, befand sich auch Monsignore Taverna. Er hätte seine Barretta im Blute des Onofrio Santacroce rot gefärbt, sagte man damals in Rom.

Es soll aber das Verlangen des Kardinals Aldobrandini nach der Verurteilung des Santacroce seinen Grund in der Nebenbuhlerschaft bei einer Dame gehabt haben, die er leidenschaftlich liebte und welche des Onofrio Geliebte gewesen sein soll. Von Aldobrandini hatte sie einen kostbaren Diamantring zum Geschenk erhalten, den die Dame wieder dem Onofrio schenkte, der mit dieser Gunst seiner Geliebten prahlte. Als er eines Tags den Kardinal begrüßte, legte er die Hand auf den Schlag 385der Sänfte, so daß der Diamant jenem in die Augen funkelte.

Man erzählt auch, daß Onofrio eines Nachts den Kardinal mit Faustschlägen angriff, als dieser gerade am Hause seiner Geliebten vorbeiging; und am andern Morgen sei er im Vorzimmer des Kardinals erschienen, um ihm seine Aufwartung zu machen, und tat so, als ob er ihn nicht erkannt hätte. Daher die Wut und Rache des Kardinals.

II.

Unter dem Papste Clemens VII. war dessen Neffe, eben der genannte Kardinal Aldobrandini, mit der geistlichen und weltlichen Gerichtsbarkeit des Kirchenstaates betraut. Der Papst hielt streng darauf, daß unter seinem Pontifikat die Gesetze gerecht und genau befolgt würden, weshalb er auch seinen eignen Neffen mit diesem Vertrauensposten bekleidet hatte. Und es wurden auch in der Tat viele Schuldige bestraft, aber andere Verbrechen wieder blieben ungesühnt; so die Ermordung des römischen Ritters Girolamo Longobardi.

Dieses Longobardi Haupt fand man am Morgen des Karsamstag auf dem Petersplatz auf eine Lanze gespießt und daran einen Zettel mit dieser Aufschrift: „Du hast allzu tyrannisch regiert und was du andern antun wolltest, das hat man dir angetan.“

Man kannte nicht die Motive, welche den Kardinal Aldobrandini zum Todfeind dieses kaum zwanzigjährigen Longobardi machten, der von allen, die ihn kannten, so geliebt wurde wie gehaßt jener Kardinal, dem der Papst, da er ihn mit dem Purpur bekleidete, sagte: „Trachte, deine neue Würde nicht zu entehren, denn es wird dir, tust du Böses, nichts nützen, daß du mein Neffe bist.“

386Longobardi hatte zur Geliebten eine junge Sängerin von großem Talente und von außerordentlicher Schönheit, namens Anna Felice Brocchi. Der Kardinal-Nepot hatte durch das Gerede bei Hofe und in der Stadt Talent und Schönheit der Sängerin rühmen hören. Eines Tages, als er an ihrem Hause vorbeiging, erblickte er sie am Fenster liegen und entbrannte allsogleich in heftiger Liebe zu ihr. Und suchte nach einem Mittel, ihr dies zu sagen. Da er sich aber von seinem Onkel überwacht wußte, mußte er hiebei mit äußerster Vorsicht zu Werk gehen. Er erfuhr, daß diese Brocchi dem Longobardi gehöre, den er haßte.

Die Sängerin hatte die Leidenschaft des Kardinals wohl bemerkt und fühlte seine Liebe, da er jeden Mittag an ihrem Hause vorbeiging, gerade zu der Zeit, wo sie zur Messe in Santa Maria della Pace zu gehen pflegte und wohin ihr der Kardinal folgte. Hier sah sie der Kardinal unausgesetzt zärtlich an und versuchte es, ihr durch bestimmte Zeichen seine Liebe bekannt zu geben.

Dieses Spiel währte eineinhalb Jahr, ohne daß Aldobrandini anders als durch Zeichen mit Anna Brocchi sprechen konnte.

Solches erzählte sie nun eines Tages alles dem Longobardi. Worauf dieser sagte, daß es wegen der Feindschaft zwischen ihm und dem Kardinal sehr übel ausgehen könnte; er empfahl ihr größte Zurückhaltung und den lügnerischen Versprechungen des Kardinals nicht zu glauben, vor allem aber, ihn nie bei sich zu empfangen. Auch nicht zu grüßen oder sonst zu beachten.

Longobardi, erregt von der Mitteilung und den Versprechungen Annas wenig trauend, ließ seine Geliebte durch Spione beobachten und ihr Haus bewachen, wovon 387allem Anna nichts merkte, da es mit großer Heimlichkeit geschah.

Und bald erfuhr der junge Edelmann durch seine Leute, daß die Liebe zwischen jenen beiden nicht nur nicht aufhörte, sondern täglich fester wurde. Um sich selber davon zu überzeugen, begab er sich am Sankt Matthäustage zur gleichen Zeit wie Anna Brocchi in die Kirche della Pace, wo er sich in einer Seitenkapelle verbarg, von der aus er alles genau sehen konnte, was sich zwischen der Sängerin und dem Kardinal begab. Und es blieben ihm keine Zweifel mehr, als die Brocchi, gefolgt vom Kardinal, die Kirche verließ und dieser sie lachend grüßte, was ihm die Sängerin mit einem Blick zurückgab, der deutlich genug war.

Der arme Longobardi lief wütend zu der Sängerin und machte ihr Vorwürfe wegen ihres von ihm doch verbotenen Kirchenbesuches und daß sie den Kardinal gegrüßt habe. Die Brocchi gab den Kirchenbesuch zu, leugnete aber, den Kardinal Aldobrandini da gesehen zu haben. Und fuhr trotz seiner Bitten fort, dieses zu behaupten, daß sie jenen weder gesehen noch gegrüßt habe. Da riß der Ritter Longobardi seinen Dolch heraus und bedrohte sie mit dem Tode, wenn sie nicht die Wahrheit sage. Da gestand die erschrockene Sängerin, den Kardinal gesehen und gegrüßt zu haben, aber dies nur in höflicher Antwort auf seinen Gruß und auf ganz übliche Weise. Sie habe anfangs dies nur geleugnet, weil sie so geringfügiger Ursache wegen keinen Streit zwischen den beiden Männern entfachen wollte.

Diese Antwort beruhigte etwas den jungen Edelmann, und er bat sie aufs neue, die Kirche della Pace nicht zu besuchen und den Kardinal nicht zu grüßen oder gar zu sprechen, denn anders würde es sie das Leben kosten, 388dessen könne er sie versichern. Und die Sängerin versprach, wenn auch sehr gegen ihren Willen, alles zu tun, wie er wünsche.

Aldobrandini vermißte zu wiederholten Malen die Sängerin in der Kirche und konnte sich den Grund ihrer unbegreiflichen Abwesenheit nicht erklären; er beschloß aber, auf das Geheimnis zu kommen; doch löste es sich ihm auf eine nicht erwartete Weise. Er erhielt von Anna Brocchi einen Brief, in dem sie ihm mitteilte, daß sie sich unter seinen Schutz stelle; er möge sie von Longobardi befreien, der sie mit grausamer Härte behandle. Der Kardinal war entrüstet über das, was er die Frechheit des Ritters nannte und ließ Anna sagen, daß er ihr ergeben sei und sich um nichts andres kümmere, als ihr zu dienen. Sofort suchte er nach einem Mittel, sich seines Rivalen zu entledigen. Alsbald fand man an jenem Ostersamstag das Haupt des Longobardi auf eine Lanze gespießt auf dem Petersplatze.

Der Verdacht richtete sich alsobald auf Aldobrandini, von dessen Besuch bei der Sängerin am selben Abende des Mordes man erfuhr. Und alle Welt wunderte sich über die geringe Tätigkeit, welche die Justiz in dieser Mordsache entfaltete, und über das Schweigen des Papstes in dieser Sache.

Den Kardinal sah man nun zu jederzeit in das Haus der Sängerin gehen, derart, daß es ein großes Ärgernis gab.

Umgeben von Kreaturen des Kardinals, konnte der Papst nichts wissen. Man pries ihm die Sittenstrenge seines Neffen, an die zu glauben ihn wohl auch seine verwandtschaftlichen Gefühle bewogen. Aldobrandini hätte sich auch fernerhin alles Vertrauen des Papstes, seines Onkels, erfreuen können, hätte diesen nicht ein 389Zufall mit dem Leben des allzuverliebten Kardinals bekannt gemacht.

Im Verlaufe eines Gespräches mit dem spanischen Gesandten beleidigte der Kardinal diesen auf das schwerste. Der Gesandte, ein Edelmann von feinstem Geiste, wollte die guten Beziehungen zwischen seinem Hofe und dem päpstlichen Stuhle von diesem Zwischenfall nicht trüben lassen und tat, als ob er die Beleidigung nicht merkte, bereitete aber im Geheimen seine Rache. Nun erfuhr er durch seine Leute von der Beziehung Aldobrandinis zur Sängerin Brocchi, der schamlosen Straflosigkeit des Kardinals und daß der Papst von den Schandtaten seines Neffen nichts wisse. Dieser pflegte die Sängerin unter den größten Vorsichtsmaßregeln gegen vier Uhr des Nachts zu verlassen; Diener und Wagen erwarteten ihn ein paar Schritte vom Hause entfernt um eine Straßenecke, wohin er sich immer zu Fuß begab. Der Gesandte schickte nun einen seiner Lakaien zu Anna Brocchi und ließ sie bitten, ob er an einem bestimmten Abend zu ihr kommen könne, sie singen zu hören. Er ließ ihr auch sagen, daß sie zu niemandem von dieser Einladung sprechen möge, damit daraus kein Gerede entstehe.

Die Sängerin war sehr geschmeichelt, von einer so hohen Persönlichkeit bemerkt worden zu sein, und gab ihre Zustimmung bereitwilligst.

An dem beschlossenen Abend schickte der Gesandte einige vertraute Diener voraus, die sich im Treppenhaus versteckt halten sollten. Alle waren mit großen Fackeln versehen, geschickt in besonders dazu gefertigten Gehäusen verborgen. Als nun Aldobrandini heimlich und leise seine Schöne verließ, hielten ihm die Kerle des Gesandten ihre leuchtenden Fackeln ins Gesicht, als Ehrengeleite, 390wie sie sagten. Der Kardinal, dem diese starke Beleuchtung gar nicht paßte, wollte die Leute wegschicken, aber sie blieben durchaus und geleiteten den Kardinal, der, so gut er konnte, mit seinem Mantel sein Gesicht verhüllte, bis an seinen Wagen.

Die Geschichte wurde bald bekannt und kam endlich auch zu den Ohren des Papstes, der alles zu wissen begehrte. In großem Zorne entzog er seinem Neffen sein Vertrauen, entkleidete ihn seiner Ämter und Titel und verbot ihm, jemals mehr vor seinen Augen zu erscheinen, falls er nicht auch des Purpurs verlustig gehen wolle; denn es blieb dem Papste kein Zweifel mehr, daß Aldobrandini auch an der Ermordung jenes Longobardi schuldig war.

VERBRECHEN UND TOD DES GIROLAMO BIANCINFIORE EINES FLORENTINISCHEN EDELMANNES

Zur Zeit, als sich der fünfte Karl bemühte, das Haus Medici in Florenz auf den Thron zu bringen, gab es unter den edlen Familien dieser Stadt auch eine, die ganz besonders dem Unglücke geweiht zu sein schien, das Geschlecht der Biancinfiore. So starben im Jahre 1520 Madonna Constanza Biancinfiore und ihre Kinder plötzlich an Gift, ohne daß man dem Urheber dieses Verbrechens auf die Spur kam. Nur eines der Kinder kam mit dem Leben davon; es war dies Signor Girolamo Biancinfiore, der fortan in Neapel lebte. Man war allgemein des Glaubens, daß er selber seine Familie umgebracht habe, um deren einziger Vertreter zu sein; darum begab er sich, um sein Leben bangend, alsofort 391nach Rom, als er erfuhr, daß sein Landsmann, der Papst Leo X. aus dem Hause Medici den päpstlichen Thron bestiegen hatte. Er warf sich dem Papst zu Füßen, der ihn gnädig aufnahm.

Dieser Girolamo war von hoher Intelligenz und einer über alle Probe erhabenen Tapferkeit. Unglücklicherweise hatte ihm diese Tapferkeit zu nichts anderem gedient als dazu, ein leidenschaftlicher Zweikämpfer zu werden; denn mit dem Degen verstand er vortrefflich umzugehen. In Neapel hatte er im Zweikampf mehr als sechsunddreißig Gegner getötet, und zumeist aus ganz nichtigen Gründen, was ihn ebenso gefürchtet machte wie den Verdacht bestärkte, den man hinsichtlich des Todes seiner Familie auf ihn geworfen hatte.

Girolamo ließ sich in Rom nieder, mietete hier ein Haus und lebte in einem Aufwand, der bald alle seine Einkünfte verschlungen hatte. Er verkehrte mit einer Anzahl junger Adeliger, die ihn nicht wegen seiner persönlichen Tugenden schätzten als wegen der Länge und Lebhaftigkeit seines Schwertes, weshalb sie sich auch hüteten, mit ihm in Streit zu kommen. Aber Girolamo, der sich von denen, die er seine Freunde nannte, so geschätzt sah oder vielmehr glaubte, brannte darauf, eine Probe seines Wertes und seiner Geschicklichkeit abzugeben, rühmte er sich doch immer, nie noch einen Gegner verfehlt zu haben. Und da bot sich ihm auch schon so sehr verlangte Gelegenheit. Am Ostersonntag beleidigte er ohne jeden Grund und Anlaß mitten in der Kirche von Santa Maria in Trefontana einen neapolitanischen Edelmann, den Grafen von Alincastro, den er von früher her kannte, und der in der Kirche seine Andacht verrichten wollte. Der Graf, der ein frommer Mann war, sagte leise zu Biancinfiore: 392„Signor Girolamo, es ist dies weder der Ort noch die Stunde, Händel auszutragen, aber zu anderer Zeit und an anderm Orte mögt Ihr mich immer finden.“ Darauf verließ Girolamo wütend die Kirche und wartete draußen auf den Grafen. Als er ihn aus dem Kirchentor treten sah, ging er auf ihn zu und forderte ihn mit Beschimpfungen zum Zweikampf. Und nannte ihn einen Feigling, wenn er die Herausforderung nicht annehme. Da solches vor vielem Volke sich zutrug, blieb dem Grafen, der Ehre und Ruf bedroht sah, nichts andres, als den Zweikampf anzunehmen. Er holte bei einem Freunde, wo er ihn gelassen hatte, seinen Degen und focht mit Biancinfiore; eine große Menge sah zu. Der Graf bekam einen Stich in die Brust, und verschied eine halbe Stunde danach.

Die Familie des Grafen erhob beim Papste Klage gegen Biancinfiore, von dessen ruchlosen Taten in Neapel der Papst bei dieser Gelegenheit erfuhr. Er ließ ihn in die Engelsburg werfen. Aber ein paar einflußreiche Freunde Girolamos verwandten sich für ihn und es gelang ihnen, die Sippe des Erschlagenen versöhnlich zu stimmen. Darauf begnadigte ihn auch der Papst, doch unter der Bedingung, daß er in Rom nie mehr Waffen tragen dürfe, unter Strafe des Todes.

Dieses päpstliche Verbot machte des Girolamo Bekannte weniger ängstlich vor ihm, denn jeder war der Meinung, er würde jenes Gebot achten. Aber es waren noch nicht zwei Monate nach seiner Haftentlassung vergangen, als er sich durch ein zweideutiges Wort eines venetianischen Edelmanns beleidigt glaubte und diesen, wie er es gewohnt war, mit Beschimpfungen zum Zweikampf forderte. Darauf begab er sich nach Hause, seinen Degen zu holen, und fand sich an dem Orte 393ein, wo ihn der Venetianer erwartete. Dieser war ein gewandter Fechter, hatte aber das Mißgeschick, über einen Stein zu stolpern und hinzufallen. Alsogleich stürzte Biancinfiore über ihn her und versetzte ihm so viele Stiche, daß dem Unglücklichen kaum Zeit zur Beichte mehr blieb, als er seinen Geist aufgab.

Biancinfiore flüchtete vor dem Zorn des Papstes in eine Kirche, wo er sich zwei Monate lang verborgen hielt. Während dieser Zeit legten sich neuerlich einige seiner Freunde beim Papste ins Mittel, und dieser verzieh ihm zum zweiten Male; Girolamo hatte eine hohe Geldbuße zu zahlen und nachher den Kirchenstaat zu verlassen. Nun war aber Biancinfiore schon aus Neapel, Florenz und andern Orten verwiesen und wußte nicht mehr, wohin er sich begeben sollte; also ließ er dem Papste die Beteuerung seiner Reue und seines Gehorsams zukommen und daß er ihn nur immer schwer strafen möge, wenn er inkünftig sein Gebot übertrete. Der Papst begnadigte, gerührt von diesen inständigen Bitten, Girolamo zum andern Male, und hinfort lebte dieser sehr zurückgezogen, um jeden neuen Anlaß zu Vergehungen zu vermeiden.

Nun geschah es aber, daß er viel im Hause der Gräfin Oddi zu verkehren begann und sich heftig in die Gräfin verliebte, die auch ihrerseits bald eine solche starke Zuneigung zu ihm empfand, daß sie ihm nicht nur ihren Wagen überließ, sondern ihm alles gab, wessen er bedurfte, ja ihn in einem Trakte ihres Hauses wohnen ließ. Daraus entstand, daß sich Girolamo bald wie ein Eheherr fühlte, denn er verbot, eifersüchtigen Wesens, der Gräfin, die ein großes Haus führte, jede Geselligkeit, insonders den Empfang von Herren in ihrem Hause. Aber die Gräfin kümmerte sich um solches nicht und 394begann den Biancinfiore lästig zu finden; sie sagte ihm, daß er sie mit seiner Eifersucht langweile. Solche Worte kränkten den Eifersüchtigen um so mehr, als er die Gäste, die er täglich mit bösen Blicken sah, nicht mehr vor seine Klinge fordern konnte. Er konnte es nicht hindern, daß die Gräfin Herren und Damen zu einem Gastmahl lud, worunter besonders ein paar junge Edelleute seinen Haß hervorgerufen hatten; da nahm er seine Zuflucht zu Gift, wohl in der Hoffnung, daß auch dieser Giftmord wie der an seiner Familie verborgen bleiben oder daß ihm dabei das Glück so günstig sein würde wie bei seinen beiden Zweikämpfen. Einen ihm sehr ergebenen Diener der Gräfin machte er zu seinem Vertrauten, indem er ihn mit Geld bestach. Die Gäste waren bereits versammelt, als er diesen Diener in sein Gemach rief und ihm sagte: „Streu dieses Pulver hier unvermerkt auf das letzte Gericht, das du aufträgst, und gib mir dann ein Zeichen. Du bekommst als Lohn mehr als du dir träumst.“

Hierauf setzte er sich zu den fröhlich Tafelnden und aß mehr wie sonst; als der Diener aber das Zeichen machte, da hörte er zu essen auf. Alle nun, die von der vergifteten Speise gegessen hatten, wanden sich bald in großen Schmerzen, und auch Biancinfiore rannte als wie besessen von Schmerzen durch das Zimmer. Die Mühe der herbeigerufenen Ärzte war vergeblich. Die Gräfin, ihre kleine Tochter und drei Edelleute verstarben. Nur bei Biancinfiore, der sich zu Bett begeben hatte, wirkten die Mittel der Ärzte, die dieses mit Staunen sahen, aber schließlich froh waren, wenigstens einen von sechsen gerettet zu haben.

Kaum sah sich Biancinfiore allein, so rief er nach seinem Diener. Er bedrohte ihn mit dem Tode, falls er 395vor Gericht das Geringste verriete, und gab ihm Geld. Die päpstliche Justizbehörde ordnete Nachforschungen an über dieses auffallende plötzliche Sterben, und als die Gerichtsärzte an den ausgegrabenen Leichen Gift feststellten, wurde die ganze Dienerschaft der Gräfin verhaftet und verhört. Trotz der Folter, unter die man einen Diener stellte, der widerspruchsvoll ausgesagt hatte, kam kein Licht in die Sache, und man mußte alle wieder entlassen, darunter auch jenen Diener. Aber es faßte diesen plötzlich die Furcht. Er flüchtete in eine Kirche und erklärte, er wolle ein Geständnis ablegen, wenn man ihm Straflosigkeit zusichere. Solches geschah, und vor den Gouverneur von Rom geführt, enthüllte er die Untat, zu der er, wie er sagte, durch die Drohungen Biancinfiores gezwungen worden wäre. Dieser wurde verhaftet und in den Kerker von Corte Savella gebracht. Der Papst, der sich selber große Schuld zumaß, ordnete eine strenge Untersuchung an.

Anfangs leugnete Biancinfiore alles, auch als man ihn mit dem Diener zusammenbrachte. Aber beim Anblick der Folterwerkzeuge gestand er nicht nur das letzte Verbrechen, sondern auch den Giftmord an seiner Familie. Das Gericht verurteilte ihn zum Feuertode und vorherigem Zwicken mit glühenden Zangen, aber der Papst verwandelte diese Strafe in Ansehung seines adeligen Hauses in einfache Hinrichtung im Kerker. Noch am selben Abende empfing Biancinfiore das Todesurteil. Er erhob ein großes Wehklagen, aber seine Beichtiger beruhigten ihn und tiefe Reue kam über ihn, Gott so sehr beleidigt zu haben. Er bat um Verzeihung für alle seine Missetaten und dankte ihm für seinen bußfertigen Tod. Vor seiner Hinrichtung erbat er sich noch die Gnade des päpstlichen Segens, der ihm auch von einem 396Prälaten des päpstlichen Hauses überbracht wurde. Dann legte er das Haupt auf den Richtblock.

Also endete der letzte aus dem Hause der Biancinfiore.

DER HERZOG VON SAVELLI

Des Herzogs von Savelli einziger Sohn war, wie der Kardinal Gaetani in einem Briefe schreibt, ein junger Mann von lebhaftem Geiste, großem Mute und untadeligen Sitten, was alles ihn sehr beliebt am römischen Hofe machte. Er wollte kaiserliche Dienste nehmen, aber der Vater war damit nicht einverstanden, dessen Trost im Alter, Stolz und einzige Hoffnung seines Hauses er war; zudem plante er seine Verheiratung mit der Tochter eines der ersten neapolitanischen Geschlechter, des des Marchese de Vastro, deren Mitgift 800 000 Skudi betrug. Die Braut zählte aber erst zehn Jahre, weshalb die Eheschließung auf den Tag verschoben wurde, der ihr dreizehnter Geburtstag war.

Inzwischen lebte der junge Herzog auf seinem Landgute Ariccia, wo er sich in ein junges Mädchen von großer Schönheit und Tochter ehrbarer Eltern verliebte, die aber bereits einem jungen Manne des Ortes, namens Christofano, versprochen war. Um die Tochter den Nachstellungen des jungen Herzogs zu entziehen, drängten die Eltern mit der Eheschließung. Sie hielten das Mädchen streng im Hause, auf daß sie der Herzog nicht sehe, der ihr aber insgeheim einige Liebesbriefe hatte zukommen lassen. Es fand die Hochzeit statt und der Herzog sandte als Hochzeitsgabe ein reich mit Blumen verziertes Mieder, was die Eifersucht des jungen Gatten in hohem Maße erregte. Aber er war ein Vasall des Herzogs und konnte mit ihm nicht rechten, ja mußte um 397sein Leben fürchten, falls er sich den Wünschen seines Herrn widersetzte. Aber er wollte lieber sterben, als solches dulden; so schwor er. Und seine Frau war mit ihm ganz einig. Sie übergab auch die Briefe, mit denen sie der Herzog bestürmte, ihrem Gatten, und sie bezogen ein anderes Haus, als der Herzog in ein nah benachbartes Haus zog, von dessen Fenster aus er die junge Frau zu sprechen suchte. Dem Gatten schien nur die Wahl zwischen Unehre und Tod zu bleiben, und er begann seine Heirat zu bereuen. In seiner Verzweiflung beschloß er, den jungen Herzog zu ermorden, um die Ehre seines Ehebettes zu retten.

Er veranlaßte seine Frau, auf einen der Briefe des Herzogs zu antworten, und sie schrieb ihm, er möge um Mitternacht verkleidet zu ihr kommen, damit man ihn nicht erkenne; ihr Mann sei in Geschäften nach Rom gefahren. Daß er den Herzog ermorden wollte, davon sagte Christofano seiner Frau kein Wort; er wollte ihm nur einen Streich spielen, sagte er ihr, ohne ihn zu beleidigen, was die junge Frau in ihrer Unschuld auch glaubte. Der Herzog eilte verkleidet zu dem Stelldichein, aber statt in die Arme seiner Geliebten, fiel er in die ihres Gatten, der die Kleider seiner Frau angelegt hatte und den Liebhaber durch eine Magd in ein entlegenes Gemach führen ließ. Hier schoß er, kaum daß er eingetreten war, fünf Kugeln aus seiner Pistole auf ihn ab und durchschnitt ihm mit einem Messer die Kehle, damit er nicht schrie. Mit Hilfe eines Genossen, den er gedungen hatte, schleppte er hierauf den Leichnam bis zum Tor des Schlosses, wo er ihn in seinem Blute liegen ließ.

Nach Haus zurückgekehrt, wollte er nun auch seine Frau ermorden, aber diese war in das Haus ihrer Eltern geflüchtet. Christofano floh mit seinem Genossen nach 398Aleppo in der Türkei, von wo er Nachricht nach Rom sandte.

Auf die Kunde von dem Verbrechen sandte der Papst viele seiner Gerichtsbeamten nach Ariccia, die alsbald in Christofanos Haus die große Blutlache fanden. Die Gattin wurde verhaftet und nach Borgo Castello gebracht, wo sie zwei Monate lang verhört wurde. Sie wurde verschiedenen Graden der Folter unterworfen und gab das Folgende zu Protokoll:

„Es ist so, daß mich der junge Herzog Savelli, während ich im Elternhause lebte, mehrfach durch Briefe zu einem Stelldichein zu überreden suchte. Meine Mutter aber sagte mir, ich dürfe darauf nicht antworten, denn er sei ein leichtfertiger junger Mann, der seine Leute um nichts ermorden lasse. So sagten auch mein Vater und alle meine Verwandten. Es war das erste, was mir mein Mann Christofano sagte, daß ich den jungen Herzog nicht ansehen solle. Als er eines Tages an das Fenster des Nachbarhauses trat, stürzte mein Mann mit dem offenen Messer auf mich zu, aber sein Bruder, der Priester Don Angelo Maria, fiel ihm in den Arm. Wir zogen in ein andres Haus, das mein Mann gemietet hatte, dasselbe, in dem der junge Herzog ermordet wurde. Der sandte mir aufs neue Briefe, die ich meinem Manne zeigte. Dann gab er ihm Antwort in einem Briefe und lud ihn zu Mitternacht in unser Haus, um ihm, wie er mir sagte, einen Streich zu spielen. Was ich um so mehr glaubte, da er meine eignen Kleider anlegte, auch Halsband und Ringe, die ich trug. So trat er um Mitternacht dem Herzog gegenüber, mit Messer und Pistole. Ich starb vor Schrecken, als ich den ersten Schuß hörte. Ich habe nichts gesehen, denn ich floh aus dem Haus, aus Angst, es könnten mich die Diener des Herzogs umbringen. 399Ich floh zu meinen Eltern. Meine Mutter sagte mir, ich dürfe von dem allen nichts verraten, und wir gingen zum Podesta.“

Die junge Frau blieb fest bei ihrer Aussage im Gefühle ihrer Unschuld; sie wurde aber doch zum Tode durch Enthaupten verurteilt, welche Strafe die Familie des alten Herzogs verlangte.

Als die Herzogin Margarete von Parma von der Schönheit der Verurteilten hörte, wollte sie sie durchaus sehen, und da sie großen Gefallen an ihr fand, beschloß sie ihre Rettung. Sie verhandelte mit dem Papste. Der aber wollte sie nur begnadigen, wenn der alte Herzog Savelli damit einverstanden wäre. Die Herzogin erreichte es von ihm, daß ihr die Verurteilte als gerichtet überantwortet würde. Darauf nahm sie sie als Hoffräulein in ihre Dienste und erreichte ihre völlige Freisprechung.

Umsonst ließ Papst Paul III. den Mörder in allen Teilen des Kirchenstaates suchen, denn der war in Aleppo. Aber die Eltern der Frau mußten lange im Kerker schmachten und wurden dann aus Ariccia und dem Kirchenstaate verwiesen. Das war die einzige Genugtuung für den Herzog, der über den Tod seines Sohnes dem Wahnsinn verfiel.

DIE RACHE ARIBERTIS

Ariberti, ein Mailänder Edelmann und Besitzer mehrerer Ortschaften, hatte gegen ein Mitglied der Familie Pecchio einen tödlichen Haß gefaßt; er war in seinem Besitztum und später auch in seiner Liebe schwer beleidigt worden. Pecchio führte gegen ihn einen Prozeß, den er gewann. Im Verlaufe dieses durch Jahre sich hinziehenden 400Prozesses fiel Pecchio des Ariberti schöne Frau auf, und es gelang ihm, sie von seiner Liebe wissen zu lassen und die ihre zu gewinnen. Nach Verlust des Prozesses erging sich Ariberti in Drohungen gegen seinen Gegner. Pecchio erfuhr, daß Aribertis Gattin auf einem der Schlösser ihres Gatten in strengem Gewahrsam gehalten wurde. Sie trug nur nach einem in der Welt Verlangen: aus Aribertis Tyrannei erlöst zu werden. Insgeheim hatte sie genügend Geld für ihren Unterhalt zusammengebracht. Das Schloß, in dem sie eingeschlossen war, lag nah bei Lecco, eine Stunde Wegs von der Adda, die das Venetianische vom Mailändischen trennt; einmal auf venetianischem Gebiet, konnte sie einen andern Namen annehmen und war vor allen Verfolgungen so gut wie sicher. Und ging es nicht anders, so wollte sie in Venedig in ein Kloster gehen, dessen Regeln zu jenen Zeiten nicht sehr streng waren.

Während der kurzen Beziehungen zu Pecchio hatte er ihr Geständnis empfangen. Seitdem waren drei Jahre vergangen, und Aribertis Tyrannei war unerträglich geworden; er hatte drei spanische Duennen in Dienst genommen, die seine Frau abwechselnd bewachten; nicht einmal des Nachts war die Unglückliche allein: die wachthabende Duenna schlief bei ihr im Zimmer.

Eine Kammerfrau, vormals die Vertraute von Aribertis Gattin in ihrer Liebschaft, war zwar nicht davongejagt, aber zur Gänsemagd degradiert worden, als welche sie an dem Ufer der Adda ihre Herden hütete. Der seltsame und in der Kunst der Rache raffinierte Mann hatte zu der Kammerfrau gesagt: „Ich strafe dich so mehr, als wenn ich dich wegschicke.“ Und als die Unglückliche den Wunsch aussprach, bei einer andren Herrschaft in Dienst treten zu dürfen, antwortete ihr 401Ariberti: „Versuch es nur, aber in weniger als vier Wochen bist du tot.“

Pecchio wußte um alle diese Dinge, die übrigens in Mailand Stadtgespräch waren zu der Zeit, als er sich für die Drohungen rächen wollte, die Ariberti überall gegen ihn ausstieß seit dem Verluste seines Prozesses. Eines Tages ging Pecchio, wie er sagte, auf die Jagd, wozu er sich als Bauer verkleidete; so kam er an die Adda, wo er die Gänseherde seines Feindes aufsuchte. Er vergewisserte sich, daß an diesem Tage jener Kammerfrau allein die Obhut der Gänse anvertraut war und traf sie wie zufällig.

„Großer Gott, wie seid Ihr verändert!“ rief er ihr zu, „kaum seid Ihr wieder zu erkennen!“

Die Kammerfrau brach in Tränen aus und sprach kein Wort.

„Wie leid mir Euer Unglück tut,“ sagte Pecchio, „erzählt mir doch, wie das kam; zuvor aber wollen wir uns hinter jener Hecke verbergen, damit uns nicht einer der Spione bemerkt, die immer um das Schloß streichen.“

Die Kammerfrau erzählte ihr und ihrer Herrin Unglück. Sprach die Herrin ihre frühere Kammerfrau einmal an oder lächelte sie ihr nur zu, so wurde die Kammerfrau auf acht Tage bei Wasser und Brot eingesperrt. Die Behandlung ihrer Herrin schien weniger hart, war aber noch grausamer. Ariberti sprach mit ihr immer nur in einem spottenden höhnenden Ton.

Pecchio schien von diesen endlosen Berichten sehr bewegt.

„Ach, Herr, wenn Ihr ein Christ seid, so solltet Ihr diese unglückliche Frau, die Ihr einst so liebtet, retten. Bleibt sie noch ein Jahr in diesem Zustande, so stirbt sie für sicher. Und sie wäre schon glücklich, könnte sie 402nur eine Meile weit von hier fern sein! Sie hat ein Kästchen voll Goldzechinen und zudem, wie Ihr wißt, viele Diamanten.“

„Wohlan, ich werde sie retten“, sagte Pecchio.

Die alte Kammerfrau und jetzt Gänsemagd fiel auf die Knie.

„Ich fürchte nur eines,“ sagte Pecchio, „Euer Geschwätz. Du oder deine Herrin, ihr werdet reden, werdet euch jemandem anvertrauen und werdet mir den Tod bringen.“

Und als darauf die Kammerfrau sich zu schweigen verschwor, fuhr er fort: „Genau heut in acht Tagen, am nächsten Dienstag, ist Neumond und zudem Jahrmarkt in Lecco. Die Nacht über wird die Straße voller singender Betrunkener sein. In dieser Nacht, wenn's zehn Uhr auf der Kirchenuhr schlägt, werde ich auf der Adda sein, unten am Schloßgarten, dort, wo die Maulbeerbäume und die vielen Nesseln stehen und wo ich mich früher immer einschlich. Ich werde selber vom Comersee mein Boot herrudern; es ist sehr klein; hoffentlich wird man mich nicht bemerken.“

„Aber wir brauchen mindestens zwei Männer, um die Duennen festzuhalten und ihnen einen Knebel in den Mund zu stecken; denkt daran, daß sie schreien werden und daß man Euch auf der Adda verfolgen wird. Die Schiffleute Aribertis sind lauter junge Leute, die den Preis auf der Regatta gewonnen haben. Und wie soll ich es anstellen, meiner Herrin Nachricht zukommen zu lassen? Ich kann ihr zwar durch ein zwischen uns verabredetes Zeichen zu verstehen geben, daß ich ihr Wichtiges zu sagen habe, aber wie soll ich ihr es sagen? Es geht oft monatelang, ohne daß ich sie sprechen kann.“

403Die Kammerfrau konnte nicht schreiben; alles schien sich zu vereinigen gegen Pecchios Pläne. Schließlich wurde vereinbart, daß Pecchio ein Fläschchen mit Mohnsaft, ein berühmtes Betäubungsmittel, das man damals in Venedig bereitete, in zwei Tagen bringen solle. Berta hatte Angst, es möchte Gift sein; aber Pecchio beruhigte sie, und sie kamen überein, daß Berta den Duennen etwas von dem Safte geben solle. Darauf sollte sie jenen Dienstboten, welche die Duennen nicht leiden konnten, Geld in die Hand geben, auf diese Weise zu ihrer Herrin kommen und endlich, wenn sie Pecchio etwas zu melden hätte, einen einzelwachsenden kleinen Weidenbaum knicken, der mitten auf einer nahen Wiese stand. Pecchio kehrte nach Mailand zurück und früher als gewöhnlich trieb Berta ihre Gänse in den Schloßhof. Sie suchte hier eine Gelegenheit, mit ihrer Herrin zu sprechen, noch vor der Ankunft jener Betäubungsmittel. Der Herr Pecchio war jung und stand im Rufe geringer Beständigkeit. Berta, welche seine Rachepläne nicht kannte, fürchtete, er könnte vergessen, zum Stelldichein an der Adda zu kommen.

Alles ging nach Wunsch. Berta schläferte mit dem Mohnsaft die Duennen ein, sprach mit ihrer Herrin, und am Jahrmarktstage in Lecco betranken sich alle Dienstleute Aribertis, wozu die Zechinen dienten, welche Pecchio der Kammerfrau zugesteckt hatte. Ariberti selber war in Mailand auf einem Balle, den die Signora Arezi, eine der vornehmsten Damen des Landes, gab.

Zur ausgemachten Stunde fand Pecchio sich mit seinem Boote an jenem einsamen Ufer des Schloßgartens ein. Die Duennen konnten die Flucht ihrer Herrin nicht verhindern. Berta hatte alle Angst, sie zu vergiften, verloren und ihrem Wein eine sehr große Menge von dem 404Mohnsaft beigemischt. Sie folgte ihrer Herrin auf das kleine Boot.

Zu seinem großen Leidwesen sah Pecchio, daß Donna Teresa Ariberti noch große Leidenschaft für ihn hegte oder daß diese neu entflammt war, während sein einziger Gedanke war, sich von ihr zu befreien. Sobald das Boot auf venetianischem Boden war, übergab er die Dame einem Franziskanermönch, den er bestochen hatte und der ihn auf einer kleinen Insel nah dem venetianischen Addaufer erwartete. Der Mönch versprach, Donna Teresa auf Umwegen nach Venedig zu bringen. Aber sie beschwor Pecchio, sie nicht zu verlassen, und da der Edelmann sich taub stellte, ging sie soweit, ihm Vorwürfe zu machen, daß er sie unter dem Versprechen, mit ihr zusammenzuleben, aus ihrem Schlosse entführt habe. Pecchio beeilte sich, auf das mailändische Ufer zu kommen, wo er bereits vorbereitete Relais fand, die ihn um zwei Uhr morgens nach Mailand auf den Ball der Signora Arezi brachten. Einer der ersten, die er hier traf, war Ariberti, der, obwohl jung und schön, nicht tanzte und düster dreinsah, als ahnte er, was sich auf seinem Schlosse zugetragen hatte.

Am andren Tage erhielt er die traurige Kundschaft. In großer Eile fuhr er heim und stellte genaue Nachforschungen an, konnte aber nichts entdecken. Die Duennen waren noch halbtot und vermochten keine Antwort zu geben, dank der ungeheuren Menge Mohnsaft, die Berta in ihrem Zorne ihnen beigebracht hatte. Nach einigen Tagen vergeblichen Forschens entdeckte Ariberti beim Durchsuchen des Zimmers der einen Duenna ein merkwürdig geformtes Fläschchen. Die Duenna antwortete auf seine Frage, sie habe das Fläschchen erst vor zwei Tagen gefunden und es wäre ihr, als habe sie es 405in den Händen von Berta gesehen. Ariberti schlug sie fast tot dafür, daß sie ihm das nicht früher schon gesagt hatte.

Voll Verzweiflung, kein Anzeichen gefunden zu haben, kehrte Ariberti nach Mailand zurück, das Fläschchen nicht vergessend. Er selber nahm sich die Mühe, bei allen Apothekern der Stadt damit herumzugehen und sie auszufragen. Bei einem erfuhr er, das Fläschchen stamme aus einer berühmten, von einem entlaufenen griechischen Mönch gehaltenen Apotheke. Ariberti begriff, daß der Apotheker mehr wußte, als er sagte; er bedrohte ihn erst, dann gab er ihm Geld. Da gestand der Apotheker, daß das Fläschchen kein Gift enthalten habe, sondern ein starkes Betäubungsmittel, das man den Kranken in gewissen Fällen gebe, und daß er selber dieses Fläschchen ein paar Tage zuvor an den Signor Pecchio verkauft habe…

DIE BRÜDER MASSIMI

Der Marchese Massimi, ein Verwandter der Colonna und andrer altadeliger römischer Geschlechter, war Witwer geworden und nannte fünf Söhne sein eigen. Nun geschah es, daß sich der alte Marchese ganz toll in die Geliebte des Marcantonio Colonna verliebte, einer sehr schönen Dame, die der Colonna aus Neapel mitgebracht hatte. So stark war die Liebe des Marchese zu dieser Dame, daß er sie zu ehelichen beschloß, was durchaus nicht den Absichten seiner vier älteren Söhne entsprach, die diese Heirat mit allen Mitteln zu hintertreiben dachten. Am Abend nach der vollzogenen Hochzeit verlangte die junge Frau, ihre Stiefsöhne zu sehen, die sie noch nicht kannte. Diese ließen aber durch den 406nach ihnen geschickten Diener sagen, daß sie an diesem Abend das Glück der Jungvermählten nicht stören wollten, aber andren Tages nicht verfehlen würden, ihre Aufwartung zu machen.

Am nächsten Morgen begab sich der Marchese wie gewöhnlich nach dem Vatikan, denn er war Cameriere di Spada e Cappa beim Papste. Dieses hatten die Söhne gesehen, drangen alsbald in das Schlafgemach ihrer Stiefmutter, töteten sie mit Pistolenschüssen und ergriffen die Flucht.

Der alte Marchese war von dem Anblick, der sich ihm bei seiner Rückkehr bot, zu Tode getroffen. Dann ergriff er ein Kruzifix, verfluchte seine Söhne und rief Gott dafür zum Zeugen, daß er seine vier Söhne enterbe zugunsten seines Jüngsten, der an dem Morde nicht teilgenommen hatte.

Bald danach starb der alte Marchese, und die Mörder kehrten dank ihrer hohen Beziehungen und ihrer vornehmen Verwandtschaft nach Rom zurück, ohne Strafe oder Verfolg. Aber der väterliche Fluch erfüllte sich bald.

Marcantonio, den zweiten, gelüstete es nach der Würde des erstgebornen Luca und er brachte den Unglücklichen mit Gift beiseite. Er hatte das Gift zuerst an seinem Kutscher ausprobiert. Erst leugnete er seine Tat und wurde freigelassen. Als sich aber neue Verdachtsgründe zeigten, wurde er in den Kerker von Tordinona gebracht, wo er angesichts der Folter sein Verbrechen in allen Einzelheiten gestand. Der Papst verurteilte ihn am 16. Juni 1599 zum Tode, den er, mit Gott versöhnt und mutig, ertrug. Er legte für die Hinrichtung Festkleider an, als ob es zu einem Mahle ginge. Der Scharfrichter wollte ihm seine Halskrause abnehmen, aber er 407sagte befehlend zu ihm: „Rühr mich nicht an!“ Und als er seiner Fesseln wegen selber den Kragen nicht abnehmen konnte, bat er einen seiner Begleiter, solches zu tun. Hierauf legte er selber sein Haupt auf den Richtblock und fragte den Henker, ob es so richtig sei, worauf dieser Ja sagte und ihm das Haupt abschlug. Seine letzten Worte waren: „In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum.“

Auch die beiden andern Brüder erreichte die strafende Hand Gottes. Der eine, der Malteserritter war, wurde von den Türken getötet. Der andere wurde in einem Liebeshandel aus einem Hinterhalt erschossen.

GEORGE PIKNON

In den ersten Jahren des Pontifikates des Papstes Clemens VIII. traf ein Irländer namens George Piknon während der Oktave der Auferstehung den Erzpriester von San Celso und San Giuliano in Banchi auf seinem Wege in die Kirche, um den Kranken die Kommunion zu spenden. Beim Anblick des Prälaten packte den Irländer sinnlose Wut; er ohrfeigte ihn so heftig, daß der Erzpriester das Ziborium fallen ließ. Piknon hätte den Leib Christi mit Füßen getreten ohne die Dazwischenkunft der wütenden Menge.

Soldaten entrissen ihn dem Volke und er wurde eingesperrt und verhört. Aber auf alle Fragen antwortete er nur, daß er nichts als seine Pflicht getan habe und bedaure, sie nicht voll erfüllt zu haben. Vergeblich versuchten einige Mönche seiner Nationalität, ihn zu bekehren und zum katholischen Glauben zu bringen: es war verlorene Mühe.

Indem der Papst hoffte, ihn solcherweise zu besseren 408Gefühlen zu bringen, befahl er, daß man Piknon im Gefängnis behalte, aber mit Nachsicht und Güte behandle. Aber es war unnütz. Piknon wollte sich auf nichts einlassen.

Schließlich kündigte man ihm an, daß er gehenkt würde; er antwortete mit Hohnlachen; man gab ihm darauf noch die weitere Strafe, das Zwicken mit glühenden Zangen auf dem Wege zum Richtplatz.

Als am Abend vor der Hinrichtung der Kerkermeister ihm nach Brauch das Urteil verlas, lachte Piknon auf und spie, von plötzlicher Wut gepackt, dem Mann ins Gesicht und versuchte ihm Fußtritte zu geben. Keinem der Geistlichen, die um ihn waren, gelang es, von ihm andres zu erreichen als eine abweisende Geste.

Inmitten einer ungeheuren Menge wurde er zu Tode geführt und mit den Zangen gezwickt, was ihn brüllen machte wie ein Stier, und wovon ein solcher schlechter Geruch entstand, daß einer der ihn begleitenden Geistlichen ohnmächtig wurde. Er übergab sich selbst dem Henker. Sein Leichnam wurde verbrannt und seine Asche in alle Winde verstreut.

DIE FARNESE

Es geben einige Schriftsteller der Familie Farnese einen uralten Adel, aber, ohne damit die großen Talente ihrer vorzüglichsten Glieder zu leugnen, muß gesagt werden, daß wahrhafter Ursprung der Größe dieser Familie kein andrer war als die Anmut und Schönheit ihrer Ahnin, der Vanozza Farnese.

Ranuccio Farnese, ein römischer Edelmann von mäßigem Vermögen, hatte drei Kinder: Pier Luigi, Giulia und Vanozza. Pier Luigi und Giulia heirateten; der 409erstere hatten einen Sohn, Alexander, der eines Tages die Tiara tragen sollte.

Was Vanozza betrifft, so verführte sie durch ihre ungewöhnliche Schönheit den Roderigo Lenzuoli, durch seine Mutter Neffe Calixtus III. aus der Familie der Borgia, der ihm im Jahre 1456 den Purpur verschaffte und ihm die Würde des Vizekanzlers mit einigen tausend Talern Einkünften und sonstigen Benefizien erteilte, wodurch er einer der reichsten Kardinäle wurde.

Vanozza wurde die Geliebte dieses Roderigo und hatte einige Kinder von ihm, die, wie der berühmte Cesare Borgia, mit großem Aufwande erzogen wurden, als ob sie zu den mächtigsten Fürstengeschlechtern gehörten. Alexander, ein Sohn jenes Pier Luigi, den seine Tante Vanozza sehr protegierte, trat trotz seiner sehr leichten Sitten in den Dienst des Kardinals Roderigo und war noch nicht zwanzig Jahre alt. Dieser Alexander war in Liebeshändeln höchst verwegen, hatte manche Dolchstiche ausgeteilt und empfangen und fürchtete nichts sonst als die Unerbittlichkeit des sehr gerechten Papstes Innozenz VIII., der von 1484 bis 1491 regierte, und vor dem sein Treiben durchaus geheim gehalten werden mußte. Alexander zählte dreißig Jahre, als er ein Abenteuer bestand, ob dessentwillen ihn die Frommen noch mehr haßten, aber jene, die ihn verehrten, noch mehr liebten.

Er ritt eines Tages durch die Campagna und machte zwei Miglien vor Rom halt, um Ausgrabungen zu besichtigen, die er hier von einigen Bauern aus Aquila ausführen ließ. Da kam an der Stelle eine junge Frau aus edlem römischen Geschlecht vorbei, die in ihrem Wagen nach Tivoli fuhr und von drei Bewaffneten begleitet war. Alexander war von der Schönheit der Dame so betroffen, 410daß er unverzüglich die Bewaffneten anfiel und dem Kutscher zuschrie: „Halt! Das sind meine Pferde! Ihr habt sie gestohlen!“

Alexander war gut bewaffnet, aber seine beiden Diener hatten nur ganz kurze Schwerter und nahmen gleich Reißaus. Alexanders Leben war in Gefahr. „Herbei, tapfere Aquilaner!“ schrie er, und die Leute verließen ihre Arbeit in dem Augenblick, da er von den Bewaffneten umringt war. Was Alexander so wütend machte, war nicht seine persönliche Gefahr, sondern daß der Kutscher nun seine Pferde antrieb und davonfuhr im Galopp. „Dem Wagen nach!“ schrie Alexander zweien von den Aquilanern zu, „und tötet eins der Pferde!“

Zum Glücke für Alexander wurde dieser Befehl von allen vernommen. Zwei liefen dem Wagen nach und die andren schlugen mit Harken, ihren einzigen Waffen, auf die Begleitmannschaft ein, die das Leben des jungen Farnese bedrohte. Er stach einen der Leute nieder, zwei andre fielen vom Pferde und liefen davon. Alexander hatte ein paar leichte Wunden erhalten; das hinderte ihn aber nicht, hinter dem Wagen mit der Dame herzurennen. Sie war in Ohnmacht gefallen und er ließ den Wagen querfeldein nach einer kleinen Villa zu fahren, die ihm gehörte, etwa zwei Miglien von Palestrina entfernt. Hier verlebte er einen glückseligen Monat. Niemand in Rom außer dem Kardinal Roderigo wußte um seinen Aufenthalt.

Am Tage jenes Verbrechens war Alexander so klug gewesen, jedem der Aquilaner sechs Zechinen zu geben und ihnen zu befehlen, sofort über Tivoli und Rio Freddo in das Königreich Neapel zu verschwinden, was auch getreulich ausgeführt wurde, so daß das Verbrechen ziemlich lange unentdeckt blieb. Aber schließlich kam 411es doch dem Papste zu Ohren. Der Kardinal wollte nicht als der Schuldige an der Entführung gelten, denn er hatte sich erst kurz vorher einer ähnlichen Untat schuldig gemacht. So wurde Alexander trotz aller Mühe, die sich Vanozza für ihren Neffen gab, in die Engelsburg gesperrt. Der Gouverneur von Rom ließ alle Diener Alexanders einsperren, aber erst auf der Folter redeten sie, und so erfuhr er auch von den Aquilanern. Er ließ sie von Sbirren betrunken machen und über die nahe Grenze locken; hier wurden sie gefaßt und verhört. Erst nach Monaten war die Untersuchung abgeschlossen, und es drohte Alexander schwere Gefahr. Da gelang es dem Kardinal Roderigo und Pietro Marzano, einem Verwandten der Farnese, Alexander ein Seil zukommen zu lassen. Und er war kühn genug, sich von der Höhe der Engelsburg, wo er gefangen war, bis in die Gräben hinunterzulassen. Das Seil war an 300 Fuß lang und von großem Gewicht.

Nach dem Tode Innozenz VIII. wurde der Kardinal Roderigo unter dem Namen Alexander VI. Papst. Damit gelangte Vanozza zu höchster Macht und sie erreichte es, daß Alexander begnadigt und zum Kardinal gemacht wurde. Er lebte sein wildes Leben weiter wie zuvor und bis zu dem Tage, da er sich in ein adeliges Mädchen namens Celia verliebte, die er als seine Frau behandelte und von der er einige Kinder hatte.

Nach dem Tode Clemens VII. wurde Alexander unter dem Namen Paul III. Papst.

DIE FÜRSTIN VON SALERNO

Romandina war die schönste von drei Schwestern, Töchtern des Gabriele del Balzo Orsini, Herzogs von 412Venosa, und mit Roberto Sanseverino verheiratet, erstem Fürsten von Salerno und Großadmiral des Königreichs Neapel. Ihm folgte ihr Sohn Antonello in der Herrschaft. Carlo Caraffa, der jüngste Sohn des Galeazzo und der Corella Brancaccio war des Fürsten nächster Freund, jungaussehend wie ein Knabe noch, schön, hochherzig und voll Begabung. Die beiden waren unzertrennlich; weilte der Fürst in Neapel, so zeigten sie sich überall zusammen.

Nun begab es sich, daß Carlo im Duell einen Edelmann aus der Familie Capece erstach und aus Neapel fliehen mußte: er begab sich nach Salerno, wo ihn die Fürstin Romandina auf das liebevollste aufnahm, eingedenk der Freundschaft ihres Gatten. Allmählich entbrannten aber die beiden in Liebe füreinander, und eine Abwesenheit des Fürsten benutzend, verrieten sie ihn, sie den Gatten und er den Freund. Die Fürstin vertraute ihre Liebe einem ziemlich hübschen, aber boshaften Kammermädchen namens Giovanna an und bat, sich ihr hilfreich und wachsam zu zeigen.

Als der Fürst zurückkehrte, begrüßte er den ungetreuen Freund auf das herzlichste; er hatte die Verhandlungen zwischen ihm und der Familie des Getöteten geführt und es durch seinen Einfluß zu einem Vergleich gebracht; so daß Carlo zum großen Schmerze der Fürstin nach Neapel zurückkehrte.

Es ließ ihm aber nach einigen Monaten die Fürstin durch ein Schreiben wissen, wie sehr sie sich über seine Fremdheit beklage, indem er so lange Zeit nicht nach Salerno gekommen wäre, sie zu sehen. Carlo antwortete, daß er mehr denn je von Liebe für sie erfüllt sei, doch hätte er Salerno gemieden, um sie nicht zu verraten und sie nicht beide um Leben und Ehre zu bringen. Dieser 413Brief mißfiel aber der Fürstin und sie schrieb ihm, er hätte sie immer besuchen sollen. Dieser Brief brachte Carlo in großen Zwiespalt. Ginge er nicht nach Salerno, so verlöre er die Liebe der Fürstin nicht nur, sondern sie würde ihn für untreu und falsch nehmen. Gehorchte er aber ihrem Wunsche, so würde ihre Liebe leicht bekannt werden durch einen Zufall oder den Ungestüm der Fürstin. Aber nach vielem Schwanken entschied sich Carlo, seiner Geliebten zu folgen, und er ging unverzüglich nach Salerno.

Den Fürsten, der sehr erfreut über Carlos Ankunft war, sagte dieser, daß ihm seine Feinde trotz des geschlossenen Friedens nach dem Leben trachteten, weshalb er in Salerno für kurze Zeit ein Asyl suche, während welcher Zeit er sich mit den Wissenschaften, den lange vernachlässigten, beschäftigen wolle. Solches sagte Carlo besonders der Vasallen des Herzogs wegen, die ihn mit mißtrauendem Auge ansahen. Der Fürst bot seinem geliebten Freunde einen einsam liegenden Ort seiner Herrschaft zum Aufenthalte an, aber Carlo sagte, er würde wohl auch am Hofe in Salerno selber einen Platz finden, der ihm erlaubte, sich seinen Studien mit aller Muße hinzugeben; nur daß er zurückgezogen lebe, möge ihm der Fürst erlauben, was ihm dieser gerne zusagte.

Die Fürstin aber wartete voll Sehnsucht der Nacht, da ihr Gemahl mit seinem Hofstaat ein Schauspiel besuchen wollte. Giovanna war die Wächterin, und es gaben sich die beiden Liebenden solchem Glücke hin, daß sie schier daran zu versterben meinten.

Ein Jahr lang genossen sie dieses Glück, wenn anders solche verbrecherische Liebe ein Glück genannt werden kann, und nicht der leiseste Verdacht fiel auf sie.

414Da starb Carlos Vater, Galeazzo, und er mußte der damit verursachten Geschäfte wegen nach Neapel zurückkehren. In dieser Zeit ließ der Fürst seinen einzigen Sohn Antonello aus Neapel zurückkommen, wo er als Page dem König Ferrante bis zu seinem vierzehnten Jahr gedient hatte. An diesem Hofe herrschte die Liebe, und des Knaben Sinn war ganz von ihr erfüllt, denn er war heißen Blutes. Er verliebte sich in die lebhafte Giovanna, die wie zwanzig aussah, wenn sie damals auch schon fünfunddreißig zählte. Die Kammerfrau erriet sehr bald die Absichten des jungen Herrn Antonio und tat, als wiese sie ihn ab, um ihn noch stärker an sich zu fesseln. Die Fürstin, die dieses Spiel der beiden merkte, fürchtete, es könnte zur Entdeckung ihrer eigenen Liebschaft führen und verbot der Giovanna, sich mit ihrem Sohne einzulassen. Und sie drohte ihr mit Züchtigung, als sie merkte, daß Giovanna ihrem Verbote nicht folgte. Dieses war sehr unbedacht von ihr, denn sie hätte sich sagen müssen, daß es ihre eigene Ehre verlange, die Schwächen andrer zu schonen.

Giovanna fand sich durch solche Behandlung schlecht für ihre treuen Dienste belohnt; sie nahm Abschied von ihrer Herrin und stellte sich unter Antonellos Schutz, der nun fünfzehn Jahre alt geworden war. Zu spät bereute Ramondina, und in ihrer Angst, jene möchte sie verraten, beschloß sie den Tod der Kammerfrau; einige ihrer Getreuen betraute sie mit dieser Tat. Als diese Leute nun Giovanna mit Dolchen angingen, erhob sie ein großes Geschrei, und es gelang ihr, zu entfliehen; sie rettete sich in die Kammer einer Magd, wo sie laut um Hilfe rief. Eine Menge Menschen lief zusammen, und als auch der Bargello erschien, flüchteten die Mörder in die Kirche San Mateo. Antonello, der auf das Geschrei 415herbeieilte, fand seine Geliebte in ihrem Blute. Er ließ die Kirche umstellen, um die Mörder zu fassen. Seine Mutter befahl ihm aber, sie entkommen zu lassen; was er versprach.

Er erzählte sehr unklug Giovanna von dem Befehl seiner Mutter. Da erfaßte die Kammerfrau großer Zorn gegen die Fürstin und sie erzählte Antonello die Geschichte seiner Mutter mit Carlo Caraffa. Antonello berichtete es sofort seinem Vater. Dieser wollte es von Giovanna selber hören, und sie erzählte ihm den Liebeshandel mit allen Einzelheiten, so daß er weder mehr an der Untreue seines Freundes noch an der seines Weibes zweifeln konnte. Er gebot Giovanna und Antonello tiefstes Schweigen.

Die Fürstin hatte von der Unterredung durch ihre Spione erfahren und machte sich auf Gift gefaßt, weshalb sie täglich Gegengifte und Elixiere einnahm. Auch Carlo sandte sie durch den Sohn einer alten Dienerin Botschaft von dem Vorgefallenen und ihren Befürchtungen. Aber des Herzogs Spione fingen den Boten ab, und er erfuhr so die Untreue seines Weibes aus ihrem eigenen Schreiben. Nun zögerte er nicht länger und gab ihr Gift, durch das sie ein schleichendes Fieber bekam.

Sie starb nach vierzehn Tagen. Dienstleute des Herzogs ermordeten Carlo in Neapel. Auch Giovanna traf seine Rache: er ließ ihre Wunden vergiften.

Als der Herzog von Salerno erfuhr, daß einer der vornehmsten Herren von Neapel, der ein schönes aber lasterhaftes Weib hatte, von der Unehre sprach, welche die Fürstin Romandina über das Haus Sanseverino gebracht hatte, da ließ der Herzog gegenüber der Kirche Santa Chiara einen prächtigen Palast bauen und über dem 416Portal sein Wappen anbringen. Den Wappenhelm krönten zwei Hörner, welche diese Schrift trugen: